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Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006) und "Deutschland global" (2005)


(774) „Protektionismus" - die große Sprachverwirrung (noch eine Reaktion auf Zeit-Herdentrieb)

(773) Drei Meldungen von heute

(772) Keine Zensur bei Zeit-Herdentrieb

(771) Neue Kunst-Argumente gegen den Mindestlohn

(769) Immer wieder einseitige BILD-Parteinahme gegen die Arbeitnehmer

(767) Wer kann das „Aufschwung auch für Rentnerinnen und Rentner" nennen?

(766) Deutschland: Immer mehr Reiche, immer mehr Arme

(765) Hat die Bankenaufsicht versagt und wer übernimmt die politische Verantwortung?

(764) Warnungen in Eis

(763) Zahlt der Automat meine Rente?

(762) Ein Lehrstück in mittelständischem Denken

(761) Warum ist es so schwer, die Zeichen der neoliberalen Globalisierung zu sehen?

(760) Hört diese Rede!

(759) Deutschland Deine Unternehmer - Nie so viel gelernt oder „Welcome to the real world"

(758) Tibet als Lackmus-Test

(757) Wer ist besser Fed oder EZB? Antwort: Keine

(756) Ostern - War's das? Nein

(755) Signatur-Werbung für Infoportal

(754) „Too big to fail" - Das Undenkbare denken: Wann werden die Gewinne der Banken sozialisiert?

(753) Eine „Tibet-Schwalbe" macht noch keinen Sommer

(752) China und die deutschen Preise

(751) Warum man BILD, der „größten" Zeitung Europas, auf die Finger schauen muß

(750) Die globale Krise und die „alten Hüte"

(749) Deutsche Linke und Tibet

(748) Buch gegen Internet

(747) Totales Chaos in der Präsentation offener Stellen

(746) Reaktionen auf meinen "Hilfe-Ruf"




Gedanken zur Zeit 775 29-03-08: Warum die Bankenaufsicht nur bellen, aber nicht beißen darf

Um zu beißen, bräuchte die Bankenaufsicht dringends neue Zähne. Mit ihren derzeitigen Zähnchen würde sie sich dieselben ausbeißen. Also bellt sie nur. Neue Zähne bräuchte sie dringend, weil nur so das Vertrauen in die Banken wieder herzustellen wäre. Aber auch die Regierungen bellen nur, wenn sie eine schärfere Bankenaufsicht ankündigen, wie jetzt Präsident Busch oder der deutsche Finanzminister.

Der Grund ist banal. Eine schärfere Bankenaufsicht müßte für weit höhere Eigenkapitalquoten sorgen. Nie wieder darf eine Bank, wie die IKB, mit einer so dünnen Eigenkapitaldecke von nur 2,7 % rumturnen. Eine schärfere Bankenaufsicht müßte auch auf einer korrekten Bewertung der hochriskanten Anlagen der Banken bestehen. Das geht aber nur, wenn die Bewertung dieser Anlagen zu jeweiligen Marktpreisen, die derzeit extrem niedrig sind, stattfindet. Beides würde, um eine Pleite zu vermeiden, bei den Banken starke Kapitalerhöhungen erfordern, die derzeit am Markt jedoch gar nicht oder nur schwer zu realisieren sind. Bei den öffentlichen Banken in Deutschland, wie den Landesbanken oder der mehrheitlich öffentlichen IKB, müßte der Steuerzahler für noch mehr Kapital einspringen, als er es jetzt schon tut. Nur dann würden die Banken von dem hohen und dünnen Seil einer extrem knappen Eigenkapitaldecke herunterkommen. Wenn sie das Kapital aber zur Zeit nicht am Markt aufnehmen können, würde sie eine schärfere Bankenaufsicht in die Pleite treiben.

Also versucht man sich durchzuwurtschteln. Die Regierungen bellen, beißen aber nicht. Die Bankenaufsicht kann ohne neue Zähne ohnehin nicht beißen. Was heißt das? Soweit nicht die privaten Rating Agenturen darauf bestehen, werden Abschreibungen auf hochriskante Papiere weiter nur von Quartal zu Quartal tröpfeln, statt endlich reinen Tisch zu machen. Bei einem reinen Tisch kämen allein auf die deutschen Banken nach Einschätzung der Bankenaufsicht, einschließlich der schon vorgenommenen, bis zu 60 Mrd Euro an Abschreibungen zu (zur Erinnerung: Der Streit um die Minirentenerhöhung geht um 9 Mrd Euro verteilt über zwei Jahre).

Einstweilen rekapitalisieren sich die Banken überall in einem langen Prozeß über höhere Gebühren zu Lasten ihrer Kunden. Dabei geben sie die von den Zentralbanken abgesenkten Zinsen, vor allem die Sonderkonditionen für Banken, nicht weiter. Wenn Sie jetzt bei Ihrer Sparkasse auf Ihr Sparbuch einzahlen, räumt sie Ihnen großzügig einen Zins von 0,5 % ein. Entscheiden Sie sich für ein Geldmarktkonto, das sie über Internet selbst führen müssen und daher der Bank keine Kontoführungskosten erzeugt, erhalten Sie großzügig einen Zins von 3,34 % (und bei der EZB kann sich Ihre Bank notfalls derzeit Drei-Monatsgeld zu 4,5 % holen). Doch dann nimmt die Bank dieses vergleichsweise billige Geld und kann es derzeit zu 4,73 % an andere Banken weiterverleihen oder als Dispositionskredit für 14,25 % bzw. als Überziehungskredit für sogar 19,5 % weiterreichen. Variable Zinsen bei Hypotheken werden derzeit zu etwa 5,7 % eingeräumt. Kein schlechtes Geschäft, oder?

Die Banken profitieren auch davon, daß sich ihre Schulden mit höherer Inflation real vermindern, wobei die Notenbanken mit ihren gigantischen Liquiditätsspritzen an die Banken und ihrer „milden" Zinspolitik die Inflation nicht ausreichend im Schach halten können. Die Bayerische Landesbank soll sogar die Gründung einer Gesellschaft, die ihr rund 20 Milliarden Euro an riskanten Wertpapieren abnehmen soll, erwägen, um so das Risiko aus der eigenen Bilanz auszulagern. Doch keine beißende Bankenaufsicht dürfte nicht noch einmal eine solche und anderen Manipulationen an den Bilanzen durch ausgelagerte Vehikel zulassen.

Derweil steigt das Mißtrauen auch zwischen europäischen Banken immer weiter, wie der steigende Zwischenbankzins Euribor ausweist. Er ist seit einem Tiefpunkt Anfang Februar schon wieder von 4,28 % auf 4,73 % gestiegen und damit weit über den Zentralbankzins von 4 % (siehe Abbildung).

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 774 29-03-08: „Protektionismus" - die große Sprachverwirrung (noch eine Reaktion auf Zeit-Herdentrieb)

Das Wort ist eine verbale Vernichtungswaffe: „Protektionismus". Sie wird gegen jeden gerichtet, der die neoliberale Form der Globalisierung kritisiert und für ein vernünftiges Management dieses sonst Amok laufenden Prozesses eintritt. Die Globalisierung, so wie sie jetzt stattfindet, schafft immer mehr Verlierer, auch in Deutschland, bei denen selbst ein Wirtschaftsaufschwung nicht mehr ankommt. Diese Globalisierung teilt die Gesellschaften zwischen Ländern und innerhalb der Länder immer mehr in Arm und Reich auf und drückt gleichzeitig die Mittelklassen zusammen. Das kann doch nun wirklich nicht mehr bestritten oder gar übersehen werden.

Nun sind die Werkzeuge bekannt und vorhanden, mit denen die Globalisierung vernünftig gemanaged werden kann. Sie sind völlig legal und unverzichtbar, wenn ein fairer Wettbewerb stattfinden soll. Im Warenverkehr ist es die Abwehr gedumpter Waren durch einen Anti-Dumpingzoll, wie er in der Welthandelsordnung vorgesehen ist. Auf den Arbeitsmärkten sind es die Immigrationsvorschriften, die fast alle Länder praktizieren, um die sozialen Schäden aus dem Zustrom billigster Arbeitskraft zu vermeiden (ein weiteres wichtiges Instrument ist hier der Mindestlohn). Im Finanzverkehr ist es die Beschränkung von Transfers, mit denen Steuern hinterzogen werden sollen oder - neuerdings im Vordergrund - Terrorismus finanziert werden soll. Vor allem aber ist es die Regulierung der Finanzmärkte durch Aufsichtsbehörden, die die interne und grenzübergreifende Spekulation eindämmen soll, wo sie andererenfalls die Stabilität von Banken und anderen Institutionen gefährdet. Wie gesagt, daß ist alles völlig normal und verdient keinerlei Kritik und schon gar nicht den Vorwurf des Protektionismus.

Derzeit schwimmen den Neoliberalen durch die Kreditmarktkrise eine Menge Felle davon. Für den neoliberalen Chef-Ökonomisten der FT, Martin Wolf ist der Traum vom globalen auf den freien Markt gegründeten Kapitalismus schon gestorben: „In Zukunft werden weit größere Regulierungen notwendig werden. Die Fähigkeit, die Profite zu genießen, während die Verluste auf die Gesamtgesellschaft abgeschoben werden, muß beschränkt werden. Ein unreguliertes, aber subventioniertes Kasino wird die Mittel nicht gut anlegen." So kündigt denn auch der US Finanzminister eine Reform der Regulierung an: „A financial regulatory framework which we believe will more effectively promote orderly markets."

Doch es gibt andere, die holen auch jetzt den Knüppel „Protektionismus" aus dem Sack und glauben davor warnen zu müssen. So meldet sich in der Zeit Dieter Wermuth mit der Warnung: „Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist eine Wiedereinführung der Kapitalverkehrskontrollen, oder ein neuer Protektionismus. Wollen wir die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung wirklich aufgeben?" Wer will denn das? Was sollen denn solche Unterstellungen an die Kritiker einer neoliberalen Globalisierung? Dabei warf mir Dieter Wermuth in der ursprünglichen, jetzt auf meinen Protest korrigierten Fassung vor, die Liberalisierung des Kapitalverkehrs und die Finanzkrise zusammengeworfen zu haben, und setzt dann über seine Epistel die Überschrift:„Globalisierung nicht schuld an der Bankenkrise". Natürlich ist eine Liberalisierung des Kapitalverkehrs ohne eine gleichzeitige Aufrüstung der Aufsichtsbehörden und deren internationale Kooperation ein perfektes Rezept für eine Bankenkrise!

Hier noch ein Ausdruck aus der Schrift von Freddie Mac, der größten öffentlichen amerikanischen Hypothekenbank, die ganz offen vorführt, wie die miesen Papiere auf die globalen Finanzmärkte verschoben wurden, und das ohne ausreichende Regulierung (siehe Abbildung).

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 773 28-03-08: Drei Meldungen von heute

Meldung 1: Viel Kritik an der Mini-Rentenerhöhung, weil die über zwei Jahre 9,1 Mrd Euro kosten soll (die das Bundesarbeitsministerium allerdings später zurückholen will).

Meldung 2: Zusätzlich zu den 8,5 Mrd Euro soll die IKB noch einmal 1,25 Mrd aus der KfW-Bundestasche bekommen, macht zusammen 9,75 Mrd Euro.

Meldung 3: Die Verbraucherpreisinflation ist im März um nun schon 3,1 % über dem Vorjahr (siehe Abbildung), darunter Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke um 7,3% bis 9,6%, Heizöl um zwischen 35,8% und 44,3%, Kraftstoffe um 11,6% bis 14,4%. Die gefühlte Inflation liegt ohnehin beim Doppelten oder Dreifachen über der registrierten Inflationsrate. Die Rentner verlieren allein mit der offiziellen Inflation derzeit jedes Jahr 6,6 Mrd Euro, also wesentlich mehr als die so heiß diskutierte Mini-Erhöhung, die doch weniger ist, als was bei der IKB an öffentlichen Mitteln verlorengeht.

Armes Deutschland, bei dem die Proportionen so sehr verloren gegangen sind!


