(437) "Die Zeit" und die chinesischen Proletarier: Noch ein Akt in Volksverdummung
(436) Wann kommen massive Streiks für höhere Löhne?
(435) Wie ungleich kann diese Welt eigentlich noch werden?
(434) Nun spinnt auch noch die Bundesbank in den Konjunkturerwartungen
(433) Und nun die Inflationsangst
(432) Die Tricks der Statistik
(429) BILD und das Schlaraffenland
(428) Nun retten die Aktionäre die deutsche Konjunktur
(427) Endlich begreift die EU-Kommission die China-Realität
(425) Wer hat da alles den IG-Metall-Abschluß bejubelt und wer die Ängste verbreitet?
(424) China: Tausche Weltumwelt und eigene Umwelt gegen Wirtschaftswachstum
(423) Die 10 Schaubilder kommen an
(421) BILD und der Lokführerstreik
(420) BILD und der Stolz auf die Hartz-Reformen
(418) BILD-Sinn hetzt weiter gegen Mindestlohn
(417) Das Infoportal als Bezugsquelle auf Blogs und Internet-Fora
(416) Wie lernfähig ist die deutsche Politik? Zwei Beispiele
(414) Wie BILD seine Leser schon wieder belügt, diesmal zur sozialen Gerechtigkeit
(413) Eine kleine Linkswende in Deutschland und Frankreich?
(412) Exportweltmeister und Letzter im EU-Vergleich der Entwicklung von Arbeitseinkommen und Konsum
(411) Wie man mal eben 30 Milliarden Dollar (30.000.000.000) vernichtet
(410) Rentner und Aufsichtsräte - zweimal Deutschland aus der Presse von gestern
(409) Anders als der frühere IWF-Chef Köhler spricht Strauss-Kahn das China-Problem offen an
(408) Nachdenkseiten gehen dem SPIEGEL auf den Leim
(406) Was bedeutet ein jahrelang schrumpfender Finanzsektor?
Gedanken zur Zeit 437 23-10-07: "Die Zeit" und die chinesischen Proletarier: Noch ein Akt in Volksverdummung
Nun also beruhigt uns auch "Die Zeit". Die Löhne in China steigen angeblich rasch und die Arbeiterschaft schrumpft demographisch. Wörtlich: "Vor rund 150 Jahren befanden sich die Gesellschaften des Westens in einer ähnlichen Lage: Kaum ein Bürger hungerte noch, aber die Ungerechtigkeit war größer denn je. Das rief die Arbeiterbewegung auf den Plan. Aus ihren Forderungen erwuchs die Sozialpolitik. China scheint dieser Entwicklung heute nicht entrinnen zu können. ... In gewisser Weise geht also das Gespenst von Karl Marx wieder um. Auch viele Menschen in anderen Ländern haben ein Interesse daran, dass Chinas Arbeiter in Zukunft mehr verdienen. Die Konsumenten im Westen, weil sie sich sichere Qualitätsprodukte aus China wünschen, die nur unter besseren Arbeitsbedingungen hergestellt werden können. Die Arbeiter im Westen, damit ihre eigenen Lohnforderungen weniger anmaßend klingen."
Alles in Butter also. Nur daß "Die Zeit" vergißt, wie sich die Produktivität in China schneller entwickelt als die Löhne und daß bei einer der höchsten Sparquoten der Welt China auf den Export billigster Arbeitskraft angewiesen bleibt. Auch scheint "Die Zeit" den horrenden Unterschied zwischen den Löhnen in den Städten, die "Die Zeit" in einer Tabelle vorführt, und auf dem Lande, wo die Exportkapazitäten mit billigsten Wanderarbeitnehmern arbeiten, nicht zu kennen. Das "Überall in China steigen Löhne und Gehälter" ist einfach irreführend, siehe hier die nominale(!) Entwicklung. Auch weiß "Die Zeit" offensichtlich nicht, wie stark die Schere zwischen dem obersten und dem untersten Fünftel der Einkommensbeziehern aufgeht.
Der Vergleich mit Europa vor 150 Jahren hinkt total und ist ziemlich lächerlich. Daß die deutschen Arbeiter Lohnsteigerungen in China bräuchten, damit ihre eigenen Lohnforderungen weniger anmaßend klingen, ist blanker Hohn auf die Sozialverhältnisse in Deutschland. Ein bißchen Nachhilfe für "Die Zeit": Vor 150 Jahren mußte in Europa eine kommunistische Partei erst gegründet werden, in China gibt es sie nun schon seit 86 Jahren und sie regiert das Land bereits seit 57 Jahren. Doch im Unterschied zu den seinerzeitigen Ereignissen in Europa ist die CPC immer neoliberaler geworden, hat auf Privateigentum gesetzt, Börsen eingerichtet, eine Millionärs- und Milliardärsklasse gezüchtet, ausländische Mulitis profitträchtig ins Land geholt und kauft nun selbst heuschreckenartig Unternehmen im Ausland. Die importierten Mulits dürfen zusammen mit chinesischen Unternehmen die billige chinesische Arbeitskraft ausbeuten. Streiks sind selten und werden oft unterdrückt; sie sind meist verboten, und unabhängige Gewerkschaften gibt es ohnehin nicht.
In keinem der größeren Länder der Welt ist der Graben zwischen Arm und Reich zwischen 1994 und 2004 so zusätzlich aufgerissen wie in China, und diese Entwicklung setzt sich - entgegen den Verheißungen der "Zeit" fort. Damit hat China alle Chancen, sich an Brasilien vorbei an die Spitze der Liga in Ungleichheit zu setzen. Zwischen dem untersten und dem obersten Fünftel der Einkommensbezieher klafft nun schon ein Graben von 1 zu 12 (zum Vergleich: Japan 1: 2,3 - siehe hier). Seit Deng Xiaoping in den 80er Jahren erklärte: "Laßt erst mal einige Leute reich werden", ist China immer kapitalistischer geworden. Heute gibt es in keinem Land der Welt, außer USA, so viele Milliardäre wie in China. Die Hurun Rich List für 2007 zählt davon 106 (gegenüber nur 15 im Vorjahr) mit einem Gesamtvermögen von 243 Milliarden Dollar, außerdem 800 Millionäre mit je mehr als 100 Millionen Dollar und durchschnittlich einer halben Milliarde Dollar. Ein Drittel der 800 gehören der Partei an, 38 sind sogar im Nationalen Parlament vertreten. In den Buchläden werden zur Nachahmung zahlreiche Biografien der Reichen angeboten.
Anders als vor 150 Jahren gibt es derzeit zum Kapitalismus pur keine Alternative in der Welt, seit der real existierende Sozialismus das Zeitliche gesegnet hat, bisher jedenfalls sind Alternativen nicht in Szene, auch nicht in China. Und vor 150 Jahren konnten allenfalls Sklaven verschifft, nicht aber die Weltindustrieproduktion um den Globus herum bei offenen Grenzen auf die billigsten Standorte verteilt werden.
Gedanken zur Zeit 436 23-10-07: Wann kommen massive Steiks für höhere Löhne?
Wenn es um die Wirtschaft geht, vor allem um Inflation und Löhne, wird es in Deutschland oft irreal, vielleicht sogar surreal. Da wird von Deutschlands meistgelesener Zeitung die Inflation beklagt und gleich den Steuern die Schuld gegegeben, um bloß nicht die preissteigernden Unternehmen aufs Korn zu nehmen. Da wird vom Statistischen Bundesamt die Inflation entscheidend auf die Entwicklung beim Heizöl zurückgeführt und dann gleich wieder mit einem angeblichen Basiseffekt im Vorjahr irreführend verharmlost. Da warnt ausgerechnet der Bundesverband Deutscher Banken, d.h. der Verband der Höchstverdiener wie Ackermann, die Gewerkschaften davor, wegen des Preisschubs im kommenden Jahr höhere Tariflöhne zu fordern, denn dies würde die Preisspirale erst recht in Bewegung setzen, und spricht sich damit praktisch für weitere Reallohnkürzungen aus. Da kommt der SPD-Vorsitzende Beck und sieht Chaos, wenn die Lockführer auf der Basis eines eigenen Tarifvertrags eine höhere Lohnsteigerung verlangen, und sieht die Tarifautonomie in Gefahr, während er sich gerade in dieselbe einmischt.
Da wird trotz erheblicher realer Einkommensentwertung so getan, als sei der Kaufboom weiterhin um die Ecke und wird zum Beweis von der Bundesbank ein angebliches, aber nicht vorhandenes Anziehen des KfZ-Umsatzes im dritten Quartal behauptet. Da bezahlt die Bundesagentur deutsche Verleihunternehmen, damit sie Arbeitslose ins Ausland - nach "Monitor" z.B. in die Schweiz - vermitteln, die dann dort zur Hälfte des Schweizer Mindestlohns illegal lohndumpend eingesetzt werden (hier). Da wird Sarkozy krititsiert, weil er sich um den Schaden aus der Euroaufwertung für den französischen Export sorgt, während gleichzeitig die deutschen Unternehmen mit zu Hause real gedrückten Löhnen munter in Frankreich Lohndumping betreiben.
Vielleicht begreifen die deutschen Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften, daß es an der Zeit wäre, mit massiven Streiks, wie in Frankreich, ihre Rechte zu verteidigen. Unter allen Vergleichsländern in Europa ist die Schere zwischen dem oberen Fünftel der Einkommensbezieher und dem untersten nirgendwo (außer Portugal) in den letzten Jahren so aufgegangen wie in Deutschland (hier), und seitdem hat sich diese Entwicklung in Deutschland noch verstärkt.
Gedanken zur Zeit 435 22-10-07: Wie ungleich kann diese Welt eigentlich noch werden?
Im Jahre 2000 verdiente das oberste Fünftel in Deutschland 3,5-mal so viel wie das unterste. Wenn man den bis 2005 verzeichneten Trend bis zu diesem Jahr fortschreibt - und wahrscheinlich hat er sich noch verstärkt -, dann sind es bereits etwa 4,4-mal mehr. Noch stärker auseinander geht die Entwicklung in dem Land, nämlich China, das die anderen mit Niedrigstlöhnen vor sich hertreibt. Dort ist nämlich das Verhältnis von 7,8 auf 12,2 hochgesprungen.
