Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 07/03/2007 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
I. China Lokomotive der Weltwirtschaft
China ist innerhalb kürzester Zeit zu einem "global player" geworden und ist damit ein interessanter Partner für den deutschen Export, aber zugleich zunehmend auch ein Konkurrent. Mit seit vielen Jahren durchschnittlich mehr oder weniger zweistelligen Wachstumsraten (Abb. 08017) verdoppelt sich die Wirtschaftsleistung alle sieben Jahre. Die Industrieproduktion wächst seit fünf Jahren jedes Jahr zwischen 16 % und 17 % (Abb. 08088), was zu einer Verdoppelung in jeweils vier bis fünf Jahren führt. Die Bruttoanlageninvestitionen wachsen ähnlich stark (Abb. 08089).



China hat Deutschland nach Wirtschaftskraft bereits als drittgrößtes Land abgelöst und kann Nach Projektionen von Goldman Sachs um das Jahr 2040 auch die USA abhängen (Abb. 08019).

In Kaufkraft ausgedrückt bestritt China in den vergangenen drei Jahren etwa ein Drittel des Wachstums der Weltwirtschaft und etwa 60 Prozent des Zuwachses an weltweitem Investitionsvolumen. Der Bauboom hat den Zementverbrauch auf fast die Hälfte dessen in der ganzen Welt hochschnellen lassen. Zum Beispiel werden 70 % aller Spielsachen, 60 % aller Fahrräder, zwei Drittel aller Photokopierer, Mikrowellenöfen, DVD-Spieler und Schuhe, mehr als die Hälfte aller digitalen Kameras, die Hälfte aller PCs, 35 % aller Mobiltelephone, und 30 % aller Fernseher heute in China gefertigt. Nach Einschätzungen der deutschen Automobilindustrie wurden in China im ersten Halbjahr 2005 erstmals mehr Personen- und Nutzfahrzeuge gebaut werden als in Deutschland und wird China Deutschland auf den vierten Rang der Automobilhersteller verdrängen. Im Juni 2005 wurde eine erste Ladung mit 150 Pkw des von Honda in China gefertigten Billig-Modells Jazz nach Deutschland verschifft, aber der eigentliche Angriff auf den Weltautomobilmarkt steht noch bevor. Das größte Handelshaus der Welt, der amerikanische Wall-Mart-Konzern, bezieht inzwischen mehr als 70 % seines Sortiments aus China.
Schon 2004 hat China die USA vom ersten Weltrang der Exporteure von Produkten der Informations- und Kommunikationstechnik wie Mobiltelefone, tragbare Computer und digitale Photoapparate, also einer ausgesprochenen Zukunftsbranche, verdrängt (Abb. 13044). Unter den jährlich von Fortune als Globe500 gelisteten Top-Unternehmen der Welt befanden sich 2006 bereits 20 chinesische.

Bei der KfZ-Produktion ist China bereits an Deutschland vorbeigezogen und powert in 2006 (1. HJ) mit einer Zuwachsrate bei PKW von 40 % vorran (Abb. 08074).

Ausländische Investoren treffen nach dem Trade and Development Report der UNCTAD nicht nur auf billige und gutausgebildete Arbeitskräfte sondern erhebliche Steuervorteile im Vergleich zu chinesischen Unternehmen, die 33 % an Gewinnsteuer zu entrichten haben, während ausländische erst im dritten Jahr mit 7,5 % anfangen, die nach 6 Jahren auf nur 15 % steigen.
II. Sozialverhältnisse als neoliberales Manchestertum und Sprungbrett für Dumping
Chinas Bevölkerung hat sich von 1960 bis heute auf 1,3 Mrd Menschen verdoppelt (Abb.08030). Daß gleichzeitig der Hunger beseitigt und viele Grundbedürfnisse trotz noch weit verbreiteter Armut gedeckt werden konnte, war ein enormer Erfolg. Allerdings verharren die Sozialverhältnisse mangels gewerkschaftlicher Gegenmacht auf niedrigstem Niveau. Streiks sind verboten. Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer weiter in China. Zu einer ausführlichen Darstellung siehe neuen Schwerpunkt China: Läßt die Lohndifferenz (und das Lohndumping) nach?

