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Reihe 69 ab 15-02-10 ... ...

(1986) Endlich die Wahrheit zum Euro: Er kann nicht ohne Beihilfen laufen oder Hier wurde und wird unser Geld verspielt

(1985) Gesellschaft für Konsumforschung - oder für Aufschwungspropaganda?

(wb05.15) Von finnischem Lernen lernen: Wann endlich?

(1984) Nicht nur Griechenland, auch Deutschland ist nicht "Euro-fähig"

(1983) Staatsverschuldung bis über die Investitionsbereitschaft der Anleger? Was dann? Was nach Griechenland?

(1982) Eine Lanze für den deutschen öffentlichen Dienst

(wb04.14) Deutschland bleibt in der internationalen Wirtschaftsentwicklung unter den Schlußlichtern

(1981) Die umgekippten Pyramiden der Einkommen und Vermögen in Deutschland

(wb04.13) Warum die Kreditkrise so ähnlich oder schlimmer durchaus wiederkehren kann

(1980) Die unglaubliche Schweinerei des Geldhauses Goldman Sachs - Teil 2: Die Banken schwimmen schon wieder im Fett

(1979) Die unglaubliche Schweinerei des Geldhauses Goldman, Sachs & Co.

(1978) Die gewerbliche Wirtschaft baut weiter ab

(wb03.12) Vermögensverteilung: Die Reichen schneiden sich ein immer größeres Stück aus einem stagnierenden Kuchen

(wb03.11) Leben im untersten Einkommensfünftel in Deutschland - Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit

(1977) Die Spekulanten haben bei Griechenland gewonnen: Die EU sichert ihre Profite

(1976) Deutsche PKW-Zulassungen im März wieder auf dem Niveau des Krisenjahres 2008

(wb04.1) China: Ein Gigant auf schwachen sozialen Füßen (importieren wir auch diese Füße?)

(1974) Der deutsche Export sieht nur gut aus, wenn man ihn mit dem Krisentiefstpunkt vergleicht

(1973) Griechenland kommt nicht auf die Beine

(wb03.3) Einige ziemlich gesicherte Anker in der Klimadiskussion

(wb03.2) Die Angst vor Jobverlust und der Anstieg der befristeten Beschäftigungsverhältnisse

(wb03.1) Euro ade? Warum Deutschland falsch spielt

(1969) Wer in Europa Deutschland kennt, wird nicht neidisch sein: Wem eigentlich nützt die deutsche Exportmanie?

(1968) Warum wir dringendst einen neuen Lebensstil brauchen

(1967) Die Wahrheit vom Arbeitsmarkt: Immer mehr Arbeitslosigkeit in „Unterbeschäftigung" versteckt

(1966) IWF-Prognose für Deutschland: Zurück in die mageren Jahre

(1965) Tricks mit Statistik: Hier angeblich „massiv gestiegene" Arbeitskosten in Deutschland

(1964) Warum wir dringendst einen neuen Lebensstil brauchen

(1963) In sozial gleicheren Ländern lebt man besser - Teil 2: Die Ungleichverteilung der Einkommen korrespondiert mit der Bildung, der Behandlung der Frauen und der Aufstiegsmobilität

(1962) Immer wieder die Mogelpackungen zum Konsumklima

(1961) Und nun ein „Weichei-Euro"?

(1960) Die Gemeinden bluten aus

(1959) In der Krise erhöht Deutschland den negativen Lohndruck in Europa noch weiter

(1958) In sozial gleicheren Ländern lebt man durchschnittlich länger und gesünder

(1957) Zur Diskussion um befristete Arbeit

(1956) Deutschlands Europolitik: Masoschistisch, dumm, verlogen und arrogant

(1955) Umsatz im deutschen Bücher-Einzelhandel seit drei Jahren rückläufig

(1954) ZEW-Finanzexperten: Weiterer Rückgang in der Konjunkturerwartung

(1953) 10 deutsche Sünden gegen die Solidarität in der Eurozone und die eigenen Interessen

(1952) Deutschland als Spielverderber und Euro-Pariah im Visier seiner Europartner




global news 1986 27-04-10: Endlich die Wahrheit zum Euro: Er kann nicht ohne Beihilfen laufen oder Hier wurde und wird unser Geld verspielt

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Da war uns hoch und heilig von Helmut Kohl und seinen Nachfolgern versprochen worden: Der Euro werde so hart wie die Deutsche Mark sein und es werde keine Beihilfen an die Partner geben. Einige haben Letzteres immer schon angezweifelt, darunter auch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Doch nun ist die Wahrheit nicht mehr zu verbergen. Der Euro war ein Blanko-Scheck gezogen auf die Steuerzahler der wenigen Überschußländer, besonders die deutschen, der den Ländern auf der Südschiene erlaubte, weit über ihre Verhältnisse zu leben. Innerhalb des Euro brauchten sie nicht die Importverteuerungen von Währungsabwertungen zu verkraften und genossen sehr niedrige Zinsen für die notwendigen Staatsanleihen, die sich weitgehend an den deutschen orientierten und trotz der explodierenden Verschuldung nicht wesentlich stiegen (Abb. 16070,16040).



Andererseits genossen die deutschen Exportkonzerne die aufwertungsfreien Exportüberschüsse in die Defizitländer, als könne das ewig so weitergehen. Die deutschen Arbeitnehmer mußten mit stagnierenden oder real rückläufigen Löhnen dazu beitragen. Die deutschen Renten waren dementsprechend trotz Inflation jahrelang eingefroren. Gleichzeitig stiegen Löhne und Renten in den Defizitländern, als würde immer die Sonne scheinen.

Der Euro war eine Schönwetter-Veranstaltung. Nun haben es auch Mehrheiten in Deutschland begriffen: Mit der Einführung des Euro hat die deutsche Politik deutsches Geld verspielt und verspielt es weiter. Es ist eine total verfahrene Situation entstanden mit unabsehbaren finanziellen Konsequenzen für fast alle von uns. Wenn Griechenland am Ende doch umschulden muß, was wahrscheinlich ist, also die Anleihezeichner Verluste mittragen müssen, werden auch die deutschen Banken wieder dran sein und damit erneut der deutsche Steuerzahler. Unbegreiflich ist, wie nach all den bedrückenden Erfahrungen mit den miesen amerikanischen Hypothekenpapieren und dem Betrug durch die Rating Agenturen in der weit überzogenen Bewertung dieser Papiere, nun die europäische Subprime-Krise um die griechischen Staatsanleihen kommen konnte. Wie konnten die deutschen Aufsichtsbehörden erneut schlafen und den massiven Aufkauf griechischer Staatsanleihen durch deutsche Banken vor allem in den letzten Monaten zulassen, als die Zinsen immer weiter stiegen (Abb. 16039)? Wie konnte die EZB solche Anleihen als Sicherheit für ihre Kredite an die Banken akzeptieren und auch noch erklären, daß sie das trotz einer Runterstufung der Anleihen durch die Rating Agenturen ungestört fortsetzen würde?


Die Mehrheit der Deutschen ist nun gegen finanzielle Hilfen für Griechenland. Laut Studie von Infratest dimap lehnen 57 Prozent es ab, gemeinsam mit den anderen EU-Staaten Griechenland zu unterstützen. Nur 33 Prozent halten eine finanzielle Unterstützung für richtig. Für die Umfrage waren Mitte April insgesamt 1009 Bundesbürger per Telefon befragt worden. Andererseits lehnen nach einer Umfrage in Griechenland dort fast zwei Drittel es ab, daß ihre Regierung bei EU und IWF um Hilfe bittet. Da wird also die sehr bittere Medizin verweigert und statt dessen eine Umschuldung, für die auch die Gläubiger zahlen müssen, bevorzugt. Argentinien in Europa. Das kann nur noch in die Hosen gehen. Man sollte Griechenland wirklich in die Umschuldung gehen lassen, je eher je besser. Dann müssen wenigstens die Spekulanten mitbluten. Alles andere ist ein Schrecken ohne Ende.

Einstweilen fällt der Euro trotz der Erwartung von Beistandszahlungen und zeigt die zu erwartenden Schwächen (seit Mitte Januar fast minus 9 % zum Dollar), weil die Märkte längst nicht mehr glauben, daß Griechenland an einer Umschuldung vorbeikommt (Abb. 15590). Nachdem griechische Anleihen nun von Standard und Poors auf Ramschstatus gesetzt wurden und die Zinsen mit fast 10 % den höchsten Stand aller Staatsanleihen erreicht haben (Abb. 16069), kann es nur noch schlimmer werden und Griechenland (und wahrscheinlich weitere Länder) für lange Zeit nicht mehr vom Tropf seiner Europartner loskommen. Mit der DM wäre das nicht passiert.




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global news 1985 27-04-10: Gesellschaft für Konsumforschung - oder für Aufschwungspropaganda?

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Die GfK in ihrer heutigen Pressemitteilung:

"Die Signale für eine Erholung der deutschen Wirtschaft werden stärker. Und auch die Konsumenten nehmen sie deutlicher wahr, wie ihr gestiegener Konjunkturoptimismus zeigt."

Und daraus macht der SPIEGEL:

"Lange hielten sich die Deutschen mit ihren Einkäufen zurück - jetzt wollen sie wieder konsumieren: Nach Angaben des Marktforschers GfK hat die Kauflaune der Deutschen im Mai überraschend stark zugenommen."

Ist da ein Wunder passiert in diesen trüben Zeiten, da die Griechenlandkrise, die auch eine weitere Krise unserer Banken werden kann, über uns hängt? Da auch das 1. Quartal dieses Jahr ein Minus-Quartal an Wirtschaftsleistung sein wird? Da auch die deutsche Staatsverschuldung immer neue Spitzenwerte erklimmt?

Die Wahrheit ist natürlich wieder anders, selbst die des nicht uminterpretierten Umfrageergebnisses der GfK zum Konsumklima. Da hat es nämlich nur ein Mini-Häkchen nach oben gegeben (Abb. 04711). Wieder mal reine Propaganda!



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global news wb05.15 26-04-10: Von finnischem Lernen lernen: Wann endlich?

Finnland hat nach allen Vergleichen der OECD das beste Schulssystem in Westeuropa, Deutschland eines der schlechteren. Warum kann man in Deutschland nicht von den finnischen Stärken lernen? Man nimmt die Vergleichsergebnisse zur Kenntnis, weiß aber nicht, worauf deren Stärke beruht, oder will es nicht wissen. Die BBC hat das finnische Schulsystem untersucht und dabei interessante Einblicke gewonnen, die auch Deutschland helfen könnten, von Finnland zu lernen. Gerade Deutschland mit seinem immer geringeren Nachwuchs an jungen Menschen ist für seine Zukunft ganz besonders auf deren erfolgreiche Ausbildung angewiesen.

Zunächst ein paar Vergleichsergebnisse und dann die Gründe für das gute finnische Abschneiden. Die materielle Basis ist nicht unwichtig: Finnland gibt 5,8 % seines Bruttoinlandprodukts für Bildung aus, in Deutschland sind es nur 4,8 %, einer der letzten Plätze unter OECD-Ländern (Abb. 13004). Auch als Anteil an den öffentlichen Ausgaben kommt Finnland mit 12,6 % weit vor Deutschland mit nur 9,7 %. Damit sorgt Finnland z.B. mit 15 Schüler pro Lehrer für ein besseres Verhältnis als Deutschland mit mehr als 18.


Die sogenannten Pisastudien zeigen Finnland seit Jahren in der Spitzenposition europäischer Schulergebnisse, während es Deutschland nur ins Mittelfeld schafft (Abb. 12027). Dabei ist in Finnland die Leistungsvarianz zwischen Schulen weit geringer als in Deutschland.


Vor allem sind die finnischen Ergebnisse weit weniger von der Vermögenssituation der Eltern abhängig. Nach der OECD-Berechnung ist an finnischen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 2,8 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht - zusammen mit Kanada ein Spitzenplatz an geringer Wahrscheinlichkeit. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit in Deutschland mit 4,6 mal viel höher und wird nur noch Belgien, der Slowakei und Ungarn übertroffen (Abb. 13090). Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit, keinen Hochschulabschluß zu erreichen, in Finnland mit 1,8 mal nur halb so groß als in Deutschland mit 3,2 mal, das in diesem Vergleich nur noch von Ungarn übertroffen wird (Abb. 13317).



Der Anteil der jüngeren Bevölkerung mit Hochschulausbildung ist in Finnland mit 43 % erheblich höher als in Deutschland mit nur 26 % (Abb. 13088). Auch im Vergleich des Altersjahrgangs für typische Hochschulabschlüsse in 2007, lag Finnland mit 48,5 % weit vor Deutschland mit 23,4 % (Abb. 13001).



Nun zu den Hintergründen für das gute finnische Abschneiden. Der eigentliche Trumpf ist das sehr gute Lehrpersonal. Lehrer zu werden, ist dort eine prestigevolle Karriere mit hoher gesellschaftlicher Anerkennung. Die besten Studenten werden Lehrer. Ein Master-Grad einer Hochschule ist in der Regel Vorraussetzung. Lehrer genießen auch ein hohes Vertrauen.

Damit geht Hand in Hand, daß begabte und weniger begabte Kinder in den gleichen Schulen und den gleichen Klassenräumen unterrichtet werden und sich die Lehrer jedes Kindes annehmen, so daß keines zurückbleiben soll. Für die in einzelnen Fächern weniger Begabten werden zusätzliche Lehrer bereit gestellt, die neben dem normalen Lehrer für den Anschluß der sonst Zurückbleibenden sorgen. Grund- und Oberschule sind zusammen untergebracht, damit die soziale Durchmischung klappt und kein Schüler die Nase ganz oben tragen kann, weil er - wie in vielen anderen Ländern - zu einer besonders renomierten Oberschule gehört. Auch wird damit der für Kinder streßvolle Schulwechsel von der Grundschule zur Oberschule vermieden. Die Unterschiede in den Schulleistung zwischen Schulen und zwischen Schülern sind im Ergebnis in Finnland weit geringer als anderswo.

Ein weiterer Trumpf ist die entspannte Stimmung in den Schulen, die ein Markenzeichen des finnischen Schulsystems ist. Kinder können, wenn sie wollen, in der Schule ihre Schuhe ausziehen, um sich zu Hause zu fühlen. Sie reden ihre Lehrer mit dem Vornamen an. Sie verbringen von allen Kindern im OECD-Raum die wenigsten Stunden im Klassenraum. Der Schulbesuch beginnt erst im Alter von sieben Jahren, ein Alter, in dem die Kinder dann richtig interessiert sind, etwas Ernsthaftes zu lernen. Die Schulen akzeptieren für einzelne Fächer unterschiedliche Begabungen und verlangen keinen zwanghaften Einheitsstandard für alle Fächer.

Finnische Eltern sind an der Bildung ihrer Kinder stark beteiligt. Es gibt eine Kultur, mit den Kindern zusammen zu Hause zu lesen. Eltern haben regelmäßige und häufige Kontakte mit den Lehrern.

Der Erfolg des finnischen Schulsystems baut auf der Idee auf, daß weniger mehr sein kann. Deswegen sind die Schulen frei von Vorgaben einer zentralen Kultusbürokratie und werden von den Gemeinden beaufsichtigt und hochgehalten.

Allerdings haben die finnischen Schulen einen natürlichen Vorteil, der hier nicht unterschlagen werden darf. Die Immigration ist in Finnland relativ gering, so daß sich die Schulen nicht so sehr um die Integration von Kindern mit sehr unterschiedlichem Immigrantenhintergrund bemühen müssen, wie das in Deutschland - und meist ohne großen Erfolg - geschieht.


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global news 1984 24-04-10: Nicht nur Griechenland, auch Deutschland ist nicht "Euro-fähig"

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Der Euro war von Anfang an eine technokratische Mißgeburt, weil er Länder mit sehr unterschiedlichen sozialen Kulturen in ein Zwangskorsett ohne die Möglichkeit von Wechselkursveränderungen einspannte in der Hoffnung, daß diese Unterschiede automatisch begradigt würden, zumal ein Verbot von Stützungszahlungen unter Europartnern vereinbart war. Dabei gab es keine politischen Instrumente gemeinsamer Politik, die eine solche Anpassung hätten bewirken können. Das Pferd wurde also allen Warnungen zum Trotz von hinten aufgezäumt. Es war die gleiche technokratische Fehlkalkulation, mit der das Staatshandelsland China samt seiner völlig unsozialen Arbeitskostenstruktur und entsprechendem Dumping vorschnell und ziemlich bedingungslos in die WTO aufgenommen wurde oder die letzte Erweiterungsrunde der EU in den Balkan hinein stattfand. Alles waren Entscheidungen, an denen die letztlich betroffenen Menschen bei uns und in anderen Alt-EU-Ländern nicht mitwirken durften. Die Politiker und Technokraten trauten sich zu, so wichtige Entscheidungen über die Köpfe ihrer Völker hinweg zu treffen.

Nun ist schon mal das griechische Kind im Brunnen. Doch die Verantwortung liegt nicht nur bei der einen Seite, nämlich Griechenland, sondern auch bei Deutschland, das sich in der Gegenrichtung in der Entwicklung der Lohnstückkosten vom Rest der Eurozone nach unten entfernt hat. Ein ausuferender Niedrigstlohnsektor, die Hartz-IV-Reformen und die Verweigerung von Mindestlöhnen, wie bei den Eurozonenpartnern vorhanden, trugen erheblich dazu bei. Das alles geschah im Interesse der Exportkonzerne, die immer wieder mit Verlagerungen drohten, um die Löhne zusätzlich zu drosseln. Während die Lohnstückkosten bei den übrigen Eurozonenländern seit dem Jahr 2000 um 5,5 % zulegten, nahmen die deutschen Lohnstückkosten um 7,9 % ab, in wenigen Jahren ein enormer Unterschied von 13,4 % (Abb. 15111, 15105).



Die Folge war ein bis zum Ausbruch der Krise ständig bis auf das fast Zweieinhalbfache hochlaufender deutscher Handelsbilanzüberschuß mit der Eurozone und besonders den schwächeren Partnern am Mittelmeer (Abb. 16088).


Deutschland war mit dieser Entwicklung ebensowenig "Euro-fähig" wie auf der anderen Seite Griechenland. Der Zusammenhalt der Eurozone wurde systematisch untergraben. Nun helfen nur noch zeitlich ziemlich unbegrenzte deutsche Ausgleichszahlungen an Griechenland (und eventuell weitere Eurozonenländer), wenn es nicht zu einem Auseinanderbrechen der Eurozone kommen soll. In Deutschland mehren sich die Stimmen, die einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro befürworten (heute der Kommentar der FAZ oder auch die CSU). Die Lohnstückkosten zwischen Griechenland und Deutschland haben sich seit dem Jahr 2000 um 30,6 % auseinander bewegt. Eine solche Differenz ist viel zu groß, um durch soziale Einschnitte in Griechenland zurückgeholt zu werden, sondern verlangt nach einer Veränderung der Währungsrelation.

