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(1200) Einige streichen sich jetzt beide Füße weiß an

(1199) Exponentiell gehen wir zugrunde

(1198) Die Neoliberalen haben noch nichts gelernt

(1197) Dieser Fahrstuhl saust ohne Notbremse in die Tiefe

(1196) Friedhofsruhe in Deutschland

(1195) Mein Tag der Umwelt

(1194) In wieviel Wirtschaftsabgrund schauen wir eigentlich?

(1193) Ein Nachtrag zur "Zinsknechtschaft"

(1192) Die Diskussion um Zins und Zinseszins

(1191) Ackermann, wo sind meine 86 %?

(1190) Was alles in der Krise nach oben schwimmen will

(1189) Neues aus China

(1188) Hat mal jemand gerade 581.000.000.000 Euro für unsere armen Banken?

(1187) Immer der gleiche Zauber: Die Gesellschaft für Konsumforschung trommelt zum Einkauf

(1186) Meinungsinzucht, Faktenarmut und Illusionen einiger kritischer Webseiten

(1185) Wie kann man zum Nachdenken anregen?

(1184) Darf man schon über die Zeit nach der neoliberalen Globalisierung nachdenken?

(1183) Das deutsche Rentensystem so ziemlich das unsozialiste unter den entwickelten Ländern (abgesehen von den USA)

(1182) Kotau vor China im Krisenjahr?

(1181) Zeit der Paukenschläge und Volksverdummung?

(1180) Warum soll eigentlich der Steuerzahler hohe Zinsleistungen der Banken an die finanzieren, die den Banken auf der Suche nach maximaler Marge das Geld für die Spekulation gegeben haben?

(1179) Jetzt mogelt sich BILD in die Zuversicht

(1178) Zeit für linke deutsche Mythen?

(1177) BILD-Kampagne: So kommen wir als Sieger aus der Krise!




Gedanken zur Zeit 1200 12-02-09: Einige streichen sich jetzt beide Füße weiß an

Einige streichen sich jetzt beide Füße weiß an und wollen immer schon vor der Krise gewarnt haben. Doch dazu gehören auch die, die in der Vergangenheit die neoliberale Globalisierung verteidigt haben, insbesondere die Rolle, die China hier verhängnisvoll mitspielt. Wer was gegen die gewaltigen chinesischen Überschüsse sagte oder das unfaire soziale Dumping beanstandete, wie das Infoportal, galt in den Augen dieser jetzt Weißfüßigen als „Protektionist" mit „Pfui" dahinter.

Zu den plötzlich „Weißfüßigen" muß man den UNIDO-Chefökonomen und früheren Lafontaine-Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Heiner Flassbeck rechnen. Laut ARD Plusminus von gestern soll er, von Plusminus zum "UN Chefökonomen" befördert, seit vielen Jahren vor dem Ungleichgewicht des deutschen Außenhandels warnen und den großen Crash schon lange exakt vorausgesagt haben. Belegt wird das in der Sendung durch ein Flaßbeck-Zitat: „Wir haben unsere Kosten gesenkt, haben unsere Produkte billig verkauft und haben sozusagen die anderen gezwungen, unsere Produkte anzunehmen und andere Produkte nicht zu kaufen. Aber wir haben sie dadurch in die Überschuldung, in die Verschuldung gedrängt. Und nun haben die anderen nichts, womit sie zahlen könnten. Und das heißt: Wir bekommen wertlose Papiere für die guten Produkte, mit denen wir sie beliefert haben."

Warum sagt Flassbeck nicht endlich etwas über das viel größere Ungleichgewicht, das China über die Weltwirtschaft heraufbeschworen hat und mit dem es wesentlich mehr Überschuldung angerichtet hat? Das wirkt sich nämlich viel verhängnisvoller aus als der vergleichsweise erheblich geringere deutsche Überschuß, der noch dazu zum größeren Teil in der Eurozone entstanden ist. Wenn ein Überschuß die Finanzkrise mitgetriggert hat, dann der chinesische und nicht der deutsche. Hier die Größenordnungen: Zwischen 2000 und 2008 baute China einen Leistungsbilanzüberschuß von 1,4 Billionen US Dollar auf, Deutschland dagegen nur von 1,0 Billionen Dollar, und 57 % des deutschen Exportüberschusses war innerhalb der Eurozone und damit für den Rest der Weltwirtschaft wenig relevant. Oder: Die chinesischen Währungsreserven werden offiziell als 1.946 Mrd Dollar ausgewiesen, die deutschen vom IWF mit gerade einmal 44 Mrd Dollar oder 2,3 % der chinesischen. Die fast 2 Billionen Dollar der chinesischen Reserven sind praktisch Kredite an andere Länder und damit genug, um große Teile der Finanzmärkte zu fluten.

Flassbeck verliert natürlich nie ein böses Wort über China, wie könnte der Chefökonom der Entwicklungsländerorganisation das auch. Wer das sonst tut, wird von ihm als Protektionist gebrandmarkt. Doch wer nicht vor den chinesischen Überschüssen gewarnt hat, die aus der Ausbeutung von Hungerlöhnern in China entstanden sind, kann nicht für sich in Anspruch nehmen, den großen Crash schon lange exakt vorausgesagt zu haben, nicht einmal, wenn er nun auf einmal zwei weiße Füße hat.


Gedanken zur Zeit 1199 11-02-09: Exponentiell gehen wir zugrunde

Die Entwicklung unserer Welt ist von Natur aus ziemlich gradlinig angelegt. Wenn man die Geschwindigkeit des Lichtes, der Umdrehung der Erde um die Sonne, des Wachstums von Bäumen aufzeichnet, bekommt man immer eine gerade waagerechte oder nur langsam steigende Linie. Allenfalls gibt es dann noch Wellen darum, wie bei der Temperatur im Rythmus der Jahreszeiten. Alles andere wäre eine Katastrophe.

Nun schauen Sie sich mal diese Abbildung an, die zeigt, wie der Mensch mit seiner natürlichen Umwelt exponentiell umgeht: bitte hier klicken.

Und dann diese, die zeigt, wie der Mensch mit seiner wirtschaftlichen und sozialen Umwelt umgeht: bitte hier klicken. Da sind vier Entwicklungen abgetragen, die alle in ihrer zweiten Hälfte exponentiell beschleunigt wurden. Die Weltersparnis ist übrigens, was die Finanzmärkte geflutet hat, bis die Blase geplatzt ist.

Irgendwelche Gedanken?


Gedanken zur Zeit 1198 10-02-09: Die Neoliberalen haben noch nichts gelernt

Es ist schlimmer als der Tanz auf dem Vulkan. Da saust der Wirtschaftsfahrstuhl ungebremst in die Tiefe. In der deutschen Vorzeigebranche Maschinenbau wird jetzt mit einem Rückgang der Produktion in 2009 um 7 % gerechnet; das vierte Quartal 2008 war deren schlechtestes seit 1958. Die Krise umspannt den Globus, so wie es die neoliberale Globalisierung zuvor getan hat. Heute wird bekannt, daß Privatfirmen in Russland angeblich einen Aufschub bei der Rückzahlung von 400 Mrd Dollar Schulden erreichen wollen und zu den Gläubigern auch die Deutsche Bank gehören soll. Schon 2008 stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa um 11 Prozent. Alles Meldungen von heute. Fast jeden Tag kommen nun neue Hiobsbotschaften, so daß ich nicht mehr alle Meldungen in meine Rundbriefe aufnehmen kann. Am Freitag wird die Meldung zum Bruttoinlandprodukt im 4. Quartal 2008 schrecklich ausfallen. Nicht viel besser die Beschäftigtenmeldung aus der gewerblichen Wirtschaft vom kommenden Montag und dann in zwei Wochen der Arbeitsmarktbericht vom Februar.

Doch die Banken zahlen weiter und von ihren Regierungen ungebremst astronomische Boni, auch die, die die Staatsknete schon angenommen haben. So meldet die schweizer UBS in einem Atemzug einen Nettoverlust von 13,1 Mrd Euro für 2008 und rund 1,43 Milliarden Euro an Bonuszahlungen. Bei der Royal Bank of Scottland ist es nicht viel besser. Ackermanns Deutsche Bank will sogar von den in USA eingeführten Begrenzungen profitieren und von dort mit eigenen hohen Bonusversprechungen Banker abwerben.

Die Subventionsverbote der EU oder der Welthandelsorganisation scheinen vergessen: Die Regierungen stützen einige maroden Industrien mit Steuerzahlergeld im Wettbewerb, als gäbe es keine Erfahrungen von 1929; auch die Bundesregierung ist mit einem Bürgschaftsschirm von 100 Mrd Euro dabei. Dabei wäre die Verstaatlichung der Banken und zwangsweise Kreditöffnung der richtige Weg. Doch das wäre in Deutschland in neoliberaler Sicht ein Tabubruch. Gleichzeitig fordert der nun abgetretene Minister Glos den Abschluß der Doha-Runde der Welthandelsorganisation über weitere Zollsenkungen, als sei nichts geschehen. Deutsche Politiker verschwenden ihre Energie auf die Schuldenpolitik nach 2020. Deutschland beruft in der schlimmsten Wirtschaftskrise seiner Nachkriegsgeschichte einen Politiker in das Amt des Wirtschaftsministers, der sich bisher mit Außenpolitik beschäftigt hat und studierter Jurist ist.

Seine Webseite zeigt Sprüche aus der jüngsten Vergangenheit, meist zur Außenpolitik, die den neuen Wirtschaftsminister als einen absolut Konservativen in der Tradition der CSU ausweisen:

    Konrad Kobler (SPD) irrt, wenn er sich positive Effekte von der Rücknahme der erfolgreichen Rentenreform der Großen Koalition verspricht: Ein solcher Schritt bedeutete vielmehr unweigerlich steigende Rentenbeiträge und damit auch höhere Belastungen für alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
    Der vermeintliche Rückzug des kubanischen Diktators Fidel Castro im Februar hatte dem kubanischen Volk nach langen Jahren der wirtschaftlichen und politischen Stagnation Chancen zum Neubeginn eröffnet. Bereits heute steht fest: Castros Nachfolger haben diese Chance zur Öffnung und Demokratisierung des Landes nicht genutzt.
    Die Äußerungen des SPD-Fraktionsvorsitzenden Struck, man müsse bei Erweiterungen der Nato "Moskaus Sicherheitsinteressen berücksichtigen", verwundern in ihrer Missverständlichkeit und sind in dieser Form untragbar.
    Die Russlandpolitik des AA darf künftig nicht in Liebesdienerei gegenüber dem Kreml münden.
    Es ist überaus erfreulich, dass das französische Volk dem neuen Präsidenten durch eine überzeugende Mehrheit und eine hohe Wahlbeteiligung eine glaubwürdige Legitimation für die notwendigen Reformschritte gegeben hat.

