Die Arbeit auf Zeit wurde in Deutschland systematisch solonfähig gemacht. Zeitarbeitnehmer sind Beschäftigte in Zeitarbeitsfirmen, die Arbeitskräfte für eine begrenzte Dauer an andere Unternehmen verleihen, um deren Personalbestand aufzustocken oder vorübergehend zu verstärken. Gesetzliche Schranken wurden dazu weggeräumt. Das war zwar gut für die Arbeitslosenstatistik, aber ein Vabanquespiel mit dem Arbeitsmarkt, dessen ganzes Elend sich erst jetzt in der Krise so richtig zeigt.

1. Auf Zeitarbeit wird das Arbeitsmarktrisiko abgewälzt

Während die Arbeitslosigkeit insgesamt Dank Kurzarbeitergeld bisher eingedämmt werden konnte, ging die Zahl der Zeitarbeitnehmer erheblich zurück. Zeitarbeitnehmer gehören zu den ersten Arbeitnehmern, die auf Grund der Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verloren haben. Ihre Zahl sank vom Jahr 2008 zum ersten Halbjahr 2009 deutlich um 31% auf gut 520 000; parallel dazu nahm im gleichen Zeitraum die Zahl der Arbeitslosen um 8% zu (Abb. 14830).


Auch nach den Zahlen der Bundesagentur für Abeit kam es bei der Arbeitnehmerüberlassung, die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit, im Oktober 2009 zum sechsten Mal in Monatsfolge zu einem kräftigen Beschäftigungsrückgang um 21,4 % oder 153.000 gegenüber Vorjahr. In den Vorjahren war der Aufbau an Beschäftigung zum größten Teil auf diese unsicheren und in der Regel schlecht bezahlten Zeitverträge entfallen (Abb. 14527).


Daß die Beschäftigung von Zeitarbeitnehmern generell konjunkturabhängig ist, zeigt sich auch in der Entwicklung zwischen 2002 und 2008, in der sich durch den wirtschaftlichen Aufschwung die Zahl der Zeitarbeitnehmer von knapp 320 000 auf über 760 000 mehr als verdoppelt hatte. Bei einer hohen Auslastung der Unternehmen werden mehr Zeitarbeitnehmer beschäftigt, um den gestiegenen Arbeitskräftebedarf zu decken. Zeitarbeit ermöglicht es Unternehmen, flexibel auf konjunkturelle Änderungen zu reagieren und das Arbeitsmarktrisiko voll auf die Zeitarbeitnehmer abzuwälzen.

Nicht alle Arbeitnehmergruppen sind gleichermaßen von dem durch die Wirtschaftskrise verursachten Personalabbau betroffen. Besonders häufig entlassen wurden weniger qualifizierte Zeitarbeitnehmer beziehungsweise solche, die in Tätigkeiten mit niedrigen Qualifikationsanforderungen arbeiten. So sank im Zweiten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahresquartal die Zahl der ungelernten Arbeitnehmer um 49% und die der angelernten Arbeitnehmer um 34%. Aber auch die Zahl der herausgehobenen Fachkräfte (-14%) und Fachkräfte (-21%) ging zurück (Abb. 14831).


2. Zeitarbeit wird diskriminierend schlecht bezahlt

Dabei müssen Zeitarbeitnehmer in der Regel wesentlich niedrigere Löhne und im Falle eines konjunkturellen Abschwungs das Risiko einer kurzfristigen Entlassung in Kauf nehmen. Nachdem Zeitarbeitnehmer im Jahr 2008 durchschnittlich Verdiensterhöhungen erzielen konnten, mussten sie im Jahr 2009 teilweise hohe Verdiensteinbußen hinnehmen. So bekamen im zweiten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahresquartal Arbeitnehmer in leitender Stellung 5,5%, herausgehobene Fachkräfte 2,8% und ungelernte Arbeitnehmer 2,4% weniger Gehalt; lediglich Fachkräfte und angelernte Arbeitnehmer hatten geringe Verdienstzuwächse.

Zeitarbeitnehmer sind ohnehin überwiegend Niedriglohnbezieher. Ein Zeitarbeitnehmer verdiente im zweiten Quartal 2009 mit 1.725 Euro durchschnittlich nur etwas mehr als die Hälfte des Verdienstes eines Durchschnittsarbeitnehmers (3.128 Euro). Allerdings ist dieser Verdienstabstand nicht für alle Arbeitnehmergruppen gleich stark ausgeprägt. Die relativ seltenen Zeitarbeitnehmer in leitender Tätigkeit erhielten im Durchschnitt immerhin 86% des Verdienstes aller leitenden Angestellten. Im Gegensatz dazu verdienten un- und angelernte Zeitarbeitnehmer jeweils nur 69% des Gehalts aller un- und angelernten Arbeitnehmer. Zur Definition von Niedriglohn wird meist eine Grenze bei zwei Dritteln des mittleren Verdienstes aller Arbeitnehmer gezogen. Nach Ergebnissen aus dem Jahr 2006 erhielten demnach rund zwei Drittel (67%) aller Zeitarbeitnehmer einen Niedriglohn. Unter allen Arbeitnehmern lag der Anteil der Niedriglohnbezieher dagegen nur bei einem Fünftel (20%).