Anmerkung: Außerdem ist der Euro nicht so hart geworden, wie das versprochen war. Das zeigt der Vergleich mit dem Schweizer Franken. Während die DM-Inflation fast immer niedriger als die des Franken war, liegt die Euro-Inflation für Deutschland höher (Abb. 15030).


Das hängt schon mit den höheren Inflationsraten vieler Europartner zusammen, die mit dem Import von dort teilweise importiert werden und der im Vergleich zur DM geringeren Aufwertung des Euro. Und jetzt schwächen die Krise in Griechenland und die Sorge um andere Eurozonenländer zunehmend den Euro. Der Euro hat seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar um rund 7 % an Wert verloren, der Schweizer Franken gegenüber dem Dollar beispielsweise nur 4 % (Abb. 15112). Damit verteuern sich vor allem die in Dollar gehandelten Rohstoff- und Energieimporte nach Deutschland und führen zu größeren Preissteigerungen als beispielsweise in der Schweiz.



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global news 1983 23-04-10: Staatsverschuldung bis über die Investitionsbereitschaft der Anleger? Was dann? Was nach Griechenland?

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Derzeit sind die Märkte für Staatsanleihen von Griechenland ausgehend global unter Druck geraten. Die Zinsen für zweijährige Griechische Staatsanleihen kletterten auf rund 10 % über den Zinssatz für entsprechende deutsche Staatsanleihen (Abb. 16054). Als Folge sinkt der Kurs des Euro seit Ausbruch der griechischen Krise und auch nach der EU-Hilfszusage immer weiter (Abb. 15590).



Doch nicht nur das relativ kleine Griechenland sucht das Geld der privaten Anleger für die Finanzierung neuer Schulden und die Refinanzierung auslaufender Anleihen. Vor allem haben große Länder, wie die USA und Großbritannien, aber auch Deutschland, einen gewaltigen öffentlichen Finanzierungsbedarf, den sie mit Rücksicht auf die Konjunktur derzeit nicht über Steuererhöhungen oder starke Ausgabensenkungen decken können. Wie lange sind private Anleger bereit, für die Finanzierung dieser Lawine aufzukommen? Wann werden die Zinsen für Anleihen so gestiegen sein, daß sie für schwache Länder - über Griechenland hinaus - nicht mehr verkraftbar sind und Umschuldungen notwendig werden? Schon droht die erste Umschuldung griechischer Anleihen mit Zinsverlusten oder Substanzverzichten für die Anleger. Der erste solche Fall wird ein enormes Signal für alle Anleger sein. Wahrscheinlich wegen der Hilfszusagen für Griechenland nicht mehr dieses Jahr, dann aber mit zunehmender Wahrscheinlichkeit ab kommendem Jahr.

Bei einer Reihe von Ländern sind die Haushaltsdefizite bis zum vergangenen Jahr erheblich hochgesprungen und steigen weiter, in der Eurozone teilweise bereits auf fast 15 % der jährlichen Wirtschaftsleistung und damit weit über der Maastricht-Grenze von 3 % (Abb. 16081).


Die Staatsverschuldung ist ebenfalls bereits weit über die Maastricht-Grenze von 60 % der jährlichen Wirtschaftsleistung geklettert. Bei Italien und Griechenland sind es schon mehr als 115 % (Abb. 16082). Die gesamte Staatsverschuldung von EU, USA und Japan stieg zwischen 2007 und 2009 um 30 % auf 35 Billionen Dollar (Abb. 16083). Das ist die Lawine an zusätzlichem Finanzierungsbedarf, die auf die Märkte für staatliche Anleihen zurollt.



Die Geschwindigkeit, mit der dieser Prozeß in die Haushaltsdefizite und die Staatsverschuldung hinein bei einigen Ländern läuft - angetrieben von Steuerausfällen und zusätzlichen Ausgaben - ist haarsträubend. Heute mußte Griechenland den Antrag auf Hilfen des IWF und der EU stellen, nachdem sich die Märkte immer mehr darauf einstellten, daß eine Umschuldung notwendig werden könnte und eine weitere Rating Agentur die Qualität griechischer Staatsanleihen herunterstufte. Man muß leider damit rechnen, daß Griechenland nicht das einzige Opfer einer zunehmenden Zurückhaltung der privaten Anleihemärkte sein wird, umso mehr, wenn Anleger wieder besser auf Anlagen in Aktien ausweichen können.


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global news 1982 21-04-10: Eine Lanze für den deutschen öffentlichen Dienst

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Der deutsche öffentliche Dienst wird derzeit von einigen Medien, vor allem BILD, als in den Versorgungsansprüchen unbezahlbar angegriffen. Gelegentlich findet man auch das Argument, die Einkommen stünden außerhalb aller Konjukturzyklen. Letzters ist schon deshalb falsch, weil auch bei den Beamten wie bei den Rentnern die Bezüge und Pensionen jahrelang eingefroren wurden und nun wahrscheinlich auch im kommenden Jahr wie bei den Rentnern wieder eingefroren werden.

Vor allem hat der Staat durch einen fortschreitenden Abbau von Personal, vor allem bei Vollzeitstellen, in den vergangenen Jahre erheblich an den Personalkosten gespart. Dabei sind die Vollzeitstellen seit 1997 bis 2007 von 4,2 Millionen auf 3,1 Millionen, also um etwa ein Viertel, zurückgegangen (Abb. 14895). Heute hat Deutschland im internationalen Vergleich einen der geringsten Anteile der öffentlichen an der Gesamtbeschäftigung (Abb. 14179).



Auch wenn die Zahlen nicht ganz vergleichbar sind, hat Deutschland nach der Erhebung der OECD einen der niedrigsten Anteile der Gehälter von zentralen und lokalen Regierungsstellen am Bruttoinlandsprodukt und an den gesamten öffentlichen Ausgaben (Abb. 14180, 14181).



Die Gehälter pro Mitarbeiter halten sich im übrigen in allen Vergleichsländern ohne große Abweichungen in der Nähe der in der gesamten Wirtschaft üblichen (Abb. 14182). In Deutschland war es 2005 etwa das 1,15-Fache. Allerdings ist das eine Durchschnittsbetrachtung, die nicht berücksichtigt, daß in den staatlichen Funktionen der Niedrigstlohnsektor bisher längst nicht so wuchert, wie in einigen Wirtschaftsbranchen, wo man - anders als im öffentlichen Dienst - auch zum Großeinsatz von Leiharbeit übergegangen ist. Ohne Berücksichtigung dieses in Deutschland besonders ausgeprägten Niedriglohnsockels dürften die Gehälter im öffentlichen Dienst eher unter denen in der Wirtschaft liegen.



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global news wb04.14 21-04-10: Deutschland bleibt in der internationalen Wirtschaftsentwicklung unter den Schlußlichtern

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Nach den nun endgültigen Zahlen von Eurostat lag die deutsche Wirtschaftsentwicklung im letztgemeldeten 4. Quartal nur auf Platz 12 von 18 Vergleichsländern. Schlechter schnitten, neben Schweden, die Fußkranken am Mittelmeer und Irland ab (Abb. 15594).


Nach Schätzung der OECD vom 7. April soll Deutschland im Vergleich der großen Industrieländer (G7) im ersten Quartal 2010 mit einem Rückfall in den Schrumpfprozeß (-0,4 %) absolutes Schlußlicht sein (Abb. 15162). Deutschland kommt besonders schlecht aus der Krise heraus (Abb. 15163). Am Winter kann es nicht gelegen haben, denn der war in anderen Ländern auch nicht viel wärmer. Zwar sagt die OECD für Deutschland ein besseres 2. Quartal 2010 vorher, doch da ist noch viel Kaffeesatz im Spiel, weil alle Einzeldaten bisher fehlen.



Man sieht hier sehr gut den Badewanneneffekt mit einem schnellen Abstieg und einem langen Verweilen auf der Talsohle. Nur die USA und Frankreich sollen besser dran sein. In beiden Ländern funktioniert, anders als in Deutschland, die Binnenkonjunktur als Motor der Entwicklung.

Auch nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts für Februar hat sich die deutsche gewerbliche Wirtschaft bisher in diesem Jahr nicht besonders entwickelt (Abb. 04306).


Die Produktion läuft bereits seit September vergangen Jahres wieder nach unten oder stagniert (gegenüber September 2009 -1,7 %, ohne Energie und Bau - 1,3 %). Im Februar stagnierte die Produktion auch ohne das Bau- und das Energiegewerbe; am kalten Winter kann es also nicht gelegen haben, wie der Bundeswirtschaftminister in seiner Kommentierung meint. Besonders negativ ist zuletzt die Entwicklung der Konsumgüterproduktion verlaufen, was vor allem mit der schlechten deutschen Binnenkonjunktur zusammenhängen dürfte.

Ebenso verhält es sich mit dem Umsatz der gewerblichen Wirtschaft, besonders beim Binnenumsatz (Abb. 04910).


Sowohl Produktion (minus 17,1 %) wie Umsatz (minus 17,9 %) liegen weit unter dem Stand des Vorkrisen-Februars 2008.

Selbst der deutsche Export dümpelt, obwohl er einen weiteren Einbruch vom Januar im Februar zum großen Teil wieder wettmachen konnte, noch immer um 16,2 % unter dem Stand vor zwei Jahren (Abb. 15593, 14631).




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global news 1981 18-04-10: Die umgekippten Pyramiden der Einkommen und Vermögen in Deutschland

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Das Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat mit Hilfe der Längsschnitt-Stichprobe SOEP (Sozio-oekonomisches Panel) die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland ermittelt. Die Stichprobe umfasste im Erhebungsjahr 2008 gut 10.000 Haushalte mit mehr als 20.000 Befragungspersonen (und über 6.000 Kindern, die in den Haushalten leben). Die Ergebnisse nach Zehnteln der Haushalte von Unten nach Oben lassen sich graphisch darstellen. Hier die Ergebnisse für 2007 (Abb. 14176, 14177, 14175, 1478). Die Darstellungen sprechen für sich selbst und zeigen vor allem, wie ungleicher die deutsche Vermögensverteilung geworden ist. Das oberste Zehntel und hier das oberste Prozent haben besonders stark abgehoben.






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global news wb04.13 19-04-10: Warum die Kreditkrise so ähnlich oder schlimmer durchaus wiederkehren kann

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Noch leidet die Weltwirtschaft unter der letzten Kreditkrise, obwohl ihre Symptome abzuklingen begonnen haben. Doch eine Reihe von Ursachen sind nicht behoben, so daß die Krise in ähnlicher Form durchaus wiederkehren kann. Dabei fallen folgende Umstände auf:

1. Überschuldung

Immer noch leidet der Immobilienmarkt, der die letzte Kreditblase hat platzen lassen, vor allem in USA an einem gewaltigen Kreditüberhang. Die amerikanischen Hauspreise liegen immer noch um 45 % über dem Stand von Anfang 2000, als sie ihren kometenhaften Aufstieg begannen. Seit vier Monaten fallen sie wieder (Abb. 16066), nachdem sie sich etwas erholt hatten, weil die amerikanische Regierung mehr als eine Billion Dollar investierte, indem jeder Immobilien-Erstkäufer bei Abschluss des Kaufvertrages vom Staat 8.000 Dollar Steuererlaß bekam, und die Notenbank 16 Monate lang massiv Hypotheken aufgekauft hat.


Doch beide Programme sind nun ausgelaufen und lassen mit weiter fallenden Hauspreisen und wieder steigenden Hypthekenzinsen ein schwarzes Loch befürchten. So drohen in diesem Jahr mehr als drei Millionen Zwangsversteigerungen. Bei jedem vierten Hypothekenschuldner liegt der Wert des Hauses inzwischen unter dem Wert des ausstehenden Darlehens und macht die Situation ziemlich auswegslos. Im Ergebnis werden die international gehandelten Hypthekenpapiere weiter an Wert verlieren und die Bilanzen der Banken unter weiteren Abschreibungsbedarf bringen.

Hinzu gekommen ist das durch die Krise dramatisch hochgetriebene Verschuldungsvolumen ganzer Länder, deren Steuereinnahmen stark weggebrochen, deren Ausgaben aber durch die Rettungsprogramme steil angestiegen sind und deren Verschuldung nun als besorgniserregend eingestuft werden kann. Solche Risiken sind vom Volumen her dramatisch größer als die berüchtigten minderwertigen US-Hypotheken, deren Nennwert bei etwa 1,3 Billionen Dollar lag. So kommt die Staatsverschuldung von Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und Irland zusammen auf 5 Billionen Dollar oder fast das Vierfache.

Und noch ein Länderrisiko droht am Horizont, weit größer als Griechenland. Einige osteuropäischer Länder, besonders Lettland, Ungarn und Rumänien, aber auch die Ukraine haben in großem Umfang Eurokredite aufnehmen müssen, um ihre Währungen zu stützen, die wegen der hohen Handelsbilanzdefizite unter Abwertungsdruck gekommen sind. Wäre es zu massiven Abwertungen gekommen, so hätte das zu erheblichen Pleiten in den Privatsektoren dieser Länder geführt. Die hatten sich nämlich wegen des niedrigen Euro-Zinses mit Hilfe westlicher Banken in Euros statt in Landeswährung verschuldet und ätten bei einer Abwertung den Gegenwert in Landeswährung nicht mehr aufbringen können. Dazu gehören viele Unternehmen und vor allem viele Hypothekenschuldner. Die Euroschulden sind inzwischen bei einigen Ländern so hoch gewachsen, daß man an deren Rückzahlung zweifeln muß (Anteile der Staatsverschuldung am BIP für Ungarn 79 %, Lettland 60 %, Auslandsverschuldung der Ukraine 93,5 %). Das träfe dann wiederum die EU-Banken und damit am Ende die westlichen Steuerzahler in der EU. Insgesamt haben westliche Banken Forderungen gegen Osteuropa von 1,2 Billionen Euro, davon deutsche Banken 184 Mrd Euro, und alle Eurozonenbanken zusammen rund 1 Billion Euro (Abb. 16072).


Die Finanzmärkte haben einen hohen Liquiditätsüberhang

Angesichts des gigantischen Liquiditätüberhangs auf den Finanzmärkten, der wie bisher durch die globale Ungleichverteilung der Einkommen mit spekulativen Zuflüssen gespeist wird und durch die Zentralbanken noch zusätzlich hochgefahren wurde, ist eine weitere Blasenbildung nicht unwahrscheinlich. Die Aktienmärkte haben inzwischen den größeren Teil der Verluste wieder wettgemacht. Wichtige Rohstoffpreise steigen erneut teilweise spekulativ in die Höhe (Abb. 16071).


3. Die Banken sind immer noch stark exponiert

Die Eigenkapitalbasis der internationalen Banken hat sich kaum gebessert. Sie ist durch die krisenbedingten Abschreibungen erheblich geschrumpft und nur teilweise durch staatliche Beteiligungen und Bankenrettungsprogramme vor einem weiteren Absturz bewahrt worden. Die deutschen Banken sind im internationalen Vergleich besonders unterkapitalisiert, worauf auch der IWF kürzlich aufmerksam gemacht hat (Abb. 16067).


4. Die Finanzmarktaufsicht wurde bisher kaum verstärkt

Noch steht ein Durchbruch zu einer international vernetzten und breiter aufsetzenden Finanzmarktaufsicht aus. Weder die Hedgefonds, noch die Kreditderivate (siehe unten), noch die Kreditagenturen unterliegen bisher einer verstärkten Kontrolle. Der deutsche Notfallfonds ist schon wegen seiner Liliput-Größe mit 1,2 Milliarden Euro Beiträgen pro Jahr ein Witz und wird die Banken nicht von leichtfertiger Spekulation abhalten oder eine weitere Krise ausputzen können.

5. Sogar die sekurisierten Papiere versuchen einen Neuanfang

Inzwischen werden sogar wieder die ersten CLOs (collaterised loan obligations) an den Markt gebracht. Das sind sekurisierte Papiere, mit denen Kredite international gehandelt werden, die vor allem von Private Equity Unternehmen beim Aufkauf von Unternehmen aufgenommen werden. Es sind die Schwesterpapiere zu den berüchtigten CDOs (collaterised debt obligations), mit denen z.B. amerikanische Hypothekenschulden international gehandelt wurden. Für dieses Jahr wird jedenfalls bei den CLOs ein wenn auch bescheidener Neuanfang mit etwa 15 Mrd Dollar erwartet.

6. Das Billiarden-Gespenst wieder ansteigender Finanzderivate

Vor allem von den Finanzderivaten, die Georges Soros schon vor Jahren als das Damoklesschwert über den Finanzmärkten bezeichnet hat und Warren Buffett als finanzielle Massenvernichtungswaffen, droht nach wie vor Unheil. Das sind Finanzverträge oder Finanzinstrumente, mit denen Banken und andere Finanzinstitute auf alles Mögliche wetten. So werden Berge von fiktivem Geld hochgeschoben, die ein enormes Vielfaches der eigentlichen Werte erreichen. Die Finanzderivate, wie sie von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich als außerbörslich (über den Ladentisch) gehandelt ermittelt werden, sind zwar seit ihrer Spitze bis Mitte vergangenen Jahres um fast 12 % auf 0,6 Billiarden Dollar gefallen, zuletzt aber wieder gestiegen (Abb. 13115, 16068). Hinzukommen die ebenfalls wieder ansteigenden börslich gehandelte Derivate im Wert von etwa 0,1 Billiarden Dollar per 4. Quartal 2009. Zusammen sind das 0,7 Billiarden Dollar oder fast 100.000 Dollar für jeden Menschen auf dem Planeten. Billiarden sind Zahlen mit denen sonst nur Ingenieure für Supercomputer arbeiten oder Astronomen. So ist der Nordstern gerade einmal einige Billiarden Kilomenter entfernt.



Die Marktwerte dieser Derivate, wenn man die Wetten gegeneinander saldiert, liegen zwar niedriger, nämlich bei den außerbörslich gehandelten nach Schätzung der BIZ bei 25 Billionen Dollar für Mitte vergangen Jahres, aber auch das ist noch ein irrsinniges Volumen. Wenn diese Pyramide an Finanzderivaten in Marktwerten auch nur 10 % der Gegenparteien verlieren würde, weil sie wie Lehmanns in einer Finanzkrise insolvent werden (in dem weit gefährlicheren Fall AIG konnte der amerikanische Steuerzahler das noch abwenden), so würden rund 3 Billionen Dollar verlorengehen. Um es einmal plastisch zu machen: Das sind rund ein Fünftel der jährlichen Wirtschaftsleistung der USA und wäre damit ein gewaltiger Schock. Unglücklicherweise haben die Aufsichtsbehörden zur Entlastung der Bankbilanzen kürzlich nun auch noch erlaubt erlaubt, die Derivate neu und näher an den viel höheren Buchwerten zu bewerten. Da zuvor nur die viel niedrigeren derzeitigen Bewertungen durch die Märkte in den Bankbilanzen geführt wurden, läßt das nun die Banken gesünder erscheinen, obwohl das gigantische Risiko gleich geblieben ist.