Ja, höre ich meine China-Freunde sagen, aber China ist nur ein anderes Japan. Und mit Japan sind wir fertig geworden. Vielleicht sollten die mal diese Abbildung betrachten, die sehr deutlich zeigt, wie viel egalitärer die japanische Gesellschaft ist. Sie war es immer schon. Von hier ist daher in der Vergangenheit kaum ein Niedrigstlohndruck ausgegangen, und wenn dann nur für einen sehr kurzen Zeitraum am Anfang des japanischen Aufstiegs. Das unterste Fünftel in Japan hatte im Jahre 2004 ein Einkommen, das mehr als 14-mal dem des untersten Fünftels in China entsprach (übrigens ähnlich wie schon zehn Jahre zuvor). So groß sind die Unterschiede am unteren Ende. Dagegen ist das oberste Fünftel in Japan vom Einkommen her nur 2,6-mal besser dran als das in China. Diese Entwicklung zeigt, daß sich die chinesischen Einkommen im obersten Fünftel nach oben angleichen, dagegen kaum am Ende oder in der Mitte der Einkommenspyramide. Wie sollte es auch anders sein bei 700 Millionen mittelloser Landbevölkerung, die als Wanderarbeitnehmer jede Arbeit annehmen muß und das noch für sehr lange Zeiten.Gedanken zur Zeit 434 22-10-07: Nun spinnt auch noch die Bundesbank in den Konjunkturerwartungen
Originaltext Bundesbank im letzten Monatsbericht der Bundesbank zur gesamtwirtschaftlichen Einschätzung des dritten Quartals: "Den Schätzungen zufolge wuchs die Wirtschaft in den Sommermonaten mit einer höheren Rate als im Durchschnitt des ersten Halbjahrs. Dabei kamen verstärkt Impulse aus dem Inland. Der private Konsum hat sich bei verhaltenen Umsätzen des klassischen Einzelhandels vor allem aufgrund der beträchtlichen Zunahme des Kfz-Handels wohl merklich belebt."
Doch die vom Verband der deutschen Automobilindustrie ausgewiesenen PKW-Zulassungen zeigen das Gegenteil. Sie lagen im 3. Quartal um 11 % unter denen des 2. Quartals und in den ersten drei Quartalen um 8 % unter den ersten drei Quartalen 2006 (hier). Kann man nun selbst der Bundesbank nicht mehr glauben?
Gedanken zur Zeit 433 22-10-07: Und nun die Inflationsangst
BILD ist die Angstmaschine Nr. 1 in Deutschland. Heute titelt sie in großem Balken "Inflations-Alarm", und bezieht sich auf Bundesbankpräsident Weber, der im Berliner Tagesspiegel gesagt hat: "Als Notenbank machen wir uns in der Tat Sorgen. Was beunruhigt, ist der Anstieg der Preise auf breiterer Front, also nicht nur bei Energie und Nahrungsmitteln. Bis zum Jahresende könnte die Inflation in Deutschland bis auf eine Rate von 3 Prozent steigen." Dazu BILD: "Einen solchen Preisschub gab es zuletzt im Februar 1994!"
Im Kommentar legt BILD dann richtig los: "Das sind 3 Prozent weniger Kaufkraft für jeden. Das lässt die Lohnerhöhungen dieses Jahres praktisch auf Null sinken. Das bringt die Sparer um ihren Lohn. Das übersteigt die zu erwartenden Rentenerhöhungen bei Weitem." Doch BILD wäre nicht BILD, wenn nicht gleich die Schuld verteilt würde, natürlich nicht an die Unternehmen, natürlich nicht an die gewaltigen Einkommenssteigerungen für die Reichen, nein allein der Staat ist der Schuldige: "Besonders schlimm: Der Staat dreht kräftig mit an der Preisspirale. Bei jedem Liter Sprit ist er mit 80 Cent dabei, den Strom verteuert er durch fünf Steuern und Abgaben um gut 40 Prozent. Trotz ihres Fleißes und trotz des Wachstums haben die Menschen heute weniger in der Tasche als vor einem Jahr. Weil der Staat ihnen weniger lässt und dann noch bei der Preistreiberei mitmacht. Vater Staat? So handelt nur ein Rabenvater!". Dabei wird der Finger natürlich nicht auf Frau Merkel sondern den SPD-Finanzminister Steibrück gelegt, denn der wird von den BILD-Lesern mit den Steuern indentifiziert.
Gedanken zur Zeit 432 22-10-07: Die Tricks der Statistik
Zunächst ein Auszug aus Kurt Richebächer, Amerikanische Schuldenblase: " ...Die amerikanischen Ökonomen haben in den letzten zehn Jahren erhebliche Veränderungen in ihren statistischen Erhebungen vorgenommen. Vor allem in den Daten, die die größten wirtschaftspolitischen Auswirkungen haben. So zum Beispiel änderten sie die Messlatte zur Messung der Inflation. Das Argument der Fachleute war: Wir müssen die Verbesserungen der Gebrauchswerte als Preisrückgang darstellen. Ursprünglich wurde dies bei nur bei verkauften Computern in die Preisstatistik eingerechnet, inzwischen wurde diese Berechnung auf die gesamte Wirtschaftsstatistik ausgedehnt. (als Beispiel: Verdoppelte sich innerhalb eines Jahres die Leistung bei einem 1000-Dollar-Computer, dann wanderten die für 1000 Dollar bezahlten Computer nur mit 500 Dollar in die "hedonistische" offizielle Statistik). Konservative Schätzungen nehmen an, dass diese Änderungen der Indizes die Inflationsrate um 1,5 Punkte senken. Andere gehen von 3 Punkten aus. Was wir auch immer ansetzen, wenn wir diese Zahl der offiziellen Inflationszahl hinzurechnen, dann bleibt keinerlei Wirtschaftswachstum übrig. Haben Sie das verstanden? Nach Abzug der wirklichen Inflation gibt es in den USA, so denke ich, seit Jahren so gut wie kein reales Wirtschaftswachstum.
Die andere Sache von Wichtigkeit: Die Messzahlen zur Erhebung der Arbeitslosigkeit wurden verändert. Vor seiner Wiederwahl wollte Bill Clinton niedrigere Arbeitslosenzahlen. Zu diesem Zweck fügten sie eine zusätzliche Frage bei der Erfassung der Arbeitslosen ein. Es ist kaum bekannt, dass in den USA die Arbeitslosenzahlen dadurch erfasst werden, dass jeden Monat 50.000 Menschen gefragt werden: "Haben Sie ihren Job verloren?", "Sind Sie arbeitslos?" und so weiter. In diesen Fragebogen wurde die Frage eingefügt: "Haben Sie aktiv nach einer neuen Arbeit gesucht?" Auf Deutsch: "Haben Sie eine Bewerbung für einen Arbeitsplatz losgeschickt, bzw. hat Ihnen eine Firma einen neuen Job angeboten?" Man glaubt es kaum, aber wer auf diese Frage mit "Ja" antwortet, wird nicht mehr als Arbeitsloser gezählt. Andererseits, wer es aufgeben hat, nach Arbeit zu suchen, auch der wird nicht mehr als Arbeitsloser gezählt. Man schätzt diese "frustrierten Arbeitslosen" auf mehr als 5 Millionen. Wenn man sie in die Arbeitslosenzahlen einrechnet, dann liegt die Arbeitslosenrate in den USA bei rund 8% bis 9% und nicht bei den behaupteten 5%.
Als Ergebnis bekommt man eine geringe Beschäftigungsrate bei einem geringen Wirtschaftswachstum. Aber die Betrügereien bei der Festlegung der Arbeitslosenzahlen sind nicht einmal das Schwerwiegendste. Tatsache ist, dass der größte Betrug passiert bei der Festlegung des BSP und daraus folgt eine Unterschätzung der Inflation. Es hängt alles davon ab, ob man behauptet, die Inflationsrate sei 1% oder 2% oder 3%." Ende des Zitats.
Kommentar eines Lesers, der mich unter Hinweis auf die Quelle zu diesen Gedanken veranlaßte: "Dieser Text von 30.01.2006 ist zwar etwas her, aber in der Analyse immer noch aktuell. Aber wirklich nachdenkenswert sind seine Ausführungen zum Wert amerikanischer Statistiken. Der kürzlich verstorbene Kurt Richebächer war Chefökonom bei der Dresdner Bank, hat sich später selbstständig gemacht und einen monatlichen Rundbrief herausgegeben. Er war ein erstaunlicher Querdenker und führt wahrscheinlich den Rekord an richtigen Krisenvoraussagen, von der Asienkrise über die Blase bei den Technologieaktien bis hin zur großen Blase bei Immobilien. Aus einem Nachruf: Paul Volker hat einst festgestellt, dass die Herausforderung an einen modernen Zentralbanker darin besteht nachzuweisen, dass Kurt Richebächer falsch liegt. Stattdessen beweisen sie, dass er Recht gehabt hat."
Ebenso verfälscht sind in Deutschland die Statistiken des Arbeitsmarktes und sicher auch zur Inflation. Die Verbraucherpreisinflationsrate hängt davon ab, wie der Warenkorb zusammengesetzt ist. Im Juli dieses Jahres lag die offizielle Inflationsrate bei 2 %. Doch der Inflationsexperte Brachinger hat seinen eigenen Warenkorb für die echt von den meisten Verbrauchern gefühlte Inflation zusammengestellt und kommt statt dessen auf über 5 % (hier). Anderes Beispiel: Das Statistische Bundesamt weist für September eine Inflationsrate für leichtes Heizöl von nur 3,1 % gegenüber Vorjahr aus. Das ist rein rechnerisch korrekt. Doch seit Januar ist der Heizölpreis in diesem Jahr kontinuierlich um bereits über 20 % gestiegen und steigt weiter, während 2006 der Anstieg zwischen Januar und September nur bei 6 % lag und bereits im August der Jahresgipfel des jährlichen Anstiegs erreicht war, so daß die jetzt für September 2007 ausgewiesene Inflationsrate von nur 3,1 % sicher nicht den schmerzhaften Gefühlen der Verbraucher entspricht (hier). Das Statistische Bundesamt setzt dem dann noch die Krone auf, indem es den Anstieg mit einer saisonalen Besonderheit des Vorjahres verharmlost: "Das Ergebnis resultiert in erster Linie aus dem deutlichen Preisrückgang bei diesen Erzeugnissen im Vorjahresmonat September 2006. Dieser statistische Basiseffekt ist ausschlaggebend für den Preisauftrieb im aktuellen Monat."
