hits


NEUES SYSTEM





Hier einige Schwerpunkte:

Demo

Demo

verlierer

armut

china

skandinavien

steuer

Angst

hedge

bildung

system

umwelt

 

Webseite
per EMail
weiterempfehlen

 

Mail-Zugang Fragen +Anregungen

 

Rundbrief bestellen


 

Schaubildboxen

Deutschland

Welt/Umwelt

 

Bookmark

 


Zur Bestellung von "Globalisierung: Legende und Wahrheit" hier


Zu Ihren eigenen Gedanken zur Zeit hier







Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006) und "Deutschland global" (2005)


(834) Wie Gott in Frankreich/a>

(833) Der Berliner Tagesspiegel und die Globalisierung

(832) Haben Sie schon mal von "Super-Senior" gehört?

(831) Clever und die Geringverdiener

(830) Angst vor China?

(829) Niedriglohnsektor verdrängt Tariflöhne

(828) Leute, es wird Zeit, den Dummverkäufern auch in Deutschland die rote Karte zu zeigen

(827) Wieder eine echte BILD-Leistung: Der Staat macht die Inflation

(826) Wochenzeitschrift Freitag bringt Unternehmergespräch

(825) Wer hilft wem?

(824) Tausche Handel gegen Menschenrechte

(823) Die Tricks der Agenda-Politik

(822) Der Präsident und seine Agenda

(821) Die Ministerin, die sich in deutsche Betten auskennt

(820) Das Sündenbuch der neoliberalen Globalisierer

(819) Entsolidarisierung der deutschen Gesellschaft II

(818) Hunger und Rezession

(817) Die Panne des Verlages

(816) Vom Wahnsinn der Bahnprivatisierung

(815) Sterben in Deutschland

(814) Das 2-Klassen Spinger-System: eine für die ganz Dummen - eine für die weniger Dummen

(813) Was ist neoliberal?

(812) Ein Buch und ein "Wehrmutstropfen"?

(811) Die Entsolidarisierung unserer Gesellschaft

(810) Ist Deutschland noch zu retten?

(809) Wieder lebensunwertes Leben in Deutschland?

(808) Wie ein neoliberaler schweizer Professor mit seinem Vorschlag in BILD das gleiche Wahlrecht der Deutschen abschaffen will

(807) Was haben die Globalisierer nun an Hunger angerichtet?

(806) Einzelhandelsumsatz: Es wird nun wirklich gespenstisch

(804) Jeden zweiten Tag: BILD-Kampf gegen die Rentner

(803) Danke für das Schulterklopfen

(802) Das Dilemma kritischer Aufklärung




Gedanken zur Zeit 834 20-04-08: Wie Gott in Frankreich

Diese Gedanken kommen aus Südfrankreich nach einem guten Essen. Warum leben normale Menschen in Frankreich besser als in den meisten anderen Ländern, wenn auch nicht immer als "Gott in Frankreich" (geflügeltes deutsches Wort von 1693)? Es ist nicht das gute Essen allein. Es ist vor allem die Solidarität, die der Neoliberalismus noch nicht brechen konnte. Das letzte Bollwerk in der sonst neoliberalen Welt. Leider zunehmend unter dem Wirtschaftsdruck des teutonischen Nachbarn, der mit chinesischem Lohndumping in der Eurozone Amok läuft.

Hier in Frankreich gilt notfalls das "Gesetz der Straße" und das im positiven Sinne. Während sich die Deutschen frustriert in ihr Privatleben zurückziehen, demonstrieren die Franzosen immer noch in großen Massen auf der Straße. Die Regierung kann das nicht unberücksichtigt lassen.

Obwohl der Organisationsgrad der französischen Gewerkschaften viel kleiner als der der deutschen ist, hat die französische Arbeitnehmerschaft unter viel weniger Diskriminierung zu leiden als die deutsche. Hier zwei Beispiele, die auch deutsche Augen öffnen sollten.

Erstens, der Anteil der Geringverdiener an den Beschäftigten lag mit 11,1 % in 2005 nur halb so hoch als der deutsche mit 22 %, und seitdem ist er in Deutschland noch weit stärker gestiegen als in Frankreich (siehe Abbildung). Löhne und Gehälter haben sich auch generell viel besser als in Deutschland entwickelt (siehe Abbildung).

Zweitens, die unglückselige niemals endende Mindestlohndiskussion wäre in Frankreich undenkbar. Dort ist der Mindestlohn (Smic) in 2006 und 2007 um insgesamt 5,1 % angehoben worden und wird jetzt zum 1. Mai für die 2,3 Millionen Betroffenen außer der Reihe um 2,3 % erhöht, gefolgt von der normalen Erhöhung im Juli. Die Vorsitzende der Industriellenvereinigung Medef signalisierte ihr Einverständnis mit dem Smic und verwies sogar darauf, daß er von einem Liberalen, nämlich Antoine Pinay, eingeführt worden sei. Wie anders ist da die Situation in Deutschland, in der es sich selbst der Bundespräsident nicht nehmen ließ, seine falschen Bedenken gegen einen Mindestlohn anzubringen.

Gott würde jedenfalls derzeit nicht in Deutschland leben wollen! Man versteht da leicht, warum z.B. Heinrich Heine, der wahrscheinlich größte kritische Geist (neben Marx), den Deutschland vervorgebracht hat, lieber in Frankreich als in Deutschland leben wollte. Wahrscheinlich ist immer noch die Geburtenrate einer der besten Indikatoren von Lebensqualität, und die ist in Frankreich um 52 % höher (siehe Abbildung).


Gedanken zur Zeit 833 20-04-08: Der Berliner Tagesspiegel und die Globalisierung

Unter dem ziemlich irreführenden Titel: "Wer rettet die Globalisierung?" setzt nun der Berliner Tagesspiegel mit einem Artikel seines Journalisten Harald Schumann die Diskussion um die Globalisierung fort und wirbt gleichzeitig für dessen neues Buch. Bücher über Globalisierung vermehren sich derzeit in Deutschland wie die Kaninchen, was ebenfalls die Tiefe des Problems aufzeigt. Allerdings gibt es darunter auch viele Beschwichtigungsbücher. Amazon hat allein mehr als 100 Globalisierungsbücher im Angebot (meines war gestern auf dem 4. Platz). Tatsächlich ordnet sich der Tagesspiegel zu den Beschwichtigern, zu denen wohl mehr oder weniger fast alle deutschen Mainstream Medien zählen. Hier ein paar Kostproben und jeweils mein Kommentar dazu:

    Tagesspiegel: "Gewiss, die Vorstellung, die wachsende Ungleichheit ließe sich mit den Mitteln der Handelspolitik bekämpfen, ist eine gefährliche Illusion. Die globale Vernetzung von Unternehmen und Märkten ist eine Einbahnstraße. Wer die Umkehr versucht, müsste mit einem drastischen Verlust an Wohlstand bezahlen."

Kommentar: Wieder wird die Globalisierung unqualifiziert in den Raum gestellt und jeder, der die derzeitige Phase neoliberaler Globalisierung kritisiert, generell als Gegner der Globalisierung verteufelt. Es geht nicht darum, die Globalisierung abzuschafffen, sondern ihre Auswüchse zu beschneiden, und zwar dort, wo sie im Ergebnis die Mehrheit der Menschen zu Verlierern macht. Da ist es auch wieder, das Märchen, daß an der Globalisierung nichts und gar nichts zu ändern sei, weil unser Wohlstand davon abhinge.

    Tagesspiegel: "Aber nun rächt sich, dass Manager und Politiker über Jahre den steten Druck auf Löhne und soziale Absicherung damit rechtfertigten, dies sei nötig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. In der Folge ist aber jetzt tatsächlich der Glaube weit verbreitet, die Globalisierung selbst sei das Problem und nicht deren Gestaltung durch die jeweiligen nationalen oder übernationalen Regeln und Gesetze. Im Krisenfall werden dann alle Mahnungen, dass Abschottung nur schaden würde, wenig nutzen."

Kommentar: Hier kommt wieder der logische Bruch. Einerseits wird vom Tagesspiegel die Abschottungskrise mit entsprechenden Schäden beschworen. Andererseits wird eingeräumt, daß die Gestaltung der Globalisierung durch die jeweiligen nationalen oder übernationalen Regeln und Gesetze das Problem sei. Die Kritiker der neoliberalen Globalisierung wollen doch nicht mehr, als eben diese übernationalen Regeln fairer zu gestalten. Was soll dann solche Wortakrobatik?

    Tagesspiegel: "Würden aber kommende US-Regierungen, und in deren Gefolge auch Europäer und Japaner, tatsächlich beginnen, umfassende Handelshürden gegen China, Indien und andere Lieferländer zu errichten, würden die betroffenen Staaten mit gleicher Münze zurückzahlen. Das Ergebnis wären eskalierende Handelskriege und der Zerfall des liberalen Welthandels- und Kapitalregimes. Einmal mehr, so wie vor hundert Jahren, wäre das der Anfang vom Ende der Globalisierung."

Kommentar: Da wird nun wirklich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und das Ende der Globalisierung an die Wand gemalt. Die Welthandelsordnung der Welthandelsorganisation erlaubt ausdrücklich Handelshürden gegen unfairen Wettbewerb durch Dumping und genau davon machen viele Regierungen bei China gebrauch. Es geht nur darum, diese Instrumente wirksamer einzusetzen und soziales Dumping der schlimmsten Form (in China sind Streiks weitgehend verboten und unabhängige Gewerkschaften nicht zugelassen), sowie Umweltdumping (wieder ist China ein gutes Beispiel) und Währungsdumping (auch hier ist China ein Beispiel) zurückzudrängen. Wenn der Wettbewerb nicht fairer gestaltet wird, sind die Tagesspiegelklagen wegen der Verlierer der Globalisierung auch bei uns nur Krokodilstränen.

    Tagesspiegel: "Die politische Balance schwingt zurück, befand darum jüngst der amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein. Die Frage sei nicht mehr, ob die Phase der neoliberalen Globalisierung zu Ende gehe, sondern nur, ob der kommende politische Richtungswechsel ausreichen werde, ein stabiles Gleichgewicht im Weltsystem wieder herzustellen. Behält der Altmeister der Systemtheorie Recht, dann steht erneut, so wie einst unter Präsident Ronald Reagan und seiner britischen Mitstreiterin Margaret Thatcher, eine säkulare Wende in der globalen Wirtschaftspolitik an. Aber dieses Mal in die andere Richtung."

Kommentar: Na und? Was wäre denn dann so schlimm? Das Buch des Tagesspiegel-Journalisten Schumann trägt den Titel: "Der globale Countdown, Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung". Schumann scheint älter und konservativer geworden zu sein. Sein bahnbrechendes Buch von vor zehn Jahren trug noch den Titel: "Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand". Heute besorgt er sich wohl umgekehrt, daß die Abkehr von einer unfairen, weil neoliberalen Globalisierung und einige Hürden gegen den unfairen Wettbewerb von Schwellenländern, wie China, zum Countdown gegen unseren Wohlstand werden. Zur Zeit seines letzten Buches war Schumann noch SPIEGEL-Journalist, und der SPIEGEL war unter Augstein noch ein linkskritisches Blatt. Heute gehört der SPIEGEL, wie der Tagesspiegel, zum deutschen neoliberalen Mainstream. Schumann auch?

Auch wenn es der Tagesspiegel nicht wahrhaben will: Der Countdown läuft immer noch in die andere Richtung, nämlich einer Zerstörung unseres Sozialsystems und dessen anderer alter Industrieländer durch eine profitsüchtige, amoklaufende Form der Globalisierung. Dabei beuten westliche Konzerne im Zusammenspiel mit ihren örtlichen Partnern die Arbeitskraft aus, wo sie am billigsten und unsozialsten zu finden ist. Das Spiel über die globale Bande war und ist kein "Vorwand" für negativen Lohndruck, wie Harald Schumann meint, sondern bittere Realität.

Wetten: In 10 Jahren, vielleicht auch schon in 5 Jahren, wird Schumann wieder andersherum schreiben? Allerdings hat er dann journalistische Mit-Verantwortung auf sich genommen für das, was jetzt gefährlich falsch läuft. Wie kann man eigentlich für einen Bestseller vom Paulus zum Saulus zurück bekehrt werden?


Gedanken zur Zeit 832 19-04-08: Haben Sie schon mal von "Super-Senior" gehört?

Die Banken haben schon etwa 270 Mrd Dollar an Anlagen in miesen amerikanischen Hypothekenpapieren abgeschrieben (siehe Abbildung). Nach den amerikanischen und schweizer Banken sind die deutschen besonders betroffen. Das ist etwa so viel wie die Sozialprodukte ganzer Länder, wie z.B. Argentinien, Finnland oder Portugal. Noch etwa einmal so viel an Abschreibungen wird erwartet, ohne daß man bisher weiß, welche Finanzinstitutionen die schwarzen Peter halten. Nun fragt man sich, wie sind solche Verluste bloß möglich?

Die Erklärung heißt "Super-Senior", wie in der Financial Times vom Freitag nachzulesen ist. Etwa vor vier Jahren erfanden schlaue Banker ein neues Konstruktionsmuster für die schon im Umlauf befindlichen Collateralised Debt Obligationen (= CDO). Das sind Wertpapiere, die durch einen Pool diversifizierter Vermögensgegenstände, vor allem amerikanische Hypotheken, besichert sind. Die neue Konstruktion hatte mehrere Scheiben, wobei die oberste Scheibe als erste auszuzahlen war, wenn die Obligation anbrennen würde. Es sollte also die sicherste Scheibe sein für Anleger, die angeblich auf der sicheren Seite sein würden. Daher wurde sie auch prompt AAA eingestuft. Da die Sicherheit dennoch als geringer galt als die von total risikolosen Papieren, z.B. amerikanischen Staatspapieren, war ein Prozent mehr an Zins zu verdienen, was diese Anlage attraktiv machte.

Sie war so attraktiv, daß einige Großbanken, wie UBS oder Merril Lynch diese oberste Scheibe in großem Umfang nicht weiterverkauften sondern für sich im eigenen Anlagenbestand hielten und damit ein sicheres Einkommen aus einem angeblich sicheren Papier erzielten. Ein weiterer Vorteil war, daß wegen der angeblichen Sicherheit nach den Bankenvorschriften nur sehr wenig Eigenkapital dagegen gebucht werden mußte. Natürlich erfanden die schlauen Banker auch gleich einen schönen Namen: "Super-Senior". Ein weiterer Vorteil des Eigenerwerbs der "Super-Seniors" war, daß der hier eingebaute "Reißverschluß" im Falle des Falles nicht von einem ängstlichen Kunden gezogen werden konnte, mit der Folge der Entwertung des Restes nach Auszahlung der AAA-Scheibe.

Nun fraßen sich also die größeren Banken an "Super-Senior" jeweils in Höhe mehrer zehn Milliarden Dollar voll und auch gleich noch die Hedgefonds, die dies mit Krediten derselben Banken finanzierten und ebenfalls bei "Super-Senior" als sicher galten. Auch die deutsche Mittelstandsbank IKB und deutsche Landesbanken fraßen dieses Zeug. Die IKB hat dann noch die Dummheit begangen, die "Super-Senior"-Scheibe an Anleger zu verkaufen, die nun in der beginnenden Krise mit der Drohung, sofort den Reißverschluß für das ganze Paket zu ziehen, die IKB zwingen konnten, diese Scheibe zurückzunehmen und damit das eigene Risiko weiter zu erhöhen.

Die Sonne schien über diesem Geschäft. Niemand in den Vorständen machte sich Gedanken. Bis plötzlich die Krise kam und der Markt auch für "Super-Senior" illiquide wurde. Kaum jeman wollte den Banken das Zeug abnehmen und die Werte fielen und fielen, etwa schon um 30 % (siehe Abbildung). Dementsprechend mußte immer mehr "Super-Senior"-Wert abgeschrieben werden, neben Abschreibungen für die riskanteren Scheiben der CDOs unterhalb der AAA-Kategorie, die noch nicht verkauft waren. Der CDO-Bereich von UBS z.B. produzierte mehr als 15 Mrd Dollar an Abschreibungen, meist aus "Super-Senior". Nun lernten auch die Bankenvorstände, was "Super-Senior" eigentlich war. Aber die Millionen an Boni, die sie mit solch künstlichen Profiten verdient hatten, haben sie natürlich nicht zurückgegeben. Einige von ihnen mußten die Koffer packen, bekamen aber weitere Millionen als Abschiedsgeld.

Wenn Sie nun von der Fähigkeit der Bankenvorstände ausreichend beindruckt sind, möchte ich noch folgendes zu bedenken geben. Der eigentliche Risikoaufbau hat nicht einmal bei den miesen Hypothekenpapieren stattgefunden, sondern bei den Derivaten, praktisch Wetten auf die Entwicklung von Zinsen, Aktien, Währungen, Rohstoffen und vieles mehr, deren nominales Volumen sich nach der Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in nur zwei Jahren bis Juni 2007 auf 516 Billionen Dollar fast verdoppelt hat. Saldiert man die verschiedenen Wetten, so belief sich der Marktwert der Derivate per Ende Juni 2007 immer noch auf 11 Billionen Dollar oder sechsmal mehr als die miesen US Hypothekenpapiere. Nach ihrem letzten Jahresbericht von Ende 2007 und dem Umrechnungsschlüssel der BIZ hatte allein die Deutsche Bank nicht weniger als 14 % davon in ihren Büchern, fast zwanzigmal ihr Eigenkapital. Bei den besonders gefährlichen Kreditderivaten waren es sogar 19 % des gesamten Marktwertes oder 137 Mrd Dollar oder fast viermal das Eigenkapital der Bank. Wäre Bear Stearns ausgefallen und nicht von der US-Regierung gerettet worden, so hätte es in diesem Bereich der Kreditderivate wegen der zentralen Rolle dieses einen Brokers leicht zu einer Kernschmelze kommen können (siehe Bericht in der Frankfurter Allgemeinen) mit entsprechenden Folgen für die Deutsche Bank.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 831 19-04-08: Clever und die Geringverdiener

Wer ist Peter Clever? 43 Jahre alt. Studium der Volkswirtschaftslehre, Politischen Wissenschaften und Soziologie an der in diesen Fächern bekannt-konservativen Universität Köln. Leiter des Büros des CDU-Arbeitsministers Blühm. Nach Antritt der rot-grünen Koalition Wechsel zur Immobiliengruppe FUNDUS. Ab 2003 Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Arbeitgeber und alternierender Vorsitzender des Verwaltungsrates der Bundesagentur für Arbeit.

Mit diesem eindeutigen Hintergrund äußert sich Clever im TV-Sender N24 zum wachsenden Anteil an Geringverdienern und weist dabei die Forderung nach Mindestlöhnen zurück. Die zunehmende Zahl von Geringverdienern sei "kein Argument" dafür. Niedriger Lohn heiße "noch lange nicht, in einer armen Familie zu leben". Dies betreffe 17 Prozent, vor allem Alleinerziehende und Migranten. Die Alternative zu Niedriglohn-Jobs sei Arbeitslosigkeit. So einfach ist das also.

Hier die Antworten im einzelnen, die mir ein Besucher des Infoportals zugeschickt hat und bei denen einem der kalte Kaffee hochkommen kann:

Antwort Nr. 1

Wer für einen Niedriglohn arbeitet ist ja nicht automatisch arm. Es käme darauf an ob diese Personen in einem armen Haushalt leben würden. Dies wäre nicht der Fall, da die meisten Niedriglöhner Frauen von gutverdienenten Männern seien. Der Niedriglohn sorge dafür, daß diese Haushalte noch mehr Geld zur Verfügung hätten.