Warum haben die Regierungen den Banken nicht längst vorgeschrieben, diese Derivate nur noch transparent über die Börsen zu handeln, so daß man wenigstens weiß, wo die Risiken liegen? Antwort: Die Bankenlobby konnte das bisher verhindern, denn beim Verkauf z.B. von Credit Default Swaps verdienen sie saftige 2 bis 3 % an Kommission und an der Börse sind es jeweils nur etwa 10 Dollar pro Verkauf, ein Riesenunterschied. Übrigens: Die Deutsche Bank war und ist wahrscheinlich noch der weltweit zweitgrößte Verpflichtete aus CDS (Abb. 03756).


Genügend Sprengstoff für eine weitere schwere Finanzkrise um den Globus herum ist jedenfalls vorhanden. Die Krisenvorsorge fehlt weiterhin.


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global news 1980 18-04-10: Die unglaubliche Schweinerei des Geldhauses Goldman Sachs - Teil 2: Die Banken schwimmen schon wieder im Fett

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Kaum daß ich den Rundbrief zu Ende gebracht hatte, da kam der von John Mauldin zum gleichen Thema an. Er sieht den Goldman-Fall als die Spitze eines Eisbergs. Dann zeigt er noch auf, wie die Finanzinstitutionen wieder ihre Profite hochtürmen, schon wieder in USA 30 % aller Unternehmensgewinne. Es ist in der Tat erschreckend: Schon wieder liegen die Profite fast in der Höhe unmittelbar vor der Krise und doppelt so hoch wie zu Beginn dieses Jahrtausends (Abb. 03847). Als sei nichts gewesen!


Ein ähnliches Bild zeigen übrigens die Bilanzen der Deutschen Bank. Auch hier ist der Einbruch von 2008 im vergangenen Jahr bereits fast vollständig wieder ausgeglichen worden (Abb. 03848).



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global news 1979 18-04-10: Die unglaubliche Schweinerei des Geldhauses Goldman, Sachs & Co.

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Viele große Banken sind in der von den miesen amerikanischen Hypotheken ausgelösten Krise als eigenständige Institutionen untergegangen, vor allem die Wallstreet Giganten Lehman Brothers, Bear Stearns, Merrill Lynch und Morgan Stanley. Andere, wie UBS, Royal Bank of Scottland oder IKB, HypoRealEstate, WestLB, BayernLB und Commerzbank in Deutschland haben große Teile ihres Kapitals verloren und mußten am Ende vom Staat gerettet werden. Doch einige Investmentbanken stehen aufrecht und sind ziemlich gut durch die Krise gekommen, jedenfalls sieht es bisher so aus. Dazu gehören vor allem Goldman Sachs, JP Morgan und die Deutsche Bank. Waren sie nur einfach altmodisch vorsichtig oder wußten sie mehr als andere und machten sogar von ihrem Wissen unredlichen Gebrauch, um aus der Krise der anderen für sich Gewinn zu schlagen? Immerhin haben beispielsweise Goldman Sachs und Deutsche Bank die miesen synthetischen, hypothekengedeckten Papiere an IKB und andere Krisenopfer verkauft.

Niemand aus der Gesellschaft der großen Investmentbanken ist bisher trotz der unendlichen Schäden, die sie weltweit erzeugt haben, zur Verantwortung gezogen worden. Niemand landete auch nur für einen Tag hinter Gittern. In Deutschland gibt es nicht einmal, wie in USA oder Großbritannien, parlamentarische Untersuchungsausschüsse zur Aufarbeitung der Krise und der Verantwortungen. Nun aber hat die amerikanische Wertpapieraufsicht Klage wegen Wertpapierbetruges gegen Goldman Sachs und Fabrice Tourre, einen erst 31 Jahre alten Goldman-Vizepräsidenten, erhoben. Es ist ein schlimmer Fall, der nun ans Licht der Öffentlichkeit kommt. Und man kann erwarten, daß andere Investmentbanken ähnliche Leichen in den Schränken verborgen haben. Der Fall ist sehr anschaulich, weil wieder einmal der Wertpapieraufsicht erhebliche Bestände an internen Email-Korrespondenzen und anderen Aufzeichnungen in die Hände gefallen sind, die ein sehr plastisches Bild der irrsinnigen kriminellen Energie ergeben, die hier bis in die letzten Tage vor dem Crash eingesetzt wurde.

Hier eine kurze Zusammenfassung aus der Anklageschrift:

Noch Ende April 2007 brachte Goldman Sachs (GS) mit "ABACUS 2007AC1" im Umfang von einer Milliarde Dollar ein weiteres angeblich relativ sicheres Papier an den Markt, das an den Wert amerikanischer Hypotheken gebunden war. Es war ein sogenanntes synthetisches Papier, bei dem ein Bündel von Hypothekenpapieren (RBMS = residential mortgage-backed securities) gar nicht erworben wurde, sondern nur auf dessen Werthaltigkeit mit einem unter den Umständen des Marktes interessanten Zins spekuliert wurde. Solche synthetischen Papiere haben am Ende sehr zur Krise beigetragen, weil sie bei einer negativen Entwicklung des Immobilienmarktes die Verluste erheblich in die Höhe treiben.

Der amerikanische Immobilienmarkt begann bereits zu kippen, doch GS tat alles, um in einem gewaltigen Täuschungsmanöver das Papier sicher aussehen zu lassen. Die Aktion war auch im Vorstand bekannt, da sie vom Mortgage Capital Committee gebilligt wurde. Innerhalb weniger Monate war das Papier dann absolut wertlos und brachte für die Kunden einen Verlust von einer Milliarde Dollar und bei den an der Entwicklung und Vermarktung des Papiers beteiligten Institutionen, vor allem dem Hedgefond Paulson und GS selbst einen entsprechenden Gewinn.

Die in Bezug genommenen RBMS wurden von Paulson als Sponsor der Aktion absichtlich so ausgewählt, daß der Verlust besonders wahrscheinlich war und Paulson selbst mit Hilfe von GS eine relativ sichere Wette auf den Verlust abschließen konnte. Daß Paulson die Papiere ausgewählt hatte und auf ihren Untergang wettete, wurde den Anlegern verschwiegen. Statt dessen wurde ACA Management LLC ("ACA"), eine Firma mit gutem Standing in der Analyse von Kreditrisiken von RBMS eingeschaltet, die bei den Kunden erhebliches Vertrauen genoß und ohne deren Einschaltung das Papier schwer zu vermarkten gewesen wäre. Den Kunden wurde im Prospekt mitgeteilt, ACA habe die Auswahl der RBMS betrieben. Tatsächlich folgte ACA weitgehend den Paulsonvorschlägen in der von GS vermittelten fälschlichen Annahme, daß sich Paulson selbst für 200 Millionen Dollar an dem besonders riskanten Teil des Wertpapiers beteiligen würde. GS verschwieg auch ACA gegenüber, daß Paulson mit seinen zwei Hedgefonds genau das Gegenteil vorhatte.

Zu den gutgläubigen Kunden gehörte für 150 Millionen Dollar vor allem die deutsche Mittelstandsbank IKB, für die der Bund wegen dieses und anderer riskanter Geschäfte mit bisher 12 Milliarden Euro an Geldern und Garantien einspringen mußte, zumal er über die staatliche KfW Hauptgesellschafter bei der IKB ist und in deren Aufsichtsrat sitzt. Ein anderer Hauptgeschädigter war ABN Amro, jetzt Teil der Royal Bank of Scotland, die ebenfalls staatlich gestützt werden mußte, nachdem sie 841 Millionen Dollar verlor. Insgesamt überwiesen die Kunden eine Milliarde Dollar an GS. Diesen Betrag leitete GS dann an Paulson weiter, der seine Wetten natürlich gewonnen hatte. Paulson seinerseits bezahlte GS 15 Millionen Dollar für die Strukturierung und Vermarktung des Papiers, gegen das er dann hatte wetten können.

Hier ein paar Auszüge aus den aufgefundenen Unterlagen, vor allem Emails bei GS:

Ein Angestellter von Paulson schrieb im Januar 2007: "Es ist wahr, der Markt preist nicht das RBMS-Crash-Szenarium ein. Meiner Meinung nach liegt das daran, daß die Rating Agenturen und die Bank-Manager alles Interesse haben, das Spiel fortzusetzen, während Echt-Geld-Investoren weder die analytischen Werkzeuge noch das institutionelle Rahmenwerk haben zu handeln, bevor die Verluste, die man nach den verfügbaren Nachrichten erwarten kann, eintreten."

Aus einem Email von Tourre vom 23. Januar 2007: "Immer mehr Hebelwirkung (Kreditanteil an der Finanzierung) im System. Das gesamte Gebäude wird nun jederzeit zusammenbrechen. Nur einige mögliche Überlebende. Der phatastische Tourre steht in der Mitte all dieser komplexen, hoch kreditfinanzierten, exotischen Geschäfte, die er geschaffen hat, ohne unbedingt alle die Implikationen dieser Monstruositäten zu verstehen !!!" Und eine Email an Tourre vom 11. Februar 2007 von einem Kollegen bei GS: "Das Showbusiness ist tot und wir haben nicht mehr viel Zeit."

Und Tourree in einem Email an einen GS-Kollegen aus einem Treffen zwischen ACA und Paulson: "Ich bin in diesem ACA Pauson Treffen, das ist surrealistisch (unwirklich)."


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global news 1978 16-04-10: Die gewerbliche Wirtschaft baut weiter ab

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Der SPIEGEL gestern:

"Die Maschinen brummen, die Menschen müssen nicht mehr kurzarbeiten - erste Unternehmen stellen wieder ein".

Doch das statistische Bundesamt heute:

Die deutsche gewerbliche Wirtschaft hatte im Februar 4,7 % weniger Beschäftigte als im Vorjahres-Januar, wobei die Lohn- und Gehaltssumme inflationsbereinigt um 2,2 % tiefer lag (Abb. 04009).


Noch stärker als im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes verringerte sich die Beschäftigtenzahl unter anderem in den Bereichen Maschinenbau (- 5,7%), Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (- 6,4%) sowie Herstellung von Metallerzeugnissen (- 8,4%).

Im Vergleich der Alt-EU-Länder ging die Industrieproduktion in Deutschland im Februar relativ stark zurück (Abb. 13688).



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global news wb03.12 08-04-10: Vermögensverteilung: Die Reichen schneiden sich ein immer größeres Stück aus einem stagnierenden Kuchen

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Der deutsche Vermögenskuchen ist in den fünf Jahren bis 2007 nur noch um 2 % pro Jahr gewachsen. Dennoch haben die Reichen ein immer größeres Kuchenteil für sich herausgeschnitten. Der Anteil des obersten Zehntels stieg in diesem Zeitraum noch einmal von 57,9 % auf 61,1 %. Dabei hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Privathaushalten lebende Menschen ab 17 Jahren erfaßt.

Das oberste 1 % kommt bereits auf 23 % aller Netto-Vermögen bei Vermögen ab 817.200 Euro. Beim obersten Zehntel sind es noch Vermögen ab 222.300 Euro. Dagegen fällt der Wert für die untersten 70 % oder fast drei Viertel der Menschen in Deutschland auf Vermögen von durchschnittlich nur noch 8.600 Euro. Ihr Anteil am Kuchen ging über die fünf Jahre von 10,5 % auf nur noch 9 % zurück. In Eurowerten war das ein Rückgang von 5,7 %, während das oberste eine Prozent 10 % zulegen konnte und das oberste Zehntel 6,6 % (Abb. 14174).


Wie ungleich sich die Vermögensverteilung entwickelt, zeigt auch der Median, d.h. der Wert genau in der Mitte zwischen dem oberen und dem unteren Teil der Personen. Der stieg nur um magere 1,9 %.

In einem Interview im Tagesspiegel warnt Michael Hartmann, Prof. für Soziologie an der TU Darmstadt, vor einer immer größeren Radikalisierung der Eliten in Deutschland:

„Deutschlands Elite ist erstens homogener geworden. Die politische Elite hat sich der wirtschaftlichen angeglichen. Im neuen Kabinett Merkel haben drei Großbürgerkinder zentrale Ministerien inne: Guttenberg aus einer der 400 reichsten Familien Deutschlands und 800 Jahre altem Adel, de Maizière aus einer gut vernetzten Hugenottenfamilie und von der Leyen. Das gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie. Man ist immer mehr unter sich und wird mit anderen Lebenswirklichkeiten gar nicht mehr konfrontiert. Zweitens haben sich Deutschlands Eliten radikalisiert - das sieht man an Äußerungen wie den zitierten (Westerwelle, Sloterdijk, Sarrazin ..).

Wenn es um Grundsätzliches geht, ums Geld, stelle ich fest, dass es relativ wenig Differenzen (innerhalb der Elite) gibt. Als ich zum Beispiel auf dem Arbeitgebertag darauf hinwies, dass sich der Wunsch nach einem besseren Schulsystem nicht mit einer Reduzierung oder gar Abschaffung der Erbschaftssteuer vertrüge, grummelten 90 Prozent im Saal deutlich. Der Kuchen ist schlicht kleiner geworden. In den 70er und 80er Jahren gab es mehr zu verteilen, da war man bereit, auch an das ärmere Drittel der Gesellschaft abzugeben. Jetzt aber geht es darum festzulegen, wie die Kosten der Finanzkrise verteilt werden. Und da heißt es dann: Die Hartz-IV-Empfänger verjubeln unsere Steuern.

Richtig gewonnen hat in dieser Zeit das eine Prozent an der Spitze, mit Vermögen ab 817.181 Euro netto. Dieser sehr kleine Teil der Bevölkerung, der nahezu ein Viertel des gesamten Vermögens in Händen hält, hat fast 150 Milliarden dazugewonnen. Darüber wird nicht geredet; dabei wäre es doch naheliegend zu fragen, ob nicht sie ihren Anteil leisten müssten. Schließlich hat die staatliche Rettung der Banken vor allem ihr Geld gesichert. Danach müsste die Masse der Steuerzahler fragen. Das zu verhindern, ist der Sinn all dieser Äußerungen. Die Mittelschichten sollen glauben, mit denen oben in einem Boot zu sitzen. Sloterdijk weitete seinen Begriff der Leistungsträger von Interview zu Interview mehr aus, selbst Westerwelle spricht inzwischen von der Krankenschwester, die man in Schutz nehmen müsse gegen die Hartz-IV-Empfänger, die von ihren Steuern lebten. Es gibt einen massiven Versuch, die Fronten so zu ziehen. Und er scheint zu funktionieren.


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global news wb03.11 08-04-10: Leben im untersten Einkommensfünftel in Deutschland - Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit

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1. Die Einkommensanteile

Die Einkommensverteilung in Deutschland wird immer ungleicher. Immer mehr Menschen haben Angst, in den Sog dieser Entwicklung zu kommen, die immer mehr auch den Mittelstand erfaßt und damit das dynamische Herz jeder Gesellschaft. Das unterste Fünftel der Haushalte kam 2008 nur noch auf 9,3 % aller Einkommen. Ein international gängiger Maßstab ist das Anteilsverhältnis zwischen dem obersten und dem untersten Fünftel. Es betrug für Deutschland im Jahre 2008 bereits 4,8. Also hatte das oberste Fünftel fast fünfmal mehr Anteil am Einkommen als das unterste. Deutschland wurde in dieser Ungleichheit nur noch von den armen Ländern am Mittelmeer (Italien, Spanien, Griechenland und Portugal) sowie von dem besonders neoliberalen Großbritannien übertroffen (Abb. 15159).


Nicht nur die allgemeinen Einkommen gehen in Deutschland - angetrieben von den Kapitaleinkommen im obersten Fünftel - auseinander, sondern zunehmend auch die Arbeitseinkommen. Das ist der Graben zwischen den Managern, wie Ackermann, den kleinen Angestellten und den Arbeitern bis zu den Niedriglöhnern am unteren Ende. Hier kommt Deutschland mit einem Verhältniswert von 3,3 ebenfalls in die Nähe der armen Länder sowie der angelsächsischen (Abb. 15157). Keines der Vergleichsländer hat die Verhältniszahl über die 10 Jahre seit 1997 so explodieren lassen wie Deutschland (Abb. 15158).



Selbst die konservative Bertelsmann-Stiftung beklagte in einer neuen Studie im November 2009, daß die Kluft zwischen niedrigen und mittleren Einkommen in Deutschland immer größer werde. Geringverdiener erzielten Ende der neunziger Jahre noch 64 % des Verdienstes eines Arbeitnehmers mit mittlerem Einkommen, doch erreichten sie 2007 nur noch 53 %. Dieser Rückgang sei im internationalen Vergleich der stärkste von 20 untersuchten OECD-Ländern. Die Lohnungleichheit habe mittlerweile das Niveau Großbritanniens und anderer Länder erreicht, die bei der Beschäftigungspolitik weniger auf den sozialen Ausgleich achten. Tatsächlich hat Deutschland in der Lohnspreizung zwischen dem untersten und dem mittleren Zehntel inzwischen eine Spitzenposition erreicht (Abb. 16028).


2. Die Armutsschwelle

2008 lebten nach Ermittlungen des DIW mit 11,5 Millionen Menschen 14 % der Bevölkerung unter der Armutsschwelle, rund ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren, obwohl die Gesellschaft insgesamt über diesen Zeitraum wohlhabender geworden ist. Allein lebende junge Erwachsene im Alter von 19 bis 25 Jahre sind mit 65 % an oder unter der Armutsschwelle besonders stark betroffen (Abb. 14883).


3. Ein wuchernder Niedriglohnsektor

Immer mehr Niedriglöhner befinden sich im unteren Fünftel, da der Niedriglohnsektor wegen Hartz-IV immer größer wird. Zwischen 1998 und 2007 ist der Niedriglohnanteil nach OECD von 12,1 % auf 17,5 % hochgesprungen, mehr als im Durchschnitt der OECD und ein weit stärkerer Anstieg als in fast allen anderen Ländern (Abb. 13810).


Der durchschnittliche deutsche Niedriglohn ist nach Abzug der Verbraucherpreisinflation zwischen 2003 und 2007 um rund 11 % gefallen (Abb. 14884).


