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Von http://www.jjahnke.net/skan.html, Version 28.05.07

1. Soziale Mobilität

Globalisierung

Immer wieder wurde ich ermuntert, die Systemvergleiche weiter auszubauen. Dabei wird vor allem das skandinavische Sozial- und Wirtschaftsmodell angesprochen. Nun habe ich die etwas mehr als ein Jahr alte Schwerpunktseite wieder neu aufgelegt und dabei erheblich erweitert. Ich stand dabei unter dem Eindruck eines mir zugeschickten Artikels im WallStreet Journal über das amerikanische Mobility Projekt. Das versucht festzustellen, in wieweit der amerikanische Traum der Aufwärtsmobilität von Eltern zu Kindern noch den Fakten entspricht und kommt dabei zu einem für die USA bedrückenden Ergebnis: Männer in den 30ern verdienen heute weniger als Männer der gleichen Altersgruppe in der Generation der Väter. Zweites Ergebnis: Bis auf Großbritannien sind alle Vergleichsländer in der Mobilität besser dran (Frankreich, Deutschland, Schweden, Kanada, Finnland, Norwegen, Dänemark). Das eigentlich Auffallende daran ist der deutliche Vorsprung der vier skandinavischen Länder, in den sich nur Kanada miteinordnet (Abb. 12451). In Dänemark haben die Söhne fast die gleichen Einkommenschancen egal, aus welcher sozialen Schicht sie kommen.


Wenn man davon ausgeht, daß die Besitz- und Einkommensverhälnisse der Elterngenerationen überall in Zeiten einer neoliberalen Wirtschaftsordnung zementiert sind und sich eher noch weiter auseinanderentwickeln, so können allenfalls die Kinder bei einem ausreichenden Maß an Chancengleichheit das Pendel zurückholen. Das Mobility Projekt stellt auf die Chancengleichheit im Bildungssystem, der Gesundheitsfürsorge, der Familienumgebung, der Kultur, des Arbeitsmarkts und anderer institutioneller Faktoren ab. Es mißt als relative Mobilität den Einkommensunterschied zwischen der Eltern- und der Kindergeneration. Den Unterschied in der so definierten Chancengleichheit markiert für mich Dänemark, wo sie doppelt so hoch ist als in Deutschland gemessen wird (Abb. 12452). Ebenso hat eine Studie der Warwick Universität vom September 2006 gezeigt, daß in Dänemark, Finnland und Norwegen die Einkommen von Vätern und Söhnen sich hoch „nicht-liniear" verhalten also das Einkommen des Sohnes so gut wie gar nicht durch das des Vaters bestimmt wird.


Angesichts der in Deutschland grassierenden Jubelmeldungen der Großen Koalition und vieler Medien ist ein Blick über die deutschen Grenzen nach Norden dringends angebracht. Zusammen erreichen die skandinavischen Länder mit 30 % der deutschen Bevölkerung eine Wirtschaftsleistung, die 42 % der deutschen entspricht. Gehen wir nun den einzelnen Faktoren in folgender Reihenfolge nach: Geburtenrate, Bildung, Forschung & Entwicklung, Produktivität, Steuern, Einkommen und Verbrauch, Arbeitsmarkt, Bruttoinlandsprodukt.

2. Geburtenrate und Altersdurchschnitt

Skandinavien hat eine wesentlich höhere Fruchtbarkeitsrate als Deutschland. Skandinavische Frauen bringen im Laufe ihres Lebens 34 % mehr Kinder zur Welt (Abb. 12453). Dementsprechend ist der Anteil jüngerer Menschen unter 20 Jahren an der Gesamtbevölkerung auch um mehr als ein Fünftel höher. Während in Deutschland der hohe Altersanteil zu einem relativ hohen Anteil an altersbedingter finanzieller und gesundheitlicher Besorgnisse beiträgt, ist das also in Skandinavien wesentlich weniger der Fall. Umgekehrt wirkt sich der höhere Anteil jüngerer Menschen in Skandinavien auf den Optimismus und die Dynamik der Gesamtbevölkerung aus. Die Rentenprobleme sind erheblich leichter zu lösen.


3. Bildung

Das skandinavische Bildungssystem bringt bekanntlich Spitzenleistungen. Es erklärt nicht zuletzt, warum die relative soziale Mobilität so gut ist. Das System zeichnet sich zunächst durch eine hervorragende Finanzierung aus, und zwar pro Jahr und Schüler von der Vorschule bis zur Universtität etwa um ein Fünftel höher als in Deutschland (Abb. 12454). Besonders auffällig und eigentlich kaum nachvollziehbar ist nach OECD-Berechnungen der enorme Unterschied in den Ausgaben pro Volksschüler von fast 54 % mehr in Skandinavien. Hier baut sich der große Rückstand Deutschlands in den Bildungsleistungen frühzeitig auf.


