Informationsportal Deutschland & Globalisierung


Von http://www.jjahnke.net/China.html, Version 04.02.09

I. China Lokomotive der Weltwirtschaft (bis zur Weltwirtschaftskrise)

Mit über viele Jahre zweistelligen Wachstumsraten (Abb. 08017) ist China innerhalb kürzester Zeit zu einem "global player" geworden und ist damit ein interessanter Partner für den deutschen Export, aber zugleich zunehmend auch ein Konkurrent. Die Industrieproduktion wuchs mehrere Jahre lang zweistellig (Abb. 08088). Die Bruttoanlageninvestitionen wachsen ähnlich stark (Abb. 08089).




China hat Deutschland nach Wirtschaftskraft bereits als drittgrößtes Land abgelöst und kann nach Projektionen von Goldman Sachs um das Jahr 2040 auch die USA abhängen (Abb. 08019). Solche Projektionen sind jedoch wegen der großen Exportabhängigkeit des Landes und der derzeitigen Weltwirtschaftskrise unsicher.


In Kaufkraft ausgedrückt bestritt China in den vergangenen Jahren etwa ein Drittel des Wachstums der Weltwirtschaft und etwa 60 Prozent des Zuwachses an weltweitem Investitionsvolumen. Der Bauboom hat den Zementverbrauch auf fast die Hälfte dessen in der ganzen Welt hochschnellen lassen. Zum Beispiel werden 70 % aller Spielsachen, 60 % aller Fahrräder, zwei Drittel aller Photokopierer, Mikrowellenöfen, DVD-Spieler und Schuhe, mehr als die Hälfte aller digitalen Kameras, die Hälfte aller PCs, 35 % aller Mobiltelephone, und 30 % aller Fernseher heute in China gefertigt. Das größte Handelshaus der Welt, der amerikanische Wall-Mart-Konzern, bezieht inzwischen mehr als 70 % seines Sortiments aus China.

Schon 2004 hat China die USA vom ersten Weltrang der Exporteure von Produkten der Informations- und Kommunikationstechnik wie Mobiltelefone, tragbare Computer und digitale Photoapparate, also einer ausgesprochenen Zukunftsbranche, verdrängt (Abb. 13044).


Bei der KfZ-Produktion ist China bereits 2007 an Deutschland vorbeigezogen und ist nun fast auf dem Niveau der USA, wenn nicht wegen der Krise auf dem amerikanischen Markt schon an den USA vorbei (Abb. 08074).


Ausländische Investoren treffen nach dem Trade and Development Report der UNCTAD nicht nur auf billige und gutausgebildete Arbeitskräfte sondern erhebliche Steuervorteile im Vergleich zu chinesischen Unternehmen, die 33 % an Gewinnsteuer zu entrichten haben, während ausländische erst im dritten Jahr mit 7,5 % anfangen, die nach 6 Jahren auf nur 15 % steigen.

II. China in der Weltwirtschaftskrise

Die exportorientierte chinesische Wirtschaft ist vom weltweiten Einbruch der Nachfrage stark betroffen. Der Export, der noch in den vorangegangenen Monaten hohe zweistellige Wachstumsraten erreichte, hat in steilem Absturz seit November 2008 auf Schrumpfung geschaltet (Abb. 08160). Bei den Importen ist China noch stärker auf die Bremsen gegangen, wobei auch die fallenden Rohstoffpreise mitspielen (Abb. 08161).



China versucht bereits seit Monaten, seine Exporte von USA nach Europa umzulenken, da der amerikanische Verbraucher stärker als der europäische zurückhalten muß und China bei der EU mit weniger Gegenmaßnahmen rechnet als bei den USA. Die EU hat so die USA als wichtigster Absatzmarkt für chinesische Waren überholt. In den bis jetzt bekannt gegebenen ersten 10 Monaten 2008 konnte China seinen Export in die EU doppelt so stark, seinen Exportüberschuß sogar dreimal so stark steigern als mit den USA (Abb. 08159). Wenn die chinesische Führung an gegenseitige Hilfe denkt, so dürfte sie vor allem an ihre eigenen Exporte nach Europa und Deutschland denken.


Mit dem jetzt vom Internationalen Währungsfonds für 2009 erwarteten Wachstum von 6,7 % (Abb. 13667, 13546) steigt in China die Arbeitslosigkeit und wird soziale Unruhe wahrscheinlich.



