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Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006) und "Deutschland global" (2005)


(423) 2. Quartal 06: „Armes" Deutschland - „glücklicheres" Frankreich

(422) China wird zum Hauptlieferanten der EU, EU-Handelsbilanzen

(421) Detailergebnisse 2. Quartal - Teil 2: Am Haken der internationalen Entwicklung

(420) Detailergebnisse 2. Quartal - Teil 1: Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute

(419) Nun auch in Großbritannien: Angst vor Rumänen und Bulgaren

(418) ZEW-Konjunkturerwartungen - Abwärtstrend hält an, Bauindustrie stagniert wieder

(417) Die Risiken in der Weltwirtschaft wachsen

(416) Verkehrte Welt: Die Medien sind optimistischer als die Regierung

(415) „Frankfurter Allgemeine" hält die deutsche Lohnzurückhaltung für im Interesse der gesamten Eurozone

(414) Indien - noch ein Globalisierungsgewinner

(413) Das nächste deutsche Drama: Alle Deutschen wandern aus!

(412) Verarbeitendes Gewerbe Juni 2006: Wenig Grund zur Freude

(411) Die deutsche Geburtenzahl rutsch wieder

(410) Die Quartalswerte: Arbeitstäglich bereinigen oder nicht? So können Illusionen entstehen

(409) Das Mehrwertsteuer-WM-Quartal (2)

(408) Das Mehrwertsteuer-WM-Quartal

(407) Demnächst Weltmeister im Dienstleistungsexport?

(406) Das Geheimnis der Schuhe „Made in China"

(405) US-Handelsbilanz immer negativer

(404) Buy-out Fonds: Feuerkraft = DaimlerChrysler x 32

(403) Bundesagentur für Arbeit erwartet Rückgang der Vollzeitbeschäftigung in 2006 und auch 2007 sowie weiteren Anstieg der „Stillen Reserve" an verdeckter Arbeitslosigkeit

(402) Institut der Deutschen Wirtschaft - „Volksverdummung" (?) mit Arbeitskostenstatistik

(401) Industrieproduktion und Aussenhandel im Juni: Die Delle und die Eurozone

(400) China - "Gegen die Erde zu kämpfen ist unendliche Freude"

(399) Westliche Volkswirtschaften schwächen sich ab - Gefahr für den deutschen Export




Ein Hinweis und eine Bitte: Die täglichen Rundbriefe werden mit einem erheblichen Eigeneinsatz an Zeit und Kosten erstellt. Verschiedene Internet Newsprogramme linken mit einzelnen Rundbriefen, was natürlich sehr begrüßt wird. Da sich deren Besucher meist auf die jeweilige Auswahl verlassen, trägt dies leider zu einem ziemlich unregelmäßigen Besuch bei (siehe die Grafik) und wichtige Beiträge fallen zu oft durch die Ritzen. Das wirft natürlich am Ende die Frage nach der Berechtigung eines täglichen Rhytmus auf. Ich möchte Sie daher bitten, möglichst oft direkt hereinzuschauen und auch auf Ihrem Browser ein Lesezeichen einzurichten. Und empfehlen Sie die Webseite bitte weiter. Vielen Dank!


global news 423 28-08-06: 2. Quartal 06: „Armes" Deutschland - „glücklicheres" Frankreich

Mit minus 1 % im 2. Quartal 2006 sind die deutschen Nettolöhne und -gehälter erstmals wieder seit 1997 vier Quartale nacheinander gegenüber der Vorjahresperiode schon nominal zurückgegangen. Unter Berücksichtigung der Verbraucherpreisinflation ergab sich ein reales Minus von 3,2 % (Abb. 04584). Gegenüber dem Jahr 2000 betrug der Rückgang bereits 5,5 %. Im gleichen Zeitraum stiegen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um nicht weniger als 31 %. Niemand sollte sich wundern, daß bei einer solchen Entwicklung auch der Konsum privater Haushalte zurückläuft und die Langzeitarbeitslosigkeit hochbleibt.


In dieser Hinsicht ist immer ein Vergleich mit Frankreich aufschlußreich. Auch dort wurden am Freitag die Detailergebnisse des 2. Quartals 2006 veröffentlicht (Abb. 12198). Der Index des dort „salaire mensuel de base" genannten Arbeitseinkommens stieg mit einem realen Plus von fast 1 % (0,9) (D = -3,2 %) und schob damit den Konsum privater Haushalte mit 3,1 % Plus (D = -0,2 %) vor sich her. Auch die für die Zukunft des Landes und den Arbeitsmarkt entscheidenden Bruttoanlageninvestitionen entwickelten sich mit einem fetten Plus von 4,1 mehr als doppelt so stark (D = 2,0 %), was zu einer besseren Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts insgesamt beitrug. Damit ist auch die Langzeitarbeitslosenrate bei 3,6 % erheblich niedriger als in Deutschland bei 4,3 %. Schließlich ist das Land wesentlich weniger von der sich derzeit eintrübenden weltwirtschaftlichen Entwicklung abhängig als Deutschland.


Die Daten von Eurostat bis zum 1. Quartal 2006 zeigen sehr deutlich, wieviel weniger (oder gar nicht) sich in Frankreich die Arbeitnehmereinkommen einerseits und die Unternehmenseinkommen andererseits in den letzten Jahren auseinanderentwickelt haben (Abb. 12199). Der französischen Binnenkonjunktur und allgemeinen Wirtschaftsentwicklung hat das sehr genützt.


Im wiedervereinigten Deutschland waren die Einkommensunterschiede noch nie so groß wie heute. Nach neuen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stieg der Koeffizient von 0,26 in 1997 auf 0,29 in 2005 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455).


Trotz ihrer hervorragenden Gewinnentwicklung haben die deutschen Unternehmen - anders als die französischen - ihre Bruttoanlageninvestitionen über Jahre zurückgefahren und erst wieder im 2. Quartal 2006 etwas angeschoben. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt fiel von 22,0 % im 3. Quartal 2000 auf nur noch 17,7 % im 2. Quartal 2006 (Abb. 12204). Und um 3,4 % des Bruttoinlandsprodukts geringere Investitionen in die industrielle Zukunft des Landes, wie im 2. Quartal 2006, ergibt über die Zeit einen enormen akumulierten Unterschied zum Nachteil Deutschlands.


Eine ausführliche Darstellung des deutschen Unterinvestments bei hohen Gewinnen der Unternehmen wird mit internationalen Vergleichen im morgigen Rundbrief unter dem Titel: „Deutsches Paradox: Höchste Gewinne - niedrigste Investitionen" erscheinen.

Fazit: „Armes" Deutschland - „glücklicheres" Frankreich!

Für mehr zu Frankreich siehe
hier.

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global news 422 27-08-06: China wird zum Hauptlieferanten der EU, EU-Handelsbilanzen

Die EU verzeichnete nach heutiger Meldung von Eurostat im 1. Halbjahr 2006 ein Aussenhandelsdefizit von -94.5 Mrd Euro. 51 % davon kam allein aus dem Handel mit China, der Rest vor allem aus dem Handel mit den Energieversorgern Rußland und Norwegen. China entwickelt sich in diesem Jahr an den USA vorbei, zum Hauptlieferanten Europas, wobei das EU-Defizit sich immer mehr ausweitet (Abb. 08005).

Im Vergleich der EU-Länder erzielte Deutschland den weitaus größten Überschuß, während Großbritannien, Spanien, Frankreich und Italien erhebliche Defizite anhäuften (Abb. 04587).

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global news 421 26-08-06: Detailergebnisse 2. Quartal - Teil 2: Am Haken der internationalen Entwicklung

Hier das zweite Paket der Quartals-Auswertung:

Bei aller Freude über das vom BIP her bessere 2. Quartal sollten wir nicht vergessen, daß selbst dieses Ergebnis - nur von Italien unterboten - das schlechteste unter vergleichbaren Ländern ist (Abb. 13083) und daß Deutschland noch immer den höchsten Anteil an Langzeitarbeitslosen hat (Abb. 04022).



Auch mit der besseren Entwicklung des 2. Quartals bleibt die deutsche Konjunktur eine „Hängepartie", die sehr stark vom internationalen Umfeld abhängig ist, schon weil sich Deutschland so stark vom Export abhängig gemacht hat, dessen Überschuß mehr als 4 % zum deutschen Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Vor allem wird ein Konjunktureinbruch in USA und ein weiteres Nachgeben des Dollarkurses angesichts der wachsenden Ungleichgewichte in der US-Handelsbilanz wahrscheinlicher. Schon jetzt trüben sich die weltwirtschaftlichen Aussichten deutlich ein. So meldete die OECD vor wenigen Tagen einen Rückgang ihrer führenden Konjunkturindikatoren sowohl für die OECD insgesamt wie auch für die Gruppe der sieben großen Volkswirtschaften (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und USA) und die USA insbesondere (Abb. 12192).