Gedanken zur Zeit 431 21-10-07: Verkehrte Welt: Die Vorsitzende der CDU steht nach Umfrage mehr für soziale Gerechtigkeit als die SPD
Nach einer neuen Emnid-Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen (52 %) der Meinung, Bundeskanzlerin Merkel stehe für soziale Gerechtigkeit und nur 38 Prozent glauben das Gegenteil. Besonders gut schneidet sie mit 61 Prozent bei den Jüngeren (bis 29 Jahre) ab. Sogar von den SPD-Anhängern glaubt eine knappe Mehrheit (47 % "Ja", 46 % "Nein"), die CDU-Chefin stehe für soziale Gerechtigkeit.
Entweder die Menschen wissen nicht mehr, was soziale Gerechtigkeit eigentlich bedeutet und wieviel Ungerechtigkeit es inzwischen in Deutschland gibt. Oder die SPD ist mit den Agenda-Anhängern Müntefering und Steinbrück einfach noch tiefer gefallen und läßt die Kanzlerin vergleichsweise als sozial gerecht erscheinen. Wahrscheinlich trifft beides zu. Bei den SPD-Größen hatte Parteichef Kurt Beck mit 46 Prozent noch am besten abgeschnitten, 27 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt, 26 Prozent wollen sich nicht festlegen. Vizekanzler Müntefering kommt nur noch auf 43 % zu 37 %. Noch schlechter schneiden Finanzminister Steinbrück mit 36 Prozent, Außenminister Steinmeier (33 %), Fraktionschef Struck (32 %) und Umweltminister Gabriel mit 31 Prozent ab. Diese Partei mit dem "sozial" im Namen sollte sich ehrlicherweise umbennenen.
Gedanken zur Zeit 430 19-10-07: Masochismus: Wir bezahlen mit unseren Steuern die Wirtschaftsforschungsinstitute und die beraten die Bundesregierung, wie sie uns ärmer machen kann
Eigentlich ist es eine Farce, wenn es nicht so bedrückend wäre. Das Bundeswirtschaftsministerium holt den Rat der aus seinem Etat mit unseren Steuergeldern finanzierten Forschungsinstitute ein. Und die belehren dann das ihnen ohnehin wohlgesonnene Ministerium, wie man an unsozialen Reformen, die die meisten von uns ärmer machen, festhält. Die Medien, besonders BILD, transportieren diesen Masochismus dann weiter.
Das liest sich dann in Kurzfassung zu den drei Bereichen der Wirtschaftspolitik so:
"Die Finanzpolitik sollte dazu ihren Konsolidierungskurz fortsetzen. Die Institute schlagen vor, dass die konjunkturunabhängigen Staatsausgaben um 2 % je Jahr zunehmen und damit langsamer als das nominale Bruttoinlandsprodukt. So entstünde ein Haushaltüberschuss von überschlägig 10 Mrd. Euro je Jahr. Dieser kann für einen Abbau des noch verbleibenden strukturellen Defizits, aber auch für mehr investive Ausgaben oder Steuersenkungen verwendet werden. Allerdings ist derzeit nicht zu erkennen, dass der notwendige Konsolidierungskurses fortgesetzt wird.Vielmehr werden die konsumtiven Staatsausgaben im kommenden Jahr wieder verstärkt steigen." Auf Deutsch: Auch in der derzeitigen Abschwächung der Weltwirtschaft weiter sparen und noch mehr Steuersenkungen (wohl für die Besserverdiener, wie bisher schon).
"In der Arbeitsmarktpolitik findet der Reformkurs der vergangenen Jahre keine Fortsetzung.Vielmehr wird derzeit eher über ein Zurückdrehen bei den bisherigen Reformen diskutiert. Erforderlich sind aber Maßnahmen, die insbesondere im Niedriglohnbereich die Anreize für Arbeit erhöhen und die dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt verbessern. Dies würde dazu beitragen, dass sich der beschäftigungsorientierte Kurs der Lohnfindung fortsetzen würde." Auf Deutsch: Keine Verlängerung des Arbeitslosengelds I für ältere Arbeitslose und noch mehr Kurs auf Niedriglöhne, und das natürlich ohne Rücksicht auf die Kaufkraft und die ohnehin schon miese Binnenkonjunktur.
"Die Geldpolitik steht vor einer schwierigen Abwägung zwischen weiter bestehenden Inflationsrisiken einerseits, der immer noch anhaltendenVerunsicherung der Finanzmärkte und höheren Risiken für die Konjunktur andererseits. Die Institute erwarten, dass die EZB ihren Leitzins fürs Erste unverändert lässt. Um steigenden Inflationserwartungen entgegen zu treten, dürfte sie aber ihre schon für den September 2007 angekündigte Zinsanhebung in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres nachholen." Auf Deutsch: Mehr Zinssteigerung, auch wenn das den Euro weiter hochtreibt, die Exporte vor allem unserer Europartner (aber am Ende auch die eigenen) erschwert und die Eurozone am Ende politisch auseinanderreißen kann.
So einfach machen es sich wieder einmal die Neoliberalen. Es sind die besten Rezepte um Deutschland am Ende des internationalen Vergleichsfeldes zu halten, mit Ausnahme natürlich der Exportunternehmen und der Kapitaleigner. Wir zahlen dafür. Das Bundeswirtschaftsministerium dankt es den Instituten mit weiteren Steuergeldern. Und die in Deutschland mehrheitlich ziemlich bornierte oder einfach dumme Presse transportiert die falsche Wegweisung zu ihren Lesern. Masochismus!
Gedanken zur Zeit 429 19-10-07: BILD und das Schlaraffenland
Heute warnt BILD seine Leser vor dem Schlaraffenland: "Mindestlöhne, höhere Hürden für Zeitarbeit, länger Arbeitslosengeld - die Deutschen leisten sich derzeit eine Schlaraffenland-Diskussion." Wenn Mindestlöhne, weniger versklavende Leiharbeit und ein faireres Arbeitslosengeld für Ältere schon Schlaraffenland sein sollen, in welchem Armenhaus leben wir dann eigentlich? Leben die 2,6 Millionen Kinder auf Hartz-IV-Niveau von 208 Euro pro Kind im Schlaraffenland, oder die etwa 5 Millionen Kinder, wenn man die Familien dazurechnet, die nur knapp oberhalb der Hartz-IV-Grenze leben, also ein Drittel aller Kinder in Deutschland? Leben die deutschen Rentner am Ende des internationalen Vergleichs mit seit Jahren negativer kaufpreisbereinigter Rentenentwicklung im Schlaraffenland, besonder die Frauen mit relativ kleineren Renten? Oder sind die 5,3 Millionen Menschen, die in Deutschland Arbeitslosengeld II erhalten und seit 2003 bereits 7 % an die Inflation verloren haben, im Schlaraffenland? Oder die häufig miserabel versorgten Pflegebedürftigen?
Möchten die BILD-Journalisten mit all diesen Bewohnern des angeblichen Schlaraffenlands tauschen? Da ist weit mehr Armenhaus als Schlaraffenland in Deutschland.
Gedanken zur Zeit 428 19-10-07: Nun retten die Aktionäre die deutsche Konjunktur
Es muß schlecht um Deutschland bestellt sein. Die Wirtschaftsforschungsinstitute ziehen in ihrem Herbstgutachten die Konjunktur an den Haren hoch. Erst heißt es in der Überschrift: "Der Aufschwung mach Pause", aber dann wird er doch wieder herbeigeredet, und das mit den harigsten Argumenten, wie einem plötzlichen Kaufrausch, wie er nun seit Jahren vergeblich herbeigeredet wird (siehe Rundbrief).
Und schließlich setzen sie auch noch die Aktionäre ein: "Gegen einen Konjunkturpessimismus spricht auch, dass die Aktienkurse in Deutschland nach dem kräftigen Rückgang im August wieder in der Nähe ihres Höchststandes notieren.". Haben die Herren Wissenschaftler auch nur einen Augenblick überlegt, wieviel Kaufkraft die deutschen Aktionäre auf die Waagschale bringen und warum die Aktienkurse wieder oben sind? Das hat viel mehr mit der Entwicklung an Wallstreet als mit der in Deutschland zu tun und an Wallstreet mit der Nothilfe der Fed, und im übrigen mit der Rückkehr von US-Anlegern an die deutschen Börsen als mit deutschem Konjunkturoptimismus bei den deutschen Konsumenten, die über die deutsche Konjunktur in erster Linie entscheiden werden.
Gedanken zur Zeit 427 18-10-07: Endlich begreift die EU-Kommission die China-Realität
Dies ist ein „Leckerbissen" für meine etwas naiven China-Freunde, die mir eine zu kritische Haltung zu China vorwerfen. In einem Brief an den Präsidenten der EU-Kommission, den die BBC gesehen hat, packt Handelskommissar Mandelson endlich zu China aus. Hier Auszüge: "Das Handelsverhältnis zu China ist tief ungleich. China nimmt den Handel mit Europa für selbstverständlich. China ist nun Europas größte Quelle für Industrieprodukte. Doch Zollschranken und chinesische Regierungsinterventionen beschränken die Exportmöglichkeiten der Europäer, was die Unternehmen Milliarden kostet. Die Chinesen sind dort, wo ein Dialog mit ihnen vereinbart wurde, verfahrensmäßig obstruktiv. Die EU exportiert mehr in die Schweiz als nach China. Das Handelsdefizit der EU mit China wächst jede Stunde um etwa 14 Millionen Euro. Wir müssen sicherstellen, daß die Öffentlichkeit von einem vollen und fairen Handel mit China überzeugt ist, sonst werden wir Probleme bekommen. Der chinesische Moloch ist in einiger Beziehung außer Kontrolle."
Derzeit lenkt China einen Teil seiner Exporte (hier) von USA nach Europa um. Mit einem Teil der gewaltigen Überschüsse (hier), die staatlich verwaltet werden, kauft es sich in aller Welt, auch in Deutschland, ein. Der Export wird von Lohn-, Umwelt-, Steuer- und Währungsdumping (hier) angetrieben und findet auf dem Rücken einer ausgebeuteten Unterklasse statt.
Ich habe nie verstanden, wo die Sympathie der Chinophilen, besonders auf der deutschen Linken (von Flassbeck bis Nachdenkseiten), eigentlich herkommt. Ist es eine verborgene Form von Anti-Amerikanismus oder gar späte Liebe für die chinesische Form von real existierendem Sozialismus? Der Handel mit der Ausbeutung der chinesischen Unterklasse und dem Dumping-Druck auf deutsche Löhne kann es kaum sein. Die Ein-Kind-Familie mit der häufigen Abteibung von Mädchen wohl auch nicht. Das undemokratische chinesische Regime hat eigentlich nie Anlaß für besondere Zuneigung geboten, weder in dem mit Nord-Korea gemeinsamen Angriff auf Südkorea, noch im Angriff auf Vietnam, noch mit der Millionen Menschen in den Tod oder die mentale Vernichtung treibenden Kulturrevolution, noch in der Aneignung Tibets, noch mit der Niederschlagung der Aufstands auf dem Tienanmen-Platz in Peking, noch in der Unterstützung menschenverachtender Regime von Burma bis Somalia, noch mit den jüngsten Schritten zur Militarisierung des Weltraums und erst recht nicht mit den nach Weltbankbericht 460.000 Umwelttoten pro Jahr.