Und nun dementsprechend seine ersten Äußerungen als designierter Wirtschaftsminister:

    Wir müssen das, was die Große Koalition hervorgebracht hat, so weit nach vorne tragen, dass wir nicht auf weitere Konjunkturprogramme angewiesen sind.
    Es ist wichtig, ordnungspolitische Leitlinien aufzustellen.

Offensichtlich ist ihm noch nicht bewußt, wie unzureichend die bisherigen Konjunkturprogramme angesichts des dramatischen Ausmaßes der heraufziehenden Krise sind. Mit ordnungspolitischen Leitlinien wird das nicht zu schaffen sein, auch wenn solche Sprüche seinen neuen Beamten im zum Haus der Ordnungspolitik verkommenen Ministerium gefallen werden.


Gedanken zur Zeit 1197 09-02-09: Dieser Fahrstuhl saust ohne Notbremse in die Tiefe

Es ist zum Haare raufen. Nehmen Sie mal die Meldung des Statistischen Bundesamtes von heute. Da ist der Umsatz der gewerblichen Wirtschaft im Dezember 2008 mit minus 12,7 % gegenüber Dezember 2007 weiter in den Keller gefahren (siehe heutiger Rundbrief). Nun entspricht der Umsatz der gewerblichen Wirtschaft etwa zwei Dritteln der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung, genau 65,8 %. Jeder kann sich ausrechen: 65,8 % x 12,7 % = 8,3 %. Also ein Minus von 8,3 % an gesamtwirtschaftlicher Leistung gegenüber dem Vorjahr. Auf die Gesamtzahl der Beschäftigten bezogen wäre das bei 8,3 % ein Minus von 3,3 Millionen. Zum Glück muß man derzeit nicht mit einem solchen Einbruch rechnen, denn ein Teil der Beschäftigung, z.B. im öffentlichen Dienst, der Landwirtschaft und vielen Dienstleistungen, ist von der Krise wenig betroffen, und ein anderer wird noch für einige Zeit mit Kurzarbeit, Abbau von Überstunden und auf ähnliche Weise über Wasser gehalten.

Doch die 8,3 % sind nicht einmal die ganze Wahrheit, ja sehr weit davon entfernt. Denn im Jahresvergleich steckt noch das verhältnismäßig gute erste Halbjahr 2008, das - auf Jahresrate gerechnet - noch ein Plus von 7 % gegenüber der Vorjahresperiode auswies. Dieser Umsatz-Fahrstuhl saust nämlich erst seit August 2008 nach unten. Rechnet man nur das letzte Quartal, vergleicht es mit dem dritten Quartal und rechnet das dann auf Jahresrate, so gingen der Umsatz um 24,2 %, die Aufträge um 62,9 % und der deutsche Export um 25,2 % zurück. Bei den Auslandsaufträgen ergeben sich sogar 70 % Rückgang, wenn da von „Gehen" überhaupt noch die Rede sein kann.

Wieviel von dem Minus kann die Bundesregierung durch ihre Maßnahmen in diesem Jahr noch wettmachen? Das kommt ohnehin Alles für 2009 zu spät, und für 2010 ist es zu wenig. Die Mehrheit der Deutschen ist offensichtlich schon zu diesem Ergebnis gekommen. Nach dem ARD-Deutschlandtrend, der auf 1000 Telefonbefragungen vom 2. bis 4. Februar beruht, bescheinigen nur 32 % der Bundesregierung eine klare Linie im Umgang mit der Krise; 52 % glauben sogar, die Bundesregierung habe den Überblick verloren. Und 60 % meinen, das Konjunkturpaket sei kein wirksames Mittel gegen die Krise. Die Deutschen sind wieder einmal vernünftiger als ihre Regierung.

Dieser Fahrstuhl saust ohne Notbremse in die Tiefe. Willkommen in der Weltwirtschaftskrise II! Kein Wunder, daß Glos da mit Absprung raus wollte. Wo ist eigentlich Karl Schiller?


Gedanken zur Zeit 1196 08-02-09: Friedhofsruhe in Deutschland

In Frankreich ziehen vor 10 Tagen zwischen eine und zweieinhalb Millionen Menschen friedlich durch die Straßen, um gegen das Krisenmanagement von Sarkozy zu protestieren. Nach Umfragen sind 59 % bis 66 % damit unzufrieden. Der 34-jährige Olivier Besancenot gründet eine "Nouvel Parti anticapitaliste" und kommt in Umfragen als Person schon auf auf 15-18 Prozent der Stimmen, womit er nach SPIEGEL derzeit als überzeugendster Gegner Sarkozys gilt.

In Deutschland bescheinigen ebenfalls nur etwa ein Drittel der für den ARD-Deutschlandtrend Befragten der Bundesregierung eine klare Linie im Umgang mit der Krise. Eine Mehrheit von 52 % glaubt sogar, die Bundesregierung habe den Überblick verloren, und 60 % meinen, das Konjunkturpaket sei kein wirksames Mittel gegen die Krise. Dabei haben die deutschen Arbeitnehmer mehrheitlich schon nichts von dem gehabt, was die Regierung in den vergangenen Jahren Boom genannt hat. Die Arbeitseinkommen sind zwischen 2000 und 2008 um real etwa 2 % gestiegen, in Frankreich dagegen fast fünfmal stärker. Man würde also eher die Deutschen als die Franzosen auf der Straße erwarten.

Doch in Deutschland herrscht Friedhofsruhe. Dafür darf Deutsche Bank-Chef Ackermann in der Bilanzpressekonferenz unwidersprochen und instinktlos erklären, wenn für amerikanische Banken bei Unterstützung durch den Steuerzahler Managergehälter auf jährlich 500.000 Dollar (387.000 Euro) begrenzt würden, sei das gut für die Deutsche Bank, weil sie dann ohne solche Begrenzungen qualifiziertes Personal aus USA einkaufen könne.

In der Frankfurter Rundschau meldet sich der nun bald 71-jährige Klaus Staeck mit einem Aufruf unter der Überschrift "Die Gunst der Krise" und fordert: "Nur sollte die Krise dann wirklich genutzt werden, um das marode System zu überwinden und nicht, um es weiter zu stützen. Mit profitgierigen Wirtschaftsbossen und Politikern, die weiterhin neoliberale Patentrezepte anpreisen, ist daher kein Kurswechsel zu machen. Der Staat und seine Bürger haben derzeit die Chance, die Krise für richtungsweisende Reformen zu nutzen."

Traurig, wenn es einem 71-jährigen überlassen bleibt, wieder einmal zu trommeln. Wo sind eigentlich die 34-jährigen, wie Besancenot in Frankreich? Haben sie schon resigniert? Sind sie von Angststarre befallen, weil Arbeitsplatzverlust droht oder später einmal Altersarmut?


Gedanken zur Zeit 1195 08-02-09: Mein Tag der Umwelt

Diese Gedanken hege ich im Norden Irlands. Draußen schneit es. Ungewöhnlich für ein Land auf der Breite Südschwedens, in dem Dank Golfstrom Palmen wachsen. Doch das kann meine Sorgen um die Umwelt und das Weltklima nicht dämpfen. Genausowenig, wie ich sie über den Sorgen um die Weltwirtschaft vergessen kann. Natürlich gerät die Umwelt auch beim Infoportal derzeit ein wenig in den Hintergrund. Also habe ich den heutigen Sonntag zu meinem Tag der Umwelt gemacht und den Schwerpunkt zu diesem Thema gründlich aktualisiert und auch sonst überarbeitet.

Einige Umweltbewegte trösten sich schon von wegen weniger Energieverbrauch in der Krise macht weniger Emissionen. Doch diese Gleichung rettet die Umwelt nicht. Die Krise kann einige Jahre dauern, die Umwelt geht über Jahrzehnte und Jahrhunderte vor die Hunde. Und dann reden die Politiker gerade in der Krise vom Retten der Umwelt, weil sie über Steuerzahlergeld für Umwelttechnologie einen Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit leisten wollen. Doch gleichzeitig säuft bei einem abgestürzten Ölpreis auch sehr vieles an Umwelttechnologie ab. Und außerdem werden umweltfreundliche gesetzliche Auflagen hinausgeschoben, weil sie die Wirtschaft belasten könnten, siehe Autos oder Kraftwerke. Und das umweltunfreundliche China wird mit seinen Billiglöhnern gerade in der Krise noch mehr Industrieproduktion aus den umweltfreundlichen Ländern herüberholen und damit die globalen Emissionen hochtreiben.

Der runderneuerte Schwerpunkt kommt mit nicht weniger als 48 Schaubildern. Mit Autorenstolz bilde ich mir ein, daß es die zugleich aktuellste und umfassendste Analyse auf dem deutschsprachigen WEB geworden ist. Und dazu gibt es noch eine Druckversion. Die können Sie dann immer mal wieder zur Hand nehmen, wenn Sie beim Thema Umwelt mitreden wollen oder sonst nach Information suchen. Hier ist der Link zum Schwerpunkt Umwelt.


Gedanken zur Zeit 1197 07-02-09: In wieviel Wirtschaftsabgrund schauen wir eigentlich?

Es sind bedrückende Daten, die uns derzeit ins Gesicht springen. Was soll man davon halten, wenn die deutsche Industrieproduktion in einem einzigen Monat saisonbereinigt mit einer Jahresrate von 63 % fällt, die Aufträge mit 82 %, davon die Auslandsaufträge mit 113 %? Wenn die Auslandsaufträge seit dem Ausbruch der Krise im Sommer 2007 bereits um 35 % gefallen sind? Wenn die Aufträge in Deutschland mit der schnellsten Rate in der Alt-EU fallen (Abbildung hier)?

Oder nehmen wir die Arbeitslosigkeit in USA: schon 7,2 Millionen mehr Arbeitslose als vor Ausbruch der Krise und zuletzt eine halbe Million pro Monat mehr, macht weitere 6 Millionen in einem Jahr, wenn nicht was passiert. Und dann das noch: Der von mir sehr geschätzte John Mauldin verbreitet in seinem Wochenbrief eine Grafik, die zeigt, daß die US Wirtschaft in den sechs Jahren vor Ausbruch der Krise kaum gewachsen wäre, wenn nicht die Finanzierung über die Hypotheken stattgefunden hätte, die nun mit dem gesamten Immobilienmarkt dramatisch eingebrochen ist (Abbildung hier). Deswegen erwartet er eine Wirtschaftsleistung um 5 % niedriger oder eine ernsthafte Rezession in USA und eine Stabilisierung des Immobilienmarktes frühestens in 2011. Die künstliche, hypothekenbefeuerte Nachfrage der amerikanischen Verbraucher hat also um den Globus herum, auch in Deutschland, die Wirtschaft angetrieben. Ja, leider nur bis die Krise kam und sich alles als Chimäre erwies.