Seit einigen Monaten zeigt sich bereits deutlich, wie der Exportüberschuß von der sich eintrübenden Weltwirtschaft und steigenden Rohstoffpreisen unter Druck gesetzt wird. Er lag in den ersten 7 Monaten schon um 9 % unter dem Vorjahreszeitraum (Abb. 04576). Der Auftragseingang aus dem Ausland ist rückläufig (Abb. 04569).



Die Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die auf Umfragen unter Finanzmarktexperten beruhen, sind im August 2006 deutlich auf dem tiefsten Stand seit 2001 gefallen, dabei wird die Entwicklung für Deutschland wegen der Exportabhängigkeit und der MWSt-Erhöhung besonders negativ eingeschätzt ((Abb. 04588).

Der Ifo-Geschäftsklima-Index zeigt ebenfalls einen Abriß in den Erwartungen an die Wirtschaftsentwicklung (Abb. 04589).

Eine ausführliche Bewertung der Detailergebnisse enthält der Schwerpunkt Weiter in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse.

Wir werden das dritte Quartal abwarten müssen, um sicher beurteilen zu können, ob diejenigen - wie Bundeskanzlerin Merkel oder Bundesbankpräsident Weber - recht haben, die schon jetzt die definitive Wende feststellen, oder ob - wie viele Indikatoren bereits anzeigen - die Verbesserung nur vorrübergehend ist.

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global news 420 25-08-06: Detailergebnisse 2. Quartal - Teil 1: Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute

Nun liegen die amtlichen Detailwerte der Wirtschaftsentwicklung im 2. Quartal 2006 vor. Daraus und den bereits bekannt gewordenen anderen Daten ergibt sich:

» Weiter realer Rückgang der Bruttolöhne und -gehälter gegenüber dem Vorjahr bei Anstieg der Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Die Einkommensunterschiede waren im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute.

» Die Konsumausgaben privater Haushalte haben sich in gleitenden 12-Monatschritten gemessen kaum bewegt.

» Die Verbraucherinsolvenzen steigen steil an.

» Am Arbeitsmarkt verzeichnete zwar der Juli einen minimalen Zuwachs an versicherungspflichtigen Arbeitsplätzen, aber die amtlichen Erwartungen für dieses und das nächste Jahr sagen einen weiteren Rückgang voraus.

» Der Auftragseingang der Industrie hat sich zuletzt wieder abgeschwächt.

» Deutschland hatte selbst mit dem von Mehrwertsteuerangst und Fußbalweltmeisterschaft angetriebenen Bruttoinlandsprodukt des 2. Quartals vor Italien das im internationalen Vergleich schlechteste Ergebnis.

Ob daraus ein dauerhafter Aufschwung werden kann, der auch in 2007 anhält, muß einstweilen schon wegen der negativen Entwicklung der Massenkaufkraft, der happigen Mehrwertsteuererhöhung und des sich verdunkelnden weltwirtschaftlichen Umfelds bezweifelt werden.

Ich werde die Daten für die Rundbriefe in zwei Sätzen aufbereiten: erstens die Einkommensseite (einschließlich Arbeitsmarkt und Binnenkonjunktur) und danach Deutschland im internationalen Kontext. Eine ausführliche Bewertung der Detailergebnisse enthält der Schwerpunkt Weiter in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse.

Hier das erste Paket:

Die deutschen Löhne und Gehälter bewegen sich preisbereinigt weiter mit einem Minus von 0,3 % gegenüber Vorjahresperiode nicht nur im Kriech- sondern im Rückwärtsgang, ganz im Unterschied zu den Unternehmens- und Vermögenseinkommen, die weiter wenn auch nur leicht gewachsen sind (der Vergleich 2. zu 1. Quartal 06 täuscht hier, da im 1. Quartal die meisten Dividenden anfallen). Über den gesamten Zeitraum seit 2000 haben erstere bereits um 5,5 % ab-, letztere dagegen um 31,1 % zugenommen (Abb. 04054).


Dabei entfernten sich die Verdienste je Arbeitnehmer noch weiter von der Produktivität.

Ein weiterer Maßstab für die ungleiche Entwicklung ist der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen. Dieser Anteil sinkt nun schon im sechsten Jahr in Folge von 72,2 % in 2000 auf nur noch 67 % im zweiten Quartal 2006 (Abb. 04027).

Die Einkommensverteilung wird international nach einer vom italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelten Methode bestimmt. Dabei bedeutet die Zahl 0 eine perfekte Gleichheit, während die Zahl 1 vollständige Ungleichheit ausweist. Nach neuen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stieg der Koeffizient von 0,26 in 1997 auf 0,29 in 2005 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455). Damit waren die Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute.

Nicht überraschend nehmen in dieser Situation die Verbraucherinsolvenzen immer mehr zu. Sie stiegen in Januar - Mai um weitere 44,2 % gegenüber Vorjahreszeitraum und dürften in diesem Jahr mit etwa 100.000 die Bevölkerung einer Großstadt erreichen (Abb. 04028).

Einer der Hauptgründe für die negative Einkommensentwicklung ist langanhaltende Arbeitslosigkeit, bei der Deutschland den höchsten Anteil aller Vergleichsländer hat. Als Folge von Automatisierung, geburtenstärkeren Jahrgängen auf dem Arbeitsmarkt und stärkerer Globalisierung von Investitionen ist das in der Volkswirtschaft nachgefragte Arbeitsvolumen pro Bevölkerung in den arbeitsfähigen Generationen ständig gefallen, und zwar seit 1960 mit nur wenig Auf und Ab um nicht weniger als 36 % und in der kürzeren Zeitspanne seit 1991 noch um 10 % (Abb. 03456).

Aber statt Arbeitszeit weiter zu verkürzen, ist die verbleibende Arbeit immer ungleicher verteilt worden. Und immer mehr der deutschen Sparquote wird von den globalisierten Finanzmärkten nicht mehr Investitionen in Deutschland zugeführt, sondern schafft Jobs in Billigstländern, wie z.B. China, deren Lohnniveau für Deutschland unerreichbar ist - will man nicht das Land in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückentwickeln. So reduzierten die deutschen Unternehmen den Anteil der Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen in gleitenden 12-Monats-Schritten drastisch von etwa 5,3 % in 2000 auf nur noch 1,8 % im 2. Quartal 2006. Da die Sparquote im längerfristigen Vergleich nicht ungewöhnlich hoch liegt, dafür aber die Investitionsquote ungewöhnlich niedrig, spricht die Bundesbank von einer "Unterinvestition" in Deutschland. Das Schaubild 04583 zeigt die Lücke sehr deutlich.

Nicht zuletzt wegen der schlechten Entwicklung der Kaufkraft pendelte die Nachfrage der privaten Haushalte, von der die deutsche Konjunktur maßgeblich abhängt, weiter um den Wert, den sie vor 6 Jahren erreicht hat, und ist auch im 2. Quartal selbst dem Druck der drohenden Mehrwertsteuererhöhung verhalten geblieben (Abb. 04055). Die Frage ist nun, wie sich die Nachfrage unter dem Druck der MWSt-Erhöhung in 2007 entwickeln wird.

Eine ausführliche Bewertung der Detailergebnisse enthält der Schwerpunkt Weiter in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse.

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global news 419 24-08-06: Nun auch in Großbritannien: Angst vor Rumänen und Bulgaren

Jahrelang hat sich die britische Regierung gebrüstet, Arbeitnehmer aus den EU-Beitrittsländern frei und ohne Ausnützung der Übergangsregeln hereinkommen zu lassen. Man ging sogar so weit, mit dem Argument, dies sei Teil der erfolgreichen britischen Wirtschaftsentwicklung, Druck auf die EU-Partner zu ähnlichem Verhalten auszuüben. So sind offiziellen Zahlen zufolge seit Mai 2004 fast 427.000 Menschen hereingekommen, und dies mit einer Dunkelziffer zusätzlicher nicht erfaßter Einwanderer (Gesamtschätzung bei 600.000, erwartet worden waren 13.000).