Siehe dazu jetzt eine Reihe von Kommentaren.
Gedanken zur Zeit 426 17-10-07: Die deutschen Kaffeesatz-Leser in den Wirtschaftsforschungsinstituten spielen wieder mit ihren Prognosen
Erst haben sie das Wachstum für dieses Jahr nicht hoch genug schätzen können, bis zu 3,2 % (Kieler Institut für Weltwirtschaft). Jetzt kommen sie im Schatten und mit der Ausrede der Kreditkrise langsam auf den Teppich zurück, freilich nicht ohne ihr Vertrauen in die Konjunktur zu beschwören. Dabei wuchs die deutsche Wirtschaft bereits im 2. Quartal nur noch mit einer Jahresrate von 1,2 %. Und das sieht dann z.B. so aus: DIW Berlin senkt für 2007 von 2,6 % auf 2,4 % Wachstum ab, für 2008 auf nur noch 2,1 % und für 2009 gar auf nur noch 1,7 %, erklärt aber gleichzeitig "die Konjunktur bleibe in den kommenden beiden Jahren robust". Wie robust sind eigentlich 1,7 %?
Schaut man dann auf das Eingemachte der Einzelpositionen, so kann man nur noch staunen. Da sollen die privaten Konsumausgaben auf einmal und wunderbarerweise von 0,1 % Wachstum in 2007 auf die zwanzigfache Rate von 2 % in 2008 hochspringen, obwohl schon dieses Jahr gezeigt hat, wie falsch die Institute gerade in dieser Beziehung liegen. Dann sollen die Ausfuhren noch stärker als in diesem Jahr steigen, nämlich gleich um 7,8 %, obwohl viele Märkte für deutsche Produkte gegenwärtig müde werden.
Ja, diese Form von Wirtschaftsforschung aus dem Kaffeesatz können wir getrost vergessen. Sie macht nur einen Sinn: die staatlich subventionierten Institute wollen der Bundesregierung beim Gesundbeten helfen.
Gedanken zur Zeit 425 16-10-07: Wer hat da alles den IG-Metall-Abschluß bejubelt und wer die Ängste verbreitet?
Mit Rundbrief vom 8. Mai 2007 hatte ich den IG-Metall-Abschluß als zu niedrig kritisiert und das Ergebnis mit der vorne angebrachten Erhöhung um 4,1 % auf 24 Monate hochrechnet, was bei einer Annahme von 1,9 % Jahresinflation für 2007 und 2008 reale Lohnsteigerungen von lediglich 1,1 % bis 1,4 % ergab. Ich argumentierte damals gegen den allgemeinen Jubel von Arbeitnehmern und die von den Arbeitgebern verbreiteten Ängste gleichzeitig an. Selbst von ganz Links kam Kritik, so von Nachdenkseiten: "Wir werden von Lesern auf andere Quellen hingewiesen, in denen auf der Basis nicht nachvollziehbarer Berechnungen die Rede davon ist, die 4,1% seien hochgezogen worden, um die Arbeitnehmer ruhig zu halten. Es gibt keine mathematische Musterrechnung, um eine prozentuale Jahreserhöhung auszurechnen. Jede Umrechnung auf 24 Monate wäre Quatsch, weil der Abschluss ab November 2008 nicht bekannt ist."
Ich fügte seinerzeit vorsichtig hinzu: "Wir werden ja sehen, wieviel schon die Inflation wegräumt, die derzeit bei 1,9 % liegt, was allein bei zwei Jahren 3,8 % sind." Inzwischen jedoch holen sich die Unternehmer über saftige Preissteigerungen einen Großteil der von der IG Metall erstrittenen Lohnerhöhung wieder zurück. Schon nach den letzten Zahlen für die gewerbliche Wirtschaft stiegen die Stundenverdienste nach Abzug der Inflation in den ersten sieben Monaten 2007 nur um ganze 0,2 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Nun aber hat die Inflation im September einen kräftigen Sprung auf 2,4 % gemacht. Nicht nur stiegen die Preise für Kraftstoffe (+ 8,9%) und leichtes Heizöl (+ 3,1%), sondern auch für das Bildungswesen (+ 27,0%), Tabakwaren (+ 4,9%) Verkehr (+ 4,6%), Speisefette und -öle (+ 24,2%; darunter Butter: + 43,1%), Milchprodukte und Eier (+ 6,8%; darunter Speisequark: + 25,9% und Vollmilch: + 13,5%) sowie für Brot und Getreidewaren (+ 3,3%; darunter Brötchen: + 6,2). Und nun kommen die Strom- und Gasversorger mit saftigen Erhöhungen. Der Marktführer E.on hat bereits angekündigt, zum Anfang des kommenden Jahres seine Preise für Privatkunden um bis zu knapp 10 Prozent bei Strom und um bis zu fast 9 Prozent bei Gas zu erhöhen. Nun ziehen die anderen nach. Allein zum 1. Oktober sollen 47 Stadtwerke und andere Versorger ihre Tarife erhöht haben. Dabei ist die von den Arbeitnehmern tatsächlich gefühlte Inflation auf der Basis eines korrekter bestimmten Warenkorbes noch viel höher als der allgemeine Satz von 2,4 % (hier).
Auf dieser Basis schätze ich, daß die realen Stundenlöhne nicht nur stagnieren sondern weiter zurückgehen. Jubelt da noch jemand bei der IG Metall oder weiter links?
Gedanken zur Zeit 424 15-10-07: China: Tausche Weltumwelt und eigene Umwelt gegen Wirtschaftswachstum
Wieder einmal verspricht die chinesische Führung, die Sorgen um die Umwelt ernst zu nehmen. Zu Beginn des Kongresses der Kommunistischen Partei kündigte Präsident Hu Jintao an, China werde künftig stärker auf die Belastungen für die Umwelt Rücksicht nehmen: "Wir werden ein System errichten, daß zum Energiesparen und der Reduzierung von Abgasen verpflichtet." Hu Jintao räumte ein, daß Chinas Wirtschaftswachstum "mit unmäßig hohen Kosten bei unseren Rohstoffen und unserer Umwelt erzielt" werde. Tatsächlich hat China in diesem Jahr beim Ausstoß von Treibhausgasen selbst die USA überholt und ist nun Weltmeister im Umweltverschmutzen. Nach einer Studie der Weltbank sterben in China jedes Jahr 460.000 Menschen vorzeitig an den Folgen verseuchter Luft und verschmutzten Trinkwassers. Doch solche Versprechen sind nicht neu. So hat China die jährliche Zielmarke zur Senkung der Emissionen um zehn Prozent bis 2010 zuletzt nicht mehr erreicht. Die Energieintensität seiner Wirtschaft ist gewachsen, statt - wie versprochen - zu fallen. Was dagegen zählt, sind Wirtschaftswachstum und Export. Gerade hat China bekannt gegeben, wie stark sich sein Export und Handelsbilanzüberschuß auch in diesem Jahr entwickelt: in den ersten 9 Monaten 27 % mehr Export und bereits jetzt mehr Überschuß als im gesamten Jahr 2006 (hier).
Angesichts seiner Weigerung, bei internationalen Vereinbarungen zur Eindämmung der Treibhausgase mitzuspielen, muß man an der Ehrlichkeit solcher Versprechungen erst recht zweifeln. Wäre China eine Marktwirtschaft, wie unsere China-Verehrer immer wieder behaupten, so wäre es leichter, umweltschädliche Produktionen über die Entwicklung marktgerechter Energiepreise zurückzufahren. Aber China sucht auch hier den Exportvorteil und dumpt seine Waren dann auf unsere Märkte und wir lassen uns das mit allen Folgen für die Weltumwelt gefallen. Was soll eigentlich das Potemkinsche Umweltdorf, das zur Olympiade mit zeitweiligen Verkehrsverboten und Produktionseinstellungen in Peking verhängt wird, um den Olymponiken bessere Luft zu verschaffen, wenn anschließend die alten giftigen Verhältnisse zurückkehren und ihren Blutzoll fordern? Zynismus pur?
Gedanken zur Zeit 423 14-10-07: Die 10 Schaubilder kommen an
Nachdem ich entdeckt hatte, wie das Infoportal nun stärker als Bezugspunkt für Blogs und Internetfora dient, hatte ich die 10 eindringlichsten Schaubilder zum Nachweis der unsozialen Entwicklung Deutschlands auf die Webseite geworfen (hier). Sie sind bisher schon mehr als 5.300-mal nachgeschlagen worden. Besonders oft von parsimony-Forum ("..die Schaubilder habe ich heute meiner Frau gezeigt und gefragt was sie denn bei der nächsten Wahl wählt bzw. nicht wählt oder bewußt ungültig oder protest-wählt??"), goldseitenforum, net-news-global, gerhard-wisnewski.de, shortnews.de, tacheles-sozialhilfe.de, politikforen.de, chaoszone.de, executor57.net, glasnost.de und einigen anderen. Das hat dann am Sonntag zu einem neuen Rekord an registrierten Seitenaufrufen von mehr als 4.100 durch mehr als 3.000 Besucher geführt.
Wenn jemand Anregungen hat, was evtl. noch fehlt oder besser gemacht werden kann, bitte melden (hier anklicken). Ansonsten bitte weiterempfehlen!
Gedanken zur Zeit 422 13-10-07: China: Von wegen Marktwirtschaft - Die kommunistische Partei steuert zentral die Strategien auch vieler privater Unternehmen
Die Financial Times beschäftigt sich in einer Untersuchung ihrer heutigen Ausgabe vor dem alle fünf Jahre stattfindenden Kongress der CPC mit der Rolle der Partei in den privaten Unternehmen Chinas. Seit Anfang der 80er Jahre ist die gesamte Parteimitgliedschaft in der kommunistischen Partei Chinas von 40 Millionen auf 73 Millionen angewachsen. Die Mitglieder besetzen Schlüsselstellungen in der Regierung, den Medien, der Armee, und den Staatsunternehmen, wo sie die Auswahl der Spitzenmanger monopolisieren. Seit dem Parteikongress von 2002 werden nun auch private Unternehmer als Parteimitglieder aufgenommen. Umgekehrt werden in den privaten Unternehmen Partei-Kommittees eingerichtet. Die Partei-Kommittees beschäftigen sich mit der Strategie der Unternehmen. 85 % aller privaten Unternehmen, die dazu berechtigt waren (Bedingung: 3 Parteimitglieder im Unternehmen), hatten im vergangenen Jahr Partei-Kommittees eingesetzt. 3,2 Millionen Parteimitglieder arbeiteten in diesen Kommittees. Ihre Zahl hat sich seit 2002 verdoppelt.