Tausende Fabriken mussten schon schließen. Das trifft besonders die 130 Millionen starke Armee der ziemlich rechtlosen und ausgebeuteten Wanderarbeitnehmer, die in den städtischen Regionen nicht registiert werden dürfen. Im Zuge des Abschwungs hätten gut 15 Prozent ihre Arbeit verloren oder keine Beschäftigung gefunden, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter für ländliche Entwicklung am Montag in Peking. Nach offiziellen Angaben haben derzeit rund 20 Millionen Wanderarbeiter keinen Job. Im vergangenen Monat hatte die chinesische Statistikbehörde die Zahl der unbeschäftigten Wanderarbeiter noch auf sechs Millionen beziffert, was die Rasanz dieser Entwicklung zeigt. In den ländlichen Regionen Chinas sollen nach Schätzungen zwischen 750 und 900 Millionen Menschen arbeiten. Die Entwicklung in ländlichen Gebieten, in denen wegen der niedrigen Löhne auch das Gros der Exportindustrie angesiedelt ist, wird nach Ansicht der Regierung schon für „sehr bedrohlich" gehalten.

In der Folge der Exportschwäche und zunehmenden Arbeitslosigkeit fallen die ohnehin niedrigen chinesischen Löhne (siehe III.) weiter und drosseln damit zusätzlich die Binnenkaufkraft. Streikverbot und das Fehlen unabhängiger Gewerkschaften kommen hinzu. Das chinesische Lohndumping auf den Weltmärkten wird also in der Krise noch zunehmen.

III. Sozialverhältnisse als neoliberales Manchestertum und Sprungbrett für Dumping

Chinas Bevölkerung hat sich von 1960 bis heute auf mehr als 1,3 Mrd Menschen verdoppelt (Abb.08030). Daß gleichzeitig der Hunger beseitigt und viele Grundbedürfnisse trotz noch weit verbreiteter Armut gedeckt werden konnte, war ein enormer Erfolg. Allerdings verharren die Sozialverhältnisse mangels gewerkschaftlicher Gegenmacht und Streikverbots auf niedrigstem Niveau. Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer weiter in China.


Nach einem Bericht der Chinese Academy of Social Sciences ist der Gini-Koeffzient, bei dem die Ziffer 1 maximale Ungleichheit ausdrückt, in 2006 auf 0,496 gestiegen, ein erheblich höherer Wert als in USA und knapp unter Brasilien (Abb. 07103).


Besonders schlecht ist es um den sozialen Status der Landbevölkerung bestellt, die mit 780 Millionen der 1,3 Milliarden Menschen die industrielle Reservearmee des Landes abgibt. Nach offiziellen chinesischen Angaben leben 26 Millionen selbst für chinesische Verhältnisse in absoluter Armut. Die Landbevölkerung insgesamt lebt auf dem Niveau der chinesischen Stadtbevölkerung von vor 15 Jahren. Nur 10 % der Landbevölkerung hat beispielsweise eine medizinische Versorgung (42 % in den Städten).

Der Unterschied in der Einkommensentwicklung zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist gewaltig (Abb. 08080). Die offiziellen Lohnstatistiken decken nicht den informellen Sektor ab, in dem ein grosser Teil der Unteraufträge der Exporteure landet und in dem die Löhne sehr viel langsamer steigen. Nach einer Studie im Auftrag des US Department of Labor vom November 2005 liegt der durchschnittliche Studenlohn in der gewerblichen Wirtschaft im ländlichen Bereich, in dem die Masse der Unternehmen angesiedelt ist, bei umgerechnet 0,41 $ oder dreißigmal weniger als z.B. ein Facharbeiter in der deutschen Textilindustrie verdient (Abb. 08085).



Da die Löhne nach einer Untersuchung der Weltbank seit Jahren geringer steigen als die Produktivität, hat China durch Lohnsteigerungen nichts an seiner Wettbewerbsfähigkeit verloren (Abb. 08086). Auch ist der Lohnanteil am Bruttoinlandsprodukt immer mehr gefallen (Abb. 08087).



Andererseits: Vor fünf Jahren tauchten die ersten Dollar-Millionäre aus China in den Listen der Reichen auf. Inzwischen gibt es in der neuesten Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt schon sieben Dollar-Milliardäre aus China. Die Zahl der Dollar-Millionäre wächst im Jahresdurchschnitt um 15 % und damit um die Hälfte schneller als die chinesische Volkswirtschaft insgesamt. Doch nun hat China alle Chancen, sich an Brasilien vorbei an die Spitze der Liga in Ungleichheit zu setzen. Zwischen dem untersten und dem obersten Fünftel der Einkommensbezieher klafft schon ein Graben von 1 zu 12 (zum Vergleich: Japan 1: 2,3 - siehe Abb. 13341).


