Ungleich geht die Welt der Mittelschicht zugrunde. Es ist nicht „die" Welt, sondern die Welt der Mittelschicht, zu der sich viele Besucher des Infoportals rechnen, die nun langsam zugrunde geht. Dazu zählen nicht nur die kleineren Handwerker, mittlere Angestellte und andere weniger gut verdienende Selbständige sondern auch die in verantwortlichen Positionen des öffentlichen Dienstes Beschäftigten vom Bildungssektor bis zum Gesundheitsdienst und den öffentlichen Verwaltungen. Der größte Teil des Bildungsbürgertums gehört hierher. Menschen in dieser Schicht waren einmal die Hoffnungsträger der alten Industrieländer. Mit Zuwachsraten bei Löhnen und Gehältern, die alle zwanzig Jahre eine Verdoppelung erlaubten, konnten sie sich viel Optimismus leisten. Sie garantierten spätestens seit dem 2. Weltkrieg die soziale Stabilität und demokratische Dynamik der Gesamtgesellschaft. Sie verköperten das Versprechen sozialen Aufstiegs, auch für die Kinder der Unterklasse. Die großen sozialen Innovationen, wie die Gleichberechtigung der Frauen, die Bildungsreform mit der neuen Breitenbildung bis zum Zugang zu den Universitäten, die Geburtenkontrolle, sichere Altersversorgung, Wohneigentum, Umweltschutz und viele andere Elemente des gesellschaftlichen Fortschritts waren ihnen zu verdanken.

Doch nun hat sich etwa seit Beginn der 80er Jahre und verstärkt mit diesem Jahrtausend der Trend gegen sie gekehrt und das optimistische Feuer im Kern der Gesellschaften ausgelöscht - nicht zuletzt bei den jüngeren Generationen, die nicht mehr die Aufwärtsentwicklung ihrer Eltern erwarten können. Die Welt der Mittelschicht geht nicht „vornehm" zugrunde, wie das Sprichwort sagt, sondern höchst ungleich, wobei die Mittelschicht zwischen einer immer größeren Gruppe von Neu- und Altreichen und dem immer noch zahlreich vorhandenen Proletariat der gesellschaftlichen Unterschicht zerrieben wird. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2008 überwiegt die Abwärtsmobilität der Mittelschicht. Etwa 14 Prozent der Mittelschicht des Jahres 2002 befand sich 2006 im Bereich der Armutsgefährdung. Auf der anderen Seite konnten 11 Prozent der Mittelschicht des Jahres 2002 bis 2006 in die oberen Einkommensschichten aufsteigen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in seiner Studie nach den drei Einkommensgruppen „Einkommensstark", „Mittelschicht" und „Armutsgefährdet" unterschieden und die Anteile für 2000 und 2006 ermittelt. In der Abbildung 14098 hat das Infoportal den Trend unverändert bis 2008 fortgeschrieben, obwohl er sich in der Realität eher noch verstärkt haben dürfte. Der Anteil der einkommensmäßigen Mittelschicht an allen Personen ist sehr deutlich in nur acht Jahren von rund 62 % auf rund 51 % zurückgefallen.


Die seit Ende der neunziger Jahre vor allem in den alten Bundesländern zu beobachtende Spreizung der Einkommen läßt sich an dem Zurückbleiben des Medians gegenüber dem Durchschnitt der Einkommen ablesen, wobei der Median das Einkommen markiert, das die obere von der unteren Hälfte der Einkommensbezieher trennt (Abb. 14101). Der Unterschied deutet darauf hin, dass die zwischenzeitlich erzielten Wohlfahrtsgewinne nicht der gesamten Bevölkerung gleichermaßen zugute kamen. Die Einkommen der oberen Hälfte der Einkommensbezieher sind schneller gewachsen als die der unteren Hälfte, das heißt, die Einkommensungleichheit hat zugenommen.


Die Mittelschicht spekuliert ganz überwiegend nicht an der Börse oder sonstwie, anders als die finanzielle Oberschicht, und verzichtet damit auf Spekulationseinkommen. Sie trägt die Hauptbildungslast in Deutschland, indem sie die Bildung ihres Nachwuchses weit länger finanziert als der Durchschnitt. 60 % aller Studienanfänger kommen aus einem Elternhaus mit mindestens einem akademisch gebildeten Elternteil (Abb. 13508). Die Mittelklasse trägt auch die Hauptsteuerlast, indem sie einerseits nicht von den Steuerentlastungen für die wenig oder gar nicht verdienende Unterschicht profitiert und anderserseits nicht von den Steuervermeidungs- und -umgehungsmöglichkeiten der finanziellen Oberklasse.


