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Globalisierung
Woche: Soziales




Die Entwertung unserer Arbeit und wie sie aufzuhalten ist

Joachim Jahnke

Wenn immer weniger Menschen mit dem realen Geldergebnis ihrer Arbeit am Aufschwung teilnehmen (Abb. 14450) und sich als Verlierer fühlen müssen, so beginnen sie nach den Gründen zu suchen. Sie lassen sich nicht mehr damit trösten, daß es sich nur um augenblickliche Probleme der deutschen oder der Weltwirtschaft handele, die schon auf gutem Wege einer Lösung seien.


Es ist ein politikgesteuerter Wahnsinn, wenn einerseits die lebenserleichternde Technik immer weiter fortschreitet und damit das Leben immer leichter werden müsste, aber nichts davon bei der großen Mehrheit der Arbeitnehmer ankommt.

In meinem Verständnis führen mindestens drei parallel ablaufende Prozesse mit ihren Interaktionen zu diesem bedrückenden Ergebnis. Erstens schafft der explodierende Finanzkapitalismus einen aufgeblähten Geldkreislauf, bei dem Löhne aus Arbeit immer mehr untergeordnet werden. Zweitens entwerter sich der Produktionsfaktors Arbeit in den alten Industrieländern durch immer mehr Billigstangebot von Arbeit aus der fortschreitenden Integration von Milliarden zusätzlichen Arbeitskräften in Schwellenländern, wie China. Drittens schließlich sind die Resourcen der Welt an Umwelt und Rohstoffen begrenzt, so daß sich mit deren fortschreitender Verknappung eine zunehmende Inflation einstellt, die den realen Arbeitsertrag schmälert.

1. Die Rolle des Finanzkapitalismus

An der Aufblähung der Geldschöpfung in gigantische Dimensionen sind einerseits immer neue Finanzinstrumente schuld, vor allem viele Formen von spekulativen Finanzpapieren oder Derivaten. Diese Finanzwetten werden auf den internationalen Finanzmärkten gehandelt. Der Umsatz von Derivativen an den Terminbörsen hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt und erreicht mehr als das Tausendfache aller jährlichen Bruttolöhne und -gehälter in Deutschland. Dabei sprang der Betrag im ersten Halbjahr 2007 auf 516 Billionen Dollar. Zum Vergleich: die gesamte Wirtschaftsleistung der USA pro Jahr beträgt etwa 19 Billionen US Dollar (Abb. 13115). Außerdem bekamen durch eine neue Technik der Sekurisierung Geldforderungen im Finanzmarktkasino Papierform, z.B. solche aus minderwertigen amerikanischen Hypotheken, und wurden damit über die Grenzen handelbar.


Andererseits erfolgt die Finanzierung der Finanzgeschäfte mit immer weniger Eigenkapital und statt dessen immer mehr Kredit. Das ist eine künstliche Geldschöpfung durch das Bankensystem, die die Notenbanken nicht ausreichend gebremst und kontrolliert haben. Wie sich in der derzeitigen Krise gezeigt hat, sind die Eigenkapitalvorschriften der Banken unzureichend. Hedgefonds als Hauptkreditnehmer der Banken für solche Finanzgeschäfte werden überhaupt nicht kontrolliert.

Schließlich haben die USA eine gigantische Außenverschuldung hochgefahren, die mit amerikanischen Staatsanleihen und der Notenpresse finanziert wurde. Auch das ist eine Form von Geldschöpfung.

Im Englischen gibt es den schönen Begriff „funny money", um das Kunstgeld zu beschreiben, das so in den letzten Jahren massiv als Liquidität in die internationalen Finanzmärkte gepumpt wurde. Es ist heute etwa 11-mal größer als die gesamte Wirtschaftleistung der Welt. Man muß sich das als umgekippte Pyramide vorstellen. Dann sieht es etwa so aus (Abb. 03692).


Das „echte" Geld, oder englisch „cash" beträgt nur etwa 1 % der Gesamtliquidität. M3-Geld, das noch einigermaßen „echt" ist, kommt auf weitere 9 % und wird von den Notenbanken als Indikator für deren Geldpolitik benutzt. Es besteht in der Definition der Bundesbank aus Bargeldumlauf, Sichteinlagen, Termineinlagen bis zu 4 Jahren Fälligkeit und Spareinlagen mit gesetzlicher dreimonatiger Kündigungsfrist. Der Rest von 90 % sind geldschöpfende Anleihen und vor allem Wett-Geld in Form der schon erwähnten unendlich vielen Derivative, mit denen an den Terminbörsen auf alles Mögliche gewettet wird.