Eine Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage? Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung kommt mindestens ein Jahr zu spät und viel zu klein. Die EZB hat noch in der Krise die Zinsen angehoben und erst einundeinviertel Jahr nach Ausbruch der Krise und ebenso lang nach der amerikanischen Fed begonnen, den Eurozins zu senken, also viel zu spät. Man muß wirklich kein Prophet sein, um auch für Deutschland einen Wirtschaftsabsturz in ein Minus von 5 % mit Arbeitslosigkeit bis auf weit mehr als 5 Millionen ansteigend vorauszusehen und eine Erholung erst in 2011.

Einiges von den Nachrichten ist im neuesten Rundbrief aktuell zusammengetragen. Außerdem habe ich die Krisen-Wache heute wieder aktualisiert, wie jede Woche.


Gedanken zur Zeit 1193 06-02-09: Ein Nachtrag zur "Zinsknechtschaft"

Seit ich dieses Hirngespinst von Zins- und Zinseszins-Theorie aufgegabelt habe (siehe auch hier), werde ich von seinen Jüngern und ihrem Oberpriester angegriffen, mit Mails und auf ebendessen Webseite. Auf der Webseite werde ich nun in einem Satz mit den „Bankstern" genannt, weil ich mal vor 7 Jahren im Vorstand einer öffentlichen Entwicklungsbank war. Viele Mails kommen von Menschen aus der früheren DDR, die noch nicht in der Bundesrepublik angekommen sind und für die der Kapitalismus immer noch nach alter Theorie unvermeidbar und total zusammenbrechen muß.

Einige sind wahrscheinlich extremrechts gestrickt und hängen noch den Nazi-Parolen an. Wer erinnert sein will: Gottfried Feder gründete 1919 den Deutschen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft. Feder gilt als erster Wirtschaftstheoretiker der NSDAP, seine Veröffentlichungen werden in Adolf Hitlers Mein Kampf mehrfach lobend erwähnt. Für die Nationalsozialisten waren sie besonders interessant, weil er darin zwischen „raffendem und schaffendem Kapital" unterschied. Feders wirtschaftspolitische Vorstellungen fanden 1920 Eingang in das 25-Punkte-Programm der NSDAP. Unter Punkt 11 wurden hier die „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft" gefordert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Feders Arbeiten, darunter sein Hauptwerk Kampf gegen die Hochfinanz, von rechtsextremen Verlagen und Antiquariaten vertrieben. Im Zusammenhang mit der Wandlung weiter Teile der extremen Rechten hin zu einer antikapitalistischen Ausrichtung etwa seit der Jahrtausendwende wurde Feder insbesondere von Neonazis als „Wirtschaftsreformer" und Repräsentant einer antikapitalistischen Strömung in der NSDAP „wiederentdeckt".

Schrecklich, wie sich in Deutschland hier bei diesem Thema die Extreme von Links und Rechts wiederfinden.


Gedanken zur Zeit 1192 06-02-09: Die Diskussion um Zins und Zinseszins

Eine Schule, die jetzt auf dem Internet mit einer besonderen Erklärung der Finanzkrise aufwartet, meint es läge alles am Zins und Zinseszins. Wörtlich: "Denn welche Bombe in den letzten Jahren auf der Passivseite der Bilanzen des Bankensystems herangereift ist, wird aus guten Gründen nur allzugern verschwiegen - und von uns durchweg übersehen. Die Krisenursache aber ist genau hier verborgen! Dieses dramatische explosionsartige Wachstum der Geldvermögen ist nichts anderes als ganz normales Zinseszinswachstum." Oder: „ Der natürliche Zins ist so etwas wie ein modernes Rumpelstilzchen der Nationalökonomie. Genau wie das wunderliche Männlein aus dem Märchen hilft der natürliche Zins zwar dabei, aus dem Stroh wertlosen Papiers über Nacht Gold zu machen, aber niemand darf seinen wahren Namen, sein eigentliches Geheimnis kennen, sonst ist es mit der Zauberkraft vorbei." Das Geld zur Zinszahlung könne nur aus neuen Krediten (gegen weiteren Zins) kommen. Zinsschulden seien volkswirtschaftlich nicht tilgbar und führten zu immer höherer Gesamtverschuldung, bis nach 60-70 Jahren der Staat an seinen Schulden zusammenbricht.

Und so ist denn der Zinseszins an der Kreditkrise schuld und erwartet diese eigenartige Lehre nun endlich das Zusammenbrechen des Staates, wie die Zeugen Johovas den Weltuntergang. Dafür wird dann noch eine Grafik der Entwicklung der Verbindlichkeiten amerikanischer Banken seit 1973 eingeblendet, die diese Explosion verdeutlichen soll (siehe Abbildung). Und das sieht dann schon ganz eindrucksvoll aus.

Was dabei allerdings verschwiegen wird, ist die absolut parallele Entwicklung der amerikanischen Wirtschaftleistung zwischen 1973 und etwa 2000 (siehe Abbildung). Da hat sich also trotz Zinseszins keinerlei Sprengstoff angesammelt, der vom Geldvermögen und den Verbindlichkeiten her irgendeine Krise hätte auslösen können. 27 Jahre lang lief alles schön parallel.

Die Phase seit etwa 2001 ist die der Kreditblase mit massiver Anleihenauflage der Banken in der Realwirtschaft (vor allem Dank des steilen Vermögenszuwachses der Besserverdiener) zur Finanzierung angeblich wenig riskanter und doch hochprofitabler Anlagen. Und die ist nun geplatzt und wird sich so für lange Zeit nicht wiederholen können (hoffentlich Dank besserer Bank-Regulierung überhaupt nicht mehr). Die letzten Monate müssen in der Grafik sehr steil nach oben zeigen (der Winkel ist natürlich wie bei jeder Grafik auch eine Frage des Maßstabs), weil jetzt sehr viel Kapital auf der Flucht aus Aktien, Bonds, und anderen Anlageformen bei den Banken als Cash eingelagert wurde. Die Cash-Bestände, die im Wesentlichen über Kreditaufnahme und Depots bei den Banken liegen, sind derzeit einmalig hoch, zumal die Regierungen die Banken überall als "safe heavens" (sichere Häfen) erklärt haben und damit eine enorme Verlagerung aus anderen Anlageformen gefördert wurde. Außerdem ist in letzter Zeit in USA die Sparquote nach oben gegangen, wobei die Aufnahme von mehr Sparkapital ebenfalls mehr Verbindlichkeiten auf Seiten der Banken begründet. Hinzu kommt die gewaltige Liquidität von einer dreiviertel Billion Dollar, die die amerikanische Zentralbank auf Kredit an die Banken während der Monate Oktober bis Dezember 2008 in das Finanzsystem gepumpt hatte, um den Kreditmarkt von der Schockstarre zu befreien (siehe Abbildung).

Dagegen hätte der Zins oder Zinseszins eine so starke Steigerung der Bankschulden wie in den letzten Monaten nicht auslösen können, zumal das Zentralbankgeld zu niedrigsten Zinssätzen verliehen wird.


Gedanken zur Zeit 1191 06-02-09: Ackermann, wo sind meine 86 %?

Der Mann, der einen Jahresprofit von 25 % erwirtschaften wollte und mit dem von heute betrachtet weit überzogenen Bilanzergebnissen der Vergangenheit hohe Bonuszahlungen im zweistelligen Millionenbereich eingezogen hat, muß nun die ständigen Verluste der Deutschen Bank vorführen. Der Aktienwert ist um 86 % seit Ausbruch der Krise gefallen, d.h. seit die Stunde der Bilanzwahrheit geschlagen hat (siehe Abbildung). Und so muß er sich von seinen Aktionären fragen lassen, wo ihre 86 % geblieben sind.

Für das vierte Quartal gab Ackermann einen Nettoverlust von 4,8 Milliarden Euro bekannt, gegenüber noch eine Milliarde Gewinn im Vorjahreszeitraum. Ackermann: "Wir sind absolut unzufrieden mit unserem Ergebnis im vierten Quartal und dem daraus resultierenden Verlust im Gesamtjahr 2008. Die zuvor nie erlebten Marktverhältnisse haben einige Schwächen im Geschäftsmodell erkennen lassen. Die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft bleiben weiter sehr schwierig und stellen Kunden und Finanzindustrie vor große Herausforderungen."

Hier ist sie wieder die ständige Ausrede, wenn in Deutschland etwas falsch läuft. Für die Arbeitsmarktentwicklung ist es beim Arbeitsminister die Weltkonjunktur und keinerlei eigene Fehler. Für Ackermann sind es die "nie erlebten Marktverhältnisse". Dabei war die Deutsche Bank mit Ackermann mittendrin im Finanzmarktkasino, als diese Marktverhältnisse verursacht wurden.

Und es wird noch schlimmer kommen. Die Hebelrate des Eigenkapitals im Verhältnis zu den Anlagen (2,2 Billionen EUR) liegt, wenn auch etwas abgesenkt, immer noch in der unverantwortlichen Höhe von 1:28. 3,1 Mrd EUR der Anlagen sind in amerikanischen Hypothekenpapieren, wovon bisher erst für 1,3 Mrd Euro Rückstellungen vorgenommen wurden. Dazu kommen andere riskante Anlagen in amerikanischen synthetischen Papieren von 5,2 Mrd EUR mit Rückstellungen von 0,9 Mrd EUR. Insgesamt 74 % der Anlagen sind in Finanzpapieren, deren Wert die Deutsche Bank angemessen bewertet haben will (siehe Abbildung). Die Deutsche Bank hat in diesem und nächsten Jahr fällige Anleiheschulden von 109 Mrd Dollar, einer der international höchsten Werte (siehe Abbildung).


Gedanken zur Zeit 1180 05-02-09: Was alles in der Krise nach oben schwimmen will

Krisen haben es in sich. Diese wegen ihrer Schwere und wahrscheinlich Langfristigkeit ganz besonders. Was ich befürchte, ist der Aufmarsch der Rattenfänger, die mit einfachen Sprüchen von allen extremen Rändern des politischen Spektrums im Trüben fischen wollen. Deutschland ist in dieser Hinsicht immer etwas gefährdeter als viele andere Länder gewesen, weil viel mehr Menschen emotional reagieren, weil Ängste weiter verbreitet sind als anderswo, weil das Mißtrauen in die Politiker und die wirtschaftlichen Eliten größer ist und weil es nicht selten einen Mangel dessen gibt, was die Amerikaner oder Briten den „common sense" nennen, oder schlicht übersetzt die „Vernunft".

