1. Die chinesische Sparleistung
Besonders gefährlich sind Flächenbrände, wenn die Brandstifter an mehreren Ecken gleichzeitig antreten. Das ist beim Weltfinanzmarkt geschehen und anders wäre es nicht zu dieser gewaltigen Feuersbrunst gekommen. Ein wichtiger Brandstifter war China. Das Land hatte - auf der Basis der Ausbeutung billigster Arbeitskraft und der Umwelt sowie Währungsmanipulation und verschiedenen Exportsubventionen - mit fast zwei Billionen Dollar die bei Weitem höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und dementsprechend Währungsreserven aufgetürmt, die je in der Welt zusammengesammelt wurden (Abb. 08006, 08028).


Gleichzeitig wurde der private Binnenverbrauch in den Keller gefahren, um diese enorme Sparleistung zusammenzubringen. Der Anteil des privaten Verbrauchs an der Gesamtwirtschaftsleistung (BIP) sank bis 2008 auf kümmerlich 36 % (Abb. 13729).

2. Der Transfer der chinesischen Sparleistung um die Welt
Jetzt haben zwei französische Wirtschaftswissenschaftler Anton Brender und Florence Pisani in einem neuen Buch „Globalised finance and its collapse" das Geheimnis etwas lüften können, wie die gewaltigen chinesischen Ersparnisse (und die einiger anderer Überschußländer) um die Welt verschoben wurden und so das Kreditvolumen und Kreditrisiko unerträglich aufgeblasen haben. Diese Ersparnisse konnten in China nicht mehr angelegt werden, weil die chinesischen Unternehmen Dank billigster Arbeitskraft selbst hohe Profite erzielten und auch zu sparen begannen, statt die Ersparnisse der Haushalte aufzusaugen (Abb. 08175).

Natürlich wollte China die Dollarlawine aus seinen in Dollar gehandelten Exporten nicht in den eigenen Tresoren sterelisieren, weil das keinen Profit gebracht und den Dollarkurs gegenüber der eigenen Währung zum Schaden des chinesischen Exports gewaltig in die Höhe getrieben hätte. Also mußte ein Mechanismus gefunden werden, um die Dollar zurückzuschleusen und in USA risikolos anzulegen, womit gleichzeitig der Außenwert der chinesischen Währung im Vergleich zum Dollar trotz der gewaltigen Überschüsse unten gehalten und der chinesische Export nicht gebremst würde.
Das ging in einem ersten Schritt über den Kauf von amerikanischen Staatspapieren. Kurz vor der Jahrtausendwende begann China, seine Währungsreserven immer mehr in solchen Staatspapieren anzulegen (Abb. 03958). China und HongKong halten mehr als ein Viertel der amerikanischen Staatspapiere und wahrscheinlich für mehr als 900 Mrd Dollar. Nach Schätzungen hält China etwa 65 % seiner Währungsreserven in Dollar-Anlagen (derzeit etwa 1,4 Billionen Dollar). Allerdings mußte soviel zusätzliche Nachfrage den Kurs der Staatspapiere hochtreiben und gleichzeitig - kombiniert mit dem Liquiditätszufluß - das allgemeine Zinsniveau in USA nach unten. Niedrige Zinsen mußten wiederum das Kreditvolumen in der privaten Wirtschaft der USA, z.B. im Immobilienbereich und hier auch die Preise, nach oben jagen und so gewaltige Kreditrisiken schaffen. Hinzu kam, daß bei niedrigen Zinsen viele Spekulanten mit wenig Eigenkapital und hohem Kreditanteil hebeln konnten und so die Risiken weiter hochfuhren.

3. Die Risikoverlagerung bis zum Knall
Doch weder China noch die USA nahmen das Risiko dieser Kreditexplosion auf sich. China wollte nur total risikolos anlegen. Die USA ihrerseits hätten nicht bereit sein können, solche gefährlich ausufernde Kreditrisiken allein zu schultern. An dieser Stelle fanden die amerikanischen Investmentbanken über die Verbriefung und den internationalen Handel mit in USA vergebenen Krediten eine Lösung. Die USA bekamen nun niedrige, die Konjunktur fördernde Zinsen und zugleich - trotz brummender Konjunktur - wegen der chinesischen Billigware niedrige Preise. Die unvermeidbare Kehrseite dieser Entwicklung, nämlich die Ballung gigantischer Kreditrisiken (Abb. 05191), wurde durch deren internationale Verteilung, vor allem nach Europa, angeblich aufgelöst. Bis es eben an dieser und anderen Ecken des Finanzmarktes zum großen Knall kam.

Zur Verteilung des Risikos mußten riesige Ketten von zwischengeschalteten „risk-taker" oder Risikonehmern eingerichtet werden, die diese sekurisierten Forderungen international aufnahmen (Abb. 08176). Anton Brender und Florence Pisani schätzen, daß insgesamt 5 Billionen Dollar Ersparnisse aus China und anderen Schwellenländern weitgehend risikofrei angelegt und dann in hochriskante Kredite an westliche, vor allem amerikanische Haushalte und Unternehmen, verwandelt wurden. Im Ergebnis haben diese Länder eine sichere Anlage für ihre Ersparnisse gefunden, die sie zu Hause nicht gehabt hätten. Doch mußte der Schaden am Ende von deutschen und anderen Steuerzahlern im Wege der Bankenstützung sowie von vielen leichtsinnigen Kapitalanlegern getragen werden.

4. Noch immer steigen die chinesischen Devisenreserven
Leider hat China bisher wenig aus der Krise gelernt. Seine Währungsreserven steigen immer noch weiter. Ein Umschalten auf mehr privaten Binnenkonsum findet nicht statt. Bildlich gesprochen läuft China mit offenem Feuer weiter durch die explosive globale Finanzlandschaft. China hat seine Strategie einseitiger Exportoffensive als Entwicklungsinstrument auch in der Krise nicht aufgegeben (die deutsche Bundesregierung bisher allerdings auch nicht). Die Krise bei vielen Verbrauchern in den Abnehmerländern kommt der Billigware aus China geradezu entgegen. Nach der Meldung der WTO hat China im ersten Halbjahr 2009 Deutschland als „Exportweltmeister" ablösen können.
In der Periode Januar bis Mai 2009 verzeichnete die EU ein Handelsbilanzdefizit von 93 Mrd Euro. Allein 56 Mrd war das Defizit mit China (Abb. 06165).

Mit einem Anteil von 18 % war China mit Abstand das größte Lieferland in die EU, noch vor den USA und dem Öl- und Gaslieferanten Rußland (Abb. 06164). Wenn man nur auf Importe von Industriegütern abstellt, die China fast ausschließlich liefert und die die eigentliche Konkurrenz zur EU-Produktion darstellen, so liegt der chinesische Importanteil in die EU sogar bei 28 %. Dagegen lag der Anteil Chinas an den EU-Industriegüterexporten bei nur 7,1 %.

Auch in Deutschland behaupten sich Chinas Exporte erstaunlich gut. Im ersten Halbjahr 2009 sind sie nur um 4,9 % zurückgefallen, während beispielsweise die Lieferungen aus der EU nach Deutschland um fast das Vierfache, nämlich 17,3 %, einbrachen. Im Verhältnis zu anderen Entwicklungsländern in Asien ist die Stellung Chinas auf der deutschen Einfuhrseite bereits absolut dominierend. Sie erreichte im ersten Halbjahr 2009 das Zweieinhalbfache der Lieferungen aus Indien, Bangladesch, Vietnam,Thailand, Indonesien, Malaysia, Philippinen und Sri Lanka zusammen.
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