Zur Einstimmung aus einer Zuschrift im Blog hier und hier :

„Auch erwähnen sollte man die Angst, die viele Arbeitsuchende haben. Angst, selbst an einem Sonntag mal für eine Stunde in den Nachbarort zu fahren, weil sie nicht ortsabwesend sein dürfen. Angst, in Jobcentern weiter gedemütigt, beleidigt, erpresst und genötigt zu werden. Angst vor weiterer Hetze der Politiker und Medien gegen sie. Angst, dass andere mitkriegen, dass sie keine Arbeit haben, weil sie stigmatisiert werden.

Ich selber bin betroffen und kenne viele Betroffene. Wir sind inzwischen teilweise arbeitsunfähig, weil psychisch krank durch die menschenverachtende Maschinerie der BA und der Argen. Wir leiden an Depressionen, Suizidgedanken (ich selber wurde übrigens bei einem "Motivationsseminar" von Jobstart zusammen mit 14 anderen Teilnehmern auch schon einmal indirekt zum Selbstmord aufgefordert, beschimpft und gedemütigt), Schlaf- und Esstörungen. Wir kriegen Herzrasen und Panikattacken, wenn nur ein Brief des Jobcenters im Postkasten liegt. Aber so langsam fängt man an, seine Angst zu überwinden. Denn wir haben ja eh nichts mehr zu verlieren.

Mein Sohn ist sprachenhochbegabt und auf dem Gymnasium, hat in Sprachen sehr gute und sonst etwas über dem Durchschnitt liegende Noten. Da er aber von Hartz IV leben muss (ich habe drei Ausbildungen, 2 Sprachdiplome, 14 Jahre Berufserfahrung und ein Studium, bin aber leider über 40, allein erziehend, Frau und habe keinen deutschen Nachnamen - darum kriege ich keinen festen Job hier) und außerdem zur Hälfte Lateinamerikaner ist, wollte das Jobcenter ihn zwingen, die Schule zu unterbrechen, um an Trainingsmaßnahmen (die meist auf Kindergartenniveau laufen) etc. teilzunehmen.

"Ein Hartz-IV-Kind mit Migrationshintergrund hat eben kein Abitur zu machen", so wohl die Idee der BA und der Jobcenter. Glücklicherweise hatte uns ein kompetenter und engagierter Anwalt geholfen und das ZDF (WISO) hatte sich des Themas angenommen. Mein Sohn darf weiter zur Schule gehen. Wenn man so mit begabten und lernwilligen Kindern und Jugendlichen umgeht, nur weil sie arm sind, muss man sich nicht wundern, dass in Deutschland junge Fachkräfte fehlen. Auch ich habe meinem Sohn dringend geraten, nach der Schule oder dem Studium ins Ausland zu gehen. 4 Fremdsprachen kann er ja schon fließend, 2 weitere lernt er gerade."


Der wichtigste erste Absatz des wichtigsten ersten Artikels des deutschen Grundgesetzes, das das wichtigste deutsche Gesetz ist, bestimmt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt". Doch Menschen, die in ständiger Angst gehalten werden, verlieren ihre Würde.

Dauernde Angst macht gefügig. Ängstliche Menschen neigen dazu, konservative Regierungen oder im Extremfall, der deutsche Geschichte geworden ist, sogar Extremisten zu wählen, von denen sie sich mehr Halt versprechen. Die derzeitige Krise zeigt das erneut. Sie arbeitet den Konservativen quer durch Europa in die Hände, obwohl die gerade die Hauptverantwortung für die Krise tragen. Angst wird über die Medien sehr bewußt als Mittel der politischen Beeinflussung des Wählerwillens eingesetzt. Angst vernichtet auch solidarische Formen des demokratischen Widerstands, indem sich ängstliche Menschen verkriechen oder sich selbst am nächsten sind. Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren (Abb. 13084). So betreibt die BILD-Zeitung immer wieder mit verschiedenen Themen eine gigantische Angstkampagne gegen ihr Millionenleserpublikum und das unter Duldung oder gar Unterstützung von Bundesregierungen. Viele Unternehmen bespitzeln ihre Mitarbeiter und schüren damit Ängste und Anpassungsdrücke sogar unmittelbar am Arbeitsplatz, wo sich normale Menschen im arbeitsfähigen Alter die längste Zeit aufhalten.


Zu den größten Angstmaschinen gehört die Globalisierung, die als höhere Gewalt verkauft wird, der man sich fügen muß. Beispielsweise hat der Altmeister der SPD Erhard Eppler fälschlich davon gesprochen, daß sich die Gestaltungsmöglichkeiten für Politik durch die Globalisierung der Märkte dramatisch verringert hätten und Politiker gar nicht mehr das leisten könnten, was die Bürger von ihnen erwarten. Oder Gerhard Schröder: „Man darf ja nicht darüber hinwegsehen, daß die Globalisierung uns zu bestimmten Maßnahmen zwingt ". Oder Bundespräsident Köhler: „Die Welt ist in einem tief greifenden Umbruch. Wer hier den Zug verpaßt, bleibt auf dem Bahnsteig stehen". Auch der Brüsseler Industriekommissar Günter Verheugen argumentiert ähnlich: „Wir müssen unsere Volkswirtschaften bewußt dem Wettbewerb aussetzen. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen in billiger produzierende Länder ist nicht mehr aufzuhalten." Dabei haben gerade die deutschen Bundesregierungen immer in ihrer Exportversessenheit und im Interesse von globalisierungsbevorteilten Minderheiten an der Vorfront der neoliberalen Globalisierung gestanden.