3. Besonders jüngere und weniger qualifizierte Arbeitnehmer sind auf Zeitarbeit angewiesen

Zeitarbeit bietet überwiegend kurzfristige Beschäftigung in einfachen Tätigkeiten. Die Hälfte (53%) der Beschäftigten von Zeitarbeitsfirmen waren im Jahr 2006 kürzer als ein Jahr im Unternehmen. Ein Drittel war zwischen einem und zwei Jahren und lediglich 16% war länger als zwei Jahre im Betrieb tätig. Die meisten Jobs der Zeitarbeitnehmer waren durch ungelernte (28%) und angelernte Tätigkeiten (35%) gekennzeichnet. Ein weiteres knappes Drittel der Zeitarbeitnehmer war als Fachkraft beschäftigt. Nur 5% sind herausgehobene Fachkräfte und sogar nur 1% Arbeitnehmer in leitender Stellung. Diese Verteilung unterscheidet sich deutlich von der aller Arbeitnehmer. Bei den Beschäftigten insgesamt war der Anteil der Un- und Angelernten im Vergleich zu den Zeitarbeitnehmern erheblich niedriger, der der Fachkräfte, herausgehobenen Fachkräfte und leitenden Arbeitnehmern hingegen deutlich höher (Abb. 14832). Der durchschnittliche Zeitarbeitnehmer ist männlich, jung und gering qualifiziert. 2006 waren drei von vier (74%) Zeitarbeitnehmern Männer. Ein Viertel (24%) war jünger als 25 Jahre und weitere 16% im Alter zwischen 26 und 30 Jahren. Mit zunehmendem Alter nahm der Anteil der Zeitarbeitnehmer ab. Der größte Teil der Zeitarbeitnehmer hatte einen Hauptschulabschluss oder Mittlere Reife ohne Berufsausbildung (35%) oder mit Berufsausbildung (58%). Nur ein sehr kleiner Teil hatte das Abitur (4%) absolviert oder verfügte über einen Hochschulabschluss (3%). Im Vergleich zu allen Arbeitnehmern hatten Zeitarbeitnehmer einen niedrigeren Bildungsabschluss.


4. Neuer Trend: Unternehmen gründen eigene Zeitarbeitsfirmen, um Tariflöhne und Kündigungschutz zu umgehen

Die Unternehmen läuten jetzt eine neue Runde in der Personalpolitik ein. Sie gründen Zeitarbeitsfirmen, um eigene Mitarbeiter in Leiharbeitskräfte zu verwandeln. So umgehen sie Tariflöhne und Kündigungsschutz. Ein bekannt gewordenes Beispiel ist Schlecker. Schlecker behauptet, das Zeitarbeitsunternehmen Meniar, in das nach Gewerkschaftsangaben schon 1500 Schlecker-Mitarbeiter wechseln mussten, sei unabhängig von der Drogeriekette. Doch der Meniar-Chef war Schlecker-Manager und hat in der Zentrale ein Büro. In Schreiben an Schlecker-Mitarbeiter stand unter dem Briefkopf ihres Arbeitgebers, der Drogeriekette Schlecker, fett gedruckt „Versetzung". Statt in ihrer Stammfiliale im westfälischen Gütersloh weiter Shampoos und Zahnpasta zu verkaufen, wie seit Jahren schon, sollten sie in einem Schlecker-Laden arbeiten, der fast 100 Kilometer entfernt lag. Insgesamt waren nach Angaben der Gewerkschaft Verdi rund 60 Kolleginnen, die in 18 Schlecker-Filialen im Bezirk Gütersloh arbeiten, aufgefordert worden, Aufhebungsverträge zu unterschreiben und dafür bei Meniar anzuheuern. Statt wie bisher 12,71 Euro brutto sollten die Frauen fortan zwischen 6,50 und 7,0 Euro pro Stunde verdienen - für denselben Job in derselben, aber umgebauten Filiale.

Dazu der Arbeitsrechtsprofessor Peter Schüren:

„Was sich da einbürgert, ist meines Erachtens in einigen Gestaltungsformen gefährlich. Wer eine eigene Zeitarbeitsfirma gründet, die nicht wirklich am Markt aktiv ist, sondern nur an eine Konzernschwester oder an die eigene Muttergesellschaft Personal verleiht, spielt ohne Not mit großen Haftungsrisiken. Das ist eine rechtsmissbräuchliche Strohmann-Konstruktion. Dieser Verleiher besteht nur, um gültige Tarifverträge mithilfe von Billig-Tarifverträgen zu umgehen. Und natürlich auch, um den Kündigungsschutz der Zweitbelegschaft radikal zu verschlechtern. Wer Leiharbeiter einsetzen will, der soll sie sich bei Verleihern holen, die am Markt aktiv sind und für ihre Leiharbeitnehmer einen ernsthaften Arbeitsplatz haben. Im Arbeitsrecht sind alle Instrumente vorhanden, um die Strohmann-Zeitarbeitsfirmen auffliegen zu lassen. Jeder, der solche Konstruktionen nutzt, sollte diese Risiken kennen und in seine Entscheidung einbeziehen.

Einige Gerichte haben diese Konstruktionen akzeptiert, andere nicht. Ich sehe darin einen gefährlichen Gestaltungsmissbrauch. Es gibt nur noch keine höchstrichterliche Rechtsprechung dazu. Die Rechtsprechung der Landesarbeitsgerichte wird aber kritischer. Das Landesarbeitsgericht Bremen etwa hat 2008 entschieden, dass das Land Bremen keinen Verein betreiben kann, der Lehrer nur einstellt, um sie an die eigenen Schulen auszuleihen. Es hat festgestellt, dass diese Lehrer Arbeitnehmer des Landes und nicht des Vereins sind. Bis jetzt haben sich aber eher Betriebsräte in sogenannten Beschlussverfahren vor Gericht gegen den Einsatz solcher hauseigenen Billigkräfte gewehrt."


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