Seit Deng Xiaoping in den 80er Jahren erklärte: „Laßt erst mal einige Leute reich werden", ist China immer kapitalistischer geworden. Heute gibt es in keinem Land der Welt, außer USA, so viele Milliardäre wie in China. Die Hurun Rich List für 2007 zählt davon 106 (gegenüber nur 15 im Vorjahr) mit einem Gesamtvermögen von 243 Milliarden Dollar, außerdem 800 Millionäre mit je mehr als 100 Millionen Dollar und durchschnittlich einer halben Milliarde Dollar. Ein Drittel der 800 gehören der Partei an, 38 sind sogar im Nationalen Parlament vertreten.

IV. Manipulative Unterbewertung der Währung

China hat seit vielen Jahren den Wechselkurs des Renmimbi trotz stark steigender Leistungsbilanzüberschüsse eng an den Kurs des Dollars angebunden und damit unterbewertet. Erst im Juli 2005 wurde eine in Bandbreiten begrenzte Flexibilität eingeführt. Entsprechende Aufwertungen gegenüber dem vor allem zu Beginn der globalen Finanzkrise im August 2007 abstürzenden Dollar hielten dann bis zum Juli 2008 an. Seitdem wertet der Renmimbi nicht mehr gegenüber dem Dollar auf und sinkt in diesem Jahr sogar leicht ab (Abb. 08158). Nun besteht die Gefahr, daß China seine Währung benutzt, um in der Krise auf den Absatzmärkten den eigenen Exporteinbruch abzufedern und damit Märkte von den Konkurrenten zu übernehmen.


Trotz der enormen Armut eines großen Teils seiner Bevölkerung hat China immer wieder hohe Anteile (teilweise zweistellige Prozente) seines BIP für einseitige Interventionen am Devisenmarkt zur Verhinderung der Aufwertung seiner Währung eingesetzt. Der US Senat hat wegen der chinesischen Währungspolitik bereits einen Gesetzesentwurf passieren lassen, der Strafzölle in Höhe von 27,5 % androht. Jetzt erklärte der neue amerikanische Finanzminister Geithner vor dem Finanzkommittee: "Präsident Obama - unterstützt von den Schlußfolgerungen einer breiten Gruppe von Ökonomen - glaubt, daß China seine Währung manipuliert. Das neue Wirtschaftsteam wird eine integrierte Strategie entwickeln, wie am besten Neuordnungen der Währungsrelationen in dem gegenwärtigen wirtschaftlichen Umfeld erreicht werden können".

V. Exportweltmeister "in waiting"

Der kometenhafte Aufstieg der Volksrepublik China in die Spitzengruppe der Exportländer liefert ein beredtes Beispiel für die Wirkung niedrigster Löhne und Abgaben, sonst schlechter Sozialverhältnisse, stark unterbewerteter Währung sowie mangelnden Umweltschutzes. Der Anteil des chinesischen Exports am Weltexport stieg von 4 % im Jahr 2000 auf fast 9 % im Jahrt 2007 (Abb. 0801 und 08154).



Dabei fällt auf, wie viel schneller China seine Exporte in die Europäische Union, gemessen an seinen Importen von dort, entwickeln konnte (Abb. 08005); der chinesische Überschuß schoß bis 2008 auf 167 Mrd Euro hoch. Ebenso ungleichgewichtig zu Chinas Vorteil entwickelte sich der Handel mit Deutschland (Abb. 08013).



Mit welchen Margen der Chinahandel arbeitet zeigt das Beispiel der Schuhe. Hier geht das Anti-Dumping-Verfahren der EU-Kommission nach einem Bericht in der Financial Times davon aus, daß der Handel in Europa chinesische Lederschuhe für durchschnittlich 8,50 Euro ein- und für 35 Euro weiterverkauft, also für mehr als das Vierfache (Abb. 08066). Einige Markenschuhe sollen beim Import etwas mehr kosten, aber dann für stolze rund 120 Euro weiterverkauft werden. Bei solchen Margen kann es kein Wunder sein, wenn in 2005 bereits die Hälfte der in der EU verkauften Schuhe aus China kamen. Die deutschen Schuhimporte aus China haben sich über die letzten vier mehr als verdoppelt (Abb. 08065). In den USA macht das Wort vom „China Price" die Runde: „Gib 30 Prozent nach oder verliere Deinen Kunden an die chinesische Konkurrenz".


Der große Exporterfolg Chinas geht in erster Linie auf ausländische Investitionen zurück. Mehr als die Hälfte der chinesischen Exporte werden von ausländischen Unternehmen vorgenommen, im Bereich moderner Technologie sogar fast 90 %. Dementsprechend stark ist der Zufluß ausländischer Investitionen (siehe unten).