Nachdem mich einige Nachfragen von Besuchern des Infoportals erreichten, habe ich die Stirn gehabt, mich mit den Thesen einer Webseite auseinandersetzen zu wollen, die am linken Rand (oder ist es der rechte?) fischt mit Sprüchen zur Finanzkrise wie diesen:

    »» Daß ein Zusammenbruch der Banken unweigerlich zu unvorstellbar schrecklichen Zuständen führen würde, ist ein frei aus der Luft gegriffener und vollkommen unüberlegten Satz ohne jegliche Substanz und das gilt in mehr oder minder ausgeprägtem Maße für nahezu alle Banken dieses Landes, dieses Kontinents und der gesamten Welt.
    »» Was die Wirtschaft braucht, sind Kredite zu Kosten, die sich nicht an Sparzinsen oder Gewinnerwartungen von Bankaktionären, sondern einzig an den Verwaltungskosten und an der notwendigen Absicherung des Kreditrisikos orientieren, womit ein allgemeines Zinsniveau von deutlich unter einem Prozent gewährleistet wäre. Den ganzen Rest, vom Sparbuch angefangen über den Wertpapierhandel und die Depotführung braucht, kein Schwein. Auch kein Mensch, versteht sich.
    »» Warum sollte man die Banken retten? Wenn der Markt da ist, wird der nächste Unternehmer die Chance nutzen, die Nische besetzen und vermutlich bald gute Gewinne schreiben.
    »» Seit etwa zehn Jahren erkläre „ich" (sagt der stolze Autor dieser Webseite) in meinen Veröffentlichungen wieder und wieder, dass ein Staat, wenn er handlungsfähig bleiben will, die Hoheit über sein Geld behalten muss - und hat er sie abgegeben, so sollte er alles daran setzen, sie wiederzugewinnen. Deutschland ist in dieser Hinsicht doppelt bescheiden dran. Wir haben nicht nur keine eigene Währung mehr, wir haben auch keinerlei Einfluss auf die gemeinsame Währung der sogenannten Euro-Zone. Ja - die Lösung der Krise für die deutsche Bevölkerung und den Großteil der deutschen Wirtschaft bestünde darin, die Hoheit über die eigene Währung zurückzuholen, meinetwegen auch die DM wieder einzuführen - und dann der Bundesbank die Aufgabe zu stellen, die ausreichende Geldversorgung der Realwirtschaft - unabhängig vom Gebaren der Geschäftsbanken - sicherzustellen.
    »» Was ist das nun? Der blanke Wahnsinn oder eine Riesensauerei? Es ist vollkommen egal, wenn von den rund 800.000 bundesdeutschen Millionären am Ende nur noch einer oder gar keiner übrig bliebe.

Auch soll nach einem großen Aufsatz auf eben dieser Webseite der Zinseszins an der Kreditkrise schuld sein, was mich an den Vorwurf der „Zinsknechtschaft" erinnert, der in Deutschland leider geschichtsbeladen ist.

Mit solchem Hozhammerstil fängt man nur Schwachgeister auf den extremen politischen Flügeln. Will man die DDR nach Deutschland zurückholen oder den Sowjetkommunismus, wo es keine richtigen Banken gab, oder was sonst noch? Die Aktiengesellschaften abschaffen, weil es keine Aktiendepots mehr geben soll? Die Sparbücher verbrennen, weil die Banken zu viel daran verdienen könnten. Den Soll-Zins und damit erst recht den Haben-Zins wirklich generell auf unter 1 % absenken, damit niemand mehr Interesse am Sparen hat und die, die fürs Alter sparen wollen, nur noch verlieren? Und die 800.000 Millionäre, sollen die nun geschlachtet werden, oder Kopf ab oder wie, so daß keiner mehr übrig bliebe, vielleicht gleich auch die Lotto-Millionäre dazu? Geld = Diebstahl? Für politische Änderungen in Deutschland erreicht man mit derartigen Sprüchen rein gar nichts, zumal der Kreis derer, die sich davon beeindrucken lassen, glücklicherweise viel zu klein ist.

Nun melden sich einige entrüstete Jünger solcher prophetischen Sprüche bei mir ob meiner Kritik. Und der Autor selbst verbreitet auf seiner Webseite, daß ich selbst einer von diesen „Bankstern" gewesen sei. Dabei bin ich vor sieben Jahren in einer öffentlichen Entwicklungsbank von 60 Ländern um den Globus herum im Vorstand gewesen, die keinen müden Euro deutsches Steuerzahlergeld vergeudet hat, sondern mit "schwarzen Zahlen" zugunsten ihrer öffentlichen Eigentümer arbeitet.

Mir tuen jedenfalls die Menschen leid, die sich auf solche Weise verführen lassen. Ist es denn so schwer, aus der bis 1945 oder teilweise 1991 so traurigen deutschen Geschichte zu lernen?


Gedanken zur Zeit 1189 04-02-09: Neues aus China

Seit Jahren gibt es auf dem Internetportal eine besondere Schwerpunktseite zu China. Bisher hieß die Überschrift über dem ersten Kapitel: „China Lokomotive der Weltwirtschaft". Das war korrekt, stimmt aber in der Weltwirtschaftskrise nicht mehr oder nur noch äußerst eingeschränkt, da China seine Importe dramatisch zurückfährt. Also habe ich die gesamte Schwerpunktseite, die auch sonst teilweise veraltet war, generalüberholt.

Außerdem habe ich die neuesten China-Daten in die immer aktuelle Sammlung der Krisensymptome unter „Krisen-Wache" aufgenommen.

Man kann nur hoffen, daß die kommunistische Führung Chinas unter dem Druck der wachsenden Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit in der Bevölkerung nicht den Ausbruch über noch mehr Export von Arbeitslosigkeit gerade jetzt in der globalen Wirtschaftskrise sucht. Das würde mit großer Sicherheit eine Welle an Abwehrmaßnahmen provozieren und die Krise am Ende noch schlimmer machen. China kann nur wieder zur Lokomotive werden, wenn der Konsum energisch angekurbelt wird. Dazu gehört endlich die Einführung eines landesweiten sozialen Netzes, damit die Menschen nicht auf ihr Alter und für Krankheiten sparen müssen. Derzeit werden Krankenhausbehandlungen teilweise nur gegen Vorkasse vorgenommen. Auch die Ausbildung der Kinder, einschließlich Schulbesuch, kostet viel Geld. Kurz gesagt: China muß runterkommen von dem super-neoliberalen Kurs der letzten Jahre, der das Land immer mehr in Reiche und Arme gespalten hat.

Hier noch einmal der Link zum Schwerpunkt.


Gedanken zur Zeit 1188 04-02-09: Hat mal jemand gerade 581.000.000.000 Euro für unsere armen Banken?

Astronomische Zahlen von der Bankenfront. In diesem und dem kommenden Jahr werden allein bei den international am stärksten belasteten 15 Banken Schulden in Höhe von 1,6 Billionen Dollar fällig. Fast die Hälfte, nämlich 6, sind deutsche Banken und bei ihnen werden fast die Hälfte, nämlich 47 %, der 1,6 Billionen fällig. Wer es nicht selbst ausrechnen möchte und den Betrag in Euro vorzieht: Das sind 581 Mrd Euro oder soviel, wie die gesamte deutsche Wirtschaft in etwa einem Vierteljahr erwirtschaftet. In den Spitzenpositionen sind LBBW und natürlich Hypo Real Estate (HRE). Aber auch die Deutsche Bank ist mit 84 Mrd Euro dabei (der heutige Rundbrief zeigt das gesamte Bild grafisch).

Es wird bei der miserablen und sich noch zuspitzenden Natur der Finanzkrise den meisten dieser Banken nicht möglich sein, diese astronomischen Beträge von privaten Anlegern aufzutreiben, oder wenn nur mit staatlichen Bürgschaften. Wahrscheinlich wird es zu massiven Verstaatlichungen kommen müssen, wenn das deutsche Bankensystem nicht zusammenbrechen soll. Übrigens wer unbedingt für 12 Jahre bei der HRE anlegen will, dem wird eine Jahresrendite von sage und schreibe rund 30 % versprochen, macht bei 12 Jahren aus 100 Euro nicht weniger als 2.227 Euro, wenn es die Bank dann noch gibt und ihre Anleihen nicht vorher gestorben sind. Aber auch bei der Deutschen Bank kommt man in nur 9 Jahren noch von 100 auf 160, wenn ... Wer es ausprobieren will, kann ja schon mal zulangen. Übrigens, der Mindestbetrag für die Anleihe der deutschen Bank ist 50.000 Euro. Bei der HRE kann man schon für 10.000 Euro dabei sein. Diese Beträge sagen Ihnen auch, welche Gehaltsklasse hier in der Vergangenheit angelegt hat.

Preisfrage, wieviele bisher noch private deutsche Banken werden Ende des kommenden Jahres verstaatlicht sein?


Gedanken zur Zeit 1187 03-02-09: Immer der gleiche Zauber: Die Gesellschaft für Konsumforschung trommelt zum Einkauf

Langsam wird es schlicht unerträglich. Die statistischen Daten zeigen nach unten (siehe Abbildung), doch die Gesellschaft für Konsumforschung will mit ihren Umfragen das Gegenteil beweisen. So bei der heutigen Pressekonferenz, und hier aus der Presseerklärung: „Das Thema Arbeitslosigkeit wird den Konsum voraussichtlich erst Ende des Jahres beeinflussen. Der Verbraucher wird deshalb im Laufe dieses Jahres noch wenig von der Krise spüren. Die GfK prognostiziert ein Konsumwachstum von bis zu 0,5 Prozent im Jahr 2009. Damit sind Voraussetzungen gegeben, die trotz aller Hiobsbotschaften die Hoffnung begründen, dass der Konsum zumindest im ersten Halbjahr einen Teil der Exportrückgänge auffangen könnte. Die GfK geht von einem Konsumwachstum von bis zu 0,5 Prozent aus. Allerdings wird der Konsum den Export als Konjunkturmotor nicht vollständig ersetzen können." Dabei ist selbst nach der letzten GfK-Umfrage der Trend der Konjunkturerwartung der Verbraucher nach unten gerichtet (siehe Abbildung) und hat auch der gesamte Konsumklima-Index nicht viel mehr als den normalen kleine Anstieg zum Jahresende gezeigt (siehe Abbildung).

Nun kennt die GfK wohl die Verhältnisse nicht. Ein Konsum-Plus von 0,5 %, wenn es denn überhaupt trotz der Krise einträte, gibt gerade mal knapp 7 Mrd Euro an zusätzlicher deutscher Wirtschaftsleistung. Dagegen wird Deutschland in diesem Jahr nach der Voraussage des Internationalen Währungsfonds 62 Mrd Euro an Wirtschaftsleistung verlieren.