Bleibt noch anzumerken, daß auch immer mehr Eigenkapital auf die Finanzmärkte fließt, weil bei gebremsten Arbeitseinkommen (siehe nächster Punkt) und einer daher immer ungleicheren Einkommensverteilung die Besserverdiener immer weniger ihres Einkommens normal verbrauchen und statt dessen spekulativ anlegen können. Ebenso erzielen die Unternehmen wegen der gebremsten Arbeitseinkommen höhere Gewinne, die sie nur zu einem Teil investiv anlegen und ansonsten auch auf die Finanzmärkte tragen.

Wenn dem Faktor Arbeit soviel Spielgeld im internationalen Wirtschaftsverkehr gegeübersteht, verliert er unhaltbar an Wert.

2. Die Rolle billigster Arbeitskraft aus aggressiven Schwellenländern

Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde der Weg für die Eingliederung der Arbeitskräfte aus Osteuropa und dann auch China und Indien in die Weltwirtschaft frei. Insgesamt geht es nun um die schrittweise Integrierung in die neoliberal globalisierte Weltwirtschaft von fast 2,5 Milliarden Menschen. Dabei hat sich schon jetzt nach Schätzungen von Harvard Professor Richard Freeman nur durch das Hinzukommen von China, Indien und des früheren Ostblocks die Zahl der Arbeitskräfte weltweit von 1,46 Milliarden auf 2,93 Milliarden verdoppelt.

Die Integration erfolgt exportgestützt, wobei Multis aus den alten Industrieländern auf der Suche nach neuen Märkten und vor allem lukrativem Geschäft mit billiger Ware Kapital, Technologie und Logistik der Vermarktung einbringen. In der Folge schreitet dieser Prozeß mit seinem Druck auf die Arbeitseinkommen in den alten Industrieländern viel schneller fort, als wenn sich diese neuen Konkurrenzländer aus eigener Kraft hätten entwickeln müssen.

Unter diesem Druck fallen die Einkommen der Arbeitnehmer aus den alten Industrieländern oder entwickeln sich nur noch gering. Besonders ausgeprägt ist dies in Deutschland zu beobachten, weil hier die Industrie verhältnismäßig stark internationalisiert ist und die Verlagerungsdrohung zum gängigen Instrumentarium der Arbeitgeber gehört.


3. Fortschreitende Inflation entwertet Arbeit

Die Reserven der Welt an Umwelt (vor allem Luft, Wasser und Klima) und Rohstoffen sind nicht unendlich. Weit vor ihrer Erschöpfung kommt es zu Preissprüngen. Dazu trägt vor allem die dramatisch steigende Nachfrage aus den Schwellenländern nach Öl und Nahrungsmitteln bei, aber auch deren stark ansteigenden Schadstoffemissionen in die Umwelt.

Da die Inflation nun auch in diesen Ländern arbeitet, verteuern sich die einst viel zu billigen Exportprodukte und schüren bei uns die Inflation zusätzlich.

Entsprechend sinken die Reallöhne.

4. Was tun?

Auf allen drei Feldern sind Gegenmaßnahmen möglich, auch wenn sie oft nur noch in internationaler Abstimmung ergriffen werden können.

Der Finanzmarktkapitalismus läßt sich durchaus wieder einfangen, z.B. mit internationaler Regulierung von Banken und Hedgefonds, strikten Eigenkapitalvorschriften und Steuern auf Spekulationsgeschäften. Außerdem muss der Dollar weiter fallen können, damit die USA bei ausgeglichener Leistungsbilanz nicht länger auf Kosten des Auslandes leben können. Die Notenbanken dürfen nicht länger zuschauen, wenn sich spekulative Blasen auf den Finanzmärkten bilden.

