Nizza/Hamburg (dpa) - Der "Exportweltmeister" Deutschland gehört nach
Ansicht des früheren Vizepräsidenten der Europäischen Bank für
Wiederaufbau und Entwicklung, Joachim Jahnke, trotz steigender
Außenhandelsüberschüsse bereits heute eher zu den Verlierern der
Globalisierung.
"Die
im Interesse hoher Exporte von den Arbeitgebern erzwungene negative
Einkommensentwicklung hat die für die Gesamtwirtschaft weit wichtigere
Binnenkonjunktur schwer geschädigt und damit zur hohen Arbeitslosigkeit
wesentlich beigetragen", sagte der Autor des Buches "Falsch
globalisiert" in einem dpa-Gespräch.
"Zu vier Fünfteln muss
Deutschland von der internen Wirtschaftsleistung leben, nur ein Fünftel
entfällt - nach Abzug der notwendigen Vorprodukt-Importe - auf den
Export", sagte Jahnke. Seit dem Jahr 2000 habe sich Deutschland durch
eine negative Reallohnentwicklung "enorm wettbewerbsfähig gemacht".
Dies sei aber vor allem mit Blick auf die anderen Euro-Länder, die sich
nicht mehr durch Währungsanpassungen wehren könnten, ein "künstlicher
Wettbewerbsvorteil, der bequem erwirtschaftet wurde. Der Preis, den wir
dafür bezahlen, ist der Rückgang der Massenkaufkraft."
"Trotz
des Drucks der bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung lag etwa der
Einzelhandelsumsatz im August nur um 0,2 Prozent über dem
Vorjahreswert. In Frankreich dagegen verzeichnete der Einzelhandel im
gleichen Zeitraum ein Plus von 6,4 Prozent", sagte Jahnke. Bei der
Entwicklung der Arbeitnehmereinkommen betrage die Differenz zwischen
Frankreich und Deutschland seit dem Jahr 2000 bereits 11,5
Prozentpunkte.
"Sich nur über den Export aus dem Sumpf der
Wirtschaftsprobleme ziehen zu wollen, ist ein bisher total erfolgloser
Sonderweg. Außer Deutschland verfolgt nur das Entwicklungsland China
eine ähnliche Strategie: Auch dort wird die Volkswirtschaft auf Export
getrimmt, während der Binnenkonsum ähnlich stark wie in Deutschland
weggebremst wird - allerdings kombiniert mit hohen Investitionen in die
Zukunft und stark steigender Beschäftigung", sagte Jahnke.
"Die
deutsche Großindustrie muss auf höhere Löhne und mehr Inlandsabsatz
umsteuern", sagte Jahnke. "Heute machen die 30 größten deutschen
Konzerne 65 Prozent ihres Umsatzes im Ausland." Sie hätten ihre Basis
längst stärker ins Ausland verlagert als etwa die Großunternehmen in
den USA oder Frankreich. "Dabei wird aber vergessen, dass die
Entwicklung sich schnell umkehren kann. Was ist, wenn die weltweite
Konjunktur plötzlich abkühlt?" Dann wären die deutschen Konzerne wieder
auf ihren eigentlichen Heimatmarkt angewiesen, den sie zuvor
vernachlässigt haben.
Nach Jobs in Bereich der industriellen
Produktion wird die Globalisierung nach Einschätzung von Jahnke als
nächstes über Dienstleistungen den Mittelstand treffen: "Die
eigentliche Welle der Jobverlagerungen steht uns erst noch bevor - und
zwar im Dienstleistungsbereich etwa bei Ingenieuren, im Bankenbereich
oder bei medizinischen Analysen." Mit immer besseren
Kommunikationsmöglichkeiten würden künftig zunehmend auch qualifizierte
Tätigkeiten an Billigstandorte ausgelagert. Schwellenländer wie zum
Beispiel China und Indien "treten technologisch unten und oben gegen
uns an - und das Bildungsniveau in diesen Ländern steigt rapide."
