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Von http://www.jjahnke.net/wp.html, Version 01.09.06

Nun analysiere ich seit mehr als einem Jahr fast täglich in bisher über 400 Rundbriefen und zwei Büchern die deutsche Wirtschafts- und Soziallage im internationalen Vergleich und filtere dabei die amtlichen Statistiken vieler Länder und Institutionen. Es wird Zeit, in einem neuen Schwerpunkt einen breiteren Blick zu werfen und eine Zwischenbilanz zu ziehen (vielleicht wird es auch der erste Baustein für ein weiteres Buch).

Wird die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik mit "Tunnelblick" betrieben, ohne "Seitensicht" auf die anderen vergleichbaren Industrieländer, vielleicht auch ohne "Rücksicht" und "Vorsicht"? Ein einziger Blick über die Grenzen jenseits der deutschen Kirchturmaura kann zeigen, daß das deutsche Schiff einsam im falschen Wind segelt. Ein einziger Blick zurück müßte dieselbe Erkenntnis fördern, denn der Sonderweg wird nun schon im siebten Jahr verfolgt. Und nach vorne müßten die Klippen zu sehen sein, die näher kommen, aus der Weltwirtschaft, aber auch der immer schiefer liegenden deutschen Sozialstruktur. Weiß man auf der Brücke, was man tut? Dieser kleine Bericht enthält daher auch die sieben nach meiner Meinung wichtigsten Blicke über die deutschen Grenzen.

1. Warnzeichen Arbeitslosigkeit

Warnzeichen kann man schon zu Hause finden, und es gibt viele. Das größte nun seit vielen Jahren blinkende heißt Massenarbeitslosigkeit. Sie ging in diesem Jahr etwas zurück (Abb. 04595), aber nicht über reguläre Arbeitsplätze, sondern andere Formen an meist sehr schlecht bezahlter, unsicherer und zeitweiser Beschäftigung. Dagegen ist im August die saisonal bereinigte und damit entscheidende Zahl der Arbeitslosen erstmals seit März wieder - wenn auch leicht - gestiegen (Abb.04596).




Auch unterliegt die Arbeitslosenstatistik vielen verzerrenden Eingriffen. So werden die so genannten Arbeitsgelegenheiten oder 1-Eurojobs seit Beginn des letzten Jahres unter die Beschäftigten gerechnet. Zieht man ihre stark gewachsene Zahl (Abb. 04568) wieder davon ab, so wäre die Arbeitslosigkeit über 60.000 weniger als der amtlich vermeldete Wert gefallen. Auch kranke Arbeitslose werden neuerdings nicht mehr als arbeitslos erfaßt, ein weiterer nicht offen ausgewiesener Knick in der Statistik. Schließlich enthält die 5-Millionen-Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten viel verdeckte Arbeitslosigkeit (Abb. 04347).




Besonders prekär wirkt sich Langzeitarbeitslosigkeit aus, die nicht selten mit psychischen Erkrankungen einhergeht. Sie ist in Deutschland gewaltig angesprungen (Abb. 04033) und hat - hier der erste Blick über die Grenzen - einen absoluten internationalen Spitzenwert erreicht (Abb. 04022). Die Bundesagentur veröffentlicht nun diesen Wert seit Beginn des Jahres gar nicht mehr, angeblich weil er zu unzuverlässig ist, obwohl andere Länder das weiter tun können. Man muß ihn daher mühsam und wahrscheinlich nicht sehr exakt aus der Relation extrapolieren, die das IT-Vermittlungssystem der Agentur als Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen dort registrierten Arbeitslosen weiterhin meldet.




Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen und damit richtigen Arbeitsplätze stagniert dagegen saisonbereinigt auf dem abgesenkten Niveau (Abb. 04597). Das Institut für Arbeitmarkt und Berufsforschung sagt im Durchschnitt dieses und auch des nächsten Jahres sogar einen weiteren Rückgang vorraus. Damit wird der Anteil sozialversicherungspflichtig Beschäftigter an der Gesamtbevölkerung im Alter ab 15 Jahren immer kleiner: Er ist bereits von 44 % Anfang der 90er Jahre auf nur noch 37 % heute gefallen (Abb. 04598). Anders ausgedrückt: Wo früher einem versicherungspflichtig Beschäftigten 1,3 andere Personen gegenüberstanden, sind es bis heute 1,7 geworden. Dabei steht der Abmarsch der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben erst noch bevor.