Der Billiglohndruck aus den Schwellenländern kann nur durch Regeln gegen Sozialdumping in der Welthandelsordnung erträglich gestaltet werden. Das gilt vor allem für Ländern ohne unabhängige Gewerkschaften, oft auch mit Streikverbot, wie z.B. China. Flankierend werden ein flächendeckender Mindestlohn und ein Lohndiskriminierungsverbot für Leiharbeit unvermeidbar sein.

Gegen die fortschreitende Inflation wird kein Kraut gewachsen sein. Sie muß jedoch durch eine entsprechende Sozial- und Steuerpolitik zu Hause abgefedert werden, damit nicht die ärmeren Bevölkerungschichten zu den eigentlichen Opfern werden. Soweit die Inflation durch Spekulation zusätzlich angetrieben wird, würden Spekulationssteuern helfen können.



Globalisierung
Woche: Soziales




Scholz, ZEIT und STERN reden die Armut klein: Das haben die Armen nicht verdient

Joachim Jahnke

Nach Brecht sieht man „die im Schatten" nicht. Deutschland hat verdammt lange Schatten, um seine Armut zu verbergen. Und wenn die Schatten etwas gelüftet werden, wie jetzt mit dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, eilen sofort die Konservativen herbei, um alles als ein Mißverständnis zu erklären.

Armut ist von Natur aus ein relativer Begriff. Man kann in einem reichen Land bitterarm sein, auch wenn man nicht verhungert. Man kann in einem armen Land schon reich sein, weil man nicht an Hunger stirbt. Dabei ist Armut in reichen Ländern, wie Deutschland, ein sozialer Makel, an dem ganze Familien mit ihren Kindern schwer tragen. Armut pflanzt sich fort, weil sich Arme weniger Bildung für ihre Kinder leisten können. Armut bedeutet auch null politischen Einfluß, weil Geld Macht kauft und, wer keines hat, einflußlos bleibt.

Deswegen sind die Versuche des Bundesarbeitsministers, der ZEIT und des STERN, samt seiner konservativen Sachverständigen, die Armut klein zu reden, so ärgerlich. Dabei wird die relative Basis von Armutsvergleichen verworfen und auf die angeblich gute Lage deutscher Armen verwiesen und/oder auf die in Deutschland vergleichsweise größer dimensionierten Sozialtransfers abgestellt. Das wird erleichtert, weil sich der Armutsbericht auf das schon veraltete Jahr 2005 bezieht und die Sozialtransfers wegen der in Deutschland besonders hohen Massenarbeitslosigkeit damals höher als bei den Nachbarn sein mußten. Seit 2005 kamen jedoch die Hartz IV-Reformen und haben den Sozialtransfer wieder drastisch beschnitten, ohne daß der Amutsbericht diese Entwicklung in den seitdem vergangenen fast zweieinhalb Jahren auffängt.

Armut nur nach Sozialtransfer zu definieren und nicht die originäre Armut, wie dies nun von der konservativen Kräften immer wieder versucht wird, verkennt total die deprimierende Wirkung auf die Menschen, nur Dank staatlicher Almosen einigermaßen leben zu können. Dieses Stigma wird immer wieder unterschätzt. Auch wird der Druck verkannt, dem diese Menschen durch eine hohe Inflation bei Nahrungsmitteln und Energie ohne ausreichende Anpassung der Sozialleistungen zusätzlich ausgesetzt sind.

Das Kleinreden der Armut soll vor allem der wachsenden Überzeugung der Deutschen entgegenwirken, wonach der Graben zwischen Arm und Reich zu groß geworden ist. Diese Überzeugung ist bei uns mit 87 % der Ergebnisse der letzten internationalen Harris Poll-Umfrage weiter verbreitet als in allen größeren Vergleichsländern (Abb. 13440).


Doch zunächst die Fakten:

1. Fakten: Die soziale Schere öffnet sich immer weiter

Deutschland hat in der Alt-EU die bei weitem schlechteste Entwicklung von Löhnen und Gehältern seit dem Jahr 2000 (Abb. 12990). Hier öffnet sich die Schere zwischen Arbeitseinkommen einerseits und Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen besonders stark (Abb. 14444). Der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit mißt, steigt in Deutschland seit etwa 2000 immer höher (Abb. 14102).