Das Infoportal hat schon vor Jahren eine besondere Schwerpunktseite über die Angst in Deutschland eingerichtet. Natürlich gibt es sehr viele verschiedene Sorgenfelder, und die sind altersmäßig auch unterschiedlich. Ältere Menschen werden sich weniger um einen Arbeitsplatz sorgen, weil die meisten schon im Ruhestand sind, dafür aber Angst vor Armut im Alter haben oder einer miesen Behandlung in einem schlechten Pflegeheim bei längerer chronischer Krankheit. Für alle anderen steht wieder einmal die Angst um den Arbeitsplatz im Vordergrund. Noch fühlt sich eine größere Mehrheit nicht betroffen oder behauptet das jedenfalls in den Umfragen. Doch diese Angst wird immer virulenter werden, je höher nach Auslaufen von Zeitverträgen und Kurzarbeiterüberbrückungen die Arbeitslosenzahlen ins nächste Jahr hinein Richtung fünf Millionen in amtlicher Zählung und noch viel mehr in ehrlicher steigen. Und nachdem Deutschland nicht mehr wie bisher über unverantwortliche Kreditmechanismen exteme Warenmengen und damit auch Arbeitslosigkeit exportieren kann, wird es eine sehr lange Phase verstärkter Arbeitslosigkeit werden.

Schon vor fünf Jahren haben Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts herausgefunden, daß 14 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 65 Jahren - hochgerechnet etwa 7 Millionen der gesamten deutschen Bevölkerung - im Zeitraum von einem Jahr unter einer klinisch relevanten Angststörung leiden. Das ist jeder siebente Deutsche. Der Gesundheitsreport 2008 der Betriebskrankenkassen stand unter der Überschrift: „Seelische Krankheiten prägen das Krankheitsgeschehen". Bei Pflichtversicherten einschließlich Arbeitslosen wurden 2007 134 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder durch Psychische Störungen verursacht, ein Anstieg seit 1998 um fast 40 % (Abb. 04148).


Unterhalb der klinischen Relevanz liegen alle die normalen Angstformen, wie die vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Arbeit wird selbst in guten Wirtschaftszeiten als Mangelware knapp gehalten, was eine Rervearmee an lohndrückenden Arbeitslosen im Dauerzustand schafft. Statt Wochen- und Lebensarbeitszeit zu verkürzen, geschieht genau das Gegenteil. Dabei ist trotz eines wuchernden Niedriglohnsektors die Zahl der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden immer weiter gefallen (Abb. 14714).


Das größte Angstverbrechen wird an den jüngeren Generationen verübt, bei denen ein großer Teil direkt von der Schule zum Arbeitsamt wandert und gar nicht erst auf die Rille einer stetigen Berufskarriere kommt. Junge Menschen sind nach einer neuen Bilanz des Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes derzeit die Hauptleidtragenden der Wirtschafts- und Finanzkrise auf dem Arbeitsmarkt. Ihre Arbeitslosigkeit stieg bis Juni im Jahresvergleich mit 19,0 % fast dreimal so stark wie die der anderen Altersgruppen mit 6,7 % (Abb. 14718). In der Krise trennen sich die Unternehmen zuerst von denjenigen Mitarbeitern, deren Beschäftigungsschutz relativ gering ist, und das sind oft junge Menschen, die einen Leiharbeiter-Job oder einen befristeten Vertrag haben oder hatten. Auch müssen Unternehmen bei betriebsbedingter Kündigung eine Sozialauswahl treffen. Und dann sind oft zuerst Jüngere dran, weil sie noch nicht so lange im Betrieb sind und oft noch keine Familie haben. Zudem werden in jüngster Zeit viele Azubis nicht mehr übernommen. Auch trennen sich Arbeitergeber leichter von noch nicht so erfahrenen Arbeitskräften. So verkommen junge Menschen immer mehr zu einer Dispositionmasse am Arbeitsplatz: schneller eingestellt in guten Zeiten, aber auch viel schneller gefeuert in schlechten. Sie lernen auf diese traurige Weise die Angst sehr früh im Leben und kommen gar nicht erst dazu, „aufmüpfig" zu werden.


Eine andere Angstquelle gerade jüngerer Menschen kommt aus der nachlassenden Aufstiegsmobilität. Früher konnten Armut oder andere Nachteile ohne Angst ertragen werden, weil es Hoffnung gab, sich aus diesen Fesseln durch sozialen Aufstieg zu befreien. Das amerikanische Mobility Projekt hat festzustellen versucht, in wieweit der amerikanische Traum der Aufwärtsmobilität von Eltern zu Kindern noch den Fakten entspricht und kommt dabei zu einem für die USA bedrückenden Ergebnis: Männer in den 30ern verdienen heute weniger als Männer der gleichen Altersgruppe in der Generation der Väter. Zweites Ergebnis: Bis auf Kanada sind die vier skandinavischen Länder weit besser dran als die anderen untersuchten, auch Deutschland (Abb. 12451). So haben in Dänemark die Söhne fast die gleichen Einkommenschancen egal, aus welcher sozialen Schicht sie kommen.


Der Angstmechanismus sorgt am Ende dafür, daß nicht nur Minderheiten um ein angemessenes Maß an Menschenwürde gebracht werden. Inzwischen zahlen Mehrheiten qua Angst mit ihrer Menschenwürde. Absatz 1 des Artikels 1 GG wird zum Papiertieger. Solange dieser Angstmechanismus nicht aufgelöst wird, gibt es wenig Hoffnung für alternative politische Konzepte. Man kann aber Angst bekämpfen, wenn man die Angstauslöser als Ergebnis falscher Politik und nicht als Schicksal oder höhere Gewalt, der man hoffnungslos ausgeliefert ist, aufdeckt. Dazu gehört eine Menge Aufklärung über die Politiken, die die Menschen unnötig in Angst halten.


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