Gedanken zur Zeit 773 28-03-08: Keine Zensur bei Zeit-Herdentrieb

Eben erreicht mich folgende Mitteilung vom Zeit-Herdentrieb-Adminstrator: „Wenn ein Kommentar in unserem Spamfilter landet, dann hat das nichts aber auch gar nichts mit Zensur zu tun, um die Sache mal bei ihrem Namen zu nennen. Ein Spamfilter filtert nicht nach Meinungen, die vertreten werden, sondern nach bestimmten Algorithmen und Merkmalen, nach denen er Kommentare als Spam einstuft oder nicht. Leider hat unser Spamfilter die dumm Angewohnheit immer wieder Kommentare als Spam zu klassifizieren, obwohl sie das nicht sind. Das ist ein technisches Problem, dass wir leider bisher noch nicht in den Griff bekommen haben. Da wir aber um dieses Problems wissen, überprüfen wir regelmäßig, was er so eingefangen hat. Im Herdentrieb geht keine Meinung und kein Standpunkt verloren."

Damit ziehe ich meine Vermutung einer Zensur zurück.


Gedanken zur Zeit 771 28-03-08: Neue Kunst-Argumente gegen den Mindestlohn

In einem Gemeinsamen Aufruf der Präsidenten und Direktoren der Wirtschaftsforschungsinstitute vom 12. März 2008 „Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!" wird argumentiert: „Wie nachteilig ein hoher Mindestlohn für die Beschäftigung ist, zeigt sich in Frankreich. Dort stellt der Mindestlohn, der gut 15 Prozent der Beschäftigten betrifft, gerade für Jugendliche eine hohe Markteintrittshürde dar und führt zu deutlichen Arbeitsplatzverlusten bei eringqualifizierten und Jugendlichen." Und dazu hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft dann noch ein Argumentenpapier, in dem es ähnlich heißt: „Ein Blick nach Frankreich müsste die Mindestlohnbefürworter hierzulande eigentlich eines Besseren belehren. Dort werden viele - vor allem junge - Arbeitnehmer gar nicht erst eingestellt, weil ihre Arbeitskraft zu teuer ist. Die Folge ist hohe Arbeitslosigkeit insbesondere unter jugendlichen Migranten. Trotzdem fordern deutsche Gewerkschaften einen ähnlich hohen Mindestlohn."

Der Verleich mit Frankreich ist nicht seriös, und das aus mehreren Gründen. Erstens hängt die höhere Jungendarbeitslosigkeit in Frankreich auch damit zusammen, daß dort weniger hart und rabiat gegen Arbeitslose vorgegangen worden ist, als das in Deutschland auf der Basis der Hartz-Gesetze und der 1-Euro-Jobs geschieht.

Zweitens und noch wichtiger: Die Zahlen, die normalerweise für den Anteil an jugendlichen Arbeitslosen angegeben werden, beziehen sich auf den Anteil an nur den Jugendlichen, die entweder als beschäftigt oder arbeitslos gemeldet sind. Hier liegt der Anteil Frankreichs nach den Eurostat-Zahlen für 2007 mit 19,2 % weit höher als in Deutschland mit 11,2 %. Allerdings berücksicht dieser Vergleich nicht die Jugendlichen, die sich in Vollzeitausbildung befinden, und die sind in Frankreich mit 2/3 der Altersgruppe besonders hoch. Bezieht man dann die arbeitslosen Jugendlichen auf alle Jugendlichen, einschließlich derer in Vollzeitausbildung, so liegen die Arbeitslosenquoten mit 6,2 % für Deutschland und 7,1 % für Frankreich ziemlich eng bei einander (siehe Abbildung).

Drittens gehört ein großer Teil der arbeitslosen Jugendlichen zu Immigrantenkindern aus Nordafrika, die insgesamt schlecht integriert sind, und das nicht nur beim Arbeitsmarkt. Hier wirkt die koloniale Vergangenheit Frankreichs nach, die Deutschland so nicht gehabt hat. Mit dem Mindestlohn hat dies gar nichts zu tun.

Übrigens bei der besonders belastenden Langzeitarbeitslosigkeit sieht es in Frankreich viel besser als in Deutschland aus. Der Anteil ist in Deutschland fast doppelt so hoch als in Frankreich (siehe Abbildung).

Für mehr dazu siehe Kapitel 2 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 769 28-03-08: Immer wieder einseitige BILD-Parteinahme gegen die Arbeitnehmer

Es war zu erwarten: BILD erregt sich über die Ablehnung des Schlichterspruches im öffentlichen Dienst:

„ Augenmaß statt Muskelspiel! Sind die Gewerkschaften eigentlich noch zu retten? Satte 8 Prozent Lohnerhöhung bei ein wenig Mehrarbeit im öffentlichen Dienst lehnen sie kaltschnäuzig ab. Einfach so. Ohne eine Sekunde nachzudenken! Das ist im höchsten Maße töricht und unverantwortlich. Wer so handelt, verrät das Fehlen jeder wirtschaftspolitischen Kompetenz. Jetzt drohen unbefristete Streiks und Stillstand. Und beides können wir uns nicht leisten! Das zarte Pflänzchen des Aufschwungs dürfen wir nicht mutwillig zertrampeln lassen. Aber genau das würde geschehen, wenn jetzt ein machtpolitisches Muskelspiel jedes Augenmaß im Tarifkonflikt ersetzen würde. Die Gewerkschaften wollen Macht demonstrieren - auf Kosten aller. Sie sollten sich schämen, denn Macht ist letztlich eine Frage der Verantwortung. 8 Prozent sind echt viel - gerade heute! Die meisten Arbeitnehmer in Deutschland würden jubeln bei diesem Angebot."

Und wieder verfälscht BILD die Wahrheit, indem der Eindruck erweckt wird, die 8 % seien für ein Jahr. Bei 4 % pro Jahr und um die 3 % Inflation und Arbeitszeitverlängerung ist das allerdings kein Angebot zum Jubeln und im Ergebnis nicht viel mehr als die Inflation, also reale Stagnation. Man möchte BILD ein bißchen mehr Augenmaß wünschen. Aber das würde nicht in die arbeitnehmerfeindliche Richtung dieses deutschen Massenblattes passen. Übrigens, Deutschland hat vor Japan und Luxemburg den schlankesten Staat gemessen am Anteil öffentlich Beschäftigter an allen abhängig Beschäftigten (siehe Abbildung).

Für mehr zum Thema „armer Staat" siehe Kapitel 7 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 768 27-03-08: Der Zeit-Herdentrieb und die Illusionen des Asset Managers

Im Zeit-Herdentrieb meldet sich heute Dieter Wermuth mit der Erkenntnis schon in der Überschrift: „Globalisierung nicht schuld an der Bankenkrise". Albrecht Müller soll ihn vorgestern gebeten haben, Stellung zu beziehen in einer Diskussion, die jener mit mir über das Thema “Liberalisierung des Kapitalverkehrs und Finanzkrise” geführt haben soll. Albrecht Müller, für den die Globalisierung auch in ihrer neo-liberalen Ausprägung nur ein alter Hute ist, hat jedoch gar nicht mit mir diskutiert - seit mehr als einem Jahr meidet er mich wie der Teufel das Weihwasser.

Wermuths Glosse im Herdentrieb ist ein unglaubliches Stück an Traumtänzerei um die neo-liberale Version der Globalisierung, der Dieter Wermuth wohl auch selbst anhängt, zumal er mit seiner Wermuth Asset Management GmBH im Anlagengeschäft auf riskanten Märkten tätig ist.

Ich habe darauf reagieren müssen. Die Referrenzen zu Wermuth sind in meiner Reaktion enthalten:

Lieber Dieter Wermuth,

Ihren Optimismus, ja Ihre Illusionen in Ehren. Aber da werfen Sie uns doch ein bißchen viel Sand in die Augen, zumal Sie selbst im Finanzsektor Ihr Geld verdienen.

Von einer „vorwiegend auf die USA und Großbritannien beschränkten Krise des Investment Banking und der Hypothekenbanken" kann doch keine Rede sein, wenn man sich die Situation nicht nur der IKB und vieler deutscher Landesbanken, sondern auch noch die Gewinnwarnung der Deutschen Bank ansieht und zur Kenntnis nimmt, daß die Dresdner Bank wohl an die Chinesen verscherbelt werden wird, weil auch sie zu viele Leichen im Schrank hatte. Etwa die Hälfte der miesen Verbriefungen konnten von USA nach Europa verkauft werden, und die deutschen Banken sind besonders betroffen (nach den schweizer und bisher vor den britischen).

Einige wichtige Kreditmärkte, auf denen sich bisher Unternehmen finanziert haben, sind total zu oder nur über hohe Zinszahlungen erreichbar. Von einem generellen Zusammenbruch der Kreditmärkte habe ich entgegen des Hinweises von Albrecht Müller nie gesprochen.

Ihre Aussage: „Die Banken trauen einander nicht mehr so recht. Sie leihen sich zwar noch Geld, haben aber ihre Risikoaufschläge erhöht. Das ist für den Sektor insgesamt ein Nullsummenspiel und nicht sehr bedrohlich, wenn ich das recht sehe" ist eine geradezu gefährliche Verharmlosung, weil Sie dabei unterschlagen, daß die Notenbanken zur Vermeidung eines Stand-Still Milliarden an Liquidität mit Krediten an die Banken hineinwerfen und einen großen Teil der miesen Kreditverbriefungen als Sicherheit in die eigenen Bücher nehmen. Wenn Sie sagen: „Wir erleben allerdings einen dramatischen Strukturwandel der Finanzmärkte, wie er alle paar Jahre vorkommt", dann bitte ich, mir doch mitzuteilen, wann der letzte derart dramatische stattgefunden haben soll, der einen ähnlich gigantischen Eingriff der Notenbanken notwendig gemacht hätte. In USA vermutet man nach der Notrettung von Bear Stearns mit Steuerzahlergeld, daß das wohl in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre der Fall war.

Und wenn Sie schreiben: „Grundsätzlich sind die Probleme aber beherrschbar", dann zeigt das eigentlich nur, daß Sie weder in der Haut der Regierungen, noch der Bankenaufsicht, noch gar der Notenbanken sind. Die Fed greift derzeit, nachdem der Zins schon real negativ ist, zur letzten Munition, vor dem Einsatz von Steuerzahlergeld über Bear Stearns hinaus. Die nun erwarteten Schäden der Krise gehen weit über alles hinaus, was seit der Weltwirtschaftskrise an Finanzmarktkrisen stattgefunden hat, auch wenn die Börsen davon noch weitgehend verschont geblieben sind. Während frühere Krisen nur zeitweise Überbewertungen von Anlagen waren, geht es diesmal um echt faule Kredite in gigantischem Umfang.

Vielleicht sollte ich Sie auf Martin Wolf hinweisen, den neo-liberalen Chef-Ökonomisten der FT. Für den starb am 14. März mit der Finanzhilfe für Bear Stearns der „dream of global free market capitalism". Er bezieht da auch die Ackermann-Äußerung ein, wonach dieser nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes glaube. Und weiter bei Martin Wolf: „Für drei Jahrzehnte habe wir uns in Richtung eines vom Markt bestimmten Finanzsystems bewegt. Mit der Entscheidung, Bear Stearns zu retten, habe die Fed, Hauptprotagonist des free market capitalism, das Ende dieser Ära erklärt. In Zukunft werden weit größere Regulierungen solcher Institutionen notwendig werden. Die Anti-Regulierungs-Positionen der Wall Street Lobbies seien unhaltbar geworden. Die Fähigkeit, die Profite zu genießen, während die Verluste auf die Gesamtgesellschaft abgeschoben werden, muß beschränkt werden. Ein unreguliertes, aber subventioniertes Kasino wird die Mittel nicht gut anlegen."

Auch Sie werden sich darauf einrichten müssen: Die Zeiten für die Finanzspekulation im globalen Kasino werden nicht mehr so gut sein. Ein Stück neo-liberaler Globalisierung der Finanzmärkte ist tot.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 767 27-03-08: Wer kann das „Aufschwung auch für Rentnerinnen und Rentner" nennen?

Antwort: der Bundesarbeitsminister in seiner heutigen Presseerklärung. Hier Auszüge:

„Weil die Rentenanpassung zusätzlich durch die „Riestertreppe" gedämpft würde, stiegen die Renten zum 1. Juli um gerade einmal 0,46 Prozent. Das ist zu wenig, wenn auch die Rentnerinnen und Rentner am Aufschwung teilhaben sollen. Die Bundesregierung hat daher mit den Spitzen der Koalitionsfraktionen vereinbart, die Riestertreppe in diesem und im nächsten Jahr auszusetzen. Dadurch wird im Jahr 2008 die Rentenanpassung 1,1 Prozent betragen, also 0,64 Prozentpunkte mehr. Ein wesentlicher Grund ist die Teilhabe der Rentnerinnen und Rentner am Wohlstand. Deshalb ermöglichen wir den heutigen Rentnerinnen und Rentnern nach langen Jahren von Nullrunden oder Kleinstanpassungen eine Erhöhung ihrer Rente, die nicht üppig ist, aber ausschöpft, was möglich ist."