2. Warnzeichen: Binnenverbrauch

Ein anderes sehr aussagefähiges Warnsignal kommt vom Einzelhandelsumsatz, der anzeigt, wie kaufbereit die deutschen Verbraucher sind und wieviel Luft zum Atmen die deutsche Binnenkonjunktur bekommt. Nach den letzten Zahlen vom Juli 2006 sank der Einzelhandelsumsatz real sowie saison- und kalenderbereinigt um 1,5 % gegenüber dem Vormonat und fiel damit nach einer kurzen Aufstiegsphase im 2. Quartal wieder auf das Niveau des Vorjahres Juli zurück (Abb. 04214). Für den gesamten Zeitraum Januar bis Juli 2006 kam es zu einer minimalen Steigerungsrate von nur 0,8 % gegenüber Vorjahr. Dabei sackten die Lebensmittel um 0,7 % ab während die Nicht-Lebensmittel um 1,7 % anstiegen. Was könnte eindeutiger auf die Angst der Verbraucher vor der MWSt-Erhöhung zum Jahresende hinweisen?


Auch hier tut ein zweiter Blick über die Grenzen gut: Die deutsche Zuwachsrate des 1. Halbjahres gegenüber Vorjahr war eine der niedrigsten unter den vergleichbaren EU-Ländern (Abb. 12191). Man muß sich dazu die Situation im nächsten Jahr vorstellen, wenn der deutsche "Otto Normal-Verbraucher" längerlebige Güter - soweit unvermeidbar - bereits aufgetankt hat und dann wieder ängstlich auf seinem sich real vermindernden Einkommen sitzen bleibt.


Bei dieser Situation kann es eigentlich nicht mehr überraschen, daß die deutschen Binnennachfrage seit Jahren stagniert (Abb. 04055) und sich drastisch ungünstiger entwickelt als die unter den übrigen Alt-Mitgliedern der Europäischen Union. Hier ist der dritte Blick über die Grenzen angezeigt (Abb. 12213). Während der Rest der Alt-EU seit 2000 die Binnennachfrage nominal um fast ein Viertel gesteigert hat, sind es bei Deutschland nur magere 3 %.




3. Warnzeichen Exportabhängigkeit

Bei gedrosselter Binnenkonjunktur hat sich Deutschland immer mehr vom Export abhängig gemacht. Ja, die Binnenkonjunktur ist mit Lohndrückerei und real rückläufigen Masseneinkommen geradezu gedrosselt worden, um angeblich im Export wettbewerbsfähiger zu werden. Der vierte Blick über die Grenzen dokumentiert, wie einsam die deutsche Situation hier geworden ist (Abb. 12217).


Das ist unter normalen Umständen schlimm genug. Denn je mehr Deutschland vom Export lebt, umso mehr hängt das Land von nicht beeiflußbaren wirtschaftlichen Entwicklungen und wirtschaftspolitischen Entscheidungen jenseits der Grenzen ab. Bei den seit einiger Zeit zu beobachtenden steigenden Rohstoffpreisen stellt sich die Frage, ob diese Belastung voll in den Verkaufspreisen deutscher Exportgüter weitergegeben werden kann oder Deutschland eine Verschlechterung seiner so genannten "terms of trade" erfährt. Die Bundesbank vermutet, daß dieser Zustand schon im vergangenen Jahr eingetreten ist. Außerdem profitiert der deutsche Export nicht so sehr von Innovationen und produktbezogener Wettbewerbssteigerung, sondern floriert im Windschatten des Einheits-Eurokurses gegenüber den Europartnern (Abb. 04175). Die ständige Fitniskur, die Wechselkursveränderungen zu DM-Zeiten brachten, ist gegenüber fast allen wichtigeren Handelspartnern weggefallen.


