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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 05/03/2008 09:37 -

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1. Die Bedeutung der Mittelschichten

Sie waren einmal die Hoffnungsträger der alten Industrieländer. Mit Zuwachsraten bei Löhnen und Gehältern, die alle zwanzig Jahre eine Verdoppelung erlaubten, konnten sich die Mittelschichten viel Optimismus leisten. Sie garantierten spätestens seit dem 2. Weltkrieg die soziale Stabilität und demokratische Dynamik der Gesamtgesellschaft. Sie verköperten das Versprechen sozialen Aufstiegs, auch für die Kinder der Unterklasse. Die großen sozialen Innovationen, wie die Gleichberechtigung der Frauen, die Bildungsreform mit der neuen Breitenbildung bis zum Zugang zu den Universitäten, die Geburtenkontrolle, sichere Altersversorgung, Wohneigentum, Umweltschutz und viele andere Elemente des gesellschaftlichen Fortschritts waren ihnen zu verdanken. Doch nun hat sich etwa seit Beginn der 80er Jahre und verstärkt mit diesem Jahrtausend der Trend gegen sie gekehrt und das optimistische Feuer im Kern der Gesellschaften ausgelöscht - nicht zuletzt bei den jüngeren Generationen, die nicht mehr die Aufwärtsentwicklung ihrer Eltern erwarten können.

2. Die materielle Situation

Noch hat es die deutsche Mittelschicht nicht eigentlich begriffen. Doch sie gehört, wie ihre Partner in anderen alten Industrieländern, schon zu den Verlierern der Globalisierung, und das Schlimmste steht in dieser Hinsicht erst bevor. Nicht die bisher noch begrenzte Jobverlagerung und dadurch ausgelöste Arbeitslosigkeit produziert schon jetzt den Niedergang, wohl aber zwei andere Entwicklungen. Erstens stagnieren nun seit Jahren in vielen Industrieländern, besonders aber Deutschland, die Arbeitseinkommen nicht nur der Unterschicht sondern auch der Mittelklasse, während die Reichen und Superreichen der finanziellen Oberschicht sich den anhaltenden Produktivitätsfortschritt praktisch allein unter die Nägel reißen und damit ständig zulegen.

Während alles auf den starken Aufwuchs der armutsgefährdeten Unterschicht achtet und auch auf den der finanziellen Oberklasse, ist die Mittelschicht aus dem Blickwinkel geraten. Sie ist schon statistisch schlechter zu erfassen, weil bei der klassischen Unterscheidung zwischen den real rückläufigen Arbeitseinkommen und den explodierenden Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen (Abb. 04054) die Arbeitseinkommen auch die der finanziellen Oberschicht leitender Angestellten und Vorstandsmitglieder von Ackermann abwärts und andere bevorzugter Gruppen enthalten. Andererseits sind darin auch die Arbeitseinkommen der finanziellen Unterschicht enthalten von den Beschäftigten in Arbeitsgelegenheiten oder in sogenannten "1-Euro-Jobs" bis zu der stark steigenden Flut der Leiharbeiter und der Teilzeitbeschäftigten. Leiharbeiter werden erheblich unter den Unternehmenstarifen bezahlt. Teilzeitbeschäftigte haben im Vergleich zu Vollzeitbeschäftigten eine um ein Viertel geringere Entlohnung je Arbeitsstunde.

Nun hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nach den drei Einkommensgruppen „Einkommensstark", „Mittelschicht" und „Armutsgefährdet" unterschieden und die Anteile für 2000 und 2006 ermittelt. In der Abbildung 14098 hat das Infoportal den Trend unverändert bis 2008 fortgeschrieben, obwohl er sich in der Realität eher noch verstärkt haben dürfte. Der Anteil der einkommensmäßigen Mittelschicht an allen Personen ist sehr deutlich in nur acht Jahren von rund 62 % auf rund 51 % zurückgefallen. Dabei muß man sich vergegenwärtigen, daß zu der traditionellen Mittelschicht nicht nur die kleineren Handwerker, mittlere Angestellte und andere weniger gut verdienende Selbständige zählen sondern vor allem die in verantwortlichen Positionen des öffentlichen Dienst Beschäftigten vom Bildungssektor bis zum Gesundheitsdienst und den öffentlichen Verwaltungen. Hier aber wurden sowohl die Besoldung wie die Beamtenpensionen seit Jahren eingefroren und der Auszehrung durch die Inflation überlassen.

Ein Blick auf die Entwicklung seit 1986 zeigt, daß die Schrumpfung der Mittelschicht erst seit etwa dem Jahr 2000 stattfindet (Abb. 14099). Dieser Zeitpunkt deckt sich mit dem Auseinanderklaffen der deutschen Einkommensverhältnisse generell.

Die seit Ende der neunziger Jahre vor allem in den alten Bundesländern zu beobachtende Spreizung der Einkommen läßt sich an dem Zurückbleiben des Medians gegenüber dem Durchschnitt der Einkommen ablesen, wobei der Median das Einkommen markiert, das die obere von der unteren Hälfte der Einkommensbezieher trennt (Abb. 14101). Der Unterschied deutet darauf hin, dass die zwischenzeitlich erzielten Wohlfahrtsgewinne nicht der gesamten Bevölkerung gleichermaßen zugute kamen. Die Einkommen der oberen Hälfte der Einkommensbezieher sind schneller gewachsen als die der unteren Hälfte, das heißt, die Einkommensungleichheit hat zugenommen. Ebenso ist der Gini-Koeffizient erheblich gestiegen, wobei 0 absolute Gleichheit und 1 Absolute Ungleichheit bedeutet (Abb. 14102).