Wie blauäugig waren eigentlich die Regierungen, die China in die Welthandelsorganisation aufgenommen haben, der sonst nur Marktwirtschaftsländer angehören, und nun die Exportlawine zu Dumping-Konditionen mitverantworten?
Gedanken zur Zeit 421 12-10-07: BILD und der Lokführerstreik
Für BILD ist das Streikrecht offensichtlich wenig wert. Kommt der erste richtige Streik der Lokführer, heißt es im BILD-Kommentar von heute sofort: "Das Vorgehen der Lokführer-Gewerkschaft ist unerträglich und rücksichtslos." Und die Forderung der Lokführer wird für "aberwitzig" erklärt. Wetten, daß der Kommentator nicht für ein durchschnittliches Monatseinkommen zwischen 1.400 und 1.500 Euro netto arbeiten würde? Und daß er seinen ruhigen Schreibtischplatz dem verantwortlichen Führerstand eines Lokführers vorzieht. Auch ist ihm wohl noch nicht eingefallen, daß auch die Piloten ihre eigene Gewerkschaft und besseren Tarifvertrag haben.
Dann sorgt sich BILD auch noch, daß die Erhöhung der Lokführer-Löhne für die Bahn nicht bezahlbar sein könnte? Weiß BILD nicht, daß Mehdorn's Härte in der Auseinandersetzung mit dem von ihm ersehnten Börsengang zusammenhängt, den im übrigen die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ablehnt (siehe Abbildung)? Warum verrät BILD nicht ein einziges Mal den Lesern, was ein Lokführer eigentlich verdient (rund ein Tausendstel von Ackermann und ein Hundertstel der durchschnittlichen Vorstandsbezüge bei der Bahn, die sich seit Mehdorns Amtsantritt um 300 % erhöht haben)?
Gedanken zur Zeit 420 11-10-07: BILD und der Stolz auf die Hartz-Reformen
Getreu der BILD-Formel von immer mehr unsozialen Reformen, gegen Mindestlöhne und für längere Lebensarbeitszeiten meint BILD heute, die SPD lasse den "Stolz auf die handfesten Erfolge der eigenen Reformen" vermissen.
Selbst die Financial Times vertritt mit ihrem Kommentator Münchau die Aufassung, die Reformen hätten nichts gebracht und Verbesserungen in der Wirtschaftslage seien der guten Konjunktur auf den Auslandsmärkten für deutsche Waren zu verdanken. In der Tat, ein Blick auf die Entwicklung der privaten Nachfrage bei uns und unseren EU-Partnern seit 2000 zeigt (hier), wie wenig Anlaß zum Stolz die deutschen Reformer habe, die Münchau zurecht als Kostenschneider ohne Kreativität bezeichnet. Oder sind BILD-Leser schon blind?
Gedanken zur Zeit 419 11-10-07: Es ist einfach schrecklich, wie leichtfertig und irreführend die Medien mit statistischen Daten umgehen
Neuestes Beispiel: Auf einmal wird als sensationell empfunden, daß nach der heutigen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts das oberste Zehntel im Jahre 2003 die Hälfte der Einkommenssteuer in Deutschland bezahlte. Dabei verfügte das oberste Zehntel schon nach dem Armutsbericht der Bundesregierung von 2004 über die Hälfte der Vermögen in Deutschland, und das oberste Fünftel bezog schon damals 37 % aller Einkommen. Wenn man dann noch berücksichtigt, daß sehr viel Einkommen in Steueroasen von Luxemburg bis in die Karibik bezogen wird, so ist wahrscheinlich von der berühmten Steuerprogression der Einkommenssteuer nicht mehr viel übrig. Viel wichtiger noch: Die Einkommenssteuer stellt nur 35 % des gesamten Steueraufkommens dar und die restlichen 65 % sind im wesentlichen Verbrauchssteuern, die weit überproportional von den sehr viel zahlreicheren Haushalten der weniger Verdienenden entrichtet werden (siehe Abbildung). Die Reichen geben dagegen einen viel geringeren Anteil ihrer stark wachsenden Einkommen und Vermögen für den persönlichen Verbrauch aus. Prompt melden die Medien total irreführend, z.B. WELT: "Reiche zahlen mehr für die Gesellschaft", SPIEGEL-online: "Die Ärmsten überweisen dem Finanzamt verschwindend wenig", FAZ: "Die Reichen zahlen am meisten ins Staatssäckel".
Mehr dazu hier.
Gedanken zur Zeit 418 10-10-07:
BILD-Sinn hetzt weiter gegen Mindestlohn Mit erhobenem Zeigefinger und dem Barte des Propheten versucht der für seine neoliberalen Auffassungen hinlänglich bekannte Präsident des Ifo-Instituts Prof. Sinn, den
BILD-Lesern seine eigene Abneigung gegen Mindeslöhne in die Gehirnwindungen zu treiben. Beim Post-Mindestlohn droht er mit der Erhöhung des Briefmarkenpreises. Wer weiß schon,
daß die PIN-Gruppe unter den Konkurrenten der Post AG zum Springerkonzern gehört? Die Beschäftigten der PIN-Gruppe dürften vom Springerkonzern ähnlich abgespeist werden
wie die der TNT Post, die ihren Angestellten einen Hungerlohn zwischen 400,00 - 800, 00 Euro bei einem
Vollzeitjob bezahlt. Dann kommt natürlich die nirgendwo belegte Rechnung mit den angeblich
durch einen Mindestlohn vernichteten 1,1 Millionen Arbeitsplätzen und dann muß auch noch die Jugendarbeitslosigkeit in einem einzigen Land, nämlich Frankreich, als Argument gegen
Mindestlöhne herhalten. Dabei haben fast alle unsere europäischen Partner flächendeckende Mindestlöhne und wesentlich geringere Langzeit-Arbeitslosigkeit als Deutschland
(siehe Abbildung). Man erinnere sich: Sinn ist der gleiche parteiische Wissenschaftler, der für eine Lohnangleichung an China eintritt, um die Arbeitslosigkeit zu
senken, was er „Faktorpreisangleichung" nennt. Natürlich erhält er selbst das
Hundert- oder Tausendfache eines Mindestlohns. Solche Leute können immer den Zeigefinger heben.
Gedanken zur Zeit 417 10-10-07: Das Infoportal als Bezugsquelle auf Blogs und Internet-Fora
Immer häufiger wird das Infoportal als Bezugsquelle auf verschiedenen Blogs für die unsoziale Entwicklung in Deutschland, vor allem im internationalen Vergleich, zitiert. Das hat mich bewogen, acht einschlägige Schaubilder auf einer Webseite zusammenzustellen. Sie kann auch ausgedruckt werden. Bitte hier anklicken.
Gedanken zur Zeit 416 09-10-07: Wie lernfähig ist die deutsche Politik? Zwei Beispiele
Wenn man die Lernfähigkeit der deutschen Politik testen will, bieten sich zwei Themen an, die noch dazu verbunden sind: die soziale Lage in Deutschland und der China-Faktor.
Schröder hat die Wahlen verloren, weil das Volk von seinen unsozialen Reformen die Nase mehrheitlich so voll hatte, daß selbst die Konservativen als willkommene Alternative galten. Dann aber machten die SPD-Mitregierer und die Konservativen da weiter, wo Schröder aufgehört hatte. Deutschland verabschiedete sich für weitere Jahre von der sozialen Marktwirtschaft oder dem, was von ihr noch übriggeblieben war, und wurde eines der unsozialsten Länder und wahrscheinlich sogar das unsozialste unter den alten Industrieländer. Das zeigte sich in der Entwicklung von Arbeitseinkommen (siehe Abbildung), Einzelhandelsumsatz (siehe Abbildung), Renten (siehe Abbildung und Abbildung), Langzeit-Arbeitslosigkeit (siehe Abbildung), in der Bildung (siehe Abbildung und Abbildung) und beim Auseinanderklaffen der Einkommen (siehe Abbildung). Mindestens acht Jahre sind so seit dem Ende des letzten Jahrhunderts verloren gegangen. Einzig der Export blühte, allerdings eine geborgte Entwicklung, da Deutschland zu Lasten seiner Handelspartner lebte und im Euroverbund ein kräftiges Lohndumping betrieb, ohne daß sich die Partner mit Währungsanpassung verteidigen konnten.
Die Deutschen Wahlbürger sind aber trotz einer gewaltigen Medienkampagne der Großen Koalition und ihrer Helfer noch mehr enttäuscht und frustriert, von den Besserverdienern abgesehen. Das hat auch die jüngste Umfrage zum Beck-Vorschlag einer Verlängerung des Arbeitslosengelds I gezeigt (siehe Abbildung). Wenn die deutsche Politik nun schmerzvoll umzuschalten versucht, ist das einzig der Opposition von Links zu verdanken, die die SPD und damit auch die CDU/CSU vor sich her treibt. Schade nur, daß es so weit kommen mußte und eine so populistische Bewegung nötig wurde und daß Deutschland so viele Jahre verloren hat. Die Financial Times hat unrecht, wenn sie sich auf die Feststellung beschränkt, die Reformen hätten nichts gebracht, denn sie haben im Gegenteil schwer geschadet.
Nun zum China-Faktor. Der ist wichtig, weil die China-Importe der wichtigste politische Hebel der Konservativen und der SPD-Mitregierer geworden sind, um die deutschen Arbeitseinkommen im Kühlschrank zu halten. Was war das für eine China-Begeisterung? Wieviele Regierungsspitzen sind immer wieder mit großer Wirtschaftsdelegation nach China gereist, als könnte jeder Chinese einen Transrapid und ein Stahlwerk kaufen? Selbst eine so linksorierte Webseite wie Nachdenkseiten konnte die China-Begeisterung nicht verbergen. Nun aber will die deutsche Stahlindustrie die Dumpingimporte chinesischen Stahls nicht länger ertragen. Chinesische Exporte sind international zum häufigsten Gegenstand von Anti-Dumping Verfahren geworden. Die G7 klagen über chinesisches Währungs-Dumping, das nun sogar zu einem Prozeß in der WTO führt. Deutsche Automobilproduzenten stoßen sich an den chinesischen Plagiaten.