Aber wie lange werden wir noch normale Zeiten in der Weltwirtschaft haben, die dem deutschen Export helfen? Allgemein wird bereits für nächstes Jahr eine erhebliche Eintrübung der Weltwirtschaft erwartet, für die man sich durch eine florierende Binnenkonjunktur warm anziehen müßte, während Deutschland im dünnen Pyjama rumläuft. Der größte Unsicherheitsfaktor ist das enorme Ungleichgewicht der US-Handelsbilanz (Abb. 0302), des amerikanischen Staatshaushalts und die Verschuldung von Staat und Privathaushalten in USA (Abb. 0301). Im Durchschnitt gaben die amerikanischen Haushalte im Jahre 2005 etwa 2 % mehr aus, als sie als Einkommen verfügbar hatten.




Das amerikanische Wirtschaftswachstum hat sich im 2. Quartal 2006 gegenüber dem Vorquartal bereits halbiert. Vieles hängt nun davon ab, ob es zu einem plötzlichen oder einem noch gemanagten Abfall des Dollarkurses kommt und wie stark sich dann der Protektionismus ausbreitet. Die OECD hat ihre Frühindikatoren heruntergeschaltet (Abb.12192).


Auch viele deutsche Indikatoren, die auf die weltwirtschaftliche Entwicklung Rücksicht nehmen, bröckeln nach unten (Abb. 04588, 04586, 04589).





4. Warnzeichen Bruttoanlageninvestitionen

Das für die wirtschaftliche und soziale Zukunft Deutschlands gefährlichste Warnsignal kommt von der Entwicklung der Bruttoanlageninvestitionen. Die nämlich sind seit dem Jahr 2000 stark abgesackt und erholen sich erst in diesem Jahr etwas (Abb. 04029). Die Bundesbank spricht von Unterinvestition und Investitionslücke, bei der ein erheblicher Teil der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis dem Ausland zur Verfügung gestellt wird; im Jahr 2005 waren es mehr als 60 % (Abb. 04583).




Warum ist das ein so starkes Warnzeichen? Nicht nur der Arbeitsmarkt ist, wie jeder weiß, von Investitionen abhängig, sondern vor allem der technologische Fortschritt. Nur über wachsende Produktivität kann Deutschland langfristig wettbewerbsfähig bleiben und vor allem bei ungünstiger demographischer Entwicklung entfallende deutsche Arbeitskraft ersetzen, wenn man nicht von einer problematischen großen Imigrationswelle abhängen will. Der Rückgang bei den Bruttoanlageninvestitionen hat jedoch eine Abschwächung der Produktivitätsentwicklung zur Folge gehabt (Abb. 04592 und 04591).




Hier ist der fünfte Blick über die Grenzen notwendig. Deutschland unterscheidet sich bei den Bruttoanlageninvestitionen recht ungünstig von seinen Partnern in der Alt-EU (Abb. 12205 und 12214).



5. Warnzeichen Binnenkonjunktur

Eigentlich kann nun nach diesen Einzelbetrachtungen niemand mehr erwarten, daß die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, die vom Bruttoinlandsprodukt angezeigt wird, bei einem sechsten Blick über die Grenzen anders als sehr negativ auffällt (Abb. 12212). Hätte Deutschland die Entwicklung des Durchschnitts der übrigen 14 EU-Länder genommen, statt seinen einsamen Sonderweg zu segeln, so hätte es real 9,2 % seines BIP mehr dazugewonnen, mit entsprechend positiven Folgen für den Arbeitsmarkt und die soziale Landschaft.

Bei einer solchen Entwicklung ist Deutschland im Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt in Euro vor Italien und Spanien eines der Schlußlichter unter vergleichbaren Ländern geworden und hat in den vergangenen fünf Jahren Frankreich und Belgien vorbeiziehen lassen müssen, wobei es bei der Anordnung nach Kaufkrafteinheiten nicht wesentlich besser aussieht (Abb. 12218).

