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1. Ein Blick über die deutschen Grenzen tut not

Unter den Ländervergleichen ist der mit Skandinavien für Deutschland der lehrreichste, weil hier wirklich noch vieles besser läuft und auch an das erinnert, was mal in Deutschland zurecht "Soziale Marktwirtschaft" genannt wurde.

Zusammen erreichen die skandinavischen Länder mit 30,4 % der deutschen Bevölkerung eine Wirtschaftsleistung, die 40,0 % der deutschen entspricht. Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung liegt damit um 31,9 % höher (Abb. 13678).


Der Rückstand Deutschlands ist nur zu einem kleinen Teil mit den Lasten der Wiedervereinigung zu erklären. Denn in der Entwicklung ist Deutschland erst etwa seit der Jahrtausendwende zurückgefallen, als die angebliche Reformpolitik mit dem Ausbremsen der Binnenkaufkraft und der total einseitigen Exportorientierung begonnen wurde (Abb. 15271, die Abbildung klammert Norwegen aus, das wegen seines Ölreichtums schon vom Anfang der Zeitreihe an einen viel stärkeren Zuwachs verzeichnet hat). Zwischen 1980 und 1995 hatte sich Deutschland dagegen noch besser als die skandinavischen Länder entwickelt.


Der Vergleich geht den einzelnen Faktoren in folgender Reihenfolge nach: Soziale Mobilität, Geburtenrate, Bildung, Produktivität, Steuern, Einkommen und Verbrauch, Arbeitsmarkt, Renten, Bruttoinlandsprodukt.

2. Soziale Mobilität

Ich stehe bei diesem Ländervergleich immer noch unter dem Eindruck eines mir vor zwei Jahren zugeschickten Artikels im WallStreet Journal über das amerikanische Mobility Projekt. Das versucht festzustellen, in wieweit der amerikanische Traum der Aufwärtsmobilität von Eltern zu Kindern noch den Fakten entspricht und kommt dabei zu einem für die USA bedrückenden Ergebnis: Männer in den 30ern verdienen heute weniger als Männer der gleichen Altersgruppe in der Generation der Väter. Zweites Ergebnis: Bis auf Großbritannien sind alle Vergleichsländer in der Mobilität besser dran (Frankreich, Deutschland, Schweden, Kanada, Finnland, Norwegen, Dänemark). Das eigentlich Auffallende daran ist der deutliche Vorsprung der vier skandinavischen Länder, in den sich nur Kanada mit einordnet (Abb. 12451). In Dänemark haben die Söhne fast die gleichen Einkommenschancen egal, aus welcher sozialen Schicht sie kommen.


Wenn man davon ausgeht, daß die Besitz- und Einkommensverhältnisse der Elterngenerationen überall in Zeiten einer neoliberalen Wirtschaftsordnung zementiert sind und sich eher noch weiter auseinanderentwickeln, so können allenfalls die Kinder bei einem ausreichenden Maß an Chancengleichheit das Pendel zurückholen. Das Mobility Projekt stellt auf die Chancengleichheit im Bildungssystem, der Gesundheitsfürsorge, der Familienumgebung, der Kultur, des Arbeitsmarkts und anderer institutioneller Faktoren ab. Es mißt als relative Mobilität den Einkommensunterschied zwischen der Eltern- und der Kindergeneration. Den Unterschied in der so definierten Chancengleichheit markiert für mich Dänemark, wo sie doppelt so hoch ist als in Deutschland gemessen wird (Abb. 12452). Ebenso hat eine Studie der Warwick Universität vom September 2006 gezeigt, daß in Dänemark, Finnland und Norwegen die Einkommen von Vätern und Söhnen sich hoch "nicht-liniear" verhalten also das Einkommen des Sohnes so gut wie gar nicht durch das des Vaters bestimmt wird.


3. Geburtenrate und Altersdurchschnitt

Skandinavien hat eine wesentlich höhere Fruchtbarkeitsrate als Deutschland. Skandinavische Frauen bringen im Laufe ihres Lebens 37 % mehr Kinder zur Welt (Abb. 12453). Dementsprechend ist der Anteil jüngerer Menschen unter 20 Jahren an der Gesamtbevölkerung auch um mehr als ein Fünftel höher. Während in Deutschland der hohe Altersanteil zu einem relativ hohen Anteil an altersbedingter finanzieller und gesundheitlicher Besorgnisse beiträgt, ist das also in Skandinavien wesentlich weniger der Fall. Umgekehrt wirkt sich der höhere Anteil jüngerer Menschen in Skandinavien auf den Optimismus und die Dynamik der Gesamtbevölkerung aus. Die Rentenprobleme sind leichter zu lösen.


4. Bildung

Das skandinavische Bildungssystem bringt bekanntlich Spitzenleistungen. Es erklärt nicht zuletzt, warum die relative soziale Mobilität so gut ist. Das System zeichnet sich zunächst durch eine hervorragende Finanzierung aus, und zwar um 29 % höher als in Deutschland (Abb. 12454). Besonders auffällig und eigentlich kaum nachvollziehbar ist nach OECD-Berechnungen der enorme Unterschied in den Ausgaben im Volksschulbereich von fast 42,8 % mehr in Skandinavien. Vor allem in der Grundschule ist die Zahl der Schüler pro Lehrer in den skandinavischen Ländern um fast ein Drittel geringer (Abb. 15268). Hier baut sich der große Rückstand Deutschlands in den Bildungsleistungen frühzeitig auf.



