Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 17/07/2006 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Großbritannien ist zusammen mit den USA zum Hort des neoliberalen Konzepts für die Globalisierung der Weltwirtschaft, die City of London zu dessen "heiligem Gral" geworden. Während Reaganomics die USA umkrempelte, glaubte Margaret Thatcher ihre Landsleute ermahnen zu müssen, wieder so hart zu arbeiten wie ihre Vorfahren zurzeit von Charles Dickens, eine der unsozialsten Perioden in der britischen Geschichte. Amerikanische Rezepte für die Wirtschafts- und Sozialpolitik haben starken Eingang in Großbritannien gefunden, weit mehr als auf dem europäischen Kontinent. Blairs „New Labour" ist eine Kopie von Clintons „New Democrats".
Nach Scheitern des EU-Gipfels im Juni 2005 haben Blair und sein Außenminister ihr neoliberales Verständnis von Europas Zukunft verdeutlicht: „It is essentially a division between whether you want a European Union that is able to cope with the future or a European Union that is trapped in the past ... This is the moment when Europe has to take measures of fundamental change and reform ... How does it respond to globalisation in the modern economy?". Oder Blair vor dem Europa-Parlament: „Europe faces failure on a grand, strategic scale if it tried to hold back the forces of globalisation". Oder in den Worten von Schatzkanzler Brown vor den Bossen der City of London am 22. Juni 2005: "The EU is out of step with reality. The question for us is how Europe can move from the older inward-looking model to a flexible, reforming, open and globally-orientated Europe. Just as Britain has made hard, long term choices to achieve stability, growth and flexibility, the EU must make similar choices to be globally competitive." Die „Britain knows best"-Mentalität hat sich seit Maggies Zeiten also nicht geändert.
Die Konservativen in Deutschland schielen nach Großbritannien. Merkel und Blair haben sich bereits bei ihrem ersten Treffen im Juni 2005 gut verstanden. Bundespräsident Köhler hat schon in seiner Rede zum Besuch von Königin Elizabeth II im November 2004 Großbritannien als Vorbild für Deutschland bezeichnet. Viele deutsche Anhänger der neoliberalen Variante bewundern an Großbritannien das niedrige Niveau an Arbeitslosigkeit (siehe hierzu VII), ohne die vielen Schattenseiten der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu kennen, geschweige denn zu erwähnen. Hier einige kritische Schlaglichter:
I. Wachsende Ungleichheit und Verschuldung
Nach ständigem Anstieg monopolisieren die reichsten 10 % der Bevölkerung jetzt 56 % der Vermögen (entsprechender Wert für Deutschland: 47 %) und sogar 75 %, wenn Wohnraum nicht einbezogen wird (Abb. 12002). Die Verschuldung britischer Haushalte ist in den vergangenen Jahren steil auf 140 % der Jahreseinkommen angestiegen (Abb. 1207), wobei die durchschnittliche Kreditkartenverschuldung pro Haushalt auf den Gegenwert von rund 3.400 Euro angewachsen ist. Hinzu kommt eine gewaltige Kunstblase bei den Hauspreisen, die seit 1997 um etwa 154 % gestiegen sind und damit Wohlstand vorspiegeln, aber diese Blase kann jederzeit platzen. Die Zahl der alleinerziehenden Mütter ist im Vergleich zu Deutschland fast dreimal höher, die Anzahl außerehelicher Geburten fast doppelt so hoch, der Anteil der Kinder mit Armutsrisiko mehr als doppelt so hoch.

Besonders während der Thatcher-Jahre ist das Armutsrisiko stark, nämlich um 67 %, gestiegen.