4. Für alleinstehende oder verheiratete Geringverdiener ohne Kinder besonders wenig Sozialleistungen

Besonders viele Hartz-IV Empfänger sind langzeitarbeitslos, hatten zuvor einen gering bezahlten Job und haben alleinstehend oder verheiratet keine Kinder. Für diesen Personenkreis sind die deutschen Sozialleistungen im internationalen Vergleich (ohne Osteuropa) vergleichsweise dürftig und Deutschland rangiert hier auf Platz 16 von 23 Plätzen vor einer Reihe von meist vergleichsweise armen Südeuropäern, mit denen sich das Land wirklich nicht vergleichen sollte (Abb. 15160). Besonders schlimm sieht es für diesen Personenkreis im internationalen Vergleich unmittelbar nach Jobverlust aus. Hier kommt Deutschland nur auf Platz 17 von 23 (Abb. 15161).



5. Sozialausgaben in Europa (Alt-EU): Geringste Steigerung in Deutschland

Zwischen 2000 und 2007 sind nach Eurostat die Sozialausgaben preisbereinigt in Deutschland nur um 0,7 % (oder 0,1 % pro Jahr) gestiegen, haben also praktisch stagniert. Dagegen stiegen sie im Durchschnitt der Eurozone um 10,9 % oder das Sechzehnfache (Abb. 15041). Hatte Deutschland in der Alt-EU im Jahr 2000 pro Kopf noch die vierthöchsten Sozialausgaben, so rutschten sie bis 2007 auf den achten Platz ab und wurden nur noch von den Mittelmeerländern, Großbritannien und Irland unterboten, die französischen lagen z.B. um 8 % höher. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß sie in Deutschland eigentlich erheblich über denen der anderen EU-Länder liegen müßten, da Deutschland eine der höchsten Raten an Langzeitarbeitslosen in der Alt-EU hat.


Rechnet man die deutschen Netto-Sozialschutzausgaben (also minus Eigenbeitrag der zu schützenden Personen) pro Volkseinkommen, so zeigt sich ein erheblicher Rückgang von 28,2 % 2003 auf nur noch 24,4 % in 2007 (Abb. 14885).


6. Kinderarmut

Laut Kinderschutzbund leben 2,6 Millionen Kinder bis zum Alter von 18 Jahren auf Hartz-IV-Niveau (208 Euro pro Kind). Die Zahl erhöht sich auf etwa 5 Millionen Kinder, wenn man die Familien dazurechnet, die nur knapp oberhalb der Hartz-IV-Grenze leben. Mehr als 1,9 Millionen Kinder auf Sozialhilfe-Niveau sind jünger als 15 Jahre. Damit lebt ein Drittel aller Kinder auf Hartz-IV-Niveau von 208 Euro pro Monat oder knapp darüber.

Wie die OECD in ihrem Bericht vom September 2009 ermittelte, hatte Deutschland schon 2005 einen erheblich Anteil an Kinderarmut, jedenfalls Verglichen mit den skandinavischen Ländern und Frankreich (Abb. 17800).


7. Verteilungsgerechtigkeit im Meinungsbild

Die Bertelsmann Stiftung berichtete schon Ende 2007 über die Ergebnisse ihrer Umfrage „Soziale Gerechtigkeit 2007", derzufolge die Verteilungsgerechtigkeit am wenigsten realisiert ist. Nur knappe 20 % sehen sie voll oder überwiegend realisiert. Dabei nennen die Deutschen mit 74 Prozent die Bekämpfung der Kinderarmut als höchste Priorität (Abb. 14019). Nahezu gleichauf liege mit 72 Prozent der Wunsch nach stärkerer steuerlicher Entlastung von Geringverdienern. Es folgt die Sicherung eines Mindesteinkommens durch Mindest- oder Kombilöhne (69 Prozent).


Immer weniger Menschen hielten bis 2007 die sozialen Verhältnisse in Deutschland für gerecht (Abb. 14017). Mit der Krise dürfte der Anteil von 15 % weiter abgesunken sein.


Nur noch fünf Prozent der Befragten nannten Deutschland als das entwickelte Industrieland, das ihren Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit am nächsten kommt (Abb. 14020). Eine deutliche Mehrheit (57 Prozent) sieht die skandinavischen Länder als Vorbild. Diese seien trotz der sozialpolitischen Reformen der vergangenen Jahre mit ihren geringen Armutsquoten, niedriger Arbeitslosigkeit, Bildungschancen unabhängig von der Herkunft und vergleichsweise geringen Einkommensunterschieden beispielhaft.



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global news 1977 11-04-10: Die Spekulanten haben bei Griechenland gewonnen: Die EU sichert ihre Profite

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Nun ist es geschehen. Bisher war von politischer Seite immer behauptet worden, der Notfallplan für Griechenland werde nicht eingesetzt werden müssen, weil seine schiere Existenz die Märkte beruhigen und die Zinslasten für Griechenland begrenzen würde. Doch die Märkte haben sich nicht einlullen lassen. Und alle die Banken und anderen Spekulanten, die hochverzinste Griechenlandanleihen gekauft hatten, wollten ihre exorbitanten Zinsprofite in den nächsten Jahren nach Hause fahren. Nehmen wir die neueste 10 Jahresanleihe, die eine Rendite von 7,1 % verspricht. Über sehr viele Jahre werden nun diese Renditen kassiert, weil das Steuerzahlergeld der Eurozonen-Partner dafür einsteht. Vor allem das deutsche, denn auf Deutschland entfällt von den jetzt beschlossenen 30 Mrd Euro allein ein Anteil von 8 Mrd Euro, der weitaus höchste.

Nun wird uns gesagt, da sei keine Subvention im Spiel und deshalb sei das kein verbotene Hilfeleistung. Das ist gleich zweimal gelogen. Denn jeder riskante Kredit - und dieser ist es wirklich - ist natürlich eine Hifleleistung, wenn das Geld am Markt nicht mehr zu bekommen ist. Zweitens, sollen die Zinsen für Kredite der Euro-Länder nur wenig über jenen sehr günstigen der IWF-Darlehen liegen. Für einen dreijährigen Kredit müsste Griechenland demnach rund fünf Prozent Zinsen zahlen. Wenn das bei einem so riskanten Kredit keine Subvention ist! So hat auch die Bundesbank den Hilfsplan in einem geheimen Papier schon im vergangenen Monat heftig kritisiert. Die Bundesbank fürchtet zu recht eine Unterminierung des Euro. Für nur 5 % werden sich bald auch Portugal und selbst Italien in die Schlange stellen wollen, zumal wenn sich die Spekulation nun diesen Ländern zuwenden und die Zinsen in die Höhe treiben sollte.

Das Gesamtvolumen der griechischen Schulden liegt bei 300 Mrd Euro. Da sind die 30 Mrd Euro sicher nur ein Anfang. Das gilt erst recht, weil inzwischen die reichen Griechen ihr Kapital ins Ausland verschieben und damit die griechische Regierung zusätzliche Schulden eingehen muß, um die so in Schieflage geratenen griechischen Banken zu stabilisieren. Auch für die reichen Griechen, die eh kaum Steuern gezahlt haben, muß nun der Steuerzahler in der übrigen Eurozone, vor allem in Deutschland einspringen.

Wie sich aus einem neuen Papier der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel ergibt müßte Griechenland, nur um die Staatsverschuldung als Anteil des BIP in zehn Jahren auf das bereits relativ hohe Niveau von 2007 zurückzubringen, jedes Jahr einen Haushaltsüberschuß von 2,8 % erwirtschaften. Verglichen mit dem für 2011 erwarteten Defizit von 5,3 % eine so brutale Veränderung, daß sie von der Bevölkerung nicht akzeptiert werden dürfte. Eine Umschuldung mit zeitweiser Aussetzung der Zinsbelastungen oder den Gläubigern aufzuerlegender Absenkung der Zinssätze der Staatsanleihen ist da für das Volk weit weniger belastend. Die Zukunft der griechischen Staatsfinanzen sieht übrigens schon wegen des Altersaufbaues sehr ungünstig aus, weil allein deshalb die Regierungsausgaben zwischen 2011 und 2050 um 14 % der Wirtschaftsleistung steigen (Abb. 16073) und die Staatsverschuldung, wenn nicht gegengesteuert wird, noch auf über 400 % der Wirtschaftsleistung ansteigen.(Abb. 16074).




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global news 1976 10-04-10: Deutsche PKW-Zulassungen im März wieder auf dem Niveau des Krisenjahres 2008

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Die Abwrackprämie hat die deutschen Zulassungen nur vorrübergehend aus der Krise geholt. Im März 2010 lagen sie wieder auf dem Krisenniveau von März 2008 und um 27 % unter dem abwrackprämien-gestützten März 2009 (Abb. 14897, 14898). Gegenüber dem Vorkrisenmärz 2006 betrug der Rückgang 17,8 %.




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wb04.1 09-04-10: China: Ein Gigant auf schwachen sozialen Füßen (importieren wir auch diese Füße?)

Ein Teil der enormen internationalen Wettbewerbsfähigkeit Chinas hängt mit dem vergleichsweise niedrigen Niveau an sozialen Leistungen und Kosten zusammen. Es ist neben einer ausgebeuteten Wanderarbeitnehmerschaft, einem manipulierten Wechselkus und einer ebenso ausgebeuteten Umwelt die Triebkraft, die Chinas Exporte in sehr wenigen Jahren an die Spitze der Welt katapuliert hat. Mit jedem Export exportiert China durch den Wettbewerb auch ein Stück seiner Sozialordnung.

Die OECD hat am 22. März 2010 eine Dokumentation mit dem bezeichnenden Titel „China in den 2010er Jahren: Wachstum ausbalanzieren und das soziale Sicherheitsnetzt stärken" („China in the 2010s: Rebalancing Growth and Strengthening Social Safety Nets"). Darin wird vorgeführt, wie einerseits China auf dem besten Wege ist, in wenigen Jahren an den USA, Europa und Japan vorbei zum Weltführer in der Produktion von Industriegütern zu werden (Abb. 08189). Es ist schon jetzt bei Weitem der größte Stahlproduzent mit einem Anteil, der um das Eineinhalbfache über dem Europas als Zweitem liegt (Abb. 08190).



Doch im sozialen Bereich sieht das Ergebnis ganz anders aus. Das Land, das sich den Kommunismus auf die Fahnen geschrieben hat, hat in der Ungleichverteilung der Einkommen inzwischen die USA erreicht und ist eines der fünf ungleichsten großen Länder der Welt (Abb. 15026, 05229, 13469).




Die meisten Menschen in China müssen für die Gesundheitskosten und eine lange Alterszeit in Armut ansparen. Zwar erfaßt die staatliche Gesundheitsfürsorge inzwischen 85 % der Bevölkerung. Doch ist sie sehr unzureichend und liegt daher der Anteil der Gesundheitskosten, die die Verbraucher aus der eigenen Tasche zahlen müssen, an allen Verbraucherausgaben bei etwa 55 %, ein starker Anstieg seit Mitte der 90er Jahre, als der Anteil noch bei 40 % lag (Abb. 08191).


Die Armut unter den Rentnern ist mit einem Anteil von weit über einem Viertel an der Gesamtbevölkerung im internationalen Vergleich besonders hoch (Abb. 08192). In der Stadtbevölkerung haben im Alter von 55 bis 59 Jahren nur noch 43,1 % einen Job, während es z.B. in Schweden noch 79,5 % oder in USA 69,8 % sind. Die durchschnittlichen staatlichen Renten lagen 2009 bei umgerechnet nur 6 US Dollar pro Monat und kosteten den Staat nur 0,22 % der Gesamtwirtschaftsleistung. 57 % der Rentner müssen aus meist finanziellen Gründen bei den Kindern leben, während es z.B. in Deutschland nur 8 % oder in USA 18 % sind.


Der Staat könnte, schon wegen der gigantischen Währungsreserven, sehr viel mehr für den sozialen Bereich ausgeben, spart aber statt dessen, vor allem im Vergleich mit der Eurozone oder USA (Abb. 08193). Dementsprechend hochgestiegen ist mit fast 38 % die Sparrate der privaten Haushalte an ihrem verfügbaren Einkommen (Abb. 05228).



Ein Wettbewerb mit einem solchen Sozialsystem ist nicht zu gewinnen oder nur mit Anpassung!


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global news 1974 09-04-10: Der deutsche Export sieht nur gut aus, wenn man ihn mit dem Krisentiefstpunkt vergleicht

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„Deutschland exportiert sich aus der Krise" macht der SPIEGEL heute als Schlagzeile auf und schreibt dann:

„Die deutschen Exporteure, wichtiger Motor des Wachstums, gewinnen deutlich: Im Februar stiegen die Ausfuhren aus Deutschland um 5,1 Prozent - und damit stärker als erwartet. Auch bei den Importen gab es ein deutliches Plus. Aufatmen bei den deutschen Exporteuren: Nach einem Rückschlag im Januar hat die Exportwirtschaft im Februar wieder an Fahrt gewonnen. Das war der kräftigste Zuwachs seit acht Monaten."

Tatsächlich hat der Export im Februar mit einem saisonbereinigten Anstieg gegenüber dem Vormonat um 5,1 % nur den tiefen Einbruch im Januar von minus 6,5 % wieder wettgemacht und lag damit noch immer um 16,2 % unter dem Stand des Vorkrisen-Februars 2008 (Abb. 14631, 15593). Und der Import, der nach SPIEGEL ein deutliches Plus verzeichnet haben soll, wuchs gerade einmal um 0,2 % gegenüber Januar. Alles Lüge!




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global news 1973 07-04-10: Griechenland kommt nicht auf die Beine

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Der Aufschlag auf griechische 10-Jahres-Anleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen ist auf 3,85 % gestiegen, zwischendurch sogar auf 4,04 %, der höchste seit Einführung des Euro. Der Zins liegt damit über 7 % (Abb. 16069, 16070). Zu solchen Zinsen kann sich Griechenland nicht aus der Finanzkrise ziehen.



Laut einer Studie der Commerzbank haben griechischen Bürger in den vergangenen drei Monaten fast acht Milliarden Euro von ihren Sparkonten abgehoben und in die Schweiz, nach Zypern und Großbritannien überwiesen. Auch das ist ein sehr beunruhigendes Zeichen von Kapitalflucht.

Die trotz der Hilfezusagen der EU sich wieder verschärfende Krise um Griechenland drückt auch den Euro weiter nach unten (Abb. 15590).



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global news wb03.3 02-04-10: Einige ziemlich gesicherte Anker in der Klimadiskussion

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Die Diskussion um seltsame Emails an der Universität von East Anglia und der Rückzug des UN-Klimasekretariats von einer Aussage über das schnelle Abschmelzen der Himlalaya-Gletscher haben in den vergangenen Monaten bei vielen Beobachtern sehr viel Unsicherheit aufkommen lassen. Auch ist die Klimaforschung noch immer in voller Entwicklung und sind die komplizierten Rückkoppelungen der vielfältigen Prozesse nur schwer in Computerprogramme zu pressen. Absolut eindeutige Ergebnisse kann daher heute niemand erwarten. Es geht nur um Wahrscheinlichkeiten. Aber auch die können die Politik zum Handeln zwingen. Dabei knüpft sehr viel Unsicherheit an die Bestimmung der sogenannten Tipping Points an, den Punkten in einer Entwicklung, wo eine bis dahin noch kontrollierbare Entwicklung vor allem wegen unberechenbarer Rückkoppelungseffekte in eine unkontrollierbare umschlägt.

Es gibt jedoch in dieser Diskussion einige Ankerpunkte, die durch konkrete Messungen ziemlich gesichert sind. Erstens ist nicht mehr zu bestreiten ist, daß sowohl die Land- wie die Wassertemperatur seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen deutlichen Aufwärtstrend zeigt (Abb. 07325, 07326).



Zweitens stieg der globale Meeresspiegel mit zunehmender Geschwindigkeit um etwa 20 cm zwischen 1870 und 2006, dabei durchschnittlich um 1,7 mm/Jahr im 20. Jahrhundert und um durchschnittlich 3,1 mm/Jahr zwischen 1993 und Ende 2006 (in der Breite 65 Grad Nord bis 65 Grad Süd), wobei jetzt sehr exakte Satellitenmessungen zur Verfügung stehen, und er steigt weiter (Abb. 07328). Die Erhöhung des Meeresspiegels ist auf die Ausdehnung des Wassers bei Erwärmung (ca. 57 % der Erhöhung) und andererseits die Eisschmelze (ca. 43 %) zurückzuführen. In der letzten Warmzeit, als Grönland grün war, war der Meeresspiegel etwa 80 Meter höher, für heutige globale Besiedelungsverhältnisse um den Globus herum eine katastrophale Situation.


Drittens ist durch ständige Messungen des Mauna Loa Observatoriums in Hawaii belegt, daß die Emissionen an Kohlendioxid in einem ähnlichen Anstiegsprozeß begriffen sind (Abb. 0709). Dazu kommen dann noch die anderen Treibhausgase.


Viertens ist klar, daß der Anstieg der Kohlendioxidemissionen allein das Klima nicht so schnell hochbringen kann, weil eine Verdoppelung des CO2-Gehalts der Luft nur zu jeweils etwa 1 Grad mehr Wärme führt und beim derzeitigen Trend eine Verdoppelung nur alle 220 Jahre eintritt. Allerdings setzen genau hier die Rückkoppelungsprozesse ein, wie die stärkere Wärmeaufnahme des eisfreien Meereswassers und vor allem der mit der Erwärmung einhergehende Zuwachs an Wasserdampf. Der Umfang an Wasserdampf entwickelt sich ziemlich genau parallel zu der Entwicklung der tropischen Oberflächentemperatur (Abb. 07327). Allein mit dem zusätzlichen Wasserdampf kann es bei Verdoppelung des CO2-Gehalts zu etwa 1,7 Grad zusätzlicher Wärme kommen, was dann schon einen gefährlicheren Zuwachs bedeuten würde. Allerdings geben die Modellrechnungen der Computer noch kein klares Bild, in wieweit dieser Effekt durch mehr beschattende und damit kühlende Wolkenbildung wieder vermindert wird.


Daneben darf man die anderen stark ansteigenden Treibhausgase nicht vergessen, vor allem nicht Methan mit einem 25-mal wirksameren Treibhauseffekt; Methan wird durch die Erwärmung nun verstärkt in den Permafrostzonen freigesetzt und kommt auch aus der global erheblich hochwachsenden Rinderzucht.

Wer Englisch versteht, sollte unbedingt das Interview mit Prof. James Lovelock mit der BBC sehen, hier.


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global news wb03.2 06-04-10: Die Angst vor Jobverlust und der Anstieg der befristeten Beschäftigungsverhältnisse

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Unter den Ängsten der Deutschen rangiert die Sorge vor Jobverlust traditionell ganz oben. Zu sehr ist Arbeit in Deutschland nicht nur Geldverdienst sondern auch Lebensmittelpunkt. Die globale Krise hat den Angstpegel noch einmal angehoben. Nach ARD DeutschlandTREND hatte sich diese Sorge im vergangenen November bei 42 % der Befragten verbreitet (Abb. 14167). Unter dem Druck des Arbeitsmarktes gehen die Krankenstände schon seit Mitte der 90er Jahre zurück (Abb. 14166). Die Menschen schleppen sich eher an ihren Arbeitsplatz, als durch Krankheit das Risiko des Jobverlustes zu erhöhen.



