Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 21/12/2006 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
In wenigen Tagen jährt sich zum fünften Mal die Einführung des Euro. Für mehr als eine Zwischenbilanz ist es sicher zu früh. Auch gibt es immer noch Expertenstimmen, die Zweifel an der Überlebensfähigkeit dieser Kunstwährung äußern, so in diesen Tagen Harvard-Professor Kenneth Rogoff, der auch Chefökonom des IWF war.
Am Anfang des Euro standen Historiker und Technokraten. Der Historiker und deutsche Bundeskanzler Kohl meinte, nur mit der Einheitswährung einen neuen Krieg in Europa verhindern zu können. Die französischen Technokraten wollten das Diktat der Deutschen Mark loswerden. Die deutschen um Genscher herum meinten, daß man Europa so voranbringen könnte. Die italienischen wollten die hohe Last der Finanzierung der enormen Staatsschuld auf ein viel niedrigeres, nicht mehr die italienische Verschuldung widerspiegelndes Niveau herunterschrauben. Die Menschen jedenfalls, in deren Geldbeutel die neue Währung heimisch werden sollte, wurden nicht gefragt.
Positiv läßt sich heute vermerken, daß man als Tourist in der Eurozone nicht mehr zur Wechselstube gehen und Provision berappen muß. Unternehmen können beim Handel in der Eurozone langfristig ihre Erlöse ohne Wechselkursrisiko kalkulieren. Auch hat sich der Euro an den Devisenmärkten besser geschlagen, als viele befürchteten. Offene Fragen, betreffen das Durchhalten Italiens, Portugals und Griechenlands im Korsett der Einheitswährung, weil diese Länder unter einer viel stärkeren Arbeitskostenentwicklung und Staatsverschuldung als ihre Partner leiden und ihre Staatsanleihen auf den Finanzmärkten durchaus unter Spekulationsdruck kommen können. Beistandspflichten gibt es im Euro jedenfalls nicht. Auch drängen viele Länder Osteuropas aus der letzten Beitrittswelle in den Euro, obwohl sie darauf nicht ausreichend vorbereitet sind, sich aber - wie seinerzeit Italien - Vorteile bei der Auflage von Staatsanleihen versprechen. Man sollte sich auch erinnern, daß sich schon Griechenland mit falschen statistischen Angaben in den Euro gemogelt hat.
Auf die andere Waagschale muß man allerdings 5 gravierende Nachteile für Deutschland legen:
Erstens hat sich der Euro zu einer gewaltigen Droge für den deutschen Export entwickelt und damit zu einer gigantischen Fehlallokation knapper volkswirtschaftlicher Resourcen von der deshalb notleidenden Binnenwirtschaft weg in den Außenhandel. So hätte Deutschland bei der wesentlich geringeren Arbeitskostenentwicklung als die seiner heutigen Euro-Partner (Abb. 12179) sowie viel geringeren Inflation (siehe unten), gäbe es die DM noch, diese längst mehrfach aufwerten müssen; im Euroverbund sind Währungsanpassungen jedoch nicht mehr möglich. Also wurde immer mehr exportiert sowie weniger importiert und wuchs zu einem großen Teil künstlich der Überschußsaldo (Abb. 04175).


Zweitens ist ebenso künstlich der deutsche Export außerhalb der Eurozone unter eine Währungsdroge gesetzt worden mit der gleichen Folge der Fehlallokation von der Binnenwirtschaft weg. Zwar wären hier Währungsanpassungen noch möglich, jedoch gehen innerhalb der Eurozonen-Bilanz die starken deutschen Überschüsse in den Defiziten der anderen Eurozonenländer mit dem Rest der Welt unter und bringen für sich genommen längst nicht die Aufwertung des Euro, die bei der DM eingetreten wäre. Nach der Eurostat-Statistik für Jan-Sept 2006 verzeichnete die Eurozone nur ein kleines Plus von 2,4 Mrd Euro mit dem Rest der Welt. Darin kam Deutschland auf einen Überschuß von 47 Mrd Euro und der Rest der Zone auf ein Defizit von 34 Mrd Euro (Abb. 12255).

