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Deutschland

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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 20/06/2007 09:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)

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Deutschland war einstens das Wunderland in sozialer Stabilität und erklärte sich sein Wirtschaftswunder auf eben diese Weise. Doch mit kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit hat es sich an die Spitze der neoliberalen Global-Entwicklung gesetzt. In nur wenigen Jahren ist Deutschland zu einem der unsozialsten unter den alten Industrieländern geworden und nun auf dem fast track in Neoliberalisierung.

Exportangetrieben beutet Deutschland Lohndifferenzen gegenüber dem Ausland aus und tut dasselbe zu Hause. Die deutschen Multis haben sich mehr von ihrem Heimatmarkt Deutschland gelöst als die der meisten Vergleichsländer. Nach dem Herbstgutachten der Monopolkommission vom Juli 2006 haben die 10 größten Unternehmen allein zwischen 2002 und 2004 ihren Wertschöpfungsanteil in Deutschland von 70 % auf 59 % zurückgeführt. Die DAX 30-Unternehmen insgesamt haben nur noch 53 % der Beschäftigten und 1/3 des Umsatzes in Deutschland, viel weniger als ihre Entsprechungen in USA oder Japan (Abb. 12119). Dementsprechend haben sich die Verlagerungsmöglichkeiten erhöht und ist das Interesse an den deutschen Sozialverhältnissen gesunken.


Nicht überraschend hatte Deutschland schon im Jahre 2000 unter den größeren OECD-Ländern den höchsten Anteil an Vorproduktimporten an der industriellen Produktion (Abb. 03603).


Dabei hat Deutschland einen im internationalen Maßstab ziemlich unbedeutenden Finanzmarkt und läßt die Ausbeutung, soweit sie auf der Finanzspekulation beruht, weitgehend von Kapitalsammelstellen vor allem im angelsächsischen Ausland vornehmen. Dort sind die meisten Hedgefonds und Private Equity Unternehmen angesiedelt. Allerdings haben die inzwischen auch den deutschen Unternehmen zusätzlich Beine gemacht, auf denen letztere durch eine exhorbitante Steigerung der Aktienrendite dem Zugriff der Heuschrecken zu entrinnen versuchen. Die deutschen Unternehmensprofite (Abb. 12364) ebenso wie die Einkommen der Top-Manager sind unter den höchsten der Welt, Kehrseite einer seit Jahren ausgebremsten Lohnentwicklung.



Die unsoziale Entwicklung Deutschlands über die letzten 10 Jahre ist atemberaubend, wenn man die verschiedenen Schubladen aufzieht: Bildung, Einkommensverteilung im Arbeitsalter und schließlich in der Rentenzeit sowie die Verteilung von Armut und Reichtum. Es ist, als wäre der Kapitalismus nach dem Fall der Berliner Mauer aus seinen sozialen Fesseln befreit worden.

1. Bildung

Eine Gesellschaft, in der ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit nicht über das Steuer- und Beitragssystem herstellen wird, fällt meist auf das Versprechen der politischen Klasse von Chancengleichheit für Alle zurück, so auch besonders die deutsche. Jeder ist dann seines Glückes eigener Schmied. Doch die Türen dieser Schmiede, in der sich jeder glücklich machen kann, werden gerade in Deutschland immer mehr verrammelt.

Beim Einsatz öffentlicher Mittel im Bildungssystem rangiert Deutschland unter "ferner liefen". Mit einem Einsatz von nur 4,7 % des Bruttoinlandsprodukts unterbietet Deutschland noch den OECD-Durchschnitt von 5,5 % und liegt weit hinter dem Spitzenreiter Dänemark mit 8,3 %, auf dem 21. Platz von 29 Vergleichsändern der OECD (Abb. 13004). Bei den besonders Ausgaben pro Grundschüler liegt Deutschland noch weiter hinten als bei den Bildungsausgaben insgesamt (Abb. 13092).



Der Vergleich mit Skandinavien ist hier besonders augenöffnend. Pro Jahr und Schüler von der Vorschule bis zur Universtität gibt Skandinavien für Bildung etwa ein Fünftel mehr aus als Deutschland (Abb. 12454). Besonders auffällig und eigentlich kaum nachvollziehbar ist der enorme Unterschied in den Ausgaben pro Volksschüler von fast 54 % mehr in Skandinavien.


Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat eneut belegt, daß in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also. Nach einer neuen OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Nur noch Belgien, die Slowakei und Ungarn haben unter 29 untersuchten Staaten noch schlechtere Werte. Erneut wird damit auf die mit mehreren Studien belegte hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland verwiesen (Abb. 13090).