Nun, da der Beitritt Rumäniens und Bulgariens vor der Tür steht, wendet sich das Blatt plötzlich. Nicht nur die Gewerkschaften drängen zur Vorsicht. Auch die Organisation der britischen Handelskammern sorgt sich wegen der sozialen Probleme, die durch die Verdrängung einheimischer niedrigqualifizierter Arbeitskräfte entstehen. Der Zusammenhalt der Gesellschaft würde leiden. Ebenso fordert der CBI - als Organisation dem deutschen BDI vergleichbar - eine Pause in der Einwanderungspolitik für Osteuropäer. Man müsse erst aus den Erfahrungen lernen. Schließlich fordert auch die konservative Opposition Beschränkungen. Ob es die britische Regierung bewegt, ist allerdings noch zweifelhaft. Zu sehr hat man auf die Erweiterung der EU gesetzt, nicht zuletzt, um den Integrationsprozeß abzubremsen und Verbündete für den eigenen neoliberalen Kurs zu finden.

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global news 418 23-08-06: ZEW-Konjunkturerwartungen - Abwärtstrend hält an, Bauindustrie stagniert wieder

Kaum ist der Medienjubel über die Daten des 2. Quartals 2006 verflogen, da melden sich die negativen Konjunkturerwartungen zurück. Die Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die auf Umfragen unter Finanzmarktexperten beruhen, sind im August 2006 deutlich um 20,7 Punkte gefallen. Der Indikator steht nun bei -5,6 Punkten nach 15,1 Punkten im Juli. Damit liegt er weit unter seinem historischen Mittelwert von 35,0 Punkten und auf dem tiefsten Stand seit 2001 (Abb. 04588). Dabei ist die Entwicklung für Deutschland besonders negativ (Abb. 04586).

Die Entwicklung des Indikators signalisiert nach Ansicht des ZEW eine deutliche Abkühlung der konjunkturellen Entwicklung auf Sicht von sechs Monaten. Grund dafür ist, dass sich die wesentlichen Nachfragekomponenten Export, Investitionen und Konsum abschwächen könnten. Der Export dürfte von einer nachlassenden US-amerikanischen Nachfrage und einem starken Euro in Mitleidenschaft gezogen werden. Der private Konsum dürfte sich angesichts der Mehrwertsteuererhöhung und hoher Energiekosten ebenfalls nicht als Konjunkturmotor erweisen und daher ist das Ergebnis für Konsum/Handel besonders negativ (Abb. 04085).

Auch die Bauwirtschaft hat weiter Probleme. Nach den heute veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts für das 1. Halbjahr 2006 hat sie ihren Umsatz gegenüber Vorjahresperiode nominal um 1,6 % erhöht; da aber die Preissteigerung im Tiefbau bei 3,4 % und im Hochbau bei 1,7 % lag, ist der Umsatz in realer Betrachtung weiter zurückgegangen. Dabei verlor die Bauwirtschaft weitere 4,5 % ihrer Beschäftigung. Die Aufträge stagnierten real im Juni 06 gegenüber Juni 05.

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global news 417 22-08-06: Die Risiken in der Weltwirtschaft wachsen

Daten aus USA, wie die Halbierung des BIP-Zuwachses vom ersten auf das zweite Quartal, aber auch aus anderen Richtungen deuten auf eine Abkühlung der weltwirtschaftlichen Situation. Die OECD meldete schon in ihrer Pressemitteilung vom 4. August 2006 einen Rückgang ihrer führenden Konjunkturindikatoren sowohl für die OECD insgesamt wie auch für die Gruppe der sieben großen Volkswirtschaften (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und USA) und die USA insbesondere.

Ein deutlicher Indikator für die sich eintrübenden weltwirtschaftlichen Aussichten ist der wachsende Umfang an Kassenbeständen, den große Unternehmen und Fonds halten, statt in Anlagen zu gehen, die unter derzeitigen Umständen für zu riskant gehalten werden. Für die 100 größten Unternehmen der Welt verzeichnet die Financial Times bereits seit 2004 eine Entwicklung, die jetzt die 1.000 Milliarden Dollar-Marke durchbrochen hat (Abb. 12194).

Als weiteres Zeichen der auf kurzfristige Strategien umschaltenden Investoren verloren die Fonds weltweit allein im Juni 2006 etwa 24 Mrd Euro, fast doppelt so viel wie nach dem Angriff auf das World Trade Center in 2001. Aktien in Europa und den Schwellenländern waren am härtesten betroffen. Dies zeigt auch die Statistik der Verkaufsbewegungen in Europa (Abb. 12195). In Deutschland sank die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen im ersten Halbjahr 2006 um -8,2 % - ein erheblicher Rückschlag für die als riskanter angesehene Aktienakzeptanz in Deutschland.

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global news 416 21-08-06: Verkehrte Welt: Die Medien übersehen den Kaufkraftabbau und sind optimistischer als die Regierung

Derzeit leben wir in einer eigenartigen Phase wirtschaftspolitischer Beurteilung der deutschen Konjunkturaussichten. Die Medien umjubeln das Ergebnis eines einzigen Quartals als die große Wende. Sie vergessen dabei den Einfluß von Fußballweltmeisterschaft, vorgezogener Mehrwertsteuerflucht und gleich auch noch die sich eintrübende Weltkonjunktur und was 3 % mehr Mwst für 2007 bedeuten werden. Sie vergessen die immer ungleichere Einkommensverteilung, die der Massenkaufkraft bei negativer Reallohnentwicklung immer engere Grenzen setzt. Sie extrapolieren die 0,4 % Miniwachstum bei den versicherungspflichtigen Arbeitsplätzen gleich noch zu einer weiteren Trendwende, obwohl das amtliche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit im Durchschnitt dieses und auch des nächsten Jahres einen weiteren Rückgang solcher Arbeitsplätze vorraussagt. Sie übersehen geflissentlich, daß der konjunkturstützende deutsche Exportüberschuß nicht auf produkt- oder produktivitätsbezogenem Zuwachs an deutscher Wettbewerbsfähigkeit beruht sondern schlicht und banal immer mehr auf dem Euromechanismus der Einheitswährung bei deutscher Lohndrückerei.

So verabschiedet Heusingers Blog in der „Zeit" gleich noch den Rheinischen Kapitalismus und sieht hier den Dauergrund für die große und definitive Wende. Er tut dies, ohne diesen monokausalen Befund gegen die anhaltende Fußangel der im Weltmaßstab einzigartig negativen deutschen Einkommensentwicklung der Arbeitnehmer abzuwägen: „Innerhalb von fünf Jahren hat sich das Land vom Rheinischen Kapitalismus verabschiedet. .. Ganz plötzlich reichte den Kapitalbesitzern eine traditionell geringere Eigenkapitalrendite als im Rest Europas nicht mehr. Diese Anpassungskrise hat das Land zum mehrjährigen Schlusslicht verdammt. Notgedrungen ging die Anpassung von dem einen institutionellen Rahmen zum anderen mit einer enormen Umverteilung zwischen den beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital einher, die die Binnennachfrage gelähmt und das Land vom Export abhängig gemacht hat. Doch inzwischen meldet sich die Binnennachfrage zurück. ... Jetzt sieht es so aus, als sei das Schlimmste überstanden. ... es spricht nichts dagegen, dass es in diesem Land wieder aufwärts gehen kann - und nicht nur für ein Jahr. Der Boden ist bereitet. ... wird Deutschland in den kommenden Monaten und Jahren noch für so manche positive Wachstumsüberraschung gut sein."

Hat Heusinger recht? Leider leben die meisten Menschen heute mit weit mehr Ängsten vor andauernder Arbeitslosigkeit und Armut als unter dem von Heusinger ohne jede Träne verabschiedeten „Rheinischen Kapitalismus". Und sprechen nicht die weiter rückläufigen Realeinkommen der meisten Verbraucher eklatant gegen Heusingers „nichts", das nun dem Aufwärts mit Deutschland entgegenstehen soll? Deutschland braucht keine ständigen Strukturreformen - darin ist Heusinger zuzustimmen - aber das Land braucht für eine echte und dauerhafte und nicht nur herbeigeredete Wende viel mehr Binnenkaufkraft. Wenn Heusinger schließlich meint, Deutschland sei nun zu einem ganz normalen kapitalistischen Land mutiert, so vergißt er: Die deutsche Form von anhaltender negativer Reallohnentwicklung ist selbst für entwickelte kapitalistische Länder durchaus ungewöhnlich.