6. Warnzeichen soziale Schere

Wenn hier von Klippen die Rede war, auf die die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik zusegelt, so gibt es dafür ein besonders unübersehbares Warnzeichen, nämlich die soziale Schere zwischen Arm und Reich.

Der siebte Blick über die deutschen Grenzen verdeutlicht, wie viel weniger sich in Deutschland die Arbeitnehmereinkommen und wie viel stärker sich die Unternehmensgewinne entwickeln. Nirgendwo sonst unter den Ländern der Alt-EU sind über die letzten sechs Jahre die Arbeitnehmereinkommen (einschließlich Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) in ihrem Anteil am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt so sehr zurückgegangen und die Unternehmensgewinne so stark gewachsen; (Abb. 12216 und 12203).




Während der Anstieg seit 2000 in der übrigen Alt-EU bei nominal rund 30 % lag, erreichte er in Deutschland kaum ein Sechstel davon (Abb. 12215).


Dabei unterscheidet sich die deutsche Entwicklung diametral von der z.B. in Frankreich, wo sich die Schere zwischen Unternehmensgewinnen und Arbeitseinkommen nicht öffnet (Abb. 12199).


Leider sind die in der EU erhobenen Daten zum Armutsrisiko, das bei weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens definiert wird, ziemlich bruchstückhaft und zuletzt nur für 2004 vorhanden. Sie zeigen dennoch, daß Deutschland schon damals nicht besonders gut plaziert war (Abb. 12207).


Man braucht allerdings dazu nicht einmal den Seitenblick auf die Nachbarn. Die deutsche Statistik der Arbeitnehmereinkommen einerseits und der Unternehmens- und Vermögenseinkommen andererseits beschreibt nun schon im siebten Jahr einen eindeutigen Trend. Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen ist von 72 % auf weniger als 67 % gesunken (Abb. 04027). Die deutschen Löhne und Gehälter bewegen sich praktisch seit 2000 preisbereinigt mit minus 6 % nicht nur im Kriech- sondern im Rückwärtsgang, ganz im Unterschied zu den Unternehmens- und Vermögenseinkommen mit plus 31 % (Abb. 04054).




Mit minus 1 % im 2. Quartal 2006 sind die deutschen Nettolöhne und -gehälter erstmals wieder seit 1997 vier Quartale nacheinander gegenüber der Vorjahresperiode schon nominal zurückgegangen (Abb. 04584).


Das DIW hat die inflationsbereinigte Einkommensentwicklung zwischen 1994 und 2004 nach Einkommensgruppen berechnet. Die Spitzenverdiener verzeichneten Lohnerhöhungen von durchschnittlich 1,5 Prozent im Jahr. Wer 1994 brutto mit 5300 Euro entlohnt wurde, bezieht heute real, also nach Abzug der Teuerungsrate, 6200 Euro. Die mittlere Einkommensgruppe konnte ihren Reallohn ebenfalls steigern, im Schnitt um 1,1 Prozent pro Jahr. Niedrigverdiener hingegen haben an der Einkommensentwicklung kaum profitiert. Ihr Realeinkommen stieg jährlich nur um 0,2 Prozent von 1030 auf 1050 Euro (Abb. 03457).


Dementsprechend verschlechtern sich auch alle Indikatoren, die die soziale Verteilung beschreiben. Die Einkommensverteilung wird international nach einer vom italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelten Methode bestimmt. Dabei bedeutet die Zahl 0 eine perfekte Gleichheit, während die Zahl 1 vollständige Ungleichheit ausweist. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stieg der Koeffizient von 0,26 in 1997 auf 0,29 in 2005 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455). Damit waren die Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute.


Die Armutsberichte der Bundesregierung haben die Situation transparent gemacht, ohne sie freilich zu beeinflussen. Aus dem letzten Armutbericht der Bundesregierung von 2004: "Allerdings sind die Privatvermögen in Deutschland sehr ungleichmäßig verteilt. Während die unteren 50 % der Haushalte nur über etwas weniger als 4% des gesamten Nettovermögens (ohne Betriebsvermögen) verfügen (Abb. 04045), entfallen auf die vermögendsten 10 % der Haushalte knapp 47 %" (Abb. 04041). Der Anteil des obersten Zehntels ist bis 2003 gegenüber 1998 um gut 2 Prozentpunkte gestiegen. Und seitdem hat sich die Entwicklung eher verstärkt fortgesetzt.




