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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 02/03/2007 09:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)

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Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) plädiert in einem neuen Bericht - wenig überraschend - für eine Lohnpolitik nach dem in die Unterüberschrift gestellten Motto „Manchmal ist weniger mehr". Dabei argumentiert das IW auf drei Ebenen, die alle nicht nachvollziehbar sind. Dies soll in einem neuen Schwerpunkt dargestellt werden, um zu zeigen, wie den Vertretern einer restriktiven Lohnpolitik inzwischen alle vernünftigen Argumente ausgehen und nur die unvernünftigen und irreführenden Zahlen bleiben.

1. Seit Mitte des vorigen Jahrzehnts hätten sich die Tarifparteien an die Produktivitätsregel gehalten und deshalb sei es gelungen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die zum Beweis vorgestellt Grafik hat nur einige arge Schönheitsfehler. Erstens stimmen Überschriften und Fußnoten nicht zusammen. Dargestellt sein sollen angeblich die tariflichen Stundenlöhne, in der Fußnote heißt es dann jedoch Arbeitskosten und Bruttoentgelte ohne jeden Bezug auf die Tarife. Schlimmer aber: Während die zum Vergleich herangezogene Produktivität nach der realen, also preisbereinigten Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts pro Stunde angegeben wird, hat man offensichtlich vergessen, die Löhne ebenfalls real zu berechnen, d.h. um die Steigerung der Verbraucherpreise abzusenken. Abb. 04739 zeigt das korrekte Verhältnis in meiner Berechnung nach Angaben des Statistischen Bundesamt mit einem starken Zurückfallen der Löhne hinter die Produktivität (vor allem seit 2000). Dagegen täuscht die falsche Darstellung des IW über das starke Zurückfallen der Löhne hinweg (Abb. 04040).



2. Der oft beklagte mangelnde Konsum in Deutschland hätte nicht an der negativen Reallohnentwicklung gelegen, sondern an der Angst vor Arbeitslosigkeit. Bewiesen soll das mit einem Schaubild werden, das die Parallelität der Beschäftigungsentwicklung und des privaten Verbrauchs darstellt. Das allerdings ist ein totaler Selbstläufer, denn natürlich steht bei mehr Beschäftigung auch mehr Kaufkraft zur Verfügung, die dann zu mehr Konsum führen muß.

Schlimmer aber: Das IW versucht zu verdrängen, daß die Arbeitslosigkeit ihrerseits ein Ergebnis der negativen Reallohnentwicklung und damit zurückgehenden Massenkaufkraft und notleidenden Binnenkonjunktur ist. Die Arbeitslosigkeit ist denn auch prompt immer dann gestiegen, wenn die Lohnentwicklung gedämpft verlief. Abbildung 04735 zeigt die Entwicklung mit dem hohen negativen Korrelationsfaktor von -0,83, wobei das Jahr 2006 wegen der vielen Umstellungen in der Arbeitslosenstatistik nicht einbezogen ist.


Im übrigen: Wenn das IW schon von der Angst der Menschen vor der Arbeitslosigkeit ausgeht, warum vergleicht es dann nicht korrekterweise (wie in meiner Abb. 04735) mit der Entwicklung der Arbeitslosenquote, auf die die Menschen viel mehr als auf die Beschäftigtenzahlen achten? Und was soll eine aus der Luft gegriffenen Faustregel, wonach ein Rückgang der Reallöhne um 1 Prozent die Zahl der Beschäftigten angeblich um rund 1 Prozent steigen lässt?

3. Richtig abendteuerlicher wird es dann auf der dritten Ebene der IW-Argumente. Angeblich nützen Nettolohnerhöhungen auch deshalb nichts, weil die gesamten Arbeitskosten immer viel stärker steigen und dann mehr Arbeitsplätze kosten, als die Lohnerhöhungen einbringen können. Man muß das nun wörtlich zitieren und sich auf der Zunge zergehen lassen, wäre es nicht so unverdaulich: "Während die realen Arbeitskosten seit Mitte der neunziger Jahre mit einem Plus von 13 Prozent kräftig gestiegen sind, verzeichneten die durchschnittlichen realen Nettolöhne pro Kopf gerechnet sogar einen Rückgang um 5 Prozent. Zu diesem Effekt haben mehrere Faktoren beigetragen. So schmälerten die gestiegenen Preise ausländischer Waren die inländische Kaufkraft der Arbeitseinkommen - allein dies kostete über 10 Prozentpunkte der Lohnerhöhungen. Die gesunkenen realen Nettolöhne hängen aber ganz schlicht auch damit zusammen, dass sich die durchschnittlichen Arbeitszeiten verkürzt haben. So sank die Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen von 1.534 Stunden Mitte der neunziger Jahre auf 1.437 Stunden im vergangenen Jahr, was nicht zuletzt von der starken Ausweitung der Minijobs kommt."