Antwort Nr. 2

Schuld an dem Niedriglohn sei die Politik, die zuwenig Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung stellt und daher die Frauen nur Niedriglohnarbeit annehmen könnten, da Sie den Großteil ihrer Zeit mit der Erziehung verbringen müssen. Hier sei die Politik gefragt Abhilfe zu schaffen.

Antwort Nr.3

Es gibt Arbeiten, die eben nicht mehr als Niedriglohn hergeben und für die Aufstockung dieser Niedriglöhne ist die Politik, sprich Staat zuständig, der im übrigen die Schuld an den hohen Belastungen der Unternehmer trage. Ausserdem spare der Staat sich das Arbeitslosengeld 2. In Ausnähmefällen müsse der Staat den Niedriglohn aufstocken.

Antwort Nr. 4

Es gäbe nach seinem Kenntnisstand nur etwa 4000 Menschen die dauerhaft zum Niedriglohn Arbeitslosengeld 2 beziehen. Auf Grund der geringen Zahl von 4000 Aufstockern sieht er hier einen "Statistikfehler". Wäre der Niedriglohn wirklich bei 22% müsste es auch 6,5 Mill. Aufstocker geben.

Antwort Nr. 5

Arbeit mit Niedriglohn ist immerhin besser als arbeitslos zu sein.

Antwort Nr. 6

98% derer, die für Niedriglohn arbeiten, seien unqualifizierte Menschen, die weder eine ausreichende Schulbildung noch über eine Berufsausbildung verfügten. Der Staat solle froh sein und anerkennen, das die Wirtschaft auch diesen Menschen Arbeit bietet und sich durch Hartz IV daran beteiligen um so Arbeitslosengeld sparen. Die Pisa-Studie habe ja offengelegt, daß es in Deutschland keine ausreichende Schulbildung gibt.

Antwort Nr. 7

Ein Mindestlohn ist aus seiner Sicht nicht erforderlich und sogar schädlich für den Arbeitsmarkt. Der Staat sichere bei Niedriglohn die Armut ausreichend ab.

Frage:

Woher weiß Clever eigentlich, daß die meisten geringverdienenden Frauen mit gutverdienenden Mânnern verheiratet sind? Meint er seine eigene Frau?


Gedanken zur Zeit 830 18-04-08: Angst vor China?

Offensichtlich sind sich viele in Deutschland von den Exportkonzernen bis zu den linken "Nachdenkseiten" in einem einig: ihrer Angst, daß China weniger deutsche Waren abnehmen könnte. Diese Angst ist in anderen Ländern nicht anzutreffen. In Frankreich, von wo ich diese Gedanken anstelle, hat man keine Angst gehabt, am französischen Rathaus eine Erinnerung an Tibet aufzuhängen, als die Fackel vorbeikam. Von dem jetzt seitens China betriebenen Boykott französischer Waren hat man sich nicht abhalten lassen. In USA und vielen anderen Ländern ist die Situation ähnlich. Der britische Premierminister hat seinen Besuch der olympischen Eröffnungsveranstaltung schon abgesagt.

Wie anders ist wieder einmal die Lage in Deutschland. Die Bundesregierung hat eine eher verlogene Haltung eingenommen: Man hätte ohnenin nicht vorgehabt, an der Erôffnungsveranstaltung teilzunehmen (wer's glaubt ... ). Und nun mischen sich deutsche Wirtschaftsverbände in die Politik ein und rufen zu einer sachlichen Auseinandersetzung über Chinas Menschenrechts- und Tibet-Politik auf, was ja wohl "Maul halten" heißen soll. Teil dieser Warnung: Allein in Deutschland hingen 200.000 Jobs direkt vom Export nach China ab (dabei fehlt natürlich die Gegenrechnung der durch die viel größeren Importe aus China vernichteten Arbeitsplätze). Und dann meldet sich auch noch der Asien-Experte des BDI mit der Warnung: "Einschränkungen der geschäftlichen Beziehungen mit China würden die deutsche Wirtschaft - und damit uns alle - empfindlich in einem wichtigen Wachstumsmarkt treffen." Dabei gibt es bisher in Deutschland keinerlei Forderungen, den Handel mit China einzuschränken, und für das, was China tut oder nicht tut, muß China die Verantwortung tragen.

Nicht überraschend schließt sich sofort Albrecht Müller von Nachdenkseiten an und warnt "wie unsinnig und gefährlich das Anheizen dieses Konfliktes ist. Wir tun so, als hätten wir alle Lehren aus dem Misserfolg einer ähnlichen Frontstellung in den 50er-Jahren vergessen." Da wird schon der kalte Krieg vor der nuklearen Kuba-Krise beschworen, damit die Deutschen das Maul halten, auch auf der Linken. Ein bißchen mehr an Charakterstärke wäre wünschenswert, zumal man sich an die Nazi-Olympiade von 1936 erinnern darf. Aber da reicht wohl das Erinnerungsvermôgen bei einigen nur bis in die 50er Jahre.


Gedanken zur Zeit 829 18-04-08: Niedriglohnsektor verdrängt Tariflöhne

Da werden uns Tariflohnabschlüsse wenig über der Inflationsrate, wie im öffentlichen Dienst oder jetzt in der Chemieindustrie, als der große Durchbruch an der Lohnfront verkauft und als das Sprungbrett in den Konsumboom. Hinterher zeigt allerdings die Statistik der Arbeitseinkommen immer einen realen Rückgang.

Immer wieder weise ich auf die Milchmädchenrechnung hin, die dreierlei verkennt. Erstens, ist die Tariflohnbindung schon weitgehend gelockert. Zweitens, breiten sich die Zeitverträge aus, die eigene viel niedrigere Tarifverträge haben. Drittens, boomt vor allem der Niedriglohnsektor in Deutschland. Eine neue Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) bestätigt jetzt diese bedrückende Entwicklung.

Danach ist innerhalb nur eines Jahrzehnts der Anteil der Geringverdiener von 15 auf 22 Prozent oder 6,5 Millionen gestiegen. Damit liegt Deutschland 2005 knapp über dem britischen Niveau. In Frankreich ist die Quote gerade mal halb so hoch wie hierzulande, in Dänemark ist sie noch niedriger. In Deutschland könnte der Niedriglohn-Sektor bald größer sein als in den USA.

Drei Viertel der Betroffenen haben eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss. 68 Prozent der Geringverdiener sind Frauen, 46 Prozent sogar Vollzeit-Beschäftigte. Sie arbeiten im Gastgewerbe (63 Prozent), im Einzelhandel (40 Prozent) und sonst im Dienstleistungsbereich (36 Prozent).

Wie können unsere Politiker und die Wirtschaftsforschung da immer wieder das Blaue vom Arbeitsmarkt herunter versprechen? Mit ist unbreiflich, wie angeblich intelligente Menschen so dumm sein können, aber vielleicht verkaufen sie uns bösartig und eigennützig für dumm. Es scheint Deutschlands bestgehütetes Geheimnis geworden zu sein.

Für mehr dazu siehe Kapitel 3 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 828 17-04-08: Leute, es wird Zeit, den Dummverkäufern auch in Deutschland die rote Karte zu zeigen

Das Internet ist so ziemlich die einzige Informationsquelle, wo noch Meinungsvielfalt besteht, vor allem in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Dingen. Leider muß man da die online-Dienste der Mainstream Medien gleich wieder ausklammern, denn die sind genauso schlimm wie die gedruckten Versionen. Die Mainstream Dummverkäufer werden immer dreister, ob der einst kritische SPIEGEL, natürlich BILD, aber auch viele, ja fast alle anderen. Heute hatte ich mit dem Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute wieder ein solches Erweckungserlebnis. Es hagelt dort von Ungereimtheiten, doch kein Journalist legt sich mit den Instituten (und der auftraggebenden Bundesregierung) an. Also habe ich das Gutachten im neuesten Rundbrief auseinandergenommen. Wir müssen den Dummverkäufern bei jeder Gelegenheit die rote Karte zeigen.

Ich freue mich gewaltig über jede der bei mir zahlreich eingehenden Reaktionen, die mir zeigen, daß diese Auklärung über das Internet funktionieren kann, auch wenn man die Wirkung nicht überschätzen darf. Wir müssen raus aus dem Frust, der Wahlenthaltung und dem Rückzug in die immer enger werdende private Existenz bei immer kleineren Familien.

Hier zwei weitere Meldungen von heute. Einer schreibt bezogen auf meine Frage "Sind die Deutschen mehrheitlich etwa nur dümmer als andere Nationen, wo solches Gerede längst nicht mehr verfängt?":

    "Ja es ist so. Ich habe schon lange darauf gewartet, ob mal Einer wagt, es zu fragen. Ich komme gerade von einem drei monatigem USA Aufenthalt zurück. Dort funktioniert die Mainstream Propaganda noch unterschwelliger als bei uns, da oft auch noch an Patriotismus (eigentlich Jingoismus) appelliert wird. Dennoch wissen dort die Menschen über Lobbyismus, politische Korruption, NAFTA, und die fortschreitende Deindustrialisierung des Landes Bescheid. Ein unbekannter Senator aus Illinois, ein Schwarzer noch dazu, wird möglicherweise zum Präsidentschafts Kanditaten der Demokratischen Partei in den Vorwahlen gewählt, nur weil er Change fordert. Einsichten, die bei uns noch lange fehlen werden."

Und eine schreibt mir:

    "Volkswirtschaftlich bin ich eine ganz Dumme, daher war und ist Ihre Site eine echte Offenbarung und als tägliche Informationsquelle unverzichtbar für mich geworden. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich meine neuen "Erkenntnisse" die ich u.a. Dank Ihrer Site und der Grafiken gewonnen habe, im Bekanntenkreis kommunizieren will. Man glaubt mir einfach nicht! Es ist nicht so, dass meine Freunde völlig uneinsichtig wären. Aber in den Medien - und das sind keine BILD-Zeitungsleser - wird einfach nicht (mehr) ausreichend berichtet. Dann kann es ja auch nicht wahr sein...hätte man ja lesen / sehen müssen...ungläubiges Kopfschütteln..."


Gedanken zur Zeit 827 17-04-08: Wieder eine echte BILD-Leistung: Der Staat macht die Inflation

Aus BILD: "3,1 Prozent! Inflations-Angst ... und grösster Preistreiber ist der Staat. Preistreiber Nummer eins ist allerdings noch immer der Staat. Wie das Institut für deutsche Wirtschaft mitteilte, verteuerten sich die Dienstleistungen von Bund, Ländern und Kommunen um 45 Prozent - seit 2005. Dazu zählen Gebühren für Müllabfuhr, Kindergärten und Horte, die Gebühr für neue Ausweise, bis hin zu Kfz-Zulassungen. Die Verbraucherpreise seien im Vergleich dazu nur um 17 Prozent gestiegen.

Das ist bodenlose Volksverdummung. Wenn Menschen nun unter der Inflation leiden, dann interessieren sie keine Zahlen von 2005, sondern denken sie in erster Linie an die Preise von Lebensmitteln und Energie von heute. Diese Inflationsmaschine ist erst vor wenigen Monaten angesprungen. Dagegen die öffentlichen Dienstleistungen in einem Vergleich über drei Jahre zur Haupt-Ursache der Inflation umzufunktionieren, schafft nur BILD. Dies ist die übliche Ablenkung von den eigentlichen Preistreibern. Gleichzeitig kommt hier die BILD-Hetze gegen den Staat, von dessen Leistungen vor allem die ärmeren Bevölkerungsgruppen abhängen, zum Ausdruck. Wie kann man nur Gebühren für Kindergärten und Horte gegen die eigentliche Inflation aufrechnen? Merkt dieses Blatt überhaupt nicht mehr, wie es jenseits aller normaler Vernunft und journalistischer Verantwortung operiert?


Gedanken zur Zeit 826 17-04-08: Wochenzeitschrift Freitag bringt Unternehmergespräch

In ihrer neuen Ausgabe bringt die Wochenzeitschrift "Freitag" mein Gespräch mit einem mittelständischen Unternehmer, über das das Infoportal berichtet hat. Ich freue mich sehr, wenn so weitere Augen über die deutsche Unternehmerdenke geöffnet werden können.

Erinnern Sie sich noch ein diesen klassischen Ausspruch: "Aus Unternehmersicht gibt es ja immer häufiger Überlegungen, dass man mit weniger und mit besser qualifizierten Mitarbeitern auskommen sollte, weil die weniger fähigen im Ende mehr Geld vernichten als sie erwirtschaften. Auf der Kundenseite sollte man versuchen, sich auf genau diesen Teil der Gesellschaft zu konzentrieren. Schätzungsweise sind das ca 30 - 40 % der Bevölkerung. Der Rest des Marktes wird immer unattraktiver, weil sich hier immer weniger Erträge erwirtschaften lassen. Sie werden mit sicher nicht glauben, weil es dazu keine passende Statistik gibt. Tun Sie es trotzdem: In diese Richtung denken immer mehr Unternehmer und Manager. Welcome to the real world."


Gedanken zur Zeit 825 17-04-08: Wer hilft wem?

Heute erreichte mich folgende freundliche Zuschrift (hier leicht gekürzt):

    "Ihre Internetseite in Abstimmung mit Ihren Büchern ist eine Offenbarung! Als Leiter einer Ausbildungs- und Bildungseinrichtung für den öffentlichen Dienst eines großen Bundeslandes habe ich mich ständig auf aktuellem Stand zu halten und kann Ihnen aus dieser Perspektive nur dazu gratulieren, wie kompetent, verständlich und ganzheitlich Sie Zusammenhänge darlegen, die in der Tat jedem für das Gemeinwesen Verantwortung Tragenden nahegebracht werden sollten. Ihre 3 Bücher habe ich mit großem Gewinn gelesen und empfehle diese sowie Ihre Internetseite privat weiter. Die Bücher schaffen die Möglichkeit, sich in vergleichsweise kurzer Zeit einen Überblick über Zusammenhänge und Strukturen zu verschaffen und die Internetseiten erlauben die schnelle Aktualisierung und punktuelle Recherche in einem darauf abgestimmten homogenen und daher effektiv zu nutzenden Informationssystem.
    Den voreingestellten Betreff "Kommentar zum Hilferuf" in diesem mail-Formular halte ich daher - mit Verlaub - für keine glückliche Formulierung. Der Kauf Ihrer Bücher ist keine Hilfe für Sie, sondern für uns Leser eine sehr seltene - nach meinen Erfahrungen die einzige - Quelle, die ein gemeinwohlorientiertes hochkompetentes Korrektiv zu der Fülle manipulierender und diverser Partikularinteressen dienenden Veröffentlichungen zum Thema Globalisierung darstellt. Aus dieser Quelle zu schöpfen, ist keine Hilfe für die Quelle, sondern für die "Wissensdurstigen"."

Was sagt man dazu? Natürlich habe ich mich bedankt. Dann bleibe ich aber dabei, auch Sie können mir helfen. Es ist nun mal für mich eine moralische Frage des Prinzips, ob man seine Berufs- und Lebenserfahrung über ein Buch verbreiten kann, oder ob nur das Gratis-Internetangebot angenommen wird (die Informationsseite zum Buch ist schon von 3.440 Besuchern aufgeschlagen worden - doch weniger als ein Zehntel davon hat sich bisher zur Bestellung entschließen können. Schade!).


Gedanken zur Zeit 824 16-04-08: Tausche Handel gegen Menschenrechte

Als es noch den Ostblock gab, war ich selbst im Bundeswirtschaftsministerium unter dem Zeichen von "Wandel durch Handel" tätig. Tatsächlich hat wahrscheinlich der Handel mit dem Westen, besonders westliche Mode und westliche Musik, den harten Kommunismus dort mituntergraben. Zeitweise galten wir aus der Bundesrepublik im offiziellen Moskau sogar als die "guten" Deutschen, während die DDR-Kommunisten als die arroganten Deutschen verhaßt waren.

China ist ein total anderer Fall. Formal ist das Land kommunistisch, aber in der ökonomischen Doktrin auf Profit orientiert und in seiner Sozialpolitik noch viel neoliberaler als Deutschland. Der Handel hat diese Situation in den letzten Jahren nicht geändert, sondern mit der gemeinsamen Ausbeutung billiger chinesischer Arbeitskraft durch westliche Konzerne und chinesische Unternehmen noch verstärkt. Die Unterdrückung funktioniert wie eh und je. Gerade wieder ist ein namhafter Bürgerrechtlicher ins Gefängnis geworfen worden. Mit 470 Hinrichtungen verzeichnete China im vergangenen Jahr die meisten vollzogenen Todesstrafen der Welt (allerdings zeichnen die USA pro Bevölkerung immer noch für 1/3 der chinesischen Rate verantwortlich); da Hinrichtungen in China weiter Staatsgeheimnis seien, müsse nach Amnesty International aber davon ausgegangen werden, "dass dort tatsächlich mehrere tausend Menschen hingerichtet wurden". Die Zensur der Berichterstattung zu Tibet funktioniert perfekt.

Nun wird in China per Internet und mit wohlwollender Begleitung durch die Staatspresse zum Boykott französischer Konzerne und Waren aufgerufen. Frankreich hat den Zorn vieler Chinesen auf sich gezogen, weil es in Paris vergangene Woche zu heftigen Protesten während des olympischen Fackellaufs kam. Chinesische Zeitungen wie "Shanghai Daily" und "People's Daily" berichten in ihren Online-Ausgaben im breiten Umfang über diese Boykottaufrufe.

Prompt mucken nun deutsche Konzerne gegen die Berliner China-Politik auf. Der Asien-Pazifik-Ausschuss (APA) der deutschen Wirtschaft kam deshalb am Montag zu einer vertraulichen Sondersitzung zusammen. Ausdrücklich warnte der APA-Vorsitzende, BASF-Chef Jürgen Hambrecht, vor unüberlegten Schritten: "Einschränkungen der geschäftlichen Beziehungen würden die deutsche Wirtschaft - und damit uns alle - empfindlich in einem wichtigen Wachstumsmarkt treffen. Hambrecht übte vorsichtige Kritik sowohl an der chinesischen Führung als auch der Bundesregierung. Konflikte seien nur durch Dialog zwischen den Beteiligten zu lösen. Es ist aber wenig hilfreich, beiden Seiten Vorschriften zu machen, wer wann mit wem sprechen muss." Und wer ist "wir alle"? Einige deutsche Konzerne oder die deutschen Arbeitnehmer, deren Löhne mit der Drohung der Verlagerung nach China gedrückt werden oder die ihren Job am Ende an China verlieren? Warum wird nicht ehrlich darüber berichtet, daß China weit mehr nach Deutschland liefert als umgekehrt, bevor wir alle zu Verlierern gestempelt werden, falls wir uns kritisch zu China äußern sollten?

Warum müssen sich die Unternehmer gegen den deutschen Außenminister weden, wenn er China zum Dialog mit dem Dalai Lama drängt?


Gedanken zur Zeit 823 16-04-08: Die Tricks der Agenda-Politik

Es sind immer die gleichen Tricks hinter der Agenda-Politik, ob hinter der Agenda 2010 des Gerhard Schröder oder nun hinter der Agenda 2020 des Horst Köhler. Als erstes werden die Menschen in die Akzeptanz der neoliberalen Globalisierung getrieben, sei es daß man sie als unvermeidbar hinstellt oder als einfach für alle vorteilhaft oder gar beides.

