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25 Schandbilder
Deutschland seit dem Fall der Mauer



Was sich etwa seit Fall der Berliner Mauer in Deutschland gesellschaftspolitisch entwickelt hat, kann man korrekterweise nur als Schande und schändlich bezeichnen. Nach Ende der Systemkonkurrenz mit dem Kommunismus legten die führenden Schichten so richtig neoliberal los und beseitigten zunehmend die Reste der einst sozialen Marktwirtschaft, die das Markenzeichen Deutschlands gewesen war. Sie erreichten ihre Ziele umso leichter, als sie gleichzeitig eine extreme Globalisierung betrieben, die in der ebenfalls zur gleichen Zeit stattfindenden übereilten Marktzulassung der auf Hungerlöhnen aufbauenden chinesischen Konkurrenz gipfelte. Der Niedriglohndruck, der bereits aus Osteuropa organisiert wurde, konnte so noch einmal erheblich gesteigert werden. Dabei wurden - anders als in fast allen westeuropäischen Ländern - flächendeckende Mindestlöhne, die einen wenigstens teilweisen Schutz gegen den negativen Lohndruck hätten gewähren können, verweigert.

Unter Schröder wurde dann noch mit Hartz4 kräftig von unten gegen das Sozialsystem getreten. Mit der Bankenrettung und der Transferunion nach Südeuropa werden nun weitere Weichen gestellt, die bei uns zu einer sozial ungerechten Verteilung der Lasten führen.

Für das Infoportal sind in den vergangenen Jahren rund 5.500 Schaubilder entstanden, mit denen die Entwicklung immer wieder analysiert wurde. Die Daten kommen meist aus deutschen oder internationalen amtlichen Quellen. Ich habe nun die 25 Schaubilder herausgesucht, die diese unsoziale Entwicklung am Besten beschreiben. Sie erweitern eine frühere Sammlung von 9 Schandbildern, die in wenigen Tagen bereits mehr als 4.200-mal im Infoportal aufgeschlagen wurden, und brauchen kaum Kommentar. Zur leichteren Verbreitung und zum Ausdrucken können Sie hier eine pdf-Fassung herunterladen.

Brennpunkte der Entwicklung sind:

1. Ein schlechtes und immer mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängiges Bildungssystem.

2. Immer mehr unsichere und unterbezahlte Arbeitsplätze bei immer mehr Abhängigkeit der Niedrigbezahlten von staatlicher Stütze.

3. Ein vergleichsweise niedriges Rentenniveau mit Angst vor Altersarmut.

4. Eine in die Stagnation gezwungene Nachfrage privater Haushalte.

5. Ein immer ungerechteres Steuersystem.

6. Eine immer spitzere Vermögenspyramide bei immer größerer Spreizung der Einkommen und Abstieg der Mittelklasse nach unten.

7. Eine sehr negative demographische Entwicklung.

8. Wachsende Unzufriedenheit mit der Lebenssituation und ein hoher Angstpegel in der Bevölkerung.


1. Ein schlechtes und immer mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängiges Bildungssystem

Deutschland gehört zu den Ländern mit den niedrigsten Bildungsausgaben pro Grundschüler, also in der Phase, in der die Bildungsweichen gestellt werden (Abb. 2). Die Schüler mit Migrationshintergrund werden schlecht integriert. Bei der für die Zukunft so wichtigen Hochschulausbildung ist Deutschland innerhalb von 50 Jahren von einer führenden Position an das Ende des Feldes zurückgefallen (Abb. 1). Auch bei der betrieblichen Weiterbildung liegt es am Ende (Abb. 17080).




2. Immer mehr unsichere und unterbezahlte Arbeitsplätze bei immer mehr Abhängigkeit der Niedrigbezahlten von staatlicher Stütze

Die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger stieg seit 2000 um 1,5 Millionen, weil immer mehr niedrigbezahlte Arbeitnehmer staatliche Stütze brauchen (Abb. 3). Die Zahl der befristeten und Leiharbeitsverhältnisse legte um 1,1 Millionen zu (Abb. 4). Auch im so gefeierten letzten Jahr erfolgte der Abbau der Arbeitslosigkeit nur zu etwas weniger als einem Viertel über normale Beschäftigung (Abb. 17025). Kein Wunder dann, daß Deutschland über das Jahrzehnt am unteren Ende der internationalen Entwicklung der Löhne und Gehälter rangiert (Abb. 17122).





3. Ein vergleichsweise niedriges Rentenniveau mit Angst vor Altersarmut

Die deutschen Renten gelten allgemein trotz aller amtlicher Beteuerungen als unsicher. Der Eingangsrentenbetrag sinkt immer weiter (Abb. 17096). Angst vor Altersarmut ist weit verbreitet. Nach dem OECD-Rentenvergleich ist das deutsche Rentenniveau verglichen mit dem letzten Arbeitseinkommen sehr niedrig, vor allem bei kleineren Arbeitseinkommen (Abb. 12490, 12489).