2. Fakten: Die Armutsquote

Schon 13 Prozent der Bundesbürger gelten entsprechend der EU-Definition als arm. Weitere 13 Prozent der Gesamtbevölkerung werden durch Sozialtransfers wie Kindergeld oder Arbeitslosengeld II vor dem Abrutschen in die Armut bewahrt, sind also praktisch auch als arm anzusehen, weil sie nur am Tropf staatlicher Almosen über die Armutsschwelle kommen. Damit ist die Zahl der Armen und der ohne Sozialtransfers von Armut Bedrohten von noch 20 % im Jahr 2000 auf 26 % hochgesprungen. Im Vergleich mit den 14 Mitgliedern der Alt-EU ist Deutschland in diesen Jahren aus der Position in der Spitze des Feldes der Länder mit geringster Armut (3. Platz) auf einen Platz im unteren Mittelfeld (9. Platz) zurückgefallen (Abb. 13433). Auch die Zahl derjenigen, die arbeiteten und trotzdem unter die Armutsgrenze abzurutschen drohen, ist größer geworden.


Arm ist nach der EU-Definition, wer weniger als 60 % des mittleren oder Medianeinkommens bezieht. Das ist die Schnittkante zwischen einer gleichen Zahl an Einkommensbeziehern darüber und darunter, wenn die Einkommen von den höchsten zu den niedrigsten aufgereiht werden. In Deutschland waren das nach Eurostat im Jahre 2006 781 Euro. Doch die Arbeitseinkommen haben sich in Deutschland besonders schlecht entwickelt und die Schwelle der 60 % lag daher in Deutschland schon 2006 mit 9370 Euro pro Jahr oder 9121 Euro in Kaufkrafteinheiten nur im Mittelfeld (Abb. 13446). Berücksichtigt man dann allerdings, daß in den darunter liegenden Ländern Frankreich, Schweden und Finnland das Arbeitnehmerentgelt pro Kopf höher als in Deutschland ist (Abb. 13447), so liegt deren Schwellenwert nur deshalb unter dem deutschen weil das Medianeinkommen als Basis für die Schwellenberechnung höher ist. Bei gleicher Schwelle der Alt-EU dürfte Deutschland dann einen der höchsten Armenanteile außer dem südeuropäischen Armenhaus von Italien, Spanien, Griechenland und Portugal haben.



3. Fakten: Nachlassende Transferwirkung

Trotz der gegenteiligen Behauptungen des Bundesarbeitsminsters ist die Transferwirkung des deutschen Sozialsystems gar nicht so berauschend. Zunächst einmal konzentriert sie sich auf die Rentner. Wenn man die Rentner herausrechnet, trägt der Sozialstaat nach einer neuen Studie des Soziologischen Forschungsinstituts (Sofi) an der Uni Göttingen fast gar nichts dazu bei, Armut zu verhindern. 2005 überwanden nur 23,6 % der Armen die Armutsgrenze, weil sie Leistungen wie Kindergeld, Kinderzuschläge, Bafög, Wohngeld oder Arbeitslosenunterstützung erhielten. 76,4 % blieben hingegen arm. Im Jahr 2000 waren es mit 24,5 % zu 75,5 % noch etwas mehr gewesen.

Einschließlich der Rentner zeigt die Studie wie stark die staatliche Umverteilung seit 2000 an Wirkung verloren hat. Trotz der Steuern und Sozialtransfers bleiben immer mehr Arme arm - und immer mehr Reiche reich. 2000 konnten noch knapp 64 % der Armen die Armutsgrenze wieder überspringen, wenn man die staatlichen Transfers berücksichtigt. 2005 waren es dagegen nur noch 58,4 %. Zu ähnlichen Ergebnissen ist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung gekommen: Die Spreizung bei den Markteinnahmen, also vor Sozialtransfers, hat zwischen 1998 und 2005 kontinuierlich zugenommen - insgesamt um knapp 13 %. Bei den Nettoeinkommen, also nach den Staatstransfers, stieg die Ungleichheit hingegen sogar um rund 21 %. Die Verteilungswirkungen des Sozialstaats haben also stark nachgelassen.

