Jahr für Jahr wächst der Anteil der nicht oder nur schlecht in die Arbeitswelt und die Gesellschaft insgesamt integrierten Jugendlichen. Kaputte oder nicht existierende Elternhäuser, ein heruntergekommenes, arme Menschen abschiebendes Sozialsystem, schlechte und unterfinanzierte Schulen, fehlende Ausbildungsplätze, viel zu wenig Arbeitsplätze, ein stark steigender Kinder- und Jugendanteil aus nicht ausreichend integrierten Ausländer- oder Immigrantenfamilien: alles hat seinen Anteil an dieser bedrückenden Entwicklung.

Das Infoportal hat schon oft über die sozialen Probleme der Jugendlichen berichtet. Ein neuer Anstoß zur Aktualisierung des Datenmaterials kam jetzt von einem Ausbilder:

„Unser Betrieb bildet im Schnitt 5 Lehrlinge pro Jahr aus. Drei Kaufleute, zwei Mechaniker. Es ist immer ein Drama, wenn wir pro Ausbildungsplatz an die 30 40 BewerberInnen haben. So, die Bewerbungen werden überflogen, die Hauptschüler, die nicht über einen hervorragenden Notenschnitt verfügen, sind als erste draussen. Dann kommt das feinere Sieb. Wer nicht rechnen kann (4 oder schlechter) fliegt raus. Wer nicht schreiben kann auch.(4 oder schlechter). Dann sind im Schnitt noch 5 übrig. Die kommen dann zum Kennenlernen ein paar Tage in den Betrieb. Mit Glück ist dann eine(r) dabei, der den Platz bekommt.

Es geht nicht darum festzustellen, was eine(r) schon kann. Es geht um Begabung, Interesse am zukünftigen Job, und es geht um soziale Kompetenz. Wir legen viel Wert auf zwischenmenschliches Auskommen. Selbstverständlich wissen wir, dass wir erzieherisch tätig sein müssen. (Was glauben Sie, was ich alles mitmache!).

Mir ist klar, dass die, die ich nicht einstelle, wo anders wohl auch kaum Chancen haben. Mir ist auch bekannt, welches Unglück dies auslöst. Was sollen wir denn machen? Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Kinder die Schule verlassen, ohne auch nur annähernd ausbildungsreif zu sein. Hier ist Ursachenforschung angesagt.

Etwas anderes: Wir haben oft Praktikanten, die uns das Arbeitsamt oder die widerliche Arge schickt. Da sieht man dann das ganze Ausmass des Dramas. Jugendliche und junge Erwachsene ohne Schulabschluss, ohne irgendeine Begabung, ohne Power, RTL2 Geschädigte. Die, wo zu Hause der Punk abgeht. Zerrüttete Familienverhältnisse, die es dem Kind unmöglich machen, sich überhaupt zu entwickeln. Immer mehr Kinder aus "Altfreakfamilien", die die Eltern nur "dicht" sehen. Interessenlosigkeit der Eltern in Sachen Erziehung, überforderte Alleinerziehende, die zwar alles richtig machen wollen, aber gesellschaftlich immer noch geächtet sind, vom Staat wegen dem bischen Geld, dass ihnen zusteht, auch noch massiv schickaniert werden. (ob da wohl ein Kerl im Bett liegt? dann wird das asoziale Hartz Geld gekürzt).

Diese Gesellschaft hat beschlossen, sich aufzulösen. Die Politik versagt in Sachen Familienpolitik, Gesellschaftspolitik total. Diese Gesellschaft ist todkrank.

Zu den 68ern: Das waren überwiegend gebildete Leute, (nicht Fischer), aus wirtschaftlich bessergestellten Verhältnissen. Das Donnerwetter der 68er war sozusagen ein Jungbrunnen für eine verkrustete und wertelose Gesellschaft. Das Donnerwetter, das uns demnächst erwartet, wird anders aussehen. Da geht es nur noch um Frustabbau. Kaputtschlagen ist dann angesagt. Aber nicht im Sinne von „Ton Steine Scherben's: "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Da sind wir alle dran.

I. Elternhäuser

Immer mehr setzt sich unter denen, die überhaupt Kinder haben, die 1-Kind-Familie durch. 2007 hatten bereits 53 % aller Haushalte mit Kindern nur ein Kind unter 18 Jahren. Fast jeder fünfte Haushalt mit Kindern ist nun ein Alleinerzieher-Haushalt, ein Anstieg um etwa ein Drittel seit 1996 (Abb. 14720). Einzelkinder sind oft weniger sozial angepaßt, da sie nicht auf Geschwister Rücksicht nehmen müssen. Kinder aus Alleinerzieher-Haushalten wachsen überdurchschnittlich oft in Armut auf oder erfahren andere Nachteile.