Gleichzeitig macht die Angst selbst wieder krank. Über die letzten 10 Jahre sind die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Störungen um mehr als ein Drittel gestiegen; die Angst vor Jobverlust dürfte einer der Störfaktoren sein (Abb. 04148).


Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat im März 2010 eine Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zum Thema Angst vor Jobverlust veröffentlicht, das auf einer jährlichen Befragung von über 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten durch TNS Infratest Sozialforschung beruht. Danach kann die Angst um den Job massive Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden haben. Nach Ansicht des Arbeitsökonomen Prof. Ingo Geishecker, der diese Studie betreut hat, ist dieser Zusammenhang viel stärker ist als bisher angenommen:

„Der Einfluss der Angst vor Arbeitslosigkeit wurde bisher dramatisch unterschätzt. Wir wissen, dass die psychologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit viel schwerer wiegen als nur der Verlust an Einkommen. Neu ist dagegen, daß diese Folgen schon vor dem eigentlichen Jobverlust eintreten können. Wer sich sehr große Sorgen um seinen Job macht, dem geht es oft erstmal sogar besser, wenn die Arbeitslosigkeit tatsächlich eintrifft. Auffällig ist, daß die Angst um den Job oft nur wenig mit der Wahrscheinlichkeit des Jobverlusts zu tun hat. Entscheidend ist eine zweite Komponente der Jobverlustangst, die sich auf die erwartete Nutzeneinbuße nach einem Arbeitsplatzverlust bezieht. Die Wahrscheinlichkeit des Jobverlustes mag als sehr niedrig eingeschätzt werden, aber die Furcht vor den ökonomischen oder sozialen Konsequenzen des Arbeitsplatzverlusts kann trotzdem sehr hoch sein. Der Verlust an Wohlbefinden durch diese Angst ist enorm. Unserer Untersuchung nach ist er bei Berücksichtigung aller Komponenten der Jobverlustangst fast doppelt so hoch wie bisher angenommen."

Ein wichtiger Umstand, der die Angst vor Jobverlust immer höher jagt, ist die Ausbreitung befristeter Arbeitsverhältnisse, bei denen mit dem Ende immer wieder Arbeitslosigkeit droht. Schon 2006 war nach einem Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fast jede zweite Neueinstellung (43 %) befristet; neuere Zahlen existieren leider nicht. Im Jahr 2001 hatte der Anteil der Befristungen dagegen erst bei 32 % gelegen. 2008 hatte jeder elfte Arbeitsvertrag (8,9 %) ein Verfallsdatum, wie das Statistische Bundesamt am 16. März meldete (Abb. 14161). Der Anteil befristet Beschäftigter erreichte damit seit 1991 (5,7 %) seinen bisherigen Höchststand (die Angaben beziehen sich auf „Kernerwerbstätige" im Alter von 15 bis unter 65 Jahren, ohne Auszubildende sowie Schülerinnen, Schüler und Studierende mit Nebenjob). Von den 2,7 Millionen befristet Beschäftigten des Jahres 2008 erklärten nur ganze 2,5 %, keine Dauerstellung gewünscht zu haben. Besonders von Befristung betroffen sind die Arbeitsverträge von Menschen bis zum dreißigsten Lebensjahr, die damit frühzeitig mit dieser besonders unwürdigen Angst konfrontiert werden.


Befristete Arbeitsverhältnisse wurden besonders durch das am 1.1.2001 in Kraft getretene Teilzeit- und Befristungsgesetz erleichtert. Nun will Arbeitsministerin von der Leyen bald ein Gesetz präsentieren, das befristete Arbeitsverträge noch leichter zuläßt. Sie kennt das Gefühl der Angst offensichtlich nicht. Oder meint sie gar: Angst macht gefügig?


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global news wb03.1 05-04-10: Euro ade? Warum Deutschland falsch spielt

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Der alte Euro, der in Deutschland als besonders hart verkauft wurde, scheint mit der Krise auf seiner Südschiene abgetreten. Die Frage, die sich nun stellt, geht auf die Zukunft dieser Kunstwährung überhaupt. Seit dem Jahr 2000 haben sich die für die Wettbewerbsfähigkeit - neben Qualität und Technik - entscheidenen Lohnstückkosten in der Industrie, die auch die Produktivitätsentwicklung berücksichtigen, erheblich auseinanderentwickelt. Besonders Italien, Spanien und Griechenland hatten bis 2007, dem letzten Vorkrisenjahr, bis zu 31 Prozentpunkte höhere Kostensteigerungen als Deutschland (Abb. 15105. 15106).



In den Krisenjahren seit 2008 haben sich die deutschen Stücklohnkosten vor allem wegen des Kurzarbeitergeldes zunächst etwas stärker als die unserer Partner entwickelt, doch ist das nur ein Sonderzustand. Inzwischen sind in Deutschland noch mehr die Lohnbremsen hineingeworfen worden. Das zeigt sich auch an der Entwicklung der Löhne und Gehälter im 4. Quartal 2009 gegenüber dem Vorjahr (Abb. 15089). Mit einer natürlichen Angleichung der Stücklohnkosten der Defizitländer an das wieder weiter absinkende deutsche Niveau ist nicht zu rechnen.


Keine Kunstwährung kann solche Diffenrenzen, die nicht mehr durch Währungsanpassungen zu überbrücken sind, beliebig lange aushalten, es sei denn mit erheblichen Regionalhilfen aus den Überschußländern, hier vor allem Deutschland, an die Defizitländer. Das Rettungspaket für Griechenland, das nur Kredite vorsieht, kann die Wettbewerbsdifferenzen nicht ausgleichen. Der IWF wird in den Defizitländern keine Lohnpolitik auf dem deutschen Niveau erzwingen können, da das mit einer enormen Schrumpfkur und Rückentwicklung verbunden wäre. Und Deutschland zeigt bisher keine Bereitschaft, von der Niedriglohnpolitik abzugehen oder seine Binnenkonjunktur so anzukurbeln, daß die Defizitländer durch eigene Exporte nach Deutschland aus den Defiziten herauswachsen könnten.

Zu den Defizitländern gehören nicht nur die kleinen an der südlichen Peripherie der Eurozone, sondern auch Italien, Frankreich und Belgien. Die deutschen Überschüsse mit diesen sechs Ländern haben sich von 2000 bis 2007 auf 100 Mrd Euro mehr als verdoppelt und sind seitdem krisenbedingt etwas gefallen (Abb. 15107). Man kann es kaum glauben, aber 100 Mrd Euro entsprach 2007 4,1 % der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung oder mehr als 7 % der Ausgaben der privaten deutschen Haushalte und war damit ein enormer Konjunkturschub zu Lasten der Defizitländer und deren Arbeitsmärkte.


Daher kann die derzeitige deutsche Politik, die Eurozonenländer notfalls zum Austritt zwingen will, nicht den Euro retten. Sie wird nur die Sorgen unserer Nachbarn vor einem übermächtigen Deutschland wieder auferstehen lassen, die eigentlich mit der Einbindung Deutschlands in den Euro ursprünglich überwunden werden sollten. Die deutschen Austrittsforderungen gegen Griechenland und indirekt andere Europartner hängen mit dem von interessierter Seite in Deutschland neuerdings immer wieder vorgetragenen Argument zusammen, an den Ungleichgewichten in der Eurozone ließe sich durch die Lohnpolitik nichts ändern, denn die deutschen Überschüsse beruhten vor allem auf einer erfolgreichen Spezialisierung in der Exportstruktur. An diesem Argument fällt sofort der Widerspruch zu den bisherigen Forderungen nach extremer deutscher Lohndisziplin auf, die immer wieder mit dem internationalen Wettbewerb begründet wurden und sonst keinerlei Basis gehabt hätten.

Nun steigt Prof. Michael Hüter im Handelsblatt mit einem langen Essay und ähnlichen Argumenten in die Diskussion ein. Hüter ist Direktor und Mitglied des Präsidiums des Instituts der deutschen Wirtschaft und Kurator der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, also ideologisch als Lobbyist deutscher Industrie- und Exportinteressen hinlänglich vorbelastet. Er wirft zunächst der französischen Finanzministerin Lagarde vor, sie verlange von Deutschland, seine errungenen Wettbewerbsvorteile selbst zu verringern, beispielsweise durch eine expansive Lohnpolitik. Dabei hat sich Lagarde nur und völlig zurecht über die schlechte deutsche Binnenkonjunktur beklagt, die den Handelspartnern der Eurozone ihre Exporte nach Deutschland erschwere (siehe z.B. die neuesten Zahlen vom Einzelhandel Abb. 04943). Diese ziemlich bösartige Fehlinterpretation der französischen Politik betreiben auch die anderen deutschen Verteidiger des bisherigen deutschen Kurses.


Hüter argumentiert sodann, die deutsche Wettbewerbsstärke beruhe auf erfolgreicher Spezialisierung, die teilweise Jahrhunderte zurückreiche. Doch das stimmt überhaupt nicht mit der Entwicklung des deutschen Exports zusammen. Denn dessen Anteil an der deutschen Wirtschaftsleistung ist vor allem seit Einführung des Euro bis auf 40 % im Jahre 2007 vor Ausbruch der Krise gestiegen (Abb. 15109). Es ist also keinesfalls eine konstante und schon sehr alte Situation.


Dementsprechend hat die deutsche Wettbewerbsstärke zugenommen, ohne daß sich die Produktstuktur und Spezialisierung in den letzten Jahrzehnten dramatisch geändert hätte. Besonders stark war der Anstieg seit Einführung des Euro, weil nun die deutsche Wettbewerbstärke auf der Kostenseite in der Eurozone nicht mehr durch Wechselkursveränderungen gebremst werden konnte. Die sehr viel geringere Entwicklung der deutschen Stücklohnkosten schlug fortan direkt auf den Exporterfolg durch. Die Spezialisierung der deutschen Exportindustrie allein kann den Exporterfolg also nicht erklären. Der deutsche Export besteht im Übrigen zu einem hohen Anteil aus Massenprodukten, wie Kraftfahrzeugen, die auch in anderen Ländern hergestellt werden. Nicht durch Spezialisierung, sondern durch niedrige Stücklohnkosten zu Hause und erfolgreiche Verlagerung von Vorproduktelementen in Niedriglohnländer hat sich die deutsche Industrie hier stark gemacht.

Genausowenig stimmt Hüters Argument, Deutschland sei so exportstark, weil es der Deindustriealisierung hätte widerstehen können und sich der Industrieanteil schon vor zehn Jahren stabilisiert hätte (Abb. 15110). Und soweit der Rückgang etwas weniger als bei den Nachbarn war, spielten die negative Lohnpolitik und der kreditfinanzierte Export in die Defizitländer eine nicht unwesentliche Rolle.


Praktisch sind diese falschen Argumente nur dafür bestimmt, die negative deutsche Lohnpolitik aus der Schußlinie der Europartner zu nehmen und damit fortzuführen. Wer so argumentiert und eine solche Politik fördert, schießt jedoch auf die Überlebensfähigkeit der Kunstwährung. Ist das wirklich beabsichtigt oder nur blasierte und arrogante Dummheit?

Die Anleihemärkte glauben jedenfalls derzeit nicht an die Hilfeversprechen der Europartner an Griechenland. Und so ist der Zins für Griechenland inzwischen wieder auf 6,3 % gestiegen, zu hoch um auf Dauer finanzierbar zu sein. Und die letzte 12-Jahresanleihe ist kaum nachgefragt worden und erbrachte nur magerste 390 Mio Euro.


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global news 1969 03-04-10: Wer in Europa Deutschland kennt, wird nicht neidisch sein: Wem eigentlich nützt die deutsche Exportmanie?

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Zunächst ein Zitat aus dem BILD-Kommentar des Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Hans-Peter Keitel vom letzten Sonntag:

„Deutschland exportiert zu viel - so der Vorwurf einiger europäischer Politiker. Sollen wir jetzt etwa absagen, wenn ausländische Kunden unsere Produkte kaufen wollen? Die Kritik ist völlig daneben. Wenn deutsche Firmen ihre Autos, Maschinen, Werkstoffe oder Medikamente ins Ausland verkaufen, profitieren davon in erster Linie die Kunden. Die Käufer dort wüssten oft gar nicht, wie sie ihren Bedarf decken sollten ohne „made in Germany". Natürlich profitiert Deutschland davon, dass unsere Unternehmen global stark sind - auch, weil Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der Lohnpolitik auf vernünftigem Kurs gesteuert sind.

Erfolg verursacht Neid - und falsche Ratschläge. Das müssen die EU-Staats- und Regierungschefs vor ihrem Treffen am Freitag wissen. Das Rezept für die Zukunft Europas kann nicht lauten: Macht die Starken in Europa schwächer. Besser ist: Setzt alles daran, dass die Schwächeren stärker werden!"

In die gleiche, gegenüber unserem wichtigsten Partner ziemlich arrogante Kerbe hat inzwischen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle geschlagen: Wenn Deutschland erfolgreich sei, profitiere auch Frankreich davon. Die Debatte sei überflüssig, das sei mit der Situation vergleichbar, wenn in der Schule der Klassenbeste kritisiert werde.

Nun ist der Keitel-Kommentar völlig daneben, nicht die von ihm gescholtene Kritik. Denn die Kritik bemängelt nicht den Export, wie Keitel meint, sondern die mangelnde Öffnung für Importe aus unseren Partnerländern, seit Deutschland zu Beginn dieses Jahrtausends mit einer Niedriglohnpolitik und einem wuchernden Niedrigslohnsektor und dann noch mit einer saftigen Erhöhung der Mehrwertsteuer auf die Konsumbremse gegangen ist. Und daß die Käufer im Ausland durchaus wissen, wie sie ihren Bedarf ohne „made in Germany"decken sollten, zeigt der derzeitige tiefe Exporteinbruch. Außerdem machte die Niedrigstlohnpolitik der deutschen Exportunternehmen durchaus keinen Sinn, wenn die Käufer ohnehin „made in Germany" kaufen müßten, wie Keitel meint. Von der Niedriglohnpolitik profitiert Deutschland durchaus nicht, weil damit der Binnenkonsum weggebrochen ist, der für Arbeitsplätze und Einkommen weit wichtiger als der Export ist.

Niemand, der Deutschland kennt, wird neidisch sein müssen, im Gegenteil. Es ist das typische Rezept deutscher Besserverdiener, Kritikern gleich Neidkomplexe zu unterstellen, normalerweise im Inland, nun aber auch im Ausland, ohne nur einen Augenblick darüber nachzudenken, ob die Kritik an den Importschranken vielleicht berechtigt ist. Wem also nützt die deutsche niedriglohngestützte Exportmanie eigentlich?

Sie nützt zunächst einmal den Unternehmen, deren Gewinne seit dem Jahr 2000 weit stärker angestiegen sind als sonstwo in der Alt-EU, von Spanien abgesehen (Abb. 12531).


Sie nützt sodann den Defizitländern, deren Verbrauchern die deutschen, sehr oft auf Kredit verkauften Produkte in der Vergangenheit ein weit besseres Leben vermittelt haben, als denen, die sie an Deutschlands Werkbänken in langen Überstunden, längerer Lebensarbeitszeit und niedrigerer Entlohnung produziert haben.

Und sie nützt nicht, anders als auch Keitel wieder argumentiert, den deutschen Arbeitnehmern (natürlich von Ausnahmen vor allem bei den Best- und Besserverdienern abgesehen). Deren Lohn- und Gehaltsentwicklung im Industriebereich war seit 2000 viel schlechter als die der anderen Eurozonenländer, die um viele Prozentpunkte mehr zulegte (Abb. 15091).


Der so in Deutschland ausgebremste Binnenmarkt (Abb. 15072) hat die Entwicklung der Nachfrage privater Haushalte seit dem Jahr 2000 auf dem letzten Platz in der Alt-EU gehalten (Abb. 12998).



Damit wurde auch die Entwicklung am Arbeitsmarkt ausgebremst, denn was nicht nachgefragt wird, kann auch nicht produziert werden. Im Ergebnis ist die besonders drückende Langzeitarbeitslosigkeit weiterhin auf einem der höchsten Niveaus der Eurozone und nur in Irland, Griechenland, Italien, Spanien, Belgien und Portugal höher - Länder, mit deren Sozialniveau sich Deutschland meist ungern vergleicht. Nur 10,1 % der deutschen Beschäftigung ist nach Feststellungen des Statistischen Bundesamt aus 2007 direkt vom Export abhängig, weitere 11,6 % indirekt (Abb. 04960). Das ist nicht wenig, doch nie rechnet die Exportlobby, zu der Keitel gehört, die hohe Zahl der durch die schlechte Binnenkonjunktur weggedrückten oder durch Verlagerung abgeschobenen Arbeitsplätze dagegen.


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global news 1968 01-04-10: Warum wir dringendst einen neuen Lebensstil brauchen

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Unser gegenwärtiger auf möglichst viel Konsum hin orientierte Lebensstil macht sehr viele von uns kaputt, weil er uns mit wachsender Ungleichheit in der Einkommensverteilung immer mehr gegeneinander aufstellt, obwohl Menschen von Natur aus „Gesellschaftstiere" sind, weil er uns in den Konsum als angeblichen Ausweis unserer Leistungsfähigkeit treibt und weil er die Resourcen der Erde immer mehr erschöpft. Menschen sind in Kulturen eingebettet, werden von ihren Kulturen geformt und agieren großenteils im Rahmen ihrer kulturellen Lebensrealität. Doch die gegenwärtigen Konsummuster sind nicht nachhaltig. Das geht aus dem Bericht „Zur Lage der Welt 2010" hervor, den das renommierte Washingtoner Worldwatch-Institut gerade vorgestellt hat.

Würden alle Menschen so leben wie wir, böten die sich selbst erneuernden Ressourcen der Erde gerade Platz für 2,1 Milliarden Menschen. Würden alle leben wie die Amerikaner, dann könnte die Erde tatsächlich nur 1,4 Milliarden Menschen versorgen. Aktuell leben aber bereits knapp 7 Milliarden auf dem Planeten. Und bis 2050 sollen es noch mehr als 9 Milliarden werden (Abb. 0703).


1987 überschritt erstmals der biologische Fußabdruck der Menschheit die Kapazität der Erde. Am 19. Dezember hatten die Menschen all das verbraucht, was ihnen die Natur binnen eines Jahres zur Verfügung stellt: Holz, sauberes Wasser, Nahrung oder Platz, um den Müll zu entsorgen; auch den Klimamüll. 1995 erreichte die Menschheit diesen Tag am 21. November. Im vergangenen Jahr waren die Ressourcen schon am 24. September verbraucht.