Interessant ist eigentlich nur, was wieder einmal auftragsgemäß der regierungsfreundliche SPIEGEL daraus macht. Hier in der heutigen online-Version unter der phantasierenden Überschrift „Wirtschaftskrise lässt Verbraucher kalt": Die Menschen geben ihr Geld trotz Wirtschaftskrise kräftig aus - allerdings anders als in guten Zeiten: Wenn schon kein neuer Kühlschrank, dann soll der alte wenigstens gut gefüllt sein, ist die Haltung. Der GfK zufolge ist die Hälfte aller Haushalte kaum von der Krise betroffen. Die Kauflaune der Deutschen bleibt in diesem Jahr trotz der Wirtschaftskrise nach Einschätzung von Marktforschern weitgehend ungetrübt." So schön und verlogen ist die deutsche Medienwelt!


Gedanken zur Zeit 1186 02-02-09: Meinungsinzucht, Faktenarmut und Illusionen einiger kritischer Webseiten

Kritische Webseiten erreichen ganz überwiegend Menschen, die schon katholisch sind und nicht bekehrt sondern in ihren kritischen Auffassungen bestätigt werden wollen. Ihre Wirkung auf das deutsche Meinungsbild ist daher viel begrenzter, als die Besucherzahlen solcher Webseiten vermuten lassen. Ohnehin konzentriert sich der Besuch sehr stark auf Menschen mit Breitbandanschluß, wenn möglich kostenlos, weshalb viel Besuch von Universitäten, gemeinnützigen Einrichtungen und selbst Arbeitsplätzen in Unternehmen erfolgt. Ich weiß, wovon ich da rede. Wenn man das böse Wort gebrauchen will, ist es also größtenteils ein Inzuchtbetrieb für ohnehin sehr ähnliche Meinungen.

Da forderte mich heute ein Besucher zu stärkerer Kooperation unter kritischen Webseiten auf und fügte hinzu: „Denn schon bald beginnt ein verdammt turbulenter Zeitabschnitt. Die Neoliberalen werden einen schweren Imageschaden erleiden, und es wäre schade, wenn Sie die sich daraus ergebenen Chancen entgehen lassen." Ich habe ihm geantwortet: „Wir sind schon mitten drin in diesem Zeitabschnitt. Die von Ihnen erhoffte Chance auf Änderungen wird es nur geben, wenn die Analysen der Kritiker korrekt sind und verständlich gemacht werden können. Doch leider scheint mir die deutsche Linke bisher die Hausaufgaben noch nicht ausreichend gemacht zu haben. Deswegen schwimmt das bürgerlich-konservative Lager in Deutschland trotz der eigentlich augenöffnenden Krise bisher oben und sind - anders als z.B. in Frankreich - keine größeren öffentlichen Widerstände zu erkennen."

Hier kommt das zweite Problem kritischer Webseiten. Viele von ihnen wollen Meinungen verbreiten und nicht eigentlich über die Fakten aufklären. Je gröber die Argumente in dieser Meinungsinzucht, umso begeisterter die ohnehin schon Katholischen und umso abgeschreckter diejenigen, die sich anhand von Fakten selbst noch eine Meinung bilden wollen. Deshalb werden kritische Webseiten, die nicht nur mit Meinungen kommen, sondern in verständlicher und nachvollziehbarer Weise Fakten liefern, leichter aus dem Dunstkreis der ohnehin schon Katholischen ausbrechen können. Das ist der Grund, warum sich das Infoportal so sehr auf die Faktenvermittlung konzentriert. Viele der Besucher des Infoportals bilden sich dann selbst ihre Meinung, die nicht unbedingt mit meiner übereinstimmen muß, aber nicht selten tut sie es dann und zwar aus eigener Meinungsbildung und nicht, weil man sie an der Hand nehmen und in eine andere Meinung schubsen wollte. So erreicht das Infoportal einen relativ weiten Besucherkreis jenseits der ohnehin schon Katholischen.

Als Prediger für nur ohnehin schon Katholische wäre mir der Zeiteinsatz und alle Mühe am Ende zu schade. Hier noch einmal die schon zitierte, an mehrere Adressaten gerichtete Zuschrift eines Besuchers von heute: „www.jjahnke.net gilt gemeinhin als unverzichtbarer Datenpool, der obendrein nahezu täglich aktualisiert wird. Bei mir zum Beispiel genießt Jahnke bereits soviel Vertrauen, daß ich anstelle des ständigen Scannens der vielen Datenbanken sehr oft einfach auf seine Homepage gehe, um nach neuen Daten zu schauen. Kommentiert werden die Entwicklungen regelmäßig in knapper, aber treffender Form. Leider kratzt Jahnke bei der Analyse der aktuellen Weltfinanzkrise lediglich an der Oberfläche. Die wahren Ursachen und Knüller der Finanzkrise sucht man bei Jahnke vergeblich." Da ist er wieder der Denkfehler: Daten schön und gut, aber an der Meinung, den "Knüllern" (oder sollte ich sagen "Knallern"?) hapert es. Dann begeistert sich der Schreiber für eine Webseite, die die Finanzkrise mit starken und meiner Meinung nach mindestens teilweise irreführenden Sprüchen erklären will und deshalb nur die begeistern wird, die es grob und ohne zu viele Fakten haben wollen. Ich will für diese Webseite hier keine Schleichwerbung betreiben und nenne sie deshalb nicht.

Das ist nun die Illusion einiger kritischer Webseiten, nämlich mit Vermittlung vorgefaßter und möglichst knallig formulierter Meinungen die deutsche Meinungslandschaft grundlegend ändern zu können. Ich fürchte: Sie werden es nicht, leider selbst nicht in der schlimmsten Krise, die unser Land bisher durchleben mußte.


Gedanken zur Zeit 1185 01-02-09: Wie kann man zum Nachdenken anregen?

Globalisierung

Nachdenken tut not. Gerade jetzt in der Krise. Wenn die betroffenen Menschen nicht nachdenken, wird sich schon gar nichts ändern. Sehr viele haben resigniert, vor allem in Deutschland. Massive Straßenproteste, wie z.B. in Frankreich, kann man sich deshalb hier kaum vorstellen.

Nachdenken tut umso mehr not, als Meinungen von der Meinungsindustrie vorgeschrieben und von willfähigen Medien unverändert tagtäglich, ja im Stundentakt verbreitet werden. Viele dieser Meinungen wirken wie Tatsachenbekundungen, obwohl sie mit den Tatsachen wenig zu tun haben. Wer den Unterschied zwischen echten und fabrizierten Tatsachen nicht erkennen kann - und das sind die Meisten unter uns - geht es recht in die Irre.

Nun kann man zwei unterschiedliche Methoden benutzen, um zum Nachdenken anzuregen. Man kann die verbreiteten Meinungen mit Gegenmeinungen beantworten. Dann wissen die Menschen wenigstens, daß auch andere Meinungen vertreten werden können. Doch die Meisten werden immer noch nicht wissen, wem sie dann eigentlich glauben sollen. So schrieb mir vor wenigen Tagen ein Besucher des Infoportals: „Bei der Vielfalt der Meinungsangebote im Internet ist es nicht ganz einfach zu filtern und für sich selbst zu einer klaren Linie zu finden. Aber das Ei des Kolumbus befindet sich sowieso nicht im Angebot, weshalb ich mich auch weiterhin kritisch umsehen werde und - vor allem - für meine dadurch gewonnenen Überzeugungen einstehen werde."

Oder lassen wir einen Wissenschaftler zu Worte kommen: Prof. Bernd Hamm zeichnet in seinem Essay „Medienmacht - wie und zu wessen Nutzen unser Bewußtsein gemacht wird" die Entwicklung der Medien seitden 70er Jahren nach. Er kommt zu dem Schluß, daß mit der zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung der Medien die Selbstaufklärungsmechanismen der Gesellschaft in steigenden Maßen versagen: „Die Herrschaft des Kapitals über die Medien, weltweit ebenso wie bei uns, wird sich weiter perfektionieren. Da es kaum mehr Alternativen gibt, wird es auch zunehmend schwierig, sich die Informationen zu beschaffen, die für eine eigene kritische Meinungsbildung unerläßlich sind. Die Bewußtseinsindustrie hat ihr Ziel erreicht: Unsere Wahrnehmung der Dinge, unsere Meinungsbildung folgt einem industriell organisierten Prozeß."

Und weiter: "Das anarchische Element, der Ort des Widerstands ist heute das Internet. Doch da dort jeder und jede irgendeinen Quatsch als Nachricht einstellen kann, ist es mindestens ebenso schwierig wie in den konventionellen Medien, Relevantes von Irrelevantem, Aufhebenswertes von Belanglosem, Richtiges von Falschem zu unterscheiden. Wir haben also nicht nur das Problem des so genannten digital divide, also des sozial ungleich verteilten Zugangs zu diesem Medium, sondern auch die Schwierigkeit der Internetnutzer zu entscheiden, was sie aus dem Meer der Belanglosigkeiten für wahr halten sollen. Es gibt nur zwei Wege, dieses Dilemma zu überwinden: Entweder man verbringt unendlich viel Zeit mit der Nachrichtenanalyse- oder man verläßt sich auf ein gänzlich antiquiertes Prinzip des Informationsaustauschs: Vertrauen in die Quelle. Informieren ist zu einem eigenen Beruf geworden, zu einem Privileg, das sich nur wenige leisten können."

Dann gibt es noch einen anderen Weg, zum Nachdenken anzuregen. Da nimmt man den Partner nicht an der Hand und trichtert ihm die Gegenmeinung ein in der Hoffnung, daß er nun die Realitäten begreift. Statt dessen konfrontiert man ihn mit den Fakten und läßt ihn dann selbst nachdenken. Das können natürlich nicht selbsterfundene Fakten sein oder solche aus sehr zweifelhaften Quellen. Auf dem Infoportal finden Sie daher - und das immer unter Quellenangabe - Fakten aus meist offiziellen oder sonst jedenfalls ziemlich seriösen Quellen. Sie werden dann nicht der amtlichen Presseerklärung folgend präsentiert, sondern in der Regel in ihrer nakten Form, sozusagen zum Reimdraufmachen. Oft wird auch der Unterschied zwischen der Presseerklärung, z.B. des Statistischen Bundesamts oder des Bundesarbeitsministers, und den Fakten verdeutlicht. Die Faktenvermittlung erfolgt in der Regel über Schaubilder, weil sich die Fakten so leichter vermitteln lassen. Texte können damit kurz gehalten werden. Der Nachteil dieser Methode ist die unendliche Arbeit, die damit verbunden ist und die daher die meisten kritischen Webseiten nicht auf sich nehmen. Bis jetzt sind so schon weit über 3.000 Schaubilder entstanden. Viele davon sind über spezielle Schalter ständig abrufbar.

So schrieb mir heute wieder Jemand: „Ihre Webseite wird deshalb auch gern weiter gegeben, da sonst kaum so verständliche Hintergrundinformationen zu bekommen sind." Nun halte ich mit eigenen Meinungen dennoch nicht hinterm Berg. Doch ich versuche meist, sie getrennt von den Rundbriefen, Schwerpunkten und statistischen Sammlungen über die "Gedanken zur Zeit" zu vermitteln. Da geht es dann auch etwas emotionaler zu.

