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Auffällig höhere Lebensqualität in gleicheren Gesellschaften oder Ungleich geht die Welt zugrunde

Im letzten Jahrzehnt haben sich die Gesellschaften der meisten Länder von Europa bis China und um den Globus herum immer ungleicher entwickelt. Wissenschaftler haben begonnen, die Auswirkungen auf die Lebensqualität zu hinterfragen. Das Infoportal hat immer wieder die auf weniger Ungleichheit aufbauenden und hervorragenden skandinavischen Erfahrungen analysiert. Jetzt kann man nach Vorliegen von der Menge und Verläßlichkeit nach ausreichendem Datenmaterial an eine vertiefte Auswertung gehen. Sie ist enorm aufschlußreich und sollte Einfluß auf die Politik haben, gerade in Zeiten, in denen wegen der globalen Krise viele Fragen unseres Gesellschaftssystems neu aufgeworfen werden. Ich freue mich, hier in Deutschland Neuland betreten zu können.

Zunächst ein Blick auf die Entwicklung der Ungleichheit in den Gesellschaften, vor allem der EU-Länder, zu der jetzt Daten bis zum Jahr 2008 vorliegen, meist in Form der Fünftel-Betrachtung. Das ist das Verhältnis der Einkommen des obersten zum untersten Fünftel der Einkommensbezieher. Hier haben viele Länder, ganz besonders Deutschland, seit 2000 die Ungleichheit noch weiter erhöht. Das Verhältnis reichte 2008 von 3,5 für Schweden bis 6,1 für Portugal als das ungleicheste Land unter den 15 Alt-EU-Ländern (Abb. 15096). Höher sind allerdings die Werte für die USA, und Australien, die indessen nur bis 2000 vorliegen. Am Beispiel Deutschlands wird deutlich, wie wichtig es ist, aktuelle Vergleichswerte zu verwenden.


Anhand dieser Daten kann man die Ungleichheit mit verschiedenen sozialen Daten korrelieren und die statistischen Regressionen feststellen, was sich dann grafisch darstellen läßt. Hier einige der auffälligsten Ergebnisse:

1. Lebenserwartung

Normalerweise würde man einen starken Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und der Lebenserwartung vermuten, und zwar im Sinne mehr Gleichheit gleich mehr Lebenserwartung im statistischen Durchschnitt der Bevölkerung. Doch erstaunlicherweise zeigen die neuesten Eurostatdaten für die Alt-EU und Norwegen bei Frauen keinerlei Zusammenhang und bei Männern nur einen sehr leichten mit vielen Ausreißern (Abb. 15076, Abb. 15075).



Das allerdings ändert sich erheblich, wenn man auf die statistische Erwartung weiterer gesunder Lebensjahre im Alter von 65 Jahren blickt. Hier zeigen die beiden Datenreihen eine sehr eindeutige Regression an. Der Unterschied z.B. zwischen Dänemark und Schweden auf der einen Seite sowie Portugal und Italien ist enorm (Abb. 15077, 15078).



Übrigens hat Deutschland bei den Frauen den nach Portugal und Italien, bei den Männern nach Portugal und Österreich niedrigsten Wert (Abb. 15079, 15080).



Erst im Alter treten offensichtlich beim Gesundheitszustand die einkommensbedingten Faktoren, die sich über ein Menschenleben angesammelt haben, deutlicher hervor, nämlich wie gesund oder ungesund sich ein Mensch Zeit seines Lebens ernährt hat oder wieviel schwere physische bzw. gleichförmige Arbeit er auf sich nehmen mußte, ob er in der Hierarchie am unteren Ende die Befehle der Oberen befolgen mußte oder von oben seine Frustrationen an den Unteren auslassen konnte. Auch die Qualität und Häufigkeit der ärztlichen Behandlung kommt ins Spiel, die besonders im Alter wichtig wird, wenn die Krankheitswahrscheinlichkeit am Größten ist.

2. Schwerbehinderungen

Eurostat führt eine Statistik über selbst wahrgenommene anhaltende Schwerbehinderung. Sie dokumentiert einen deutlichen Zusammenhang mit der Einkommensverteilung. Die Werte für Deutschland und Österreich liegen sogar erheblich höher, als die Position dieser Länder auf der Ungleichheits-Achse erwarten ließe (Abb. 15094). Noch extremer reißen die Werte des Schwerbehindertenanteils für beide Länder mit 18 % bis 19 % nach oben aus, wenn man auf das unterste Einkommensfünftel achtet (Abb. 15095). Offensichtlich leidet gerade das unterste Fünftel in Ländern mit ungleicher Einkommensverteilung noch einmal besonders an Schwerbehinderung.