4. Schon die Bundesregierung selbst färbt die Armut schön

Bundesarbeitsminister Scholz ist ein Rechter in der SPD vom Schröder-Holz. Vor einigen Jahren wollte er in seiner Funktion als damaliger SPD-Generalsekretär den Begriff "Soziale Gerechtigkeit" aus dem SPD-Parteiprogramm streichen. Jetzt geht es ihm bei seinem neuen Armuts- und Reichtumsbericht darum, einerseits eine Basis für die SPD-Forderung nach einem flächendeckenden Mindestlohn zu gewinnen, aber andererseits keine Schuldzuweisung an die Schröderregierung wegen eines Anstiegs an Armut aufkommen zu lassen.

Hauptargument der regierungsamtlichen Schönfärbung: Der Sozialstaat arbeite in den meisten Ländern weniger gut als in Deutschland. An dieser Aussage ist vieles einfach falsch. Bei den Zahlen angefangen, hat Deutschland mit einer starken Absenkung der Armutsschwelle im Vergleich zu seinen Partnern die Armut künstlich kleiner gemacht. In dem Kurzpapier aus dem Bundesarbeitsministerium - der eigentliche Bericht liegt noch gar nicht vor - befindet sich auf Seite 10 der einzige internationale Vergleich: „Anhand der amtlichen Erhebung LEBEN IN EUROPA (EU-SILC 2006) gemessen lag das Risiko der Gesamtbevölkerung einkommensarm zu sein im Jahr 2005 bei 26% vor Beachtung von Sozialtransfers. Nach Sozialtransfers verringerte sich dieses Risiko auf einen Anteil von 13% und war damit im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich. Damit gehört Deutschland neben den skandinavischen Staaten zu den Ländern mit einer großen Wirkung der Sozialtransfers auf die Armutsrisikoquote."

Schaut man sich allerdings die Originaldaten bei Eurostat an, die bis 2006 vorliegen, und die Angabe der Bundesregierung aus dem Armutsbericht 2005 für das Jahr 2003, so zeigt sich, daß Deutschland in den drei Jahren 2003 bis 2006 die Armutsschwelle um fast 19 % abgesenkt hat (Abb. 13443), während fast alle anderen Vergleichsländer der Alt-EU ihre Schwellen erheblich angehoben haben. Dank dieser Absenkung der Schwelle kann der Bundesarbeitsminister eine im Vergleich zu den Alt-EU-Ländern erheblich niedrigeren Armutsanteil an der Bevölkerung vorführen.


5. Die Konservativen und ihre Medien färben schön

Natürlich treten die Konservativen und die Medien das von Bundesarbeitsminster Scholz vorgegebene Argument von der Wunderwirkung des Sozialstaats und seines Sozialtransfers breit. Sie greifen in die Harfe, die ihnen die Bundesregierung hinstellt.

Die ZEIT kommt unter der Überschrift „Deutschland redet sich arm" mit dem Argument, der seit 2005 zurückgelaufenen Arbeitslosigkeit. Doch seit 2005 kamen die Hartz IV-Reformen und haben die Sozialtransfers drastisch beschnitten. Auch sind die Eurostat-Zahlen nicht von 2005 sondern von 2006 und die meisten neuen Arbeitsplätze seitdem sind in der Kategorie der schlecht bezahlten, dürften also den Armutsanteil nicht reduziert haben. Außerdem haben sich die deutschen Arbeitseinkommen auch wegen des Fehlens eines Mindestlohns so viel schlechter entwickelt als die der Vergleichspartner (Abb. 13444).


Der STERN geht in zwei Beiträgen unter den Überschriften „781 Euro - ein respektables Einkommen" und „Der Armutsbericht wird aufgebauscht" so richtig in die Vollen. Der frühere Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und konservative Kölner Wirtschaftsprofessor Johann Eekhoff erklärt, warum seiner Meinung nach die Situation bei Weitem nicht so schlimm sei, wie der Armutsbericht vorgebe. Niemand müsse existenzielle Not leiden, im Gegenteil. Da immer die Menschen als arm gelten, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt, bliebe genau die gleiche Anzahl von Menschen arm, wenn sich das Einkommen verdoppele. Deshalb sei das Ergebnis des jüngsten Armuts- und Reichtumsberichts, wonach 13 Prozent der Bundesbürger unter die Armutsgrenze fallen, keine Aussage über die tatsächlichen Lebensverhältnisse. Hier irrt der Professor. Denn in der Realität werden nicht alle Einkommen verdoppelt, sondern rutscht ein immer größerer Teil der Menschen in die kleineren Einkommen. Genau deshalb wächst der Anteil der Armen.