Nun scheint der Bundesarbeitsminister nicht zu wissen, wo die Inflationsrate liegt: 2,8 % im Februar gegenüber Vorjahr. Dann eine Rentenanpassung von gerade mal 1,1 % oder ein Minus von 1,7 % „Aufschwung auch für Rentnerinnen und Rentner" zu nennen, und als mehr als nur eine Kleinstanpassung zu qualifizieren, verlangt eine totale Verdrehung der deutschen Sprache und absolute Unehrlichkeit im Umgang mit ihr und den Rentnern.

Ich schaue immer wieder auf eine Grafik, die mir ein Besucher der Webseite gemailt hat und die die harten Realitäten zwischen 1996 und 2005 (leider nicht bis 2007) zeigt. Sie kommt vom Bundesverband Volkssolidarität (siehe Abbildung).

Dazu schreibt der Besucher: „in der Grafik ist die zeitliche Entwicklung des Rentenzugangsalters und der Rentenhöhe der Neurentner dargestellt. Seit dem Jahr 2000 zeigt sich folgende, aus meiner Sicht dramatische Entwicklung:

    - Rentenzugangsalter: Anstieg von 60,2 auf 60,9 Jahre
    - Rentenhöhe Neurentner: Verminderung von 695 auf 635 Euro (nominal, wie mir der Verfasser auf Anfrage per Mail mitteilte).

Nun mag diese Entwicklung z.T. aus Schichtungseffekten resultieren (Anteil Männer/Frauen, Entwicklung West/Ost). Die Ostrenten, welche 1990 1:1 umgestellt wurden, haben sich wahrscheinlich stärker reduziert. Zum Umstellungszeitraum 1990 hatten die Ostrenter ein höheres Rentenniveau als die Westrentner, da in der ehemaligen DDR offziell keine Arbeits- losigkeit herrschte und die Kinderbetreuung flächendeckend organisiert war. Die niedrigeren Ostlöhne und die höhere Ostarbeitslosigkeit dürften einen nicht unbedeutenden Druck auf die Neurenten ausüben.Diese Schichtungseffekte erklären wahrscheinlich nur einen Teil der Entwicklung. Größere Wirkung dürfte von der „Reformpolitik" der vergangenen Jahre sowie von der Wirtschaftslage (hohe Arbeitslosigkeit, Reallohnverluste) ausgehen."

Eine Umrechnung von nominalen Neurenten in reale Neurenten zeigt das ganze Ausmaß der negativen Entwicklung der Neurenten auf: Allein zwischen 1996 und 2005 ein Verlust um 18 % (siehe Abbildung). Doch nach 2005 hat die Verbraucherpreisinflation erst richtig zugeschlagen.

Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 766 27-03-08: Deutschland: Immer mehr Reiche, immer mehr Arme

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung führt wieder mal vor, wie rasant sich der soziale Graben in Deutschland öffnet. Der Anteil der Menschen, die mehr als 200 Prozent des Durchschnittseinkommens beziehen, vergrößerte sich von 6,4 Prozent im Jahr 1996 auf 9,2 Prozent im Jahr 2006. Ebenso deutlich stieg die Zahl der Armen in den vergangenen zehn Jahren: 1996 hatten 7,3 Prozent der Bevölkerung weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens zum Leben. 2006 betrug dieser Anteil schon 11,4 Prozent (siehe Abbildung).

Im internationalen Vergleich ist in nahezu allen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine wachsende Ungleichheit bei den Einkommen zu beobachten. Grabka vom DIW: „Aber das Tempo, das Deutschland vorlegt, ist dabei außergewöhnlich. Deutschland hat hier in den letzten Jahren einen regelrecht dramatischen Aufholprozess aufgenommen - etwa zu Ländern wie Großbritannien, wo schon lange ein hohes Maß an Ungleichheit herrscht."

Kein Wunder, daß bei einer solchen Entwicklung, die deutsche Verbraucherkonjunktur weiter auf dem Zahnfleisch läuft. Nach der heute veröffentlichten Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung verharrt der Konjunkturerwartungsindex der Verbraucher auf einem Tiefstpunkt (siehe Abbildung) und bleibt auch das Konsumklima insgesamt schlecht (siehe Abbildung).

Für mehr zu Arm und Reich siehe Kapitel 9 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 765 26-03-08: Hat die Bankenaufsicht versagt und wer übernimmt die politische Verantwortung?

Das Versagen der Bankenaufsicht in USA und Europa wird langsam deutlich. In Großbritannien steht die FSA im Feuer. Hätte Sie bei der zweitgrößten Hypothekenbank Northern Rock aufgepaßt, hätte die nicht auf Kosten des Steuerzahlers verstaatlicht werden müssen. Die FSA hat nun schwere Versäumnisse einräumen müssen. Die riskanteste britische Bank war von der FSA behandelt worden, als wäre es die am wenigsten riskante und es gab weniger statt mehr Prüfungen als bei den anderen. Heute argumentiert die FSA zu ihrer Entschuldigung, sie hätte erwartet, daß bei Liquiditätskrisen die Notenbank einspringen würde, um für das System wichtige Institutionen zu retten - eine ziemlich lahme Ausrede.

Muß man befürchten, daß bei der deutschen IKB, wo es um 8 Mrd Euro öffentlicher Mittel geht, die Situation nicht viel anders und vielleicht noch schlimmer war? Welches Interesse hatte die dem Bundesfinanzministerium unterstehende deutsche Bankenaufsicht, eine Bank zu überprüfen, bei der ein Ministerialdirektor aus eben diesem Bundesfinanzministerium (höchster Beamtenrang nach den Staatssekretären) im Aufsichtsrat saß und damit unmittelbar drin und der Bundesfinanzminister persönlich beim stärksten Gesellschafter der IKB, nämlich der KfW? Ein Beamter noch dazu, der sich mit einem Aufsatz unter dem Titel „Verbriefungen aus Sicht des Bundesfinanzministeriums" öffentlich für die Technik der Verbriefung von riskanten Krediten stark gemacht hatte. Unter seinen Augen konnte die IKB, die eine minimale Eigenkapitaldecke von nur 2,7 % hatte, die nicht kontrollierte Rhineland für den hochriskanten Handel mit den Verbriefungen amerikanischer Hypotheken ausgründen. Hier Zitate aus dem später zurückgezogenen ursprünglichen Geschäftsbericht 2006/07 vom 28.6.2007:

    Wir nutzen unsere große Expertise in diesem Bereich aber auch, um auf Provisionsbasis externe Gesellschaften bei deren Investments in internationale Kreditportfolien zu beraten. Dies bezieht sich insbesondere auf das Conduit „Rhineland Funding Capital Corporation" in den USA. Aufgrund unserer Beratung investiert diese Gesellschaft in vergleichbare Portfolien wie die IKB. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass für Dritte die gleichen Qualitätsstandards wie für unser Haus gelten.
    Eine erfreuliche Erhöhung um 19,2 % auf 108 Mio. ergibt sich auch für den Provisionsüberschuss. Die eine Hälfte dieses Überschusses stammt aus Strukturierungsgebühren sowie Provisionen der Geschäftsfelder Firmenkunden, Immobilienkunden und Strukturierte Finanzierung, die andere Hälfte resultiert im Segment Verbriefungen aus Beratungsgebühren des Conduits Rhineland Funding.
    Das Conduit Rhineland Funding Capital Corporation, für das wir eine Beratungsfunktion übernommen haben, hat sein Investmentportfolio auf 12,7 Mrd. (9,7 Mrd. ) erhöht.
    Für das Conduit Rhineland Funding erwarten wir innerhalb von drei Jahren ein Investmentvolumen von 20 Mrd. (derzeit 12,7 Mrd. ), für Rhinebridge ein Volumen von 10 Mrd. . Zusammengefasst bedeutet dies, dass der IKB-Konzern auch in den nächsten Jahren weiter wachsen wird.
    Ansteigen sollen ferner die Beratungsgebühren, die wir im Rahmen unserer Beratung für die Strukturierung der Investments in den Conduits Rhineland Funding und Rhinebridge erhalten.

Nun soll die Verantwortung von Vorstands und Aufsichtsrat durch eine Sonderprüfung untersucht werden, aber schon jetzt erklärt der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, es gehe davon aus, dass der Aufsichtsrat seinen Pflichten voll nachgekommen sei - eine mindestens eigenartige Erklärung, bevor irgendwelche Ergebnisse vorliegen.

In USA ist die fünftgrößte Investmentbank nur gerettet worden, weil auch hier der Steuerzahler einsprang, indem die Fed riskante Kredite von Bear Stearns in ihre eigenen Bücher nahm und dann auch noch eine ausdrückliche Garantie von 30 Mrd Dollar ausstellte. Der amerikanische Finanzminster Paulson fordert jetzt, daß die Bankenaufsicht mehr über die geheimnisvolle Welt von Wall Street erfahren sollte.

Und nun meldet sich am Ende auch noch EZB-Präsident Trichet: „Zuviel Kapital ist ohne die notwendige Regulierung auf den Weltmarkt geströmt."

Muß man am Ende vermuten, daß Steuerzahlergeld von den Regierungen auch deshalb so bereitwillig eingesetzt wird, weil es sich sonst im Crash einer Bank zeigen würde, wie die Regierungen bei der Bankenaufsicht versagt haben? Mit dem Einsatz des Steuerzahlergeldes kann dann erstens argumentiert werden, das Geld könne immer noch zurückkommen (vor allem wenn es um Bürgschaften geht), womit das Problem in eine ferne Zukunft verschoben wird, wenn die verantwortlichen Politiker ohnehin nicht mehr in ihren Ämtern sein werden. Zweitens, kann man sich auf eine im Nachhinein natürlich weder in der einen noch in der anderen Richtung beweisbare drohende Krise des gesamten Bankensystems berufen.

Für mehr dazu siehe Kapitel 4 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 764 26-03-08: Warnungen in Eis

Diese Gedanken zur Zeit kommen aus Nordirland, ein schönes und großes Stück Land. Man braucht fast drei Stunden Autofahrt auf guter Straße von Seite zu Seite. Doch in der Antarktis bricht gerade eine Fläche des Schelfeises von gleicher Größe ins Meer weg (siehe Abbildung).

Wie das US-Eis- und Schneedatenzentrum (NSIDC) an der Universität von Colorado in Boulder mitteilte, brach am 28. Februar zunächst ein 41 mal 2,5 Kilometer großer Eisberg von der Südwestseite des Wilkins-Schelfeises ab. Dadurch ausgelöst ist dann eine Eisfläche von 405 Quadratkilometern auseinandergebrochen. Nur ein dünner Streifen intakten Eises verhindere noch, dass es zu weiteren Abbrüchen an dem insgesamt mehr als 13.000 Quadratkilometer großen Eispanzer komme. Grund für das Zerbersten des Eispanzers ist laut Experten der Klimawandel. Der führende NSIDC-Wissenschaftler Ted Scambos: „Wir glauben, dass das Wilkins-Schelfeis schon seit mindestens ein paar hundert Jahren dort war. Aber warme Luft und die Einwirkung der Meeresbrandung verursachen ein Abbrechen".

In den vergangenen 50 Jahren ist in der Region mit durchschnittlich einem halben Grad Celsius alle zehn Jahre der stärkste Temperaturanstieg weltweit verzeichnet worden. Schon in den vergangenen Jahren waren zwei große Teile des unweit gelegenen Larsen-Eisschelfes zerfallen - es begann mit dem 75 Kilometer langen und 37 Kilometer breiten Schelf Larsen A 1995. Im März 2002 beobachtete ein Nasa-Satellit die Auflösung von Larsen B, einer Menge von 720 Milliarden Tonnen Eis.

Das Abschmelzen der Eisblöcke in der Antarktis trägt zum Anstieg der Meeresspiegel bei, weil sie nicht auf dem Wasser schwimmen, sondern vom Land in die See rutschen. Schon seit Jahren beobachten Forscher an bestimmten Punkten des Kontinents ein verstärktes Abschmelzen des Eises. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichten Wissenschaftler neue Daten über die rapide Gletscherschmelze in der westlichen Antarktis: Sie zeigen, dass das Schrumpfen des Eispanzers in den vergangenen Jahrtausenden auf den Menschen zurückzuführen ist.