Entgegen all diesen medialen Jubel- und Wendemeldungen spricht der Bundespräsident sehr auffällig von der Schwalbe, die noch keinen Sommer macht. Die Bundesregierung traut dem Frieden derzeit sprudelnder Steuereinnahmen offensicht ebenfalls nicht und weigert sich deshalb, auf die Mehrwertsteuererhöhung zu verzichten. Selbst der Bundeswirtschaftsminister zeigt sich in seiner letzten Beurteilung der wirtschaftlichen Lage vom 18. August vorsichtig: „ ..die Auftriebskräfte könnten sich allerdings auch vor dem Hintergrund des derzeit erreichten hohen Niveaus etwas abschwächen. ... Vorlaufende Indikatoren deuten hingegen in den kommenden Monaten auf eine etwas gedämpftere Dynamik der Industrieproduktion hin. So waren wichtige Stimmungsindikatoren wie der ifo-Geschäftsklimaindex, der Reuters Einkaufsmanagerindex und die ZEW-Konjunkturerwartungen im Juli merklich zurückgegangen. Die ZEW-Konjunkturerwartungen und die Erwartungskomponente beim ifo-Geschäftsklima sind dabei schon seit einigen Monaten rückläufig. Auch die Auftragseingänge in der Industrie gingen im Verlauf des zweiten Quartals zurück. ... Für die weitere Entwicklung des privaten Konsums zeichnen die Indikatoren derzeit kein eindeutiges Bild. Das Geschäftsklima im Einzelhandel hatte sich im Juli wieder verschlechtert. Die PKW-Neuzulassungen sind im zweiten Quartal spürbar zurückgegangen. Der Beschäftigungsaufbau wurde bislang vor allem auch durch den Anstieg der geringfügigen Beschäftigung gestützt."

Verkehrte Welt? Statt die Wende herbeizujubeln, wie die meisten Wirtschaftsjournalisten, oder auf mehr Strukturreformen zu bestehen, wie offensichtlich die Bundesregierung und noch mehr der Bundespräsident, sollte man endlich zu der Erkenntnis kommen, daß sich die Binnenkonjunktur bei negativer Lohnpolitik (und Sorgen der Bevölkerung vor weiteren „Reformen") nicht dauerhaft positiv entwickeln kann und schon gar nicht bei einer Eintrübung der Weltkonjunktur.

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global news 415 19-08-06: „Frankfurter Allgemeine" hält die deutsche Lohnzurückhaltung für im Interesse der gesamten Eurozone

„Frankfurter Allgemeine" online kommentiert heute unter dem Titel „Schadet Deutschland den Nachbarn?" die deutsche Lohnzurückhaltung - oder muß man sagen? - Lohndückerei: „Im merkwürdigen Gegensatz zum derzeitigen konjunkturellen Gleichklang und zur engen wirtschaftlichen Verflechtung innerhalb des Euro-Raums steht die These, die Deutschen verschärften die Wachstumsdifferenzen in der Währungsunion. Durch ihre langandauernde Lohnzurückhaltung verschafften sie sich unfaire Wettbewerbsvorteile. Die in den vergangenen Jahren sinkenden Lohnstückkosten, die einer realen Abwertung gleichkommen, hätten die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gleichsam ins Unermeßliche wachsen lassen und erzwängen im Korsett der einheitlichen Währung einen Abwertungswettlauf durch Lohnzurückhaltung anderswo. Diese "beggar-my-neighbour"-Politik könne niemand gewinnen. Tatsächlich ist die deutsche Lohnzurückhaltung ein Segen für den Euro-Raum. Jeder Arbeitsplatz, der in Deutschland durch Lohnzurückhaltung gesichert wird und nicht ins osteuropäische Ausland oder nach Asien ausgelagert wird, stärkt die Binnenkaufkraft hierzulande und auch die Nachfrage nach Gütern aus dem Euro-Raum. Die Lohnzurückhaltung ist einer der Faktoren, die den hiesigen Aufschwung stützen. Der geringe Lohnzuwachs hat dazu beigetragen, daß der Abbau von sozialversicherungspflichtigen Stellen zum Stillstand kam und sich womöglich ein nennenswerter Beschäftigungsaufbau nicht nur in Randbereichen einstellt."

Dieser Kommentar zur deutschen Lohnzurückhaltung ist typisch für die Art, wie die meisten Wirtschaftsjournalisten in Deutschland ohne viel Nachdenken immer der gleichen neoliberalen Masche folgen. Da sammeln sich mehrere Fehler an, die sehr einfach unter Zuhiflenahme der amtlichen Statistik vermieden werden können:

1. Die Lohndrückerei verhindert keine Verlagerung ins osteuropäische Ausland oder nach Asien. Dazu sind die Lohndifferenzen, Steuer- und Subventionsvorteile in Asien, vor allem China, und Osteuropa viel zu groß. Deshalb steigen die Billigimporte weiter stark an, im ersten Halbjahr 2006 um weitere 16 % gegenüber Vorjahreszeitraum (Abb. 07040) und vergrößerte sich der deutsche Negativsaldo mit China um weitere 30 % auf inzwischen 11 Mrd Euro (das größte deutsche Defizit mit irgendeiner Region).

Dagegen fährt Deutschland seine Überschüsse mit der Eurozone hoch und exportiert auf diese Weise im Schatten der Eurozoneneinheitswährung seine Arbeitslosigkeit: nicht weniger als 61 % der Bilanzüberschüsse entfallen inzwischen auf die Eurozone und weitere 27 % auf die weitgehend dem Euro folgende Rest-EU (Abb. 04175).

2. Die deutsche Binnenkonjunktur ist noch längst nicht aus dem Schneider, auch wenn wegen MWSt-Ängsten und WM das zweite Quartal besser aussah. Doch trüben sich die Aussichten, sogar nach dem zu Optimismus neigenden Info-Geschäftsklima-Index, derzeit schon wieder ein. Im 1. Halbjahr lag der Einzelhandelsumsatz gerade mal um 0.4 % über dem Vorjahreszeitraum. Der Auftragseingang der deutschen Industrie gab im Juni zum zweiten Mal in Monatsfolge nach. Der Bruttoinlandsprodukt-Zuwachs von 2,4 % im 2. Quartal war der schlechteste aller Vergleichsländer, von Italien abgesehen; von Ergebnissen wie z.B. in Schweden 5 % oder Frankreich 3,4 % kann Deutschland weiterhin nur träumen (Abb. 13083). Wegen der Lohndrückerei fehlt für eine angemessene Binnenkonjunktur - im Unterschied zu allen anderen Vergleichsländern - ganz einfach die Kaufkraft.

3. Der Abbau sozialversicherungspflichtiger Stellen ist keinesfalls zum Stillstand gekommen. Er lag zwar nach den letzten amtlichen Zahlen gerademal um 0,2 % über Vorjahreszeitraum, aber das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit erwartet im Durchschnitt dieses Jahres und auch des nächsten einen weiteren Rückgang.

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global news 413 18-08-06: Das nächste deutsche Drama: Alle Deutschen wandern aus!

Das Stastische Bundesamt meldete im Juli: „2005 wurden 145 000 Fortzüge deutscher Personen registriert; es ist die höchste registrierte Abwanderung von Deutschen seit 1954." Seitdem melden sich die Migrationsexperten, schreiben warnende Bücher und lassen sich von den Medien, besonders dem SPIEGEL, einvernehmen. Das gibt dann Schlagzeilen, wie „Deutschland blutet aus", und Alarmmeldungen, wie „Der Nachwuchs sitzt auf gepackten Koffern", „Höchste Auswanderungszahlen seit 122 Jahren", oder „migratorisch suizidale Situation ... manchem werden da in den nächsten Jahren noch die Ohren schlackern" (Prof. Bade, Deutschlands Migrationspapst), Der „SPIEGEL" macht auch gleich einen „Auswanderer-Blog" auf. Der Chef des renomierten HWWI in Hamburg Straubhaar, von zu Hause her noch ein Migrationsforscher, greift ebenfalls prächtig in die Harfe: „ .. gehört das Thema Migration ganz oben auf die politische Agenda. Es gelingt der deutschen Gesellschaft immer schlechter, hoch qualifizierte, leistungsfähige Menschen an sich zu binden. Wenn wir nichts dagegen tun, werden sich die Probleme dieses Landes in einer Weise zuspitzen, wie sich das heute kaum jemand vorstellen kann." Er macht sich Sorgen „dass wir eine nomadenhafte Elite bekommen, die sich keiner Gesellschaft mehr loyal gegenüber verhält - die von hier nach dort zieht, immer auf der Suche nach noch mehr Geld. Keine Gesellschaft und keine Volkswirtschaft können so auf Dauer bestehen." Und - nicht überraschend - schließt er gleich den Vorschlag an, Reformpolitik mit Visionen zu machen und dann auch die (meist sehr billigen) osteuropäischen Arbeitskräfte sofort und ohne Übergangsfrist hereinzulassen.