Drittens war die Unmöglichkeit von Währungsanpassungen in der Eurozone für die deutsche Exportwirtschaft das Signal, die Arbeitskosten in Deutschland brutal herunterzudrücken und sich damit einen künstliche Wettbewerbsfaktor gegenüber den Eurozonenpartner zu sichern. Abgesehen von Portugal hatte Deutschland im 3. Quartal 2006 die bei weitem geringste Entwicklung der Arbeitskosten in der EU und nur ¼ derjenigen der Eurozone (Abb. 12179, siehe oben). Die negative Lohnentwicklung wurde weitgehend über ständig wiederholte Verlagerungsdrohungen der deutschen Unternehmen erzwungen. Typisch ist dabei der Vergleich mit Frankreich, wo über den gesamten Zeitraum seit 2000 die Lohndifferenz bereits 11,5 % zum Nachteil der deutschen Arbeitnehmer beträgt (Abb. 03023).

So haben die nun seit Jahre stets wachsenden Exportüberschüsse nicht, wie man erwarten sollte, zum deutschen Wohlstand beigetragen, sondern umgekehrt durch die real negative Lohnentwicklung die Binnenkonjunktur abgewürgt (Abb. 12256 und 04055). Dabei lebt das deutsche Bruttoinlandsprodukt nur zu 20,5 % vom Warenexport (nach Herausrechnung der notwendigen Vorproduktimporte von 41,5 % des Exports), dagegen zu 79,5 % von der Binnenkonjunktur. Zugleich wurde die Massenarbeitslosigkeit hochgetrieben. Wie weit die seit einigen Monaten bessere Binnenkonjunktur nicht nur auf Vorzugseffekten wegen der verschiedenen Steueränderungen beruht, wird sich im nächsten Jahr zeigen müssen.


Viertens, kann die Europäische Zentralbank nur eine Zinspolitik für alle betreiben und muß dabei die höheren Inflationsraten der deutschen Eurozonenpartner im Auge behalten. Die Inflationsraten sind seit dem Jahr 2002 trotz aller Erwartungen an die Einheitswährung sehr stark auseinandergelaufen und reichen für den Zeitraum bis November 2006 von 4 % bis 14 %, wobei Deutschland mit nur 6 % am unteren Ende liegt und um fast die Hälfte unter dem gewichteten Durchschnitt der restlichen Eurozonenländer (Abb. 06004). Abb. 06053 zeigt sehr deutlich, wieviel näher die Bundesbank seinerzeit den Realzins an der Entwicklung des privaten Verbrauchs in Deutschland entlanggefahren hat, als das jetzt die EZB angesichts der viel stärkeren Verbrauchsentwicklung in den meisten anderen Eurozonenländern tut. Bis 2004 und dann wieder nach mehrfachen Zinserhöhungen in diesem Jahr hat die EZB den Realzins weit höher geschraubt, als es für die relativ müde deutsche Binnenkonjunktur gut ist. Das wird sich deutlich im nächsten Jahr zeigen, zumal die EZB schon wieder von weiteren Zinserhöhungen spricht. Einen so hohen Realzins von mehr als 2 % wie derzeit hatte die Bundesbank zuletzt 1998 und 1995 zugelassen , aber damals lag das Wachstum des privaten Verbrauchs jeweils bei etwa 2 %, während es jetzt bei 0,8 % dümpelt.


Fünftens hat Deutschland unter dem Druck des Euro-Stabilitätspakts trotz der Rezession seine konsumptiven öffentlichen Ausgaben prozylisch zurückgeführt, während z.B. Großbritannien und die USA ihre Konjunkturen durch mehr Staatsausgaben gestützt haben (Abb. 04030a).

Im Ergebnis all dieser Einflüsse vergleicht sich Deutschland trotz der Exportweltmeisterschaft im Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt zu Kaufkraftparitäten nicht besonders vorteilhaft mit den meisten Vergleichsländern (Abb. 12259). In einer solchen Zwischenbilanz überwiegen die Nachteile eindeutig die Vorteile der Einführung des Euro für Deutschland.

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