Für mehr dazu siehe Kapitel 8 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit": „Neoliberal wirtschaften wir unsere Umwelt kaputt".


Gedanken zur Zeit 763 25-03-08: Zahlt der Automat meine Rente?

Doofe Frage, werden Sie denken. Aber langsam kann es einem mulmig werden. Wenn immer mehr Personal im Handel und anderen Dienstleistungen, das auf das Rentenkonto eingezahlt hat, von Automaten ersetzt wird, die nicht einzahlen, was dann? Zunächts haben wir begonnen, rentenzahlende Arbeitskräfte über das Internet zu ersetzen. Wir buchen unseren Flug selbst. Wir fahren auch unser Bankkonto am Internet. Wir kaufen dort immer mehr ein. Nun kommt offensichtlich die nächste Welle: vor Ort werden die Automaten aufgestellt. Das begann bei den Billigfliegern. Man muß sich selbst einchecken. Jetzt stehen immer mehr Automaten in großen Einkaufsketten hier in Großbritannien (und demnächst auch in Deutschland). Sie erwarten von uns, daß wir uns selbst auschecken. Gestern ist mir das sogar bei einem großen Kaufhaus von Quelle-Typ passiert. Ein Mensch nahm mich freundlich am Finger, um mir den erwarteten Tastendruck beizubringen. Soweit da geschummelt wird, wird die Allgemeinheit über höhere Preise zur Kasse gebeten, zur Automatenkasse natürlich.

Nun gibt es bei dieser Entwicklung einige Probleme. Erstens werden in der Produktion der Automaten weit weniger Menschen beschäftigt, als der Automat am Ende und vor Ort ersetzt. Das hängt damit zusammen, daß die Automatenproduktion selbst hochgradig automatisiert ist. Zweitens steigt die Produktivität menschlicher Arbeit durch den Automateneinsatz erheblich an, was wiederum viel Arbeit entbehrlich macht. Drittens wird das Ergebnis dieses enormen Produktivitätsgewinns nur zu einem kleinen Teil in Kaufkraft weitergegeben, die über die Nachfrage nach Gütern wieder zu mehr Nachfrage nach rentenzahlender Arbeit führen könnte. Seit dem Jahr 2000 ist die Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigenstunde um 19 % gestiegen, der Verdienst je Arbeitnehmerstunde jedoch nur um 10,6 % (nach Verbraucherpreisinflation errechnet sich ein Minus von 1,5 %).

Das heißt: Bei den Verbrauchern ist vom Produktivitätsgewinn der Volkswirtschaft wenig oder nichts angekommen, auch nicht über höhere Löhne bei den Rentenkassen. Alles haben sich die Arbeitgeber und Eigentümer der Produktionsmittel einseitig angeeignet, soweit es nicht über Preissenkungen weitergegeben wurde. Für jeden Erwerbstätigen geht es um eine Wertschöpfung, die im Jahre 2007 um 8.306 Euro über der des Jahres 2000 lag. Dementsprechend steil stiegen die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen (inflationsbereinigt um 42 % seit 2000) einerseits und stagnierten die Löhne und Gehälter verbraucherpreisbereinigt andererseits (siehe Abbildung). Die Gesellschaft wird nicht daran vorbei kommen, am Ende auch den Automateneinsatz zugunsten der Rentenkassen zu besteuern. In Frankreich liegen dafür erste Vorschläge auf dem Tisch. In Deutschland verweist man schlicht auf die private Altersvorsorge, die viele Menschen gar nicht leisten können.

Das ganze Rentenproblem wäre über eine Steuer auf den Produktivitätsgewinn der Unternehmen löbar. Die Deutschen bräuchten nicht in Angst vor Altersarmut zu leben. Für mehr dazu siehe Kapitel 12 meines neuen Buches „Globalisierung: Legende und Wahrheit".


Gedanken zur Zeit 762 25-03-08: Ein Lehrstück in mittelständischem Denken

Dieser Gedanke zur Zeit könnte auch überschrieben sein mit „Von der Zwei-Drittel- zur Ein-Drittel-Gesellschaft".

Ein mittelständischer Unternehmer hat mich am 16. Dezember 2007 angeschrieben: „Bin gerade beim Recherchieren über Ihre Seite gestolpert, und bin über die Fülle an Informationen und die von Ihnen zusammengetragenen Statistiken positiv überrascht. Da haben Sie wirklich eine erstaunliche und nützliche Seite zusammengestellt. Trotzdem werde ich ein Unbehagen nicht los. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie sich in ihren Statistiken, sicher von guten Motiven geleitet, manchmal verheddern. Sicher, ich bin ein neoliberaler Unternehmer (Pfui!), aber eigentlich müsste doch die Sicht auf die Wirklichkeit, solange sie sachorientiert und nüchtern erfolgt, zu vergleichbaren Ergebnissen führen. Aktuell fallen mir Ihre ausführlichen Bemerkungen zum Mindestlohn auf."

Wir haben dann über 14 Runden eine intensive Diskussion geführt. Am Ende habe ich sie abgebrochen, weil sie nirgendwohin führte und der enorme Lerneffekt auf meiner Seite nun auch nachließ. Hier ist das alles krönende Zitat:

„Aus Unternehmersicht gibt es ja immer häufiger Überlegungen, dass man mit weniger und mit besser qualifizierten Mitarbeitern auskommen sollte, weil die weniger fähigen im Ende mehr Geld vernichten als sie erwirtschaften. Auf der Kundenseite sollte man versuchen, sich auf genau diesen Teil der Gesellschaft zu konzentrieren. Schätzungsweise sind das ca 30-40% der Bevölkerung. Der Rest des Marktes wird immer unattraktiver, weil sich hier immer weniger Erträge erwirtschaften lassen. In diese Richtung denken immer mehr Unternehmer und Manager. Welcome to the real world."

Ich habe mich nun entschlossen, dieser Diskussion als ausgezeichnetes Lehrstück und Einführung in die mittelständische Denke eine eigene Webseite zu widmen. Ich hoffe, daß Sie die Diskussion für genauso augenöffnend empfinden. Sie finden sie hier.


Gedanken zur Zeit 761 24-03-08: Warum ist es so schwer, die Zeichen der neoliberalen Globalisierung zu sehen?

Heute erreichte mich eine kritische Zuschrift, die mir vor allem vorwirft, Albrecht Müller, Heiner Flassbeck und anderen in Sachen China unrecht zu tun. Hier zunächst ein Ausschnitt:

„Das Thema, bei dem ich mit Ihnen nicht übereinstimme, ist in der Tat China. Vorweg nur kurz: Es ist meist mißlich, aus einer Nicht-Stellungnahme (gemeint ist Tibet, wozu Nachdenkseiten nur einen total kommentarlosen Link zu einer anderen Zeitschrift anbietet) qua unterstellter Motivation das Gegenteil, nämlich eine Stellungnahme, abzuleiten. Sie sehen ganz offensichtlich den Weltmarkt in völlig anderen Kategorien als die Binnenwirtschaft bzw. die OECD. Bei der Betrachtung des Weltmarkts führt dies 999 von 1000 westlichen Ökonomen - inklusive der Linken wie Flassbeck, Edwards-Berater Galbraith, Krugman, DeLong etc. - dazu, Protektionismus und seine false flag-Varianten ("Anti-Dumping") abzulehnen. Flassbeck sprach korrekterweise von falscher Instrumentenwahl. Ein emerging market kann in der Tat auf das Repertoire des Merkantilismus zurückgreifen und mit dem Rückgriff auf Friedrich List und Henry Clay seinen Aufstieg auf dem Weltmarkt beschleunigen. Die EU hingegen schadet sich mit solchen Maßnahmen nur. Im übrigen gelten die ökonomischen Argumente bzgl. Chinas ebenso mit Bezug auf Indien und Brasilien. Ferner hat die ständige Ausweitung des Welthandels durchaus bereits lange vor der Durchsetzung neoliberaler Ideologie in einigen westlichen Nationen begonnen. Übrigens ist diese Ausdehnung mittlerweile zum Stillstand gekommen. Ihre Rezepte gegen die angebliche chinesische Gefahr unterscheiden sich anscheinend leider nicht von jenen der Herren Smoot und Hawley. Smoot-Hawley hat nach dem 1929er Crash, dessen Auswirkungen Hoover zunächst noch unter Kontrolle bekam, eine wesentliche Rolle bei der Vertiefung der Great Depression gespielt. Glücklicherweise gibt es keine Anzeichen, daß Obama oder Clinton über fragwürdige Wahlkampfrhetorik hinaus dem Kurs Senator Dorgans folgen wollen. Und wenn ich Ihnen teilweise wieder Unrecht getan haben sollte, trifft dies aber für Sie hinsichtlich Flassbeck und Müller ebenfalls zu."

Wieder einmal war ich überrascht, wie schwer es offensichtlich vielen fällt, die Zeichen der neoliberalen Globalisierung zu sehen. Hier meine Antwort:

„Gern würde ich Sie bitten, meine Argumente sorgfältiger zu lesen. Ich habe nie pauschal für Protektionismus plädiert, sondern für einen fairen Wettbewerb, zu dem sich alle Marktwirtschaften in der WTO verpflichtet haben. Leider ist China keine Marktwirtschaft (dieser Zustand wurde China nicht zuerkannt, obwohl man China in die WTO aufgenommen hat) und deshalb muß das Anti-Dumping-Instrument völlig legal im Rahmen der WTO für Fairness sorgen. Auch die Bundesregierung tritt dafür ein, das Anti-Dumping-Instrument der EU voll funktionsfähig zu erhalten und wehrt sich gegen Versuche, es zu verwässern.

Wenn Sie mir eine kritische Äußerung von Albrecht Müller zur chinesischen Handelspolitik bringen oder jetzt zu dem, was in Tibet passiert (siehe hier), bin ich Ihnen dankbar. Auf diesem Auge scheint er (und Flassbeck, der China schon über die UNCTAD beruflich verbunden ist) blind zu sein.

Die ökonomischen Argumente bzgl. Chinas gelten durchaus nicht ebenso mit Bezug auf Indien und Brasilien, weil diese Marktwirtschaften sind, z.T. sogar sehr alte, und auch nicht extrem exportorientiert die größten Währungsüberschüsse der Welt aufgebaut haben. Sie haben auch - anders als China - unabhängige Gewerkschaften zugelassen und nicht wie China in den Staatsunternehmen (das ist in China der grössere Teil von der Beschäftigung her) Streiks verboten, um dann mit Niedrigstlöhnen einen unfairen Wettbewerb zu betreiben.

Natürlich hat die ständige Ausweitung des Welthandels durchaus bereits lange vor der Durchsetzung neoliberaler Ideologie in einigen westlichen Nationen begonnen. Das habe ich doch nie bestritten. Doch etwa seit der Jahrtausendwende ist der Prozeß in eine exponenzielle Größenordnung geraten (siehe Abbildung hier). Wenn Sie sich die Zahlen der exportstärksten Länder, wie China, Deutschland und Japan ansehen, werden Sie auch derzeit keinen Stillstand feststellen können und, wenn einer wegen der weltweiten Krise kommen sollte, dann nur vorübergehend.

Ich kann Ihnen nur empfehlen, mein taufrisches Buch zu lesen."

Hier möchte ich noch hinzufügen, daß auch die derzeitige Finanzkrise erst um die Zeit angelegt wurde, als der Warenverkehr exponenziell wurde. Erst 1999 wurde der „Glass-Steagall Act" abgeschafft. Dieser hatte unter Franklin D. Roosevelt 1933 eine Feuerwand zwischen normalen und Investment Banken errichtet. So kam es 1933 zu einer strikten Trennung zwischen Banken-, Versicherungs- und Wertpapiergeschäften, damit nicht noch einmal das Platzen spekulativer Blasen die ganze Wirtschaft in eine Abwärtsspirale ziehen könnte. Seit 1999 haben wir nun eine aus den USA kommende neoliberale Entwicklung der Banken um den Globus herum, in der die Banken „too big to fail" geworden sind, also nun notfalls mit Steuerzahlergeld erhalten werden müssen, auch in Deutschland. Dieses Gefühl der Sicherheit hat die riskante Spekulation der Banken angetrieben, dies kombiniert mit dem Verlangen großer Anleger nach immer höheren Profiten. Auch diese Entwicklung ist also, um in der Diktion von Albrecht Müller zu bleiben, aber gegen ihn zu argumentieren, alles andere als ein „alter Hut".