II. Bildung

Ein Drittel aller Jugendlichen verließ 2006/7 die Schule entweder ohne jeden Abschluß oder nur mit Hauptschulabschluß (Abb. 04211) - passende Vorraussetzungen für Arbeitslosigkeit oder unsichere Niedriglohnjobs später.


Bei den Ausgaben pro Grundschüler liegt Deutschland im internationalen Vergleich besonders weit hinten (Abb. 13092). Die Unterfinanzierung des Bildungssystems findet im wesentlichen bei den Grundschülern und in der Sekundarstufe I statt, wo Deutschland den OECD-Durchschnitt um nicht weniger als ein Viertel unterschreitet (Abb. 13093), also gerade dort, wo die Kinder aus den weniger wohlhabenden Elternhäusern hängenbleiben.



Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat erneut belegt, daß in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutsberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.

Nach einer neuen OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Nur noch Belgien, die Slowakei und Ungarn haben unter 29 untersuchten Staaten noch schlechtere Werte. Erneut wird damit auf die mit mehreren Studien belegte hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland verwiesen (Abb. 13090).


III. Arbeitswelt

Arbeit wird selbst in guten Wirtschaftszeiten als Mangelware knapp gehalten, was eine Rervearmee an lohndrückenden Arbeitslosen im Dauerzustand schafft. Trotz eines wuchernden Niedriglohnsektors ist die Zahl der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden immer weiter gefallen (Abb. 14714). Das trifft vor allem beruflich mangelhaft qualifizierte Jugendliche.


Überdurchschnittlich betroffen von Niedriglöhnen sind insbesondere Jüngere, gering Qualifizierte, Ausländer/innen und Frauen (Abb. 14060). Von denen ohne Berufsausbildung sind 43,3 % Niedriglöhner (Abb. 14057). Wenn also nicht oder mangelhaft ausgebildete Jugendliche überhaupt einen Arbeitplatz finden, ist es meist ein unsicherer und niedrig bezahlter.



Junge Menschen sind nach einer neuen Bilanz des Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Hauptleidtragenden der Wirtschafts- und Finanzkrise auf dem Arbeitsmarkt. Ihre Arbeitslosigkeit stieg bis Juni 2009 im Jahresvergleich mit 19,0 % fast dreimal so stark wie die der anderen Altersgruppen mit 6,7 % (Abb. 14718). In der Krise trennen sich die Unternehmen zuerst von denjenigen Mitarbeitern, deren Beschäftigungsschutz relativ gering ist, und das sind oft junge Menschen, die einen Leiharbeiter-Job oder einen befristeten Vertrag haben oder hatten. Auch müssen Unternehmen bei betriebsbedingter Kündigung eine Sozialauswahl treffen. Und dann sind oft zuerst Jüngere dran, weil sie noch nicht so lange im Betrieb sind und oft noch keine Familie haben. Zudem werden in jüngster Zeit viele Azubis nicht mehr übernommen. Auch trennen sich Arbeitergeber leichter von noch nicht so erfahrenen Arbeitskräften. So verkommen junge Menschen immer mehr zu einer Dispositionmasse am Arbeitsplatz: schneller eingestellt in guten Zeiten, aber auch viel schneller gefeuert in schlechten.


Deutschland hat die höchste Rate an Langzeitarbeitslosen in der Alt-EU und hält diese negative Spitzenposition seit Jahren (Abb. 04022). Unter ihnen befinden sich viele, die noch Jugendliche sind oder nie richtig in die Arbeitswelt kommen konnten.


IV. Armut

Laut Kinderschutzbund leben 2,6 Millionen Kinder bis zum Alter von 18 Jahren auf Hartz-IV-Niveau (208 Euro pro Kind). Die Zahl erhöht sich auf etwa 5 Millionen Kinder, wenn man die Familien dazurechnet, die nur knapp oberhalb der Hartz-IV-Grenze leben. Mehr als 1,9 Millionen Kinder auf Sozialhilfe-Niveau sind jünger als 15 Jahre. Nach Statistischem Bundesamt haben wir 15,3 Millionen Kinder bis 18 Jahre in Deutschland. Ein Drittel aller Kinder lebt also auf Hartz-IV-Niveau von 208 Euro pro Monat oder knapp darüber.

Ohne Schulabschluß und Berufsausbildung steigt die Armutsgefährdung in Deutschland auf mehr als ein Viertel dieser Gruppe (Abb. 04683). Abb. 04686 bringt die Unterscheidung nach Schulabschlüssen mit einem besonders hohen Risiko von 24 % bei denen ohne abgeschlossene Berufsausbildung.



Die Einkommensverteilung, die gerade viele junge Menschen in die Viertel der Armut verbannt, wird international nach einer vom italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelten Methode bestimmt. Dabei bedeutet die Zahl 0 eine perfekte Gleichheit, während die Zahl 1 vollständige Ungleichheit ausweist. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stieg der Koeffizient von 0,26 in 1997 auf 0,30 in 2007 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455).


