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Von http://www.jjahnke.net/frankreich.html, Version 22.07.07

Frankreich und Deutschland sind (neben Großbritannien) die größten Wirtschaftszentren der EU und - wenn er funktioniert - der Motor der Integration. Sie sind in beide Richtungen jeweils die Haupthandelspartner. Historische und kulturelle Verbindungen bestehen wie kaum zwischen anderen Ländern. Sie haben heute viele ähnliche Probleme, vor allem mit dem Arbeitsmarkt und den Rentensystemen in alternden Bevölkerungen, wenn auch hier wegen der viel besseren demographischen Entwicklung etwas weniger in Frankreich. Im internationalen Vergleich rangieren beide Themen weit oben unter den Sorgen der Menschen (Abb. 12553). In wenigen anderen Ländern wird Globalisierung so mit Job-Verlust gleichgesetzt wie in Frankreich und Deutschland (Abb. 13014) und ist die Ablehnung von Erweiterungen der EU so ausgeprägt (Abb. 06035).




Daneben gibt es viele Unterschiede. Frankreich ist - erheblich früher als Deutschland - durch seine fördernde Politik des Zentralstaats, den sehr aktiven Kapitalmarkt und sein ausgedehntes Kolonialreich sowie später die Force de Frappe zu einem globalen Spieler geworden. Viele der großen internationalen Projekte, wie der Panama- oder der Suez-Kanal wurden schon im 19. Jahrhundert primär von französischen Anlegern über die Pariser Börse finanziert. In den letzten Jahrzehnten ist Frankreich zunehmend und mehr als Deutschland zum Hauptgegner des angelsächsischen Systems einer neoliberalen Globalisierung der Weltwirtschaft geworden. Das EU-Verfassungsreferendum hat dies erneut (und zur Überraschung vieler Beobachter in Deutschland) nachhaltig bestätigt. Der neue französische Staatspräsident Sarkozy steht in der französischen Tradition. Sein Europa-Minister Jouyet hat im Juli 2007 erklärt: „Frankreich wird eine starke Position in der Erarbeitung einer Wettbewerbspolitik einnehmen, die ein ebenes Spielfeld für alle internationalen Handelspartner bringt. Es gibt Länder mit einer industriellen Tradition in Europa, und Europa muß eine starke industrielle Basis behalten. Wir brauchen eine offensivere Strategie, wo Europa seine Interessen verteidigt. Um die Unsicherheit zu vermeiden, die in Frankreich und anderswo existiert, muß Europa seine Interessen verteidigen". Man wird sich auch erinnern: Sakozy hat immer wieder davor gewarnt, daß die Europäische Union zum Trojanischen Pferd des Neoliberalismus werden könnte. Eben deswegen hat Sarkozy beim EU-Gipfel das Ziel eines unbehinderten Wettbewerbs aus dem Zielkatolog der EU herauskatapultiert.

Angesichts der enormen Bedeutung des deutsch-französischen Verhältnisses für die Entwicklung nicht nur der Europäischen Union, sondern des internationalen Wirtschaftssystems überhaupt sollen hier einzelne Elemente der Wirtschafts- und Sozialverfassung beider Länder im Vergleich analysiert werden. Der Vergleich ist umso interessanter, als beide Länder ziemlich genau das gleiche Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt aufweisen. Um den Horizont zusätzlich zu erweitern, sind auch die Vergleichsdaten für Skandinavien eingestellt worden.

Gehen wir nun den einzelnen Faktoren in folgender Reihenfolge nach: Geburtenrate, Bildung, Forschung u. Entwicklung, Produktivität, Steuern, Einkommen und Verbrauch, Arbeitsmarkt, Gesundheitssystem, Renten, Bruttoinlandsprodukt. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Frankreich erzielt eine ähnliche gesamtwirtschaftliche Leistung trotz im Vergleich zu Deutschland erheblich höherer Steuer- und Abgabenlasten und eines geringeren Einsatzes an Arbeitszeit, wobei sich die höhere Produktivität und die durchschnittlich jüngere Bevölkerung auszahlt. Vor allem: Der Anteil an jüngeren Menschen mit Studienabschluß ist fast zwei Drittel höher als in Deutschland und ähnlich hoch wie in Skandinavien. In vielen der Vergleichskriterien liegt Frankreich in der Mitte zwischen dem Erfolgsmodell Skandinavien und Deutschland. Vor allem hat sich in Frankreich der Unterschied zwischen Einkommen aus Arbeit und Einkommen aus Kapital nicht so wie in Deutschland aufgebaut und haben die Menschen dort längst nicht so viel Skrupel, Geld zum Einkaufen auszugeben.