Wer ein besonders aktuelles Warnsignal sucht, kann sich an die Statstitik der deutschen Verbraucherinsolvenzen halten. Sie steigen steil an, im ersten Halbjahr 2006 gegenüber Vorjahresperiode um weitere 44 % (Abb. 04028).


Für mehr zur Armut in Deutschland siehe hier.

7. Warnzeichen Frust

Nach allen Meinungsumfragen wächst in Deutschland der Frust und die Enttäuschung über die Leistungen der so genannten Elite in Politik und Wirtschaft rasant. Bei einer Gallup-Umfrage im Auftrag des "World Economic Forum" unter mehr als 50.000 Bürger in 60 Ländern hatten die Deutschen unter allen befragten Westeuropäern die kritischste Meinung über ihre Politiker. Zusammen mit Bürgern aus Albanien und Costa Rica hatten sie auch mit Abstand die negativste Meinung in der Welt über das ethische Verhalten der eigenen Wirtschaftsführer. Auch nach einer GfK-Studie zum Vertrauen der Bürger zu Berufsgruppen und Institutionen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft haben 85 Prozent der Westeuropäer kein Vertrauen in ihre politischen Führungskräfte. Bei weitem am wenigsten Vertrauen zeigten jedoch die deutschen Befragten und zwar sowohl in ihre politischen wie wirtschaftlichen Führungen (Abb. 04075).


Der Frust drückt sich politisch in der nachlassenden Wahlbeteiligung aus. Die ist von 91.1 % im Jahre 1972 auf einen Tiefstpunkt von nur noch 77,7 % in 2005 gefallen (Abb. 13084). Nach einer weiteren Gallup-Umfrage hat auch die Loyalität und Bindung deutscher Arbeitnehmer gegenüber ihren Arbeitgebern erheblich nachgelassen (Abb. 04594). Eine wachsende Gruppe von bereits fast einem Fünftel verspürt keine emotionale Bindung, hat innerlich gekündigt und sabotiert teilweise die Interessen des Arbeitgebers. Eine zweite Gruppe von mehr als zwei Dritteln verhält sich mehr passiv und leistet Dienst nach Vorschrift.




Die Vorstandseinkommen und der Umgang mit Vorstandsabfindungen sind in Deutschland zu einem besonderen Thema geworden, seit im Mannesmann-Prozeß die Millionen-Abfindungen bekannt wurden und seit einzelne Vorstandssprecherbezüge durch die Medien geistern, besonders die 12 Millionen für 2005 des Vorstandssprechers der Deutschen Bank. Sieben der dreißig im DAX-30 gelisteten deutschen Kapitalgesellschaften halten die Bezüge ihrer Vorstandssprecher immer noch geheim. Allein, was jeder einzelne Vorstand im Durchschnitt 2005 an weiterem Zuwachs verzeichnet hat, entsprach dem Jahresverdienst von mehr als vier durchschnittlichen Arbeitnehmern in Deutschland.

Was passiert vor den Klippen?

Die Klippen sind in Sicht. Aber, anders als sonstwo in der Welt, hält in Deutschland die Verunsicherungskampagne mit neuen unsozialen Streichforderungen und Tartarenmeldungen zu Renten und Krankenversicherung an, sind die Arbeitnehmereinkommen real weiter im Rückwärtsgang, bricht der Einzelhandelsumsatz erneut ab und steht eine happige Mehrwertsteuererhöhung zusammen mit anderen Steuererhöhungen vor der Tür. Wenn die wirtschafts- und sozialpolitischen Klippen näher kommen und der Wind auffrischt, wird sich erweisen müssen, wie wetterfest und lernfähig das politische System in Deutschland ist. Wird dann endlich der Kurs gewechselt? Oder sieht man weiter den Rest der Welt auf falschem Kurs und erhöht noch die Geschwindigkeit?