Eurostat hat in einer neuen Fassung vom 15. Juni 2009 die Ginikoeffizienten der EU-Länder bis 2007 veröffentlicht. Sie zeigen, wie Deutschland mit wachsender Ungleichheit der Einkommensstruktur in den letzten Jahren zur neoliberalen Spitzengruppe mit Großbritannien, Spanien und Italien aufgeschlossen und im Vergleich zu Frankreich den umgekehrten Weg eingeschlagen hat (Abb. 13722). Unter den neuen Armen befinden sich sehr viele Jugendliche, weil die Eltern oder sie selbst arm sind.


Früher gab es für benachteiligte Jugendliche noch die Hoffnung, sich aus den Fesseln von Armut und Bildung durch sozialen Aufstieg zu befreien. Das amerikanische Mobility Projekt hat festzustellen versucht, in wieweit der amerikanische Traum der Aufwärtsmobilität von Eltern zu Kindern noch den Fakten entspricht und kommt dabei zu einem für die USA bedrückenden Ergebnis: Männer in den 30ern verdienen heute weniger als Männer der gleichen Altersgruppe in der Generation der Väter. Zweites Ergebnis: Bis auf Kanada sind die vier skandinavischen Länder weit besser dran als die anderen untersuchten, auch Deutschland (Abb. 12451). So haben in Dänemark die Söhne fast die gleichen Einkommenschancen egal, aus welcher sozialen Schicht sie kommen.


V. Ausländer- und Immigrantenkinder

Im Jahr 2007 hatte von den insgesamt knapp 8,6 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern im Haushalt gut jede vierte Familie (27%) einen Migrationshintergrund. Dabei versorgten 16% der Familien mit Migrationshintergrund mindestens drei minderjährige Kinder im Haushalt, aber lediglich 9% der Familien ohne Migrationshintergrund. Die durchschnittliche Kinderzahl von Familien mit Migrationshintergrund ist um 12 % höher. Das bedeutet, daß Kinder mit Migrationshintergrund immer zahlreicher werden. In mehreren Größstädten, wie Nürnberg, Frankfurt, Düsseldorf und Stuttgar, haben Kinder (unter 5 Jahren) mit Migrationshintergrund schon eine Zwei-Drittel-Mehrheit in ihrer Altersgruppe (Abb. 13280). Hier kombiniert sich die Konzentration der Immigranten vor allem auf Großstädte mit der wesentlich geringeren Kinderzahl der deutschstämmigen Bevölkerung. Im internationalen Vergleich ist der Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung relativ hoch und wird schon jetzt fast nur von den ausgesprochenen Einwanderungsländern Kanada und Australien übertroffen (Abb. 13285).



Man kann daraus nur schlußfolgern, daß die volle Integration dieser Menschen in die Arbeitswelt und die deutsche Gesellschaft generell immer wichtiger wird. Doch die derzeitige Situation ist alles andere als gut. Kinder mit Immigranten-Hintergrund werden vom deutschen Schulsystem besonders schlecht integriert. Der Abstand in der Leseleistungen von Immigrantenkindern der 2. Generation zu Einheimischen ist in keinem der Vergleichsländer so groß wie in Deutschland (Abb. 13355). Ein fehlender allgemeiner Schulabschluss war bei Jugendlichen mit Immigrantenhintergrund 2007 viel häufiger anzutreffen; auch erreichte fast die Hälfte keinen für den Beruf qualifizierenden Abschluß - mehr als doppelt so hoch als bei Jugendlichen ohne Immigrantenhintergrund (Abb. 13281). Das zeigt, wie schlecht trotz des hohen Anteils an Immigrantenkindern die Integration in das erheblich unterfinanzierte deutsche Bildungs- und in der Konsequenz auch Berufssystem gelingt. Die Situation wird sich notwendigerweise noch verschlechtern, wenn demnächst die Einwanderungsschranken für die osteuropäischen Beitrittsländer fallen, und erst recht, falls die Türkei der EU beitreten sollte.



Die schlechte schulische Situation überträgt sich natürlich in die Arbeitswelt. Personen mit Migrationshintergrund waren nach den letzten Zahlen für 2007 nahezu doppelt so häufig erwerbslos oder gingen ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nach. Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig als einfache Arbeiterinnen und Arbeiter tätig wie Erwerbstätige ohne Migrationshintergrund. Der Anteil der ‚working poor', das heißt der trotz Erwerbstätigkeit Armutsgefährdeten, ist bei den Personen mit Migrationshintergrund deutlich höher als bei jenen ohne (Abb. 14721). Seit 2007 dürfte sich der Abstand zu den Menschen ohne Immigrationshintergrund in der derzeitigen Krise noch erheblich vergrößert haben.



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