Nun ist es also doch passiert. Die leichte Erholung der deutschen Geburtenziffer in 2004 war nur ein Blip, und nach der jetzt für 2005 vom Statistischen Bundesamt festgehaltenen Zahl hat sich der Abwärtskurs fortgesetzt. Der negative Trend hält schon seit der Jahrtausendwende an. Dabei war das Gesamtbild zunächst durch die Erholung der Entwicklung in den Neuen Ländern von sehr tiefem Niveau "verschönt". Der Wert für das Altbundesgebiet ist dagegen erheblich gefallen, gegenüber dem Jahr 2000 bereits um 5 % (Abb. 04950).

Dabei liegt die deutsche Geburtenrate unter vergleichbaren EU-Ländern ziemlich weit hinten (Abb. 04047).

Wichtiger sind die Aussichten der demographischen
Entwicklung. Nach der mittleren Variante der jetzt vom Statistischen Bundesamt vorgestellten 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung ergeben sich vorraussichtlich folgende
Veränderungen in der deutschen Bevölkerungsstruktur, wobei sich insbesondere der Altersquotient etwa verdoppeln wird (Abb. 04629):
» Die Geburtenrate bleibt auf dem niedrigen Wert von 1.4 Kindern pro Frau.
» Die Anzahl der unter 20-Jährigen bezogen auf 100 Personen im Erwerbsalter - der so genannte Jugendquotient - beträgt heute 33. Er wird sich in den
nächsten Jahrzehnten nicht mehr stark verändern und 2050 schließlich 29 erreichen.
» Der Altenquotient für das Renteneintrittsalter von 65 Jahren - die Anzahl der
65-Jährigen und Älteren je 100 Personen von 20 bis unter 65 Jahren - liegt aktuell bei 32. Er wird schon in den nächsten Jahren deutlich ansteigen und nach 2020 mit dem Eintritt der
starken Jahrgänge in das Rentenalter nach oben schnellen. 2030 wird er bereits 50 oder 52 betragen. Anschließend wird er weiter zunehmen und im Jahr 2050 je nach Variante der
Bevölkerungsvorausberechnung 60 oder 64 erreichen. Damit wird er 2050 doppelt so hoch ausfallen wie heute, ohne daß - wie oft argumentiert - durch einen Rückgang des
Jugendquotienten eine finanzielle Entlastung der Menschen im Erwerbsalter zu erwarten wäre (Abb. 04630).
» Wird die Altersgrenze auf 67 Jahre verschoben, würde der Altenquotient 2050
je nach Variante 52 oder 56 erreichen. Wollte man den Altenquotienten von 32, wie er für das derzeit gültige Renteneintrittsalter von 65 Jahren besteht, konstant halten, müsste die
Altersgrenze im Jahr 2050 bei 74 oder 75 Jahren liegen.
» Unterstellt ist in dieser Vorrausberechnung eine annähernd konstante zusammengefasste Geburtenziffer von durchschnittlich 1,4 Kindern je
Frau sowie Zunahme der Lebenserwartung bei Geburt um etwa sieben Jahre auf 83,5 Jahre für Jungen und auf 88,0 Jahre für Mädchen im Jahr 2050, sowie ein jährlicher positiver
Wanderungssaldo von 100.000.


Einige Folgen liegen auf der Hand. So kann man sich nur freuen, wenn sich die Lebenserwartung um sieben Jahre verlängern soll, auch wenn das wegen der chronischen Altersleiden nicht nur unbeschwertes Alter sondern zugleich auch eine Zunahme der Pflegefälle bedeutet. Der Rückgang der Gesamtbevölkerung um etwa 15 Millionen (Abb. 04631) könnte Entlastung für die Ballungszentren und den Arbeitsmarkt bringen (es sei denn, daß die Industrie ihre Investitionen zu stark zurücknimmt, weil es weniger Verbraucher in Deutschland geben wird und ältere Menschen ohnehin mehr zur Sparsamkeit neigen).
Daß sich der Altenberg im Verhältnis zu denen im Erwerbsalter verdoppelt, ist allerdings keine gute Perspektive, zumal bei der Lastentragung durch die Erwerbstätigen kein besonderer Ausgleich durch Rückgang des Jugendquotienten zu erwarten ist. Finanziell gesehen, ließe sich die zusätzliche Belastung wahrscheinlich dennoch durch die zu erwartende Produktivitätssteigerung ausgleichen, soweit nicht der globale Wettbewerb und die einseitige Aneignung des Produktivitätsfortschritts durch die Kapitaleigner eine solche Möglichkeit verbauen.
Auch dürfte der Bevolkerungsrückgang nicht gleichmäßig über Deutschland verteilt sein. Schon jetzt entvölkern sich einige Gegenden in den neuen Bundesländern besonders stark. Damit werden die regionalen Spannungen und die Notwendigkeit von Ausgleichsleistungen zunehmen.
Der Hauptnachteil einer so stark alternden Bevölkerung wird mit dem Verlust an Risikobereitschaft und Kreativität verbunden sein, die der Altersprozeß unvermeidbar mit sich bringen wird. Selbst medizinische Fortschritte werden daran nicht viel ändern können, jedenfalls nicht in diesem Projektionshorizont. Dieser Nachteil wird sich besonders im globalen Wettbewerb mit den weit jüngeren Bevölkerungen Asiens bemerkbar machen. Europas Bevölkerung ist mit durchschnittlich 39 Jahren derzeit mehr als 40 % älter als die Asiens mit knapp 28 Jahren (Abb. 07034).

46 % der Bevölkerung Asiens ist unter 25 Jahre alt, während es in Europa nur 30 % sind. Vor allem aber: Der Anteil der über 60-jährigen und meist im Ruhestand Lebenden ist in Europa mit 21 % gegenüber 9 % in Asien mehr als doppelt so hoch - angesichts der Renten- und steigenden Gesundheits- und Pflegekosten älterer Menschen eine enorme Belastung in der internationalen Konkurrenz. Das gilt erst recht für Deutschland, wo die Bevölkerung im Jahre 2000 im Durchschnitt knapp 14 Jahre älter war als in Asien und in 10 Jahren nach den Vorrausberechnungen des UN Bevölkerungsprogramms 15 Jahre älter sein wird (siehe Abb. 13007).

Man wird daraus auf die Notwendigkeit schließen müssen, die Geburtenrate durch staatliche Maßnahmen, wie in Frankreich oder den skandinavischen Ländern, wenigstens längerfristig wieder etwas nach oben zu bringen, auch wenn das Statistische Bundesamt eine Verbesserung in seiner Basisprojektion nicht annehmen möchte. Außerdem muß durch hohe und staatlich unterstützte Investitionen in den technischen Fortschritt eine ausreichende Entwicklung der Produktivität erreicht werden, die den Verlust an lastentragenden Erwerbstätigen ausgleichen kann. Einem unfairen Niedrigstkostenwettbewerb aus Asien und anderen Billigstländern wird durch eine Sozialklausel in der Welthandelsorganisation Grenzen zu setzen sein. Deutschland wird solche Maßnahmen nicht allein ergreifen müssen (und können), kann sich aber auf ähnliche Notwendigkeiten in anderen alten Industrieländern einrichten.