Wie stark die deutschen Türen zur Chancengleichheit verrammelt sind, zeigt die im Juni 2007 veröffentlichte 18. Sozialerhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Situation der Studierenden, die im Sommersemester 2006 unter 17.000 deutschen Studierenden durchgeführt wurde. Kinder mit einem akademisch ausgebildeten Vater finden fast viermal eher den Zugang zu deutschen Hochschulen als die ohne einen solchen akademischen Hintergrund (siehe Abbildung 04898). Da Akademia immer noch das sicherste Eintrittsticket in eine Berufkarriere mit dickem Portemonaie ist, sollte man sich keine Illusionen machen, was das bedeutet. Die Chancengleichheit wird in Deutschland schon in der Wiege weitgehend ausgeräumt.


2. Einkommensverteilung im Arbeitsalter

Beim Zuwachs der Arbeitseinkommen liegt Deutschland am Ende der internationalen Entwicklung (Abbildung 13233). Nach dem neuesten OECD-Bericht „Beschäftigungsausblick" lag Deutschland 2005 in den Arbeitseinkommen unter den entwickelten Industrieländern (ohne Osteuropa) auf dem 16. Platz. Danach kommen nur noch Kanada, Italien, Spanien, Griechenland, Korea und Portugal (Abb. 12533). Seit 2005 dürfte Deutschland noch weiter abgerutscht sein.



Die Schere zwischen Arbeitseinkommen einerseits und Unternehmens- und Vermögenseinkommen andererseits hat sich dramatisch geöffnet (Abb. 04054).


Fast alle vergleichbaren Länder haben Mindestlöhne. In Deutschland ist dazu derzeit in der Regierung keine Einigung herzustellen. Eine neue Übersicht von Eurostat mit den Mindestlöhnen in 23 Ländern, die dort am 1. Januar 2007 galten, zeigt die Monatssätze in Euro und Euro-Kaufkrafteinheiten, den durchschnittlichen Anteil der Mindestlöhne verglichen mit den normalen Bruttolöhnen in Industrie und Dienstleistungen sowie den Anteil an Arbeitnehmern, die Mindestlöhne beziehen. In den 5 Alt-EU-Ländern, zu denen Eurostat mit der Angabe der Wochenarbeitszeit in Vollbeschäftigung eine Umrechnung ermöglicht, liegt der Mindestlohn in dieser Umrechnung zwischen sieben und neun Euro. Das liegt durchaus in der Größenordnung des von den Gewerkschaften geforderten Satzes von Euro7,50. Bei den 4 Alt-EU-Ländern, die hierzu statistisch erfaßt werden (Großbritannien, Niederlande, Irland und Luxemburg), liegt der Durchschnittssatz des Mindestlohns verglichen mit dem allgemeinen Durchschnitts-Brutto-Lohn bei 46,5 %. Überträgt man das auf Deutschland, wo der durchschnittliche Bruttolohn pro Stunde 2006 bei Euro 16,48 lag, so ergäbe sich ein Mindestlohn von Euro 7,66 und mit dem Kaufkraftausgleich für 2007 bei Euro 7,81. Doch deutschen Niedrigslöhnern wird der Schutz verweigert, der in den meisten Nachbarländern selbstverständlich ist.

Nun sorgt sich sogar die OECD als Spitzenorganisation der kapitalistisch orientierten Industrieländer wegen der Folgen der Globalisierung auf die Einkommensverteilung und meint, die Regierungen müssen mehr tun, um den Arbeitnehmern zu helfen, sich an die Globalisierung anzupassen. Die Ungleichheit der Arbeitseinkommen wird immer größer (Abb. 12525). Seit 1995 ist Deutschland in der Rangordnung der Ungleichheit 5 Plätze vorgerückt und hat seitdem Niederlande, Tschechien, Frankreich, Japan und Australien überholt. Wenn man die europäischen Länder (ohne Osteuropa) sowie USA, Kanada und Japan vergleicht, so ist in keinem dieser Länder die Schere zwischen den Top 10 % der Arbeitseinkommen und den untersten 10 % soweit aufgegangen wie in Deutschland (Abb. 12527).



Die höchstbezahlten zehn Prozent der deutschen Arbeitnehmer erhielten 2005 im Schnitt 3,1 mal so viel wie die zehn Prozent mit den niedrigsten Löhnen (Abb. 12528). 1995 waren es nur 2,8-mal so viel. Und seit 2005 hat sich die Schere noch weiter geöffnet.