Nach der letzten Pisa-Studie für 2003 ist Finnland erneut der internationale Spitzenreiter im Bereich der Schulbildung gewesen. Aber auch die anderen skandinavischen Länder schneiden in der Regel besser als Deutschland ab und liegen meist oberhalb des Durchschnitts, während Deutschland im Mittelfeld hängen bleibt. Auffällig ist dabei die in Deutschland relativ hohe Leistungsvarianz zwischen Schulen, die sich von dem einheitlicheren Bild der skandinavischen Länder unterscheidet.

Das deutsche Schulsystem leidet neben der Unterfinanzierung vor allem an zwei Schwachstellen: Kinder aus der unteren sozialen Schicht schneiden relativ schlecht ab, ebenso Kinder aus Immigrantenfamilien, die noch dazu in Deutschland besonders zahlreich sind. Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat eneut belegt, daß in kaum einem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.

Nach einer neuen OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Dagegen liegt die Wahrscheinlichkeit in Skandinavien nur wenig über dem dreifachen Wert (Abb. 12455).


Bei Immigrantenkindern der 2. Generation sind die Schulergebnisse in mathematischer Leistung in Skandinavien nur um weniger als 9 % schlechter als die einheimischer Schüler, in Deutschland dagegen um fast 18 % und damit also etwa doppelt so hoch (Abb. 12456).

Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs besonders wichtig: Die skandinavischen Länder zeichnen sich schließlich durch eine sehr hohe Rate an Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit Hochschulabschluß aus. Sie ist mit durchschnittlich 39 % um zwei Drittel höher als in Deutschland (Abb. 12456).


4. Forschung & Entwicklung, Produktivität

Auf der Basis einer guten Ausbildung sind in Skandinavien auch gute Ergebnisse in Forschung und Entwicklung sowie im Fortschritt der Produktivität zu erwarten. Die Ausgaben für F.u.E. gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind in Schweden und Finnland deutliche höher als in Deutschland, während sie in Dänemark und Norwegen darunter liegen (Abb. 12457).


Die Arbeitsproduktivität liegt im Durchschnitt der skandinavischen Länder etwa 13 % höher als in Deutschland (Abb. 12458).


5. Steuern

Die skandinavischen Länder erreichen ihre eindrucksvolle Wirtschaftsleistung (siehe Kapitel 8) mit relativ hohen Steuerlasten. Die Steuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt sind 90 % höher als in Deutschland (Abb. 12460), mit Sozialabgaben immer noch 38 % höher (Abb. 12461). Die Lohnsteuer einer Einzelperson ohne Kinder als Anteil am Bruttoeinkommen ist durchschnittlich 17 % höher (Abb. 12459).




Wesentlich höher sind in Skandinavien die Einkommens- und Gewinnsteuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt, nämlich um mehr als das doppelte (127 %, Abb. 12462).


Lediglich die Unternehmenssteuern wurden aus Wettbewerbsgründen kräftig abgesenkt und liegen noch um knapp 8 % unter der neuen Steuerbelastung der Kapitalgesellschaften nach der Unternehmenssteuerreform von 2008 (Abb. 12463). Das ist allerdings auch ein teilweiser Ausgleich für die viel höhere Belastung von Einzelpersonen mit Einkommens- und gewinnsteuern sowie Vermögens- und Erbschaftssteuern (Abb. 12464).



Dank der hohen Steuereinnahmen ist die skandinavische Staatsschuld als Anteil am Bruttoinlandsprodukt im gewichteten Durchschnitt von Schweden, Dänemark und Finland ist weniger als die Hälfte der deutschen oder der französischen (Abb. 12029).


6. Einkommen und Verbrauch

Die Löhne und Gehälter sind pro Kopf zu Kaufkrafteinheiten in Euro umgerechnet im Durchschnitt 11 % höher als in Deutschland (Abb. 12019). Sie sind kaufpreisbereinigt zwischen 2000 und 2006 in Skandinavien um 13 % gestiegen, während sie in Deutschland bei einem schachen Plus von 1 % stagnierten (Abb. 12465).



Die Ungleichheit in der Einkommensverteilung ist dabei viel geringer als in Deutschland (Abb. 12028). Man kann sagen, daß dies eine der sozialen Stärken der skandinavischen Gesellschaften geblieben ist, während Deutschland an diesem Ende verloren hat. Nur Norwegen hat mit dem Ölreichtum eine Ungleichheit wie in Deutschland aufgebaut.


Die viel ungleichere Einkommensentwicklung zeigt auch ein Vergleich der Vergütung von Geschäftsführern in Deutschland und Schweden: die deutschen tragen im Durchschnitt 87 % mehr nach Hause und heben sich damit viel stärker vom Durchschnittseinkommen ab als in Schweden (Abb. 12466).


Bei einer normalen Einkommensentwicklung hat sich auch der Verbrauch privater Haushalte in Skandinavien gut entwickelte, während er in Deutschland seit 2000 stagnierte (Abb. 12467). Seit 2000 stieg er um 17,5 % gegen 1,9 % in Deutschland.