3. Bildung

Auch zwischen dem Anteil der frühzeitigen Schulabgänger und dem Anteil der Studienabschlüsse pro Bevölkerung zeigen sich sehr deutliche Zusammenhänge mit der Verteilung der Einkommen: Je weniger Ungleichheit, desto weniger frühzeitige Schulabgänger und desto höher der Anteil der Studienabschlüsse (Abb. 15083, 15084, 15100). Die Werte für Deutschland liegen bei den Studienabschlüssen noch einmal tiefer, als der Regressionslinie entsprechen würde.




Auch wird in gleicheren Gesellschaften vor allem die so wichtige Grundschulstufe, die über die künftige Entwicklung der Kinder entscheidet, besser finanziert (Abb. 15101).


5. Innovation

Besonders eng ist die Korrelierung zwischen der Innovation gemessen in Patentanmeldung pro Bevölkerung und der Einkommensverteilung, wobei Ungleichheit offensichtlich die Innovation bremst. Zu viele Menschen werden aus dem innovativen Bereich ausgeschlossen. Hier ist Deutschland traditionell wegen seiner industriellen Basis der große Ausreißer nach oben (Abb. 15097).


Im internationalen Vergleich der Patentanmeldung belegte Deutschland im Jahr 2007 den 4. Platz nach Korea, Japan und USA (Abb. 15099). Im Vergleich zur Ungleichverteilung der Einkommen passen Japan und Korea mit relativ wenig Ungleichverteilung in das Bild. Dagegen sind die USA statistisch ein Ausreißer nach oben mit sehr viel Patentanmeldung bei gleichzeitig viel Ungleichheit, was an der spezifischen Industriestruktur mit sehr viel Hightech und an den exzellenten Spitzenuniversitäten im naturwissenschaftlichen Bereich liegen dürfte.


5. Frauenschicksal

Weiter kann man feststellen, daß in Gesellschaften mit einer starken Ungleichverteilung auch die Lohndiskriminierung der Frauen hoch ist, und umgekehrt (Abb. 15085). Viel weniger Frauen sind in Ländern mit großer Ungleichverteilung erwerbstätig (Abb. 15086). Auch bei der Lohndiskriminierung der Frauen reißt Deutschland auffällig nach oben aus.



Es kann danach eigentlich nicht mehr überraschen, daß es einen klaren Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und der Kinderzahl pro Frau gibt: Je ungleicher die Einkommensverhältnisse, desto geringer die Kinderzahl und das mit nur wenigen statistischen Ausreißern (Abb. 15088). In ungleichen Gesellschaften finden die Frauen als Mütter offensichtlich weniger Unterstützung im sozialen Umfeld und oft von den eigenen Männern. Auch hier reißen Deutschland, Österreich und Italien auffällig nach unten aus.


6. Gewalt

Der Pegel an Gewalt in einer Bevölkerung spiegelt sich, von seltenen Ausnahmen abgesehen, in der Größe der Gefängnisbevölkerung wieder. Hier endet ein Teil der Gewalttäter, aber hier werden auch nicht selten neue Gewalttäter aufgebaut. Die Korrelation mit der Ungleichverteilung der Einkommen ist eindeutig (Abb. 15098).


7. Aufstiegsmobilität

Die Aufstiegsmobilität hängt ganz besonders mit der Einkommensverteilung zusammen. Je weniger ungleich das Einkommen verteilt ist, umso weniger ist das Einkommen der Söhne von dem der Väter abhängig (Abb. 15087).


8. Fazit

Die hier dargestellten Zusammenhänge dokumentieren recht deutlich: In gleicheren Gesellschaften ist die Lebensqualität mit nur wenigen Abweichungen deutlich höher. Die skandinavischen Gesellschaft belegen dies am Besten.

Sollte sich der Trend der Aufspaltung der Gesellschaft von der Einkommenssituation her fortsetzen, so kann das nur zu einem bösen Ende führen. Dann geht ungleich unsere Welt, wie wir sie kennen und wie sie immer noch von den Regierenden als „Soziale Marktwirtschaft" fälschlich betitelt wird, endgültig zugrunde. Es wäre schön, wenn die deutsche Politik diese Zusammenhänge endlich zur Kenntnis nehmen würde, zumal die Ungleichheit nirgendwo sonst in der Alt-EU seit dem Jahr 2000 so zugelegt hat.

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