III. Manipulative Unterbewertung der Währung
Außerdem profitiert der chinesische Export von
einer erheblichen Unterbewertung der chinesischen Währung, weil China ungeachtet der hohen Überschüsse und Währungsreserven die feste Bindung an den Dollar (selbst bei dessen
Abwertung seit 2001) bis zum Juli 2005 beibehalten und dann nur um 2,1 % aufgewertet hat (siehe 08026 und 13257). Trotz der enormen Armut
eines großen Teils seiner Bevölkerung hat China in den Jahren 2003 und 2004 und steigend in 2005 nicht weniger als 12 % seines BIP
für einseitige Interventionen am Devisenmarkt zur Verhinderung der notwendigen Aufwertung seiner Währung eingesetzt.
Der US Senat hat wegen der chinesischen Währungspolitik bereits einen Gesetzesentwurf passieren lassen, der Strafzölle
in Höhe von 27,5 % androht.
Der kometenhafte Aufstieg der Volksrepublik China in die Spitzengruppe der Exportländer liefert ein beredtes Beispiel
für die Wirkung niedrigster Löhne und Abgaben, sonst schlechter Sozialverhältnisse,
stark unterbewerteter Währung sowie mangelnden Umweltschutzes (siehe 0801 und 08001). Im Jahr 2006
wuchs der chinesische Export erneut um fast ein Drittel.
Hatte China 1980 einen Export, der nur 9 % des deutschen entsprach, so waren es im Jahre 2006 bereits 86,3 % (siehe 0802). Dabei fällt auf, wie viel schneller China seine Exporte in die Europäische
Union, gemessen an seinen Importen von dort, entwickeln konnte (siehe 08005); der chinesische Überschuß schoß 2006 auf 133 Mrd Euro hoch.
Die Süddeutsche Zeitung
berichtete im Dezember 2004 über einen neuerlichen Chinabesuch des Bundeskanzlers mit großer Wirtschaftsdelegation. Der Bundeskanzler wurde mit den beruhigenden Worten zitiert:
„Investitionen in China sichern auch Arbeitsplätze in Deutschland". Der Koordinator des Asien-Pazifik Ausschusses der Deutschen Wirtschaft Strack dagegen meinte: „Noch gehen wir
davon aus, daß der Handel mit China zusätzliche Arbeitsplätze schafft. Wir wissen nur nicht, wie lange noch".
Bereits jetzt hat sich der Hunger der Chinesen nach deutschen Maschinen, an den so viele Hoffnungen
geknüpft werden, mit einem Rückgang des deutschen Maschinenexports um mehr als 2,5 % in 2006 abgekühlt, zumal China nun viele der Ausrüstungen in ausreichender
Qualität und dabei wesentlich billiger selbst herstellen kann.
Der große Exporterfolg Chinas geht in erster Linie auf ausländische Investitionen zurück. Mehr als die Hälfte der chinesischen Exporte werden von ausländischen
Unternehmen vorgenommen, im Bereich moderner Technologie sogar fast 90 %. Dementsprechend stark ist der Zufluß ausländischer Investitionen (siehe unten).
In den USA macht das Wort vom „China Price" die Runde: „Gib 30 Prozent nach oder verliere Deinen Kunden an die chinesische Konkurrenz". Hierin lag eine der Hauptursachen, warum in den USA
seit 2000 bereits 2,7 Millionen Industriearbeitsplätze verloren gegangen sind, davon seit 1989 mehr als 1,5 Millionen durch Verlagerung nach China (US-China Economic and Security Commission).
Das Besondere an dieser Konkurrenz ist, daß sie anders als nach dem Lehrbuch der komparativen Kostenvorteile und anders als in der Geschichte des internationalen Handels gleichzeitig
überall zuschlägt und gewinnt, in niedrigwertiger Arbeit, aber auch am High-tech-Ende. Jedes Jahr kommen an die 350.000 neu ausgebildete Ingenieure hinzu. Dabei verfolgt China eine strikte Strategie zur Stärkung seiner eigenen künftigen
Technologie-Exporte, indem es im Gegenzug zur Öffnung des chinesischen Marktes von ausländischen Unternehmen die Errichtung von F+E-Zentren in China verlangt. Nach Wolfgang Hirn in
"Herausforderung China" haben sich schon rund 400 der 500 größten Unternehmen der Welt (Auto-, Elektronik-, Pharma- oder Telekommunikationsfirmen) in diesem Sinne "erpressen" lassen, ohne
die längerfristigen Folgen zu bedenken. Zudem erlaubt der einmalig große Heimatmarkt den Chinesen eine unerreichbare „economy of scale", d. h. Kostenvorteile wegen der schieren
Größe der Produktionsserien. Zahlreiche in erster Linie amerikanische Unternehmen erzielen durch Produktionsverlagerung nach China gegenwärtig reiche Profite zu Lasten amerikanischer
