Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 05/03/2007 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Die Arbeitschaft in vielen westlichen Industrieländern lebt in Angst, daß sie ihre Jobs an China verlieren könnte oder auf das chinesische Lohnniveau herabsteigen müßte. Die Gefahr ist teilweise real und teilweise nur mit ständigen Verlagerungsdrohungen der Unternehmensleitungen vorgespielt, aber wer weiß das schon? Aus wirtschaftswissenschaftlichen Ecken kommen ähnliche Töne. So predigt der Chef des ifo-Instituts in München Prof. Sinn, wenn immer er die Möglichkeit findet, von der Angleichung der Faktorpreise, mit anderen Worte man müsse sich irgendwo halbwegs zwischen dem deutschen und dem chinesischen Lohnniveau treffen. Zur gleichen Zeit verbreiten die neoliberalen Kräfte, die Forderungen nach Schutz gegen Lohndumping zuvorkommen wollen, die Hoffnung, daß die chinesischen Löhne wie einst in Japan oder Korea in relativ kurzen Zeiträumen die Wettbewerbsfähigkeit Chinas reduzieren würden.
Zunächst einmal wird die soziale Situation in China immer ungleicher. Nach einem neuen Bericht der Chinese Academy of Social Sciences ist der Gini-Koeffzient, bei dem die Ziffer 1 maximale Ungleichheit ausdrückt, in 2006 auf 0,496 gestiegen, ein erheblich höherer Wert als in USA und knapp unter Brasilien (Abb. 07103).

Besonders schlecht ist es um den sozialen Status der Landbevölkerung bestellt, die mit 780 Millionen der 1,3 Milliarden Menschen die industrielle Reservearmee des Landes abgibt. Nach offiziellen chinesischen Angaben leben 26 Millionen selbst für chinesische Verhältnisse in absoluter Armut. Die Landbevölkerung insgesamt lebt auf dem Niveau der chinesischen Stadtbevölkerung von vor 15 Jahren. Nur 10 % der Landbevölkerung hat beispielsweise eine medizinische Versorgung (42 % in den Städten). Andererseits: Vor fünf Jahren tauchten die ersten Dollar-Millionäre aus China in den Listen der Reichen auf. Inzwischen gibt es in der neuesten Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt schon sieben Dollar-Milliardäre aus China.
Diese riesige Reservearmee der Landbevölkerung und Wanderarbeitnehmer sorgt dafür, daß die chinesischen Löhne noch für sehr lange Zeiten, anders als seinerzeit in Japan und Korea, niedrig bleiben werden. Der Unterschied in der Einkommensentwicklung zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist gewaltig (Abb. 08080). Die offiziellen Lohnstatistiken decken nicht den informellen Sektor ab, in dem ein grosser Teil der Unteraufträge der Exporteure landet und in dem die Löhne sehr viel langsamer steigen.

Nach einer Studie im Auftrag des US Department of Labor vom November 2005 liegt der durchschnittliche Studenlohn in der gewerblichen Wirtschaft im ländlichen Bereich, in dem die Masse der Unternehmen angesiedelt ist, bei umgerechnet 0,41 $ oder dreißigmal weniger als z.B. ein Facharbeiter in der deutschen Textilindustrie verdient (Abb. 08085).