Es ist sicher kein unproblematisches Thema, aber so, wie es derzeit besetzt wird, wird es offensichtlich, wie die demographische Entwicklung, für einen ziemlich vordergründigen Richtungskonflikt instrumentalisiert und soll den Druck auf noch mehr neoliberale Reformen verstärken.

Zunächst die Fakten. In der Tat, die Abwanderung hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen (Abb. 04581). Da nun auch die Zahl der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler auf der Zuzugsseite abnimmt, verzeichnete Deutschland im vergangenen Jahr erstmals seit den 60er Jahren unter der deutschen Bevölkerung nun im Saldo Wanderungsverluste. Und die Statistik erfaßt alle diejenigen nicht, die sich nicht ordentlich abgemeldet haben unbd noch einmal auf bis auf 100.000 geschätzt werden.

Natürlich sind es nicht nur die Altersflüchtlinge, die die Sonne im Süden suchen, sondern sehr häufig gerade die gut Ausgebildeten, die sich im Ausland bessere Chancen errechnen und in der Zukunft einmal am deutschen Arbeitsmarkt fehlen können. So hatte Deutschland schon 2000 nach den letzten Zahlen der OECD unter den europäischen Ländern nach Großbritannien mit mehr als 6 % den negativsten Wanderungssaldo unter der akademisch ausgebildeten Bevölkerung (Abb. 04582). Während sich der hohe britische Anteil schon von der Sprache und den traditionellen Beziehungen mit USA, Kanada und Australien her gut anders erklären läßt, fällt man für Deutschland in den Erklärungsversuchen vor allem auf die wirtschaftlichen Verhältnisse zurück.

Nun ist die Situation schon deshalb kein Drama, weil anders als die Auswanderungswellen in früheren Jahrhunderten, viele der heutigen Wanderer sich wohl durchaus vorbehalten, bei besserer Entwicklung in Deutschland jederzeit zurückzukommen, und in dieser Hinsicht die heute z.B. in der Europäischen Union erheblich erleichterten Freizügigkeitsregeln ausnutzen. Es ist bei diesem jüngeren Personenkreis nicht die Faszination des lockenden Auslandes sondern die derzeit bedrückende Lage in Deutschland, die zu mehr Auswanderung führt. Damit sollte eine bessere Wirtschaftspolitik, die vor allem endlich die Binnenkonjunktur und damit den Arbeitsmarkt ankurbelt, das Blatt relativ schnell wenden können.

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global news 414 18-08-06: Indien - noch ein Globalisierungsgewinner

Indien beginnt, als neue wirtschaftliche Großmacht aus dem Schatten Chinas zu treten. Bevölkerungsmäßig wird Indien an China in einiger Zeit vorbeiziehen. Bereits seit Jahren verzeichnet Indien hohe jährliche Zuwachsraten zwischen 7 % und 9 % seines Bruttoinlandsprodukts (Abb. 08056). Nach China ist das der bei weitem höchste Zuwachs im internationalen Vergleich (Abb. 08058). Experten rechnen längerfristig damit, daß Indien nach China und den USA den dritten Platz in der Weltwirtschaft einnehmen wird.

Der indische Export, vor allem von IT-Dienstleistungen, steigt rasant (Abb. 08061).

Deutschland hat einen positiven Warenverkehrssaldo mit Indien, wird aber zunehmend nicht nur mit dem Niedrigkostenwettbewerb aus China sondern auch aus Indien rechnen müssen. Die sehr erfolgreiche indische IT-Entwicklung z.B. zieht sehr viel Auslandsinvestitionen mit Job-Verlagerungen an. Diese Entwicklung bedroht erstmals in größerem Umfang auch höher qualifizierte Beschäftigungen. Eine ausführliche Darstellung enthält ein neuer Schwerpunkt unter dem Titel: Indien - noch ein Globalisierungsgewinner.

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global news 412 17-08-06: Verarbeitendes Gewerbe Juni 2006: Wenig Grund zur Freude

Gerade haben die deutschen Medien den Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts im 2. Quartal bejubelt. Dagegen hat sich nach der heutigen Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts zur Lage der gewerblichen Wirtschaft im Zeitraum Januar - Juni 2006 per Vorjahresvergleich der negative Trend bisher sowohl bei der Beschäftigung, wie - preisbereinigt - beim Einkommen und beim für die Gesamtkonjunktur so wichtigen Inlandsabsatz fortgesetzt. Nur der Export wuchs um 8,6 % (Abb. 04009). Für die gewerbliche Wirtschaft scheint nach diesen Zahlen der Aufschwung immer noch auf recht tönernen Beinen zu stehen.

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global news 411 16-08-06: Die deutsche Geburtenzahl rutsch wieder

Das Jahr 2004 hatte vielen Demographen Hoffnung gemacht, daß die negative Geburtenentwicklung aufgehalten werden könnte. Es gab nur einen ganz kleinen Rückgang der Geburten um 1.000 gegen Vorjahr. Doch nun fiel die Zahl in 2005 nach der heutigen Meldung des Statistischen Bundesamts gleich um das Zwanzigfache oder 2,8 %. Damit dürfte sich auch die besonders kritische Geburtenziffer, die die Zahl der Kinder pro Frau im gebährfähigen Alter anzeigt und sich in 2004 ebenfalls erfreulich entwickelt hatte, weiter nach unten bewegt haben. Schon in seiner Pressemitteilung vom 17. März hat das Statistische Bundesamt eine Untergrenze von nur noch 1,33 Geburten angenommen (Abb. 04579).

Im internationalen Vergleich nach Eurostat für 2004 und nationalen Daten für 2005 bewegt sich Deutschland mit Spanien, Italien und Griechenland unter den westeuropäischen Vergleichsländern sowie den USA so ziemlich am Ende (Abb. 04580). Unerreichbar bleiben Geburtenziffern wie die um 46 % höhere Frankreichs.

Angesicht der starken Druckkulisse, der der größte Teil der deutsche Bevölkerung mit negativer Einkommensentwicklung, ständigen Einschnitten ins soziale Netz und hoher Arbeitsplatzunsicherheit ausgesetzt ist, kann diese Situation eigentlich nicht überraschen.

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*** Besucher von Nachdenkseiten: Hier Weiterleitung zur in Nachdenkseiten am 15. August gelinkten Auswertung der Ergebnisse des 2. Quartals




global news 410 15-08-06: Die Quartalswerte: Arbeitstäglich bereinigen oder nicht? So können Illusionen entstehen

Neben der monatlichen Arbeitslosenstatistik gibt es kaum eine andere wichtigere Meldung zur deutschen Wirtschaftslage als die Quartalsstatistik der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Das Statistische Bundesamt bereinigt sie im Zeitphasenvergleich mit dem Vorjahresquartal arbeitstäglich. War Ostern mit drei Feiertagen im Vorjahr in einem früheren Quartal, so wird das in diesem Jahr durch ein Hinzuaddieren entsprechender Wirtschaftsleistung ausgeglichen. Aus einem Puls von nur mageren 1 % im Vorjahresvergleich wird dann ein solches von stolzen 2,4 % und Regierung und Presse können feiern. Siehe z.B. Financial Times Deutschland: „Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal so kräftig gewachsen wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr; Ökonomen erwarten, dass die BIP-Prognosen für das Gesamtjahr nach oben korrigiert werden", oder Handelsblatt: „Aufschwung hat Wirtschaft voll erfasst" und so weiter.

Man muß sich allerdings fragen, ob an Feiertagen alle wirtschaftliche Aktivität wirklich ruht und, soweit sie das tatsächlich tut, ob nicht im selben Quartal vor- und nachgekauft und vor- und nachproduziert wird, denn die Feiertage kommen ja weder für die Verbraucher noch die Produzenten überraschend und die Menschen wollen auch an diesen Tagen konsumieren. Jedenfalls wird für Ostern eher mehr eingekauft und sind die Autobahnen über die Feiertage alles andere als leer, und auf Strom, Telefon, Wasser und die sonstige Infrastruktur des Landes etc. will man sicher gerade an diesen Tagen nicht verzichten. Außerdem werden die statistischen Zacken keinesfalls, wie mit dieser Methode wohl eigentlich beabsichtigt, ausgeglichen sondern im Gegenteil noch verstärkt (Abb. 04578). Auch das spricht dafür, der Bereinigung nach Arbeitstagen nicht allzuviel Vertrauen zu schenken. Auch verzichten eine Reihe von Ländern des internationalen Vergleichs, wie USA, Japan, Dänemark und Schweiz, auf soche Veränderungen ihrer Statistik.