Die Mittelschicht wird auch dadurch besonders betroffen, daß hier zwischen 2002 und 2006 die Abwärtsmobilität überwiegt. Etwa 14 Prozent der Mittelschicht des Jahres 2002 befand sich 2006 im Bereich der Armutsgefährdung. Auf der anderen Seite konnten 11 Prozent der Mittelschicht des Jahres 2002 bis 2006 in die oberen Einkommensschichten aufsteigen. Die stärkere Abwärtsmobilität erklärt das DIW unter anderem durch die Veränderung der Struktur der Erwerbstätigen. Gingen im Jahr 2000 noch knapp 64 Prozent einer abhängigen Vollzeitbeschäftigung nach, so hat sich dieser Anteil bis 2006 auf 55 Prozent verringert. Abhängig Beschäftigte in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung haben demgegenüber deutlich an Bedeutung gewonnen.

3. Die Bildungssituation

Zweitens trüben sich die Zukunftsaussichten der Mittelschicht ein, weil einige sehr große Schwellenländer, vor allem China, viel stärker in die Bildung investieren und so das klassische Bildungsprivileg der Mittelschicht in den alten Industrieländern entwerten. Diese Schwellenländer können mit zunehmend guter Ausbildung zugleich am High-tech-Ende des Wettbewerbs und bei qualifizierten Dienstleistungen angreifen und so den nach dem Gesetz der komparativen Kostenvorteile früher für Industrieländer noch vorhandenen Ausweg in die höhere Qualifizierung verbauen.

Durch das Hinzukommen von China, Indien und des früheren Ostblocks in die Weltwirtschaft haben sich nach Schätzungen von Harvard Professor Richard Freeman die Zahl der Arbeitskräfte weltweit von 1,46 Milliarden auf 2,93 Milliarden verdoppelt, ohne daß das nach Arbeit suchende Kapital entsprechend zunahm. Im Ergebnis baut sich ein enormes globales Mißverhältnis zum Nachteil der Arbeitseinkommen auf. Dazu kommt der Effekt immer besserer Ausbildung in den Schwellenländern. Die Arbeitnehmerschaft im Ostblock war immer schon gut ausgebildet. Länder, wie Indonesien, Brasilien, China und Indien haben die Zahl ihrer Studenten bereits in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Vor allem China investiert enorm in Natur- und Ingenieurswissenschaften, so daß vorraussichtlich bereits in 4 Jahren dort mehr in diesen Fächern als in USA promovieren werden.

Dabei schneidet das deutsche Bildungssystem auch qualitativ im internationalen Vergleich nicht besonders gut ab.

4. Angst geht um

Die "Financial Times" hat am 14. Oktober 2006 einen großen Artikel unter der Schlagzeile "profits of doom - globalisation generates colossal sums, ... isn't it time the west's middle classes asked why they're footing the bill for everyone else's gains?" ("Profite des Untergangs - Globalisierung schafft enorme Vermögen .... ist es nicht Zeit, daß die Mittelschichten des Westens fragen, warum sie die Rechnung für die Gewinne aller anderen bezahlen?"). In Frankreich, das in sozialen Fragen schon wegen des Ideals der "égalité" viel sensibler als Deutschland und die angelsächsischen Länder reagiert, erschien gerade eine neue Untersuchung von Prof. Chauvel unter dem Titel: "Les classes moyennes à la dérive" ("Die Mittelklassen am Scheideweg"). Und der "Figaro" griff das Thema am 12. Oktober 2006 unter der Schlagzeile "Classes moyennes: l'angoisse d'une génération" ("Mittelklassen: Ängste einer Generation") auf. Das größte Problem sieht Chauvel bei der Generation der jetzt Jugendlichen, die wesentlich schlechtere Zukunftsaussichten habe als die Elterngeneration. Bis 1975 haben sich die realen Einkommen in Frankreich mit einer Jahresrate von etwa 3,5 % erhöht, was einer Verdoppelung der Kaufkraft in 20 Jahren entsprach und damit den Optimismus in die Zukunft erhielt. Seitdem ist die jährliche Wachstumsrate auf 0,5 % gefallen, was eine Verdoppelung erst in 140 Jahren und damit jenseits des Wahrnehmungshorizonts erwarten läßt.

Das DIW berichtet auch über die Sorgen der Menschen in der deutschen Mittelschicht: "Ein alternativer subjektiver Indikator zur Beschreibung der wirtschaftlichen Situation der Einkommensschichten ergibt sich aus der Angabe zu „Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation" . Der Anteil der Menschen aller Einkommensschichten, die sich „keine Sorgen" machen, lag in den 80er Jahren noch über 40 Prozent, in den 90er Jahren in Gesamtdeutschland bei rund 30 Prozent und jüngst, also auch in den wachstumsstarken Jahren 2006 und 2007, nur noch bei rund 23 Prozent. In der Mittelschicht hat der Anteil derjenigen mit „großen Sorgen" bis 2005 einen historischen Höchststand mit mehr als 26 Prozent erreicht. Die aktuelle konjunkturelle Erholung lässt auch für diese Gruppe das Ausmaß an „großen Sorgen" nur leicht zurückgehen.




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