Viele erkennen inzwischen an, daß das Infoportal schon sehr frühzeitig die Sackgassen analysiert hat, in die uns die neoliberale Globalisierung geführt hat und die jetzt in der absoluten globalen Krise enden. Ich habe jedenfalls nie versucht, diesen globalen Angriff auf die Sozialstrukturen fast aller Länder als "alten Hut" zu bagatellisieren. Ich habe auch immer die Rolle hervorgehoben, die die Bundesregierungen in der Durchsetzung dieser globalen Strategie gespielt haben und noch spielen. Schließlich habe ich auch einmal zum Apparat gehört und die Mechanik nicht vergessen. So erkläre ich mir jedenfalls, daß das Infoportal schon rund zweieinhalb-Millionen-mal aufgeblättert wurde und wahrscheinlich noch viel mehr, weil nicht alle Besuche registriert wurden. Und daß diese Methode fürs Nachdenken ankommt, zeigen auch sehr viele dankbare Zuschriften.


Gedanken zur Zeit 1184 31-01-09: Darf man schon über die Zeit nach der neoliberalen Globalisierung nachdenken?

Es mag noch viel zu früh sein, auch nur Gedanken auf die Zeit danach zu verschwenden. Ich tue es dennoch. Nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt" möchte man durch den dunklen Tunnel vor uns blicken, um am Ende wenigstens ein kleines Lichtlein zu entdecken: In diesem Fall eine Welt, die mit der neoliberalen Globalisierung und ihren Promotoren abgerechnet hat.

Also leiste ich mir in einem neuen Schwerpunkt den Blick nach vorn, immer auch den Rückspiegel im festen Blick. In meiner privaten Schätzung wird uns die Krise etwa fünf Jahre verfolgen. Am Ende wird die Welt sehr viel anders aussehen als heute. Die EU und die Eurozone werden wohl vor die Frage kommen, ob die komplette derzeitige Mitgliederschaft durchzutragen ist. Doch die Institutionen selbst werden überleben. Es wird nach fünf Jahren auch wieder private Banken geben, und natürlich auch Spekulanten. Ich persönlich in meinem naiven Optimismus glaube aber, daß die Bürger in den demokratisch verfaßten Ländern eine so einseitige Einkommensverteilung nicht mehr zulassen werden, so daß der Spekulation viel Wasser abgegraben werden wird. Auch wird Deutschland nicht mehr auf Exportüberschüsse als „vade mecum" setzen können, sondern wird mühsam gelernt haben, daß man für eine Volkswirtschaft eine funktionierende Binnennachfrage braucht.

Was ich mir allerdings nicht vorstellen möchte, ist eine Situation, in der die Bürger auch in fünf Jahren immer noch nicht genug demokratisches Gegengewicht gegen die immer noch neoliberal Mächtigen aufbringen und sich die gesamte Krise in einem negativen Kreislauf festfrißt.


Gedanken zur Zeit 1183 31-01-09: Das deutsche Rentensystem so ziemlich das unsozialiste unter den entwickelten Ländern (abgesehen von den USA)

Immer wieder kocht in mir die Wut hoch, wenn ich mir die unsozialen Eigenschaften des deutschen Rentensystems bewußt mache. Die meisten anderen Ländern haben für niedrigere Einkommensbezieher (halbes Durchschnittseinkommen) - und die betreffen vor allem Frauen - günstigere Rentensätze. Dagegen liegt bei Deutschland auch hier die Rentenhöhe bei 53 % des letzten Netto-Arbeitseinkommens. Dies bringt Deutschland zusammen mit Japan an das Ende des Vergleichsfeldes (Abbildung hier) und weit hinter den 138 % in Dänemark oder den 90 % im ebenfalls benachbarten Österreich. Die OECD warnt daher, Deutschland müsse darauf achten, einen Anstieg der Altersarmut zu vermeiden.

Wie schaffen z.B. die Dänen eine im Vergleich zu Deutschland so phantastische Rente, vor allem für ärmere Menschen? Die aus Steuermitteln finanzierte Folkepension besteht aus einer Grundrente für alle und seit 2004 einer einkommensabhängigen Zusatzrente für die am schlechtesten gestellten Rentner. Außerdem gibt es drei weitere Systeme: die auf Beiträgen beruhende ATP (Arbeitsmarkt Zusatz-Rente seit 1964) und die ebenfalls auf Beiträgen beruhende SP (Besonderes Rentenspar-Schema seit 1999) sowie berufliche Zwangsversicherungssysteme, die ungefähr 90 % aller Arbeitnehmer abdecken.

Und nun auch noch dies: Die deutsche gesetzliche Rentenversicherung ist nach dem Prinzip der Teilhabe-Äquivalenz aufgebaut. Dies soll bewirken, dass die Rentenansprüche in einer bestimmten Relation zu den gezahlten Beiträgen stehen, also vorrangig keine Umverteilung stattfindet. In Wahrheit gibt es jedoch eine massive Umverteilung zu Gunsten der Bezieher höherer Erwerbseinkommen, die aufgrund ihrer statistisch höheren Lebenserwartung eine längere Renten-Bezugsdauer aufweisen. Dagegen hängt z.B. in der Schweiz und einigen anderen Ländern die Rentenhöhe weniger von den Beitragsleistungen ab. Gleichzeitig wird damit der Altersarmut entgegengewirkt. Nur nicht in Deutschland. Da hat eines der immer noch reichsten Länder ein Rentensystem aus dem sozialen Mittelalter!

Mehr dazu im heutigen Rundbrief.


Gedanken zur Zeit 1182 30-01-09: Kotau vor China im Krisenjahr?

Jetzt tanzen alle um den chinesischen Regierungschef Wen Jiabao beim World Economic Forum, als sei er das goldene Kalb, was den Export der krisengeschüttelten Exportnationen wieder flott machen könnte. Merkel vereinbart mit Wen, die Wirtschaftsbeziehungen auszubauen. "Mehr Aufträge für deutsche Firmen in China, mehr chinesische Investitionen in Deutschland", darauf verständigten sich der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Michael Glos, und sein chinesischer Amtskollege Zhang Ping anlässlich des Deutsch-Chinesischen Forums für wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit heute in Berlin. Alles in Ordnung (auch wenn solche Erklärungen in der Regel gar nichts bedeuten). Doch dann dies aus Davos:

Eine Tibet-Fahne im Schaufenster eines Geschenkeladens? Inakzeptabel, fand die Davoser Polizei und forderte die Geschäftsführerin auf, die Flagge zu entfernen - an dem Tag trat Premier Wen Jiabao beim Weltwirtschaftsgipfel in dem Schweizer Ort auf.

Und dann dies: Ein Appell zur globalen Zusammenarbeit jagt den nächsten. Chinas Premier Jiabao fordert die "Vertiefung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit". Doch er verbreitet auch beißende Kommentare über die Ursachen der Krise, die er natürlich nicht bei China sieht. "Unangebrachte makro-öknomische Politiken" einiger ungenannter Länder seien es gewesen. "Und das Entwicklungsmodell, das durch langanhaltende niedrige Sparquoten und hohen Verbrauch charakterisiert" sei. Wen meint er da bloß? Wohl die USA, deren niedrige Sparquote und hoher Konsum es China erlaubt haben, seine eigene Arbeitlslosigkeit massiv zu exportieren, die bei Weitem höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und Währungsreserven aller Länder der Welt aufzubauen und am Ende die internationalen Finanzmärkte mit den den eigenen Arbeitnehmern durch Hungerlöhne abgepressten Ersparnissen zu fluten. Und das bei Steikverbot, Unterdrückung unabhängiger Gewerkschaften, manipulierter Währung, rechtlosen Wanderarbeitnehmern und ebenso ausgebeuteter Umwelt.

Nach Prognose des Institut of International Finance wird China selbst in diesem schweren Jahr 2009 seinen Leistungsbilanzüberschuß noch einmal von 400 Mrd Dollar auf 450 Mrd Dollar weiter steigern. Während die globalen Absatzmärkte weltweit schrumpfen, hat China nur ein Ziel, seine Märkte zu halten und damit seine das globale Gleichgewicht total zerstörenden gigantischen Exportüberschüsse. Im vergangenen Jahr wurden die USA von der EU als größter Absatzmarkt für chinesische Waren abgelöst, wobei die EU weniger als 1/3 ihrer Importe durch eigene Exporte nach China ausgleichen konnte (Abbildung hier)

Wen sollte den alten Spruch lernen: "Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt immer mit drei Fingern auf sich selbst zurück."


Gedanken zur Zeit 1181 27-01-09: Zeit der Paukenschläge und Volksverdummung?

Zunächst ein Auszug aus einer Webseite, die mit Paukenschlägen aufwartet:

    "WIR (die Bürger und Steuerzahler) müssten die Banken retten, weil ein Zusammenbruch der Banken unweigerlich zu unvorstellbar schrecklichen Zuständen führen würde. Bei dieser Begründung handelt es sich um einen frei aus der Luft gegriffenen und vollkommen unüberlegten Satz ohne jegliche Substanz."
    "Und was für Ackermanns Zockerstube gilt, gilt in mehr oder minder ausgeprägtem Maße für nahezu alle Banken dieses Landes, dieses Kontinents und der gesamten Welt."
    "Was die Wirtschaft braucht, ist die Möglichkeit, für erfolgversprechende Projekte die notwendigen Geldmittel als Kredite zu erhalten, zu Kosten, die sich nicht an Sparzinsen oder Gewinnerwartungen von Bankaktionären, sondern einzig an den Verwaltungskosten und an der notwendigen Absicherung des Kreditrisikos orientieren, womit ein allgemeines Zinsniveau von deutlich unter einem Prozent gewährleistet wäre."
    "Den ganzen Rest, vom Sparbuch angefangen über den Wertpapierhandel und die Depotführung braucht, kein Schwein. Auch kein Mensch, versteht sich."
    "Warum sollte man die (gemeint sind die Banken) retten? Wenn der Markt da ist, wird der nächste Unternehmer die Chance nutzen, die Nische besetzen und vermutlich bald gute Gewinne schreiben."
    "Seit etwa zehn Jahren erkläre ich in meinen Veröffentlichungen wieder und wieder, dass ein Staat, wenn er handlungsfähig bleiben will, die Hoheit über sein Geld behalten muss - und hat er sie abgegeben, so sollte er alles daran setzen, sie wiederzugewinnen. Deutschland ist in dieser Hinsicht doppelt bescheiden dran. Wir haben nicht nur keine eigene Währung mehr, wir haben auch keinerlei Einfluss auf die gemeinsame Währung der sogenannten Euro-Zone. Ja - die Lösung der Krise für die deutsche Bevölkerung und den Großteil der deutschen Wirtschaft bestünde darin, die Hoheit über die eigene Währung zurückzuholen, meinetwegen auch die DM wieder einzuführen - und dann der Bundesbank die Aufgabe zu stellen, die ausreichende Geldversorgung der Realwirtschaft - unabhängig vom Gebaren der Geschäftsbanken - sicherzustellen."
    "Was ist das nun? Der blanke Wahnsinn oder eine Riesensauerei? Es ist vollkommen egal, wenn von den rund 800.000 bundesdeutschen Millionären am Ende nur noch einer oder gar keiner übrig bliebe."