An dieser Stelle noch eine Aktualisierung des internationalen Vergleichs, nachdem Eurostat heute auch neue internationale Werte bekannt gegeben hat. Deutschland ist jetzt mit Japan und Italien Schlußlicht (Abb. 13083).



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global news 409 14-08-06: Das Mehrwertsteuer-WM-Quartal (2)

Nun liegt in einer Schnellmeldung des Statistischen Bundesamts das Ergebnis der Wirtschaftsentwicklung im 2. Quartal 2006 vor. Daraus und aus weiteren Daten ergibt sich: Deutschland hat trotz eines vorübergehend (vor allem wegen der drohenden Mehrwertsteuererhöhung und der Fußballweltmeisterschaft) besseren Wachstums im 2. Quartal von 2,4 % gegenüber Vorjahresquartal seinen einsamen Sonderweg in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse unter der Führung der Großen Koalition im Wesentlichen fortgesetzt. Die Kombination von vier Faktoren ist sonst nirgendwo in der Welt unter vergleichbaren Ländern anzutreffen und damit eine einmalige deutsche Mischung:

    (1) negative Entwicklung der realen Einkommen von Arbeitnehmern, Arbeitslosen und Rentnern,
    (2) langfristig stagnierende Binnenkonjunktur (mit Ausnahme des kurzfristigen Mehrwertsteuereffekts),
    (3) infolge der verhaltenen Lohnentwicklung hoher Außenhandelsüberschuß (der jetzt von der Weltkonjunktur her unter Druck kommt); und
    (4) anhaltende Massenarbeitslosigkeit bei in der Tendenz weiter abnehmenden versicherungspflichtigen Arbeitsplätzen.

Angesichts der wachsenden weltwirtschaftlichen Unsicherheiten wird dieser Sonderweg immer steiniger und unsozialer. Die staatliche Steuer- und Finanzpolitik geht sowohl mit der Mehrwertsteuererhöhung zur falschen Zeit als auch mit der unnötigen Steuerentlastung für Unternehmen (und das ausgerechnet in einer Phase hoher Profitabilität der Unternehmen) in die falsche Richtung. Die finanziellen Probleme des Gesundheitssystems wurden nicht gelöst. Die einseitige Präferenz in der Lohnpolitik für den Export zu Lasten der Binnenkonjunktur entspringt einer kurzsichtigen egoistischen Haltung der davon primär Begünstigten, deren Interessen in Deutschland sehr gut organisiert sind und von einer effizienten Lobby vertreten werden. Alternative Wirtschaftskonzepte können sich in der ziemlich einseitigen Medienlandschaft nur wenig Gehör verschaffen.

Hier die Zahlen vom ersten und, soweit sie bis jetzt bekannt sind, zweiten Quartal im Überblick:

Im internationalen Vergleich sieht die deutsche BIP-Entwicklung weiterhin nicht besonders gut aus, wie Abb. 13083 zeigt.



Eine detaillierte Analyse der Zahlen bringt ein neuer Schwerpunkt "„Weiter in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse"


global news 408 14-08-06: Das Mehrwertsteuer-WM-Quartal

Das Statistische Bundesamt verkündet am Montag in einer Schnellmeldung das Ergebnis des Bruttoinlandsprodukts im 2. Quartal. Bei Lichte betrachtet dürfte es im Wesentlichen von der Fußballweltmeisterschaft und vom Vorziehen von Einkäufen, die sonst von der Mehrwertsteuererhöhung am Jahresende erfaßt würden, gespeist worden sein. Eine neue Prognose von Deutsche Bank Research vom Freitag erwartet einen Anstieg des BIP für das Gesamtjahr 2006 von lediglich 1,6 % und dann für 2007 - wegen der vorgezogenen Einkäufe - von nur 0,4 %. Das ergibt nach Adam Riese zusammen für die zwei Jahre gerade einmal einen Jahresdurchschnitt von 1 % und das ist dann wieder der niedrige Wert von 2005, also keine Positiventwicklung (Abb. 04572).

Die neue Prognose von Deutsche Bank Research zeigt im Übrigen, wie sich die Aussichten seit dem Weltwirtschaftsausblick des IWF vom April, der allerdings auch ein Abrutschen für 2007 prognostiziert hatte, eingetrübt haben.

Eine Analyse der Schnellmeldung des Statistischen Bundesamts zur Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2006 wird am Montag um 12:00 Uhr auf einer besonderen Schwerpunktseite unter dem Titel „Weiter in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse" erscheinen; sie wird dann am 24. August 2006 nach Vorliegen der Detaildaten des StaBuA akutalisiert werden.

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global news 407 12-08-06: Demnächst Weltmeister im Dienstleistungsexport?

Der Bundeswirtschaftsminister meldet zum Handel mit Dienstleistungen: "Dienstleistungen bestimmen heute die wirtschaftliche Landschaft fortgeschrittener Volkswirtschaften wie Deutschland. Die Wachstumspotentiale sind jedoch bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Das zeigt sich am anhaltenden deutschen Handelsdefizit bei Dienstleistungen und auch daran, dass der Anteil der Dienstleistungsexporte am Gesamtexport in Deutschland erst bei 15% liegt, in Großbritannien aber bspw. schon bei 30%. Nach Schätzungen des Prognos-Instituts wird für deutsche Dienstleister das Auslandsgeschäft zukünftig noch erheblich an Bedeutung gewinnen. Bis 2030, so die Prognose, werde sich der Anteil des Auslandsgeschäfts am Gesamtgeschäft in Bereichen wie Computer- und unternehmensnahe Dienstleistungen nahezu verdoppeln. Neben den europäischen Nachbarländern werden die aufstrebenden Volkswirtschaften wie z.B. China oder Brasilien zu immer wichtigeren Märkten. Gerade dort sind jedoch die Handelsbarrieren durch zum Teil überzogene Vorschriften noch sehr hoch. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass die Ende Juli ausgesetzte Doha-Runde zur Liberalisierung des Welthandels in der WTO so schnell wie möglich wieder aufgenommen wird möglichst mit Dienstleistungen als weltwirtschaftlich bedeutsame Verhandlungssäule neben Landwirtschaft und Industriezöllen."

Man wird sich ob solchen Optimismus und der Begeisterung für Doha wundern dürfen. Deutschland ist im internationalen Vergleich der großen Handelsnationen mit einem vergleichsweise kleinen Dienstleistungssektor versehen und hat bei weitem das größte Defizit im Handel mit Dienstleistungen, was natürlich auch am deutschen Auslandstourismus liegt (Abb. 04573). Vor allem hat Deutschland einen besonders kleinen Dienstleistungsanteil an seinem Gesamtexport, und zwar in ähnlicher Größenordnung wie China und Brasilien und weit hinter Indien (Abb. 04575).

Da nützt es wenig, auf Liberalisierung und die WTO sowie besonders Exporte nach China und Brasilien zu setzen. Diese Länder und vor allem Indien entwickeln derzeit ihre eigenen Exporte sehr dynamisch (Abb. 04574) und können damit rechnen, Ländern wie Deutschland in größerem Umfang Dienstleistungsbeschäftigung abzunehmen. Der Bundesregierung ist sicher bekannt, daß heute schon ein solcher Beschäftigungstransfer stattfindet. Das deutsche Unternehmen SAP baut seine Basis in Indien enorm aus und will in Zukunft Beschäftigung vor allem dort ansiedeln. Banken und große Industrieunternehmen, wie Daimler-Chrysler, planen, so genannte back-office Funktionen wegen der weit billigeren Arbeitskräfte zu verlegen.

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global news 406 12-08-06: Das Geheimnis der Schuhe „Made in China"

Die Internetional Herald Tribune brachte am 4. August einen interessanten Artikel unter der Schlagzeile „Milliarden an Exportüberschüssen, Pennies für die Arbeiter", der sich mit den miserablen Arbeitsbedingungen der chinesischen Schuharbeiterinnen beschäftigt. Ein Schuh „Made in China", der in US Shops für 49,99$ verkauft wird, wirft im US Handel einen Profit von 3,46$ (ca. 7 %) ab, bei Kosten von 31.23$, darunter Verschiffung (1,48$) und amerikanischer Arbeitslohn im Laden (3,50$). Große Handelsketten, die die chinesischen Kosten besonders gut drücken können, machen sogar noch weit höhere Profite über die Bandbreite ihrer Importe aus China in den verschiedenen Produkten. So lag der Profit auf das Eigenkapital von Wal-Mart, das den größten Teil seines Angebots aus China importiert, bei 22,5 %.