So geschah es mit der Agenda 2010. Gerhard Schröder: "Man darf ja nicht darüber hinwegsehen, daß die Globalisierung uns zu bestimmten Maßnahmen zwingt ". Bundespräsident Köhler (noch vor seiner ersten Wahl zum Bundespräsidenten): "Die Welt ist in einem tief greifenden Umbruch. Wer hier den Zug verpaßt, bleibt auf dem Bahnsteig stehen". In seiner Berliner Rede zur Globalisierung von 2007 forderte er, aktiv mit den Entwicklungen der Globalisierung umzugehen. Europa und auch Deutschland sollen sich besonders engagieren, damit sie vom globalen Wandel profitieren: "Die Globalisierung ist gerade den Deutschen besonders zugute gekommen. Es ist vor allem der Integration Deutschlands in die Weltwirtschaft zu verdanken, daß wir heute an der Spitze der weltweiten Exportstatistik stehen". Oder Erhard Eppler: "Die Gestaltungsmöglichkeiten für Politik haben sich durch die Globalisierung der Märkte dramatisch verringert und Politiker können gar nicht mehr das leisten könnten, was die Bürger von ihnen erwarten."

Dann treiben die gleichen Politiker - gar nicht ohnmächtig - die Globalisierung selbst vorran. Wenn aber, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, Arbeitsplätze verloren gehen oder die Löhne unter Negativdruck kommen mit negativen Folgen für Binnenachfrage, Wirtschaftswachstum und wiederum den Arbeitsmarkt, sind weitere Reformen fällig. Die Dosis der falschen Medizin wird einfach weiter erhöht. Arbeitslose werden in Niedrigstlohnjobs gezwungen, unsichere und schlecht bezahlte Zeitarbeit wird als erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik verkauft und Gewerkschaften zu Augenmaß in der Lohnpolitik aufgefordert, d.h. Abschlüsse unter der Inflationsrate. Mindestlöhne geraten zum Untergang Deutschlands. Gleichzeitig werden die Renten als unsicher dargestellt und der Inflation ausgeliefert. Daß Deutschland mit solchen "Reformen" bei fast allen internationalen Vergleichsindikatoren am Ende landet, wird tunlichst verschwiegen.

Mit seinem Vorschlag für eine Agenda 2020 hält es der derzeitige Bundespräsident nicht anders. Für ihn hat die Agenda 2010 die Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt gebracht. Von unsicheren Zeitverträgen und geringst entlohnten Jobs und vielen Manipulationen an der Statistik scheint er nichts gehört zu haben. Wieder ist die Globalisierung nur von Vorteil: "Die vergangenen Jahre haben doch gezeigt, dass gerade Deutschland am Wachstum der Weltwirtschaft teilhat. Die Globalisierung der Wirtschaft ist zwar eine Herausforderung, es gibt jedoch keinen Grund, Angst vor ihr zu haben." Und dann folgt natürlich die Forderung nach weiteren Reformen und die Verteufelung von Mindestlöhnen: "Dabei ist zu bedenken: Betriebe, die diese Last nicht tragen können, Mitarbeiter entlassen oder im schlimmsten Fall ganz dicht machen müssen".

Wie lange soll es eigentlich noch dauern, bis die Mehrheit der Deutschen solche immer wiederholten Tricks endlich durchschaut? Sind die Deutschen mehrheitlich etwa nur dümmer als andere Nationen, wo solches Gerede längst nicht mehr verfängt? Köhler und Schröder haben nicht nur die Agenda-Leidenschaft gemeinsam. Sie haben sich auch beide aus einfachen Verhältnissen in sehr lukrative Jobs hochgearbeitet, die sie auf der Gewinnerseite der Globalisierung angesiedelt haben. Und sie haben beide offensichtlich vergessen, wie es sich unten unter den Verlierern der Globalisierung lebt.

Für mehr dazu siehe „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 822 16-04-08: Der Präsident und seine Agenda

Das arme Deutschland ist nun wirklich nicht reich an Kandidaten für das Bundespräsidentenamt. Also wird der derzeitige wohl weitermachen und kann schon jetzt ein Programm unter der Bezeichnung "Agenda 2020" fordern. Will er gleich noch ein drittes Mal drankommen?

Das ist natürlich von der Schröder'schen Agenda 2010 inspiriert. Schließlich hat ihm Schröder über den IWF-Chefsessel die Kariere zum Bundespräsidenten aufgemacht. Für Köhler hat die Agenda 2010 die Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt gebracht. Von unsicheren Zeitverträgen und geringst entlohnten Jobs und vielen Manipulationen an der Statistik scheint der Bundespräsident nichts gehört zu haben.

Daß Deutschland sich an das Ende der Vergleichsländer reformiert hat, scheint dem Bundespräsidenten ebenfalls unbekannt zu sein: "Die vergangenen Jahre haben doch gezeigt, dass gerade Deutschland am Wachstum der Weltwirtschaft teilhat." Seinesgleichen braucht auch keine Angst vor der Globalisierung zu haben: "Die Globalisierung der Wirtschaft sei zwar eine Herausforderung, es gibt jedoch keinen Grund, Angst vor ihr zu haben."

Und natürlich läßt er sich den Seitenhieb auf den Mindestlohn nicht entgehen: "Dabei ist zu bedenken: Betriebe, die diese Last nicht tragen können, Mitarbeiter entlassen oder im schlimmsten Fall ganz dicht machen müssen". Seine internationale Erfahrung sollte ihm gezeigt haben, wie gut Mindestlöhne in fast allen Nachbarländern funktionieren. Aber hier beginnt wieder die Agenda-Ideologie.


Gedanken zur Zeit 821 16-04-08: Die Ministerin, die sich in deutsche Betten auskennt

Da gibt es eine deutsche Familienministerin. Die verkündet ihre eigene frohe Botschaft: "Ich bin davon überzeugt, dass die Geburtenrate für 2007 deutlich über 1,4 gestiegen ist. Ich sehe da eine Trendwende, mit ausgelöst durch die neue Familienpolitik, eine breite gesellschaftliche Debatte über Leben mit Kindern, aber natürlich auch durch die gute Konjunktur."

Die Ministerin weiß also, daß die angeblich gute Konjunktur nun endlich auch in deutschen Betten angekommen ist. Doch da gibt es drei Haken. Erstens, ist das mit der Konjunktur ziemlich falsch, wie die nackten Zahlen über die real sinkenden Einkommen und alle Umfragewerte belegen. Zweitens, werden die von der Ministerin herbeigeredeten Daten erst im Sommer vorliegen. Drittens, müßte die Geburtenrate schon wie Phoenix aus der Asche steigen und in nur einem Jahr einen gewaltigen Sprung nach oben schaffen (oder rundet die Ministerin von 1,33 in 2006 auf 1,4 in 2007 auf? Siehe Abbildung)

Aber vielleicht glaubt die Bundesregierung inzwischen auch an ihre Lufthoheit über deutsche Betten.


Gedanken zur Zeit 820 16-04-08: Das Sündenbuch der neoliberalen Globalisierer

Es ist entsetzlich lang, das Buch, in dem man die vielen Sünden der neoliberalen Globalisierer eintragen müßte. Für mich stehen fünf im Vordergrund: (1) Krise des Weltfinanzsystems, (2) Rückkehr des Hungers in viele Länder, (3) soziale Aufspaltung der Gesellschaften und Entsolidarisierung, (4) zu schnelle und rücksichtlose neoliberale Integration Chinas und (5) falsche Versprechen.

Mehr im neuen Wochenbuch.


Gedanken zur Zeit 819 15-04-08: Entsolidarisierung der deutschen Gesellschaft II

Heute bekam ich eine Nachricht, wie Banken mit Menschen umspringen, die nur eine kleine Rente beziehen. Da schreibt mir ein Renter, nachdem er zu seiner Bank zitiert wurde:

    1.) Man könne kein kostenfreies Konto mehr anbieten, da das Einkommen zu gering ist. Es werden ab sofort Kontoführungsgebühren fällig. Als da wären, Gebühren für Überweisungen, Gebühren für Kontobewegungen, Gebühren für denAbschluss etc.
    2.) Meine EC-Karte wird in eine Kundenkarte umgewandelt. Das bedeutet die Karte kann nicht mehr zum bezahlen eingesetzt werden. Vor jedem Einkauf muss ich nun Bargeld am Automaten holen. Auch bei Reisen ins Ausland muss nun Bargeld in Deutschland abgehoben werden. Halt nicht nur in Deutschland, die Kundenkarte gilt ja nur im Geschäftsbereich der Kontoführenden Filiale, 30 km weiter kann ich nun schon nix mehr abheben.
    3.) Der Dispokredit wird absofort auf 0 gesetzten. Juckt mich wenig da ich den noch nie genutzt habe. Das Konto wird in ein sogenanntes "Guthabenkonto" umgewandelt. Das ist die niedrigste Stufe des Girokontos das auch jedem hartz IV Empfänger zusteht.

Der ganze Bericht ist auf der Kommentarseite abgelegt. Diese Bank hat an dem Mann lange Jahre verdient und schämt sich nicht einmal, nun so mit ihm (und anderen) umzuspringen. Manchmal möchte man an die Verstaatlichung aller Banken denken. Sie schädigen die Gesellschaft derzeit ohnehin mehr als daß sie ihr nützen!


Gedanken zur Zeit 818 15-04-08: Hunger und Rezession

Es ist ein ziemlich düsteres Bild, das die Weltwirtschaft als Folge einer verantwortungslosen Globalisierung derzeit bietet. Einerseit rutschen die USA wegen der neoliberal produzierten Immobilien- und Kreditkrise immer weiter in die Rezession und ziehen viele Länder mit sich. Nach den letzten Zahlen für März stagnierte der amerikanische Einzelhandelsumsatz bei einem mageren Plus von nur 0,2 % gegen Vormonat. Der Trend ist bereits seit Monaten negativ (siehe Abbildung). Die Vorräte an unverkauften Waren stiegen um 0,6 % im Februar. Dabei muß man sich vergegenwärtigen, das die Nachfrage privater Haushalte mehr als zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaftsleistung ausmachen. Der Dollar fällt dementsprechend immer mehr gegenüber dem Euro, seit Februar bereits um weitere 8,2 % (siehe Abbildung), und anderen Währungen.

Gleichzeitig machen andererseits die Nahrungsmittelpreise weltweit enorme Sprünge, bis zu 130 % bei Weizen in nur einem Jahr (siehe Abbildung). Einer der Gründe ist die unverantwortliche Entwicklung von Ethanolproduktion auf Flächen, auf denen Nahrungsmittel angebaut wurden, vor allem in USA und Europa (hier subventioniert). Damit wollen sich die reichen Industrieländer an den Klimafolgen ihrer hohen Motorisierung vorbeimogeln, tragen nun aber zur Rückkehr des Hungers in viele arme Länder der Welt und auch zu den wirtschaftlichen Belastungen der Armen in ihren eigenen Ländern bei (siehe Abbildung).

Ein weiterer Grund ist die übereilte neoliberale Integration Chinas in die Weltwirtschaft als Werkbank der Welt mit einer sehr schnell zu Wohlstand kommenden städtischen Bevölkerung, die immer mehr hochwertige Nahrungsmittel verlangt. Der chinesische Fleischkonsum stieg zwischen 1980 und 2007 von 20 kg auf 50 kg pro Kopf (siehe Abbildung). Für die Produktion von 1 kg Fleisch sind 10.000 bis 13.000 Liter Wasser notwendig, gegenüber nur 1.000 bis 2.000 Liter für die Produktion von 1 kg Weizen. Da China wasserarm ist, werden Nahrungsmittel in wachsendem Umfang importiert.

Für mehr dazu siehe Kapitel 8 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 817 14-04-08: Die Panne des Verlages

Der Shaker-Verlag teilt mir heute mit, daß Bestellungen meines letzten Buches, die in der Osterzeit beim Verlag gemacht wurden, zwar vom System mit einer Bestätigung beantwortet wurden, aber wegen des Umzugs des Verlages und einer technischen Panne nicht gespeichert und dementsprechend weder bedient noch abgebucht worden waren. Die Bestellungen sind nun jedoch über die Bestätigungsmails nachzuvollziehen. Der Verlag gleicht jetzt ab, welche Kunden nachgehakt haben und bereits beliefert wurden und welche Kunden sich nicht noch einmal gemeldet haben. Letztere werden dann vom Verlag angerufen oder angeschrieben.

Ich habe meine Verärgerung dem Verlag sehr deutlich zum Ausdruck gebracht und bitte bei allen Betroffenen um Nachsicht. Das Shaker-System soll jetzt wieder perfekt funktionieren. Einige Webseitenbesucher haben mir das inzwischen bestätigt.


Gedanken zur Zeit 816 13-04-08: Vom Wahnsinn der Bahnprivatisierung

Weder die Schweizer noch die Franzosen würden je auf die Idee kommen, ihre Eisenbahn zu privatisieren. Die Amerikaner und Briten sind es mit den Folgen, die man erwarten mußte: in USA erhebliche Stillegungen, in Großbritannien unsichere Fahrpläne, stark gestiegene Fahrpreise und viele Unfälle wegen schlecht gewarteter Gleis- und Signalanlagen sowie trotzdem noch staatliche Zahlungen. Zwischen London und den größeren Zentren in der Mitte des Landes verkehren billigere Busse im Stundentakt und tragen zu verstopften Straßen und hoher Luftverschmutzung bei.

Warum muß Deutschland diese Beispiele kopieren? Angeblich kann nur so das Kapital für notwendige Investitionen aufgebracht werden. Doch das Kapital verlangt dann auch hohe Renditen. Das heißt Konzentration auf die profitträchtigsten Strecken, während der Rest dem Busverkehr zu Lasten der deutschen Umwelt überlassen wird, auch wenn die Politik dies heute noch bestreitet.

Die SPD muß wissen: Wenn Sie so weitermacht auf der neoliberalen Rutsche, wird die Linkspartei sich auf 20 % zu bewegen. Lafontaine: "Dass Post und Telekom in öffentlichem Besitz waren, hat sich über viele Jahre bewährt. Auch die Bahn sollte in Staatsbesitz sein und bleiben. Die neoliberale Privatisierung der Energiewirtschaft führt zu Monopolpreisen und zu Abzockerei. Die Stromnetze gehören in die öffentliche Hand." Man darf vermuten, daß nach all den Erfahrungen der Menschen mit der Privatisierung lebenswichtiger Infrastrukturen solche Forderungen in Deutschland leicht mehrheitsfähig zu machen sind. Die 20 % lassen grüßen! Die alte SPD könnte dann der Juniorpartner sein.

Für BILD sieht die Bahnwelt und ihre Privatisierung natürlich ganz anders aus: "Damit private Investoren Geld in das Unternehmen pumpen. Damit die Bahn noch leistungsfähiger wird. Damit noch mehr Menschen und Güter von der Straße zur Bahn wechseln. SPD-Chef Kurt Beck steuert dagegen ein anderes Ziel an: Er will den Personennahverkehr von der Teil-Privatisierung ausschließen. Damit die SPD-Linke sich wohl fühlt mit einer Nostalgie-Bahn." Bei dieser Privatisierung werden wir noch alle in Nostalgie verfallen.


Gedanken zur Zeit 814 15-04-08: Sterben in Deutschland

Religion sollte eigentlich eine frohe Botschaft sein. Doch der Theologe und Professor für Soziologie Reimer Gronemeyer, der Experte für Sterbeforschung, Hospizarbeit und Palliative Care ist und ein Buch über das "Sterben in Deutschland" geschrieben hat, tut im ARD-Interview genau das Gegenteil. Hier zunächst Auszüge:

Auf die Frage, ob in einer älter werdenden Gesellschaft zur Todesangst noch die Angst vor der Einsamkeit hinzukommen wird: "Ja. Obwohl die Sehnsucht nach Treue, nach Gemeinschaft und Familie heute größer denn je ist, zerbrechen familiäre Bindungen und Beziehungen immer schneller. Das hat natürlich auch einen enormen Einfluss auf den Umgang mit dem Lebensende in der Zukunft: Es werden immer weniger Kinder geboren. Wenn die Einzelkinder dann heiraten, haben sie schon keine Verwandtschaft mehr. Die Zahl derjenigen, die in Zukunft - also in 20, 30 Jahren - allein sein werden, wird sehr hoch sein."

Auf die Frage, wie die Lebens- bzw. Sterbebedingungen dieser Generation sein werden: "Die Lebensbedingungen für die nächste Generation werden sich drastisch wandeln. Sie werden finanziell deutlich schlechter dastehen als wir, sie werden weniger Personen haben, die als Pflegende in Frage kommen. Sie werden noch älter werden und damit noch länger pflegebedürftig sein. Das wird mit Geld und Professionalität allein nicht aufzufangen sein. Da sind die Bürgerinnen und Bürger gefragt und eine neue Kultur des Helfens."

Wie kann ein Theologe und Soziologe das Ärmerwerden der nächsten Generation nur so als Selbstverständlichkeit in den Raum stellen, bis zu den Folgen für die Pflegemöglichkeiten? Wir brauchen sicher eine neue Kultur des Helfens, aber mehr noch einen Staat der seiner Verantwortung gerecht wird und mit einer viel sozialeren Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums die Armut am unteren Ende der Gesellschaft bremst (Deutschland ist noch immer eines der reichsten Länder der Welt in Pro-Kopf-Betrachtung, siehe hier). Wir brauchen endlich eine Sozialpolitik, die wieder Hoffnung macht und die deutsche Geburtenrate aus dem Keller holt, in den sie an allen anderen alten Industrieländern vorbei weggesackt ist. Wir brauchen ein Steuersystem, daß die finanzielle Belastung durch die Aufzucht von Kindern korrekter berücksichtigt und mit zusätzlichen Mitteln auf dem allerschnellsten Wege für genügend Kindergartenplätze sorgt, wie sie in den meisten anderen Ländern selbstverständlich sind. Wir müssen endlich die eklatante Frauendiskrimierung an den Lohntüten und bei den Renten beenden, die schlimmste im internationalen Vergleich der alten Industrieländer. Und vieles mehr.

Sterben in Deutschland darf nicht, wie Leben in Deutschland, für die Mehrheit der Menschen immer mehr den Anschluß an die Verhältnisse in vergleichbaren Ländern verlierern. Oder sollen wir zum besseren Sterben rechtzeitig auswandern müssen? Jedenfalls bevor uns dann auch noch die wenigen Angehörigen unserer Kleinstfamilie oder anonymen Amtspersonen nach Motto "Geiz ist geil" mit einer Billigstverbrennung in Osteuropa entsorgen könnten?


Gedanken zur Zeit 814 13-04-08: Das 2-Klassen Spinger-System: eine für die ganz Dummen - eine für die weniger Dummen

Bei Springer darf die Hand für die Dummen (BILD) hemmungslos gegen die Rentner hetzen und die Nation von unten her entsolidarisieren. Die feinere Hand für die nicht so Dummen (Welt/Welt am Sonntag) kämpft in die gleiche Richtung, doch nicht mit den gleichen groben Argumenten, die bei dieser Leserschaft mehrheitlich abstoßend wirken würden. Also hat die Welt am Sonntag heute sogar einen Beitrag unter der Schlagzeile: "Generationenkrieg: Nein Danke!".

Das ändert aber nichts an der Richtung auch dieser nur wenig feineren Hand für die weniger dumme Leserschaft. Dort gibt es einen verlogenen Kommentar und dann noch gleich eine Umfrage per Knopfdruck der Leser, wonach angeblich - und das gegen alle seriösen Umfragen - 53 % die Rentenerhöhung ablehnen. Doch auch dieser Kommentar enthält unglaubliche Dummheiten und Zumutungen. Hier Beispiele:

    "Die Rentenerhöhung ist Unsinn: Sie ist ein Wahlgeschenk, das das Wahlvolk gar nicht eingefordert hat. Hätte es in der alternden Bevölkerung einen Proteststurm gegeben gegen die Zumutungen, die den Rentnern in den vergangenen Jahren auferlegt worden sind, der Schritt der großen Koalition wäre verständlich gewesen. Der Rentenbeschluss wird er zwar von vielen begrüßt. Aber vom Wahlvolk ist er nicht wirklich eingefordert worden."

