"In times of universal deceit, speaking the truth is a revolutionary act." "If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear" George Orwell


global news wb253.398 16-03-15: Von den angeblichen Segnungen der demographischen Schrumpfprozesse: Verändert der Kapitalismus sein Gesicht?

Viel wird derzeit darüber diskutiert, wie sich die offensichtlich unvermeidbaren demographischen Schrumpfprozesse auswirken werden. Denn fast überall sinken die Geburtenziffern unter die zur Erhaltung der Bevölkerung notwendigen Zahl von 2,1 Geburten pro Frau. Besonders betroffen ist Deutschland, dessen Geburtenziffer (Abb. 04047) und Geburtenrate (Abb. 04579, 18222) besonders niedrig sind und dessen Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter von 18 bis 65 Jahren bis 2050 um mehr als ein Viertel (27 %, Abb. 18552) abstürzen soll. Es wäre im internationalen Vergleich bis zum Jahr 2100 ein besonders starker Absturz (Abb. 18409, 18688).







Die Entwicklung der gesamten Weltbevölkerung wird sich nach den Projektionen der Vereinten Nationen in der zweiten Hälfte dieses Jahrtausends deutlich abschwächen (Abb. 0703). Über den gesamten Zeitraum von 2000 bis 2100 wird sie bei den weniger entwickelten Ländern nur noch um 16 % gestiegen sein, während sie bei den entwickelten Ländern um 1,5 % und bei Deutschland sogar um 31,9 % gefallen sein soll. Einer der wichtigsten Gründe für die Abflachung der Gesamtentwicklung ist, daß wegen der zunehmenden Verstädterung Kinder nicht mehr als nützliche Arbeitskräfte in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer betrachtet werden, sondern eher als finanzielle Belastungen in den Städten.


Viele werden die globale Entwicklung zurecht feiern, weil sie den Druck auf die schrumpfenden Reserven der Welt an Rohstoffen und Umwelt reduzieren. Es gibt sogar Wissenschaftler, die noch weiter gehen und glauben, daß ein solcher Prozeß die sozialen Ordnungen stabilisieren und dem Kapitalismus ein menschliches Angesicht verschaffen kann. Der amerikanische Politologe George Friedman, Chef der Denkfabrik Stratfor Global Intelligence, hat dazu am 17. Februar in einer längeren Analyse einige Argumente entwickelt. Er unterstellt eine allmähliche Schrumpfung um 20 % in 100 Jahren und schlußfolgert, daß dann ein entsprechender Rückgang der Wirtschaftsleistung um die gleiche Rate keine besonderen Probleme aufwerfen würde, da die Wirtschaftsleistung pro Kopf gleich bliebe. Jedoch gäbe es keinen Grund anzunehmen, daß die Wirtschaftsleistung genauso stark fiele wie die Bevölkerung. Denn die Kapitalbasis an Produktionseinrichtungen würde nicht so schnell an Wert verlieren, wie die Bevölkerung schrumpfen würde. Im Ergebnis würde es der Bevölkerung Dank der Schrumpfung sogar besser gehen.

Außerdem würden die Wirkungen des Schrumpfens der Bevölkerung durch technologische Entwicklungen mit entsprechender Steigerung der Produktivität abgefedert. Der Zuwachs an Produktivität hätte sich seit Beginn der Industrialisierung ständig beschleunigt.

Dazu käme noch eine weitere positive Entwicklung: Wegen des starken Bevölkerungsanstiegs über die letzten 500 Jahre hätte es ständig einen Überangebot an Arbeitskräften gegeben, während das Kapital vergleichsweise knapp und entsprechend teuer war. Damit seien die Löhne unter einem ständigen Druck nach unten gewesen. Diese Entwicklung würde sich nun zum ersten Mal in 500 Jahren umkehren. Dann sei ein Rückgang des Gewinns auf Kapital zu erwarten und eine Umverteilung des Reichtums zwischen Kapital und Arbeit. Der Graben zwischen den wenigen Reichen und dem Rest der Bevölkerung würde sich verkürzen. Die historische Logik des industriellen Kapitalismus würde, wenn schon nicht auf den Kopf gestellt, dann doch mit Sicherheit reformuliert. Für die entwickelten Industrieländer würde das Schrumpfen der Bevölkerung also keine Katastrophe bedeuten sondern ganz das Gegenteil.

Das klingt natürlich alles sehr schön. Leider sind die Realitäten in den Industrieländern trotz in den meisten schon seit vielen Jahren sinkender Bevölkerung bisher jedenfalls andere. So leicht verändert der Kapitalismus sein Gesicht nicht. In Deutschland schrumpft die Bevölkerung schon seit 13 Jahren (bisher um fast 2 Mio) und doch wächst der Graben zwischen Arm und Reich immer mehr und stagnierten über die meiste Zeit die Arbeitseinkommen. Dafür gibt es mehrere Gründe, die der Analyse von George Friedman jedenfalls für Deutschland entgegenstehen. Erstens leben wir in einer neoliberal globalisierten Welt. Die noch stark zunehmende Zahl von Arbeitnehmern, die in Ländern wie China und morgen Afrika zu billigsten Löhnen zu arbeiten bereit sind, wird noch für viele Jahrzehnte anhalten. Allein in China lebt noch fast eine Milliarde Menschen auf dem Lande und möchte sich in die Weltwirtschaft integrieren. Zweitens kommen in Deutschland immer mehr Migranten und ihre Nachfahren hinzu, die ebenfalls im Niedriglohnbereich in den Wettbewerb mit deutschen Arbeitnehmern einsteigen.