Vor allem verwendet China die mit Dumpingexporten in fast allen Warenbereichen aufgetürmten gigantischen Devisenreserven nun einerseits immer mehr dazu, um alle in Afrika verfügbaren Rohstoffe an den deutschen Interessen vorbei aufzukaufen und sich dabei mit den schlimmsten Regimen, wie Mugabe in Simbabwe (siehe Abbildung), dem Sudan (Dafour) zu verbünden und dabei selbst das Regime in Birma nicht auszulassen. Schon ein Drittel seines Erdölbedarfs kauft China in Afrika. Andererseits werden über einen gewaltigen Staatsfonds ausländische Unternehmen, auch in Deutschland, aufgekauft und wird mit der Ober-Heuschrecke Blackstone gemeinsame Sache gemacht. Damit wurde die Bundesregierung auch hier und sehr spät in einen Lernprozeß gezwungen. Sie macht gegen Staatsfonds mobil. Und die Bundeskanzlerin meinte bei ihrem Afrika-Besuch: "Wir müssen mit China reden, daß auch bei der Nutzung von Rohstoffen gleiche Bedingungen für alle gelten." Wie naiv ist die deutsche Politik eigentlich immer noch?
Gedanken zur Zeit 415 09-10-07: Wie kann man eine Zeitung kaufen, die sich Tag für Tag gegen die Interessen der meisten ihrer Leser wendet
Heute stänkert BILD mal wieder gegen die Verlängerung des Arbeitslosengelds I und gegen einen flächendeckenden Mindestlohn, wie ihn die meisten anderen Länder haben. Dabei wird nicht nur mit Argumenten gearbeitet, sondern nicht selten mit falschen Informationen, die jeder honorige Journalist vermeiden kann. Hier ein Auszug: "Eine längere Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld führt deshalb zu höheren Sozialabgaben; und mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger zu höheren Steuern. Auch einen Mindestlohn gibt es nicht zum Nulltarif. Wenn der Staat festsetzt, was ein Arbeitnehmer zu bekommen hat, wird mancher Chef seinen Laden zumachen müssen und Angestellte vor die Tür setzen. Das ließe sich nur vermeiden, wenn der Staat jedem Unternehmen einen ausreichend hohen Gewinn garantiert, um den Mindestlohn zahlen zu können. Eine aberwitzige Vorstellung. Mindestlohn ohne "Mindestgewinn" kostet Arbeitsplätze, belastet die Sozialkassen und würgt den Aufschwung ab. Nein, zur Agenda-Politik von Gerhard Schröder gibt es derzeit keine Alternative. Das ist nicht angenehm - aber weiterhin bitter notwendig."
Was für eine unsinnige Argumentation! Kein anderes Land garantiert seinen Unternehmen einen Gewinn. Und doch haben sie Mindestlöhne. Entweder BILD hält seine Leser für saudumm, oder für Masochisten, die sich gegen die eigenen Interessen gewinnen lassen. Der heutige Rundbrief zeigt, daß die Menschen in Sachen sozialer Gerechtigkeit nicht so doof sind, wie BILD glaubt. Vielleicht bekommt BILD mit sinkendem Absatz noch eine saftige Rechnung präsentiert.
Gedanken zur Zeit 414 07-10-07: Wie BILD seine Leser schon wieder belügt, diesmal zur sozialen Gerechtigkeit
Selbst am Sonntag werden die Menschen vom BILD-Kommentar brutal gleich zweimal belogen. Da heißt es heute: "Verglichen mit anderen Ländern der Welt, auch mit Staaten in Europa, sind Aufstiegschancen, Teilhabe am Wohlstand und die Absicherung gegen die Gefahren des sozialen Abstiegs nicht ungerecht verteilt."
Doch in keinem Vergleichsland sind Bildung und Schulerfolg nach der Erfassung der OECD so vom Einkommen der Eltern abhängig wie in Deutschland (siehe Abbildung und Abbildung). Kinder studierter Väter haben eine größere Chance selbst zu studieren als in den meisten Vergleichsländern (siehe Abbildung). In kaum einem anderen Land unter den alten Industrieländern Westeuropas steckt der Staat so wenig in die Bildung der Volksschüler (siehe Abbildung). In kaum einem ist der Anteil der Menschen mit Hochschulbildung so gering (siehe Abbildung).
In kaum einem ist die Rente verglichen mit dem letzten Arbeitseinkommen so gering und noch dazu seit Jahren eingefroren (siehe Abbildung), besonders bei den kleineren Einkommen (siehe Abbildung).
In kaum einem ist die Langzeitarbeitslosigkeit so hoch (siehe Abbildung).
In kaum einem läuft die soziale Schere zwischen den Arbeitseinkommen und den Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen so auseinander wie in Deutschland (siehe Abbildung und Abbildung).
Lüge Nr. 2: "Das bedeutet: ...Mindestlohn nur dann, wenn fairer Wettbewerb in der Branche möglich bleibt und nicht Jobs in Deutschland vernichtet werden. So hat es Irland vom ärmsten zu einem der wohlhabendsten Länder Europas geschafft." Irland hat natürlich, wie die meisten Länder Westeuropas, einen flächendeckenden Mindestlohn, gegen den sich BILD für Deutschland wendet.
Gedanken zur Zeit 413 06-10-07: Eine kleine Linkswende in Deutschland und Frankreich?
Langsam, wenn auch sehr langsam und immer noch viel zu langsam wird den Regierenden in Deutschland und Frankreich klar, daß die Menschen von dieser Form der Globalisierung mit dem immer enger geschnürten Gürtel die Nase voll haben. In Deutschland kracht es im Gebälk der Schröder'schen Reformen. Nun soll als erstes das Arbeitslosengeld I wieder verlängert werden. Und SPD-Präsidiumsmitglied Ludwig Stiegler erklärt auf SPIEGEL ONLINE auf die Frage: "Sind denn weitere Änderungen an der Agenda 2010 ausgeschlossen?" folgende Antwort: "Für mich ist überhaupt nichts ausgeschlossen. Jetzt geht es um die Weiterentwicklung der Agenda 2010. Es geht zum Beispiel darum, dass wir die Rente mit 67 lebbar machen, den Menschen da die Sorgen nehmen: Indem wir etwa die Altersteilzeit weiterführen, indem wir Kombinationsmöglichkeiten zwischen Teilrente, Altersteilzeit, Erwerbsminderungsrente und Erwerbstätigkeit zulassen. Da gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen."
Noch auffälliger bisher ist die Entwicklung in Frankreich, wo alle Beobachter einen sozialen Ruck nach rechts in die Neoliberalität erwartet hatten. Bisher aber, und das "bisher" muß man sicher unterstreichen, verhält sich Sarkozy äußert vorsichtig und beschwört damit schon Klagen aus seiner eigenen Partei wegen mangelnder sozialer Einschnitte herauf. Als eine der ersten Maßnahmen zur Stärkung der Kaufkraft werden Einkommen aus Überstunden vollkommen steuerfrei gestellt bei einem Überstundenzuschlag von 25 %, wobei dann den Arbeitgebern die Zahlung an die Sozialversicherung für Überstunden erlassen wird. Außerdem werden die Aktienoptionen, ein wesentlicher Teil der Bezahlung der leitenden Angstellten, zur Sozialversicherung herangezogen.
Auch begreifen die Regierenden in Frankreich und Deutschland nun, daß sie den globalen Druck über den Wechselkurs des Euro nicht ohne Gegenwehr immer weiter gehen lassen können. Sarkozy hat sich da schon sehr früh in Stellung gebracht. Nun klagt auch Merkel, entgegen den ursprünglichen flotten Sprüchen des Bundesfinanzministers über den Höhenflug des Euro und die Konsequenzen für Exporte und Arbeitsplätze. Wie gesagt, die Groschen fallen langsam, immer noch viel zu langsam.
Gedanken zur Zeit 412 06-10-07: Exportweltmeister und Letzter im EU-Vergleich der Entwicklung von Arbeitseinkommen und Konsum
Es kann kaum Zufall sein, daß sich Deutschland so gut im Export und gleichzeitig so schlecht in der Entwicklung von Arbeitseinkommen (siehe Abbildung) und Konsum (siehe Abbildung) vergleicht. Gestern schrieb mir ein Besucher von Infoportal: "Wenn es so ist, daß, wenn überhaupt, dann aus Westeuropa zurückverlagert wird, dann scheint sich hier der Stückkostenvorteil Deutschlands innerhalb der Eurozone durchzusetzen. M.a.W.: Deutschland ist zumindest innerhalb Europas inzwischen ein Billiglohnstandort - das China der EU?. Das deckt sich ja, soweit ich sehe, mit Ihren zahlreichen Hinweisen auf den Rückgang der deutschen Reallöhne innerhalb der OECD-Staaten und der EU."
In der Tat, beim Lohndumping ist Deutschland das "China der EU". Und doch gibt es gravierende Unterschiede. Während in China die hohen Verdienste der Unternehmen aus dem Export in Investitionen für die Zukunft von Industrie, Infrastruktur und Bildung zurückgeschleust werden, verhält es sich bei uns ganz anders. Die Unternehmen verdienen zwar ebenfalls recht gut, doch investieren sie vor allem in ausländischen Billigststandorten, wie China, spekulieren auf den internationalen Finanzmärkten oder schütten an die Kapitaleigner aus, die ihrerseits viel auf den internationalen Finanzmärkten anlegen und nur relativ wenig ihrer üppigen Verdienste in den heimischen Konsum leiten.
Für die Zukunft Deutschlands springt da recht wenig heraus. Wenn wir doch wenigstens Vorletzte wären!
Gedanken zur Zeit 411 05-10-07: Wie man mal eben 30 Milliarden Dollar (30.000.000.000) vernichtet
Der Abschreibungsbedarf der Banken auf faule festverzinsliche Kreditpapiere wird auf mindestens 30 Mrd $ geschätzt, wovon 8 Großbanken in den vergangenen Tagen bereits 19 Mrd $ eingeräumt haben (siehe Abbildung). 30 Mrd $ ist nur unwesentlich mehr als das Arbeitseinkommen von 1 Million deutscher Arbeitnehmer in einem ganzen Jahr brutto vor Steuern.
