Lange vor Tchernobyl wurde vor den Gefahren der Kernkraft seriös und begründet gewarnt. Doch die Reaktorfahrer in Tchernobyl wollten die Elastizität des Systems ausprobieren und haben den Reaktor dabei in die Luft gesprengt. Lange vor dem jetzigen Super-Gau des Kapitalismus gab es seriöse und gut begründete Warnungen vor einer Wiederholung der Weltwirtschaftskrise. Doch Teile der neoliberalen Systemelite wollten die vermeindliche Flexibilität des Systems bis zum Rand fahren und immer mehr Einkommen und Reichtum nur in die Taschen einer Minderheit schieben. Die große Umverteilung von Unten nach Oben lief über viele Jahre, aber so richtig erst seit der neoliberale Kapitalismus nach dem Fall des ideologischen Gegensystems alle Hemmungen fallen ließ, also etwa seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und noch mehr seit dem Beginn des diesigen.
Damals wie heute hatten die Regierungsspitzen keine Ahnung von der herannahenden Krise. Präsident Coolidge erklärte noch in seiner „State of the Union" Ansprache im Dezember 1928, es gebe Ruhe und den größten Rekord von Jahren an Wohlstand. Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache 2007:
Bei Coolidge brauchte es noch zehn Monate, bis die Krise ausbrach, bei Angela Merkel nur noch wenig mehr als sechs. Die Verfallsdaten von Politikersprüchen werden immer kürzer.
Nun ist der Gau da, das System gesprengt. Wie bei Tchernobyl gibt es noch eine Phase offizieller Desinformation. Doch die Wahrheit hat begonnen, sich herumzusprechen. Anders als in den ersten Wochen des Tchernobyl-Gau ist das Desaster weltweit und nicht zu verstecken. Natürlich werden weiterhin die Ursachen versteckt. Die Regierenden und die von ihnen beeinflußbaren Medien versuchen noch, die Verantwortung von sich selbst und vom kapitalistischen System weg auf ein paar Banker und deren Gier abzulenken.
Selbst unter linken Systemkritikern wird die globale Mechanik des Neoliberalismus verkannt. So wird sie als "alter Hut" abgestempelt, mit dem man immer schon fertig geworden sei, und statt dessen die Verantwortung nur in den nationalen Grenzen gebrandmarkt. Oder die neoliberale Globalisierung wird in Schutz genommen, indem Opponenten als Protektionisten verteufelt werden.
Die Große Depression schien etwas für die Geschichtsbücher. Nun ist sie wieder unter uns. Die Parallelen sind erdrückend. Bis jetzt noch in den Finanz- und Wirtschaftsdaten. Morgen auch auf den Straßen? Damals kam es zu extremen politischen Ausschlägen, besonders in Deutschland. Diesmal baut sich wieder die Wut in den Köpfen der unschuldigen Krisenopfer auf. Die Riesendemonstrationen beim G20-Gipfel in London in der kommenden Woche werden das zeigen. In vielen Ländern, besonders in Frankreich, füllen sich die Straßen bereits.
Hier einige Daten, zur Demonstration der Parallelen. Wie vor der heutigen Krise wurden die Reichen vor der letzten immer schneller immer reicher, während die Armen zurückfielen. Damals in 1929 gipfelte der Anteil der ausgeschütteten Unternehmensgewinne an der amerikanischen Wirtschaftsleistung bei etwas über 5 %, ein Spitzenwert, der erst im Jahre 2006 vor Ausbruch der derzeitigen Krise wieder erreicht wurde (Abb. 03900). Das gilt auch - abgesehen von einem Zwischengipfel in 1965 - für die amerikanischen Unternehmensprofite insgesamt (Abb. 03897). Die Geschichte der amerikanischen Einkommenskonzentration vor 1929 kommt wie ein Echo auf die späteren Tage von Reagan und noch mehr Bush herüber, oder - wenn auch im deutschen Schmalspurformat - von Kohl und Schröder.


