Da macht SPIEGEL-online am 12. Februar 2008 ganz groß auf. Unter der Überschrift „ Überraschende Renaissance" wird eine Erfolgsstory der deutschen Industrie verkauft, daß es nur so wackelt. Hier ein paar Sound-bites: „Die Wirklichkeit widerlegt die Theorie als Vorurteil, Deutschlands Industrie wächst wieder. Nahezu alle Kennziffern weisen nach oben. Um vier Prozent soll sie dieses Jahr zulegen, mehr als doppelt so schnell wie die Gesamtwirtschaft. Die Bruttowertschöpfung steigt seit Jahren schneller als im Dienstleistungsgewerbe. Wir erleben gerade die Renaissance der Industrie in Deutschland (Zitat Volker Treier, Chefvolkswirt beim DIHK)."
Das Ganze wird dann noch in klassischer Manier mit Erfolgsgeschichten aus einzelnen Unternehmen und irreführenden Grafiken zu einem schönen Potpurrie vermengt, in dem natürlich Nokia und andere Negativerlebnisse nicht vorkommen. Was ist eigentlich wirklich in der deutschen Industrie geschehen, jenseits solcher Sound-bites?
Es trifft zu, daß die deutsche Industrie im Export der letzten Jahre sehr erfolgreich war. Dies wurde allerdings durch eine sehr restriktive Lohnpolitik erkauft, die die deutsche Verbraucherkonjunktur schwer geschädigt hat. So war die deutsche Entwicklung der Löhne und Gehälter real seit 2000 die niedrigste in der Alt-EU (Abb. 12990). Zugleich nahm aber auch die Nachfrage privater Haushalte bei weitem die schlechteste Entwicklung (Abb. 12912).


Im Ergebnis wurde die deutsche Wirtschaft immer mehr von unsicheren Auslandsmärkten abhängig. Das zeigt sich auch bei der Umsatzentwicklung der deutschen Industrie sehr deutlich. Der Inlandsumsatz stagniert praktisch schon seit November 2006, obwohl darin auch die Investitionen für Exportkapazitäten erfaßt sind (Abb. 04910). Besonders ungünstig verlief der Inlandsumsatz der deutschen Konsumgüterindustrie.

Dabei schwächt sich die Exportentwicklung bereits seit Monaten ab: von einem Monatsplus von 2,8 % im August 2007 zu einem Monatsminus von 1,2 % im Dezember 2007 (Abbildung 14066). Und selbst diese beunruhigende Entwicklung wurde noch mit einer stark abschwächenden Entwicklung der auf den Märkten durchsetzbaren Preise erkauft. Stiegen sie Mitte 2006 noch um etwa 2,5 % gegen Vorjahresmonat, so halbierte sich die Zuwachsrate seitdem. Seit Mitte 2007 gibt es praktisch keinen Zuwachs in den Exportpreisen von Monat zu Monat mehr, während die Preise für importierte Rohstoffe und Halbwaren, die auch für die Exportproduktion gebraucht werden, ständig gestiegen sind (Abbildung 14068). Ein stagnierender bis zuletzt rückläufiger Export wird also bereits unter Inkaufnahme von Abschlägen auf die Gewinnsituation im Exportgeschäft betrieben.


Daß die Bruttowertschöpfung in der Industrie schneller als im Dienstleistungsgewerbe steigt, liegt auch an der Schwäche des Dienstleistungsgewerbes, das sich in den angelsächsischen Ländern (besonders im Finanzsektor) stärker als in Deutschland entwickeln konnte und das in Deutschland längst nicht die Dienstleistungsmentalität findet, die in anderen Ländern üblich ist, schon weil mangels Mindestlöhnen viele Dienstleistungsaktivitäten in Deutschland sehr schlecht bezahlt werden und als minderwertig gelten. Außerdem hat sich der Anteil des produzierenden Gewerbes (ohne Baugewerbe) an der gesamten deutschen Bruttowertschöpfung nur minimal von 25,1 % im Jahr 2000 auf 25,9 % im Jahr 2007 erhöht. Selbst nach der verzerrten - weil willkürlich ausgeschnittenen - Darstellung in der SPIEGEL-Grafik (Abb. 14072), ist eine Anteilsverschiebung von 1,2 % über mehrere Jahre nicht dramatisch.

Die neuen Jobs in der gewerblichen Wirtschaft - im November 2007 2,1 % mehr als im Vorjahresmonat - verdecken, daß gleichzeitig die Zahl der Arbeitsstunden nur um 1,7 % gewachsen ist, was mehr niedrig bezahlte Teilzeitarbeit bedeutet (Abb. 04009). Außerdem wurden in großem Umfang neue Jobs nur auf der Basis von unsicheren Zeitverträgen, die ebenfalls schlechter bezahlt sind, geschaffen. Im Ergebnis ist das Entgelt pro Beschäftigten in diesem Zeitraum real nach Abzug der Verbraucherpreisinflation um 1,5 % zurückgegangen. Der Rückgang des Entgelts pro Beschäftigten hat sich über das Jahr 2007 noch erheblich verstärkt (Abb. 14047). Da von einer „Renaissance" zu sprechen und auf Stahlkocher abzustellen, die angeblich in drei Jahren 12 % mehr bekommen haben sollen, ist schon sehr mutig.


Geradezu abenteuerlich ist die SPIEGEL-Grafik, die mit der Schlagzeile „Deutsche Industrie: Auf vollen Touren" (Abb. 14073) durch einen willkürlichen Parameterausschnitt eine gigantische Beschäftigungsentwicklung in 2007 vortäuscht, obwohl es bei genauerem Hinsehen nur etwa 5,5 % waren. Außerdem steht der Maschinenbau als besonders erfolgreich durchaus nicht für die gesamte deutsche Industrie. Sein Anteil an allen in Deutschland Beschäftigten liegt lediglich bei 2,3 % und an allen Industriebeschäftigten bei 17 %. Es wäre ehrlicher gewesen unter der Überschrift „Deutsche Industrie" den Zuwachs von nur 2,1 % zu bringen und dann noch alle qualifizierenden Einschränkungen dazu.