I. Ent-Industrialisierung

III. Krise der Altersversorgung
In Großbritannien droht eine Krise in der Altersversorgung, die erheblich über die kontinental-europäischen Probleme hinausgeht. Während in Deutschland die öffentliche Rentenversicherung einen Anteil von etwa 12 % des Bruttosozialprodukts belegt, liegt dieser Anteil in Großbritannien konstant in der Größenordnung von wenig über 5 %, alles Weitere ist privatisiert worden. Bereits seit den 70er Jahren ist die britische Regierung dazu übergegangen, mit steuerlichen Erleichterungen die Privatisierung der Rentenlasten zu betreiben. Statt Beiträge zur Sozialversicherung zu leisten, konnten und können die Unternehmen eigene Pensionssysteme aufbauen und sich damit aus dem öffentlichen System herauskaufen. Diese privaten Pensionspläne wurden unzureichend reguliert, was sich nun zunehmend bei Firmenpleiten rächt, indem die Belegschaft große Abstriche an ihrer Altersversorgung hinnehmen muß, falls nicht der Staat rettend eingreift. Ein staatliches Auffangnetz ist in Vorbereitung, hat aber engen Grenzen. Es wird geschätzt, daß in den vergangenen 7 Jahren schon 80.000 Arbeitnehmer ihre Altersversorgung durch Firmenpleiten verloren haben. Aber auch die an sich gesunden Unternehmen haben inzwischen in großem Stil ihre meist defizitären privaten Systeme wieder geschlossen, bis 2004 schon fast 2/3. Trotz der guten Entwicklung der Aktienmärkte sitzen allein die "FTSE 100 Unternehmen", d.h. die größten britischen an der Börse gehandelten Unternehmen, auch für 2004 auf einem Defizit in der Größenordnung von 60 Mrd. Pfund. Die 10 mit den größten Pensionsdefiziten haben zusammen ein Defizitvolumen, das dem 1,5-fachen ihrer gesamten Marktkapitalisierung (Wert der Aktien an den Börsen) entspricht; darunter befinden sich Spitzenunternehmen, wie British Airways, ICI, British Telecom, Rolls-Royce und Unilever. Ein Teil des Problems kommt von der mit 3/4 des Kapitals sehr weitgehenden Anlage der Pensionsfonds am Aktienmarkt, dessen Unsicherheiten damit in die Altersvorsorge hineingetragen wurden. Zunehmend werden jetzt die meisten Pensionspläne für Neuzugänge geschlossen. Mit Renokil hat jetzt erstmals eines der großen im FTSE 100 gelisteten britischen Unternehmen den Pensionsfond auch für schon vorhandene Arbeitnehmer eingefroren; d.h. die Pensionen wachsen nicht mehr durch neue Einzahlungen weiter, egal wie lange die Arbeitnehmer dem Unternehmen angehören. Sehr schlechte Zeiten für britische Arbeitnehmer, wenn – wie erwartet wird – das Beispiel von Rentokil nun auch in anderen großen Unternehmen Schule macht.
Im Ergebnis werden britische Arbeitnehmer auf die eigene Altersvorsorge über freiwillige Einzahlungen in Ersatzsysteme ohne Geldwertstabilität verwiesen, sind also praktisch mit ihrer ungewissen Alterszukunft allein gelassen. Das Beitragsaufkommen in diese Ersatzsysteme liegt nach einer neuen Studie der Regierung bei nur noch 9 % der Einkommen, während die Rate für die jetzt meist geschlossenen Systeme 19 % beträgt.
Schon jetzt lebt im Vergleich zu Deutschland ein etwa doppelt so hoher Anteil der britischen Rentner in der Gruppe der Niedrigeinkommen, die als Gesamteinkommen von unter 60 Prozent der durchschnittlichen Arbeitseinkommen definiert werden.
IV. Arbeitszeitausbeutung bei Produktivitätsrückstand

Forschungs- und Entwicklungsausgaben als Anteil am BIP sind viel geringer als z.B. in Deutschland oder Frankreich und erst recht Schweden und Finnland (siehe Abb. 12015). Die Zahl der Patentanmeldung zum Europäischen Patentamt pro Einwohner liegt bei weniger als der Hälfte des deutschen Wertes (Abb. 13017). Beides sind gravierende Mängel, die auch die OECD in ihrem Bericht zu Großbritannien vom Oktober 2005 festgestellt hat.