Der soziale Graben vertieft sich im Übrigen nicht nur wegen der schlechten Lohnentwicklung. Es sind immer mehr die Vermögenseinkünfte aus schon angehäuftem Kapital und dessen Vererbung, die nach den Untersuchungen von Piketty den Prozeß in immer mehr Ungleichheit antreiben. Bei einer schrumpfenden Gesamtbevölkung wird die Vererbung von Vermögen aber eher eine noch größere Rolle spielen.

Drittens wird der Schrumpfprozeß der Bevölkerung nicht so durch Produktivitätsfortschritt abgefedert, wie es George Friedman unterstellt. In Deutschland schwächt sich auch die Entwicklung der Produktivität deutlich ab (Abb. 18668). Große, wirklich dammbrechende Erfindungen, wie einst die Dampfmaschine oder später die Elektrizität, die Eisenbahn, das Auto, das Flugzeug oder dann der Computer und die digitale Revolution mit der globalen satelliten-gestützten Kommunikation haben schon lange nicht mehr stattgefunden und sind eigentlich in einer überschaubaren Zukunft kaum zu erwarten. Industrieroboter haben sich in Deutschland schon weitgehend durchgesetzt. Andererseits wird die vorhandene Arbeitskraft in Deutschland schon extrem ausgequetscht, so daß auch da nicht mehr viel herauszuholen ist. Die Schul- und Berufsbildung macht ebenfalls keine großen Sprünge mehr, um die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft zu steigern.


Was bleibt sind leider meist eher negative Folgen des Schrumpfungsprozesses. Die teueren Kapitalinvestitionen verlangen nach sehr qualifizierten Fachkräften, sonst werden sie wertlos. Um solche Fachkräfte findet ein globaler Wettbewerb statt, wobei die englischsprachigen Einwanderungsländer im Vorteil sind. Die Integration von schlecht ausgebildeten Migranten stellt sich für Deutschland jedoch eher als ein Problem dar, was sich in deren hohen Arbeitslosenzahlen zeigt. Viele Einwanderer wandern auch wieder aus, zumal wenn sich die politische und wirtschaftliche Lage in ihren Heimatländern bessert und die Einwanderer gut qualifiziert sind.

Der Schrumpfungs- und Alterungsprozeß mit dessen sozialen Auswirkungen, läuft in Deutschland entgegen der Annahme von George Friedman nicht mit einer allmählichen Rate sondern ziemlich rasant, was zu einer zunehmenden finanziellen Belastungen der Menschen im arbeitsfähigen Alter führt (Abb. 18170). Das deutsche Durchschnittsalter steigt im internationalen Vergleich besonders rasch und wird um 2040 über 51 Jahre liegen, verglichen mit etwas unter 41 Jahren für die USA, um 38 Jahre für Asien und knapp 26 Jahren für Afrika (Abb. 15647).



Hinzu kommen weitere Umstände, die einen hohen Altenanteil eher als Belastung erscheinen lassen. Ältere Menschen sind in aller Regel weniger innovativ, dynamisch und risikobereit, was für die Volkswirtschaft ein negativer Faktor ist. Ein Teil von ihnen ist durch Überarbeitung ausgebrannt. Sie bringen auch wegen der größeren Anfälligkeit für typische und sehr oft chronische Alterskrankheiten eine starke Belastung für das Gesundheits- und Pflegesystem. Hinzu kommen psychologische Elemente der Vereinzelung älterer und nicht selten schwieriger gewordener Menschen, die ihre Partner verloren haben, kinderlos sind oder seit jeher allein leben. Der Anteil der Alleinlebenden und Alleinstehenden ohne Kinder nimmt in Deutschland ohnehin immer mehr zu. Von 17,5 % an allen Lebensformen in Deutschland im Jahre 1996 ist er bis 2011 bereits auf 21,7 % gestiegen (Abb. 17395). Diese Gesellschaftsgruppe konzentriert sich auf die Großstädte über 500.000 Einwohner, wo der Anteil bereits bei 29 % liegt. Im internationalen Vergleich hatte Deutschland 2010 den zweithöchsten Anteil an Alleinlebenden in der Definition von Eurostat (Abb. 17396).



Im Weltmaßstab wird durch den ungleichen Schrumpfungsprozeß die Verteilung zwischen entwickelten Industrieländern und Entwicklungsländern immer ungleichgewichtiger. Kommen derzeit auf 100 Menschen in Entwicklungsländern noch 21 in entwickelten Industrieländern, so werden es nach den Prognosen der UN am Ende dieses Jahrhunderts nur noch 13 sein. Damit dürfte einerseits die Fähigkeit zur Hilfeleistung sinken, andererseits der Anreiz zur Migration in die Wohlstandsländer mit allen damit verbundenen Problem steigen.

Es tut mir leid, daß ich die optimistische Prognose von George Friedman so nicht teilen kann. Vielleicht können Sie das? Für mich kommt es vor allem auf eine dramatische Verbesserung der Rolle der Frauen in Deutschland und finanzielle Verbesserungen für die Familienbildung mit Kindern an, wenn meine weit weniger optimistische Erwartung nicht eintreten soll.




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