Was soll man von einer Webseite halten, die solche Sprüche klopft und dabei offensichtlich an ein linkes, sozialkritisches Milieu appeliert? Eine Webseite, die nicht verstanden hat, was Bankenaufsicht eigentlich leisten kann, wenn der Staat nicht wegschaut? Die auch nicht verstanden hat, daß die neoliberal angerichtete Einkommens- und Vermögenskonzentration erst das Spielkapital für das Finanz-Kasino zusammengebracht hat, ohne das auch die Deutsche Bank nie in zweifelhafte Anlagen hätte gehen können. Und daß man hier Veränderungen braucht, wenn man die wirklichen Lehren aus der Krise zieht. Was natürlich nicht heißen kann, die 800.000 Millionäre auf nur noch einen zu reduzieren.

Sollen wir wirklich glauben, daß man die Banken einfach zusammenbrechen lassen kann, ohne Schaden für die Volkswirtschaft? Und dann noch alle Banken der Welt? Sollen wir wirklich glauben, daß der nächste Unternehmer die Chance nutzt, die Nische zu besetzen und vermutlich bald gute Gewinne zu schreiben, so daß wir in null-komma-null ein Ersatzbankensystem haben? Auch noch eines, das mit 1 % und weniger Zins Gewinne schreiben kann und wo die Menschen ihr Geld fröhlich hintragen, auch wenn die Inflation bei den normalen 3 % liegt? In Zukunft also keine Sparbücher mehr, deren Sparaufkommen die Banken an die Wirtschaft ausleihen würden, und keine Aktien für die Finanzierung der Unternehmen, weil es keine Depots mehr geben soll? Einfach aus dem Euro aussteigen, mitten in der Finanzkrise, um die deutsche Hoheit über die Währung zurückzuholen, die nie eine Hoheit des Volkes, sondern nur der total unabhängigen Bundesbank war?

Wer solchen Sprüchen auf den Leim gehen möchte, den kann man wirklich nicht retten. Und dann erinnert uns der Autor/Verleger noch daran, daß er das in einem Buch seit 10 Jahren schreibt (es hat 4 Bände und kostet fast 100 Euro). Vielleicht verstehe ich zu wenig von der Materie, weil ich diese Bände nicht gelesen habe? Nein, das ist BILD-Niveau, nur anders herum und genauso gefährlich!


Gedanken zur Zeit 1180 27-01-09: Warum soll eigentlich der Steuerzahler hohe Zinsleistungen der Banken an die finanzieren, die den Banken auf der Suche nach maximaler Marge das Geld für die Spekulation gegeben haben?

Wir leben in einer verkehrten Welt, wo die Umverteilung von Unten für die politische Klasse als Selbstverständlichkeit gilt. Da dienen die Finanzspritzen aus dem Steuerzahlergeld den Banken vor allem dazu, nicht nur weiter Dividenden zu zahlen sondern vor allem die hohen Zinszahlungen an diejenigen weiter zu erbringen, die mit dem Kauf von hochverzinsten Bankenanleihen oder ähnlichen Instrumenten den Banken die Spekulation mit den gefährlichen Anlagen überhaupt erst ermöglicht haben. Das sind jedenfalls nicht die kleinen Bankkunden mit ihren relativ niedrig verzinsten Bankeinlagen gewesen. So hatte beispielsweise die deutsche Bank nach der Bilanz für das 3. Quartal 2008 auf der Passivseite Verbindlichkeiten von 2,02 Billionen Euro bei einem Eigenkapital von nur 34,8 Mrd Euro (das zum allergrößten Teil aus eigenen Aktien bestand). Allein 974 Mrd Euro waren finanzielle Verpflichtungen, die zum „fair Value" berechnet wurden, weitere 135 Mrd Euro langfristige Verbindlichkeiten. Dagegen betrugen die Kundeneinlagen nur 428 Mrd Euro. Die Gesamtsumme der Verbindlichkeiten entsprach etwa 86 % der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung eines Jahres.

Bei einer „Bad Bank" würde erst recht dieser in der Regel vermögende Bevölkerungsteil profitieren, der auf der Suche nach Marge die Banken nicht mit Einlagen sondern mit weit höher verzinstem Kredit versorgt hat. Nun erreichen mich immer wieder Fragen zu der von den Banken geforderten staatlichen Übernahme der giftigen Papiere in einer Bad Bank: „In Leserbriefen zum Theme Bad Bank kommt gelegentlich der Vorschlag: Banken die pleite sind, auch pleite gehen lassen, und mit den Milliardenbeträgen eine neue Good Bank zu gründen. Wäre das möglich?" Oder: "Nirgends konnte ich eine Erklärung für folgende Fragen entdecken: Wenn der Staat Schulden macht, um die "notleidenden Banken" und die Industrie mit Geldspritzen zu stützen - von wem leiht er sich das Geld und an wen bezahlt er dafür die Zinsen ? Werden die Zinsen etwa an die Banken bezahlt, die die Misere maßgeblich verursacht haben? Ist es richtig, dass der Staat mit seinen "Geldspritzen" vorwiegend die großen Vermögen schützt, ohne dass die kleineren und mittleren Einkommensgruppen, von deren relativ niedrig bezahlten Arbeit diese großen Vermögen angeschafft und Steuern bezahlt wurden, etwas davon haben ?"

Deutschland braucht nun einmal ein funktionierendes Bankensystem, das Ersparnisse einsammelt und davon vor allem Kredit an die Unternehmen für Investitionen gibt. Deshalb kann man die Banken nicht einfach Pleite gehen lassen. Auch kann man nicht so einfach und vor allem nicht schnell genug eine Good Bank hochziehen. Doch man kann die Banken verstaatlichen, wie das auch in der großen Weltwirtschaftskrise notwendig wurde und jetzt wahrscheinlich ohnehin unvermeidbar sein wird. Der Staat kann sich da derzeit sehr billig bei den Banken einkaufen und nach Sanieren eines Tages möglichst mit Gewinn wieder herauskaufen, wie auch damals in den 30er Jahren. Als Eigentümer kann er bei der Sanierung die Dividendenzahlungen und auch Zinszahlungen auf die Bankanleihen aussetzen und so nicht nur die Umverteilung von Unten begrenzen, sondern auch die Sanierung erleichtern.

Natürlich wollen die neoliberalen Ideologen in Deutschland die Krise immer noch als einen in kürzerer Zeit behebbaren Betriebsunfall des Systems darstellen und deshalb von einer Bankenverstaatlichung nichts wissen.


Gedanken zur Zeit 1179 27-01-09: Jetzt mogelt sich BILD in die Zuversicht

Als wenn unser Schicksal vom Exportweltmeistertitel abhänge, kommentiert BILD heute unter der Überschrift „Gute Gründe für Zuversicht" und greift damit auch noch nach einem schon zerreißenden Faden: „Eine gute Nachricht aus der Wirtschaft ist in diesen Tagen rar. Deshalb ist diese umso erfreulicher: Deutschland bleibt 2008 Exportweltmeister - knapp vor China! Die Firmen sind wettbewerbsfähiger geworden, haben ihre Kosten gesenkt und spielen im globalen Handel ganz vorne mit. Deutschland hat alle Fähigkeiten, aus der schlimmen Krise gestärkt hervorzugehen. Und eins ist sicher: Der nächste Aufschwung kommt garantiert!"

So schön ist also die BILD-Welt. Dabei hat die BILD-gepriesene Kostensenkung die Masseneinkommen seit Jahren torpediert und die Binnenkonjunktur kaputt gemacht sowie Deutschland die höchste Langzeitarbeitslosigkeit in der Alt-EU beschert.

Und der Vergleich mit China hinkt schrecklich. Er stützt sich auf eine Meldung des Statistischen Bundesamts von gestern: „Im Rennen um den inoffiziellen Titel des „Exportweltmeisters" lag China von Januar bis November 2008 knapp hinter Deutschland. Auf Dollarbasis exportierte Deutschland in den ersten elf Monaten des Jahre 2008 Waren im Wert von 1 376 Milliarden US-Dollar in alle Welt. Die Gesamtexporte Chinas beliefen sich auf 1 317 Milliarden US-Dollar." Nun aber fällt der deutsche Export weit stärker als der chinesische. Tatsächlich hat China in den drei Monaten September bis November seine Exporte noch um 13 % steigern können, die deutschen fielen dagegen bereits um 1,4 %. Im Dezember fielen auch die chinesischen im Vormonatsvergleich um 3,3 %, doch die deutschen sind schon im November um 14,2 % gefallen und im Dezember höchstwahrscheinlich noch stärker. BILD könnte sich also an seinen 12 Fingerchen ausrechnen, wann es mit der Exportweltmeisterschaft vorbei ist.


Gedanken zur Zeit 1178 26-01-09: Zeit für linke deutsche Mythen?

Mythen gibt es aus allen politischen Lagern. In Krisenzeiten sprießen sie ganz besonders. Einige erreichen mich über die oft eingehenden Zuschriften. Es sind meist Mails aus dem linken politischen Spektrum, was dem Profil der Webseite entspricht. Ich versuche in meinen Antworten, und teilweise auch auf der Webseite gegenzuhalten, meist wahrscheinlich mit wenig Erfolg, denn Mythen werden in der Regel von Gläubigen gepflegt, die sich schlecht davon trennen können. Mir kommen jetzt fünf Mythen in Erinnerung, die alle mit Krisen zu tun haben:

1. Da gibt es die Krise mit dem Altersaufbau der deutschen Bevölkerung, wie auch der meisten Bevölkerungen der Welt, besonders in den alten Industrieländern, und hier ganz besonders in Deutschland. Das stellt die staatlichen Rentensysteme vor riesige Herausforderungen, weil immer mehr Junge immer mehr alte unterhalten müssen. Trends sind in diesem Bereich sehr langfristig und werden sich über die nächsten Jahrzehnte kaum ändern können. Dennoch existiert im deutschen linken politischen Spektrum bei einigen Gläubigen der Mythos, die Überalterung sei nur eine Erfindung der privaten Rentenversicherer, die sich mit solchen Schreckensnachrichten neue Beitragszahler zuschanzen wollten. Die These von der Überalterung wird sogar als eine der angeblichen Lügen in Albrecht Müllers "Die Reformlügen" gebrandtmarkt. Leider sind die Realitäten, was sie sind, und ist die Gegenthese ein Mythos.