Die Ausbeutung der chinesischen Unternehmen durch den US Handel zeigt sich sehr deutlich: Deren Profit bei den Schuhen im Beispiel liegt bei lediglich 0,65$. Und die Ausbeutung der chinesischen Arbeiterinnen kommt in den sehr geringen Arbeitskosten von nur 1,30$ oder 2,6 % des Verkaufspreises zum Ausdruck. Würden die chinesischen Arbeiterinnen den doppelten Lohn bekommen, so würde der Verkaufspreis in USA nur ganz unbedeutend auf 51$ steigen. In seinem neuen Buch „China Shakes the World" hat James Kynge die Arbeitsbedingungen in der chinesischen Schuhindustrie mit denen in der britischen Textilindustrie zu Beginn des 18. Jahrhundert verglichen, die bekanntlich besonders miserabel waren. Ergebnis: Damals bekamen die Arbeiter den Gegenwert von 1,300 Yuan oder 163$ pro Monat und das wären 30 % mehr als die chinesischen Kollegen 3 Jahrhunderte später.

Abb. 08053 zeigt die Kosten und Profitrelationen bei einem typischen chinesischen Schuh in amerikanischen Einzelhandelsläden. Nachtrag: Die EU-Kommission steht unter starkem Druck von mehreren EU-Ländern, die Antidumping-Maßnahmen gegen die chinesische Schuhlawine wieder aufzuheben.

Auf der Basis niedrigster Arbeitskosten, eines manipulierten Wechselkurses und einer stark beschädigten Umwelt forciert China seine Exportüberschüsse weiter. Die heute publizierten Daten zeigen einen Anstieg in den ersten 7 Monaten von 40 % gegenüber Vorjahr (Abb. 08054) auf in diesem Jahr mehr als 9 % des BIP oder etwa doppelt so hoch wie für Deutschland.

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global news 405 11-08-06: US-Handelsbilanz immer negativer

Die heute veröffentlichte US-Handelsbilanz für das 1. Halbjahr zeigt einen weiteren Anstieg des sehr hohen Defizits gegenüber dem Vorjahreszeitraum (Abb. 0302).

Damit wächst die Gefahr eines Absturzes des US-Dollars mit gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft und insbesondere das sehr stark exportabhängige Deutschland. Außerdem hat sich das amerikanische Wirtschaftswachstum vom 1. zum 2. Quartal 2006 halbiert - eine Entwicklung, die die besorgte FED jetzt von weiteren Zinserhöhungen trotz Inflationsdrucks abgehalten hat.

Wie schwer es sein wird die Weltwirtschaft über eine Dollarabwertung auf eine stabile Basis zurückzubringen, zeigt die Relation zwischen den USA und der EU. Obwohl der US-Dollar gegenüber dem Euro zwischen 2000 und 2005 um fast 48 % abgewertet hat, wuchs das amerikanische Defizit im gleichen Zeitraum weiter um 177 % (Abb. 03453).

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global news 404 11-08-06: Buy-out Fonds:
Feuerkraft = DaimlerChrysler x 32

Die „Feuerkraft" der so genannten leveraged buy-out funds, eine Art „Heuschrecke" mit der Spezialisierung auf Firmenaufkauf mit hohem Kreditanteil, wird immer unvorstellbarer. Nach einem Bericht der Financial Times haben diese Fonds derzeit ein noch nicht angelegtes Kapital von 297 Mrd Dollar. Da der Einsatz normalerweise auf der Basis von zusätzlichen Kreditmitteln in Höhe von 80 % des Kaufwertes erfolgt, steht den Fonds eine „Feuerkraft" von 1.485 Mrd Dollar zur Verfügung. Das ist etwa das 32-fache des Aktienwertes von Daimler Chrysler oder das 1,6-Fache aller in Deutschland im Laufe eines Jahres gezahlter Löhne und Gehälter. Das Volumen der schon in 2006 neu investierten Mittel beläuft sich auf fast 400 Mrd Dollar. Abb. 03454 zeigt, wie die Mittelaufnahme bisher immer weit größer war als das getätigte Investitionsvolumen und sich damit die „Feuerkraft" aufgebaut hat.

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global news 403 10-08-06: Bundesagentur für Arbeit erwartet Rückgang der Vollzeitbeschäftigung in 2006 und auch 2007 sowie weiteren Anstieg der „Stillen Reserve" an verdeckter Arbeitslosigkeit

In seinem Kurzbericht vom 26. Juli beschreibt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit den Wiederanstieg der verdeckten Arbeitslosigkeit im laufenden Jahr und warnt vor den Risiken einer schwächeren Wirtschaftsentwicklung in 2007. In der Summe soll die Zahl der Personen, die ihre Arbeitslosmeldung nicht aufrechterhalten aber prinzipiell Arbeit suchen, im Jahr 2006 um rd. 170.000 zunehmen und damit die so genannte "Stille Reserve" erhöhen. Einen der Gründe dafür sieht das Institut in der "intensiveren Betreuung durch die Arbeitsagenturen sowie der Überprüfung der Arbeitsbereitschaft". Was für ein eigenartiger Widerspruch, wenn einerseits die Arbeitsbereitschaft angezweifelt wird und daher keine Einrechnung in die Arbeitslosigkeit stattfindet, aber andererseits dieser Personenkreis zu den Arbeitssuchenden gezählt wird. Abb. 04067 zeigt, wie sich die "Stille Reserve" zur amtlich registrierten Arbeitslosigkeit verhält.

Abb. 04351 bringt die Stille Reserve in das Gesamtbild des Arbeitsmarktes mit mehr als 11 Millionen Arbeitssuchende ohne eine vollwertige Beschäftigung.

Für 2006 erwartet das Institut nun einen weiteren Rückgang der Vollzeitbeschäftigung, so daß die ausgewiesene Abschwächung der Arbeitslosigkeit im Wesentlichen nur von mehr Teilzeit- und geringfügiger Beschäftigung sowie von Formen meist öffentlich unterstützter Selbständigkeit kommt (Abb. 14001). Auch für 2007 rechnet das Institut damit, daß die eher konjunktursensible sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erneut sinken wird.

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global news 402 09-08-06: Institut der Deutschen Wirtschaft - „Volksverdummung"(?) mit Arbeitskostenstatistik

Der heutige „SPIEGEL" bringt unter großer Aufmachung und der Schlagzeile „Westdeutsche Arbeitskosten weltweit auf Rang drei" einen Bericht über eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Das wird dann an Hand eines Schaubildes verdeutlicht, das hier leicht verkürzt wiedergegeben wird (Abb. 13081).


Nun muß man mit Statistiken in diesem sehr undurchsichtigen Bereich weit vorsichtiger umgehen, als es das IW tut, wenn man nicht - absichtlich oder versehentlich - falsche Eindrücke erwecken will. Erstens kommt es im Wettbewerb nicht auf die Arbeitskosten allein an, sondern nur auf die Kombination mit der Produktivität, was dann die Lohnstückkosten ergibt. So werden die vom IW vorgeführten besonders niedrigen Arbeitskosten der osteuropäischen EU-Beitrittsländer oder auch der Neuen Bundesländer durch eine sehr viel niedrigere Produktivität zu einem erheblichen Teil ausgeglichen.

Zweitens zeigt sich die Wettbewerbsfähigkeit von Arbeitskosten am Besten in der Aussenhandelsstatistik und hier hat Deutschland - vom IW nicht berücksichtigt - bei Weitem die weltweit größten Überschüsse. Das allein widerspricht schon dem Argument zu hoher Arbeitskosten. Seriöse Quellen, wie die EU-Ecofin-Statstik, benutzen daher gar nicht die absoluten Lohnstück- und schon gar nicht die Arbeitskosten, sondern beschränken sich auf die jährlichen Veränderungsraten der Lohnstückkosten, wo Deutschland ganz unten liegt (Abb. 13020). Diese - real betrachtet in letzter Zeit sogar negative -deutsche Lohnentwicklung hat entscheidend die immer höheren Bilanzüberschüsse und in Deutschland besonders hohen Unternehmensgewinne gespeist. Auch das IW kann daran nicht vorbeigehen („ ..durch die zuletzt geringe Kostendynamik folgt Westdeutschland an vierter Stelle.. " - gemeint ist mit der viertgeringsten Kostenentwicklung seit 1991) versteckt diese Aussage jedoch weiter hinten in einem Kapitel über die Wechselkurse.