Gedanken zur Zeit 760 24-03-08: Hört diese Rede!

Als ich noch im Berlin der auslaufenden 40er Jahre lebte, hörte ich die berühmte Rede des Oberbürgermeisters Ernst Reute mit der Passage: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt!". Heute möchte man in einer sonst nicht vergleichbaren Situation abgewandelt sagen: „Hört auf diese Rede!".

Gemeint ist die Obama-Rede über die Rassenproblematik in den USA, deren YouTube Clip schon fast 2,5 Millionen Mal angesehen wurde. Der Link ist hier.


Gedanken zur Zeit 759 24-03-08: Deutschland Deine Unternehmer - Nie so viel gelernt oder „Welcome to the real world"

Ein mittelständischer Unternehmer hat mich am 16. Dezember 2007 angeschrieben: „bin gerade beim Recherchieren über Ihre Seite gestolpert, und bin über die Fülle an Informationen und die von Ihnen zusammengetragenen Statistiken positiv überrascht. Da haben Sie wirklich eine erstaunliche und nützliche Seite zusammengestellt. Trotzdem werde ich ein Unbehagen nicht los. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie sich in ihren Statistiken, sicher von guten Motiven geleitet, manchmal verheddern. Sicher, ich bin ein neoliberaler Unternehmer (Pfui!), aber eigentlich müsste doch die Sicht auf die Wirklichkeit, solange sie sachorientiert und nüchtern erfolgt, zu vergleichbaren Ergebnissen führen. Aktuell fallen mir Ihre ausführlichen Bemerkungen zum Mindestlohn auf."

Wir haben dann über 14 Runden eine Diskussion geführt, die Sie hier finden können. Heute habe ich die nun abgebrochen, weil sie nirgendwohin führte und der enorme Lerneffekt auf meiner Seite nun auch nachließ. Es ist fast unglaublich, was dieser wahrscheinlich nicht untypische Mittelständler in seiner letzten Einlassung alles losließ. Die nachstehenden blau eingesetzten Zitate mit meinen in Klammern schwarz gesetzten Reaktionen können Ihnen einen guten Eindruck vermitteln, ohne daß Sie die gesamte lange Diskussion nachvollziehen müssen. Für mich war sie jedenfalls augenöffnend.

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist das alles krönende Zitat: „Aus Unternehmersicht gibt es ja immer häufiger Überlegungen, dass man mit weniger und mit besser qualifizierten Mitarbeitern auskommen sollte, weil die weniger fähigen im Ende mehr Geld vernichten als sie erwirtschaften. Auf der Kundenseite sollte man versuchen, sich auf genau diesen Teil der Gesellschaft zu konzentrieren. Schätzungsweise sind das ca 30-40% der Bevölkerung. Der Rest des Marktes wird immer unattraktiver, weil sich hier immer weniger Erträge erwirtschaften lassen. In diese Richtung denken immer mehr Unternehmer und Manager. Welcome to the real world."

Inforportal: „Nun scheinen Sie mich aber für sehr naiv zu halten und marxistisch verseucht, und - um es provokativ zu formulieren - mit Ihrer Volkswirtschaft 1.Semester werden Sie Deutschlands Probleme nie lösen. Daher haben Sie auch in der ganzen Diskussion kein einziges Mal verraten, wie Sie die auch von Ihnen eingeräumten Probleme wirklich lösen wollen und tun es auch jetzt nicht und kommen nur mit Prognosen, aber keinen Lösungen, und fragen mich dann wieder, obwohl ich längst meine Vorstellungen eingebracht habe. Sie sind überhaupt viel pessimistischer als ich, was für einen Unternehmer eigentlich ungewöhlich ist.

Vor Ihrem Gesellschaftsbild beginnt mir zu grauen. Das gilt für Feststellungen wie diese:"

„Es gibt Menschen, die arbeiten, sparen und investieren, und es gibt Menschen, die leben von der Hand in den Mund. Genau so sieht unsere Gesellschaft aus."

„Sie gehen einfach davon aus, dass die Wirtschaft das Arbeitseinkommen benötigt, um ihre Produkte absetzen zu können. Sie bezeichnen diesen Zusammenhang als volkswirtschaftliches 1x1, das scheint ein zentraler Glaubenssatz für Sie zu sein. Ich halte diese Theorie für Wunschdenken. Und ein gesundes Unternehmen wird diese Kunden auch finden." (Na, dann suchen Sie mal in einer Gesellschaft, wo die Masseneinkommen real immer mehr sinken. Am Ende betrifft das auch die Handwerker, die Kunden Ihres Unternehmens sind.)

„Aber warum sollte das Einkommen der Kunden notwendigerweise nur aus abhängiger Beschäftigung kommen?" (Das ist immer noch die fast ausschließliche Einnahmequelle der meisten Menschen in Deutschland.)

„Sie zitieren dafür die alte Statistik, dass die oberen Einkommensschichten mehr sparen als die unteren. Und dass das Anlagevermögen der „Reichen" teilweise auch ins Ausland fliest. Beides ist sicher nicht völlig falsch, verzerrt die Wirklichkeit aber doch ziemlich haarsträubend. Zum einen fliest ja auch das Anlagevermögen der ausländischen Reichen nach Deutschland." (Das Statistische Bundesamt sagt doch nur die Wahrheit, auch wenn Ihnen das nicht ins Konzept paßt. Die ausländischen Reichen spekulieren im Wesentlichen mit deutschen Aktien, nehmen aber keine Investionen vor; davon hat Otto-Normalverbraucher so gut wie gar nichts.)

„Sie gehen davon aus, dass volkswirtschaftlich an der Börse und bei der aktuellen Immobilienkrise Geld spekulativ aufgebaut und wieder vernichtet wurde. Eigentlich dürfte einem ehemaligen Banker eine so seltsame Einschätzung ja nicht passieren. Das Geld, das den Banken gerade fehlt, hat jetzt nur jemand anders, der schlauer war." (Ich bin lange genug internationaler Banker gewesen, um zu erleben, wie die Spekulation enorme Werte vernichtet und viele Menschenleben gleich mit, so z.B. die Rußlandkrise mit einem enormen Rückgang der Lebenserwartung. Wenn das Kapital spekulativ wieder zurückfließt oder Reißaus nimmt, bleiben Ruinen zurück, ohne daß sich jemand am Ende daran bereichern konnte. Die derzeitige Krise zeigt die enorme Fehlleitung von Resourcen. Die Abschreibungen der Banken betreffen Werte, die in USA ziemlich sinnlos verbaut worden sind und jetzt einen gewaltigen Preissturz erleben. Fallende Preise auf vorhandenes Vermögen bedeuten immer einen Verlust an Geld, dem kein Reichtum anderswo gegenübersteht. Wenn erst einmal Unternehmen in der Realwirtschaft Pleite gehen, weil sie angesichts der Lage der Banken keinen Kredit mehr bekommen oder nur noch zu unangemessenen Bedingungen, wird es zu Schließungen mit weiteren enormen Vermögensverlusten kommen, von denen keiner etwas hat. Wenn die Kreditkrise zu einer Wirtschaftskrise ausarten sollte, gehen erst recht Werte verloren, ohne woanders wieder aufzutauchen, usw.. Nach Schumpeter ist das allerdings nur eine „schöpferischen Zerstörung", die sich der Kapitalismus immer mal wieder leistet. Vielleicht sollten Sie etwas vorsichtiger sein, bevor Sie mir die Berufserfahrung absprechen.)

„Sie scheinen in ihren Analysen implizit von der Marx'schen Theorie der Ausbeutung auszugehen, wie von einem Glaubenssatz. Diese Theorie hat die Wirtschaft des 19.Jhdts gut beschrieben, aber geht heute meistens an der Wirklichkeit vorbei. Damals war es sicher so, dass das rechtlose Proletariat nur gerade soviel Lohn erhielt, um seine Arbeitskraft zu erhalten, und dass die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wert der Arbeit und dem Lohn vom Kapitalisten abgeschöpft wurde. Diese Situation wird allgemein als Ausbeutung bezeichnet. Heute ist es ja oft gerade andersherum. Durch Tarifverträge und Kündigungsschutz geschützt erhalten nicht wenige einen Lohn, der über dem tatsächlichen Wert ihrer Arbeit liegt. Im Sinne von Marx beobachten wir heute bei den unteren Einkommensgruppen eher eine umgekehrte Ausbeutung, die Ausbeutung der Wirtschaft durch die unteren Einkommensschichten." (Also würden Sie auch noch den Rest an sozialer Marktwirtschaft in Deutschland über Bord kippen wollen, wie Tarifverträge und Kündigungsschutz? Deutschlands Unternehmer mit internationalen Spitzenverdiensten von den Ausgebeuteten ausgebeutet?)

„Aus Unternehmersicht gibt es ja immer häufiger Überlegungen, dass man mit weniger und mit besser qualifizierten Mitarbeitern auskommen sollte, weil die weniger fähigen im Ende mehr Geld vernichten als sie erwirtschaften. Auf der Kundenseite sollte man versuchen, sich auf genau diesen Teil der Gesellschaft zu konzentrieren. Schätzungsweise sind das ca 30-40% der Bevölkerung. Der Rest des Marktes wird immer unattraktiver, weil sich hier immer weniger Erträge erwirtschaften lassen. In diese Richtung denken immer mehr Unternehmer und Manager. Welcome to the real world." (Wäre ich Margarete und Sie Heinrich, würde ich sagen: „Heinrich! Mir graut's vor dir.")

„Mit der letzten Bemerkung haben Sie nun endlich die „Katze aus dem Sack gelassen". 30 % bis 40 % der Bevölkerung ausbeuten und den Rest wegschmeißen. Vielleicht kommt man auf 15 %, wenn man die Brauchbaren doppelt so lange Wochenstunden arbeiten läßt und die Verrentung total aufgibt? Mit solchen Vorstellungen werden Sie eine Marx-Renaissance in Deutschland erzeugen, bei der ich noch gar nicht angekommen bin.

Darf ich nun vorschlagen, daß wir diese Diskussion, die Sie vor einigen Monaten angestoßen haben, die uns aber nur noch weiter entfernen kann, aufgeben? Sie können sich dann wieder voll der Kundensuche widmen, so lange diese Spezies nicht ausgestorben ist. Ich will mich aber noch bedanken, weil ich von Ihnen sehr viel zur deutschen Unternehmerdenke lernen konnte und mit mir auch viele Besucher des Infoportals."


Gedanken zur Zeit 758 24-03-08: Tibet als Lackmus-Test

Auf vielen Internetforen wird derzeit erbittert über Tibet und einen eventuellen Olympiaboykott gestritten. Auf dem SPIEGEL-Forum fand ich folgenden Dialog:

    A: Man sollte den Boykott der Spiele nie völlig ausschliessen. Wir wissen nicht, was in Tibet noch passieren wird. Die vorletzte Olypiade in Deutschland wäre besser boykottiert worden. Deutschland sitzt hier ohnehin im Glashaus. Vielleicht sollten wir mit unseren Argumenten besonders vorsichtig sein!
    B: Wieso sitzt Deutschland im Glashaus? Dies ist wohl Geschichte. Das heutige Deutschland hat wohl wenig damit zu tuen. Streifen Sie bitte Ihre Komplexe ab. Ich habe als Deutscher (60 geb.) ein gutes Gewissen.
    A: Es geht gar nicht um Ihr „gutes" Gewissen, sondern wie Sie hier geschichtslos argumentieren. Sie leiden leider unter einem Verdrängungskomplex, vielleicht ohne es zu wissen. Deutschland - ein Land ohne Geschichte? Ihre Altergenossen im Ausland haben jedenfalls meist ein besseres Geschichtsbewusstsein auf Deutschland bezogen. Aber vieleicht können Sie sich auch nicht an Ihre Eltern und Grosseltern erinnern, weil die auch nur Geschichte sind. Und hat Frau Merkel nur Komplexe, wenn Sie an die Hollocaust-Gedenkstätte in Israel tritt?

In diesen Tagen kann man bei der politischen Behandlung der kulturellen und sozialen Unterdrückung der Tibeter durch China auch wieder einmal den Puls am linken Arm messen, also besonders bei Medien, die sich in Deutschland links einordnen. Darauf geht der neue Schwerpunkt „Alte Hüte - Neue Hüte: Linksmedien, China und die Globalisierung" ein.