Auch das ist wieder irreführend argumentiert, weil es die gesamte lange Periode seit 1995 pauschal einbezieht, statt auf die Erfahrung der letzten sieben Jahre seit 2000 abzuheben, die Periode der stagnierenden und rückläufigen Löhne also. Die Nettolöhne und -gehälter sind in diesem Zeitraum um 7,5 % nominal gestiegen (real um 2,6 % gefallen). Die Arbeitskosten sind jedoch nominal nur um 4,1 % gestiegen, ganz anders also als in der IW-Darstellung. Die Gründe sind einfach: erstens hat die Steuerreform auch bei den Arbeitnehmereinkommen das Netto verbessert und zweitens sind die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, die in die Arbeitskosten eingerechnet werden, zur Entlastung gesetzlich halbiert worden. Alles was das IW hier sonst noch anmerkt, ist abendteuerlich irreführend, denn weder sind die Preise der ausländischen Importware seit Beginn des Jahrtausend besonders gestiegen, schon wegen der Ausweitung der Billigstimporte, besonders aus China. Und was die Ausweitung der Minijobs hier soll, weiß allenfalls der Autor der Studie selbst.

Statt eine ziemlich wirre Argumentation vorzutragen, hätte das IW mal darüber nachdenken sollen, warum Deutschland im internationalen Vergleich die höchste Langzeitarbeitslosigkeit hat (Abb. 04737) und zugleich die negativste Lohnentwicklung (13233).



Nachsatz:

Seitdem habe ich mit dem Autor der IW-Studie Hagen Lesch folgende eigenartige Diskussion gehabt. Ich berichte das hier, weil es die Verbogenheit der Diskussion um die Lohnentwicklung aufzeigt:

Jahnke: In Ihrem Bericht unter dem Titel „Lohnpolitik Manchmal ist weniger mehr" in iwd - Nr. 9 vom 1. März 2007 wird in einer Grafik die Entwicklung von Tariflöhnen und Produktivität dargestellt. Könnten Sie mir bitte eine Auskunft zukommen lassen, warum die Produktivitätsentwicklung real gerechnet ist, die Lohnentwicklung aber nominal? Bekanntlich weicht die kaufpreisindex-bereinigte Lohnentwicklung stark von der nominialen ab. Vielen Dank.

Lesch: Schauen Sie bitte in die IW-Trends zu weiteren Erläuterung. Der Aufsatz ist im iwd angegeben.

Jahnke: Vielen Dank für den Hinweis. Habe in IW-Trends nur den Hinweis gefunden: „Über den gesamten Betrachtungszeitraum 1995 bis 2006 wuchsen die Arbeitskosten nominal um 20,4 Prozent, die Produktivität stieg um 20,0 Prozent. Unter dem Diagramm steht dann „Produktivität: reales BIP je Erwerbstätigenstunde." Ich habe selbst die Tariflöhne um die Entwicklung des Verbraucherpreisindex bereinigt und bin auf 109 bei 1995 = 100 oder einen Anstieg um 9 Prozent gekommen, also ein wesentlich geringerer Anstieg als bei der Produktivität. Deshalb kann ich Ihre Darstellung nicht nachvollziehen. Oder verstehe ich etwas nicht richtig?

Lesch: Sie wollen nicht verstehen, weil Sie die Teuerung in den Verteilungsspielraum einrechnen und nicht einsehen wollen, dass die Stabilisierung der nom. Lohnstückkosten eine Orientierung der nominalen Arbeitskosten an der Produktivität (dier per Def. eine reale Größe ist) voraussetzt.

Jahnke: Meiner Meinung nach ist Ihre Darstellung ziemlich irreführend. Wenn Sie jetzt von den Lohnstückkosten sprechen, sind Sie bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und die vergleicht mit Entwicklungen, die in den meisten Konkurrenzländern eine viel größere Teuerung als in Deutschland und daher nominal viel stärkere Steigerungen aufweisen.

Dazu die Zuschrift eines Besuchers der Webseite

.. nach der verqueren Logik des Instituts der Deutschen Wirtschaft würden die Arbeitnehmereinkommen real niemals ansteigen, wenn man von folgenden, m.E. realistischen Parametern ausgeht:

    - durchschnittlicher Produktivitätsanstieg pro Jahr: 1,75%
    - durchschnittliche Preissteigerungsrate pro Jahr: ebenfalls 1,75%.

Laut Definition des Instituts der Deutschen Wirtschaft würde dies in der Konsequenz bedeuten: die Reallöhne werden für immer und ewig eingefroren.

Betrüge das reale Wirtschaftswachstum beispielsweise 2% pro Jahr, so würde der jährliche reale Zuwachs an gesamtwirtschaftlichem Einkommen komplett den Beziehern von Gewinn- und Vermögenseinkommen zufließen.

Für mich ist das eine kaum noch zu überbietende Lachnummer.


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