Im Jahr 2006 wurden auf der ganzen Welt 30,5 Billionen Dollar für Waren und Dienstleistungen ausgegeben (nach dem Dollar-Kurs von 2008). In diesen Ausgaben waren Grundbedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft enthalten, doch je mehr das frei verfügbare Einkommen stieg, desto mehr gaben die Menschen für Konsumgüter aus - von reichhaltigerer Nahrung und größeren Häusern bis zu Fernsehern, Autos, Computern und Flugreisen. Allein im Jahr 2008 kauften die Menschen auf der ganzen Welt 68 Millionen Fahrzeuge, 85 Millionen Kühlschränke, 297 Millionen Computer und 1,2 Milliarden Mobiltelefone.

In den letzten fünf Jahrzehnten sind die Ausgaben für den Konsum dramatisch angestiegen, um 28 Prozent gegenüber den 23,9 Billionen, die 1996 ausgegeben wurden, und um das Sechsfache gegenüber den 4,9 Billionen des Jahres 1960 (nach dem Dollar-Kurs von 2008). Ein Teil dieses Anstiegs ist auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen, aber die Zahl der Menschen ist zwischen 1960 und 2006 nur um den Faktor 2,2 gestiegen. Also haben sich die Ausgaben für den Konsum pro Kopf noch immer beinahe verdreifacht.

Weil der Konsum gestiegen ist, sind noch mehr fossile Brennstoffe, Mineralien und Metalle aus der Erde geholt und noch mehr Bäume gefällt worden, und es ist noch mehr Land umgepflügt worden, um Nahrung anzubauen (oft auch zur Fütterung von Vieh, weil Menschen mit höheren Einkommen anfingen, mehr Fleisch zu essen). Zwischen 1950 und 2005 sind zum Beispiel die Metallproduktion um das Sechsfache, der Ölverbrauch ums Achtfache und der Erdgasverbrauch ums Vierzehnfache gestiegen. Insgesamt werden heute jährlich 60 Milliarden Tonnen an Ressourcen der Erde entnommen - ungefähr 50 Prozent mehr als vor gerade mal 30 Jahren. Heute verbraucht der Europäer im Durchschnitt jeden Tag 43 kg an Ressourcen und der Amerikaner im Durchschnitt 88 kg. Alles in allem zieht die Menschheit jeden einzelnen Tag den Gegenwert von 112 Wolkenkratzern wie das Empire State Building aus der Erde.

Im Jahr 2006 zeichneten die 65 Länder mit hohem Einkommensniveau, in denen der Konsumismus am dominantesten ist, für 78 Prozent der Konsumausgaben verantwortlich, bei einer Bevölkerung, die nur 16 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Allein die Menschen in den Vereinigten Staaten gaben in jenem Jahr 9,7 Billionen Dollar für den Konsum aus - ungefähr 32.400 Dollar pro Kopf -, und damit bestritten 5 Prozent der Weltbevölkerung 32 Prozent der weltweiten Konsumausgaben (Abb. 07324). Doch selbst bei mittlerem Einkommensniveau - das entspricht etwa dem, was die Menschen heute durchschnittlich in Jordanien und Thailand verdienen - kann die Erde weniger Menschen versorgen, als heute auf ihr leben. Diese Zahlen enthüllen eine Realität, mit der sich nur wenige auseinandersetzen wollen: In der heutigen Welt mit 6,8 Milliarden Bewohnern sind die modernen Konsummuster - selbst auf relativ bescheidenem Niveau - nicht nachhaltig.


Der Klimawandel ist nur eines der vielen Symptome des exzessiven Konsumniveaus. Die Luftverschmutzung, der jährliche durchschnittliche Verlust von 7 Millionen Hektar Wald, die Bodenerosion, zerstörerische Arbeitspraktiken, um noch mehr und noch billigere Konsumgüter herzustellen, Fettsucht, wachsende Zeitknappheit und Stress - die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Eine jüngst veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass die Welt in jeder Sekunde 200 Quadratmeter Solarmodule und ebenfalls in jeder Sekunde 100 Quadratmeter Solarthermen und stündlich 24 Drei-Megawatt-Windkraftwerke bauen müsste (und das 25 Jahre lang ohne Unterbrechung), um genug Energie zu produzieren, dass die heute durch fossile Brennstoffe produzierte Energie abgelöst werden könnte. Das alles würde enorme Energie- und Materialkosten verschlingen und dabei ironischerweise die Kohlendioxidemissionen zu einem Zeitpunkt nach oben treiben, zu dem sie dringend reduziert werden müssten. Es ist klar, dass die Veränderung der Technologie und die Stabilisierung der Bevölkerungszahl für die Schaffung nachhaltiger Gesellschaften zwar unabdingbar ist, dass aber beides folgenlos bleiben wird ohne beträchtliche Veränderungen in den Konsummustern.

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global news 1967 31-03-10: Die Wahrheit vom Arbeitsmarkt: Immer mehr Arbeitslosigkeit in „Unterbeschäftigung" versteckt

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Da jubeln die deutschen Medien wieder über den Arbeitsmarkt. So SPIEGEL:

„Ökonomen bejubeln deutsches Job-Wunder - Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind für Ökonomen eine Riesenüberraschung. Bei vielen Beobachtern macht sich jetzt Optimismus breit."

Tatsächlich ist die Zahl der amtlich registrierten Arbeitslosen um 0,5 % gegenüber dem Vorjahresmonat gefallen. Doch abzüglich der offiziell gezählten Arbeitslosigkeit hat die in der Unterbeschäftigung versteckte im Februar um gewaltige 16 % gegenüber Vorjahr auf 1,2 Millionen zugelegt (Abb. 14893). Die Unterbeschäftigung umfaßt Personen, die an entlastenden Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik teilnehmen oder zeitweise arbeitsunfähig erkrankt sind und deshalb nicht als arbeitslos gezählt werden sowie erwerbsfähige Hilfebedürftig nach Vollendung des 58. Lebensjahres, denen innerhalb eines Jahres keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten werden konnte.


Die besonders bedrückende Zahl der Arbeitslosen, die länger als 12 Monate arbeitslos waren, hat gegenüber dem Vorjahr um 19.000 oder 2 % auf fast 1 Million zugenommen (ohne Daten zugelassener kommunaler Träger). Ihr Anteil an allen Arbeitslosen erhöhte sich damit um einen Prozentpunkt auf 30 Prozent.

Auch klaffen weiterhin die Zahl der Arbeitslosen und der 6,3 Millionen Arbeitslosengengeldempfänger, von denen nur noch 56,5 % oder wenig mehr als die Hälfte offizell als arbeitslos registriert werden, weit auseinander (Abb. 04980). Zwischen August 2006 und Februar 2009 ist der Anteil der arbeitslos Registrierten an allen Empfängern von Arbeitslosenhilfe von seinerzeit 67,3 % stark gefallen (Abb. 14762).



Im internationalen Vergleich nach den letzten Zahlen von Eurostat für das letztgemeldete 3. Quartal 2009 ist die Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland die fünfthöchste aller Vergleichsländer, dies trotz vieler Manipulationen an der Statistik (Abb. 12999).


Auch wenn es bisher hätte weitaus schlimmer kommen können, gibt die Situation ganz und gar keinen Grund zum Jubel.

Eine ausführliche Analyse enthält der neue Schwerpunkt „Arbeitslos im März 2010".


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global news 1966 30-03-10: IWF-Prognose für Deutschland: Zurück in die mageren Jahre

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Die heutige neue IWF-Prognose für Deutschland fällt bedrückend aus:

Von 2009 auf 2010 noch tiefer sinken sollen die Stundenlöhne, das real verfügbare Einkommen, der private Verbrauch und dementsprechend die Binnennachfrage (Abb. 14169).


Der Außenhandel soll schwach bleiben mit einem nur langsamen Wiederanstieg der Exporte (Abb. 14170) und schwach bleiben auch die so wichtigen Bruttoanlageninvestitionen (Abb. 14171).



Dementsprechend hat der IWF die Wachstumsprognose für Deutschland in 2010 von 1,5 % auf nur noch 1,2 % deutlich zurückgenommen (Abb. 14172). Auch erwartet er nun einen Anstieg der Arbeitslosenquote von 7,2 % in 2008 auf 9,3 % oder 4,3 Millionen Arbeitslose in 2011 (14173).




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global news 1965 30-03-10: Tricks mit Statistik: Hier angeblich „massiv gestiegene" Arbeitskosten in Deutschland

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Das Statistische Bundesamt meldet heute:

„Im Verarbeitenden Gewerbe, das besonders im internationalen Wettbewerb steht, kostete eine Arbeitsstunde in Deutschland im Jahr 2009 durchschnittlich 35,60 Euro. Damit lag Deutschland hinter Belgien und Dänemark auf Rang drei in der Europäischen Union. Der durch die Wirtschaftskrise hervorgerufene Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden (Abbau von Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit) führte in Deutschland im Jahr 2009 zu einem starken Anstieg der Arbeitskosten je geleisteter Stunde."

Prompt kommt der SPIEGEL mit der Schlagzeile „Arbeitskosten in Deutschland steigen massiv". Doch dabei wird vieles absichtlich oder unabsichtlich übersehen. Erstens kommt es im Wettbewerb nicht auf Arbeitskosten an, sondern entscheiden allein die Lohnstückkosten, die auch die Produktivität berücksichtigen. Hier hatte Deutschland in den sieben Jahren bis 2007, also vor Ausbruch der Krise, die bei weitem geringste Entwicklung (Abb. 15105). Leider bringt das Statistische Bundesamt diese viel wichtigere Übersicht nicht.


In den Krisenjahren 2008 und 2009 ist es zu einer nur vorrübergehenden Steigerung der Arbeitskosten gekommen, weil die Kurzarbeit in Deutschland besonders stark gefördert wurde. Doch das ist eine anormale Situation, die mit dem Auslaufen der Kurzarbeiterförderung wieder aufhören wird.

Bei den Studenlöhnen ist der Abstand innerhalb der Spitzengruppe von neun Alt-EU-Ländern (ohne Portugal, Griechenland, Spanien, Großbritannien und Italien) sehr gering (Abb. 14168). Selbst das in 2009 durch Kurzarbeit künstlich angehobene deutsche Niveau lag nur um weniger als 4 % über dem Durchschnitt dieser Länder, eine angesichts der Produktivitätsunterschiede im Wettbewerb zu vernachlässigende Differenz.


Das Ganze ist nur ein verfälschende Steilvorlage, um noch mehr deutsche Lohndisziplin einzufordern. Die deutschen Löhne und Gehälter haben sich mit einem nominalen Rückgang im 4. Quartal 2009 von 1 % gegenüber Vorjahreszeitraum ohnehin viel ungünstiger entwickelt als die der Vergleichsländer (Abb. 15089).



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global news 1964 30-03-10: Warum wir dringendst einen neuen Lebensstil brauchen

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Unser gegenwärtiger auf möglichst viel Konsum hin orientierte Lebensstil macht sehr viele von uns kaputt, weil er uns mit wachsender Ungleichheit in der Einkommensverteilung immer mehr gegeneinander aufstellt, obwohl Menschen von Natur aus „Gesellschaftstiere" sind, weil er uns in den Konsum als angeblichen Ausweis unserer Leistungsfähigkeit treibt und weil er die Resourcen der Erde immer mehr erschöpft. Menschen sind in Kulturen eingebettet, werden von ihren Kulturen geformt und agieren großenteils im Rahmen ihrer kulturellen Lebensrealität. Doch die gegenwärtigen Konsummuster sind nicht nachhaltig. Das geht aus dem Bericht „Zur Lage der Welt 2010" hervor, den das renommierte Washingtoner Worldwatch-Institut gerade vorgestellt hat.

Würden alle Menschen so leben wie wir, böten die sich selbst erneuernden Ressourcen der Erde gerade Platz für 2,1 Milliarden Menschen. Würden alle leben wie die Amerikaner, dann könnte die Erde tatsächlich nur 1,4 Milliarden Menschen versorgen. Aktuell leben aber bereits knapp 7 Milliarden auf dem Planeten. Und bis 2050 sollen es noch mehr als 9 Milliarden werden (Abb. 0703).


1987 überschritt erstmals der biologische Fußabdruck der Menschheit die Kapazität der Erde. Am 19. Dezember hatten die Menschen all das verbraucht, was ihnen die Natur binnen eines Jahres zur Verfügung stellt: Holz, sauberes Wasser, Nahrung oder Platz, um den Müll zu entsorgen; auch den Klimamüll. 1995 erreichte die Menschheit diesen Tag am 21. November. Im vergangenen Jahr waren die Ressourcen schon am 24. September verbraucht.

Im Jahr 2006 wurden auf der ganzen Welt 30,5 Billionen Dollar für Waren und Dienstleistungen ausgegeben (nach dem Dollar-Kurs von 2008). In diesen Ausgaben waren Grundbedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft enthalten, doch je mehr das frei verfügbare Einkommen stieg, desto mehr gaben die Menschen für Konsumgüter aus - von reichhaltigerer Nahrung und größeren Häusern bis zu Fernsehern, Autos, Computern und Flugreisen. Allein im Jahr 2008 kauften die Menschen auf der ganzen Welt 68 Millionen Fahrzeuge, 85 Millionen Kühlschränke, 297 Millionen Computer und 1,2 Milliarden Mobiltelefone.

In den letzten fünf Jahrzehnten sind die Ausgaben für den Konsum dramatisch angestiegen, um 28 Prozent gegenüber den 23,9 Billionen, die 1996 ausgegeben wurden, und um das Sechsfache gegenüber den 4,9 Billionen des Jahres 1960 (nach dem Dollar-Kurs von 2008). Ein Teil dieses Anstiegs ist auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen, aber die Zahl der Menschen ist zwischen 1960 und 2006 nur um den Faktor 2,2 gestiegen. Also haben sich die Ausgaben für den Konsum pro Kopf noch immer beinahe verdreifacht.

Weil der Konsum gestiegen ist, sind noch mehr fossile Brennstoffe, Mineralien und Metalle aus der Erde geholt und noch mehr Bäume gefällt worden, und es ist noch mehr Land umgepflügt worden, um Nahrung anzubauen (oft auch zur Fütterung von Vieh, weil Menschen mit höheren Einkommen anfingen, mehr Fleisch zu essen). Zwischen 1950 und 2005 sind zum Beispiel die Metallproduktion um das Sechsfache, der Ölverbrauch ums Achtfache und der Erdgasverbrauch ums Vierzehnfache gestiegen. Insgesamt werden heute jährlich 60 Milliarden Tonnen an Ressourcen der Erde entnommen - ungefähr 50 Prozent mehr als vor gerade mal 30 Jahren. Heute verbraucht der Europäer im Durchschnitt jeden Tag 43 kg an Ressourcen und der Amerikaner im Durchschnitt 88 kg. Alles in allem zieht die Menschheit jeden einzelnen Tag den Gegenwert von 112 Wolkenkratzern wie das Empire State Building aus der Erde.

Im Jahr 2006 zeichneten die 65 Länder mit hohem Einkommensniveau, in denen der Konsumismus am dominantesten ist, für 78 Prozent der Konsumausgaben verantwortlich, bei einer Bevölkerung, die nur 16 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Allein die Menschen in den Vereinigten Staaten gaben in jenem Jahr 9,7 Billionen Dollar für den Konsum aus - ungefähr 32.400 Dollar pro Kopf -, und damit bestritten 5 Prozent der Weltbevölkerung 32 Prozent der weltweiten Konsumausgaben (Abb. 07324). Doch selbst bei mittlerem Einkommensniveau - das entspricht etwa dem, was die Menschen heute durchschnittlich in Jordanien und Thailand verdienen - kann die Erde weniger Menschen versorgen, als heute auf ihr leben. Diese Zahlen enthüllen eine Realität, mit der sich nur wenige auseinandersetzen wollen: In der heutigen Welt mit 6,8 Milliarden Bewohnern sind die modernen Konsummuster - selbst auf relativ bescheidenem Niveau - nicht nachhaltig.


Der Klimawandel ist nur eines der vielen Symptome des exzessiven Konsumniveaus. Die Luftverschmutzung, der jährliche durchschnittliche Verlust von 7 Millionen Hektar Wald, die Bodenerosion, zerstörerische Arbeitspraktiken, um noch mehr und noch billigere Konsumgüter herzustellen, Fettsucht, wachsende Zeitknappheit und Stress - die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Eine jüngst veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass die Welt in jeder Sekunde 200 Quadratmeter Solarmodule und ebenfalls in jeder Sekunde 100 Quadratmeter Solarthermen und stündlich 24 Drei-Megawatt-Windkraftwerke bauen müsste (und das 25 Jahre lang ohne Unterbrechung), um genug Energie zu produzieren, dass die heute durch fossile Brennstoffe produzierte Energie abgelöst werden könnte. Das alles würde enorme Energie- und Materialkosten verschlingen und dabei ironischerweise die Kohlendioxidemissionen zu einem Zeitpunkt nach oben treiben, zu dem sie dringend reduziert werden müssten. Es ist klar, dass die Veränderung der Technologie und die Stabilisierung der Bevölkerungszahl für die Schaffung nachhaltiger Gesellschaften zwar unabdingbar ist, dass aber beides folgenlos bleiben wird ohne beträchtliche Veränderungen in den Konsummustern.

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global news 1963 29-03-10: In sozial gleicheren Ländern lebt man besser - Teil 2: Die Ungleichverteilung der Einkommen korrespondiert mit der Bildung, der Behandlung der Frauen und der Aufstiegsmobilität

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Man kann Regressionen zwischen dem Einkommensverhältnis des obersten zum untersten Fünftel und dem Anteil der frühzeitigen Schulabgänger, sowie dem Anteil der Studienabschlüsse pro Bevölkerung bilden, die einen starken Zusammenhang zeigen: Je weniger Ungleichheit, desto weniger frühzeitige Schulabgänger und desto höher der Anteil der Studienabschlüsse (Abb. 15083, 15084).



Ebenso zeigt sich weiter, daß in Gesellschaften mit einer starken Ungleichverteilung auch die Lohndiskriminierung der Frauen hoch ist, und umgekehrt (Abb. 15085), und viel weniger Frauen sind erwerbstätig (Abb. 15086).



Es kann danach eigentlich nicht mehr überraschen, daß es einen klaren Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und der Kinderzahl pro Frau gibt: Je ungleicher die Einkommensverhältnisse, desto geringer die Kinderzahl und das mit nur wenigen statistischen Ausreißern (Abb. 15088). In ungleichen Gesellschaften finden die Frauen als Mütter offensichtlich weniger Unterstützung im sozialen Umfeld und oft von den eigenen Männern.