Gedanken zur Zeit 757 23-03-08: Wer ist besser Fed oder EZB? Antwort: Keine

Auch am Ostersonntag denken besorgte Menschen über die globale Finanzkrise nach. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz meint: „Schon im Jahr 2000 vor dem Platzen der Internetblase hätten selbst seriöse Banken die Leute unter dem Banner der Gier zum Aktienkauf getrieben. Jetzt habe die Geldgier die Menschen schon wieder in die Irre geführt. Die Krise sei bedrohlich. Man wisse noch gar nicht, welche Auswirkungen sie auf die Wirtschaft haben werde. Wir brauchen eine Ordnungspolitik für die Weltwirtschaft, auch gerade im Blick auf die Kapitalmärkte."

Ebenfalls am Ostersonntag erreicht mich eine Mail mit folgender Frage: „Nachdem ich beim Lesen Ihrer Webseite festgestellt habe, daß Ihre Einschätzungen zur Entwicklung der Kapitalmärkte der Realität am meisten entsprochen haben, würde es mich interessieren, wie Sie den Stabilitätkurs der EZB einschätzen. Halten Sie die den amerikanischen Weg für besser, Zinsen zu senken, oder ist der Stabilitätskurs der EZB besser."

Und dies ist meine Antwort: „Die Amerikaner haben mit ihren Banken und dem angeschlagenen Immobilienmarkt sicher ein größeres Problem als die Eurozone und vor allem sind sie mehr von der Nachfrage der privaten Haushalte abhängig, da sie bisher auf Pump von eine hohen Nachfrage gelebt haben. Aber große Exportländer, wie Deutschland, Japan und vor allem China haben eine Exportblase, die auch schnell platzen kann, wenn die Exportmärkte müde werden, zumal in diesen Ländern die private Nachfrage am Boden ist und Export-Schocks nicht kompensieren kann."

„Die EZB wird spätestens eingreifen, wenn die Exporte einbrechen, auch weil der Euro zu stark geworden ist. Doch dann kann es für wirksame Gegenmaßnahmen schon zu spät sein. Vorsichtshalber wäre es sicher besser, wenn auch die EZB die Zinsen schon mal senken würde. Das würde auch den Auftrieb des Euro verlangsamen. Noch wichtiger wäre es, wenn die Bundesregierung endlich etwas gegen die schwache Nachfrage privater Haushalte tun würde. Dafür müßten die Löhne im öffentlichen Dienst, die Renten und die Sozialleistungen endlich vernünftig nach Oben angepaßt werden. Weitere dringends notwendige Maßnahmen wären ein flächendeckender Mindeslohn und ein wirksames Verbot der Lohndiskriminierung von Zeitarbeit (wie von der EU-Kommission vorbereitet). Außerdem müßten die Steuersenkungen für die Wohlhabenden zurückgenommen und aus dem Mehraufkommen an Steuer eine Steuersenkung am anderen Ende, wo viel mehr des Einkommens für den Verbrauch ausgegeben wird, finanziert werden. Vielleicht sollte am Ende auch die Erhöhung der MWSt zurückgenommen werden, die eh zum denkbar falschen Zeitpunkt kam. Deutschland kann nicht länger seine Wirtschaft und Beschäftigung mit Exportüberschüssen zu Lasten der Nachbarn betreiben."

Nun hätte ich noch hinzufügen sollen, daß nicht nur die EZB ein sehr begrenztes Latein besitzt, an dessen Ende sie sehr schnell sein kann, sondern daß die Fed dort schon steht. Wenn jetzt in USA über Maßnahmen mit Hilfe des Steuerzahlers nachgedacht wird, wie Aufkauf von miesen Hypothekenpapieren durch den Staat, hat die Fed eigenlich schon ihr Pulver verschossen.


Gedanken zur Zeit 756 23-03-08: Ostern - War's das? Nein

Hier in Irland sind viele Läden auch an Ostern auf. Niemand soll das Einkaufen vergessen dürfen. In Deutschland (und anderswo) erinnern die Kirchen an die großen gesellschaftlichen Probleme. Bischof Heinz Josef Algermissen ruft in seiner Osterpredigt an die Gläubigen im Fuldaer Dom dazu auf, „den Kampf gegen jedwede Todesproduktion aufzunehmen. Weil Gott in der Auferstehung Jesu eine Kultur des Lebens begründet habe, sollten sich die Christen gegen alle Formen des vorzeitigen gesellschaftlich wie politisch, wirtschaftlich wie militärisch organisierten Todes stemmen." Der Bischof kritisiert in seiner Predigt die milliardenschwere Rüstung sowie die Todesstrategie des Aushungerns der Armen.

Noch weiter geht die Analyse des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx, des Vorsitzenden der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz: „Ein erster Schock war schon das Platzen der Internetblase im Jahr 2000, als selbst seriöse Banken die Leute unter dem Banner der Gier zum Aktienkauf getrieben haben. Jetzt habe die Geldgier die Menschen schon wieder in die Irre geführt. Die Krise sei bedrohlich. Man wisse noch gar nicht, welche Auswirkungen sie auf die Wirtschaft haben werde. Wir brauchen eine Ordnungspolitik für die Weltwirtschaft, auch gerade im Blick auf die Kapitalmärkte." Marx fordert auch eine moralische Vorbildfunktion von Managern: „Die Aufsichtsräte setzten die ökonomischen Anreize für die Erfolgsbeteiligung so, dass die Manager nur auf die Börsennotierung und die vierteljährliche Kapitalrendite achteten. Alle anderen Dinge werden dann unwichtig. Das ist doch keine unternehmerische Verantwortung! Wir können die Akteure nicht von der persönlichen Moral dispensieren. Und da kommen wir zum Kern: Führungskräfte in Unternehmen, auch in der Politik und natürlich in der Kirche, müssen Vorbilder sein".

Botschaften, die es verdienen, nicht schon an Ostermontag vergessen zu sein.


Gedanken zur Zeit 755 23-03-08: (1) Angebot von 10 Gratisexemplaren meines neuen Buches, (2) Signaturwerbung

Mein Brief mit Aufruf zum Kauf meines neuen Buches hat zwei Dutzend Reaktionen erzeugt und immer noch kommen welche. Einige weisen zurecht darauf hin, daß ein solches Buch nicht für jeden erschwinglich ist. Ich selbst habe geschrieben: „Und natürlich habe ich volles Verständnis für alle, die sich ein solches Buch nicht leisten können." Zwei Korrespondenzpartnern, die mich auf die finanzielle Hürde aufmerksam gemacht haben, habe ich das Buch inzwischen gratis angeboten.

Nun habe ich ein Angebot von 10 Gratisexemplaren genau für solche Situationen erhalten, in denen jemand Interesse hat, derzeit aber sich das Buch nicht leisten kann. Es kommt von einem Betriebsrat, der damit zugleich bei der Verbreitung des Buches helfen will, und bereit ist, das Buch bei Amazon für die Betreffenden zu bestellen. Wer also derzeit in der angesprochenen Situation ist (in der wir alle sein können), möge mir bitte eine Mail mit ihrer/seiner Anschrift schicken. Die ersten zehn Anschriften reiche ich dann gerne weiter (Nachtrag: Heute, 29.03.08, sind noch 4 zu haben).


Noch etwas Anderes: Gestern erreichte mich eine Mail mit einer Empfehlung: „Eine Anregung habe ich noch. Wie wäre es, wenn Sie einen Appell an die Besucher Ihrer Webseite richten, doch in der Signatur der E-Mails einen Hinweis auf Ihre Seiten einzufügen? Unabhängig davon, ob man nun alles teilt, was dort zu finden ist, ist es doch wichtig, für „Multiplikatoren" zu sorgen.

Natürlich ist das ein guter Rat. Schon jetzt kommen einige Besucher zum Infoportal, die von solchen Signaturen in Internetforen geleitet wurden. Wer also das Infoportal interessant findet und seiner Verbreitung helfen möchte, kann folgende Signatur hier kopieren und in seinen Mails verwenden:

    Jenseits der Meinungsindustrie: täglich Infoportal http://www.jjahnke.net

Wer statt dessen oder zusätzlich auf „Globalisierung: Legende und Wahrheit" hinweisen möchte, kann das so tun:

    Das Buch gegen die Globalisierungslegenden: http://www.jjahnke.net/legende.html

Unabhängige kleine Webseiten sind nun mal, anders als werbestarke Mainstream-Medien, auf „Flüsterpropaganda" und „Schneeballsysteme" angewiesen.


Gedanken zur Zeit 754 23-03-08: „Too big to fail" - Das Undenkbare denken: Wann werden die Gewinne der Banken sozialisiert?

In Deutschland sind die Moralprediger unterwegs. Sie verwundern sich über den Ruf von Banken nach mehr Staat. Dabei hätten sie alle das kommen sehen können. Die Banken waren in der neoliberalen Globalisierung einfach zu groß gezüchtet worden, um noch kapitalistisch untergehen zu können. Niemand kann sich das heute noch leisten. Weder die Briten bei Norther Rock, die immerhin am Ende verstaatlicht wurde, noch die Deutschen bereits jetzt bei IKB, die immer mehr Steuerzahlergeld bekommt, oder den Landesbanken mit Staatsbürgschaften. Noch gar in USA, wo nun Regierung, Notenbank und Banken am runden Tisch sitzen, um das Undenkbare zu denken, nämlich den Aufkauf der miesen Hypothekenpapiere durch den Steuerzahler.

Jeder auf der politischen Ebene mußte wissen: Wenn die Finanzmärkte immer weiter neoliberal globalisiert werden, wenn die Banken mit so wenig Eigenkapital immer mehr Liquidität schöpfen dürfen, wenn die Finanzmarkt- und Bankenaufsicht dieser Entwicklung nicht mehr gewachsen ist, muß am Ende der Steuerzahler einspringen. Die neoliberalen Globalisierer haben praktisch einen Scheck nach dem anderen auf den Steuerzahler gezogen, ohne es auch nur zu bemerken. Nun müssen die Schecks eingelöst werden, und das mit schrecklichen Klageliedern, die uns sagen sollen, daß es niemand gewesen ist, daß niemand die politische Verantwortung übernimmt. Auch nicht der Bundesfinanzminister, bei dem immerhin die Verantwortung für die Bankenaufsicht liegt und der persönlich dem Verwaltungsrat der KfW vorsteht und mit einem ihm nahen Mitarbeiter im Aufsichtsrat der IKB vertreten ist. Unter seinen Augen konnte die IKB die nicht kontrollierte Rheinland für den hochriskanten Handel mit den miesen Verbriefungen amerikanischer ebenso mieser Hypotheken ausgründen.

(Auszug aus Globalisierung: Legende und Wahrheit) Auf dem extrem dünnen Hochseil einer kaum ihre Scham bedeckenden Eigenkapitaldecke haben die Banken in den vergangenen Jahren hohe Gewinne eingefahren, gemessen an ihrem Eigenkapital 2007 in Großbritannien um 20 %, in Deutschland und USA um 12 % (siehe Abbildung). Entsprechend hoch wurden die Ackermanns und Kollegen honoriert. Das ist alles kein Wunder, denn der Gewinn wird auf das bei Banken geringe Eigenkapital bezogen und erscheint damit in guten Zeiten künstlich viel größer. Bei großen britischen Banken z. B. beträgt das Eigenkapital nur 4 % der Bilanzsumme (siehe Abbildung). Bei der IKB waren es sogar nur 2,7 %. Bei einem Industrieunternehmen ist die Eigenkapitaldecke dagegen weit stärker, bei Siemens z. B. 32 %. Da kann schnell mal selbst eine große Bank in die Pleite gehen, wenn die Gewinne in Verluste umspringen.

Der damalige Bundesbankpräsident und heutige Vorsitzende des Kuratoriums der neoliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Prof. Dr. Hans Tietmeyer konnte schon 1996 auf dem „Weltwirtschaftsforum" in Davos vor 2000 Spitzenvertretern aus Wirtschaft, Politik und Forschung mit der ihm eigenen Überheblichkeit erklären: „Ich habe bisweilen den Eindruck, dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden." Dazu nach Jean Ziegler: „Langanhaltender Beifall. Die Staatschefs, Ministerpräsidenten und Minister, unter ihnen viele Sozialisten, akzeptierten wie selbstverständlich die Fremdbestimmung der Volkssouveränität durch die spekulative Warenrationalität des globalisierten Finanzkapitals".