Keiner weiß derzeit, wo der Rest der Verluste über die eingestandenen 13,1 Mrd $ hinaus abgeparkt ist und wieviel mehr noch außerhalb des Bankensektors rotiert. Der Chef von Credit Suisse erwartet für die Banken noch Schmerzen bis Ende nächsten Jahres. Solange würden die minderwertigen amerikanischen Hypotheken problematisch sein. Denn erst mit der Zeit zeigt sich, wieviele der Hypthekenschuldner in Konkurs gehen, weil bei der Refinanzierung die Zinsen erheblich steigen oder weil sie es sonst nicht schaffen. Der Markt minderwertiger Hypotheken ist riesengroß und wird allein für die USA auf 1,8 bis 2,0 Billionen Dollar (2.000.000.000.000) - ein astronomischer Betrag - geschätzt, an dem gemessen die bisher von den sieben Großbanken eingestandenen Abschreibungen gerade einmal 0,7 % sind. Hinzu kommen minderwertige mit Vermögenswerten der Unternehmen besicherte Kreditpapiere, die sich ebenfalls in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet haben.
Man könnte sich derzeit keine bessere Geldverbrennungsmaschine vorstellen als den Bankensektor. Siehe dazu auch den Rundbrief Nr. 876.
Gedanken zur Zeit 410 03-10-07: Rentner und Aufsichtsräte - zweimal Deutschland aus der Presse von gestern
Da erscheint BILD mit der goßen Aufmachung: "Sollen Rentner jetzt etwa keine Butter mehr essen?". Dabei wird aus einem "Rentner-Portemonnaie-Index" zitiert. Demnach lagen die Preise für Waren, die Rentner bevorzugt kaufen, im August durchschnittlich 5,25 Prozent über Vorjahr. Dann kommen Zitate wie Keulenschläge: "Viele Rentner geben einen großen Teil ihrer Rente für Lebensmittel aus. Wenn die teurer werden, schlägt das besonders stark zu Buche. Da Ruheständler seltener teure Neuprodukte wie Fernseher oder Autos kaufen, können sie hier auch nicht von Preissenkungen und Rabatten profitieren" (Präsident des Sozialverbands VdK, Walter Hirrlinger) und "Wer lebenslang Butter gegessen hat, steigt nicht mit 80 auf Margarine um, nur weil die billiger wird" (Inflationsexperte Hans Wolfgang Brachinger) und "Die kleine Rentenerhöhung ist von der Inflation wieder aufgefressen worden. Unterm Strich sind die Bezüge real um 1,5 Prozent gesunken" (Gustav Horn, Experte der Hans-Böckler-Stiftung).
Szenenwechsel zum SPIEGEL von gestern. Der kommt mit der Schlagzeile: "Aufsichtsräte verdienen elf Prozent mehr als im Vorjahr" und berichtet dann unter Verwendung einer Studie der Unternehmensberatung Towers Perrin: "Die großen Konzerne zahlen ihnen im Schnitt 258.000 Euro im Jahr - das sind elf Prozent mehr als im Vorjahr. Der Aufsichtsratschef der Commerzbank steigerte sein Gehalt in diesem Jahr um 105 Prozent. Bei der Deutschen Bank belief sich das Plus auf 73 Prozent, beim Energieversorger RWE waren es 50 Prozent. Untersucht wurde die Vergütung der Aufsichtsratschefs in den 30 größten deutschen Börsenkonzernen. Im Schnitt verdienen sie rund 258.000 Euro im Jahr und damit elf Prozent mehr als im Vorjahr. Mit 618.000 Euro fährt der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Clemens Börsig, die höchsten Bezüge ein. Betrachtet man nicht nur die Vorsitzenden der Kontrollgremien sondern sämtliche 526 Mitglieder der Dax-Aufsichtsräte, dann stiegen die Bezüge durchschnittlich um acht Prozent auf 84.500 Euro." Bemerkenswert sind die Möglichkeit des Mehrfachverdienens, das zahlreiche Aufsichtsräte "auf sich nehmen". Von den knapp 300 Vertretern der Arbeitgeberseite in den Dax-Aufsichtsräten haben der Studie zufolge 48 die Geschäftsleitung in einem anderen Unternehmen inne, weitere 27 sind Mitglied im Vorstand oder in der Geschäftsleitung eines anderen Unternehmens.
Zweimal Deutschland. Was soll man von diesem Land und seiner Sozialstruktur halten, wenn man beide Meldungen nebeneinander legt?
Gedanken zur Zeit 409 02-10-07: Anders als der frühere IWF-Chef Köhler spricht Strauss-Kahn das China-Problem offen an
Gestern Abend sagte Strauss-Kahn, der neue IWF-Chef, im französischen Fernsehsender France 2, der IWF habe vor allem die Aufgabe, dafür zu sorgen, "dass China in das globale Spiel einsteigt und aufhört, Märkte kaputtzumachen. China verderbe den Markt, indem es die billigste Arbeit anbiete. Dies sei die Ursache für Standortverlagerungen. "Wenn man Multilateralismus will, muss es jemanden geben, der die großen Mächte um einen Tisch versammelt, das ist die Aufgabe des IWF-Direktors." In der Rede des Bundespräsidenten und früheren IWF-Chefs Köhler zur Globalisierung (hier) wurde dagegen an diesem Problem nur vorbeigeredet.
Wie erfrischend, wenn endlich einmal einer aus den sonst bieder-neoliberalen Organisationen des Finanzkapitals die Realitäten anspricht. Vielen in Deutschland wird das nicht schmecken, mir dagegen sehr!
Gedanken zur Zeit 408 02-10-07: Nachdenkseiten gehen dem SPIEGEL auf den Leim
Nun ist es wieder einmal passiert. Nachdenkseiten zitiert nicht selten aus Quellen, wie der SPIEGEL, nur weil sie die Thesen des Herausgebers Albrecht Müller zu bestätigen scheinen. Dazu gehört seine im Bestseller vertretene Auffassung von der Harmlosigkeit der heutigen (neoliberalen) Globalisierung als "alter Hut", mit dem man schon vor 30 Jahren fertig geworden sei. Noch mehr hängt er an der These, daß die Importlawine aus China unproblematisch sei und zitiert dafür gern den Linksökonomen Heiner Flassbeck (weiland Staatssekretär unter dem Finanzminister Lafontaine). Das kulminierte vor etwa einem Jahr in seiner Auseinandersetzung mit Steingarts Bestseller-Buch und dann mit mir und meiner Webseite und führte zum Boykott des Infoportals durch Nachdenkseiten.
Diesmal ist Albrecht Müller in die SPIEGEL-Falle eines schlecht recherchierten Artikels über die Verlagerungen aus Deutschland heraus getappt, der dort unter dem Titel "Rolle rückwärts" erschien: "Tausende Jobs kommen wieder nach Deutschland. Grund: Bei der Verlagerung ins Ausland haben sich vor allem mittelständische Firmen verkalkuliert. Jeder fünfte Betrieb aus der Metall- und Chemiebranche kehrt zurück. Und selbst ausländische Firmen lockt das hiesige Wirtschaftswunder. Im Maschinenbau ist der Rückzug besonders ausgeprägt." Leider vermischt der Spiegel dabei die Analyse des ISI aus dem Jahre 2004 mit aktuellen Aussagen verschiedener Branchenlobbyisten und Einzelfällen von eher anekdotischem Charakter. Dabei hat die Analyse gezeigt, daß nach zwei Jahren nur jeder vierte bis fünfte Verlagerer zurückkommt und daß dies im wesentlichen Rückverlagerungen aus Westeuropa betrifft, nicht aber aus Osteuropa oder gar Asien, dem Steckpferd Albrecht Müllers für seine Beruhigungspillen (siehe Steingart-Kontroverse).
Und prompt kommentiert Albrecht Müller in Nachdenkseiten den SPIEGEL zum falschen Nennwert nehmend nach dem Motto "habe ich immer schon gesagt" und unter Zitaten aus seinem Buch: "Das konnte man alles vorher wissen. Stimmungsmacher wie der Münchner Professor Sinn oder der Spiegel-Mann Steingart haben viele der auf Emotionen gründenden Fehlentscheidungen auf dem Gewissen. Und die Wirtschaftsbosse auch." Hier rächt sich im übrigen wieder einmal die Methodik von Nachdenkseiten, an schnelle Zitate aus vorhandenen Presseerzeugnissen, die ins Nachdenkseitenkonzept zu passen scheinen, einen zustimmenden Kommentar dranzuhängen. Es wäre besser und korrekter, wenn sich Nachdenkseiten die Mühe machte, zu den Quellen vorzustoßen, in diesem Fall zum Bericht des ISI.
Siehe hierzu den heutigen Rundbrief mit Schaubildern, bitte hier anklicken.Gedanken zur Zeit 407 02-10-07:
Die Rede des Bundespräsidenten, die uns die Angst vor der Globalisierung nehmen sollte, aber an den Herzen und Köpfen vorbeigeht In seiner zweiten "Berliner Rede" gebraucht der Bundespräsident heere Worte, tummelt sich aber
in vielen Inkonsequenzen, ganz abgesehen davon, daß er als Kohl's Staatssekretär und G7-Sherpa die heute beklagten Verhältnissen kräftig mitvorbereitet hat. Da sagt der
Bundespräsident: "Es ist ein Gebot der politischen Selbstbestimmung, Deutschland im Innern auf die Globalisierung einzustellen und dabei die Chancen und Lasten fair zu verteilen; sonst bestimmen
unsere Versäumnisse über uns." Das sagt der Bundespräsident und erwähnt China
und Indien: "Milliarden Menschen tragen mit ihrer Arbeit und ihren Wünschen dazu bei. Ihr Streben nach Glück durchdringt und verändert die Welt." Dann stellt der Bundespräsident die richtige Frage: "Gefährdet die Globalisierung am Ende unser ganzes Sozialmodell?" und gibt prompt die falsche Antwort:
"Kein Zweifel: Es gibt soziale Härten. Doch der Sozialstaat hat Bestand. Wir haben in den westlichen Industrienationen keine Abwärtsspirale. ..Über die Verteilung des erwirtschafteten
Wohlstands kann nach wie vor gutteils innerstaatlich entschieden werden. .. Einige Nationen stellen sich offensichtlich klug und schnell auf den globalen Wandel ein: Sie bauen um vom
betreuend-fürsorglichen zum ertüchtigend-vorsorglichen Staat. Wo das gelingt, da herrschen Weltoffenheit und Zuversicht vor." Das sagt
der Bundespräsident: "Friedliche und faire Konkurrenz der Nationen ist gewiss nicht immer bequem; aber sie birgt unerschöpfliche Kraft. Es ist die entscheidende Aufgabe für das 21.