7. Arbeitsmarkt

Die skandinavischen Ländern ist es wesentlich besser gelungen, Frauen und ältere Menschen in Beschäftigung zu bringen. Der Frauenanteil lag 2005 18 %, der älterer Menschen 41 % höher als in Deutschland. Deutschland hat zwar seitdem mit dem Abbau der Arbeitslosigkeit etwas nachgeholt, der Abstand dürfte aber immer noch sehr groß sein (Abb. 12468).


Keine Überraschung dann, daß die Arbeitslosenquote in Skandinavien um fast 27 % unter der deutschen liegt (Abb. 12469). Mit 75 % noch wesentlich größer ist der Abstand bei den Langzeitarbeitslosen (Abb. 12470). Hier zeigt sich die bittere Kehrseite des deutschen Modells mit gedrosselten Arbeitseinkommen und einer schlechten Verbraucherkonjunktur bei unzureichenden Investitionen in die Bildung.



8. Renten

Besonders ungünstig schneidet Deutschland brutto und netto im Vergleich mit Skandinavien bei den Renten ab (Abb. 12482). Der Unterschied fällt noch größer aus, wenn man die höheren skandinavischen Durchschnittseinkommen berücksichtigt (Abb. 12483).





Wie schaffen z.B. die Dänen eine im Vergleich zu Deutschland so phantastische Rente, vor allem für ärmere Menschen? Die Folkepension besteht aus einer Grundrente für alle und seit 2004 einer einkommensabhängigen Zusatzrente für die am schlechtesten gestellten Rentner. Außerdem gibt es drei weitere Systeme: die auf Beiträgen beruhende ATP (Arbeitsmarkt Zusatz-Rente seit 1964) und die ebenfalls auf Beiträgen beruhende SP (Besonderes Rentenspar-Schema seit 1999) sowie berufliche Zwangsversicherungssysteme, die ungefähr 90 % aller Arbeitnehmer abdecken.

Die Grundrente enspricht rund 18 % der durchschnittlichen Einkommen. Bei Einkommen über zwei Dritteln des Durchschnittseinkommen verkürzt sich die Rente um 30 % oberhalb dieser Grenze. Die Rente wird jährlich an die Entwicklung der Einkommen angepaßt. Da sich - anders als in Deutschland - die Arbeitseinkommen regelmäßig nach oben entwickelt haben, und zwar zwischen 2000 und 2006 real etwa zehnmal stärker als in Deutschland, habe sich auch die Renten weit besser entwickeln können als in Deutschland.

9. Bruttoinlandsprodukt

Im Zeitraum 2000 bis 2006 hat sich das skandinavische Bruttoinlandsprodukt um nicht weniger als 150 % besser entwickelt, nämlich mit einem Zuwachs von 15.4 % gegenüber nur 6,2 % in Deutschland (Abb. 12471 und 12472).



Pro Kopf und in Kaufkrafteinheiten ausgedrückt liegt das Bruttoinlandsprodukt in Skandinavien um 20 % höher als in Deutschland (Abb. 12024). Dabei wird der Durchschnitt Skandinaviens durch den besonders hohen Wert für Nowegen wegen der in die Gewichtung eingehenden kleinen Bevölkerung von nur 4,7 Millionen nur unwesentlich gehoben. Umgekehrt ist bei dem niedrigsten Wert von Finnland zu berücksichtigen, daß dieses Land ein ausgesprochener Spätentwickler ist und immer noch aufholt.


Das ist ein überzeugender Beweis für einen Wohlstandskurs, der aufbaut auf: höheren Steuern, einem besseren Bildungssystem, mehr Aufwand in Forschung und Entwicklung, einer höheren Produktivität, höheren Arbeitseinkommen, einer besseren Integration der Frauen und Älteren sowie der Immigrantenkinder in den Arbeitsmarkt, mehr sozialer Gleichheit und einer durchschnittlich jüngeren Bevölkerung. Der skandinavische Vorteil zeigt sich nicht zuletzt auch in einer drastisch geringeren Langzeitarbeitslosigkeit, unter der Deutschland (trotz aller statistischer Korrekturen) immer noch leidet.

Die anschließende Tabelle enthält einen Überblick zu den Werten die in Skandinavien höher oder niedriger als in Deutschland sind; die Veränderungen sind in Prozent und nicht in Prozentpunkten angegeben (KKP = Kaufkraftparität).


Schließlich zum Schluß noch ein breiter angelegter Vergleich. Es ist der neue Friedensindex der Economist Intelligence Unit (EIU), des mit dem angesehenen britischen Nachrichtenmagazin "The Economist" in Verbindung stehenden Forschungsinstituts, zu 121 Ländern. Dabei wurden 24 Kriterien bewertet. Auch Indikatoren zu Demokratie, Transparenz und Bildung wurden in das Ranking einbezogen. Deutschland landet nicht schlecht auf Platz 12. Aber auch hier liegen die skandinavischen Länder ganz vorn (Abb. 12473).