In den Pisa-Studien wird ständig Finnland als internationale Spitzenreiter im Bereich der Schulbildung ausgewiesen. Aber auch die anderen skandinavischen Länder schneiden in der Regel besser als Deutschland ab und liegen meist oberhalb des Durchschnitts, während Deutschland im Mittelfeld hängen bleibt. Auffällig ist dabei die in Deutschland relativ hohe Leistungsvarianz zwischen Schulen, die sich von dem einheitlicheren Bild der skandinavischen Länder unterscheidet.

Das deutsche Schulsystem leidet neben der Unterfinanzierung vor allem an zwei Schwachstellen: Kinder aus der unteren sozialen Schicht schneiden relativ schlecht ab, ebenso Kinder aus Immigrantenfamilien, die noch dazu in Deutschland besonders zahlreich sind. Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat erneut belegt, daß in kaum einem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im Übrigen auch das Ergebnis des Armutsberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.

Nach einer OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6-mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Dagegen liegt die Wahrscheinlichkeit in Skandinavien nur um das Zweifache höher (Abb. 12486). Auch sind die Chancen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht, einen Hochschulabschluß zu erlangen in Skandinavien weit besser als in Deutschland.


Bei Immigrantenkindern der 2. Generation sind die Schulergebnisse in mathematischer Leistung verglichen mit einheimischen Schülern in Skandinavien um 36 % besser als in Deutschland. Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit dieser Kinder einen Hochschulabschluß zu erreichen in Skandinavien dreimal größer (Abb. 15269).


Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs besonders wichtig: Die skandinavischen Länder zeichnen sich schließlich durch eine sehr hohe Rate an Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit Hochschulabschluß aus. Sie ist mit durchschnittlich 38 % um fast die Hälfte höher als in Deutschland (Abb. 12456).


5. Forschung & Entwicklung, Produktivität

Auf der Basis einer guten Ausbildung sind in Skandinavien auch gute Ergebnisse in Forschung und Entwicklung sowie im Fortschritt der Produktivität zu erwarten. Die Ausgaben für F.u.E. gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind, bis auf Norwegen, deutlich höher als in Deutschland, in Schweden z.B. um 46 % (Abb. 12457).


Die Arbeitsproduktivität - gemessen in BIP/Beschäftigten - liegt im Durchschnitt der skandinavischen Länder um 27 % höher als in Deutschland (Abb. 12458).


6. Steuern

Die skandinavischen Länder erreichen ihre eindrucksvolle Wirtschaftsleistung (siehe Kapitel 10) mit relativ hohen Steuerlasten. Die Steuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt sind 56 % höher als in Deutschland (Abb. 12460), mit Sozialabgaben immer noch 12 % höher (Abb. 12461). Die Lohnsteuer einer Einzelperson ohne Kinder als Anteil am Bruttoeinkommen ist durchschnittlich 8 % höher (Abb. 12492S).



Wesentlich höher sind in Skandinavien die Einkommens- und Gewinnsteuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt, nämlich um 81,3 % als Anteil am BIP (Abb. 12462).


Lediglich die Unternehmenssteuern wurden aus Wettbewerbsgründen kräftig abgesenkt und liegen noch um knapp 8 % unter der neuen Steuerbelastung der Kapitalgesellschaften nach der Unternehmenssteuerreform von 2008 (Abb. 12496S). Das ist allerdings auch ein teilweiser Ausgleich für die viel höhere Belastung von Einzelpersonen mit Einkommens- und Gewinnsteuern sowie Vermögens- und Erbschaftssteuern (Abb. 12464). Dank der hohen Steuereinnahmen (und keinen Wiedervereinigungslasten) ist die skandinavische Staatsschuld als Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist um mehr als 41 % geringer (Abb. 12940).



7. Einkommen und Verbrauch

Die Löhne und Gehälter sind pro Kopf in Dollar umgerechnet durchschnittlich um ein Viertel höher als in Deutschland, allerdings mit erheblichen Unterschieden (Abb. 12019). Sie sind kaufpreisbereinigt zwischen 2000 und 2008 in Skandinavien um 16,1 % gestiegen, während sie in Deutschland bei 1,2 % stagnierten (Abb. 12465).



Die Ungleichheit in der Einkommensverteilung ist dabei viel geringer als in Deutschland (Abb. 12028). Man kann sagen, daß dies eine der sozialen Stärken der skandinavischen Gesellschaften geblieben ist, während Deutschland an diesem Ende stark verloren hat.


So ist auch die Lohndiskriminierung der Frauen in Skandinavien um fast ein Viertel geringer (Abb. 15270).


Bei einer normalen Einkommensentwicklung hat sich der Verbrauch privater Haushalte in Skandinavien siebenmal besser als in Deutschland entwickelt (Abb. 12467).