Da wuchs nun in USA bis zum Reichtumsgipfel in 1929 eine neue Klasse von Geldadel hoch. Ein hoher Anteil kam aus Elternhäusern, die ihrerseits in Kommerz und Finanzen reich geworden waren. Immer weniger waren aus ärmlichen Verhältnissen. Für diese Klasse war die Welt bis unmittelbar vor Ausbruch der Krise grundweg in Ordnung. Ähnlich lief es diesmal auch bei uns.
Die Gesamtverschuldung der USA erreichte mit dem Dreifachen der jährlichen Wirtschaftsleistung einen absoluten Spitzenwert, der erst wieder im Zulauf auf die derzeitige Krise erreicht und überschritten wurde (Abb. 03852).

Praktisch hat die Krise seit 2007 der seit 1929 die Hand gereicht, ohne daß das der Politik zu irgendwelchen Hintergedanken Anlaß war. Mein neues Buch "Die zweite Große Depression" (hier zur Voranmeldung) arbeitet nicht nur die Parallelen auf, sondern auch die Unterschiede und will Antworten auf viele Fragen geben.
Die Krise steht noch am Anfang. Doch schon muß man einen Super-Gau des Kapitalismus prognostizieren. Hier einige Symptome. Die Zentralbanken mußten die Zinsen auf oder Nähe Null senken (Abb. 03774).

Die meisten Banken sind überschuldet und werden nur mit Mitteln des Steuerzahlers einschließlich einer Blankogarantie über Wasser gehalten. In Deutschland zeigt sich das an den Kursen der beiden größten Privatbanken (Abb. 03752).

Die Wechselkurse von Dollar, Euro, Pfund, Rubel und chinesischem Renmimbi schlagen seit Monaten wild um sich (Abb. 03811).

Unternehmensanleihen, die nicht zu den allersichersten zählen, kosten die Unternehmen einen Aufschlag von mehr als neun Prozent (Abb. 03636).

Der internationale Handel bricht mit Jahresraten von bis zu 50 % zusammen (Abb. 03866, 14631).


In Deutschlands gewerblicher Wirtschaft brechen Aufträge, Produktion und Umsatz mit Jahresraten von bis zu 35 % ein (Abb. 14654, 14564).


In USA gibt es seit Ausbruch der Krise schon 7,2 Millionen Arbeitslose mehr. Auch in Deutschland wird die wachsende Arbeitslosigkeit nur mühsam und am Ende nur vorübergehend mit Kurzarbeit gedämpft. Auch die Abwrackprämie schafft der gebeutelten Automobilindustrie nur zeitweise Luft, wird aber den Verkauf nach ihrem Auslaufen umso mehr einbrechen lassen.
Die Krise ist enstanden, weil immer mehr Einkommen und Reichtum in die Taschen einer Minderheit geschoben wurden. Nun versucht die gleiche Systemelite, die das Unheil angerichtet hat, das System mit dem gleichen Rezept zu lösen. Es wird nicht etwa eine Notsteuer auf Reichtum eingeführt. Nein, nun wird umgekehrt z.B. das Einkommen der Wohlhabenden aus Bankenanleihen durch das an die Banken abgeführte Steuerzahlergeld der kleinen Leute gerettet.
Dabei wird erneut die Flexibilität des Systems getestet, diesmal in die Richtung seiner Inflationsverträglichkeit. Wieviel künstliche Liquidität der Zentralbanken und aus den auf Pump finanzierten Regierungsprogrammen kann das System vertragen, bis eine Hyperinflation ausbricht? Niemand weiß das. Doch Warnungen gibt es auch bei diesem Experiment genug. Diese Warnungen würden für eine sofortige Änderung der Steuerregeln sprechen, um durch Notsteuern auf Reichtum die Verteilung des Einkommens von Unten nach Oben zu stoppen und möglichst umzudrehen und so die abstürzende Binnennachfrage anzukurbeln. Dann würde über solche Notsteuern gleichzeitig Liquidität inflationsdämpfend abgeschöpft.