Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 10/07/2009 09:37 -
Nach einer am 9. Juli 2009 veröffentlichten Auswertung der Jahre 1995 bis 2007 des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen arbeiteten im Jahre 2007 6,5 Millionen Menschen in Deutschland für Niedriglöhne. Seitdem dürfte deren Zahl weiter erheblich gestiegen und somit fast jeder vierte Beschäftigte ein Niedriglöhner sein.
Grundlage der Auswertung durch IAQ sind Daten des Sozioökonomischen Panels, einer repräsentativen Wiederholungsbefragung von 12000 Privathaushalten in Deutschland, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jährlich vornimmt. Als niedrig stuften die Forscher Bruttostundengehälter von weniger als 9,62 Euro in Westdeutschland und 7,18 Euro in Ostdeutschland ein. Die Schwelle zum Billiglohn liegt nach internationalen Standards bei zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns eines Landes.
Geringverdiener erhielten im Beobachtungszeitraum in Westdeutschland durchschnittlich 6,88 Euro brutto pro Stunde, in Ostdeutschland 5,60 Euro. Damit ist der durchschnittliche Stundenlohn der Niedriglohnbeziehenden seit 2003 verbraucherpreisbereinigt gesunken, während er in den Vorjahren gestiegen war (Abb. 14709). Gleichzeitig franst das Lohnspektrum nach unten aus, Stundenlöhne von weniger als 6 Euro brutto sind längst keine Seltenheit mehr.

Unter allen abhängig Beschäftigten liegt der Anteil von Niedriglöhnen (unterhalb von zwei Dritteln des Medians) 2007 bei gut 21,5%; 1998 waren es nur 14,2 % (Abb. 14055), d.h. mehr als jede/r Fünfte arbeitete für einen Stundenlohn unterhalb der Niedriglohnschwelle (Abb. 14708). Gegenüber 1998 ist der Niedriglohnanteil in Deutschland damit um mehr als die Hälfte gestiegen. Die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten lag 2007 um rund 350.000 höher als noch 2006.


Selbst bei in Vollzeit Beschäftigten stieg der Niedriglohnanteil auf über 14 % (Abb. 14057). Überdurchschnittlich betroffen von Niedriglöhnen sind insbesondere Mini-jobber/innen, Jüngere, gering Qualifizierte, Ausländer/innen und Frauen (Abb. 14060).


Der Anteil von Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung am Niedriglohnbereich ist von 58,5 % (1995) auf 70,8 % (2006) deutlich gestiegen (Abb. 14058). Die immer wieder von Politik und Wissenschaft verbreitete Behauptung, Niedriglöhner seien im Wesentlichen gering Qualifizierte, trifft also nicht zu. Nimmt man die Beschäftigten mit einem akademischen Abschluss hinzu, sind mittlerweile vier von fünf Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland formal qualifiziert. Die ohne Berufsausbildung haben nur noch einen Anteil von knapp 21 %.

Dass Deutschland auch im Vergleich zu anderen Ländern inzwischen eine fast beispiellose Aus-differenzierung der Löhne nach unten hat, lässt sich am besten veranschaulichen, wenn man Stundenlöhne nicht absolut, sondern als Anteil des jeweiligen Medianlohnes ausweist. Selbst wenn man für Deutschland hier den (niedrigeren) Wert für Gesamtdeutschland von 13,79 zugrunde legt, so liegen Stundenlöhne von unter 5 bei 36,3% und Stundenlöhne unter 6 bei 43,5% des Medians. Zum Vergleich: Die meisten anderen Länder haben verbindliche Lohnun-tergrenzen in Form gesetzlicher Mindestlöhne, die zwischen 38 und 50% des jeweiligen Medians liegen. So niedrige Stundenlöhne wie in Deutschland sind hier also überwiegend unzulässig.
In Großbritannien wurde die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes im Jahre 1999 u.a. auch damit begründet, dass es sich der Staat nicht leisten kann (und will), für niedrige Löhne die Aus-fallbürgschaft zu übernehmen. In Deutschland wird dies hingegen von Teilen der Politik nach wie vor als staatliche Aufgabe angesehen, obwohl sich selbst auf der Arbeitgeberseite immer mehr Stimmen für branchenbezogene Mindeststandards oder sogar - wie etwa das Gebäudereinigerhandwerk - für gesetzliche Mindestlöhne stark machen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass ein Wettbewerb, der vorrangig über die Löhne ausgetragen wird, auf Kosten der Qualität und der Arbeitsbedingungen der Beschäftigten geht.
In keinem der anderen Länder ist die Niedriglohnbeschäftigung in den vergangenen Jahren so stark gestiegen wie in Deutschland. Weiterhin ist auffällig, dass in Deutschland ein hoher Anteil der Niedriglohnbeschäftigten nicht aus dem Kreis der gering Qualifizierten stammt. Dies ist umso gravierender, als die Chance, aus einem Niedriglohnjob in besser bezahlte Beschäftigung zu kommen, hierzulande besonders gering ist. Im europäischen Vergleich ist diese so genannte Aufstiegsmobilität aus dem Niedriglohnbereich nur in Großbritannien ähnlich niedrig.
Schließlich: Die deutschen Niedriglöhne führen zu Minirenten, zumal es anders als in skandinavischen Ländern keine Mindestrenten gibt (Abb. 12489). Dabei werden die Frauen besonders benachteiligt, und mehr als in den meisten anderen Ländern.

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