Seit wann treffen deutsche Parteien Beschlüsse, die kosten, wenn die Klientelle sie gar nicht wünscht? Für wie dumm hält Springer die deutschen Parteien eigentlich. Alle Umfragen haben das Leid und die Unzufriedenheit der von der hohen Inflation gebeutelten Rentner gezeigt. Ein Teil des Linksrucks in der deutschen Parteienlandschaft geht auf dieses Konto. Außerdem widerspricht sich der Kommentar selbst, wenn er von den Rentnern auferlegten Zumutungen spricht.

    "Die Koalitionsparteien gefährden damit alles, was die Rentenpolitik der vergangenen Jahre erreicht hat. Deutschland, ein reformunfähiges Land? Wenn es ein gutes Gegenbeispiel dafür gibt, dann die Rentenpolitik. In kaum einem anderen Industrieland gingen die Rentenreformen so weit wie in Deutschland. Seit vergangener Woche steht alles wieder infrage."

Ja, in der Tat gingen die Reformen weiter als in kaum einem anderen Industrieland. Doch Springer unterschlägt wieder einmal die Folgen: Deutschland liegt weiter zurück im internationalen Vergleich als fast jedes andere Industrieland: bei der Entwicklung der Arbeitseinkommen, der Lohndiskriminierung der Frauen, der Nachfrage privater Haushalte, dem Einzelhandelsumsatz, dem Wohnbau, der Langzeitarbeitslosigkeit, der Bildungsfinanzierung, dem Rentenniveau und der demografischen Entwicklung. Dies ist hier alles ausführlich dargestellt. Deutschland ist praktisch ans Ende der internationalen Entwicklung "reformiert" worden. Und Springer hat immer applaudiert und tut es immer noch. Ohne Rücksicht auf Verluste! Die Kommentatoren werden wahrscheinlich ausreichend gut bezahlt, um die soziale Aufspaltung des Landes auf der richtigen Seite zu erleben.


Gedanken zur Zeit 813 12-04-08: Was ist neoliberal?

Vor einigen Tagen habe ich mich gegen Prof. Straubhaar aus der Schweiz gewandt, der das gleiche Wahlrecht in Deutschland zu Gunsten eines Mehrfachwahlrechts von Eltern mit Kindern abschaffen will, um damit das Wahlrecht der Rentner zurückzudrängen. Heute bekam ich eine Zuschrift, wonach ich Straubhaar unfair behandelt hätte:

    "Die Kinder sind doch die Zukunft unseres Landes. Was haben sie verbrochen, dass sie und ihre Interessen bei Wahlen missachtet werden? .. Ich habe immer wieder den Eindruck, dass Sie das Wort "neoliberal" als polemischen Schlagring verwenden, mit dem Sie politisch Andersdenkende verunstalten wollen. Geht es nicht auch ohne solche verbale Gewaltausübung? "Neoliberalismus" heißt im ursprünglichen Sinne doch "Abkehr von dem auch von Ihnen missbilligten beliebigen "Laissez-faire" durch Stärkung des Staates überall da, wo die Interessen der Gesamtheit das erforderlich machen. Das kann man doch nur voll unterstützen, oder?"
    "Straubhaar ist Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, dessen Hauptgesellschafter die Handelskammer Hamburg und die Universität Hamburg sind. Schon das zeigt, dass vom Vorwurf einer einseitigen Neoliberalität keine Rede sein kann. Das Institut hat sich zur Aufgabe gemacht, durch Wirtschaftsforschung neue Impulse zu geben. Neue Impulse sind doch positiv zu sehen, oder?"
    "Der einzige Haken an Straubhaars Vorschlag ist, dass die muslimischen, in Deutschland geborenen Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen (allerdings nur bis auf Widerruf durch die Muslime, wenn sie volljährig geworden sind). Das würde in immer mehr Städten und langfristig auch überregional aufgrund des wachsenden muslimischen Bevölkerungsanteils eine starke muslimische Wahlbeeinflussung bedeuten. Ist das der wahre Grund für Ihre Ablehnung des gleichen Wahlrechts auch für Kinder über deren Eltern?"

Und das war meine Reaktion:

    "Ich denke bei Neoliberalismus an die neuere Form dieser Denke, die auf Hayek und Milton Friedman mit der Chicago School zurückgeht. Seit Reagan und Thatcher ist das eine in die Politik fest eingefahrene Strömung, die auch auf weniger Staat und damit weniger staatlichen Ausgleich im sozialen Bereich hinausläuft. Wenn man Anhänger dieser Denke so bezeichnet, verunstaltet man sie m.E. nicht, sondern trifft sie nur mit ihren Vorstellungen ziemlich genau. Es gibt leider derzeit keine bessere Bezeichung dafür, obwohl der Begriff sehr heterogene Strömungen abdeckt. Neoliberal ist ja kein Schimpfwort sondern der Begriff für eine politische Theorie und entsprechende Politik."
    "Straubhaar ist nun einmal ein ausgewiesener Neoliberaler in allen seinen Stellungnahmen zur Wirtschaftspolitik und das gilt für sein ganzes Institut. Es gibt in Deutschland unter den von der Bundesregierung finanziell unterstützten Instituten ja ohnehin fast nur solche mit neoliberaler Ausrichtung, die die offizielle Politik unterstützen, die den sozialen Graben in Deutschland immer tiefer werden läßt. Was Sie hier neue Impulse nennen, sind immer wieder die nun schon ziemlich alten neoliberalen, aber leider nicht die ganz alten der sozialen Marktwirtschaft."
    "Bei den Muslimen unterstellen Sie mir sehr viel. Ich habe da eher den Eindruck, daß Ihnen dabei nicht wohl ist, zumal schon die Mehrheit der Kinder in vielen deutschen Großstädten Immigrantenhintergrund hat. Aber für mich war das kein Grund meiner Kritik. Allerdings dürfte Straubhaar seinen Gedanken an dieser Stelle nicht zu Ende gedacht haben, was nur zeigt, wie polemisch er in die Runde geworfen wurde, praktisch als Bedrohung der Älteren, wenn die sich nicht endlich mit immer kleineren Renten zufrieden geben."


Gedanken zur Zeit 812 12-04-08: Ein Buch und ein "Wehrmutstropfen"?

Gestern erreichte mich folgende Nachricht: "Herzlichen Glückwunsch zu diesem Buch. Einziger Wehrmutstropen sind aber die fehlenden Lösungsansätze, wie denn nun gegengesteuert werden kann."

Da ist es wieder, das Mißverständnis bei meinen Absichten mit dem letzten Buch. Es geht mir hier nicht um einen großen Gegenentwurf, sondern um das Aufzeigen der falschen Versprechen und wie sie zustande kommen und daß sich unsere Politiker nicht die Hände waschen können. Wenn das begriffen und akzeptiert wird, ergeben sich eigentlich die Alternativen in den verschiedenen Feldern fast automatisch. Wer trotzdem eine Handlungsanweisung braucht, findet sie hier.

Meine ganze Lebensphilosophie ist dagegen, die Menschen mit einer eigenen fertigen Ideologie an die Hand zu nehmen. Sie können ja aus den Fakten mit minimalem Verstand selbst die notwendigen Veränderungen ableiten. Nur das schafft Überzeugungen, die halten, nicht das Nachbeten des Vorbeters. Durchsetzen lassen sich die freilich nur an der Wahlurne. Dafür muß noch viel mehr Aufklärung in kritischen Büchern und Webseiten geleistet werden oder das Unheil muß noch größer werden, bis es auch die Dümmsten nicht mehr übersehen können. In diesem Sinne die letzten Worte des Buches:

    "Wenn es eine Hoffnung gibt, dann die, daß die zerstörerische, neoliberale Form der Globalisierung an ihren eigenen Widersprüchen und ihrer Krisenhaftigkeit zerbricht, bevor es zu spät ist. Wenn es eine andere Hoffnung gibt, dann die, daß Menschen lernen können, wenn auch oft sehr spät, und daß heute sehr viel mehr Länder um den Globus herum demokratische Strukturen haben, in denen aufgeklärte Wähler den Kurs mitbeeinflussen können."

Oder auf dem Klappentext:

    "Globalisierung fällt nicht vom Himmel. Wenn die Menschen verstehen, wie sie gemacht wird, können sie anfangen, ihre Auswüchse wirkungsvoll einzudämmen."

In diesem Sinne glaube ich immer noch, daß Aufklärung ein Wert in sich ist und Sinn macht, aber bei so viel Verdummung auch bitter nötig ist. So schrieb mir ein anderer Zeitgenosse: "gestern das Buch erhalten. Nach kurzem Blick in selbiges kann ich schon sagen, es wäre besser dessen Inhalte an Schulen zu lehren als den anderen Müll." Oder das ebenfalls gerade eingegangene Urteil eines anderen kritischen Buchautors: "ich habe soeben die Lektüre Ihres aktuellen Buches: »Globalisierung: Legende und Wahrheit« durchgelesen und bin sehr beeindruckt von der Fülle relevanter Informationen und dem ehrlichen, ungeschönten, schonungslosen Blick auf die Fakten. Ein so knappes und zugleich umfassendes Panorama der deutschen Situation habe ich sonst nirgendwo gefunden."


Gedanken zur Zeit 811 11-04-08: Die Entsolidarisierung unserer Gesellschaft

Nach den Gedanken zur Zeit über die Rentendiskussion haben mich viele Kommentare erreicht, die alle ihren Ärger über BILD und die BILD-Kronzeugen ausdrückten. Einige waren so scharf, daß ich sie auf der Kommentarseite etwas entschärfen mußte, um unterhalb der Schwelle von Beleidigungsvorwürfen zu bleiben.

Dann habe ich weiter nachgedacht. Ich konnte nicht daran vorbei denken, daß unsere Gesellschaft mutwillig und bösartig entlang mehrerer Achsen aufgebrochen wird: Arm und Reich, Arbeitende und Arbeitslose und nun auch noch Jüngere und Ältere, wenn sie zu Rentnern geworden sind. Das passiert natürlich nicht zufällig. Das Ergebnis meiner Gedanken finden Sie im neuesten Wochenbuch.


Gedanken zur Zeit 810 11-04-08: Ist Deutschland noch zu retten?

Da steigen die Verbraucherpreise um mehr als 3 %, die von Rentnern gefühlte Inflation nach Berechnungen von Experten der Universität Fribourg unter Leitung von Prof. Hans Wolfgang Brachinger sogar um 6 % und nun auch noch die Großhandelspreise mit der höchsten Rate seit 26 Jahren um 7,1 % (siehe Abbildung). Da fällt der Rentenzahlbetrag der Neurenten schon in den 10 Jahren bis 2006 real um 19 %, und dies noch bevor die Inflation begonnen hat, so richtig zuzuschlagen (siehe Abbildung). Da können sich die aktiven Arbeitnehmer notfalls durch Streik gegen die Auswirkungen der Inflation wehren, die Rentner dagegen nicht.

Und dann leistet sich das Land, von seiner auflagenstärksten Zeitung angetrieben, eine Diskussion um eine lumpige Rentenerhöhung von 1,1 % weit unter der Inflation. Eine Diskussion bis zur Wahlentrechtung der Älteren durch Mehrfachwahlrecht der Eltern für ihre Kinder (nicht nur ein diskutables Wahlrecht für 16- oder 17-Jährige). Eine Diskussion, in die sich selbst ein früherer Bundespräsident mit Warnungen vor einer „Rentner-Demokratie", was natürlich der Untergang der Demokratie sein soll, einmischt.

Da vergessen alle bei dieser blödsinnigen und selbsterstörerischen Diskussion, daß die private Nachfrage der deutschen Haushalte mangels Massenkaufkraft am Boden liegt, der Einzelhandelsumsatz seit vielen Monaten nach unten tendiert (siehe Abbildung) und der Export entweder schon einbricht oder bald einbrechen wird.

Ist Deutschland noch zu retten? Ich fange an, dies zum ersten Mal seit drei Jahren ernsthaft zu bezweifeln. Wenn sich Deutschland schon jetzt so auseinander dividiert, wie soll das erst in einer Wirtschaftskrise werden? Ist das noch das Land, das mal auf die Solidarität seiner sozialen Marktwirtschaft stolz war?

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 809 11-04-08: Wieder lebensunwertes Leben in Deutschland?

Zugestanden: Ich bin 69 Jahre alt. Doch bin ich (Gott sei Dank!) nicht auf die deutsche Sozialrente angewiesen und kann mich daher hier unparteiisch äußern. Auch lebe ich einen größeren Teil des Jahres in Irland und Frankreich als in Deutschland. Doch, was ich derzeit mit der deutschen Rentnerdebatte, die BILD wieder einmal losgetreten hat, beobachte, wäre in den beiden anderen Ländern, wie überhaupt in allen demokratisch verfaßten Ländern der Welt so ziemlich undenkbar.

Da schlagzeilt BILD: "DIE ALTEN ÜBERNEHMEN DIE MACHT!" und ein schweizer Professor darf sich gegen das gleiche Wahlrecht für Ältere äußern, ein Grundprinzip jeder demokratischen Verfassung, und zusätzliche Elternwahlrechte für ihre Kinder vorschlagen. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog warnt vor einer "Rentner-Demokratie" und davor, daß die Älteren künftig die Jüngeren ausplündern. Der Chef des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Miegel darf in der "Welt", einem anderen Springer-Produkt, verkünden: "Die ältere Bevölkerungsgruppe hat einen kurzen Zeithorizont und will in der Gegenwart Kasse machen".

Die Entsolidarisierung der deutschen Gesellschaft ist in vollem Gange. Spaltet sich die Gesellschaft schon dramatisch in Reich und Arm, so wird sie nun auch willkürlich und absichtlich in Jung und Alt gespalten. Das divide et impera nützt natürlich denen, die immer oben schwimmen. Dabei wäre das Rentenproblem so einfach nach skandinavischem Vorbild zu lösen, wenn das Steuersystem darauf eingestellt würde.

In Irland z.B. weiß jeder, daß er auch einmal alt wird, und haben die Alten ab 60 Jahren sogar freie Fahrt auf der Eisenbahn und allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Das gespenstische an der deutschen Diskussion ist, daß sie ausgerechnet in dem Land vom Zaun gebrochen wird, wo der Begriff des "lebensunwerten Lebens" bis zur staatlich organisierten Euthanasie entwickelt wurde. Alle alten Industrieländer der Welt haben ein Überalterungsproblem in ihren Gesellschaften, aber nirgends werden so abstruse Diskussionen bis zum Wahlrecht geführt.

Heute schrieb mir jemand: "Widerspricht es nicht auch dem Artikel 38 des GG wenn Bürger nur aufgrund ihres Alters von weniger als 18 Jahren von der Wahl ausgeschlossen sind? Warum also hier so streng mit Ausländern und Bild?" Ich habe ihm geantwortet: "Alle demokratischen Länder der Welt haben ein Mindestwahlalter. Kinderwahlstimmen einzuführen, ist nur eine verfassungswidrige Vermehrung der Wahlstimmen der Eltern, und so ist der Vorschlag auch gemeint, da Kinder wohl kaum eine eigene Meinung zur Politiik entwickeln können. BILD betreibt eindeutig seit Jahren eine Hetzkampagne gegen die Rentner und die Sozialrente, was mit der Verbindung zwischen Springer und der privaten Versicherungswirtschaft zu tun hat. Außerdem übersieht der schweizer Professor, daß die Rente doch nur ein Bestandteil demokratischer Entscheidungen ist. Sein Vorschlag würde die Älteren in jeder Hinsicht und bei allen Entscheidungen diskriminieren. Ich halte das für ziemlich unerträglich. Warum den Alten das Wahlrecht dann nicht gleich aberkennen??"

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 808 11-04-08: Wie ein neoliberaler schweizer Professor mit seinem Vorschlag in BILD das gleiche Wahlrecht der Deutschen abschaffen will

Der Chef des neoliberalen Hamburger Weltwirtschaftsinstituts Straubhaar ist kein Fachmann in Demokratie. Er ist nicht einmal Deutscher sondern hat die schweizer Staatsangehörigkeit. Dennoch darf er in der BILD-Rentendiskussion als angeblicher Fachmann vorschlagen, zur Einschränkung der demokratischen Rechte der Älteren das Wahlrechts zu ändern: „Wenn Eltern für jedes Kind eine Wahlstimme erhalten, fänden die Interessen der Jüngeren mehr Gehör."

Lieber Mann, Sie können mit der schweizer Verfassung spielen. Von der deutschen, so mühsam nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten sollten Sie die Finger lassen. In dem ehernen Artikel 38 des Grundgesetzes heißt es: „Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer,freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt." Was Sie da zu einem Kernfundament unserer Verfassung vorschlagen, verstößt gegen das „gleiche" Wahlrecht und ist schlicht verfassungsfeindlich. Vielleicht sollte Ihnen Schäuble ein bißchen auf die Finger schauen. Jedenfalls gehört es zur Höflichkeit von Gästen unseres Landes, daß sie sich nicht an unserer Verfassung vergreifen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, welcher Teufel in der Schweiz los wäre, wenn dort ein deutscher Professor für eine Änderung von Kernbegriffen der schweizer Verfassung werben würde.


Gedanken zur Zeit 807 10-04-08: Was haben die Globalisierer nun an Hunger angerichtet?

Die neoliberalen Globalisierer, mit dem IWF angefangen, haben arme Entwicklungsländer gezwungen, ihre Grenzen für Nahrungsmittelimporte aus den reichen Industrieländern, vor allem USA und Europäische Union, oder auch aus Überschußländern unter den Entwicklungsländern zu öffnen. Dies ging sehr oft zu Lasten der heimischen Produktion.

Jetzt ist die Bescherung für diese armen Entwicklungsländer perfekt. Unter dem Druck der Nachfrage aus zu Wohlstand kommenden Schwellenländern, wie China und Indien, aber auch der Industrieländer selbst, sowie dem Interesse der Industrieländer, ihre Mobilität trotz der klimatischen Grenzen über Biotreibstoffe zu halten und möglichst noch zu steigern, explodieren die Nahrungsmittelpreise. Der Hunger kehrt in viele Entwicklungsländer zurück. Auch die Armen in den reichen Industrieländer bekommen die horrenden Preissteigerungen zu spüren.

Als sei das alles nicht vorraussehbar gewesen, warnt nun die Weltbank vor Verarmung ganzer Landstriche. Vor einen Gipfel führender Wirtschafts- und Finanzpolitiker am Wochenende in Washington warnte die Organisation noch einmal dringend vor der Gefahr einer wachsenden Verarmung in etlichen Regionen der Welt. An den hohen Preisen für Lebensmittel werde sich voraussichtlich in diesem und im kommenden Jahr nichts ändern, heißt es in dem Papier. Weltbank-Präsident Robert Zoellick zufolge könnten die Preissteigerungen die Erfolge einiger Länder im Kampf gegen die Armut wieder zunichtemachen. Die internationale Gemeinschaft müsse nicht nur Soforthilfe leisten, sondern betroffenen Ländern auch dabei helfen, Lösungen zu finden, um die Auswirkungen der Teuerung auf die Ärmsten zu lindern.

Die Warnungen kommen schon zu spät. Nach Angaben des Welternährungsprogramms kommt es inzwischen in vielen Entwicklungsländern zu gewaltsamen Demonstrationen hungernder Bevölkerungsteile. Proteste werden aus Indonesien und einem halben Dutzend afrikanischer Staaten gemeldet. In Haiti kam es wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise in dieser Woche zu gewaltsamen Unruhen, bei denen vier Menschen getötet wurden. Die weltweit gestiegenen Lebensmittelpreise treffen Haiti besonders hart, wo 80 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen muss. Die Preise für Reis, Bohnen, Früchte und Kondensmilch sind seit dem vergangenen Jahr um 50 Prozent gestiegen. Nudeln kosten sogar doppelt so viel.