1. Geburtenrate und Altersdurchschnitt

Frankreich hat eine wesentlich höhere Fruchtbarkeitsrate als Deutschland und die höchste in Europa. Französische Frauen bringen im Laufe ihres Lebens fast um die Hälfte mehr Kinder zur Welt (Abb. 12484). Das hängt mit vielen Faktoren zusammen, z.B. einer besseren Entwicklung der Arbeitseinkommen mit weniger Spreizung zwischen Arm und Reich und besseren und zahlreicheren Einrichtungen zur Kinderbetreuung. Dementsprechend ist der Anteil jüngerer Menschen unter 20 Jahren an der französischen Gesamtbevölkerung auch um mehr als ein Fünftel höher. Beide Länder haben Probleme mit der Rentenfinanzierung, aber die französischen dürften wegen der besseren demographischen Entwicklung leichter zu lösen sein.


2. Bildung

Das französische Bildungssystem zeichnet sich durch eine um 6 % bis 7 % bessere Finanzierung pro Schüler aus (Abb. 12485). Vor allem schneiden an französischen Schulen Kinder aus der unteren sozialen Schicht weniger schlecht als an deutschen ab, ebenso Kinder aus Immigrantenfamilien (Abb. 12486). Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat eneut belegt, daß in kaum einem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit - im Unterschied zu Frankreich - also.



Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs besonders wichtig: In Frankreich ist die Rate an Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit Hochschulabschluß um fast zwei Drittel höher, ein enormer Unterschied (Abb. 12487).


3. Forschung und Entwicklung, Produktivität

In Frankreich sind die Ausgaben für F.u.E. gemessen am Bruttoinlandsprodukt um 0.4 Punkte niedriger (Abb. 12488); allerdings verändern sich die Anteile von Jahr zu Jahr, so daß dieser Unterschied nicht wesentlich ins Gewicht fallen dürfte. Wichtiger dagegen: Die Arbeitsproduktivität pro Beschäftigten liegt in Frankreich um 18 % höher als in Deutschland (Abb. 12491).



4. Steuern und Sozialleistungen

Frankreich erreicht seine mit Deutschland vergleichbare Wirtschaftsleistung (siehe Kapitel 9) mit relativ hohen Steuerlasten, die sozialer als in Deutschland verteilt sind. Die Steuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt sind 35 % höher als in Deutschland (Abb. 12493), mit Sozialabgaben sogar um 51 % höher (Abb. 12494).



Höher sind in Frankreich die Einkommens- und Gewinnsteuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt, nämlich um 6 % (Abb. 12495). Ebenso liegen die Unternehmenssteuern der Kapitalgesellschaften um 16 % über der nach 2008 in Kraft tretenden der deutschen Unternehmenssteuerreform (Abb. 12463). Die neue französische Regierung plant daher ebenfalls Entlastungen. Auch sind die Vermögens- und Erbschaftssteuern viel höher als in Deutschland (Abb. 12497).




Umgekehrt ist dagegen die Lohnsteuer einer Einzelperson ohne Kinder als Anteil am Bruttoeinkommen um etwa ein Viertel niedriger (Abb. 12492).


Die französische Staatsschuld als Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist um etwa 6 % niedriger als die deutsche.

Das französische System der Sozialausgaben (ohne Altersrenten) reduziert die Armutsrate in der Bevölkerung wesentlich stärker als das deutsche (52 % gegen 35 %, Abb. 12679).


5. Einkommen und Verbrauch

Einer der größten Unterschiede zwischen beiden Ländern liegt in der in Frankreich erheblich besseren Entwicklung von Arbeitseinkommen und dementsprechend auch einer weit besseren Entwicklung des Verbrauchs privater Haushalte. Die Löhne und Gehälter sind pro Kopf zu Kaufkrafteinheiten in Euro umgerechnet im Durchschnitt 21 % höher als in Deutschland (Abb. 12499). Sie sind kaufpreisbereinigt zwischen 2000 und 2006 in Frankreich um 8 % gestiegen, während sie in Deutschland bei einem schachen Plus von 1 % stagnierten (Abb. 12505).



Die französischen Löhne und Gehälter haben sich wesentlich besser entwickelt als die deutschen (Abb. 03023, 12554).



Deshalb haben in Frankreich - drastisch anders als in Deutschland - Unternehmensgewinne und Löhne eine ähnliche Entwicklung genommen und sich damit wesentlich sozialer entwickelt (Abb. 12199). Auch ist die Differenz der Arbeitseinkommen zwischen Frauen und Männern nur etwa halb so groß wie in Deutschland (Abb. 12665). Man kann sagen, daß sich Frankreich im Zeichen der Egalité einen sozialen Bestand erhalten hat, der in Deutschland verloren gegangen ist.



Bei einer normalen Einkommensentwicklung hat sich auch der Verbrauch privater Haushalte in Frankreich gut entwickelt, während er in Deutschland seit 2000 stagnierte (Abb. 12506). Seit 2000 stieg er um 14,6 % gegen 1,9 % in Deutschland. Besonders auffällig zeigt sich dieser fundamentale Unterschied in der Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes (Abb. 12678). Im Ergebnis ist Frankreich wesentlich weniger vom Export abhängig, um seine Wirtschaft zu entwickeln.



6. Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt ist ein wunder Punkt in beiden Ländern, in Frankreich noch mehr als in Deutschland (Abb. 12508); allerdings ist die Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland höher (Abb. 12509).