8. Arbeitsmarkt

Den skandinavischen Ländern ist es wesentlich besser gelungen, Frauen und ältere Menschen in Beschäftigung zu bringen. Der Frauenanteil lag 2008 10 Prozentpunkte, der älterer Menschen 11 Prozentpunkte höher als in Deutschland (Abb. 12507S).


Die allgemeine Arbeitslosenquote liegt in Skandinavien nahe der deutschen, auch weil in Deutschland statistische Manipulationen, Kurzarbeit und die Schaffung von unsicheren und minderwertigen Jobs einen stärkeren Anstieg verhindert haben (Abb. 12938). Doch bei der besonders wichtigen Zahl der Langzeitarbeitslosigkeit zeigt sich die bittere Kehrseite des deutschen Modells mit gedrosselten Arbeitseinkommen und einer schlechten Verbraucherkonjunktur bei unzureichenden Investitionen in die Bildung: diese Quote ist in Deutschland fast viermal höher (Abb. 12939).



Hinzukommt der wesentliche höhere Beschäftigungsanteil im öffentlichen Sektor (Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Bildung, Gesundheits- und Sozialarbeit, andere Gemeindearbeit, soziale und persönliche Dienste) von rund 36 % gegenüber nur 30 % für Deutschland (Abb. 13674).


Dieser Umstand stabilisiert das Wohlfahrtssystem, weil dort auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad besonders hoch ist. Schwerpunkt sind soziale und kulturelle Dienstleistungen aller Art, die der Gesamtbevölkerung zur Nutzung offen stehen. Für die Akzeptanz der hohen Abgabenlast bei aufstrebenden Mittelschichten ist das öffentliche Dienstleistungsangebot sehr wichtig, weil z.B. jeder Bürger weiß, egal was passiert, bei Bedarf und im Alter habe ich gegenüber meiner Kommune Anspruch auf hochwertige ambulante wie stationäre Pflegeleistungen.

Noch größer wird der Unterschied, nämlich 30,4 % und 22,6 %, wenn man die Öffentliche Verwaltung und Verteidigung herausläßt (Abb. 13675).


9. Renten

Besonders ungünstig schneidet Deutschland im Vergleich mit Skandinavien bei den Renten ab (Abb. 12502).


Wie schaffen z.B. die Dänen eine im Vergleich zu Deutschland so phantastische Rente, vor allem für ärmere Menschen? Die Folkepension besteht aus einer Grundrente für alle und seit 2004 einer einkommensabhängigen Zusatzrente für die am schlechtesten gestellten Rentner. Außerdem gibt es drei weitere Systeme: die auf Beiträgen beruhende ATP (Arbeitsmarkt Zusatz-Rente seit 1964) und die ebenfalls auf Beiträgen beruhende SP (Besonderes Rentenspar-Schema seit 1999) sowie berufliche Zwangsversicherungssysteme, die ungefähr 90 % aller Arbeitnehmer abdecken.

Die Grundrente entspricht rund 18 % der durchschnittlichen Einkommen. Bei Einkommen über zwei Dritteln des Durchschnittseinkommens verkürzt sich die Rente um 30 % oberhalb dieser Grenze. Die Rente wird jährlich an die Entwicklung der Einkommen angepaßt. Da sich - anders als in Deutschland - die Arbeitseinkommen regelmäßig nach oben entwickelt haben, und zwar zwischen 2000 und 2006 real etwa zehnmal stärker als in Deutschland, habe sich auch die Renten weit besser entwickeln können als in Deutschland.

10. Bruttoinlandsprodukt

Im Zeitraum 2000 bis 2009 hat sich das skandinavische Bruttoinlandsprodukt etwa doppelt so gut entwickelt als in Deutschland (Abb. 12471, 12472).



11. Fazit

Diese Ergebnisse sind ein überzeugender Beweis für einen Wohlstandskurs, der aufbaut auf: höheren Steuern, besonders Einkommens- und Gewinn-Steuern, einem besseren Bildungssystem, höheren Arbeits- und Renteneinkommen, einer besseren Integration der Frauen sowie der Immigrantenkinder in den Arbeitsmarkt. Der Vorteil zeigt sich nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt. Die skandinavischen Länder übertreffen Deutschland in den meisten Kriterien, teilweise sogar sehr erheblich. Das ist hier noch einmal in tabellarischer Form zusammengefaßt:


(1) Rückstand in mathematischen Leistungen verglichen mit Einheimischen

(2) Wahrscheinlichkeit eines Hochschulabschlusses

(3) Wahrscheinlichkeit des Versagens in Mathematik verglichen mit Oberschichtkindern

(4) Wahrscheinlichkeit Hochschulabschluß Oberschicht zu Unterschicht

(5) Einzelperson ohne Kinder (Anteil an Bruttoeinkommen)

(6) Anteil Erwachsene 25-34 Jahre mit Hochschulabschluß

(7) Verhältnis oberstes zu unterstes Fünftel

(8) 55 bis 64 Jahre

(9) Verhältnis Rente zum letzten Arbeitseinkommen


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