Es wäre schön, wenn sich die neoliberalen Globalisierer zu ihrer Verantwortung bekennen würden. Vor allem der gigantische Aufwuchs der Nachfrage aus China, der von dem hohen exportangetriebenen Wachstum kommt, seit China in die Welthandelsorganisation aufgenommen wurde, war vorraussehbar und hätte die Verantwortlichen rechtzeitig zu einer Ankurbelung der weltweiten Nahrungsmittelversorgung treiben müssen. Statt dessen haben sie die Augen geschlossen und die Mär verbreitet, daß von der Globalisierung alle gewinnen.


Gedanken zur Zeit 806 10-04-08: Einzelhandelsumsatz: Es wird nun wirklich gespenstisch

Die politische und wirtschaftsforschende Klasse betet täglich für den Konsumboom, ohne allerdings für mehr Massenkaufkraft einzutreten. Also beten sie für einen kostenlosen Boom, der natürlich nicht kommen wird. Nun passiert etwas geradezu gespenstisches. Das Statistische Bundesamt kommt mit der Schlagzeile: "Frühjahrserwachen im Einzelhandel". Doch wer jetzt die frohe Botschaft in konkreten Daten erwartet, wird bitter enttäuscht. Statt dessen schreibt das Amt: "Im Einzelhandel gibt es offensichtlich Jahr für Jahr ein spürbares Frühjahrserwachen. Dies ist zumindest das Ergebnis einer Analyse des Statistischen Bundesamtes (Destatis), bei der für die Jahre 2005 bis 2007 die realen - das heißt inflationsbereinigten - Umsätze der Monate Januar/Februar jeweils mit denen der Monate März/April verglichen wurden. Dabei zeigte sich, dass die Einzelhandelsumsätze im März/April um durchschnittlich 13% über denen im Januar/Februar lagen."

Und weiter: "Vom Frühling profitierte dabei besonders der Einzelhandel mit Blumen, Pflanzen und Saatgut, dessen Umsätze in diesem Zeitraum um 77% stiegen. Aber auch im Einzelhandel mit Schuhen (+ 68%) und im Einzelhandel mit Fahrrädern, Fahrradteilen und -zubehör (+ 65%) zog der Umsatz deutlich an."

Leider müssen wir nun bis zum 2. Mai warten, bis uns das Amt verrät, was in diesem Jahr im März im Einzelhandel gelaufen ist. Was sollen eigentlich solche Meldungen wie die von heute? Und vor allem, was soll eine so irreführende Schlagzeile? Glaubt das Amt vielleicht, die dummen Medien würden nur die Schlagzeile bringen und damit den Konsumboom auslösen? Hier noch einmal der Trend vom Februar.


Gedanken zur Zeit 805 09-04-08: Die Wut im Bauch der Verlierer der Globalisierung

Im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung praktizieren die Industrieunternehmen weltweit eine geographische Niedrigstlohnpräferenz, zumal wenn es um niedrigqualifizierte Arbeit geht. Letztere ist in Deutschland ein Hauptbestandteil der 1,3 Millionen Langzeitarbeitslosen, deren Zahl bei Ausklammerung der statistischen Manipulationen wahrscheinlich noch viel höher liegt und die Deutschland auf die höchste Langzeitarbeitsquote in der Alt-EU platzieren.

Aber in China, um nur ein Beispiel zu nennen, gibt es noch etwa 700 Millionen Landbevölkerung, die als Wanderarbeitnehmer jede Arbeit annehmen, zu der sie dann angelernt werden. Streiks sind dort verboten und Gewerkschaften Teil des kommunistischen Systems und damit nicht wirklich unabhängig. Das garantiert langfristig billige Arbeitskraft, wobei der chinesische Partner und der westliche Konzern oft die Ausbeutung der billigen chinesischen Arbeitskraft Hand-in-Hand vornehmen und das mit dem Segen der kommunistischen Führung. Da das Arbeitsprodukt als Halb- oder Fertigware relatitiv frei nach Deutschland und andere alte Industrieländer importiert werde kann, warum die kostspieligere heimische Arbeitskraft anstellen? Die kann dann der Staat unterhalten. Das gleiche gilt natürlich für die Beschäftigung billiger Arbeitskräfte in Osteuropa oder anderen Schwellenländern, wie Indien. Der Fall Nokia war da ein kleines Erweckungserlebnis für viele in Deutschland.

Nun gibt es in den alten Industrieländern, auch in Deutschland, zunehmend Verlierer der Globalisierung, bei denen selbst ein zarter Aufschwung nie ankommt und die beim Abschwung, zumal kombiniert mit hoher Inflation doppelt leiden. Dazu zählen auch die viel Zahlreicheren, deren Löhne unter Verlagerungsdrohung so gedrückt werden, daß am Ende oft der Staat die Stütze zuzahlen muß. Jeder halbwegs mitfühlende Zeitgenosse kann sich vorstellen, welche Wut sich da im Bauch der Verlierer in Deutschland zusammenbraut. Ich bekam das nun in einer Korrespondenz mit einem Betroffenen sehr plastisch vorgeführt. Lesen Sie bitte weiter im neuesten Wochenbuch Ich kann nur empfehlen, sich die Zeit zu nehmen.


Gedanken zur Zeit 804 09-04-08: Jeden zweiten Tag: BILD-Kampf gegen die Rentner

Langsam wird der BILD-Kampf gegen die Rentner unerträglich: "Klarer Fall: ein Geschenk für die Älteren im Land. Gefährlich wird es aber, wenn zum Nutzen einer stetig wachsenden Gruppe eine andere systematisch ausgenommen wird - und sich die jeweilige Regierung zum Komplizen macht. Dazu gehören die mehr als berechtigten Interessen derer, die in Deutschland zwar langsam in die Minderheit geraten - aber mit ihren Sozialbeiträgen und Steuern den Sozialstaat überhaupt erst ermöglichen."

Daran es wieder einmal so ziemlich alles falsch. Bei einer Rentenerhöhung weit unter der Inflationsrate von "Geschenk" zu sprechen, ist schon eine böse Verballhornung der Sprache. Daß die Jüngeren mit ihren Sozialbeiträgen und Steuern den Sozialstaat überhaupt erst ermöglichen, unterschlägt bösartig, daß die Älteren Deutschland aus Schutt und Asche erst wieder aufgebaut haben. Ohne diese Leistung hätten die Jüngeren werde die perfektionierte öffentliche Infrastruktur eines modernen Landes geerbt, noch könnten sie die privaten Erbschaften übernehmen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Dabei lag der durchschnittliche Rentenzahlbetrag der neuen Versichertenrenten schon 2006 bei nur noch 43 % der durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter, und dieser Anteil ist seitdem schon wegen der eingefrorenen Renten weiter gefallen.

Nun kommt bei BILD noch die Gefälligkeitsverbindung mit den Privatversicherern hinzu. Bild-Redakteur Oliver Santen war zuvor Pressesprecher der Allianz. In der ARD-Dokumentation "Rentenangst" wurde ein Vertrag Bild-Allianz gezeigt. Zitat: "Natürlich bezieht sich die Kooperation auch auf den redaktionellen Teil".

Der Kampf gegen die Rentner scheint allerdings ein Phänomen fast aller deutscher Medien zu sein, das man in keinem anderen Land findet. Hier in Frankreich, wo ich diese Gedanken anstelle, wäre es schlicht undenkbar, eine solche Polemik zu entwickeln. Der SPIEGEL erlärt in der ihm eigenen intellektuellen Schlichtheit die Rentenerhöhung ohne weitere Begründung gleich als Gift für die Beschäftigung, das deutsche Todschlagsargument. Ähnlich grob gestrickt die Tagesschau: "Diejenigen, die arbeiten und die Rente der Rentner verdienen, werden immer weniger. Auf sie muss nach der Logik der Großen Koalition keine Rücksicht genommen werden." Darauf ein Besucher des Infoportals in seiner Reaktion an den Tagesschau-Kommentator:

    "Sie sind als voll ausgebildeten Journalisten zur Welt gekommen. Deshalb hat Ihre gesamte Ausbildung dem Steuerzahler und damit den zu dieser Zeit arbeitenden heutigen Rentnern auch keinen Pfennig gekostet. Fast alle Bürger vom Hartz IV Empfänger über Arbeitnehmer bis zu den Rentnern finanzieren den offensichtlich auskömmlichen Job des ARD-Korrespondenten Frank Wahlig mit ihren nicht unerheblichen Zwangsabgaben. Herr Wahlig, Sie werden sicher auch bereit sein für die Dienstleistung eines Prominentenfriseurs sehr viele Euros zu bezahlen. Die Beseitigung Ihres Mülls erwarten Sie aber als alles finanzierender Steuerzahler zum Hungerlohn. Das Obige entspricht etwa dem Niveau Ihres Kommentars. Der strotzt vor Unkenntnis oder aber vor ideologischer Verblendung. Oder ist es die Schere im Kopf, die diesen gut bezahlten Job zu erhält?"

Es ist eine unglückselige Diskussion, die die deutsche Soziallandschaft immer mehr aufspaltet und Solidarität vernichtet. Am Ende bleiben nur noch die Ellenbogen übrig, die ohnehin eine deutsche Eigenart geworden zu sein scheinen.

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 803 09-04-08: Danke für das Schulterklopfen

Immer wieder erreichen mich nun positive Kommentare zu meinem letzten Buch, die mich in meiner Arbeit bestätigen. Hier die drei letzten:

    „Ihre hervorragend aufbereiteten Fakten und aufschlussreichen Analysen zu den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen im Zeitalter der Globalisierung weltweit und in ihrer Auswirkung auf unser Land erwarte ich jedesmal mit Neugier und lese sie mit großer Begeisterung. Sie verfügen über eine sehr ansprechende und pädagogisch orientierte Darstellung der oft komplizierten, aber dann, nach Ihrer Interpretation, einleuchtenden ökonomischen Sachverhalte, wie ich sie zuletzt in den sechziger Jahren in Köln beim Repetitor für BWL und VWL erlebt habe. Daher habe ich mir auch Ihr neues Buch sofort gekauft. Ich wurde nicht enttäuscht und habe es über Ostern in einem Durchgang gelesen! Ich benutze es seitdem anstelle des Infoportals als wesentlich schnelleres Nachschlagewerk in Verbindung mit einer selbst erstellten elektronischen Ablage zur Fortschreibung und Ergänzung der Daten."
    „lohnt es sich, dieses kritische Globalisierungsbuch abseits des hektischen Internets in Ruhe zu lesen. Bei "Globalisierung: Legende und Wahrheit" handelt es sich um kein wissenschaftliches Buch, aber dafür um ein wissenschaffendes Buch für jedermann. Denn jedermann ist von der Globalisierung mehr oder weniger stark betroffen und fühlt sich getroffen von dem eigenen mangelnden Wissen über dieses "mitreißende Ereignis". Damit bei aller Aufklärung über "Legende und Wahrheit" der Globalisierung alles auch ein festes Fundament hat und nicht zu einer bloßen Ansammlung von frommen Wünschen wird, hat Jahnke auf über 200 allgemein anerkannte amtliche und andere unabhängige Datenquellen Bezug genommen, um seine für die neoliberalen Meinungsmacher teilweise unangenehmen und provokanten Thesen auch hieb- und stichfest belegen zu können."
    „Ich glaube, die Mühe und Arbeit die in Ihrem neuen Buch steckt hat sich wirklich gelohnt. Ich habe alle drei Bücher gelesen und muss sagen: SPITZE!!!"

Das ist eigentlich auch die schönste Werbung für ein Buch. Nun erreiche ich damit leider nur die Besucher der Webseite. Die meisten von ihnen kommen immer wieder und sind nun längst informiert. Aber Sie können mir und vor allem der Sache, um die es geht, dennoch helfen. Sie können das Buch weiterverschenken. Vor allem können Sie es weiterempfehlen und so bei einer weiteren nun notwendigen Verkaufswelle helfen, um der Sache willen. Für die Werbung können Sie auch Email-Signaturen verwenden, die Sie hier finden. So erreichte mich eine Nachricht von Attac Traunstein: "Ihre Bücher habe ich sofort bestellt, sie sind hochinteressant! Ich werde gleich noch eine Mail mit einer Empfehlung für Ihr neuestes Buch an unsere Mailliste schicken."


Gedanken zur Zeit 802 08-04-08: Das Dilemma kritischer Aufklärung

Wenn man, wie ich, mit kritischer Information und Analyse gegen die Volksverdummung der Normal-Medien antritt, läuft man Gefahr, Wasser auf die Mühlen der Radikalen von recht und links zu geben. Ich verfolge die Blogs und Foren, die Links zum Infoportal setzen. Die Zahl derer, die ich als radikal einstufen würden, ist erfreulich gering. Vom Verteiler der Rundbriefe habe ich immer die ausgeschlossen, die sich bei mir mit radikalen Positionen (meist von ganz Rechts) gemeldet hatten. Aber kontrollieren kann man natürlich nicht, ob eine korrekte Information in eine radikale Propaganda integriert wird.

Nun hatte ich eine lange Email-Diskussion über 6 Runden mit einem mir unbekannten 52-jährigen Mann, der mich vor den möglichen Konsequenzen meiner Kritik warnte: "Lesen Sie mal Ihre eigenen Berichte, was Sie für eine Vorlage geben für Menschen, die noch etwas mitdenken. Was bitte, sollen die Menschen tun, die Ihre Kommentare lesen , darüber nachdenken und zu ihrer eigenen Erkenntnis kommen. Sie sollten mal Stellung nehmen, bevor vielleicht doch eines Tages die Wut und Zorn über diese Erkenntnise sich in die falsche Richtung entfaltet."

Ich kann nun meine kritischen Gedanken nicht einstellen, weil jemand daraus die falschen Schlüsse ziehen könnte. Allerdings wird eines sehr klar an dieser Korrespondenz: Wenn es in Deutschland so mit dem bisherigen Kurs weitergeht, werden sich Teile der deutschen Bevölkerung wieder radikalisieren, und zwar mehr als den Politikern und uns allen lieb sein kann. Wenn Sie das verdauen können, lesen Sie bitte die Zuschriften, die ich von diesem sicher nicht untypischen Zeitgenossen erhalten habe und hier in der Anlage beifüge. Gute Nerven gehörten dazu. Aber es kann zugleich Augen öffnen. In gewisser Weise ähnlich, wenn auch von ganz anderer Seite, als meine Diskussion mit dem mittelständischen Unternehmer.


Gedanken zur Zeit 801 08-04-08: Die unselige BILD-Rentenkampagne

BILD kann es nicht lassen. Im redaktionellen Teil wird der heutige Tag wegen der heute zu beschließenden minimalen Rentenerhöhung weit unter der Inflationsrate zu einem "rabenschwarzer Tag für unser Rentensystem" erklärt und das mit Ausrufungszeichen. Dann wird im Kommentarteil auf Ausgewogenheit gemimt: ein Kommentar dafür und einer dagegen. Doch der dagegen ist emotional mit Worten wie diesen: "Es ist unerträglich, wie meine Generation bei der Rente belogen und betrogen wird! Ist das Generationen-Gerechtigkeit? Nein, das ist frecher Betrug der Politik an meiner Generation!" Da wimmelt es nur so von Ausrufungszeichen.

Dagegen ist der Kommentar dafür lammfromm und fast schon fürbittend. Das einzige Argument ist hier: "1,1 Prozent mehr für die Alten decken bei Weitem nicht die gestiegenen Kosten für das Lebensnotwendige." Und dann fehlt natürlich BILD-typisch nicht der Hinweis auf die private Vorsorge: "Seit dem Pillenknick war abzusehen, dass es immer weniger Junge geben würde, die für die Senioren sorgen könnten. Private Vorsorge war das Naheliegende."

Nun ist der Gegner der Rentenerhöhung mit fast 40 Jahren eigentlich auch kein Junger mehr, auch wenn er so klingen möchte mit seiner wenig abgeklärten Polemik. Schade ist nur, daß BILD die drei wichtigsten Argumente für diese und eine wesentlich stärkere Rentenerhöhung gar nicht bringt. Hier sind sie: Erstens, die Jüngeren steigern Ihr Einkommen vor allem durch Lohnerhöhungen, für die sie notfalls streiken können. Gegen wen sollen Rentner streiken? Zweitens, es braucht nur etwas steuerliche Umverteilung zu Lasten der einseitigen Aneignung des Produktivitätsfortschritts durch die Kapitaleigner, um Rentenerhöhungen ohne Beitragserhöhung gegenzufinanzieren. Die Skandinavier haben vorgeführt, wie das geht und niemand hat dort Angst vor Armut im Alter. Drittens, unsere Volkswirtschaft ist dringend auf ein Ende des Käuferstreiks angewiesen. Ohne mehr Massenkaufkraft, und dazu gehören die Renten, läuft das nicht.

BILD wird wohl erst schweigen, wenn das Massenblatt alle potentiellen Renter in eine Privatversicherung getrieben hat. Schließlich sind die BILD-Eigner der privaten Versicherungswirtschaft verbunden.

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 800 08-04-08: Hartz-IV Tribunal in Frankfurt

Am 18.01.2008 wurde im Frankfurter Gewerkschaftshaus ein "Hartz IV-Tribunal" veranstaltet. Angeklagt wurden die Bundesregierung und die hessische Landesregierung. Zu Wort kamen u.a. Prof. Friedhelm Hengsbach, Prof. Michael Wolf, Prof. Brigitte Stolz-Willig.

Stellvertretend wurden auf der Seite der Anklage 7 Einzelfälle vorgetragen. Die Verteidigung wurde durch einen Pflichtverteidiger vertreten. Offensichtlich fand sich kein anständiger Jurist, der bereit, bzw. in der Lage war die Angeklagten erfolgreich zu verteidigen.

Das Tribunal wurde per etwa 3-stündiges Video aufgenommen, das in vier Teile aufgeteilt ist: http://www.dicke-bohne-ticker.de/tribunal.html.

Auf dem Link: http://www.hessen.dgb.de/themen/Sozialpolitik/aloII/hartzIV_tribunal/index1 wird die schriftliche Dokumentation dieses Tribunals gezeigt (einzelne PDF-Dateien).

Ich bin gebeten worden, auf Video und Dokumentation aufmerksam zu machen und tue dies gerne.


Gedanken zur Zeit 799 08-04-08: Mal eben das Jahreseinkommen von mehr als 1,4 Millionen deutschen Arbeitnehmern verzockt

Die Eichmarke der von deutschen Banken verzockten und inzwischen abgeschriebenen Anlagen in miesen US-Papieren liegt nun bei 37 Mrd Dollar (siehe Abbildung). Das entspricht den durchschnittlichen Jahresarbeitseinkommen (netto) von 1,4 Millionen deutschen Arbeitnehmern. Sollten es 60 Mrd Euro werden, wie die deutsche Finanzaufsicht befürchtet, so entspräche das dem Jahreseinkommen von 3,4 Millionen Arbeitnehmern.

Fast zwei Drittel dieser Verluste von 37 Mrd Dollar sind bei Banken mit öffentlicher deutscher Beteiligung entstanden. Da hat der eine Arm des Staates gezockt, während der andere gerade mal 9 Mrd Euro mehr für die Rentner herausrückt (immer noch unter der Inflationsrate), wobei auch das noch von vielen Politikern als zuviel der Großzügigkeit angegiftet wird.

Eine ausführlichere Darstellung enthält der neue Rundbrief von heute.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 798 07-04-08: Die globale Kreditkrise: Alles nur unberechtigte Aufgeregtheiten?