4. Eine in die Stagnation gezwungene Nachfrage privater Haushalte

Als Folge der abgesenkten Massenkaufkraft verzeichnet Deutschland seit 2000 im internationalen Vergleich die schlechteste Entwicklung der Nachfrage privater Haushalte (Abb. 6).


5. Ein immer ungerechteres Steuersystem

Seit Mitte der 70er Jahre wurde der Anteil der direkten Steuern, die in ihrem Tarif in der Regel von der Vermögens- und Einkommenslage abhängig sind, von 62 % auf nur noch 48 % immer weiter abgesenkt (Abb. 14674).


Das geschah durch Absenkung des Spitzensteuersatzes der Einkommenssteuer (Abb. 14658) sowie den Abbau von Vermögenssteuern (Abb. 14719), bei deren Aufkommen Deutschland nun international zu den absoluten Schlußlichtern zählt (Abb. 15404).




Spiegelbildlich dazu wurden die indirekten Steuern, bei denen der gleiche Steuersatz unabhängig von den Einkommensverhältnissen gilt, vor allem über die MwSt. hochgezogen. So wurden weniger wohlhabende oder gar arme Menschen in immer größerem Umfang den gleichen indirekten und steigenden Steuerquoten unterworfen wie die Wohlhabenden.

Die zur Einkommenssteuer erklärten Einkommen unterliegen einer enormen Spreizung (Abb. 17181). Übrigens beträgt der tatsächlich bezahlte durchschnittliche Steuersatz für das oberste Hundertstel nach StaBuA lediglich 33,6 % und damit weit weniger als der für Spitzeneinkommen eigentlich geltende Spitzensteuersatz von 45 %, was auf große Schlupflöcher hinweist.


Die durchschnittliche Abgabenbelastung auf Arbeitseinkommen ist im internationalen Vergleich besonders hoch (Abb. 15347). Dabei wurde zwischen 2000 und 2009 die marginale Belastung mit Lohnsteuer und Sozialabgaben vor allem bei denen mit mehr als 150 % der durchschnittlichen Arbeitseinkommen abgesenkt und betrug in den letzten Segmenten ab 180 % der durchschnittlichen Arbeitseinkommen schon fast 10 Prozentpunkte (Abb. 15325). Also wurde auch innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmer das Steuersystem immer ungerechter.



6. Eine immer spitzere Vermögenspyramide bei immer größerer Spreizung der Einkommen und Abstieg der Mittelklasse nach unten

Über den Zeitraum seit dem Jahr 2000 bis 2. Quartal 2011 sind die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer verbraucherpreisbereinigt um 2 % gesunken, während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen trotz des Einbruchs in 2008 bereinigt um den BIP-Inflator um mehr als 32 % expandiert sind. Dabei ist die Stagnation der realen Arbeitseinkommen eine seit nun mehr als 10 Jahren zu beobachtende Dauersituation, während der Einbruch bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen eine zeitweise und krisenbedingte Situation war und ist (Abb. 14849).


Schon der wuchernde Niedriglohnsektor und hohe Langzeitarbeitslosigkeit sorgen bei den Mittelschichten für die soziale Rolltreppe nach unten: In den untersten ersten und zweiten Zehnteln der deutschen Vermögensverteilung von 2007 waren fünf Jahre vorher noch etwas mehr als die Hälfte in höheren Zehnteln gewesen und sind dann hierhin abgestiegen (Abb. 17124).


Innerhalb der Alt-EU hat Deutschland bereits seit der Jahrtausendwende seinen Platz am unteren Ende geringerer Einkommensspreizung verlassen und liegt nun im Mittelfeld (der kleine Abwärtshaken in 2008/9 ist wegen des krisenbedingten Einbruchs der Aktieneinkommen nur zeitweilig, Abb. 13722).


Die gesamte Vermögenspyramide ist im Gefolge einer viele Jahre andauernden Ungleichentwicklung der Einkommen und mangelnder Steuergerechtigkeit sehr spitz geworden (Abb. 5).


7. Eine sehr negative demographische Entwicklung

Bei der demographischen Entwicklung gemessen in Kindern pro Frau ist Deutschland an das Ende des internationalen Feldes in Westeuropa geraten (Abb. 8). Dementsprechend hat Deutschland den höchsten Anteil derer von 65 und mehr Jahren und wird diesen ungünstigen Vorsprung noch weiter ausbauen (Abb. 9).



8. Wachsende Unzufriedenheit mit der Lebenssituation und ein hoher Angstpegel in der Bevölkerung

Internationale Vergleiche zeigen einen besonders hohen Anteil an Unzufriedenheit mit der Lebenssituation in Deutschland. Das gilt besonders für die Älteren (Abb. 7). Mehrheiten der deutschen Bevölkerung leben in Angst um den Euro und ihr Vermögen (Abb. 17182).




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