Jahrhundert, diese Kraft in geordnete Bahnen zu lenken und allen zugute kommen zu lassen. Nur wenn wir die Globalisierung in diesem Sinne gestalten, können wir weltweit Armut, Gewalt,
Umweltzerstörung und Regellosigkeit zurückdrängen." Der einzige Hinweis auf eine konkrete politische Gestaltung zu Gunsten von
Fairness kommt später in der Rede: "Deshalb ist es gut, dass die Internationale Arbeitsorganisation grundlegende Normen für faire Arbeitsbedingungen formuliert. .. Ich freue mich, dass im
so genannten Global Compact schon jetzt 3.500 Unternehmen freiwillig mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten, um die Achtung der Menschenrechte, den Umweltschutz, die Einhaltung von Arbeits- und
Sozialstandards und den Kampf gegen die Korruption voranzubringen." Da sagt der Bundespräsident: "Die Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland hat zugenommen - nicht
zuletzt, weil die Einkünfte aus Kapitalerträgen viel stärker gestiegen sind als die Arbeitslöhne. .. Die Arbeitslöhne sind unter Druck geraten, weil der weltweite Wettbewerb
schärfer geworden ist und weil der technische Fortschritt immer mehr einfache Arbeiten ersetzt. Wir haben in der Vergangenheit eine wachsende Ungleichheit der Einkommen nur hingenommen, weil die
Kurve für alle nach oben wies. Das muss so bleiben. Der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein!" Und weiter sagt der Bundespräsident: "Der eigentliche Konflikt entsteht innerhalb der Länder, zwischen den Gewinnern und den Verlierern des Strukturwandels.
Diese Entwicklung ist nicht neu. Der technische Fortschritt, die Veränderung der Konsumgewohnheiten und der betriebliche Wettbewerb führten schon immer zum Wegfall von
Arbeitsplätzen." Und dann verspricht der Bundespräsident, wie alle Bundesregierungen schon seit so vielen Jahren
gegen alle Realitäten: "Ich bin der Ansicht: Vollbeschäftigung in Deutschland ist möglich. Arbeiten wir mit aller Kraft daran, dieses Ziel zu erreichen. .. Denn die Globalisierung, das
ist einfach das Leben, das gestaltet sein will, durch nüchternes Tagwerk und schöpferische Phantasie, durch fortwährende Anstrengung und fröhliche Begeisterung." Im übrigen hat der Bundespräsident für die immer noch Zweifelnden natürlich den üblichen schon ziemlich abgenutzten Joker
der Exportweltmeisterschaft im Ärmel: "Dass nach dem Zweiten Weltkrieg der Wiederaufbau gelang und wir heute an der Spitze der weltweiten Exportstatistik stehen, das haben wir vor allem der
Integration unseres Landes in die Weltwirtschaft zu verdanken."
Schöne Worte. Aber wie kann man denn die Chancen und Lasten fair verteilen, wenn man die Spielregeln der neoliberalen Globalisierung selbst nicht
verändert, z.B. durch einen wirkungsvollen Schutz gegen unfaires Lohn-, Steuer-, Umwelt und Währungsdumping? Doch das Wort "Dumping" taucht in der Rede nur einmal auf und da als Vorwurf an
die entwickelten Länder wegen eines Exports von Lebensmitteln zu Dumpingpreisen. Kennt der Bundespräsident die Gegenrichtung nicht?
Ist ihm klar, daß z.B.
Milliarden Menschen in China von einer Koalition der eigenen zunehmend neoliberalen Regierung mit westlichen Großkonzernen ausgebeutet werden und dort die eigentlichen Hürden vor dem
Glück der Menschen liegen? Und dass viele der in einer Exportexplosion gedumpten Produkte ihrer ausgebeuteten Arbeit die Menschen in anderen Ländern unglücklich machen, deren Löhne mit
Verlagerungsdrohungen gedrückt werden und deren Arbeitsplätze nicht selten verloren gehen (siehe Abbildung)? Aber soweit denkt der Bundespräsident nicht, schon weil er darauf in seiner Ideologie keine
Antwort hätte.
Als wäre das alles so einfach. Der Sozialstaat hat in
Deutschland nach allen angeblichen "Reformen" längst nicht mehr Bestand und kein "ertüchtigend-vorsorglicher" Staat ist bisher erfunden worden, der im Unterschied zu dem
"betreuend-fürsorglichen" das starke Auseinanderklaffen in den Einkommensverhältnissen verhindern würde, das der Bundespräsident selbst an anderer Stelle beklagt. Die von ihm
geforderten Bildungsanstrengungen helfen gegen Dumping aus Ländern, die damit negativen Lohndruck erzeugen, sehr wenig, zumal diese Länder zugleich ihre eigene Bildung forcieren.
Doch der Bundespräsident bleibt bei Allgemeinplätzen. Er sagt an keiner Stelle seiner Rede, wie denn Globalisierung so
gestaltet werden soll, daß sie auch Deutschland und deutschen Arbeitnehmern unfaire Konkurrenz vom Leibe hält.
Doch weiß der Bundespräsident, daß die Internationale Arbeitsorganisation keine Erzwingungsinstrumente hat?
Spricht er deshalb freiwillige (und im Zweifel unwirksame) Veränderungen an? Weiß er nicht, daß die eigentlichen Rechnungen in der Welthandelsorganisation gemacht werden, die allein
Erzwingungsinstrumente, wie Streitschlichtung und Gegenmaßnahmen kennt?
Weiß der Bundespräsident nicht, daß die Kurve schon
längst nicht mehr für alle nach oben weist, denn anders als die Vermögenseinkommen sind die Arbeitseinkommen real (nach Abzug der Verbraucherpreisinflation) bereits seit sieben Jahren
auf dem Rückzug (siehe Abbildung).
Hat der Bundespräsident bei solchen verharmlosenden Allgemeinplätzen nicht verstanden, was neolbiberale Globalisierung mit massivem Lohndumping durch Milliarden
zusätzliche niedrigst bezahlte und ausgebeutete Arbeitskräfte eigentlich bedeutet?
Also begeistert
Euch mal fröhlich für die neoliberale Form der Globalisierung ohne wirksamen Schutz gegen unfairen Wettbewerb und mit der ständigen Drohung der Produktionsverlagerung - die
Vollbeschäftigung ist dennoch möglich! Notfalls zu chinesischen Hungerlöhnen.
Wieder scheint dem Bundespräsidenten nicht einzufallen, daß die heutige neoliberale Globalisierung mit der Zeit deutschen
Wiederaufbaus vor 60 Jahren nicht mehr vergleichbar ist. Und wenn die Exportweltmeisterschaft, die zudem bald an China übergehen wird, jemandem zu verdanken ist, dann den Arbeitnehmern, die
jetzt seit vielen Jahren auf angemessene Lohnsteigerungen, wie sie in den Konkurrenzländern üblich sind, verzichtet haben. Warum erwähnt der Bundespräsident als gelernter
Ökonom das nicht wenigstens einmal in seiner Rede?
Ich fürchte, die deutschen Ängste vor der Globalisierung sind nach dieser langen Rede um kein Jota kleiner. Eher werden sich eine Menge Menschen an den Realitäten vorbeigeführt fühlen.
Gedanken zur Zeit 406 01-10-07: Was bedeutet ein jahrelang schrumpfender Finanzsektor?
Aus einem Beitrag der US-Ökonomin Gail D. Fosler, Chefvolkswirtin des Conference Board, eines der weltweit wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute, unter dem Titel "Warum die Krise gerade erst begonnen hat" im Handelsblatt:
"Dem Finanzsektor stehen Jahre der Schrumpfung bevor. Rund um die Welt ist die Versorgung mit Zentralbankgeld rapide angestiegen. Zugleich haben das starke Wachstum in den Schwellenländern und die Restrukturierung der multinationalen Unternehmen viel Barvermögen freigesetzt. In der aktuellen Krise schlechter Hypotheken nahm das Gesamtrisiko am Markt zu, weil der Anteil von zweitklassigen Hypotheken von weniger als fünf Prozent auf heute rund 13 Prozent des Gesamtmarktes gewachsen ist. Der Anteil nicht bedienter Kredite liegt hier bei zehn bis 15 Prozent, im Vergleich zu zwei bis drei Prozent bei normalen Hypotheken. Beunruhigend ist, dass dies nur der Beginn eines viel längeren Prozesses der Marktanpassung ist. Die US-Notenbank Fed hat versucht, mit ihrer Zinssenkung die Unruhe zu dämpfen. Doch noch sind Hunderte von Milliarden dieser experimentellen Produkte im Markt. Ihr Wert und ihre Schwankungen sind noch nicht über den Zyklus hinweg getestet worden. Trotz der Zinssenkung durch die Fed ist die Mehrheit der Banken restriktiver bei der Kreditvergabe.
Andere Finanztitel sind auch verletzlich. Die Neubewertung zeigt, dass die Anleger einen zu hohen Preis bezahlt haben. Das könnte auch Aktien- und Rohstoffmärkte betreffen. Diese sind weit über den Wert angestiegen, der durch Fundamentaldaten gerechtfertigt wäre. In den nächsten Jahren werden die Märkte für alle möglichen Vermögenswerte, nicht nur Subprime Hypotheken, eine Wertminderung erleben. Viele Unternehmen, deren Möglichkeit, Kapital aufzunehmen, von ihren Bilanzen abhängt, werden wohl enttäuscht werden. Die größte Herausforderung kommt aber auf die Finanzinstitute selbst zu. Sie haben eine hohe Rentabilität genossen, aufgrund einer explosionsartigen Zunahme neuer Produkte - von denen viele sich jetzt selbst zerstören werden. Im Ergebnis wird der Finanzsektor über die kommenden Jahre schrumpfen. Ob das die übrige Wirtschaft mitreißt, steht noch nicht fest."
Leider wird man jedoch sagen müssen, daß dies längst feststeht. Wenn der Boom der vergangenen Jahre vor allem von den Finanzinstituten gestrickt wurde, so muß deren nun drohende jahrelange Schrumpfung die übrige Wirtschaft beeinträchtigen. Wie sollte das eigentlicht anders denkbar sein? Gerade heute wird dazu bekannt, dass - wie die "Financial Times" berichtet - die schweizer Grossbank UBS aus ihrem Anleihe-Portfolio rund 1,8 Milliarden Euro abgeschrieben hat.
Mehr zur Kreditkrise in dem gerade aktualisierten Schwerpunkt.
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