In der nicht zu Aufgeregtheiten neigenden und ziemlich seriösen Financial Times findet nun seit Wochen eine ernsthafte Diskussion über das enorme Ausmaß der derzeitigen Krise an den Kreditmärkten statt. Die Hauptschlagzeile auf Seite 1 von heute lautet: "IWF-Chef ruft nach globaler Hilfe in der Krise" und berichtet dann über die Forderung von Regierungshilfen als dritte Abwehrfront nach der Geldpolitik der Notenbanken und der Haushaltspolitik der Regierungen zur Ankurbelung der Konjunktur. Strauss-Kahn vor dem IWF-Frühjahrstreffen der Finanzminister: "Ich glaube wirklich, daß die Notwendigkeit für eine öffentliche Intervention immer offensichtlicher wird." Dabei denkt er an den Einschuß öffentlicher Gelder zur Stabilisierung der Wertpapier-, Immobilien- und Bankensektoren. "Die notleidenden Hypotheken müssen restrukturiert werden. Wenn das Eigenkapital der Banken nicht schnell genug durch den Privatsektor repariert werden kann, wäre der Einsatz öffentlichen Geldes zu prüfen. Die Zentralbanken sind in ihren Möglichkeiten, die Wachstumsrisiken zu bekämpfen, durch die hohen Inflationsraten gehemmt."

Und weiter: "Die Krise ist global. Die sogenannte Abkoppelungstheorie ist total irreführend. Auch Entwicklungsländer, wie China und Indien, werden betroffen sein. Die Wirtschaftsprognose, die wir in den nächsten Tagen veröffentlichen werden, wird nicht sehr optimistisch sein."

Andererseits haben mich Zuschriften aus dem linken deutschen Spektrum erreicht, die alles andere als besorgt klingen: "Horrorszenarien und Krisenprophezeiungen sind in der modernen Medienwelt unverzichtbare Lieferanten von Schlagzeilen. Das sollte aber nicht daran hindern, diese Aufgeregtheiten zu hinterfragen. Dann stellt man schnell fest, dass die vielzitierte Liquiditätskrise bisher nicht existiert. Noch haben wir es mit einer Bonitätskrise zu tun. Krisen im Spielcasino sind etwas anderes als Krisen in der Realwirtschaft." "Bisher handelt es sich bei den "Verlusten" (der Banken) um Buchverluste, erst wenn die zugrunde liegenden Kredite nicht mehr bedient werden, entsteht ein realer Verlust. Dieser Aspekt verdient in der Diskussion nach meiner Auffassung mehr Beachtung, denn dadurch relativiert sich die Gefährdung der Realwirtschaft." "Die Rezession in den USA mit ihren Gefährdungen für die Weltwirtschaft hat nach meiner Einschätzung andere Gründe als die subprime crisis". "Die Gefährdung schätze ich geringer ein als Sie es in Ihren Beiträgen schildern."

Auch die meisten deutschen Medien wirken seltsam entrückt, wenn es um die sich global entfaltende Krise geht. Am meisten wird noch über die Verluste der Landesbanken und der IKB berichtet, weit weniger aber über das globale Panorama. Der deutsche Michel schläft wohl noch immer einen seltsam ruhigen Schlaf und träumt von der Abkopplung und dem ewigen Aufschwung, der am Ende auch überall ankommt, wie es uns die Medien im Regierungsauftrag einreden?.

Dagegen argumentiert, ebenfalls aus dem linken Spektrum, Heiner Flassbeck in der Jungen Welt sehr zutreffend. Ich kann fast jedes Wort unterschreiben.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 797 07-04-08: Nun auch von BILD der Schwanensang der Vollbeschäftigung

Es ist immer dasselbe Stück von Volksverdummung und es konnte ja nur eine Frage der Zeit sein, bis auch BILD in dieses falsche Horn blasen würde. Erst werden die angeblichen Rekorde an freien Arbeitsplätzen ins Schaufenster gestellt. BILD "Wenn das keine Super-Nachricht ist: Für 1,1 Millionen Menschen gibt es freie Arbeitsplätze. Der Aufschwung kommt also auf dem Arbeitsmarkt an." Dabei hat gerade die Arbeitsagentur einräumen müssen, daß sie die positive Entwicklung überzeichnet hat, denn bereits seit dem 2. Quartal des letzten Jahres sinkt das angebliche Angebot offener Stellen. In der verklausulierten Sprache der Bundesagentur: "Der gemeldete Stellenbestand hält sich auf hohem Niveau, allerdings mit rückläufiger Tendenz".

Dann wird unterschlagen, daß es sich bei den neuen Arbeitsplätzen ganz überwiegend um gering bezahlte und als Zeitverträge unsichere Arbeitsplätze handelt, die sehr wenig zu der Nachfrage der privaten Haushalte beitragen. Die war im letztgemeldeten Quartal rückläufig. Auch der Einzelhandelsumsatz lief bis zum letztgemeldeten Monat Februar weiter zurück (siehe Abbildung). Dennoch verkündet BILD: "Jeder neue Arbeitsplatz bringt den Beschäftigten mehr Geld, dem Staat mehr Steuern, den Unternehmen mehr Umsatz und Gewinn."

Nun weiß BILD natürlich, daß viele Arbeitslose nicht die notwendige Qualifikation aufweisen, so daß das verlockende angebliche Arbeitsangebot für sie eine Chimäre bleibt. Aber auch das löst BILD fugs: "Nicht jeder hat das Zeug zum Nobelpreisträger. Aber jeder kann noch dazulernen. Sehen wir es also positiv: Vollbeschäftigung ist möglich - wenn alle sie wollen. Die neue Job-Statistik zeigt es ganz deutlich: Dieses Land, unser Land, hat alle Chancen."

BILD sieht nicht positiv sondern schlicht irreführend.

Für mehr dazu siehe Kapitel 2 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 796 07-04-08: Wie können nur große Unternehmen darauf kommen, Gewerkschaftler zu kaufen?

Bei VW sind Gewerkschaftler gekauft worden. Bei Siemens wohl auch, auch wenn hier eine Gerichtsentscheidung noch aussteht. Nun soll auch die Supermarktkette Aldi nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung einen Mitarbeiter der Gewerkschaft AUB zur Schulung von Betriebsräten mit 120.000 Euro pro Jahr finanziert haben. Die PIN-Gruppe soll sogar eine eigene Gewerkschaft aufgestellt und finanziert haben. Es sind schlimme Zeiten, wenn sich solches ereignet und zeigt Perversionen der Mitbestimmung. Wenn man sie schon nicht abschaffen kann, kauft man sie. Am besten stellt man gleich seine eigene Pseudogewerkschaft auf.

So wird das deutsche Sozialmodell von einigen Arbeitgebern gleich dreimal geknackt. Einmal an der Lohnfront mit unsozialen Löhnen, unsicheren Zeitarbeitsverhältnissen und der Abwehr von Mindestlöhnen. Dann noch einmal mit dem Versuch, durch gekaufte Gewerkschaftler die ohnehin in Zeiten brutalen Globalisierungswettbewerbs ziemlich kümmerlichen Arbeitnehmerrechte in den Betrieben zu unterlaufen. Und schließlich mit der skrupellosen Selbstbedienung der Bestverdiener und Kapitaleigner.

Darf sich da jemand wundern, wenn der Frust der Arbeitnehmer ständig wächst? Übrigens: Auch hier gibt es Stück Globalisierung, denn z.B. in Frankreich hat der Arbeitgeberverband der Metallindustrie gleich eine Millionen Euro schwere schwarze Kasse zum Einkauf von Gewerkschaften geführt.


Gedanken zur Zeit 795 06-04-08: Die Krise, die aus der Realwirtschaft kam

Viele von uns können es nicht glauben, wo alle die Spekulationsgelder hergekommen sein sollen, die nun diese gigantische um den Globus greifende Kreditkrise ausgelöst und ganze Volkswirtschaften, wie die weltgrößte amerikanische, in die Rezession stürzen können. Viele glauben auch, wenn so viel den Bach herunter geht, muß es anderswo hinauf gehen, sprich eigentlich nur die Taschen wechseln zwischen Verlierern und Gewinnern der Krise. Daß die Krise auch in ihren eigenen Geldbeuteln Einzug hält, konnen sich diese Zeitgenossen, die doch selbst nie spekuliert haben, noch nicht richtig vorstellen.

Leider sieht die Realität anders aus. Der neue Beitrag im Wochenbuch handelt davon.


Gedanken zur Zeit 794 05-04-08: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!

Nach Berechnungen von Experten der Universität Fribourg unter Leitung von Prof. Hans Wolfgang Brachinger (Schweiz) sind die rund 20 Millionen deutsche Rentner sind von der hohen Teuerungsrate doppelt so stark betroffen wie die Durchschnittsbürger. Für ihre Einkäufe mussten sie im März durchschnittlich etwa 6 % mehr bezahlen als noch ein Jahr zuvor. Die Experten haben einen Index entwickelt, der die Preisentwicklung von 50 Waren misst, die besonders häufig von Senioren gekauft werden (vorwiegend Lebensmittel).

Rentner geben einen relativ großen Teil ihrer Rente für Lebensmittel aus. Die sind in den vergangenen Monaten besonders teuer geworden, z. B. Milch + 28 %, Käse + 27 %, Brötchen + 12 %. Auch das teure Benzin sowie die ständig steigenden Strom- und Gastarife fressen einen übermäßig großen Anteil der Rente auf. Dagegen profitieren sie von vielen Preissenkungen (z. B. bei Computern, Handys, Fernsehern), die die allgemeine Inflationsrate drücken, kaum, da sie diese Waren fast nie kaufen. Zu viel der knappen Renten muß für das Lebensnotwenige reserviert werden.

Demgegenüber sind die von der Bundesregierung mühsam auf den Weg gebrachten Rentenerhöhungen geradezu lächerlich und belassen real ein gewaltiges Minus in den Portemonais der Rentner. Was sind die Mehrkosten in etwa der gleichen Hòhe gegen die 9 Mrd Euro, die unter der Aufsicht des Bundes allein bei der Mittelstandsbank IKB eingeschossen werden müssen?

Und dann kommt auch noch der Arbeitgeberverband, der mit der negativen Lohnpolitik an der negativen Reallohnentwicklung Schuld ist, und warnt vor dieser kümmerlichen Rentenerhöhung ausgerechnet mit dem Argument, die Renten-Erhöhung werde die Netto-Löhne drücken. Den Unternehmen drohten dann höhere Abgaben - den Arbeitnehmern daher weniger Netto-Einkommen. So sorgt der Arbeitgeberverband für knappe Renten und sucht gleich noch nach Argumenten, seine negative Netto-Lohn- und Renten-Politik zu verkaufen. Warum nicht gleich: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!

Wo diese besonders deutsche Negativspirale hinführt, ist absehbar. Im Februar hatte Deutschland verglichen mit dem Vorjahr unter allen Alt-EU-Partnern die bei weitem schlechteste Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes. Gleichzeitig sind die Auslandsaufträge zum dritten Mal in Reihe zurückgegangen. Siehe Rundbrief von heute.

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 793 05-04-08: Die widerliche BILD-Hudelei einer Kanzlerin

So sehr BILD auf den Genossen rumhaut (bis auf Steinmeier, den BILD an die Spitze der SPD befördern möchte), so sehr hebt sie die Merkel in den Himmel. Die Lobhudelei wird langsam unerträglich. Hier Ausschnitte aus dem BILD-Kommentar und -Bericht zum Nato-Gipfel:

    „Dieser historische NATO-Gipfel wird der Kanzlerin gefallen haben! Und gleich zwei starke Männer mussten das neue Selbstbewusstein Europas - und vor allem der deutschen Kanzlerin - spüren. US-Präsident George W. Bush fährt von seinem letzten NATO-Gipfel ohne Abschiedsgeschenk nach Hause. Und Russlands Präsident Putin musste lernen: Russische Drohungen beeindrucken nicht einmal mehr die Zwergstaaten.
    Die Kanzlerin ist gestärkt und auch im Kreise der NATO-Regierungschefs jetzt ein echtes Schwergewicht. An der Stimme Deutschlands geht nichts mehr vorbei.
    Das ist gut so - aber auch Verpflichtung! Denn spätestens beim nächsten Krisenfall wird nicht nur Washington fragen: Wer setzt den Helm auf und marschiert voran?
    Wer darf mit Merkel am Tisch sitzen? So fröhlich feiern die Mächtigsten der Welt mit Kanzlerin Angela Merkel! Am letzten Abend des NATO-Gipfels trafen sich US-Präsident Bush und Russlands Präsident Putin am Tisch der Kanzlerin. Der Dinner-Tisch der Weltmächte - alle drängten sich um "General Charme" Angela Merkel!"

BILD-Großmacht Deutschland mit der Pickelhaube vorangehend. Bush und Putin auf den Knien (und am Tisch) der Großkanzlerin? So sieht die Groß-BILD Groß-Deutschland und die Groß-Kanzerlin. Groß-BILD marschiert voran! Ohne Groß-BILD und die Groß-Kanzlerin wäre Deutschland wirklich nur ein Zwergstaat.


Gedanken zur Zeit 792 04-04-08: Zwei Lebenslügen der Neoliberalen

Zur Verteidigung ihrer Positionen haben die Neoliberalen vor allem zwei Lebenslügen bereit. Erstens wird die neoliberale Globalisierung als unvermeidbar verkauft, was sie sicher nicht ist, zusammen mit all den anderen Legenden, die um sie gestrickt werden.

Zweitens wird das Geschehen auf den neoliberal globalisierten Finanzmärkten künstlich von der Realwirtschaft abgetrennt und ein Übergreifen so lange bestritten, bis es sich einfach nicht mehr bestreiten läßt. Dahinter steht der neoliberale Glauben an die Selbsregulierung der Finanzmärkte. George Soros beschreibt das sehr schön in der Financial Times von gestern: "Während der vergangenen etwa 25 Jahre haben sich die Finanzbehörden oder Regulierungsinstitutionen von einem Markt-Fundamentalismus lenken lassen: der Glaube, daß sich Märkte auf ein Gleichgewicht hin ausrichten und das Abweichungen davon nur zufällig stattfinden. Alle die vielen neuen Instrumente des Risikomanagements, Handelstechniken, die "Alphabet-Suppe" der Derivate und synthetischen Finanzinstrumente war auf diesem Glauben aufgebaut. Sie wurden nicht reguliert, weil die Behörden glaubten, daß die Märkte sich selbst korrigieren würden. Die Behörden reagierten auf platzende Spekulationsblasen nur immer hinterher. Sie hatten keine Fähigkeit der Vorraussicht, weil sie im Griff des markt-fundamentalistischen Fehlschlusses waren."

Man kann nur hoffen, daß mit der derzeitigen Krise an den Finanzmärkten und ihren bedauerlichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft der ganze Zauber des neoliberalen Fundamentalismus über Bord geht. Es gibt keine sich schön und schmerzlos selbst korrigierenden Finanzmärkte im luftleeren, von der Realwirtschaft entfernten Raum. Und schon gar nicht mehr, seit das Kunstgeld der Derivate verschiedener Formen 80 % der Weltliquidität und fast 900 % der Weltwirtschaftsleistung erreicht hat (siehe Abbildung). Für Naivität zu Lasten der Allgemeinheit sollte kein Platz in unserer Gesellschaft mehr sein.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 791 04-04-08: Mehr als 600 Rundbriefe

Die Zahl der täglich oder wöchentlich versandten Rundbriefe hat jetzt die 600 Empfãnger umrundet. Die meisten werden wöchentlich versandt und geben einen kompletten Überblick mit Links über das Geschehen im Infoportal der jeweils letzten Woche sowie einen ausgewählten Tagesrundbrief. Auch die Webseite hat jetzt mit über 1,4 Millionen Seitenaufrufen eine neue Marke passiert (soweit sie registriert werden können).

Dies zusammen mit meinem jüngsten brandaktuellen Buch, das sich gut zum Lesen, Nachschlagen und Verschenken eignet, ist mein Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über die neoliberale Form der Globalisierung, die auch in Deutschland immer tiefere soziale Gräben aufwirft. Mein Leitspruch steht auf dem Bucheinband: "Globalisierung fällt nicht vom Himmel. Wenn die Menschen verstehen, wie sie gemacht wird, können sie anfangen, ihre Auswüchse wirkungsvoll einzudämmen."


Gedanken zur Zeit 790 04-04-08: Von der kreativen Destruktivität des Kapitalismus

Das Wort in der Überschrift stammt vom großen deutschen Wirtschaftswissenschaftler Schumpeter (gestorben 1950). Nun gibt es aber viele, die wollen es in der derzeitigen Kreditkrise nicht gelten lassen. Dann bekomme ich Zuschriften mit dem Argument, Geld könne nicht "verbrannt" sondern nur umverteilt werden, oder das Ganze sei ein "Nullsummenspiel". Das klingt dann verdammt harmlos, und Menschen, die nicht spekulieren, können sich entspannt zurücklehnen. Die Umverteilung findet ja nur zwischen den Spekulanten statt.

Leider sieht die kapitalistische Welt anders aus und hat Schumpeter recht. Von Zeit zu Zeit werden in Krisen riesige Werte versenkt, die nirgendwo wieder auftauchen. Finanzkrisen haben es an sich, auch in die Realwirtschaft überzugreifen und die zu treffen, die nicht spekuliert haben. Wenn die Leute in USA wegen der Hypotheken- und Immobilienkrise aus Ihren Häusern fliegen, geht nicht nur einfach das Haus in andere Hände, sondern werden Familien in die Enge getrieben und um jeden Kredit gebracht. Wenn - wie immer wieder geschehen - die Spekulation fluchtartig ganze Länder verläßt, bleiben Ruinen und enorme Schäden zurück. Wenn die Kreditkrise in die Realwirtschaft übergreift, wie sie es derzeit mit der beginnenden Rezession in USA tut, gehen Arbeitsplätze verloren, die nirgendwo wieder als Kapitalzuwachs auftauchen. Wenn wegen der spekulierenden Banken die Notenbanken den Blick von der Inflationsrate nehmen müssen, werden wir alle ärmer, weil unser Geld weniger kauft. In diesen Fällen gewinnt niemand, was kaputt geht.

Wäre es freilich eine feste Menge an Geld, die wie in einem Kasino eingesetzt und je nach Glück verteilt würde, dann hätten wir in der Tat ein Nullsummenspiel, das auch kaum in die Realwirtschaft übergreifen könnte. Der Unterschied zum Kasino ist allerdings, daß die Spekulation auf den Finanzmärkten ständig neues Geld geschaffen hat. Das Kunstgeld ist ein dramatisches Vielfaches des real eingesetzten Geldes geworden, weil immer mehr auf Kredit spekuliert worden ist. Derivative entsprechen vom Volumen her bereits 855 % der gesamten Wirtschaftsleistung der Welt (siehe Abbildung). Platzt ein Teil dieser Blase, so kehren die Weltfinanzmärkte nicht einfach in einen Normalzustand zurück, in dem dieselben Chips wieder neu verteilt werden können. Statt dessen kommt es wie derzeit zu heftigen Überreaktionen mit enormer Kreditverknappung, weil keine Bank mehr der anderen traut (siehe stark gestiegenen Euribor-Zins) und viele nicht mehr ihren normalen Kunden. Man nennt das auch englisch "deleveraging" oder eine Verkürzung des Kreditelements allgemein. Das produziert dann die Schäden und Pleiten in der Realwirtschaft, von denen niemand was hat. Es ist halt wieder einmal die kreative Destruktivität des Kapitalismus, die sich hier austobt und viel mehr als ein Nullsummenspiel.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 789 03-04-08: IKB: Weiter „Haltet den Dieb!"?