Die höhere Arbeitslosigkeit in Frankreich hängt auch damit zusammen, daß dort im Unterschied zu Deutschland schlechtbezahlte Zeit- und Teilzeitarbeitsverhältnissen längst nicht so zugenommen haben (Abb. 12653 und 12561).



Sie hängt weiter damit zusammen, daß weniger hart gegen Arbeitslose vorgegangen worden ist, als das in Deutschland auf der Basis der Hartz-Gesetze und der 1-Euro-Jobs geschieht (in Frankreich gilt Mindestlohn!). Außerdem hat Deutschland den Vorteil gehabt, mit viel stärker gedrosselten Arbeitseinkommen den Export hochzufahren, auch zu Lasten der Beschäftigung in Frankreich, wie der gestiegene Überschuß im bilateralen Handel zeigt.

In Frankreich wird sowohl nach Jahres- wie Lebensarbeitszeit erheblich kürzer gearbeitet. Die vereinbare Jahresarbeitszeit netto nach Urlaubs- und Feiertagszeiten ist etwa 100 Stunden oder 6 % kürzer. Das Renteneintrittsalter liegt bei 60 Jahren (Deutschland jetzt 67 Jahre), faktisch aber bereits bei 58,8 Jahren (Deutschland bisher 61,3 Jahre). Von denen über 55 Jahren sind nur noch 40,5 % in Arbeit gegen 48,5 in Deutschland und sogar 64,2 % in Skandinavien (Abb. 12507).


7. Gesundheitssystem

Das französische Gesundheitssystem ist ähnlich vorbildlich wie das deutsche. Der Aufwand gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist fast 4 % höher. Die Zahl der Ärzte pro Bevölkerung ist gleich. Allerdings hat Deutschland - bisher noch - erheblich mehr Krankenhausbetten zur Verfügung.

8. Renten

Wie bei den Arbeitseinkommen so ist auch bei den Renten die Lage in Frankreich erheblich besser als in Deutschland. Das Netto-Rentenniveau verglichen mit dem letzten Arbeitseinkommen ist in Frankreich für Durchschnittseinkommen um 9 % höher, für kleinere Einkommen (50 % von Durchschnittseinkommen) wegen der im Unterschied zu Deutschland sozialen Zuschläge sogar um 47 % (Abb. 12513).


Das französische Rentensystem besteht aus zwei Teilen: einem einkommensabhängigen staatlichen und einem obligatorischen der Unternehmen auf der Basis eines Punktesystems, das die meisten Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft abdeckt. Die staatliche Rente zielt auf eine Rentenhöhe von 50 % des Arbeitseinkommens nach einer vollen Berufszeit. Es gibt eine Mindestrente, die 2004 bei 6.706 Euro lag (etwa 23 % des Arbeitseinkommens). Von 2008 an erhalten Arbeitnehmer mit Mindestlohn eine Mindestrente in Höhe von 85 % dieses Lohnes (9.423 Euro unter den Verhältnissen von 2004).

Undenkbar in Frankreich: Nach einer Emnid-Umfrage, über die das Nachrichtenmagazin „Focus" im Juli 2007 berichtete, hat jeder zweite Deutsche Angst vor Armut im Alter. Von den heute 30- bis 39-Jährigen rechnen fast 70 Prozent mit Versorgungslücken bei ihrer Rente.

9. Bruttoinlandsprodukt

Pro Kopf und in Kaufkrafteinheiten ausgedrückt liegt das Bruttoinlandsprodukt in Frankreich in ähnlicher Höhe wie in Deutschland (Abb. 12511 und 12512), nachdem Deutschland im vergangenen Jahr seinen Rückstand aufholen konnte (Abb. 12510).




Frankreich erzielt diese Leistung trotz im Vergleich zu Deutschland erheblich höherer Steuer- und Abgabenlasten und eines geringeren Einsatzes an Arbeitszeit, wobei sich die höhere Produktivität und die durchschnittlich jüngere Bevölkerung auszahlt. In vielen der Vergleichskriterien liegt Frankreich zwischen dem Erfolgsmodell Skandinavien und Deutschland. Vor allem hat sich in Frankreich der Unterschied zwischen Einkommen aus Arbeit und Einkommen aus Kapital nicht so wie in Deutschland aufgebaut und haben die Menschen dort längst nicht so viel Skrupel, Geld zum Einkaufen auszugeben.

Die anschließende Tabelle enthält einen Überblick zu den Werten die - bei Deutschland gleich 100 - in Frankreich höher oder niedriger sind. Die Werte sind in Prozent und nicht in Prozentpunkten angegeben (KKP = Kaufkraftparität). Markante französische Vorteile sind grün markiert.



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Hier zu meiner kurzen Einführung bei der Vorstellung des Buches am 15. Mai im Beisein von Jürgen Peters, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung und Vorsitzender der IG Metall, und Professor Dr. Peter Bofinger, Universität Würzburg, und hier zu einer aktuellen Einschätzung sowie zu meinem halbstündigen WDR-Interview zum Abhören.