Als Folge der geringen Produktivitätsentwicklung haben sich die Stücklohnkosten im Vergleich zu vielen Wettbewerbern über die letzten Jahre ungünstig entwickelt (Abb. 13020).

ie geringere Produktivität muß durch eine wesentlich stärkere volumensmäßige Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft ausgeglichen werden. Die Wochenarbeitszeit in Vollzeitbeschäftigung liegt durchschnittlich 1,5 Stunden höher als in Deutschland (Abb. 12004). Großbritannien besteht innerhalb der Europäischen Union auf seiner Befreiung von der strikten Begrenzung der Arbeitszeit auf 48 Stunden: Britische Unternehmen können ihre Arbeitnehmer auffordern, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben, und tatsächlich hat dies 1/5 der Arbeitnehmer getan. Im Ergebnis arbeiten etwa 4 Millionen Arbeitnehmer längere Arbeitszeiten, mehr als die Hälfte nicht einmal mit Überstundenbezahlung. Seit 1998 hat sich die Zahl der Arbeitnehmer mit mehr als 48 Stunden Wochenarbeitszeit mehr als verdoppelt und erfaßt jetzt mehr als jeden 4. Arbeitnehmer. Einer in 6 Arbeitnehmern arbeitet schon mehr als 60 Stunden pro Woche. Die Arbeitszeit der Beschäftigten pro Jahr liegt fast 300 Stunden über der in Deutschland oder Frankreich (Abb. 04021). Berücksichtigt man zusätzlich die wesentlich kürzeren Urlaubszeiten, so arbeiten britische Arbeitskräfte fast 8 Wochen pro Jahr länger als ihre kontinental-europäischen Partner. Seit 1981 ist der Anteil der Mütter, die innerhalb von einem Jahr nach der Geburt eines Kindes an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, von 24 auf 61 % hochgesprungen.


Im Ergebnis leidet etwa jeder 3. Arbeitnehmer unter Erschöpfung, Streß oder beidem. Jeder 5. Arbeitnehmer bezeichnet seine Beschäftigung als sehr oder gar extrem streßvoll. Fast 3/4 der Langzeitarbeitenden erklärten, daß sie am Arbeitsplatz erschienen, auch wenn sie sich nicht wohl fühlten. 1/3 sieht negative Auswirkungen auf die Ehe, mehr als die Hälfte auf das Sexualleben.
V. Öffentliche Infrastuktur

Der Kieler Gesundheitssystem-Forscher Fritz Beske hat die Gesundheitssysteme von 14 führende Industrienationen verglichen und dabei die schlechte Lage in Großbritannien und USA festgestellt. Das deutsche Versorgungsniveau liegt an der Spitze vor dem von Österreich, Belgien, Schweiz, Niederlande, Japan, Frankreich, Dänemark, Schweden, Kanada, Italien, Großbritannien, Australien und USA.
VI. Kriminalität
VII. Gegenwärtige Wirtschaftsperspektiven
Die Aussichten der britischen Wirtschaft sind derzeit alles andere als rosig. Die Profitwarnungen der britischen Unternehmen haben im 2. Quartal um die Hälfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugenommen. Der Absatz des Einzelhandels hat im Mai mit einem Zuwachs von nur 1,3 % gegenüber Vorjahr den niedrigsten Zuwachs seit etwa 40 Jahren erreicht. Der nominale Zuwachs des Bruttoinlandprodukts geht schon seit 2003 zurück und lag in den ersten 3 Quartalen 2005 bei einem Wert, der auf das Jahr übertragen nur noch 1,5 % Zuwachs bedeutet, die niedrigste Wachstumsrate seit 13 Jahren. Die Industrieproduktion befindet sich schon seit etwa einem Jahr in der Rezession. Allgemein wird wegen der sich deutlich eintrübenden Konjunkturaussichten mit Zinssenkung der Bank of England gerechnet, was die Abschwächung des Pfundes gegenüber dem Euro erklärt. Allein ein nicht mehr unwahrscheinlicher Crash bei den Hauspreisen würde die britische Wirtschaft sofort in eine gefährliche Schieflage bringen.

Der internationale Vergleich der OECD zeigt, wie sich die von der britischen Regierung ständig als Vorbild gepriesene britische Wirtschaftsleistung verschlechtert hat. Im 3. Quartal 2005 war es mit nur noch +0,4 % gegenüber Vorquartal die zweitschlechteste Wachstumsrate der G7-Länder (vor Italien); selbst die gedämpfte deutsche Wachstumsrate war besser (Abb. 13040 und 13037).


Dabei steigt das Haushaltsdefizit steil über die Grenze des Stabilitätspakts für die Eurozone von 3 % an (Abb. 13043).

VIII. Noch ein Wort zum angeblichen britischen "Jobwunder"
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