2. Dann gibt es die Krise mit dem Klima. Auch hier kommen die kurzgeschalteten Gegenthesen gegen allen wissenschaftlichen Verstand einer ganz überwiegenden Expertenzahl und fast aller Regierungen der Welt. Die Klimaerwärmung hat danach nichts mit unserer Lebensweise zu tun, sondern existiert gar nicht oder hat jedenfalls andere Ursachen. In einigen linken deutschen Augen ist das dann nur eine Verschwörung gegen die kleinen Leute, um sie zu einer noch anspruchsloseren Lebensweise zu zwingen, z.B. durch Verzicht auf das durch Umweltauflagen unerschwinglich teuer gewordene Auto.

3. Die Weltwirtschaft ist in einer tiefen Krise. Eine starke Ursache dafür sind die total aus dem Gleichgewicht geratenen Handelsströme, mit riesigen Leistungsbilanzüberschüssen bei den einen und Defiziten bei den anderen Ländern. Vor allem China ist hier der bei Weitem größte Sünder, aber auch Deutschland. Dagegen bauen sich nun auf der deutschen politischen Linken einige China-Freunde auf und verklären die chinesische Entwicklung zu einem Vorteil für die Welt, auch für Deutschland. Schließlich können wir billige Chinaware einkaufen. Dieser Mythos hängt auch mit einem tiefen Antiamerikanismus aus den langen Bush-Jahren zusammen, wobei nach dem Untergang des Sowjetkommunismus nun der chinesische als Gegenkraft gegen die amerikanische Supermacht herhalten muß. Daß China in den Händen der globalen neoliberalen Führungskreise der Hebel geworden ist, um auch in Deutschland die Einkommensverhältnisse total umzubauen und durch chinesisches Dumping und Verlagerungsdrohungen die deutschen Löhne seit Jahren unter Negativdruck zu setzen, wird nicht verstanden, obwohl gerade die deutsche Linke das begreifen sollte. Wer hier dagegen argumentiert, wird zum Protektionisten gestempelt. Schließlich ist (heute muß man wohl sagen "war") Deutschland Exportweltmeister.

4. Eine von allen politischen Lagern in Deutschland geteilte Mythe ist die von den Deutschen als Gewinnern der Globalisierung, was wiederum von der Exportweltmeisterschaft abgeleitet wird. Der linke Wirtschaftswissenschaftler und frühere Lafontaine-Staatssekretär Flassbeck erinnert uns immer wieder an unsere Gewinner-Rolle. Ich habe dagegen schon im Oktober 2006 im Interview mit der Deutschen Presse Agentur dpa die Gegenposition bezogen: "Man muß leider Zweifel hegen, ob die Exportweltmeisterschaft wirklich Gewinnerqualitäten verrät. Der größte Teil des im Jahr 2000 einsetzenden Exporterfolges und der Überschüsse wird nämlich mit einem deutschen Lohndumping in der Eurozone erzielt. Die Arbeitgeber haben, nicht zuletzt mit der Verlagerungsdrohung und in Ausnützung hoher Arbeitslosigkeit, seit dem Jahr 2000 die Arbeitnehmereinkommen unter Negativdruck gesetzt, während sich die Eurozonenpartner nicht mehr wie früher durch Währungsanpassungen wehren können. Die Exportleistung ist daher weitgehend künstlich. Vor allem hat die im Interesse des Exports erzwungene negative Einkommensentwicklung die für die Gesamtwirtschaft weit wichtigere Binnenkonjunktur schwer geschädigt und damit zur hohen Arbeitslosigkeit wesentlich beigetragen. Damit gehört Deutschland schon heute eher zu den Verlierern der Globalisierung." Nun in der Krise der Weltwirtschaft bestâtigt sich diese Bewertung auf die bitterste Weise.

5. Eine nun in der Krise verstärkt wiederkehrende Mythe ist die vom Zinseszins als Ursache der Bankenkrise und der derzeitigen Weltwirtschaftskrise überhaupt. Das ist die totale Weltuntergangstheorie, weil danach kein Bankensystem in der Welt noch eine Zukunft hat, solange die Zinsregeln nicht abgeschafft oder mindestens drastisch geändert werden. Da gibt es inzwischen in Deutschland mit seinen Angsthysterien, wenn auch nicht in anderen Ländern, eine ganze Gemeinde, die den Zins oder mindestens den Zinseszins abschaffen will. Leider ist dieser Mythos nicht nur falsch, er erinnert auch noch fatal an die "Zinsknechtschafft" und den Antisemitismus der Nazis. Zins und Zinseszins hat es immer schon gegeben, ohne daß die Finanzsysteme deswegen zusammengebrochen wären. Die astronomischen Werte einer Zinseszinsrechnung muß man herunterholen, indem man die Geldentwertung durch die Inflation abzieht und real statt nominal rechnet. Dann sieht alles bereits weit weniger schlimm aus. Übrigens rechnet auch die Inflation quasi mit Zinseszins, denn die Inflation rechnet sich von der inflationierten Rate des Vorjahres (Abbildung hier).

Natürlich gibt es ein Überschuldungsproblem bei sehr vielen Banken, weil sehr leichtfertige Anlagen getätigt wurden. Notfalls muß nun, wie nach der Weltwirtschaftskrise von 1929, eine Phase der Verstaatlichung der Banken eingeschaltet werden. Doch Zins und Zinseszins werden deswegen nicht verschwinden. Sie sind auch notwendig, um die Sparbereitschaft zu erhalten, aus der über die Banken die Mittel für die Investitionen kommen müssen.

Was diese linken Mythenträger in ihrer Zinseszinskritik übersehen, ist woher das Geldvermögen für die Spekulation eigentlich kommt, nämlich aus der immer ungleicheren Einkommensverteilung der letzten Jahre und der enormen den Arbeitnehmern abgepreßten Ersparnis von China u.Co, aber auch den Überschußländern Deutschland und Japan. Von dort ist ein großer Teil der Blase gekommen, die nun geplatzt ist. Nach dem Ende des Kommunismus war die soziale Komponente der Einkommensverteilung in den westlichen Industrieländern mangels Systemkonkurrenz offensichtlich am Ende. Hier muß die Reparatur ansetzen, wenn es denn eine geben soll. Mir ist unerfindlich, warum das auf der Linken oder denen, die sich für links halten, in Deutschland nicht endlich begriffen wird.

Doch leider werden die, die sich in solchen Mythen eingerichtet und ihre Vorstellungen von der heilen Welt entwickelt haben, nicht so schnell umdenken. Und die Rattenfänger an der Spitze solcher Mythen werden schon gar nicht aufgeben.


Gedanken zur Zeit 1177 25-01-09: BILD-Kampagne: So kommen wir als Sieger aus der Krise!

Es ist eigentlich kaum noch zu ertragen, wie die Krise in Chance umfunktioniert wird und wir alle am Ende wieder Sieger sein sollen, obwohl die Mehrheit von uns es auch in der Vergangenheit bei schrumpfenden Realeinkommen nicht gewesen ist. Da darf heute ausgerechnet der Unternehmens-Sanierer und Management-Professor Utz Claassen seine Siegeshymne auf die Krise verbreiten. Hier ein paar Auszüge:

"Jede Krise bietet auch Chancen, und für die Besten ist jede Krise sogar eine Chance an sich. Wir sind Exportweltmeister, unsere Fabriken zählen zu den modernsten, in unseren Firmen arbeiten tüchtige und fleißige Menschen, unsere Wissenschaft produziert noch immer Nobelpreisträger, und im Moment der Krise hat auch unsere Politik die Fähigkeit zu einer schnellen und kraftvollen Reaktion unter Beweis gestellt. Damit haben wir beste Voraussetzungen, zu Gewinnern der globalen Finanzmarktkrise zu werden." Da ist sie wieder, die Exportweltmeisterschaft, die uns nun besonders tief in die Krise zieht und für die es in einer ausgewogeneren Weltwirtschaft ohne platzende Blasen in der Zukunft keinen Platz mehr gegen wird. Wir können nicht länger Arbeitslosigkeit exportieren oder wir müssen teuer dafür bezahlen. Und wie oft will man diese längst tote und in der Exportkrise immer weiter abstürzende Weltmeister-Sau eigentlich noch durchs deutsche Dorf treiben?

"Der Markt und die Marktwirtschaft haben uns über Jahrzehnte Wohlstand gebracht. Wer sie nun infrage stellt, sägt an dem Ast, auf dem wir alle sitzen." Das ist die Lebenslüge der Neoliberalen. Mit "uns" meinen diese Propagandisten vor allem sich selbst, und Claassen gehört als Unternehmens-Sanierer natürlich dazu. Die Mehrheit hat seit Jahren negative Realeinkommen akzeptieren müssen oder Arbeitslosigkeit, da Deutschland noch immer das Land mit der höchsten Langzeitarbeitslosigkeit in der Alt-EU ist. Die Hälfte der Deutschen hat keinerlei Vermögen bilden können, wie die neue Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt.

"Kein Land der Welt hat von der Globalisierung mehr profitiert als Deutschland". Das ist erst recht eine Lüge. Wirklich profitiert haben die Kapitaleigner der Exportkonzerne und großen Handelshäuser, sonst kaum jemand.

"Für eine Gesellschaft, die gerecht sein will, sich zugleich aber im harten internationalen Wettbewerb behaupten muss, gibt es drei Hauptaufgaben: Bildung, Bildung und Bildung." Auch hier wird wieder gelogen, denn das deutsche Bildungssystem ist besonders schlecht und Fortkommen darin vom Geldbeutel der Eltern abhängiger als anderswo.

"Die Finanzmarktkrise resultiert aus dem Platzen einer Kreditblase: Man kann nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben." Wieviele Deutsche leben eigentlich über ihre Verhältnisse? Die meisten sind durch berechtigte oder auch nur medienverbreitete (gerade von BILD) Zukunftsängste immer wieder gezwungen, unter ihren Verhältnissen zu leben.

"Schulden lassen sich nicht mit Schulden bekämpfen. Der Staat muss deshalb sparsam bleiben." Was soll das eigentlich heißen? Ein Staat, der jetzt keine Schulden macht, läßt vor allem diejenigen seiner Bürger im Stich, die nicht zu den Best- und Besserverdienern gehören.

"Ohne Anstrengungen und Belastungen kann man nicht gewinnen. Wenn wir es wirklich wollen, können und werden wir jedoch unter den Siegern sein." Belastungen fûr die ohnehin Belasteten? Na, dann sieg mal schön. "Sieg Heil" hieß das früher einmal.


Wirtschaftsstandort

Hinweis auf mein neues Buch: "Globalisierung: Legend und Wahrheit - Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme" - ist im März 2008 im Shaker-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 978-3-940459-56-5). Zur Bestellung hier.