Interessanterweise entwickeln sich alle anderen vom IW mit mehr als 23 Euro/Stunde gelisteten Ländern weit besser als Deutschland (Abb. 13082). Es kann also nicht an hohen Arbeitskosten liegen, wenn Deutschland seit vielen Jahren nun Schluß- oder Fastschlußlicht im EU-Wachstumsvergleich ist. Schweden hat z.B. gerade für das zweite Quartal eine Wachstumsrate von annualisiert 5,6 % registriert - undenkbar in Deutschland.


Drittens kann man Arbeitskosten natürlich - wie es das IW tut - über die amtlichen Devisenkurse in Euro umrechnen. Was dabei allerdings unter den Tisch fällt, ist die trotz sehr unterschiedlicher Lohnpolitiken und Inflationsraten in der Eurozone ausgeschlossene Wechselkursanpassung. Hier hat die deutsche Exportwirtschaft den großen Vorteil, denn normalerweise wäre die DM, wenn es sie heute noch gäbe, längst aufgewertet worden. Innerhalb der Eurozone, und das ist der Hauptbereich deutscher Außenhandelsaktivität, sind die deutschen Arbeitskosten und auch die Lohnstückkosten inzwischen nicht zu hoch sondern viel zu niedrig. Das zeigt sich besonders im Verhältnis zu Frankreich (Abb. 03023) und in den seit 2000 stark steigenden Bilanzüberschüssen mit dem Euroraum (Abb. 04175).


Viertens schließlich, muß man anders als das IW die Arbeitskosten in der deutschen Gesamtwirtschaft und die gesamte Produktivität der Volkswirtschaft ins Visier nehmen, und da sind die Kosten noch niedriger. Aber ohne den Rest der Volkswirtschaft, vor allem viele Dienstleistungs- und Infrastrukturbereiche, könnte die Industrie nicht existieren und auch nicht exportieren.

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global news 401 09-08-06: Industrieproduktion und Aussenhandel im Juni: Die Delle und die Eurozone

Der Index der Industrieproduktion hat im Juni 2006 eine Delle bekommen (Abb. 04306). Vor allem die Konsumgüterindustrie verzeichnete ein Minus von 1,8 % gegenüber Mai und liegt nur noch um 1,7 % über dem Vorjahreswert und immer noch nicht viel höher als vor vier Jahren, was die weiterhin schwache deutsche Binnenkonjunktur widerspiegelt.

Die heute ebenfalls veröffentlichten Außenhandelszahlen zeigen eine wachsende Konzentration des Außenbeitrags (Exportüberschuß) zum Bruttoinlandsprodukt auf die Eurozonenländer (61 %), bei denen die vergleichsweise niedrige deutsche Lohnentwicklung bei festen Wechselkursen voll durchschlägt, und auf die anderen EU-Länder (27 %), die weitgehend dem Euro folgen. Diese Situation ist in Abb. 04175 und 06037 dargestellt.

Die gedrückte deutsche Lohnentwicklung ist dann allerdings eine der Haupttriebkräfte hinter der schwachen Binnenkonjunktur, unter der - wie erwähnt - besonders die deutsche Konsumgüterindustrie leidet. Angesichts der deutlichen Abschwächung der globalen Konjunktur, besonders in den USA (Wachstumsrate vom ersten zum zweiten Quartal 2006 halbiert), wird es deshalb immer wichtiger, die deutsche Binnenkonjunktur zu stärken. Dies ist umso notwendiger, als - wie mit Rundbrief vom 5. August berichtet - der Auftragseingang zum zweiten Mal in Monatsfolge zurückgegangen ist.

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global news 400 08-08-06: China - "Gegen die Erde zu kämpfen ist unendliche Freude"

Die Süddeutsche Zeitung erinnert unter dieser Überschrift in einem Artikel über die enormen Umweltschäden in China an das Mao-Zitat. Ein ähnlicher Artikel ist am 6. August in der Neuen Zürcher erschienen. Wegen des stark steigenden chinesischen Beitrags zur globalen Aufheizung und der gefährlichen Schwermetall-Emissionen, die bis an die amerikanische Westküste getragen werden, ist die gigantische Umweltbeschädigung Chinas längst zu einem globalen Problem geworden. Doch die Medien sehen bisher keinen Zusammenhang zwischen der Verlagerung von Industrieproduktion nach China und diesen Umweltschäden, d.h. zu der Eigenverantwortung der westlichen Industrieländer, auch Deutschlands, für die Entwicklung.

In ihrer neuesten Projektion erwartet die Energy Administration des US Department of Energy einen Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen um 75 % von 2003 bis 2030, und drei Viertel des Anstiegs wird von Nicht-OECD-Ländern, vor allem China und Indien, mit fast einer Verdreifachung kommen (Abb. 07067). Schon heute verbraucht China mehr Kohle als die USA, die EU und Japan zusammen. In jedem der letzten zwei Jahre ist der Verbrauch um 14 % gestiegen. Alle sieben bis zehn Tage geht ein neues großes Kohlekraftwerk irgendwo in China ans Netz. Dabei ziehen die chinesischen Kraftwerksbetreiber billige und umweltbelastende Technologie von mit ihnen verbundenen heimischen Herstellern dem Import teuerer moderner und umweltfreundlicherer Ausrüstung vor. Über die nächsten 25 Jahre werden die Treibhausgase aus Chinas Kohlekraftwerken die Treibhausgas-Emissionen aller Industrieländer zusammen übersteigen und fünfmal mehr an Belastung ergeben als die vom Kyotoprotokoll vorgesehenen Einschränkungen.

Die jährlichen Umweltschäden beziffert die State Environmental Protection Administration auf zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts, und 400.000 Todesfälle jährlich führt sie auf Umweltverschmutzung zurück. Von den 20 Städten mit der schlechtesten Luft der Welt liegen 16 in China. Dennoch sind nach der renomierten Pew Global Attitudes Survey bisher nur 20 % der Chinesen wegen des Treibhauseffekts sehr besorgt.

Es kommt nicht von ungefähr, daß eine der am schlimmsten verseuchten Gegenden um den Perl-Fluß herum gleichzeitig das Hauptproduktionsgebiet fur den Export ist und eine besonders hohe Zahl an Auslandsinvestitionen aufweist. Luft- und Wasserverseuchung haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, das Finanzinstitutionen, wie Hedge Fonds, zu einer Verlegung von HongKong nach Singapur veranlaßt, um dem Smog zu entgehen. Die alten Industrieländer, die noch über relativ umweltfreundliche Industrien verfügen, werden einsehen müssen, daß eine neoliberale Verfrachtung der Industrieproduktion in Niedrigstlohnländer wie China nicht wie bisher fortgesetzt werden kann, da dort pro Einheit an Bruttoinlandsprodukt bis zu zweimal so viel CO2-Emission erzeugt wird wie z.B. in der Eurozone, bei bis zu fast dreimal soviel Verwendung von Kohle in der Stromerzeugung (Abb. 07062).

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global news 399 07-08-06: Westliche Volkswirtschaften schwächen sich ab - Gefahr für den deutschen Export

In ihrer Pressemitteilung vom 4. August 2007 meldet die OECD einen Rückgang ihrer führenden Konjunkturindikatoren sowohl für die OECD insgesamt wie auch für die Gruppe der sieben großen Volkswirtschaften (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und USA) und die USA insbesondere (Abb. 12192).

Die OECD erwartet auch für die nächsten Monate eine Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Entwicklung, mit Ausnahme vor allem von China und Rußland. Diese Entwicklung wird die deutsche Volkswirtschaft wegen ihrer extrem starken Exportabhängigkeit (Abb. 1208) bei schlechter Binnenkonjunktur vor erhebliche Belastungen stellen können. Dies gilt besonders, falls wie von vielen Seiten erwartet, der Dollarkurs wegen des immer noch wachsenden US Bilanzdefizits (Abb. 0302) weiter nachgeben sollte. Höchste Zeit, die deutsche Binnenkonjunktur auf der Kaufkraftseite endlich anzukurbeln, damit sie wenigstens einen Teil des Exportrückgangs auffangen kann.

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