Ich bin dafür, daß diese marode neoliberale Mißgeburt von Bankensystem, für das die Politik und in Deutschland die Bundesbank seit Tietmeyer schwere Verantwortung trägt, nach dem britischen Northern Rock-Modell erstmal verstaatlicht wird, bevor Steuerzahlergeld dort hineinfließt. Dann kann man in Ruhe sanieren , den künstlich und spekulativ aufgeblähten Bankensektor gesundschrumpfen und später zu weit höheren Preisen wieder privatisieren. Die Verstaatlichung sollte allerdings zu niedrigsten Kosten stattfinden (die Commerzbank z.B. ist heute weniger als die Hälfte ihrer Aktiennotierung von vor 8 Monaten wert, die Deutsche Bank weniger als drei Viertel) und der Staat sollte einen Teil der üppigen Gehälter von Ackermann u. Co. zurückfordern. Wenn die sich dann verweigern, weil sie vielleicht juristisch nicht erwischt werden können, sollen sie wenigstens ihre Jobs verlieren und den moralischen Makel tragen.

Wenn Banken für das Steuerzahlergeld der kleinen Leute keine Gegenleistung erbringen wollen, weil sie sich als "too big to fail" betrachten, sollte man ihre Aktien weiter in den Keller rauschen lassen. Alternativ kann man den Banken ohne Verstaatlichung anbieten, ihre Gewinne in den nächsten 10 Jahren als Gegenleistung für das Steuerzahlergeld ebenso zu sozialisieren. Das Schlimmste wären jetzt unkonditionierte Finanzhilfen. Sie würden nur die Unverantwortlichen honorieren und die nächsten Krisen vorbereiten.

Warum nicht endlich mal eine „saubere Lösung"? Es wird Zeit, das Undenkbare zu denken!


Globalisierung





Gedanken zur Zeit 753 22-03-08: Eine „Tibet-Schwalbe" macht noch keinen Sommer

Heute erreichte mich zu meiner Glosse „Deutsche Linke und Tibet" folgender Kommentar:

„ich bin nicht der Auffassung, daß die "deutsche Linke" in dieser pauschalen Form das Thema Tibet abhandelt. Die NachDenkSeiten brachten in ihren "Hinweisen des Tages ein Interview mit der Landesvorsitzenden der hessischen Linkspartei. Ich denke, die Aussagen in diesem Interview sind mehr als deutlich: „Pekings Politik trägt koloniale Züge". Vergleicht man die Medienberichterstattung zu Tibet mit völker- rechtswidrigen Besatzungsregimes anderer Länder, dann habe ich vielmehr den Eindruck, daß wenn zwei das Selbe tun, es sich noch lange nicht um das Gleiche handelt. Dies betrifft z.B. die doch sehr einseitige pro-israelische Medienberichterstattung zu den israelischen Verbrechen in den besetzten palästinensischen Gebieten. Aufschlußreich war der jüngste Besuch Merkels in Israel. Sie setzte dort ihre extrem einseitige Nahostpolitik fort. Nicht ein einziger Palästinenser bekam die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Merkel. Wenn sie hingegen mit dem Dalai Lama trifft, dann läßt sie sich gerne, wie in anderen Politikfeldern auch, von den Medien feiern ("redet Tacheles", "redet Klartext" usw.). Ein anderes Beispiel: Die jahrzehntelange Besetzung Osttimors durch Indonesien. Hierbei wurden hunderttausende Bürger Osttimors getötet und der Westen lieferte hierzu auch noch die Waffen. Kohl sprach nach seinen Besuchen in Indonesien stets von seinem "Freund Suharto". Die dortigen Verbrechen waren den Bürgern im Westen nahezu unbekannt geblieben."

Hier meine Reaktion:

Nun ist es richtig, daß Nachdenkseiten auf eine "Schwalbe" der Linkspartei in Hessen hingewiesen haben. Allerdings hat sich Nachdenkseiten, anders als bei anderen ihrer Presselinks, jeden eigenen Kommentar erspart, was mich bei der globalisierungsunkritischen Haltung von Nachdenkseiten zu China gar nicht überrascht hat. Ist es doch nur bezeichnend für das Problem, das offensichtlich auch Nachdenkseiten bei Tibet haben. Dann habe ich aber vor meiner Glosse sicherheitshalber die Webseite der Linkspartei aufgeschlagen und nichts gefunden. Ich habe auch nach „Lafontaine und Tibet" gegoogelt und auch nach „Gysi und Tibet", beides Fehlanzeige (vieleicht war die Führung der Linkspartei schon in den Osterurlaub verreist?). Dafür bin ich bei der ebenfalls dem linken Spektrum in Deutschland verbundenen jungen welt mit ihrem gemeinen Kommentar über die Tibetaner als „Klerofaschisten" und zum „tibetischen Buddhismus, der ob seines okkulten und antihumanen Charakters schon die Nazi-Ideologen verzück hätte", hängengeblieben. Dann erst war bei mir das Maß für eine Glosse voll.

Auch kann man sich nicht zu Tibet verschweigen, weil sich die Bundesregierung oder andere zu Palästina oder Osttimor verschweigen, was genau so kritikwürdig ist. Oder weil sie sich zu den Vorgängen im Tibet kritisch einlassen. Da darf es kein Kritik-Monopol der Konservativen und keine parteiliche Sprachlosigkeit von links geben. Sollten sich Nachdenkseiten oder die Führung der Linkspartei doch noch einmal zu einem kritischen Tibet-Kommentar hinreissen lassen, werde ich mit Begeisterung Abbitte leisten!

Heute habe ich nun noch einmal unter „Gysi und Tibet" gegoogelt und doch noch eine ganz neue Erklärung von Gysi gefunden: Er soll nach Presseberichten vorsichtiges Verständnis für die chinesische Tibet-Politik geäußert, dabei aber betont haben, „dass die verantwortlichen Chinesen die Seele von Menschen in Tibet verletzten". Dann hat er noch hinzugefügt: „Allerdings begannen die Auseinandersetzungen jetzt dadurch, dass Tibeter Läden anzündeten, Chinesen angriffen. Das ist überall verboten", sagte Gysi. Lenin sagte bekanntlich über die Deutschen, daß sie nicht auf dem Rasen demonstrierten, wenn das verboten sei, oder jedenfalls eine Bahnsteigkarte kauften, bevor sie auf dem Bahnsteig demonstrierten. Außerdem räumt die chinesische Führung inzwischen ein, auf Tibeter geschossen und einige getötet zu haben. Dagegen kann sie mit keinen umgebrachten oder gefährlich verletzten Chinesen aufwarten. Es geht auch wohl um viel mehr als nur um Gysi's „Seelen", und in dieser Hinsicht liest sich die hessische Links-Schwalbe ganz anders: „Die gegenwärtigen Proteste sind ein gewaltiger Wutausbruch der Tibeter. Sie sind nicht nur kulturell unterdrückt, sondern vor allem sozial an die Wand gedrängt worden". Vielleicht sollte Gysi mal bei seinem hessischen Parteifreund in die Schule gehen? „Si tacuisses" sagten die alten Römer, was auf Neudeutsch so viel heißt wie „Wenn Du doch geschwiegen hättest", denn die Gysi-Erklärung ist noch schlimmer als sein langes Schweigen.

Nun bin ich auf weitere Kommentare zu meiner Glosse gespannt!


Gedanken zur Zeit 752 22-03-08: China und die deutschen Preise

Die deutschen Erzeugerpreise lagen im Februar um 3,8 % über Vorjahr, die deutschen Verbraucherpreise um 2,8 %, darunter für Nahrungsmittel 7,8 % (siehe Abbildung), leichtes Heizöl 32,9 % und Strom 7,1 %. Das ist die gefühlte Inflation der weniger Wohlhabenden in Deutschland.

Ein Teil des Preisdrucks auf den Weltmärkten kommt aus China. China sichert sich derzeit überall, vor allem in Afrika und auch mit Einstieg bei Rio Tinto Rohstoffquellen. Dabei ist China sehr plötzlich vom Exporteur zum Importeur geworden. Die chinesische Stahlroduktion stieg seit 1999 auf das 4,6-Fache. Dabei stiegen die Importe von Eisenerz um das 7-Fache (siehe Abbildung). Die Rohölimporte wuchsen sogar um das 350-Fache, die von Kupfer um das 250-Fache (siehe Abbildung).

China importiert nun auch in großem Umfang Nahrungsmittel, besonders Milchprodukte. Schuld daran ist nicht zuletzt die wachsende Nachfrage einer zu relativem Wohlstand kommenden städtischen Bevölkerung, die ihre Ansprüche an Unterkunft, Energieeinsatz, Motorisierung und hochwertigere Nahrungsmittel stellt und dem westlichen Lebensstandard nachstrebt. Dieser erhebliche Teuerungseffekt wird teilweise auch über die chinesischen Exportpreise weltweit weitergegeben.

Für eine umfassendere Darstellung siehe Rundbrief.


Gedanken zur Zeit 751 22-03-08: Warum man BILD, der „größten" Zeitung Europas, auf die Finger schauen muß

Allein in diesem Jahr habe ich mich nun sechsundzwanzigmal mit BILD-Kommentaren befaßt. Diese Kommentare waren immer einseitig, BILD-Interessen-bestimmt, ideologisch stramm rechts und gefährlich, für Menschen, die das nicht gleich erkennen konnten. Ich tue das nicht etwa, weil die Besucher des Infoportals ein Gegengift nötig hätten - da unterstelle ich BILD-Immunität - sondern, um immer wieder die Meinungsindustrie vorzuführen. Man muß den ideologischen Gegner einfach im Auge behalten.

Heute meldet sich nun der Chef-Redakteur persönlich und stramm national mit der frohen Botschaft „BILD ist jetzt ein Berliner" und verkündet den Umzug der Redaktion von Hamburg nach Berlin: „55 Jahre war Hamburg unser Sitz. In dieser Zeit wurde BILD zur größten Zeitung Deutschlands und zur größten Europas. In Hamburg schlug das Herz von BILD. Warum dann jetzt Berlin?" Natürlich gibt er eine typische BILD-Antwort: „ Wir sind die nationale Zeitung für Ost und West. Auch das unterstreicht unser Umzug! Schließlich: BILD ist eine Volkszeitung, eine Zeitung der Menschen und ihrer Probleme. Deshalb muss BILD dahin, wo es gärt, wo es schrammt, wo es wehtut."

BILD als „nationale" Zeitung wäre ein Unglück für die Nation. Zum Glück erreicht BILD nur einen Teil der Nation. Viele, die BILD lesen, freuen sich über die Aufmachung bis zu den sexy Bildern, wissen sich aber vom Gift der Meinungsmache frei zu halten. Eine Zeitung der Probleme der Menschen ist BILD sicher, doch eher zu deren Anheizen als zu deren Lösung. Ohne BILD wäre Berlin, meine Heimatstadt, besser dran.


Gedanken zur Zeit 750 21-03-08: Die globale Krise und die „alten Hüte"

Vielleicht erinnern sich noch einige Besucher dieser Webseite an meine Streitdiskussion mit Albrecht Müller, nachdem er die neoliberale Globalisierung in seinem „Lügen"-Bestseller und auf „Nachdenkseiten" als „alten Hut" heruntergestuft und so als ein aus den 70er Jahren bekanntes und lösbares Problem verharmlost hatte. In mehreren Reaktionen blieb er dann dabei. Dagegen warf er mir einen „eindimensionalen Alarmismus zur Globalisierung" vor und reihte mich „in die Gruppe der Anti-Aufklärer" ein, „die mit Panikmache ihre politischen Ziele zu verfolgen versuchen", was ich dann auf seinen Wunsch auf meiner Webseite auch veröffentlicht habe.

Auch für die Konservativen war die Globalisierung nichts Neues, obwohl sie neuerdings wenigstens verbal im Parteiprogramm der CDU der Globalisierung angesichts der vielen Verlierer eine neue Qualität einräumen. Ähnlich liegt die SPD, während für die Partei DIE LINKE die Globalisierung vor allem noch immer ein Thema des bösen Nordens gegen den geschädigten Süden ist, also ein ganz altes Phänomen; im Entschließungsantrag zur Globalisierung „Menschen statt Profite ist die Rede von einem „Protektionismus des Nordens gegenüber dem Süden".