Die Aufstiegsmobilität hängt ganz besonders mit der Einkommensverteilung zusammen. Je weniger ungleich das Einkommen verteilt ist, umso weniger ist das Einkommen der Söhne von dem der Väter abhängig (Abb. 15087).


Siehe dazu jetzt auch den neuen Schwerpunkt „Auffällig höhere Lebensqualität in gleicheren Gesellschaften".


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global news 1962 25-03-10: Immer wieder die Mogelpackungen zum Konsumklima

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Da meldet die Gesellschaft für Konsumforschung aus Umfragen, die von den Medien breit aufgegriffen werden heute:

„Das GfK-Konsumklima kann im April dieses Jahres seinen Abwärtstrend - zumindest vorläufig - stoppen. Sowohl die Konjunktur- als auch die Einkommenserwartungen verbessern sich. Dagegen verzeichnet die Anschaffungsneigung geringe Einbußen. Der Gesamtindikator prognostiziert nach 3,2 Punkten im März für April ebenfalls 3,2 Zähler."

Und so meldet denn auch die Tagesschau heute den unsinnigen Vorgriff auf April:

„Trotz steigender Spritpreise hat sich zu Frühlingsbeginn das Konsumklima in Deutschland stabilisiert. Nach fünf Rückgängen in Folge blieb der für April ermittelte GfK-Konsumklimaindex unverändert. "Der Frühling weckt Hoffnung auf eine Konjunkturbelebung", erklärte die GfK zu der Umfrage unter 2000 Verbrauchern."

Tatsächlich ist dieser Index im März weiter zurückgegangen (Abb. 04711). Was soll dann diese frohe Botschaft mit einem prognostizierten Aprilwert, wenn wir noch im März sind? Hat die GfK nun auch noch den Kaffeesatz oder die Glaskugel im Einsatz?


Der harte statistische Faktor, der den Massenkonsum ausbremst, ist die Entwicklung der Verdienste in Deutschland, die sich im vergangenen Jahr real negativ verhalten hat (Abb. 14896). Besonders negativ waren die Werte im Verarbeitenden Gewerbe mit minus 3,3 %, darunter Metallerzeugung und -bearbeitung minus 8,2 %, Herstellung von Kraftwagen und -teilen minus 6,1 %, Herstellung von Metallerzeugnissen minus 5,8 % und Maschinenbau minus 5,6 %. Meine Großmutter sagte immer: „Von nichts kommt nichts".



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global news 1961 24-03-10: Und nun ein „Weichei-Euro"?

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Seit Beginn dieses Jahres wird der Euro von den Märkten nach unten geprügelt. Er hat seit Mitte Januar rund 7 % seines Wertes verloren, und ein Ende der Talfahrt ist noch nicht in Sicht (Abb. 15590). Im Vergleich mit dem Durchschnitt der vorrangegangenen drei Jahre 2007 bis 2009 ist das Minus mit 4,3 % nicht ganz so groß, aber immer noch erheblich.


Natürlich freuen sich die Exporteure - ein Grund, warum sich derzeit nach der Ifo-Umfrage das Geschäftsklima aufhellt, auch wenn es längst noch nicht das Niveau der Vorjahre erreicht hat (siehe heutiger Index für die Beurteilung der Lage, Abb. 04731). Doch die Importe aus dem Nicht-Euroraum, vor allem Öl, Gas, andere Rohstoffe, viele Nahrungsmittel und eine Menge von Vorprodukten verteuern sich und vieles wird auf die deutschen Verbraucher abgewälzt werden.


Die Griechenlandkrise ist sicher einer der wichtigsten Gründe für die Euroschwäche, zumal die Spekulanten damit rechnen, daß nach einem erstmaligen Eingreifen des IWF andere Länder der Eurozone mit hohen Defiziten und/oder Staatsverschuldungen, wie Portugal, Spanien, Irland oder sogar Italien unter Druck kommen können. Die Eurozone sieht, nicht zuletzt wegen der deutschen Überschüsse, einfach zu unausgeglichen aus, um sehr viel Vertrauen in die Stabilität des Gesamtsystems zu erzeugen. Gerade heute hat eine der Rating Agenturen das Kreditstanding von Portugal heruntergestuft, wie schon vorher bei Griechenland.

Es kommt aber noch hinzu, daß sich die Eurozone wirtschaftlich derzeit weit schlechter entwickelt als der Dollar-Raum und andere Währungszonen, wobei die Wirtschaftsleistung der Eurozone im letztgemeldeten 4. Quartal 2009 erheblich von der deutschen nach unten gezogen wurde (Abb. 15594).


Auch viele Daten aus dem neuen Jahr fallen bisher nicht besonders positiv aus. So meldet heute das Statistische Bundesamt einen Rückgang der Bauaufträge im Januar um mehr als 15 % gegenüber dem Durchschnitt des Vorkrisenjahrs 2007 (Abb. 14605). Die gewerbliche Wirtschaft hat ebenfalls für Januar einen Rückgang der Beschäftigten um 4,9 % und der Lohn- und Gehaltssumme um 4,6 % jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat gemeldet (Abb. 04009), was sich auf die ohnehin notleidende Binnenkonjunktur negativ auswirkt. Der Geldmangel oder die Ängstlichkeit der deutschen Verbraucher machen den wichtigsten Binnenmarkt der Eurozone weiter zu einem schweren Klotz, der an der Eurozone hängt.




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global news 1960 23-03-10: Die Gemeinden bluten aus

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Nach der heutigen Mitteilung des Statistischen Bundesamts errechnete sich für die Gemeinden und Gemeindeverbände in Deutschland (ohne die Stadtstaaten) für das Jahr 2009 ein kassenmäßiges Finanzierungsdefizit in Höhe von 7,1 Milliarden Euro. Im Jahr 2008 hatte sich noch ein Finanzierungsüberschuss von 7,7 Milliarden Euro ergeben (Abb. 14894). Die Einnahmen der Kommunen betrugen im Jahr 2009 170,1 Milliarden Euro und waren damit um 2,7% geringer als im Jahr 2008. Die kassenmäßigen Ausgaben stiegen dagegen um 6,0% auf 177,2 Milliarden Euro.


Hauptgrund für den Einnahmenrückgang waren die stark rückläufigen Steuereinnahmen der Kommunen. Sie lagen im Jahr 2009 mit 62,4 Milliarden Euro um 11,4% unter dem entsprechenden Vorjahresbetrag. Dabei fielen 2009 die für die kommunalen Einnahmen sehr bedeutenden Gewerbesteuerbeträge - nach Abzug der Gewerbesteuerumlage - mit 25,0 Milliarden Euro um 19,7% geringer aus als ein Jahr zuvor.

Das Defizit baut sich auf, obwohl die Gemeinden über die vergangenen Jahre immer mehr Personal abgebaut haben. Insgesamt ging die Vollzeitbeschäftigung im deutschen öffentlichen Dienst von 4,2 Millionen 1997 auf nur noch 3,1 Millionen 2007 zurück und dürfte seitdem weiter gefallen sein (Abb. 14895). Der stärkste Rückgang war schon 2007 im kommunalen Bereich mit einem Rückgang um weitere 1,3 % gegenüber 2006 zu verzeichnen.



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global news 1959 22-03-10: In der Krise erhöht Deutschland den negativen Lohndruck in Europa noch weiter

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Nach den letzten Zahlen von Eurostat sind die Löhne und Gehälter der deutschen Industrie im 4. Quartal 2009 gegenüber Vorjahr um 1 % gefallen (Abb. 15089).


Bereits seit dem Jahr 2000 ist Deutchland absolutes Schlußlicht in der Entwicklung der 15 Alt-EU Länder (Abb. 15090).


Da ist es kein Wunder, wenn sich innerhalb der Eurozone eine Zerreißprobe aufbaut, die wahrscheinlich die Eurozone sprengen wird. Angesichts der enormen Unterschiede, muß ausgeschlossen werden, daß sich die anderen Länder an die deutsche Lohnentwicklung anpassen oder gar die Unterschiede der Vergangenheit noch ausgleichen (z.B. haben sich die spanischen Lohn- und Gehaltskosten seit 2000 um 26,3 Prozentpunkte stärker entwickelt als die Deutschen, Abb. 15091). Die Lohnstückkosten sind ebenfalls, wenn auch nicht so stark auseinandergelaufen, weil die Produktivität in einigen Nachholländern, vor allem Spanien, sehr zugelegt hat; leider sind diese Zahlen nur für die Gesamtwirtschaft vorhanden, nicht aber für die exportierende Industrie (Abb. 15093).




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global news 1958 19-03-10: In sozial gleicheren Ländern lebt man durchschnittlich länger und gesünder

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In Großbritannien ist ein relativ neues Buch auf dem Markt, das nun auch in Deutschland erschienen ist: „Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind" von Kate Pickett und Richard Wilkinson. Ich habe gestern durchgeblättert und war eigentlich noch nicht sehr überzeugt, obwohl ich auch dieser These anhänge und sie immer wieder am Beispiel der skandinavischen Länder oder abgeschwächt auch Frankreichs vorführe. Mein Zweifel regte sich an der im Buch aufgestellten Verbindung zwischen zwei statistischen Größen, von denen die eine ziemlich gesichert ist, nämlich das Verhältnis des obersten zum untersten Fünftel der Einkommen, die andere mir aber etwas willkürlich vorkam, nämlich ein Index sozialer und gesundheitlicher Probleme, den die Autoren selbst zusammengestellt haben. Das ist ein Sammelsurium aus Vertrauen, mentaler Gesundheit, Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit, Übergewichtigkeit, schulischer Leistung, Teenager-Geburten, gewaltsamen Tötungen, Gefängnisraten und sozialer Mobilität. Damit kann man natürlich jede Darstellung so hindrechseln, daß sie zu der vertretenen These paßt.

Dann habe ich mich selbst mit den mir zugänglichen neuesten Eurostatdaten beschäftigt. Ich wollte nur harte Statistiken verwenden. Die der Lebenserwartung ist eine solche. Doch zu meiner Überraschung zeigt die für die Alt-EU und Norwegen bei Frauen keinerlei Zusammenhang, oder Regression, wie die Statistiktechniker sagen, mit der Einkommensverteilung und bei Männern nur eine sehr leichte mit vielen Ausreißern (Abb. 15076, Abb. 15075).



Auch das zitierte Buch bringt eine Darstellung von Ungleichheit und Lebenserwartung. Die zeigt etwas Regression, doch ist nicht klar, aus welcher Zeit die Daten sind, und es werden teilweise ziemlich ferne Länder, die für unsere Situation in Europa wenig Vergleichbarkeit haben, vorgeführt, wie Neuseeland, Israel, Japan und Australien. Ich habe diese Darstellung kopfschüttelnd zur Seite gelegt, weil sie mit den neuesten Daten von Eurostat für die Alt-EU nicht im Einklang steht.

Dann kam mir eine Erklärung, warum die Lebenserwartung in Europa im Verhältnis zur Einkommensverteilung keine besondere Regression zeigen kann. Die Lebenserwartung hängt sehr stark von vielen Daten ab, die in Europa keine besonderen sozialbedingten Unterschiede mehr zeigen, wie Säuglingssterblichkeit, Unfall- und Verbrechenshäufigkeit oder Arbeitsstreß. Die Einkommensverhältnisse andererseits haben sich erst in der neoliberalen Entwicklungsphase, also über die letzten 20 Jahre stärker auseinanderentwickelt. Doch die Lebenserwartung bei Geburt stellt fest, in welchem Alter die Menschen heute sterben und blickt damit ziemlich lang in die Vergangenheit.

Also habe ich mich einer anderen Vergleichsgröße zugewandt, nämlich der Erwartung gesunder Lebensjahre im Alter von 65 Jahre. Da wird bei der Einkommensverteilung nicht so lange zurückgeblickt, weil es nur um den Zeitraum zwischen Tod und 65 Jahre geht. Und hier zeigen sich beim Gesundheitszustand im Alter die einkommensbedingten Faktoren, die sich über ein Menschenleben angesammelt haben, deutlicher, nämlich wie gesund oder ungesund sich ein Mensch Zeit seines Lebens ernährt hat oder wieviel schwere physische bzw. gleichförmige Arbeit er auf sich nehmen mußte, ob er in der Hierarchie am unteren Ende die Befehle der Oberen befolgen mußte oder von oben seine Frustrationen an den Unteren auslassen konnte. Auch die Qualität und Häufigkeit der ärztlichen Behandlung kommt ins Spiel, die besonders im Alter wichtig wird, wenn die Krankheitswahrscheinlichkeit am Größten ist.

Und in der Tat: Hier zeigen die beiden Datenreihen eine sehr eindeutige Regression an, einen Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und gesundem Leben im Alter, der nicht zu bezweifeln ist. Da ist der Unterschied zwischen Dänemark und Schweden auf der einen Seite sowie Portugal und Italien enorm (Abb. 15077, 15078).



Übrigens hat Deutschland bei den Frauen den nach Portugal und Italien, bei den Männern nach Portugal und Österreich niedrigsten Wert (Abb. 15079, 15080)



Träumen wir nicht alle von einem gesunden Leben im Alter? Den meisten unter uns ist es nicht oder nur kurz beschert, denn unsere deutsche Gesellschaft ist immer ungleicher geworden. Nachsatz: Trotz meiner Kritik an einer Darstellung ist das Buch sehr zu empfehlen.


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global news 1957 18-03-10: Zur Diskussion um befristete Arbeit

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Ein geringer Teil der befristeten Arbeit muß befristet werden, weil er sich auf befristete Projekte bezieht. Weitaus die meiste befristete Arbeit entspringt aber einer neueren Entwicklung, bei der Unternehmen ihr Konjunkturrisiko voll auf Arbeitnehmer abladen. Diese Arbeitnehmer werden dann zu einer Reservearmee, die man in guten Zeiten anheuert und in schlechten entläßt.

Befristete Arbeitsverhältnisse wurden besonders durch das am 1.1.2001 in Kraft getretene Teilzeit- und Befristungsgesetz erleichtert. Schon 2006 war nach einem Bericht des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fast jede zweite Neueinstellung (43 %) befristet; neuere Zahlen existieren leider nicht. Im Jahr 2001 hatte der Anteil der Befristungen dagegen erst bei 32 Prozent gelegen. 2008 hatte jeder elfte Arbeitsvertrag (8,9 %) ein Verfallsdatum, wie das Statistische Bundesamt am 16. März meldete (Abb. 14161). Der Anteil befristet Beschäftigter erreichte damit seit 1991 (5,7%) seinen bisherigen Höchststand. Die Angaben beziehen sich auf „Kernerwerbstätige" im Alter von 15 bis unter 65 Jahren, ohne Auszubildende sowie Schülerinnen, Schüler und Studierende mit Nebenjob.


Eurostat gibt den Anteil der befristeten Arbeitsverträge sogar mit fast 15 % an, ein ziemlich hoher Anteil in der Alt-EU (Abb. 15073).


Insgesamt sind es viel häufiger die jüngeren Beschäftigten, die sich in befristeten Arbeitsverträgen wiederfinden. So war in der Altersgruppe der 15 bis unter 20 jährigen der Anteil befristet Beschäftigter mit 40,7% am höchsten, und das obwohl Personen in betrieblicher oder schulischer Ausbildung hier gar nicht berücksichtigt wurden. In der Altersgruppe der 20 bis unter 25 jährigen arbeitete gut jeder Vierte mit befristetem Vertrag. Bei Beschäftigten ab etwa dem dreißigsten Lebensjahr geht der Anteil zeitlich begrenzter Beschäftigungen merklich zurück. Trotzdem betrug er für die 30 bis unter 40 jährigen noch 9,3% und bei 40 bis unter 50 jährigen noch 6,1%. Bei den 50 Jahre und älteren arbeiteten schließlich nur noch etwa jeder Zwanzigste (4,7%) mit zeitlich begrenztem Vertrag.

In den Dienstleistungsberufen ist der Anteil der Befristungen mit 10,4 % deutlich höher als im Durchschnitt.

Ausländer stehen mit einem Anteil von 13,6% sehr viel häufiger in zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnissen als deutsche Arbeitnehmer (8,5%).

Fast 2/3 aller Befristungen gehen auf länger als ein Jahr (Abb. 14163).


So sehr auch Befristungen als Instrument einer flexiblen Personalwirtschaft den Interessen von Arbeitgebern entgegenkommen mögen, entsprechen sie nur selten den Wünschen der Arbeitnehmer. Von den 2,7 Millionen befristet Beschäftigten des Jahres 2008 erklärten nur 2,5%, keine Dauerstellung gewünscht zu haben. Dabei ist noch zu berücksichtigen: Arbeitsverhältnisse mit befristetem Arbeitsvertrag zählen zu den so genannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen, ebenso wie Jobs mit einer Arbeitszeit von weniger als 21 Stunden pro Woche, geringfügige Beschäftigungen oder der stark hochgefahrenen Beschäftigungen bei Zeitarbeitsfirmen. Sie sind also nur der Teil einer negativen sozialen Entwicklung.

Dennoch will Arbeitsministerin von der Leyen bald ein Gesetz präsentieren, das befristete Arbeitsverträge noch leichter zuläßt.


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global news 1956 17-03-10: Deutschlands Europolitik: Masoschistisch, dumm, verlogen und arrogant

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In der heutigen Financial Times überschreibt der Chefökonomist Martin Wolf seinen Kommentar: „China und Deutschland vereinigen sich, um die Weltwirtschaft zu schwächen". Er warnt vor deflationären Gefahren in beiden Ländern, indem sie ihren inneren Sparkurs fortsetzen und damit den Abnehmerländern ihrer Waren die Möglichkeit nehmen, die Defizite durch eigenen Export nach Deutschland und China auszugleichen, was dann am Ende auch die Exporte zusammenbrechen lassen muß. Und er beendet seinen Kommentar mit einem alten Sprichwort: „Wen die Götter zerstören wollen, den treiben sie zuerst zum Wahnsinn." Wie wahr.

Das Codewort für Wolf ist „Chermany" aus China und Germany, weil beide glauben, daß ihre Abnehmer weiter ihre Waren kaufen und zugleich ihre eigene unverantwortliche Verschuldung stoppen können. Doch wenn die Schuldnerländer nicht mehr zahlen können, weil sie zuviel deutsche oder chinesische Waren gekauft haben, werden die so sehr gepriesenen Ersparnisse von Deutschland und China zu Illusionen und ihre Finanzforderungen zu offenen Subventionen ihres bereits erfolgten Exportes. Allein die drei Länder China, Deutschland und Japan haben ihre zusammengefaßten Leistungsbilanzüberschüsse von 108 Mrd Dollar im Jahr 2000 auf 833 Mrd Dollar in 2007 vor Ausbruch der Krise hochgefahren und sollen nach IWF-Schätzungen bis 2014 noch auf 964 Milliarden Dollar, also fast eine Billion Dollar, kommen (Abb. 15070).