Der Bundesfinanzminister mimt die Unschuld. In der BILD-Zeitung erklärt er: „Es könne nicht sein, dass sich Landesbanken oder ein Institut der Mittelstandsfinanzierung mit amerikanischen Hypotheken verzocken". Eine Abschreibung von 24 Milliarden Euro an Einlagen (bei der IKB) hätte seiner Ansicht nach gravierendere Folgen gehabt - bis hin zu Insolvenzen in breiten Wirtschaftsbereichen. Nicht zuletzt dank des Hilfspakets bleibe die Krise größtenteils auf die Finanzbranche beschränkt. Er habe keine Anhaltspunkte dafür, dass sie sich zu einer Wirtschaftskrise für Deutschland ausweiten könnte.

Erstens saß das Bundesfinanzministerium im Aufsichtsrat der IKB, die hier mit der „ Mittelstandsbank" gemeint ist, und außerdem Steinbrück selbst als stellvertretender Vorsitzender im Verwaltungsrat der Mutterbank KfW. Zweitens hat Steinbrück selbst in seiner Regierungserklärung zur Finanzmarktkrise vom Februar davon gesprochen, daß die Bundesregierung mit ihrer Hilfsaktion verhindere, daß andere Banken durch die Krise bei der IKB mit in Mitleidenschaft gezogen würden. Die Kreditwirtschaft hat nämlich bei der IKB Einlagen von rund 24 Milliarden Euro. Also handelt es sich nicht um ein Hilfspaket, daß die Finanzbranche ausnimmt, sondern umgekehrt um eines, mit dem den Gläubigerbanken der IKB geholfen wird.

Vielleicht erfahren wir noch eines Tages, um welche es sich da handelt. Vielleicht die Deutsche Bank und andere?

Und noch etwas: Der US-Versicherer Financial Guarantee Insurance Company (FGIC) wirft der IKB in einer 1,9 Mrd Dollar-Klage vor, bereits am 29. November 2006 bei dem US- Versicherer vorstellig geworden zu sein und bereits dann die Risiken der Anlage im Subprime-Markt gekannt zu haben. Laut eigenen Angaben will die Bank jedoch erst im Sommer 2007 die riskanten Geschäfte auf dem US-Immobilienmarkt erkannt haben. "Die IKB muß die Gefahren im Subprime-Markt geahnt haben, sonst hätte sie keine Versicherung gesucht. Dazu kommt, dass solche großen Deals eine strategische Komponente hatten - das geschieht eigentlich nicht ohne Wissen des Aufsichtsrats", sagte ein Finanzexperte der Süddeutschen Zeitung.


Gedanken zur Zeit 788 03-04-08: Von der perversen Psyche der Börse und der Börsianer

Da schreiben einige Banken erneut hohe Verluste ab, und Bankaktien machen weltweit einen Sprung nach oben. Börsianer scheinen nach dem Motto gehandelt zu haben: "Das war's dann". Da müssen selbst die Banken und erst recht die Regierungen den plötzlichen Optimismus dämpfen.

Der Grund für solch plötzlichen Optimismus ist recht einfach. Nur ein kleiner Teil der Spekulationsblase ist bisher geplatzt und hat die Spekulanten wirklich ärmer gemacht. Noch immer sind enorme Reichtümer draußen, die sich nicht beliebig lange in "cash" oder Sparstrümpfen halten lassen oder die auch an den Rohstoffbörsen keine profitablen und gleichzeitig sicheren Anlagen finden. Also schwappt die Riesensuppe immer wieder zurück in die Börsen. Die Suppe wird wegen der global immer ungleicheren Einkommens- und Wohlstandsverteilung trotz der Krise immer größer. Solange nicht an der Wurzel repariert wird, und das ist diese Verteilung, werden immer neue Blasen aufgeblasen werden.

George Soros weist zurecht darauf hin, daß bisher wirksame Lösungen für die Kreditkrise nicht einmal angedacht sind. Das Gerede um eine Verstärkung der Bankenaufsicht sei oberflächlich und es bedürfe keiner neuen Regeln, hätte nur die Bankenaufsicht in der Vergangenheit ihre Arbeit gemacht. Dagegen hingen zwei riesige Damokles-Schwerter über den Finanzmärkten, für die keine Lösung in Sicht sei. Das eine seien Credit Default Swaps, mit denen Gläubiger versuchten, das Kreditrisiko aus hochriskanten Anlagen abzusichern. Das derzeitige ausstehende Volumen sei mit nominal 45 Billionen Dollar etwa halb so groß wie das Vermögen aller amerikanischer Haushalte oder fünfmal so groß wie die öffentliche Schuld der USA. Hier könne es jederzeit zu Kurzschlußreaktionen kommen, wenn die ersten Versicherungen zusammenbrächen, weil die Gegenpartei in die Pleite gehe. Das andere Risiko sei der amerikanische Hypothekenmarkt, an dem nach Soros in den kommenden zwei Jahren etwa 40 % von 6 Millionen Hypotheken anbrennen werden.

Da kann einem wirklich Angst werden, wenn man die Traumtänzer an der Börse beobachtet. Übrigens, heute tanzen sie schon wieder zurück.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 787 03-04-08: Leben, um zu leben

Von Zeit zu Zeit muß ich mich nach Südfrankreich retten, um mein Gleichgewicht, das vielleicht schon in meinen hugenottischen Vorfahren angelegt wurde, wiederzufinden. Es ist jetzt 14:00 Uhr mitteleuropäsiche Zeit. Die Straßen dieser sonst pulsierenden Stadt sind zwischen 13:00 und 15:00 leer, bis auf ein paar Touristen, die sich nicht anpassen konnten. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel. In einer Stunde werden viele Menschen wieder aus ihrem Refugium auftauchen, und ohne die Miesegrämigkeit langer Arbeitszeiten. Denn hier herrscht immer noch 30-Stunden-Woche.

Wenn die Arbeit gleichmäßiger verteilt wäre, könnte sich auch Deutschland bequem eine 35-Stunden-Woche leisten. Aber da arbeiten die einen Überstunden und die anderen tragen zur höchsten Langzeitarbeitslosenquote in Europa bei. Vom Leben wie Gott in Frankreich sind wir weit entfernt. Dazu kommt noch ein anderer Umstand. Die Franzosen verteidigen ihre Lebensqualität, notfalls mit großen Straßendemonstrationen gegen die Regierung. In Deutschland wird resigniert. In Frankreich hat keine Regierung gewagt, an dem legalen Renteneintrittsalter von 60 Jahren zu rütteln, auch Sarkozy nicht, wobei das durchschnittliche reale Renteneintrittsalter bei 58,8 Jahren liegt. Arbeit bekommt hier keine Vorfahrt vor Leben. In Deutschland ist es wohl eher umgekehrt.


Gedanken zur Zeit 786 03-04-08: Warum kriegen einige Funktionsträger die Linkspartei bei Tibet die Kurve nicht?

Es ist schon erstaunlich. Die chinesische Führung kann im Tibet tun, was sie will, in der deutschen Linkspartei trifft sie auf wenig Kritik. Nun legt auch noch die Stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der Hamburger Bürgerschaft auf ihre große Chinaliebe oben drauf: „Die VR China hat sich aus der Erniedrigung kolonialer Abhängigkeit durch das imperialistische Ausland durch einen langen Krieg befreit" (dabei verweist sie auf die Rolle des Deutschen Reichs bei der Niederschlagung des Boxeraufstands vor 108 Jahren, als wäre das gestern). „Die Weltgesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten keine guten Erfahrungen mit Religionsführern gemacht, die sich als Repräsentanten gesellschaftlicher Opposition in die Politik gedrängt haben. Ich erinnere zum Beispiel an Chomeini." Den Dalai Lama mit dem blutrünstigen Chomeini zu vergleichen, schaft nur Ganz-Links in Deutschland. Vielleicht hatte Frau Scheider die Mao-Bibel in der Tasche? Da hilft auch wenig, wenn der stellvertretende Fraktionschef der Linken im Bundestag, Bodo Ramelow später abwiegelt: „Ein Vergleich des Dalai Lama mit Chomeini verbietet sich."

Zur Aufkärung hier ein paar Zitate aus dem Munde führender chinesischer Kommunisten in einem ganzseitigen Beitrag zu Tibet der seriösen Financial Times: „Buddhismus ist eine fremde Kultur und ein Hindernis für Wirtschaftswachstum" (Chen Kuiyan, Pekings Statthalter im Tibet während acht Jahren). „Die kommunistische Partei China ist wie der Vater der Tibeter und nimmt immer Rücksicht auf das, was seine Kinder brauchen. Das Zentralkommittee ist der wirkliche Buddha" (Zhang Qingli, Staathalter seit 2005, der die „patriotische" Umerziehung in den Klöstern vorangetrieben hat, bei denen die Mönche dem Dalai Lama abschwören mußten). „Der Dalai Lama ist ein Monster mit einem menschlichen Gesicht und einem tierischen Herzen" (Zhang Quingli).


Gedanken zur Zeit 785 03-04-08: Die Geschichte mit dem lesefaulen Vater und denen, die zu schnell resignieren

Heute erreichten mich zwei nicht ganz untypische Kommentare zu meinem Buch. Einer schrieb:

    "Nachträglich wollte ich zu Ihrem neuen Buch gratulieren, was sogar mein ansonsten lesefauler Vater in zwei Tagen verschlang. Da Capo!"

Ein anderer schrieb etwas länger:

    "Ich habe gerade eben ihr Buch bestellt. Annähernd jeden Tag besuche ich ihre Internetseite und nun wollte ich auch einmal ihre Arbeit honorieren. In gewisser Weise ist ihre Arbeit leider umsonst, da es einfach zu wenige Leute erreicht. Darüber hinaus wollen die meisten Menschen (zumindest in meinem Bekanntenkreis und im Unternehmen) nicht wirklich nachdenken. Sie sind keineswegs ungebildet (nahezu alle haben Studienabschluß) und informieren sich täglich in den Medien über Gott und Welt, ABER wer die schöneren Bilder zeigen kann und wer den schöneren Anzug auf der unheimlich wichtigen Pressekonferenz trägt, dem wird dann am Ende geglaubt. Ihre Arbeit wird also nicht wirklich ernstgenommen werden, da sie ja keine Posten bekleiden u.s.w.. Das ist traurig, aber bittere Realität. Da denke ich mir dann immer, dass doch am Ende immer alle das bekommen was sie verdienen. Und die deutsche Bevölkerung hat genau diese Politiker verdient und ebenfalls auch genau diese Unternehmen verdient. Sie könnte sich informieren und sie könnte politisch aktiv werden... wird sie aber nie. Solidarität innerhalb der Bevölkerung besteht ebenfalls kaum noch und wird sicherlich auch noch weiter absinken. Hoffentlich täusch ich mich, aber ich sehe schwarz für die Zukunft."

So sehr ich mich über den ersten Kommentar gefreut habe, so sehr hat mich der zweite gestört. Es ist doch genau diese Reaktion der Resignation und sich Abfindens, die die Neoliberalen erzeugen wollen. Und leider ist das in Deutschland so viel leichter als in vielen anderen Ländern, z.B. in Frankreich, von wo aus ich diese Gedanken formuliere. Ich habe dann sofort geantwortet:

    "Ich denke, Sie täuschen sich doch etwas. Die Verhältnisse lassen sich ändern, was in einer Demokratie immer möglich ist, wenn das Niveau an Unzufriedenheit ausreichend steigt. Die Menschen sind in Deutschland übewiegend alles andere als zufrieden. Natürlich braucht es eine Menge an Aufklärung und Multiplizierung durch Weiterreichen. Meine Arbeit wird schon von sehr vielen Menschen durchaus ernst genommen. Sonst wäre die Webseite nicht so oft aufgerufen worden. Ausserdem steht sie in ihrem Bemühung um Aufklärung nicht allein. Also nicht resignieren! Das macht sonst die Situation nur noch schlimmer."

Übrigens: Mein Buch ist auch eines gegen die Resignation. So heißt es schon auf dem äußeren Umschlag: "Globalisierung fällt nicht vom Himmel. Wenn die Menschen verstehen, wie sie gemacht wird, können sie anfangen, ihre Auswüchse wirkungsvoll einzudämmen."


Gedanken zur Zeit 784 02-03-08: Wir alle am Fuß der einstürzenden Pyramide, was tun?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Fuße einer riesigen Pyramide. Nun kommt ein gewaltiges Erdbeben. Steine fallen von der Spitze. Sie können sich gerade noch retten.

Nun stellen Sie sich vor, zwei große Erdbeben kommen gleichzeitig, und diese Pyramide steht auf dem Kopf. Sie selbst befinden sich neben diesem kleinen engen Kopf am unteren Ende. Der Finanzmarkt mit all dem Kunstgeld aus Derivativen, hochriskanten und vielen faulen Krediten ist eine solche auf dem Kopf stehende Pyramide, die man sehr gut grafisch darstellen kann (siehe Abbildung).

Wir erleben jetzt zwei solche globalen Erdbeben, eines in der Finanzwirtschaft mit ohne Notenbankgeld insolventen Großbanken, viele davon nach hohen Verlustabschreibungen ohne ausreichende Kapitalbasis, und eines in der Realwirtschaft mit einem zusammenstürzenden Immoblienmarkt in USA und der Gefahr, daß nun auch der amerikanische kreditfinanzierte Konsum als Motor der Weltwirtschaft ausfällt. Zu allem Überfluß kündigt sich noch ein weiteres Beben mit kräftigem Inflationsschub global an. Auch das wird Ersparnisse und Einkommensstrukturen teilweise begraben. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young sollen sich auch in den Büchern der deutschen Banken faule Kredite aus sämtlichen Ausfallrisiken und nicht nur faulen amerikanischen Hypothekenpapieren im Gesamtumfang von rund 200 Milliarden Euro verstecken. Was sollen wir am Fuß der einstürzenden Pyramide tun?

Die Kreditwirtschaft denkt derzeit das Undenkbare. Am Freitag diskutierte das Financial Stability Forum in Rom Wege aus der Krise. Die Ergebnisse sollen Mitte April den G7 vorgelegt werden. Darunter sind so radikale Vorschläge, wie ein Abgehen von den derzeitigen Bewertungsregeln, nach denen die gesunkenen Marktpreise als realistischer Wert für die faulen Kreditmarktpapiere anzusetzen sind, aber auch daß die Regierung zur Rekapitalisierung der Banken mit Steuerzahlergeld Beteiligungen an diesen erwerben. Nach anderen Vorstellungen könnten die Steuerzahler direkt in die faulen Papiere einsteigen, entweder durch Aufkauf der Papiere durch die Regierungen oder indem die Notenbanken diese Papiere als Sicherheiten für Kredite an die Banken in ihre eigenen Bücher nehmen. In jedem Fall sollen die Verluste sozialisiert werden.

Der Chef-Ökonom der Financial Times Martin Wolf sieht in seinem Kommentar von heute nur drei Lösungen zur Vermeidung einer noch größeren und langandauernden Krise, die alle auf ein Einspringen des Steuerzahlers hinauslaufen: erstens Aufkauf der faulen Papiere durch die Regierungen, zweitens Rettung des amerikanischen Immoblienmarktes durch öffentliche Finanzierung und drittens eine Absenkung der privaten Schulden durch Zulassen hoher Inflations- bzw. Geldentwertungsraten. In jedem Fall würden entweder durch Staatsverschuldung oder durch die Inflation diejenigen, die nicht spekuliert haben, an die Kasse gebeten. Sagte da jemand, daß seien alles "alte Hüte" der Globalisierung?

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 783 02-04-08: Die Arbeitsmarktlügen mit den immer kürzeren Beinen

Selbst der sonst immer überoptimistische Spiegel-online merkt es und nennt es einen "schlappen" Frühlingsaufschwung am Arbeitsmarkt. Wie anders klingen da Agentur und Regierung. Es ist der übliche Triumphalismus, auf den wohl nur noch wenige hereinfallen, was die weiterhin negative Tendenz des Einzelhandelsumsatzes zeigt.

Das fängt mit der Bundesagentur für Arbeit selbst an: "Die deutsche Wirtschaft befindet sich weiter auf Wachstumskurs, der allerdings etwas an Dynamik verloren hat. Auf dem Arbeitsmarkt ist aber keine Abschwächung zu erkennen. Die Arbeitslosigkeit ist im März deutlich gesunken. Die Beschäftigung wächst weiter, und die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften bleibt auf hohem Niveau." Wie üblich vollmundig der Bundesarbeitsminister unter der Überschrift "Zahlen, die Mut machen": "Erneut gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt: über 617.000 weniger Arbeitslose als vor einem Jahr, 110.000 weniger gegenüber dem Vormonat. Vollbeschäftigung in Deutschland ist möglich. Sie wäre erreicht, wenn niemand länger als ein Jahr arbeitslos wäre" (man beachte die Umdefinition der Vollbeschäftigung!).

Und der Bundeswirtschaftsminister muß dann schnell sein Süppchen gegen die Mindestlöhne und für die Zeitarbeit kochen: "Die Arbeitsmarktreformen der Vergangenheit tragen jetzt Früchte. Sie haben neben der wirtschaftlichen Dynamik und aktuell den günstigen Witterungsbedingungen ganz maßgeblichen Anteil am Beschäftigungsaufschwung. Dagegen schadet es der Beschäftigung, flächendeckend Mindestlöhne einzuführen, die Jobmaschine Zeitarbeit abzuwürgen oder Arbeit durch weitere Lohnzusatzkosten zu verteuern. Richtschnur für unser politisches Handeln muss bleiben, den Kurs zu halten und die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes zu stärken."

Doch wenn man genauer hinsieht, wie es das Infoportal immer tut, sickert durch die Ritzen durch, daß es eben doch zu einer Abschwächung der Arbeitsmarktentwicklung gekommen ist (trotzt aller statistischen Manipulationen in die Gegenrichtung), nur daß sie eben im Kleingedruckten der Bundesagentur versteckt wird:

    "Der gemeldete Stellenbestand hält sich auf hohem Niveau, allerdings mit rückläufiger Tendenz". Dahinter verbirgt sich der Skandal, daß die Bundesagentur viel zu lange wachsende Zahlen von Stellenangeboten gemeldet hat, während die Tochter IAB schon seit dem Frühjahr letzten Jahres rückläufige Zahlen meldet.
    "Die Arbeitslosigkeit hat sich von Februar auf März um 110.000 auf 3.507.000 verringert. Ein Rückgang ist in diesem Monat üblich; er fiel etwas schwächer aus als im März 2007."
    "Saisonbereinigt errechnet sich ein Minus von 55.000, nach -74.000 im Februar und -90.000 im Januar" (also immer weniger Rückgang!).

Und was sollen wir davon halten? Nur noch 56,5 % der Arbeitslosgengeldempfänger werden als arbeitslos registriert werden (siehe Abbildung); vor einem Jahr wurden noch 62,9 %.

Einen vollständigen Bericht finden Sie im neuen Schwerpunkt.

Für mehr dazu siehe Kapitel 2 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 782 31-03-08: Werden die Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst wirklich real mehr bekommen?

5,1 % (2008) und 2,8 % (2009) sind im Durchschnitt 3,95 % pro Jahr mehr. Davon ab geht für alle, die bisher 38,5 Stunden gearbeitet haben - und das sind die Arbeitnehmer der meisten Kommunen in Westdeutschland - und demnächst 39 Stunden pro Woche oder 1,3 % mehr arbeiten sollen, genau dieser Anteil. Bleibt unter dem Strich 2,65 % pro Jahr mehr, wenn man es auf die Arbeitsstunden bezieht. Die Inflationsrate lag im März bei 3,1 % mehr (siehe Abbildung). Niemand erwartet derzeit einen wesentlichen Rückgang der Inflation und bisher macht sie auch nicht den geringsten Ansatz zum Rückzug. Gerade Energie und Nahrungsmittel werden unter dem Ansturm der chinesischen Nachfrage auf den Weltmärkten immer teuerer werden. Die gefühlte Inflation bei einem realistischer Warenkorb liegt ohnehin zwischen 6 % und 9 %. Macht real mindestens (!) 0,45 % Arbeitseinkommen pro Stunde weniger, kann aber realistisch und gefühlt betrachtet auch bis zu 10 % weniger sein. Habe ich da was nicht verstanden?