Arbeitsplätze - ein Trend, der sich auch bei deutschen Unternehmen entsprechend anbahnt. Das Eigeninteresse dieser US und anderer internationaler Unternehmen schützt dann auch noch China
politisch nicht selten vor sonst unvermeidbaren Sanktionen gegen unfaire Handelspraktiken.
Der enorme Investitionsboom schafft zusätztliche Anreize zum Dumping von Waren auf fremden Märkten. China hat
derzeit die höchste Sparquote der Welt; bei den Haushalten etwa 16 % des Bruttoinlandsprodukts gegenüber rund 7 % für
Deutschland. Wenn die Investitionen zu Überschußkapazitäten - wie oft unvermeidbar - führen, wird es für die Regierung zwingend, die
Währung künstlich niedrig zu halten und finanzielle Anreize zum Export zu schaffen, so
Andy Xie von Morgan Stanley in Hongkong in der Financial Times vom 8. 9. 05. Tatsächlich
verfügt China als Folge des besonderen, kreditfinanzierten Booms der Jahre 2003 und 2004
über enorme Downstream-Kapazitäten, die von der Binnennachfrage bisher nicht
ausreichend in Anspruch genommen werden.
Die chinesische Leistungsbilanz im Außenwirtschaftsverkehr ist 2007 auf ein Plus von fast 12 % des Bruttoinlandsprodukts hochgesprungen (siehe 08006). China hat die weltgrößten Währungsreserven angehäuft (Abb.
08028). Dies ist alles sehr ungewöhnlich, denn eigentlich müßte ein Land auf dem Entwicklungsstand von China eine negative Handelsbilanz haben, die es nach Entwicklungsfortschritten
ausgleichen würde.
Chinesischer Kapitalmarkt und Wechselkurs werden eng kontrolliert; Streiks unterdrückt. Bisher noch können gegenüber Billigstimporten aus
China Antidumping-Zölle auf der Basis eines Vergleichs chinesischer Preise mit denen anderer Schwellenländer, wie Indien, angewandt werden. Tatsächlich sind die meisten der
Antidumping-Zölle der Europäischen Union und der USA gegen China gerichtet. Jedoch kämpft China um die Anerkennung als Land mit Marktwirtschaft, und hat dies in mehreren Ländern
Asiens und Lateinamerikas, wie Brasilien und Argentinien, bereits erreicht. Erstmals hat die britische Regierung durch ihren Handelsminister 2005 die EU aufgefordert, China den Marktwirtschaftsstatus
einzuräumen. Sollte China dies erreichen, und früher oder später wird es soweit sein, können Antidumping-Maßnahmen zum Schutz gegen chinesische Billigstimporte nur noch
ergriffen werden, wenn die Preise und Kosten des chinesischen Exporteurs unter den allgemein in China üblichen Preisen und Kosten liegen - ein sehr schwer zu führender Beweis.
Zwar können sich die entwickelten Industrieländer in China billig versorgen und Exporte aufbauen. Es gibt aber
auch negative Folgen. China schädigt seine Handelspartner in den entwickelten Industrieländern nicht nur über die
Verdrängung der dortigen Beschäftigung durch Billigstimporte, da diese unmöglich mit dem chinesischen Sozialniveau und manipuliertem Wechselkurs, kombiniert mit dem riesigen chinesischen Binnenmarkt, konkurrieren
können. Das Riesenland kauft für seine eigene Entwicklung immer mehr der weltweiten Vorräte an Öl und anderen Rohstoffen auf und treibt so deren Preise hoch, was natürlich sein Recht ist. Etwa ein Drittel der
zusätzlichen jährlichen Nachfrage nach Öl geht auf chinesisches Konto. China muß bereits 40 % seines Ölbedarfs importieren - nach den USA schon die Nummer 2 im weltweiten
Ölimport - und in etwa 15 Jahren werden es 80 % des dann steil weiter gestiegenen Bedarfs sein. Der IWF erwartet, daß in China schon in 2030 mehr KfZ als in USA fahren werden. Z. Zt. ist
in China der Benzinverbrauch so stark subventioniert, daß sein Preis sogar noch unter dem vom Rohöl liegt, und Fahrzeuge chinesischer Technik verbrauchen 20 % bis 30 % mehr als
ausländische Modelle. Wegen sehr schlechter Energieeffizienz braucht Chinas Industrie für dieselbe Produktion dreimal mehr Energie als in Europa.
Zur Rolle Chinas beim Treibhauseffekt siehe Schwerpunkt "Weltklima und China-Syndrom".
Steigende Rohstoffpreise setzen die Industrien und Sozialgesellschaften in den
entwickelten Industrieländern (und natürlich erst recht in den rohstoffarmen Entwicklungsländern) unter zusätzlichen Druck.
Sie schwächen damit deren Binnenmärkte, während chinesische Billigprodukte von außen angreifen.