Martin Wolff zitiert dann auch die Verteidigungssprüche von Schäuble und Wen Jiabao. In einem Satz: Deutschland versteckt sich im Euro und China hinter dem Renmimbi. Dessen reale effektive Wechselkursrate wertet seit der Wiederanbindung an den Dollar Mitte 2008 immer weiter ab und gilt heute bereits als um 25 % unterbewertet, gegenüber dem Dollar sogar um 40 % (Abb. 15071, hierzu ein interessanter Video-Link mit Paul Krugman in Englisch). Soweit zu Martin Wolf, dem Masochismus und der Dummheit.


Nun zur Verlogenheit. Nachdem der Druck im amerikanischen Kongreß auf Maßnahmen gegen die chinesischen Überschüsse gewaltig wächst, nimmt auch in der Eurozone die Unruhe wegen der deutschen Überschüsse erheblich zu. Der Unterschied ist nur, daß die Eurozonenpartner nicht über die deutsche Wettbewerbsstärke und die deutschen Exporte klagen, sondern - wie die französische Finanzministerin Lagarde - über den ausgebremsten deutschen Binnenkonsum und damit die Erschwernis, Importe aus Deutschland mit Exporten nach Deutschland zu finanzieren. Die deutsche Binnenkonjunktur stagniert praktisch seit dem Jahr 2000, während die der anderen Eurozonenpartner um 14 % zugelegt hat, die Frankreichs sogar um 16 % (Abb. 15072), was dann natürlich dem deutschen Export in diese Länder Auftrieb gegeben hat.


Die Verlogenheit ist nun, daß dieser wichtige Unterschied von der deutschen Politik einfach nicht wahrgenommen und den Europartnern der Vorwurf gemacht wird, nur die deutsche Wettbewerbsfähigkeit beschneiden zu wollen. So Minister Schäuble in seiner gestrigen Ansprache im Bundestag:

„Deswegen will ich mit großer Klarheit, Ruhe und Gelassenheit die Kritik, sei sie im Rahmen von G 20, sei sie in Europa, an denjenigen, die im Wettbewerb einigermaßen erfolgreich sind, dass sie schuld an den Problemen anderer seien, zurückweisen. Ich habe meiner Kollegin Lagarde, mit der ich sehr freundschaftlich und vertrauensvoll zusammenarbeite, gestern Abend, nachdem ich Entsprechendes gelesen habe, gesagt: Christine, ich bin Anhänger von Bayern München. Als in der Gruppenphase der Champions League Bayern München zweimal gegen Olympique Lyon ziemlich schlecht ausgesehen hat, habe ich mir gedacht, wenn Lyon nur etwas schlechter spielen würde, hätten es die Bayern etwas leichter. Aber auf dieser Basis können wir keine Wettbewerbsordnung aufbauen. Vielmehr müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit von Europa insgesamt stärken. Von diesem Ziel werden wir uns auch nicht abbringen lassen."

Ebenso Bundeskanzlerin Merkel:

„Dort, wo wir stark sind, werden wir unsere Stärken nicht aufgeben. Meine Regierung wird eine Politik betreiben, die die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nach vorne bringt. Es ist falsch, sich nach dem zu richten, der am langsamsten ist. Darüber eine Diskussion zu führen, halte ich für den falschen Weg."

Und dann die Arroganz. Die deutschen Medien und indirekt auch die Bundesregierung unterstellen den Europartnern einfach Neidkomplexe. Mit dem gleichen Vorwurf von Neidkomplexen hat man die Benachteiligten in der innerdeutschen Diskussion um das Soziale in der Marktwirtschaft jahrelang zurückgeknüppelt. Wenn dann auch noch Merkels Sprecher in ihrem Namen erklärt, die Bundesregierung verbitte sich den Vorwurf, denn die deutsche Exportwirtschaft könne nicht angehalten werden, mehr unattraktive Güter herzustellen, so ist das einfach arrogant. Und sehr arrogant ist auch Schäubles Fußballvergleich.


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global news 1955 17-03-10: Umsatz im deutschen Bücher-Einzelhandel seit drei Jahren rückläufig

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Die Krise scheint auch den Einzelhandel mit Büchern zu treffen. Im vergangenen Jahr war der Umsatz real bereits um 4,3 % unter das Vorkrisenjahr 2007 gerutscht (Abb. 14162).


Es kann eigentlich nicht überraschen: Die Landsleute sparen jetzt auch an der Kultur.


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global news 1954 16-03-10: ZEW-Finanzexperten: Weiterer Rückgang in der Konjunkturerwartung

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Der ZEW-Indikator für die Konjunkturerwartung ist nach der Meldung von heute wie in allen Monaten seit September vergangenen Jahres weiter zurückgefallen (Abb. 04762).


Die Beurteilung der derzeitigen Lage kommt nur langsam aus dem Tal heraus (Abb. 04588).


Wie gehabt, versteht es das ZEW, auch aus negativen Meldungen noch Optimismus zu schöpfen:

„Damit erwarten die befragten Finanzmarktexperten, dass sich die deutsche Konjunktur auch in den kommenden sechs Monaten langsam von der Wirtschaftskrise erholen wird."


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global news 1953 16-03-10: 10 deutsche Sünden gegen die Solidarität in der Eurozone und die eigenen Interessen

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Die Eurozonenpartner beklagen sich, daß Deutschland durch seine schlechte Binnenkonjunktur deren Exporte nach Deutschland ausbremst. Bundesregierung und Industrielobby sind auf diesem Ohr Taub und argumentieren nicht das Import- sondern statt dessen das Exportthema und die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. Doch die eigentlichen Sündenfälle liegen auf der Seite des deutschen Imports aus der Eurozone, der seit dem Jahr 2000 stark gedrosselt wurde (Nominalentwicklung in Abb. 15062). Unter Einrechnung der durchschnittlichen Steigerung der Importpreise für die Eurozone seit dem Jahr 2000 von 6,25 % haben die deutschen Importe aus der Eurozone im Jahresdurchschnitt nur um 1,2 % zugenommen, darunter bei Frankreich nur um 0,1 %. Besonders hart ist Deutschland seit Ausbruch der Krise auf die Importbremse gegangen, mit minus 9,1 % Dezember 2009 gegenüber Dezember 2007 (Abb. 15064).



Das vor allem hat zu erheblichen deutschen Handelsbilanzüberschüssen mit der Eurozone geführt, die bis zum Ausbruch der Krise auf nicht weniger als 4,7 % der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung anstiegen und ohne die sich die deutsche Wirtschaft in fast allen diesen Jahren negativ entwickelt hätte.

Wie miserabel sich im internationalen Vergleich die Nachfrage privater Haushalte und der Einzelhandelsumsatz in Deutschland entwickelt haben, ist mit zwei Abbildungen leicht zu dokumentieren. Bei der privaten Nachfrage ist es die schlechteste, beim Einzelhandelsumsatz ebenfalls bis zum Ausbruch der Krise, die nun neben Dänemark auch Italien und Spanien noch unter Deutschland gedrückt hat (Abb. 12998, 12922).



Nun zu den 10 Hauptsünden gegen die Solidarität in der Eurozone und die wahren deutschen Interessen. Die ungünstige Entwicklung der deutschen Binnenwirtschaft und damit der Importe aus der Eurozone ist sehr wohl das Ergebnis deutscher Wirtschaftspolitik. Dabei hängt ein ganzer Komplex von Sünden mit der Arbeitsmarktpolitik zusammen, die vor allem durch die Hartz-IV-Reformen einen wuchernden Niedrigstlohnsektor geschaffen und damit die Massenkaufkraft abgewürgt hat. Im Ergebnis ist die besonders drückende Langzeitarbeitslosigkeit weiterhin auf einem der höchsten Niveaus der Eurozone und nur in Irland, Griechenland, Italien, Spanien, Belgien und Portugal höher - Länder, mit deren Sozialniveau sich Deutschland ungern vergleicht. Was allerdings erreicht wurde, war ein seit dem Jahr 2000 - bis auf Spanien - einmaliger Anstieg der Unternehmensgewinne gemessen an der Gesamtwirtschaftsleistung (Abb. 12531).


1. Arbeitsmarktpolitik: Keine Mindestlöhne

Die Bundesregierungen haben sich bisher geweigert, wie bei unseren Eurozonenpartnern üblich einen flächendeckenden Mindestlohn einzuführen und damit zugleich den Abwärtssog des Niedrigstlohnsektor auf das gesamte Lohnniveau einzudämmen.

2. Förderung schlecht bezahlter und unsicherer Leiharbeit und befristeter Arbeitsverhältnisse

Durch gesetztliche Erleichterungen wurde ein wuchernder Leiharbeitssektor mit befristeten Arbeitsverhältnissen geschaffen. Die Leiharbeiter erhalten nicht die Tariflöhne, die für die Unternehmen gelten, in denen sie arbeiten. Der Anteil der nur befristet Beschäftigten hat sich von 1991 bis 2008 auf fast 10 % verdoppelt (Abb. 14161). Eurostat gibt den Anteil sogar mit fast 15 % an (Abb. 15067).



3. Immer mehr unfreiwillige und schlechter bezahlte Teilzeitarbeit

Deutschland hat mit fast 26 % nach den Niederlanden den höchsten Anteil von in der Regel schlechter bezahlter und unfreiwilliger Teilzeitarbeit (Abb. 15066).


4. Frauen werden viel stärker unterbezahlt als anderswo

Die negative Lohndifferenz bei Frauen ist einer der höchsten Werte in der Eurozone. So ist auch der Anteil der arbeitenden Frauen mit Armutsrisiko relativ hoch (Abb. 15068).


5. Förderung der lohndrückenden Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland

Die Verlagerung deutscher Jobs ins Ausland wurde staatlich durch Anrechnung der Kreditkosten von Auslandsinvestitionen steuerlich gefördert.

6. Begrenzung des Arbeitslosengeldes auf ein Jahr

Mit der Begrenzung des Arbeitslosengeldes ALG I auf ein Jahr wurden sehr viele Arbeitslose in 1-Euro-Jobs und andere Niedrigslohnverhältnisse gezwungen.

7. Ein unterfinanziertes Schulsystem produziert Niedrigstlohnarbeitnehmer

Die Bundesregierungen haben die Unternehmenssteuern und den Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer immer weiter gesenkt und gleichzeitig das Bildungssystem unterfinanziert, besonders für Grundschüler (Abb. 13805). Das entsprechend miserable Grundschulsystem hat ein Subproletariat auf Niedrigstlohnniveau herbeigeführt, wenn es überhaupt Arbeit findet. Der aktuelle Berufsbildungsbericht ermittelt, dass 15 Prozent der angebotenen Lehrstellen wegen mangelndem Leistungsvermögen und unzureichender schulischer Qualifikation nicht besetzt werden können. 47,3 % der Jugendlichen brauchen zwischen Schule und Lehre einen Grundbildungskurs und sind damit zu dumm für eine Lehre, weil sie in der Schule und zu Hause nicht genug gelernt haben. „Eine große Zahl junger Menschen erreicht weder den Schulabschluss noch eine vollqualifizierende Ausbildung", heißt es in dem Bericht.


Laut Entwurf des Berufsbildungsberichts 2010 sind ausländische Jugendliche wesentlich seltener an einer Ausbildung beteiligt als gleichaltrige Deutsche. So liegt der Anteil der Ausländer an einer Berufsausbildung bei nur 32,2 %, gegenüber 68,2 % für deutsche Jugendliche. Der Anteil ausländischer Schulabbrecher liegt bei der enormen Höhe von 15 %.

8. Massive Verunsicherung der deutschen Verbraucher bei den Renten

Ständig neue Tatarenmeldungen zum Rentensystem und eine falsche staatlich geförderte Zusatzrente (Riester-Rente) verunsichern nicht nur die Rentner, sondern auch die noch in Arbeit befindlichen.

9. Massive Verunsicherung der deutschen Verbraucher beim Gesundheitssystem

Das gleiche gilt für ständige Reformüberlegungen mit steigenden Gesundheitskosten, wie den von der FDP geforderten Pauschalbetrag.

10. Die 2007 eingeführte massive MWSt-Erhöhung hat die Importgüter verteuert, nicht aber den Export

Die trotz der hohen deutschen Handelsbilanzüberschüsse vorgenommene massive Erhöhung der Mehrwertsteuer ab 2007 traf die Importe aus der Eurozone (wie aus anderen Richtungen), nicht aber die Exporte dorthin und vergrößerte damit die Ungleichgewichte weiter.

Fazit

Das ganze ist weit mehr als ein Trauerspiel gemessen an den Interessen normaler Deutscher. Die Deutschen haben gearbeitet und gespart und gespart, soweit sie Jobs fanden und Einkommen zum Sparen; die übrige Eurozone hat jedenfalls weit besser gelebt. Schon 10 Jahre lang. Gewonnen haben in Deutschland nur die Unternehmensgewinne. Nun droht als Fluch der bösen deutschen Tat ein Auseinanderbrechen des Euros.


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global news 1952 21-03-10: Deutschland als Spielverderber und Euro-Pariah im Visier seiner Europartner

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Lange war es ein Tabu unter den Europartner: Mit einer extrem negativen Lohnpolitik, einem fehlenden gesetztlichen Mindeslohn und einem staatlich geförderten wuchernden Niedriglohnsektor hat sich Deutschland jahrelang Außenhandelsüberschüsse und Beschäftigung zu Lasten seiner Eurozonenpartner ermogelt, die sich nicht mehr durch Abwertung schützen können. Nun in der Krise ist das Tabu nicht mehr zu halten. Frankreich macht sich mit seiner Finanzministerin Christine Lagarde zum Sprecher aller Anderen und kritisiert erstmals öffentlich, noch zart, aber schon deutlich in der Financial Times die deutsche Wirtschaftspolitik:

„Die deutschen Handelsbilanzüberschüsse, die auf ein Herunterdrücken der Arbeitskosten aufbauen, sind für andere Eurozonenländer nicht ertragbar. Deutschland sollte erwägen, seine Binnennachfrage hochzufahren und Defizitländern zu helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzugewinnen und ihre öffentlichen Finanzen in Ordnung zu bringen. Können diejenigen mit Handelsüberschüssen nicht ein klein wenig was tun? Es braucht Zwei für Tango. Es geht nicht, nur Prinzipien gegen Defizite durchzusetzen. Deutschland hat in den vergangenen zehn Jahren die Wettbewerbsfähigkeit erhöht, einen sehr hohen Druck auf seine Arbeitskosten ausgeübt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das ein nachhaltiges Modell ist - langfristig und für die gesamte Gruppe. Wir brauchen offensichtlich eine bessere Angleichung."

In Berlin sucht man nun fieberhaft nach Gegenargumenten. Das Finanzministerium argumentiert, deutsche Unternehmen seien nicht aufgrund staatlicher Politik konkurrenzfähig, sondern wegen unternehmerischer Entscheidungen und Vorlieben von Verbrauchern weltweit. Die Krisenländer seien zudem selbst schuld an ihrer Lage. Jahrelang hätten sie über ihre Verhältnisse gelebt, ihren Boom auf Pump finanziert. Jetzt offenbare die Wirtschafts- und Finanzkrise ihre Schwächen. Und Vizeregierungssprecher Christoph Steegmans erklärt im Namen der Bundeskanzlerin: Die Bundesregierung verbitte sich diesen Vorwurf. Deutschland sei ein Land, in dem Löhne und Konsum nicht vom Staat festgelegt würden. Ebenso könne die Exportwirtschaft nicht angehalten werden, mehr unattraktive Güter herzustellen. Deutschland habe einen starken und innovativen Mittelstand. Die Frage sei daher eher, wie andere Länder dies ebenfalls erreichen könnten.

Das sind allerdings ziemlich schiefe Argumente. Die staatliche Politik hat sehr wohl diese Entwicklung massiv unterstützt. Sie hat mit der Verweigerung flächendeckender Mindestlöhne wie bei unseren Europartnern, mit der staatlichen Förderung eines wuchernden Niedriglohnsektors und mit ständiger Verunsicherung der Verbraucher in Bezug auf die Entwicklung der Gesundheits- und Rentensysteme erheblichen Einfluß genommen. Die Aufstockregelung bei Hartz IV hat es den Unternehmen ermöglicht, die Arbeitskosten zusätzlich zu senken und ihre Mitarbeiter auf die ergänzende staatliche Hilfe zu verweisen. Das miserable deutsche Schulsystem und die fehlende Integration der Immigranten hat ein Subproletariat auf Niedrigstlohnniveau herbeigeführt, wenn es überhaupt Arbeit findet. Die Verlagerung deutscher Jobs ins Ausland wurde staatlich durch Anrechnung der Investitionskosten bei der Steuer gefördert. Deutschland ist so zum egoistischen Pariah innerhalb der Eurozone geworden, zum unsolidarischen Ausbeuter falscher Spielregeln. Die massive Erhöhung der Mehrwertsteuer ab 2007 traf die Importe aus der Eurozone, nicht aber die Exporte dorthin.

Die Zahlen zeigen sehr klar die zerstörische Rolle Deutschlands. So hat Deutschland seine Importe aus der Eurozone und besonders der Südschiene und Frankreich seit dem Jahr 2000 stark gedrosselt, besonders wenn man mit den Importen aus China vergleicht. Die Abbildung 15062 kann nur die Nominalwerte zeigen. Unter Einrechnung der durchschnittlichen Steigerung der Importpreise für die Eurozone seit dem Jahr 2000 von 6,25 % haben die deutschen Importe aus der Eurozone im Jahresdurchschnitt nur um 1,2 % zugenommen, darunter bei Frankreich nur um 0,1 % (Abb. 15063).



Besonders hart ist Deutschland seit Ausbruch der Krise auf die Importbremse gegangen, mit minus 9,1 % Dezember 2009 gegenüber Dezember 2007 (Abb. 15064).


Der deutsche Handelsbilanzüberschuß stieg bis 2007, dem Jahr des Ausbruchs der Krise, bis auf 114 Mrd Euro (Abb. 15065) oder nicht weniger als 4,7 % der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung, die sich in fast allen diesen Jahren ohne den Handelsbilanzüberschuß mit der Eurozone negativ entwickelt hätte. Umgekehrt hat z.B. Frankreich im Durchschnitt der letzten drei Jahre durch das Defizit mit Deutschland jeweils 1,5 % seiner Wirtschaftsleistung verloren.


Sind diese Vorwürfe der Anfang vom Endspiel im Euroverbund? Wird Deutschland nun die Hauptrechnung für Griechenland et al präsentiert? Wird wahr, was viele schon am Anfang des Euro befürchteten, darunter Helmut Schmidt?


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Wirtschaftsstandort

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