Die deutsche Binnenkonjunktur wird jedenfalls mit diesem Tarifabschluß nicht in einen Boomzustand zu versetzen sein. Aber vielleicht haben die Tarifparteien eine andere Mathematik als die, die ich gelernt habe, zur Verfügung?


Gedanken zur Zeit 781 31-03-08: Ein (fremdes) Buch, das mich schlecht schlafen läßt

Keine Angst: Hier geht es einmal nicht um mein eigenes Buch. Zum Einschlafen brauchen viele Menschen etwas Bettlektüre, so auch ich. Nun hat mir meine Frau ein dickes Buch des britischen Journalisten Robert Fisk geschenkt. Bei 1.368 Seiten sollte man oft und gut schlafen können. Leider ist nun das Gegenteil der Fall. Doch ich kann das Buch nicht weglegen. Sein Titel: „Der große Krieg für Zivilisation".

Fisk zeichnet Etappe für Etappe, Jahr für Jahr die militärischen Einsätze der USA, Großbritanniens, Israels, der UdSSR, der Türkei und der Nato gegen meist islamische Bevölkerungen in Palästina, Afghanistan, Irak, Iran (über die vom Westen unterstützte Aggression Saddams) und der Türkei (Armenier, Kurden) nach. Auch islamische Terroristen und Diktatoren, vor allem Saddam, werden gebührend ins Visier genommen.

Gestern fiel mir das Einschlafen über diesem Buch besonders schwer. Auf Seite 881 kam ich an ein Kapitel mit der Überschrift „The Plague". „Plague" heißt so viel wie Pest oder Seuche. Beschrieben werden hier die fünf Jahre von 1994 bis 1999 andauernde permanente Bombardierung des Irak, vor allem seiner südlichen Landesteile in der Nähe zu Kuweit. Es war ein Erschöpfungskrieg, bei dem Saddams Regime in die Knie gebombt werden sollte, Hauptleidtragende aber Zivilisten waren.

Nun gab es vor wenigen Jahren in Großbritannien eine lange Diskussion über das sogenannte „Golf Syndrom", nämlich unerklärliche Nervenerkrankungen britscher Soldaten, die im ersten Golfkrieg von 1991 eingesetzt gewesen waren und viele Jahre später erkrankten. Sie verlangten Entschädigungen vom Verteidigungsministerium, die sie nicht bekamen. Schuld war offensichtlich, was später „DU" genannt wurde, oder depleted unranium, ein Abfallprodukt der Kernkraftwerke, das in Panzermunition wegen seiner Härte verwandt wurde.

Die eigentlichen Opfer waren aber hohe Zahlen an Krebserkrankungen bei Zivilisten, vor allem Kindern im Irak, die nach dem Panzereinsatz von 1991 noch der fünfjährigen Bombardierung ausgesetzt worden waren. Denn auch viele der von den Kampfflugzeugen abgeworfenen Sprengsätze waren mit DU gehärtet. Insgesamt sollen amerikanische Panzer 5.000 Runden DU und amerikanische Kampfflugzeute sogar zehntausende abgefeuert haben. Fisk spricht von einer regelrechten Krebsepedimie, vor allem bei Zivilisten im Süden des Landes, die am meisten von der Verwendung von DU schon im Krieg von 1991 und dann in den Bombardierungen bis 1999 betroffen waren.

Nun fragt man sich: Welcher Waffenproduzent in USA konnte nicht die Folgen eines Uraniumeinsatzes im Krieg, vor allem bei Zivilisten, erahnen? Welches in den Kauf verwickeltes Rüstungsamt mußte nicht wissen oder wenigstens erahnen, was das für die von Bombardierungen betroffene Zivilbevölkerung bedeuten würde? Hat es wenigstens Test vor der Waffenproduktion gegeben? Ist jemals jemand zur Verantwortung gezogen worden? Warum hat man immer nur von den Folgen unter amerikanischem und britischem Militär gehört, nie aber - soweit ich mich erinnern kann- unter der Zivilbevölkerung? Und vor allem, gehört DU immer noch zur Ausrüstung der Militärs?

Mir ist die Einstellung hinter solchem Einsatz praktisch "schmutziger Nuklearwaffen" unbegreiflich. Vielleicht hilft das zum Verständnis (wieder aus Fisk): Madeleine Allbright, geb. Korbel, wurde 1996 damals als amerikanische UN-Botschafterin unter Clinton in CBS news 60 Minutes von Anchor Leslie Stahl gefragt: „Wir haben gehört, daß eine halbe Million Kinder gestorben sind (zur Erklärung: Vor allem wegen des Embargos gegen Irak). Ich meine, das sind mehr Kinder als die in Hiroshima gestorbenen. War der Preis das wert?" Antwort: „Ich denke, es ist eine sehr harte Wahl, aber der Preis - wir glauben der Preis ist es wert."


Gedanken zur Zeit 780 31-03-08: Keine Verspätungen mehr - Bitte Buch wieder bestellen

Der Verlag hat mir heute morgen mitgeteilt: „In der Woche vor Ostern und in der Woche nach Ostern sind wir mit unserem Verlag in größere Büro- und Lagerräume umgezogen. Davon war leider auch unser Server betroffen, der in dieser Zeit nicht permanent aktiv sein konnte. Online-Bestellungen sind daher teilweise erst mit ein paar Tagen Verspätung bei uns eingetroffen".

Sie können also mein neues Buch nun ohne die vom Verlag erklärten Verzögerungen bestellen. Dies ist leider die einzige Form, die ich mangels eines großen Verlages mit Werbeetat und Auslage beim Buchhandel habe, um auf das Buch aufmerksam zu machen. Die erste Welle ist im Vertrieb offensichtlich gelaufen, und nun ist mehr Werbung und Weiterempfehlen notwendig.

Bisher habe ich nur begeisterte Kommentare erhalten. Es muß sich also lohnen, das Buch zu kaufen und auch weiterzuempfehlen (und es erhält zudem diese Webseite). Gegenüber der Informationssuche auf dem Internet, auch auf dem Infoportal, sparen sie mit der Lektüre und dem Nachschlagen in meinem Buch unheimlich viel Zeit, zumal es pointiert und damit leichter zu lesen geschrieben und reich mit Grafiken ausgestattet ist. Viele kaufen es auch zum Weiterverschenken.


Gedanken zur Zeit 779 31-03-08: Der Rentenskandal

Leider ist der Begriff „Skandal" so abgenutzt, daß man ihn gar nicht gebrauchen möchte. Doch alle anderen Begriffe klingen viel zu milde für, was ich den „Rentenskandal" nenne. Unser Rentensystem könnte sehr leicht durch eine entsprechende Steuerpolitik wie in den skandinavischen Ländern auf eine solide Basis gestellt werden. Man könnte so die einseitige Aneignung des Produktivitätsfortschritts durch die Kapitaleigner verhindern und diesen in die Renten umleiten. Alle Menschen in Deutschland könnten ohne Angst vor dem Alter leben. Dagegen liegt Deutschland beim Renteneinkommen gemessen am letzten Arbeitseinkommen so ziemlich am Ende des internationalen Feldes (siehe Abbildung). Das gilt besonders für die kleineren Arbeitseinkommen, weil es keine Mindestrenten gibt. Und deutsche Politiker streiten über eine lächerliche Rentenanhebung weit unter der Inflationsrate und vom Volumen her geringer als das, was in der IKB unter der Kontrolle der öffentlichen KfW und eines hochrangigen Vertreters der Bundesregierung im IKB-Aufsichtsrat an Milliarden vergeigt wurde.

Statt dessen sind die Zahlungen aus neuen Versichertenrenten allein zwischen 1996 und 2006 real schon um 19 % gefallen und mit anziehender Inflation fallen sie jetzt noch schneller (siehe Abbildung). Das läßt sich nur als Skandal bewerten. Die ergänzende Privatversicherung ist für einen sehr großen Teil der Bevölkerung mangels Masse keine Lösung und dient im Übrigen nur der Versicherungswirtschaft.

Ein häufiger Besucher meiner Webseite hat mir einen Beitrag für das Wochenbuch zur Verfügung gestellt, in dem Sie den Rentenskandal beschrieben finden.

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 778 30-03-08: Dümmer gehts nicht: Schon wieder das Geschwafel von der Vollbeschäftigung

Der SPIEGEL-online: „So viel Einigkeit ist selten. Vertreter von Arbeitgebern, -nehmern und Regierung halten jetzt für möglich, was lange undenkbar schien: Vollbeschäftigung in Deutschland. In naher Zukunft könne es soweit sein."

Ganz vorne Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) natürlich in Bild am Sonntag: „Wir haben 1,6 Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit geholt - jeden Tag entstehen 1400 neue Arbeitsplätze. Deutschland sei auf dem besten Weg zur Vollbeschäftigung im nächsten Jahrzehnt, wenn nun die Weichen richtig gestellt würden. Die von der SPD geforderten Mindestlöhne wirkten dieser Entwicklung entgegen." Die Angst der Neoliberalen vor dem Mindestlohn provoziert also das Versprechen der Vollbeschäftigung. Aber es ist auch die Angst vor dem Exporteinbruch bei stagnierender Binnennachfrage der privaten Haushalte. Mit frohen Botschaften sollen sie endlich zum Geldausgeben bewegt werden. Morgen mit dem Arbeitsmarktbericht vom März mehr in diesem Theater.

Ist „Vollbeschäftigung" wirklich erreichbar? Ja, sie ist es. Doch nur, wenn

Erstens, die Arbeitslosenzahlen weiter so manipuliert werden. Schon jetzt werden nur noch 59 % der Arbeitslosgengeldempfänger als arbeitslos registriert, vor einem Jahr wurden noch 66 % registiert (siehe Abbildung).Nun werden ab dieses Jahr auch noch die älteren Arbeitslosen aus der Statistik entfernt: Wer nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, ohne dass ihnen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten worden ist, gilt nach Ablauf dieses Zeitraums für die Dauer des jeweiligen Leistungsbezugs nicht mehr als arbeitslos.

Zweitens, wenn Arbeitslose immer brutaler über ungeeignete 1-Euro-Jobs und, was die Agentur euphemistisch „ intensivere Betreuung von Arbeitslosen sowie die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus" nennt, in einen künstlichen Beschäftigtenstatus gezwungen oder jedenfalls aus der Arbeitslosenstatistik aussortiert werden.

Drittens, wenn immer mehr Arbeitnehmer in Billigstarbeit und unsichere Zeitverträge abgeschoben werden (siehe Abbildung).

Viertens, wenn man die Wochenarbeitszeit und die Lebensarbeitszeit verkürzt statt ständig zu verlängern.

Fünftens, wenn sich das derzeit aus demographischen Gründen rückläufige Arbeitskräfteangebot, das nach aktuellen Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2008 jahresdurchschnittlich um rund 90.000 abnehmen wird, so fortsetzt und wir mit Vollbeschäftigung in 10 Jahren zufrieden sind.

Sechstens, wenn endgültig alle Rezessionen und Wirtschaftskrisen von der Politik ausgeschlossen werden.

Na dann, Du schöne Welt der Glos u.Co.! Und hoffentlich kein Mindestlohn! Übrigens dies ist die langfristige Entwicklung der Arbeitsstunden in Deutschland: pro Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter seit 1960 ein Minus von 30 % (siehe Abbildung).

Für mehr dazu siehe Kapitel 2 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 777 30-03-08: Wie lange kann die Rezession in USA dauern?

Viele fragen sich jetzt, da sich offensichtlich Europa nicht so einfach von der Wirtschaftsentwicklung in USA abkoppeln kann, wie lange soll das eigentlich dort noch dauern mit dem Abschwung? Eine Antwort darauf gibt die Betrachtung früherer Abschwünge seit 1959. Merrill Lynch hat die sieben Abschwünge an Hand von 10 Indikatoren analysiert und grafisch aufbereitet (siehe Abbildung).

Leider befinden wir uns immer noch am Anfang der neuen Abschwungphase. Der Rückgang liegt bisher erst bei 0,4 Punkten. Frühere Abschwünge gingen bis zu 2,3 Punkten nach unten.

Für mehr dazu siehe Kapitel 9 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 776 29-03-08: Derzeit einige Tage Verzögerung in der Auslieferung von „Globalisierung: Legende und Wahrheit", doch Warten lohnt sich

Mein neues Buch ist über die Osterzeit etwas stärker geordert worden. Einige hatten es wohl in den ruhigeren Tagen lesen wollen. Bei Amazon kam das Buch bis auf den 3. Platz unter 100 Büchern über das Thema Globalisierung, die Amazon auflistet (und liegt heute unter den ersten Plätzen pendelnd auf dem 10.Platz).

Dummerweise ist gleichzeitig der Verlag umgezogen, so daß es zu einigen Verzögerungen in der Auslieferung gekommen ist.

Bitte lassen Sie sich durch wenige Tage Warte nicht entmutigen. Bisher habe ich nur begeisterte Kommentare erhalten. Es muß sich also lohnen, das Buch zu kaufen und auch weiterzuempfehlen (und es erhält zudem diese Webseite). Gegenüber der Informationssuche auf dem Internet, auch auf dem Infoportal, sparen sie mit der Lektüre und dem Nachschlagen in meinem Buch unheimlich viel Zeit, zumal es pointiert und damit leichter zu lesen geschrieben und reich mit Grafiken ausgestattet ist. Viele kaufen es auch zum Weiterverschenken.

Und noch etwas. Einige Buchhändler haben sich dumm gestellt und das Buch angeblich nicht gefunden. Wahrscheinlich mögen sie es nicht besonders, weil es nicht über den Grossisten libri mit Sondernachlässen für den Buchhandel kommt und kein Werbeetat eines großen Verlages den Buchhändlerappetit anregt. Dazu schreibt mir der Verlag weiter: „In der Deutschen Nationalbibliothek ist Ihr Werk ebenso wie im Verzeichnis lieferbarer Bücher von vornherein gelistet gewesen. Es hätte sonst nicht schon unmittelbar mit Erscheinen unter Buchhandel.de, der öffentlich zugänglichen Plattform des VLB stehen können. Mich wundert ohnehin, dass die Buchhändler nicht standardmäßig dort nachschauen, wenn sie sich schon kein tagesaktuelles Online-Abonnement des VLB leisten, sondern nur die alle sechs Wochen upgedatete CD-ROM-Version. Aber leider haben wir auf die Aktivitäten des Handels keinerlei Einfluss. Ich hoffe aber, dass es sich bei den genannten Erfahrungen um Einzelfälle handelt."

Schade. In meinem nächsten Leben werde ich Buchhändler und nehme mich der „Underdogs" an!


Gedanken zur Zeit 775 29-03-08: Warum die Bankenaufsicht nur bellen, aber nicht beißen darf

Um richtig zu beißen, bräuchte die Bankenaufsicht dringends neue Zähne. Mit ihren derzeitigen Zähnchen würde sie sich dieselben ausbeißen. Also bellt sie nur. Neue Zähne bräuchte sie dringend, weil nur so das Vertrauen in die Banken wieder herzustellen wäre. Aber auch die Regierungen bellen nur, wenn sie eine schärfere Bankenaufsicht ankündigen, wie jetzt Präsident Busch oder der deutsche Finanzminister.

Der Grund ist banal. Eine schärfere Bankenaufsicht müßte für weit höhere Eigenkapitalquoten sorgen. Nie wieder darf eine Bank, wie die IKB, mit einer so dünnen Eigenkapitaldecke von nur 2,7 % rumturnen. Eine schärfere Bankenaufsicht müßte auch auf einer korrekten Bewertung der hochriskanten Anlagen der Banken bestehen. Das geht aber nur, wenn die Bewertung dieser Anlagen zu jeweiligen Marktpreisen, die derzeit extrem niedrig sind, stattfindet. Beides würde, um eine Pleite zu vermeiden, bei den Banken starke Kapitalerhöhungen erfordern, die derzeit am Markt jedoch gar nicht oder nur schwer zu realisieren sind. Bei den öffentlichen Banken in Deutschland, wie den Landesbanken oder der mehrheitlich öffentlichen IKB, müßte der Steuerzahler für noch mehr Kapital einspringen, als er es jetzt schon tut. Nur dann würden die Banken von dem hohen und dünnen Seil einer extrem knappen Eigenkapitaldecke herunterkommen. Wenn sie das Kapital aber zur Zeit nicht am Markt aufnehmen können, würde sie eine schärfere Bankenaufsicht in die Pleite treiben.

Also versucht man sich durchzuwurtschteln. Die Regierungen bellen, beißen aber nicht. Die Bankenaufsicht kann ohne neue Zähne ohnehin nicht beißen. Was heißt das? Soweit nicht die privaten Rating Agenturen darauf bestehen, werden Abschreibungen auf hochriskante Papiere weiter nur von Quartal zu Quartal tröpfeln, statt endlich reinen Tisch zu machen. Bei einem reinen Tisch kämen allein auf die deutschen Banken nach Einschätzung der Bankenaufsicht, einschließlich der schon vorgenommenen, bis zu 60 Mrd Euro an Abschreibungen zu (zur Erinnerung: Der Streit um die Minirentenerhöhung geht um 9 Mrd Euro verteilt über zwei Jahre).

Einstweilen rekapitalisieren sich die Banken überall in einem langen Prozeß über höhere Gebühren zu Lasten ihrer Kunden. Dabei geben sie die von den Zentralbanken abgesenkten Zinsen, vor allem die Sonderkonditionen für Banken, nicht weiter. Wenn Sie jetzt bei Ihrer Sparkasse auf Ihr Sparbuch einzahlen, räumt sie Ihnen großzügig einen Zins von 0,5 % ein. Entscheiden Sie sich für ein Geldmarktkonto, das sie über Internet selbst führen müssen und daher der Bank keine Kontoführungskosten erzeugt, erhalten Sie großzügig einen Zins von 3,34 % (und bei der EZB kann sich Ihre Bank notfalls derzeit Drei-Monatsgeld zu 4,5 % holen). Doch dann nimmt die Bank dieses vergleichsweise billige Geld und kann es derzeit zu 4,73 % an andere Banken weiterverleihen oder als Dispositionskredit für 14,25 % bzw. als Überziehungskredit für sogar 19,5 % weiterreichen. Variable Zinsen bei Hypotheken werden derzeit zu etwa 5,7 % eingeräumt. Kein schlechtes Geschäft, oder?

Die Banken profitieren auch davon, daß sich ihre Schulden mit höherer Inflation real vermindern, wobei die Notenbanken mit ihren gigantischen Liquiditätsspritzen an die Banken und ihrer „milden" Zinspolitik die Inflation nicht ausreichend im Schach halten können. Die Bayerische Landesbank soll sogar die Gründung einer Gesellschaft, die ihr rund 20 Milliarden Euro an riskanten Wertpapieren abnehmen soll, erwägen, um so das Risiko aus der eigenen Bilanz auszulagern. Doch keine beißende Bankenaufsicht dürfte nicht noch einmal eine solche und anderen Manipulationen an den Bilanzen durch ausgelagerte Vehikel zulassen.

Derweil steigt das Mißtrauen auch zwischen europäischen Banken immer weiter, wie der steigende Zwischenbankzins Euribor ausweist. Er ist seit einem Tiefpunkt Anfang Februar schon wieder von 4,28 % auf 4,73 % gestiegen und damit weit über den Zentralbankzins von 4 % (siehe Abbildung).

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Wirtschaftsstandort

Hinweis auf mein neues Buch: "Globalisierung: Legend und Wahrheit - Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme" - ist im März 2008 im Shaker-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 978-3-940459-56-5). Zur Bestellung hier.