Die überwiegende Meinung in Deutschland - anders als z.B. in Frankreich oder USA - macht sich wegen der chinesischen Konkurrenz noch keine Sorgen. Das kommt auch von dem stets vermittelten
Eindruck eines riesigen Absatzmarktes für deutsche Waren mit ständiger Aufwärtsentwicklung des deutschen Exports, obwohl jedenfalls letzteres schon nicht mehr den Fakten entspricht.
Auch hält man China nur für ein anderes Japan. Damals ist zwar in den 70er Jahren die deutsche Fernseh-, Phono- und Photoindustrie kaputt gegangen, aber schließlich konnte die
Entwicklung mit mehr Werkzeugmaschinen und Kraftfahrzeugen "Made in Germany" aufgefangen werden. Doch drei Umstände sind grundsätzlich anders.
Erstens geht es um 1,3 Mrd Menschen - etwa
13mal mehr, als Japan in den 70er Jahren hatte. Die Schubkraft, die auf den Weltmarkt drängt (noch dazu parallel zu dem anderen Bevölkerungskoloss Indien), ist dementsprechend am Ende dramatisch größer. Davon sind etwa 60 % arme
Landbevölkerung, die als Reservearmee zu niedrigsten Konditionen noch für viele Jahrzente zur Verfügung stehen wird. Dagegen war in Japan bei Vollbeschäftigung das Lohnniveau
schon nach etwa 20 Jahren auf dem europäischen Niveau und damit der künstliche Wettbewerbsvorteil beendet.
Zweitens hat Japan immer Wert auf eine sozial ausgeglichene Gesellschaft gelegt,
die auch heute unter den Industrieländern die geringsten sozialen Gegensätze hat. In China ist dagegen in einem neokapitalistischen System die Ausbeutung ohne Schutz durch Gewerkschaften
oder andere gesellschaftliche Gegenkräfte System. Streiks sind verboten. Diese Situation führt direkt in den unfairen Wettbewerb. Er wird noch - anders als seinerzeit bei Japan, das auf
eigene Kräfte bauen mußte - durch eine enorme finanzielle und politische Unterstützung ausländischer Multis und Handelsunternehmen in der derzeitigen neoliberalen Globalisierung
befördert. China kann daher sehr schnell alle Stufen der technologischen Entwicklung überspringen und auch in den Wettbewerb bei hochtechnologischen Gütern einsteigen.
Drittens ist
heute, anders als seinerzeit, durch Computer- und Internetkommunikation, schnelle Langstreckenjets und rotierende Finanzmärkte die Welt zusammengeschrumpft und der Wettbewerb selbst bei
großen Distanzen enorm erleichtert.
Sollte China z.B. bei preisgünstigen Fahrzeugen oder computergesteuerten Werkzeugmaschinen demnächst auf den Weltmärkten loslegen, so wird
sich das für das exportabhängige Deutschland noch viel dramatischer als damals bei Japan bemerkbar machen.
Im Spiegel-Interview vom September 2005 äußert sich der Nobelpreisträger und Mentor der Theorie zum internationalen Handel Paul Samuelsen über die Risiken der Globalisierung: „Ich glaube,
daß sich in der globalen Welt bei der Einkommensverteilung die Trennung zwischen der oberen Hälfte und der unteren verschärft. Die Globalisierung gibt uns zusätzlichen Wohlstand,
aber sie bringt uns ebenso zusätzliche Unsicherheit, Spannungen und ein erhöhtes Maß an Ungleichheit. Vielleicht sollten wir den Prozess ein wenig bremsen..." Und dann zu China:
„China ist der 800 Pfund schwere Gorilla, der mitten im Wohnzimmer steht."
Früher oder später und eher früher wird der Punkt erreicht sein, von dem an Deutschland und andere entwickelte Industrieländer
ihre Gesellschaftsordnungen für eine längere Zeit nur noch mit Schutzmaßnahmen gegen unfairen Wettbewerb aus China
werden schützen können, jedenfall um die Mindestzeit für einen sozialverträglichen Anpassungsprozeß zu finden
(falls es denn den überhaupt gibt). Das hat mit dem Schimpfwort vom Protektionismus wenig zu tun,
dafür aber umso mehr mit der berechtigten Wahrnehmung legitimer Interessen. Die neoliberal propagierte totale und globale Freiheit der Märkte ist nicht die Norm sondern erst das Ergebnis beschränkender
staatlicher Eingriffe in einen Naturzustand jeder menschlichen Gesellschaft, nämlich in die normalen menschlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Kontrolle über wirtschaftliche
Risiken.


IV. Exportweltmeister "in waiting"




V. "China Price"
VI. Leistungsbilanz und Devisenreserven


VII. Keine Marktwirtschaft
VIII. Folgen für die entwickelten Industrieländer
IX. Protektionismus oder Schutz legitimer Interessen?
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