Die Löhne haben sich in letzter Zeit sehr verhalten entwickelt, von einigen Geschäftszentren abgesehen. Dazu trägt auch das Streikverbot und die begrenzte Rolle der Gewerkschaften bei. Nach einemBericht von Dale Wen (Wie China die Globalisierung bewältigt, in der Schriftenreihe des Asienhauses von 2005) erhalten besonders in den Sonderwirtschaftszonen der Küstenregionen, wo die meisten der ausländischen Konzerne ihre Geschäfte betreiben, chinesische Arbeiter im Vergleich mit der Situation vor zehn Jahren inzwischen niedrigere Löhne (gemessen an der Kaufkraft) und weniger Sozialleistungen. Sie haben auch längere Arbeitszeiten, zunehmend Arbeitsunfälle und andere mit ihrer Lage zusammenhängende Probleme. Es wird geschätzt, dass alle Wanderarbeiter zusammen genommen einen Anspruch auf eine Summe von mindestens 100 Milliarden Yuan (etwa 12 Milliarden US-Dollar) an ausstehenden Löhnen haben. Die Löhne werden oft auf Monate und Jahre hinaus nicht ausbezahlt.
Trotz Chinas Wirtschaftswachstum verschlechtern sich dem Wen-Bericht zufolge die Lebensbedingungen der Wanderarbeiter kontinuierlich. Noch vor einem Jahrzehnt konnte sich ein Wanderarbeiter, der im chinesischen Süden in einer Fabrik arbeitete, darauf einstellen, im Jahr etwa 5.000 Yuan zu verdienen. In den vergangenen 12 Jahren aber haben sich einer Studie von 2004 zufolge die Monatslöhne der Fabrikarbeiter um nur die winzige Summe von 68 Yuan erhöht. Die Preise für Reis, Schweinefleisch und viele andere Grundnahrungsmittel jedoch haben sich inzwischen verdreifacht, so dass das Realeinkommen faktisch deutlich gesunken ist.
In dem Maße, in dem das soziale Sicherungsnetz für die Beschäftigten des öffentlichen Sektors über die vergangenen 20 Jahre erodierte, sahen private Firmen auch weniger Gründe, ihren Beschäftigten entsprechende Leistungen zu bieten. Der Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen wurde durch die Krise des ländlichen China noch verschärft. Bei vielen Millionen Armen vom Lande wie aus den Städten, die verzweifelt nach Arbeit suchten, sanken die Reallöhne, und die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich für den durchschnittlichen Beschäftigten in vielen Firmen in privatem und ausländischem Besitz kontinuierlich.
Das Perlflussdelta war seinerzeit die erste der Sonderwirtschaftszonen und ist Ursprung von einem Drittel des chinesischen Exports. Diese Region ist bekannt für die schlechtesten Arbeitsbedingungen im ganzen Land. Eine Untersuchung von 24 Städten brachte zutage, dass in Dongguan, einem größeren Fabrikationszentrum im Perlflussdelta, die Einstiegslöhne um 16,8 Prozent niedriger liegen als der Durchschnitt für alle 24 Städte. 2003 stellte eine Felduntersuchung im Perlflussdelta fest, dass Unternehmen mit ausländischen Investitionen für 26 Prozent aller Verletzungen durch Arbeitsunfälle in diesem Gebiet verantwortlich waren und Privatunternehmen (die meisten sind Zulieferer und Geschäftspartner von multinationalen Konzernen) für 53,9 Prozent. Im Gegensatz dazu verzeichneten Staatsunternehmen und Kollektivbetriebe nur 3,5 Prozent bzw. 1,9 Prozent der Verletzungen.
Da die Löhne nach einer Untersuchung der Weltbank seit Jahren geringer steigen als die Produktivität, hat China durch Lohnsteigerungen nichts an seiner Wettbewerbsfähigkeit verloren (Abb. 08086). Auch ist der Lohnanteil am Bruttoinlandsprodukt immer mehr gefallen (Abb. 08087).


Ebenso bedrückend sind die Umweltverhältnisse bei Luft und Wasser. Die Arbeitsschutzstandards sind oft äußerst lax; in dem in dieser Hinsicht besonders berüchtigten Kohlebergbau starben allein im 1. Halbjahr 2005 der Nachrichtenagentur Xinhua zufolge 2700 Arbeiter, und diese Unglücksserie reißt leider nicht ab.
Die Lohndifferenzen zwischen normalen Arbeitern und den technischen Kadern sind sehr hoch. Z.B. werden Frauenlöhnen von umgerechnet 70 bis 90 Euro pro Monat verzeichnet (als Beispiel siehe "Das Geheimnis der chinesischen Puppe", Abb. 08011). Der chinesische Mindestlohn liegt bei umgerechnet nur 55 Euro pro Monat. Auch der durchschnittliche Monatslohn bei ausländischen Unternehmen von 155 Euro verspricht selbst bei geringerer Produktivität enorme Vorteile gegenüber den in Deutschland üblichen Arbeitskosten. Nach einer Untersuchung der Managementberatung Hewitt Associates liegt dagegen das Jahresgesamtgehalt von Ingenieuren in der Automobilindustrie lzwischen umgerechnet 8.091 Euro für einen Werkzeugingenieur im Formenbau und durchschnittlich 24.291 Euro für einen Prozessmanager. In der chemischen Industrie hat ein Ingenieur für Produktentwicklung mit durchschnittlich 6.859 Euro das niedrigste Jahresgehalt, während der Engineering Manager mit 27.047 Euro das Spitzengehalt erhält. In der Hightech-Industrie bewegen sich die Jahresgesamtgehälter im Durchschnitt zwischen den 7.285 Euro eines Qualitätsingenieurs und den 20.406 Euro eines Leiters in der Netzwerktechnik oder Anwenderunterstützung.

Bedrückend ist, daß gerade namhafte westliche Unternehmen, darunter auch die in der Europäischen Handelskammer in China vertretenen, mit einem Rückzug ihres Engagements in China drohen, falls es zu einer Verabschiedung des neuen chinesischen Arbeitsgesetzes kommen sollte. Schwach genug und jenseits selbst minimaler Standards, wie sie die ILO-Konventionen darstellen, formuliert, würde die für Ende 2006 angekündigte Reform des Arbeitsrechts dennoch eine deutliche Verbesserung für die Lohnabhängigen gegenüber dem seit 1995 geltenden Gesetzeswerk bedeuten. Das ist zu viel für die Fortschrittsmotoren des zivilisierten Westens.
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