Ein Blick auf die Entwicklung seit 1986 zeigt, daß die Schrumpfung der Mittelschicht erst seit etwa dem Jahr 2000 stattfindet (Abb. 14099). Dieser Zeitpunkt deckt sich mit dem Auseinanderklaffen der deutschen Einkommensverhältnisse generell, wie sie in der Quintilenrelation des obersten Fünftels der Einkommensbezieher zum untersten Fünftel deutlich wird. Die Verhälniszahl ist von 3,5 im Jahr 2000 auf 5,0 im Jahr 2007 gestiegen. Der Anteilszuwachs war der stärkste in der Alt-EU in diesem Zeitraum verzeichnete (Abb. 13732).



Die derzeitige Krise wird die Mittelschicht noch mehr zerreiben. Dafür wird schon die erheblich steigende und dann wahrscheinlich längere Arbeitslosigkeit und der wuchernde Niedriglohnsektor sorgen. Unter den Niedriglöhnern befanden sich schon 2007, dem letzten Erhebungszeitpunkt, 8,4 % mit Fachhochschul- oder Universitätsausbildung (Abb. 14058). Bildung bewahrt schon lange nicht mehr vor Arbeitslosigkeit. Selbst in dem noch relativ guten Jahr am Arbeitsmarkt 2007 waren 8,2 % der Menschen mit mittlerem Bildungsniveau (Abitur oder einer Berufsausbildung im dualen System oder an einer Berufsfachschule) arbeitslos, der Schlußplatz in der Alt-EU (Abb. 13520). Auch bei höherer Bildung (höhere berufsfachliche Ausbildung oder Hochschul-/Fachhochschulabschluss) waren es noch 3,7 % (Abb. 13521). Dank der Krise werden diese Werte nun erheblich ansteigen.




Dagegen legen selbst in der Krise die Reichen noch weiter zu. Das fängt bei den großen Bankhäusern an, die fast überall wieder Milliarden-Gewinne einfahren und ungeniert von der Krise Millionen-Boni auszahlen und natürlich ihre Aktionäre besonders beschenken. Sie tun das, selbst wenn sie auf den Schultern der Steuerzahler stehen. Doch die Ackermänner aller Länder geben nur den Ton für all die anderen ohnehin schon Reichen oder demnächst Reichen an, die noch mehr an die Freßtöpfe kommen wollen. Mit den Freßtöpfen fällt mir nur ein Bild aus dem Tierreich ein, weil dieser Drang schlicht tierisch ist.

Nun wird bekannt, daß die Vorstände der 30 größten im Börsenindex DAX gelisteten Unternehmen selbst im Krisenjahr 2008, in dem viele Arbeitnehmer entlassen wurden, mit durchschnittlich 3,8 Millionen Euro für den Vorstandschef und 2,1 Millionen Euro für ein einfaches Vorstandsmitglied trotz Krise recht gut verdient haben. Zusammen haben sie 441 Millionen Euro abgeräumt und sind damit auf das bereits sehr schöne Niveau von 2004 zurückgefallen (Abb. 14736). Doch verdiente dabei jeder dritte Vorstand sogar mehr als 2007. Dabei kam der Chef von Siemens immer noch auf 8,5 Millionen Euro. Im laufenden und im nächsten Jahr, in dem noch viel mehr Arbeitnehmer auf die Straße fliegen, wird es nicht viel anders sein.


Im Anteil der Superreichen mit mehr als 1 Million Dollar investierbares Kapital liegt Deutschland inzwischen mit fast 1 % der Bevölkerung sogar noch vor den USA (Abb. 03609).


Wenn dann der gebildete Teil der Mittelschicht auch noch besonders stark auf Kinder verzichtet, dezimiert sie sich weiter selbst. Nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts aus diesen Tagen ist bei Frauen mit Fach- und Fachhochschulreife die Kinderlosigkeit bis auf 28 % angestiegen und damit viel stärker als im Durchschnitt aller Frauen (Abb. 14730), in Westdeutschland sogar bis auf fast 30 % und bei Frauen mit Hochschulabschluß und Promotion bis auf ein Drittel (Abb. 14731).




So hat sich nun etwa seit Beginn der 80er Jahre und verstärkt mit diesem Jahrtausend der Trend gegen die Mittelschicht gekehrt und das optimistische Feuer im Kern der Gesellschaften ausgelöscht


Hier zu den Kommentaren.


Wirtschaftsstandort

Mehr in meinem neuen Buch: "Die zweite Große Depression" Zur Bestellung hier.