3. Einkommensverteilung im Rentenalter

Der neue Rentenbericht der OECD „Pensions at a glance" bringt für Deutschland einige unerfreuliche Wahrheiten im internationalen Vergleich. Mit nur 58 % des letzten Arbeitseinkommens liegen die deutschen Renten im Netto-Vergleich für durchschnittliche Einkommen im unteren Teil des Vergleichsfeldes (Abb. 12490). Die meisten anderen Ländern haben für niedrigere Einkommensbezieher (halbes Durchschnittseinkommen) - und die betreffen vor allem Frauen - günstigere Rentensätze. Dagegen liegt bei Deutschland auch hier die Rentenhöhe bei nur 53 % des letzten Arbeitseinkommens. Dies bringt Deutschland auf den vorletzten Platz des Vergleichsfeldes (Abb. 12489) und weit hinter die 133 % in Dänemark oder den 90 % im ebenfalls benachbarten Österreich. Die OECD warnt daher, Deutschland müsse darauf achten, einen Anstieg der Altersarmut zu vermeiden. Besonders ungünstig schneidet Deutschland im Vergleich mit Skandinavien ab (Abb. 12502).




Die OECD zeigt auch, wie sich bei den Ländern, die Reformen betrieben haben, die Rentenwerte abgesenkt haben. Deutschland hat im Brutto-Vergleich einen der größten Abstiege von 48,7 % auf nur noch 39,9 % (Abb. 12478). Praktisch wurden die Renten in Deutschland zusätzlich erheblich gekürzt, weil Deutschland zu den nur 3 Ländern gehört, die mit der Reform das Renteneintrittsalter angehoben haben. Bis auf 6 Länder halten alles OECD-Länder an 65 Jahren fest, bei Frankreich sind es sogar 60 Jahre. Beim Rentenbericht der OECD ist noch die Basis von 2004 zu berücksichtigen: Seitdem hat sich der negative Abstand zu den Vergleichsländern in den Bezugsgrößen wegen der deutschen Lohnzurückhaltung und der real negativen Entwicklung der deutschen Renten weiter vergrößert.


4. Verteilung von Armut und Reichtum

Um zu beleuchten, wie stark die Einkommensunterschiede zwischen den ärmsten und den reichsten Personen eines Landes tatsächlich sind, kann man ein Verteilungsmaß heranziehen, das das Gesamteinkommen der reichsten 20% dem Gesamteinkommen der ärmsten 20% gegenüberstellt (sogenanntes S80/S20-Quintilverhältnis). Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland hier nur noch im unteren Mittelfeld (Abb. 12247).


Nach einer neuen Studie World Institute for Development Economics Research (Wider) der Uno besitzt die ärmere Hälfte der Menschheit insgesamt nur ein Prozent des globalen Gehalts- und Immobilenvermögens. Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens ist in der Hand von zwei Prozent der Weltbevölkerung. Betrachtet man die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, so besitzen diese Menschen sogar 85 Prozent des gesamten Immobilien- und Gehaltsvermögens. Hier zeigen sich nicht zuletzt die Effekte der neoliberalen Globalisierung oder in den Worten von Wider: "Die Superreichen sind noch grotesk reicher geworden als sie es vor 50 Jahren waren". Dabei nimmt Deutschland nach USA und Japan den dritten Platz an den zehn reichsten Prozent der Weltbevölkerung ein (Abb. 12249).


Aus dem Armutbericht der Bundesregierung von 2004: „Allerdings sind die Privatvermögen in Deutschland sehr ungleichmäßig verteilt. Während die unteren 50 % der Haushalte nur über etwas weniger als 4% des gesamten Nettovermögens (ohne Betriebsvermögen) verfügen (Abb. 04045), entfallen auf die vermögendsten 10 % der Haushalte knapp 47 %" (Abb. 04041). Der Anteil des obersten Zehntels ist bis 2003 gegenüber 1998 um gut 2 Prozentpunkte gestiegen. Und seitdem hat sich die Entwicklung eher verstärkt fortgesetzt.



Die Zahl der Super-Reichen - Menschen mit mehr als 1 Million Dollar - ist in Deutschland 2006 um 4 % auf 798.000 Menschen gestiegen. Das ist mit großem Vorsprung vor dem Rest nach den USA die zweithöchste Zahl. Unter den im neuen Welt-Reichtums-Bericht einzeln ausgewiesenen Ländern hat Deutschland nach Australien und zusammen mit USA den höchsten Anteil an Millionären (Abb. 03609).



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Hinweis auf mein neues Buch: Falsch globalisiert, 232 Seiten, 250 Abbildungen, € 14,80 - ist im Mai im vsa-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 3-89965-193-6). Das Buch greift 30 der wichtigsten Schwerpunkte in aktualisierter Form auf. Neue Rezension in FR. 16 wichtigste Schaubilder hier stets aktualisiert (auch Korrekturen).

Hier zu meiner kurzen Einführung bei der Vorstellung des Buches am 15. Mai im Beisein von Jürgen Peters, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung und Vorsitzender der IG Metall, und Professor Dr. Peter Bofinger, Universität Würzburg, und hier zu einer aktuellen Einschätzung sowie zu meinem halbstündigen WDR-Interview zum Abhören.