Weiter Prof. Eekhoff im Original: „Im Armutsbericht des Bundesarbeitsministers wird keine Aussage darüber gemacht, wie sich der Lebensstandard der Armen in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat. Wenn von Armut gesprochen wird, würde man gerne wissen, ob und wie sich die Situation der Armen verbessert hat, denen der Staat ein Mindesteinkommen sichert. Es kann doch nicht nur auf den Neidfaktor ankommen, sondern zunächst wäre zu beschreiben, was sich ein armer Haushalt heute im Vergleich zu einem armen Haushalt vor zehn oder zwanzig Jahren leisten kann." Darauf hatte ich gewartet: Der Professor lehnt einen Vergleich der Armen mit den Reichen von heute ab, weil das nur aus einem Neidfaktor käme.

Schlieslich noch folgendes Urteil des vom Steuerzahler mit guter Pension ausgestatteten Ex-Staatssekretärs und nun wiederum vom Steuerzahler gut bezahlten Professors: „In jedem Fall muss die Gesellschaft verlangen, dass jeder Bürger seinen Lebensunterhalt so weit wie möglich selbst verdient - auch wenn ergänzende soziale Hilfen in Anspruch genommen werden müssen. Andernfalls ist die soziale Sicherung nicht zu bezahlen." So einfach ist das also!

Und dann bedient sich der STERN zweier erzkonservativer Experten Thomas Straubhaar (Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts) und Michael Hüther (Direktor des industrienahen Instituts der Deutschen Wirtschaft). Die stellen dann alles auf den Kopf und behaupten, die die Bundesrepublik könne sogar mit skandinavischen Ländern mithalten. Viele Experten können laut STERN die Aufregung nicht nachvollziehen: „In Deutschland ist die relative Armut nicht höher als in anderen Industrieländern", sagt Straubhaar. Nur wenige Länder innerhalb der EU wiesen einen ähnlich niedrigen Wert in der so genannten Armutsgefährdungsquote aus, wenn staatliche Transferleistungen mit berücksichtigt werden. „Wir haben ein sehr effektives Umverteilungssystem und halbieren so die Ungleichverteilung, die die Markteinkommen hervorrufen. Der Armutsbericht wird in der öffentlichen Diskussion aufgebauscht - unter anderem weil Bundesarbeitsminister Scholz für den Mindestlohn werben will", sagt Hüther. „In absoluten Armutszahlen steht Deutschland sogar besser da als die meisten Länder", sagt Straubhaar.

Nun bleiben beide Experten die Nachweise für ihre Thesen schuldig. Sie sind auch mit den Fakten nicht vereinbar (siehe oben).

Schließlich entpuppen sich die Experten vollkommen als Erzkonservative: „Aber auch trotz staatlicher Transfers hat sich die Einkommschere weiter geöffnet. Ganz zu verhindern ist diese Entwicklung nicht - im Gegenteil, sie ist der natürliche Auswuchs einer Marktwirtschaft. Es ist ein eisernes Gesetz: Bei stetigem Wachstum öffnet sich nun mal die Verteilungsschere in Volkswirtschaften", sagt Straubhaar. Dann warnt er auch noch vor einer Ausweitung der staatlichen Transfers. Die Umverteilung in sozialistischen Ländern habe zu einem starken Absinken der Armutsquote geführt, durch die extrem hohen Kosten der Sozialpolitik sei jedoch gleichzeitig der Wohlstand der gesamten Gesellschaft erheblich verringert worden.

Für Hüther ist die öffentliche Debatte über Armut in Deutschland kaum nachvollziehbar: „Zu einem gewissen Grad ist die Aufschrei schon geprägt von einer Gewöhnung an den Versorgungsstaat." Die eigene Verantwortung höre aber nicht ab einer gewissen Versorgungsgrenze auf.

Merken die Journalisten von ZEIT und STERN gar nicht mehr, wem sie da auf den Leim gehen oder wollen sie es nicht merken, weil ihnen keine soziales Gewissen schlägt?

Für mehr dazu siehe Kapitel 9 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


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