Nun brechen nach Abbau aller Kapitalverkehrskontrollen in Europa in den 90er Jahren, einer dramatischen neoliberalen Öffnung der Finanzmärkte, besonders des deutschen, mit einem wesentlichen höheren Offenheitsgrad als in USA oder Japan (siehe Abbildung), und einer so ermöglichten gigantischen und globalen Spekulation die Kreditmärkte zusammen. Die USA fallen in die Rezession. Auch für Deutschland ist das nicht mehr ganz auszuschließen. Einige Kommentatoren sehen schon eine Weltwirtschaftskrise. Immer noch alles nur "alte Hüte"?


Gedanken zur Zeit 749 21-03-08: Deutsche Linke und Tibet

Bei Tibet schweigen derzeit viele im linken deutschen Spektrum, anders als die Bundesregierung, von wo immerhin einige kostenlose Ermahnungen an die chinesische Führung zur Gewaltlosigkeit kommen. Immerhin hat die Entwicklungshilfeministerin Gespräche mit China derzeit abgesagt. Deutschland ist auch deshalb besonders vorsichtig, weil man sich - mehr noch als andere Länder - große wirtschaftliche Vorteile vom Handel mit China verspricht. Der Exportweltmeister läßt grüßen. Besonders besorgt um diesen Handel hat sich in der Vergangenheit die Linkspartei gezeigt. Dort hat China sogar einen Platz im Entschließungsantrag der Partei zur Globalisierung „Menschen statt Profite" gefunden, wo beklagt wird, daß China beim Export als Konkurrent auf das Schärfste bekämpft werde.

Die TAZ ist vorsichtig, seit auch Ihre Korrespondenten von der Polizei drangsaliert und dann aus Tibet ausgewiesen wurden. Nun gibt es aber noch weiter links die „junge welt" mit ihrem Kommentator Werner Pirker. Der vermeldet am 18. März unter der Überschrift „Aggressive Esoterik - Böse Serben, gute Tibeter" Erstaunliches: „Wenn zur gleichen Zeit in Tibet Anhänger des Dalai Lama plündernd, brandschatzend und ihren chinesischen Mitbürgern Gewalt antuend durch die Straßen ziehen, hält sich trotzdem das Gerücht, daß eine friedliche Menschenmenge von einer grausamen Staatsmacht an der Ausübung ihrer elementarsten Rechte gehindert worden sei. Peking wird auch keine Autonomie zulassen, die auf die Anerkennung einer reaktionären Theokratie auf seinem Territorium hinausliefe. Der tibetische Buddhismus, der ob seines okkulten und antihumanen Charakters schon die Nazi-Ideologen verzückte, bietet nicht nur Freizeitphilosophen ein reichhaltiges Angebot, er wird auch noch als geistige Wunderwaffe gegen den kommunistischen Totalitarismus feilgeboten. Mit einer Rede zum 49. Jahrestag der Niederschlagung des klerofaschistischen Aufstandes hat der Dalai Lama eine marodierende Menge in Bewegung gesetzt und das eigene Friedensgeschwafel in seiner latenten Aggressivität bloßgestellt. Es ist der rasante Aufstieg der Volksrepublik von einem Land auf Dritte-Welt-Niveau zu einer ökonomischen Führungsmacht, der massive menschenrechtliche Bedenken auslöst."

Man sollte den chinesischen Diktatoren empfehlen, bei Pirker in die Schule zu gehen. Von deutschen Linken lernen, war in China schon immer in Mode. Kommt vieles an der China-Liebe einiger Linker direkt aus einem platten Anti-Amerikanismus? Oder ist da noch die Mao-Bibel?


Gedanken zur Zeit 748 21-03-08: Buch gegen Internet

Es war ein hektischer Tag heute. Mein Brief zu meinem neuesten Buch ist jetzt schon 500-mal aufgerufen worden. Fast zwei Dutzend Emails kamen am Nachmittag und Abend in kurzer Folge, einige ziemlich lang. Alle wurden gründlich beantwortet und auf der Sonderseite mit Antworten eingestellt. Die schönste Nachricht war diese:

    „habe zwei Bücher für mich und einen Mandanten erworben.
    Wenn es dem gefällt, folgen noch weitere.
    Preußisch kurzer Dank aus Berlin und ebenso preußisch kurz:
    WEITERMACHEN!"

Der Erste, der mich erreichte, schrieb mir: „Mein Geld ist mehr als knapp, werde mir aber vom nächsten Salär der Arge, Ihre klasse Arbeit, die Sie da machen, Ihr Buch zulegen." Ich habe ihm sofort zugesagt, ihm das Buch gratis zu schicken, kann das aber nicht in weiteren Fällen tun.

Dann habe ich mich bemüht, in vielen Antworten dem Eindruck entgegenzuwirken, es ginge mir um Geld aus mehr Buchverkauf. Es müßte doch klar sein, daß ich mit meiner Arbeit nie hinter einer Geldquelle her war. Es ist einfach so: Wenn man ein gutes Buch zu so einem brandaktuellen Thema in Deutschland nicht über eine gut besuchte Webseite verkaufen kann, weil nur Gratisinformation gesucht wird, soll man wirklich aufgeben.

Eines habe ich gelernt. Man muß erklären, wo der Vorteil eines Buches gegenüber dem Internet liegt, denn - wie ich nicht erwartet habe - gibt es viele mit dem nötigen Kleingeld, die dennoch den Vorteil nicht sehen oder sehen wollen, zumal wenn sie mit dem Gratisangebot des Infoportals vergleichen und dann der „Geiz-ist-geil"-Mentalität erliegen. Hier noch einmal die wichtigsten drei Elemente:

    Das Internet ist schneller und oft aktueller, aber dafür überhäuft es mit meist ungeordneter Information. Es ist wie mit einer Tageszeitung. Nach dem Urlaub fragt man sich, ob man die aufgehäuften Ausgaben noch lesen soll. Selbst meine Schwerpunktarbeit auf der Webseite ist nicht so gezielt und zielführend angelegt, wie ich das mit dem Buch getan habe. Am Ende verlieren, diejenigen, die sich wirklich informieren wollen, am Internet mehr Zeit als mit einem guten kritischen Sachbuch.
    Ein systematisch aufgebautes Buch, das man auch noch in der Hand halten und in dem man jederzeit nachschlagen und sogar Notizen machen kann, ist dem Betrachten vieler Webseiten immer überlegen. Man kann es aus der Hand legen und dort weiterlesen, wo man stehen geblieben ist. Man kann es auf Reisen mitnehmen. Ein solches Sachbuch ist ja kein Krimi, den man in einem Stück durchliest und dann auf Dauer weglegt. Man kann es auch schenken und damit im Freundes- und Familienkreis Aufklärungsarbeit sehr viel gezielter leisten, als mit Hinweisen auf Webseiten.
    Die Aktualität des Internets wird übrigens weit übertrieben. Wirtschaftliche und soziale Entwicklungen muß man immer mit dem Abstand über mehrere Jahre bewerten, um ein klares Bild zu bekommen. Sonst sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ich hätte nie gedacht, über die Vorteile eines Buches aufklären zu müssen. Aber einige der Reaktionen, nicht alle, haben das nötig gemacht.

Noch Fragen?


Gedanken zur Zeit 747 20-03-08: Totales Chaos in der Präsentation offener Stellen

Man erinnere sich. In jeder Meldung vom Arbeitsmarkt stellen Bundesregierung und Bundesagentur immer das steigende Angebot offener Stellen heraus. So meldete die Agentur zuletzt: „Alles in allem waren das im Februar 999.000 Stellen, 146.000 oder 17 Prozent mehr als vor einem Jahr." Oder im Jahresbericht 2007: „Der Bestand an gemeldeten Stellen ist im Jahresdurchschnitt 2007 noch mal deutlich gestiegen." Dazu kam dann immer eine eindrucksvolle Grafik über den enormen Anstieg solcher Stellen (siehe Abbildung).

Doch dann gab es immer eine eigenartig nichtssagende Fußnote: „Einen umfassenderen Einblick in das Volumen der nicht realisierten Arbeitskräftenachfrage gibt eine repräsentative Betriebsbefragung des IAB über das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot, die vierteljährlich durchgeführt wird. In dieser Erhebung werden auch jene Stellen erfasst, die der Bundesagentur für Arbeit nicht gemeldet wurden bzw. nicht bekannt sind. Nach Angaben des IAB lag das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot im dritten Quartal 2007 bei 1,25 Mio, im Vergleich zum Vorjahr waren das 70.000 oder 6 Prozent mehr." Auch das klang sehr gut.

Doch nun auf einmal meldet die IAB das Gegenteil unter der Überschrift: „Leichter Rückgang bei den offenen Stellen im vierten Quartal 2007" und das sieht in der Grafik dann genau umgekehrt aus und zeigt einen Abstieg seit dem Gipfel im 1. Quartal 2007 (siehe Abbildung). Hier noch einmal die beiden Statistiken nebeneinander.

Erklärung der IAB: „Das Institut befrage regelmäßig rund 14.000 Unternehmen nach offenen Stellen. Damit erfasse es auch freie Jobs, die der Bundesagentur nicht bekannt seien. Im Unterschied zu dem vom IAB ermittelten gesamtwirtschaftlichen Stellenangebot flößen in die BA-Statistik auch von Firmen gemeldete Stellen, Stellenangebote der BA-Internet-Jobbörse und solche auf Firmen-Webseiten ein. Deren Zahl sei in den vergangenen Monaten stark gewachsen und habe zu der optimistischen BA-Einschätzung geführt." Und weiter: „Der Fachkräftebedarf bleibt in einzelnen Bereichen der Wirtschaft also ein Problem. Er tritt aber weiterhin nicht flächendeckend auf", so IAB-Arbeitsmarktexpertin Kettner.

Warum kann man uns nicht ehrlich informieren?


Gedanken zur Zeit 746 20-03-08: Reaktionen auf meinen "Hilfe-Ruf"

Nun erreichen mich viele Reaktionen auf meinen Brief an die BesucherIinnen des Infoportals. Weil diese Diskussion so wichtig ist, habe ich eine besondere Kommentarseite nur hierzu eingerichtet.

Um es auch noch einmal an dieser Stelle zu sagen: Es geht mir nicht um Geld oder Spenden. Es geht mir um die Sache. Wer nur gratis und auf die Schnelle mitnehmen will, aber für ein meiner Meinung nach wichtiges Buch nicht zu interessieren ist, ist bei mir eigentlich nicht ganz an der richtigen Adresse. Es ist wohl so, dass sehr viele Menschen nicht mehr begreifen, wie viel wertvoller ein systematisch aufgebautes Buch, das man auch noch in der Hand halten und in dem man jederzeit nachschlagen und sogar Notizen machen kann, gegenüber dem Betrachten vieler Webseiten ist. Die Leute verlieren weit mehr Zeit am Bildschirm, als wenn sie sich mit einem gezielten Buch informieren ließen. Auch das ist ein Kulturverlust, der in Deutschland leider noch durch "Geiz ist geil" angeheizt wird. Es ist auch schade, wenn sich die Menschen nur noch von großen Verlagen mit sehr viel Werbung und knalligen Titeln zum Bücherkauf gewinnen lassen. Wie sollen wir denn jemals gegen die Meinungsindustrie ankommen, wenn sich ein Buch wie meines ohne kostspieligen Werbeaufwand nicht verkaufen ließe?

Die Aktualität des Internets wird übrigens weit übertrieben. Wirtschaftliche und soziale Entwicklungen muß man immer mit dem Abstand über mehrere Jahre bewerten, um ein klares Bild zu bekommen. Sonst sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Schließlich: Ein gutes Buch kann man verschenken und damit wertvolle Aufklärung im Freundes- und Familienkreis erreichen.

Und noch etwas gegen die einseitige Internetkonzentration: Die meisten Besucher kommen tagsüber von ihren beruflich breitbandverbundenen Bildschirmen in Unternehmen, Ämtern oder Universitäten. Das zwingt sie in sehr kurze Besuche, deren nachhaltiger Effekt schon deshalb im Vergleich zur ruhigen Buchlektüre reduziert sein dürfte.

Mehr zum Buch.


Wirtschaftsstandort

Hinweis auf mein neues Buch: "Globalisierung: Legend und Wahrheit - Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme" - ist im März 2008 im Shaker-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 978-3-940459-56-5). Zur Bestellung hier.