Das Besondere an der Konkurrenz aus ist, daß sie anders als nach dem Lehrbuch der komparativen Kostenvorteile und anders als in der Geschichte des internationalen Handels gleichzeitig überall zuschlägt und gewinnt, in niedrigwertiger Arbeit, aber auch am High-tech-Ende. Jedes Jahr kommen an die 350.000 neu ausgebildete Ingenieure hinzu. Dabei verfolgt China eine strikte Strategie zur Stärkung seiner eigenen künftigen Technologie-Exporte, indem es im Gegenzug zur Öffnung des chinesischen Marktes von ausländischen Unternehmen die Errichtung von F+E-Zentren in China verlangt. Nach Wolfgang Hirn in "Herausforderung China" haben sich schon rund 400 der 500 größten Unternehmen der Welt (Auto-, Elektronik-, Pharma- oder Telekommunikationsfirmen) in diesem Sinne "erpressen" lassen, ohne die längerfristigen Folgen zu bedenken. Zudem erlaubt der einmalig große Heimatmarkt den Chinesen eine unerreichbare „economy of scale", d. h. Kostenvorteile wegen der schieren Größe der Produktionsserien.

Der enorme Investitionsboom schafft zusätztliche Anreize zum Dumping von Waren auf fremden Märkten. China hat derzeit die höchste Sparquote der Welt. Wenn die Investitionen zu Überschußkapazitäten - wie oft unvermeidbar - führen, wird es für die Regierung zwingend, die Währung künstlich niedrig zu halten und finanzielle Anreize zum Export zu schaffen. Tatsächlich verfügt China als Folge des besonderen, kreditfinanzierten Booms über enorme Downstream-Kapazitäten, die von der Binnennachfrage bisher nicht ausreichend in Anspruch genommen werden.

VI. Leistungsbilanz und Devisenreserven

Die chinesische Leistungsbilanz im Außenwirtschaftsverkehr ist 2007 auf ein Plus von fast 12 % des Bruttoinlandsprodukts hochgesprungen (siehe 08006). China hat die weltgrößten Währungsreserven angehäuft (Abb. 08028). Dies ist alles sehr ungewöhnlich, denn eigentlich müßte ein Land auf dem Entwicklungsstand von China eine negative Handelsbilanz haben, die es nach Entwicklungsfortschritten ausgleichen würde.



VII. Keine Marktwirtschaft

Chinesischer Kapitalmarkt und Wechselkurs werden eng kontrolliert; Streiks unterdrückt. Unabhängige Gewerkschaften sind nicht zugelassen. Bisher noch können gegenüber Billigstimporten aus China Antidumping-Zölle auf der Basis eines Vergleichs chinesischer Preise mit denen anderer Schwellenländer, wie Indien, angewandt werden. Tatsächlich sind die meisten der Antidumping-Zölle der Europäischen Union und der USA gegen China gerichtet. Jedoch kämpft China um die Anerkennung als Land mit Marktwirtschaft, und hat dies in mehreren Ländern Asiens und Lateinamerikas, wie Brasilien und Argentinien, bereits erreicht. Erstmals hat die britische Regierung durch ihren Handelsminister 2005 die EU aufgefordert, China den Marktwirtschaftsstatus einzuräumen. Sollte China dies erreichen, und früher oder später wird es soweit sein, können Antidumping-Maßnahmen zum Schutz gegen chinesische Billigstimporte nur noch ergriffen werden, wenn die Preise und Kosten des chinesischen Exporteurs unter den allgemein in China üblichen Preisen und Kosten liegen - ein sehr schwer zu führender Beweis.

VIII. Umwelt

Zur Rolle Chinas beim Treibhauseffekt siehe Schwerpunkt "Weltklima und China-Syndrom".

IX. Protektionismus oder Schutz legitimer Interessen?

Die überwiegende Meinung in Deutschland - anders als z.B. in Frankreich oder USA - macht sich wegen der chinesischen Konkurrenz noch keine Sorgen. Das kommt auch von dem stets vermittelten Eindruck eines riesigen Absatzmarktes für deutsche Waren mit ständiger Aufwärtsentwicklung des deutschen Exports, obwohl jedenfalls letzteres schon nicht mehr den Fakten entspricht. Auch hält man China nur für ein anderes Japan. Damals ist zwar in den 70er Jahren die deutsche Fernseh-, Phono- und Photoindustrie kaputt gegangen, aber schließlich konnte die Entwicklung mit mehr Werkzeugmaschinen und Kraftfahrzeugen "Made in Germany" aufgefangen werden. Doch drei Umstände sind grundsätzlich anders.

Erstens geht es um 1,3 Mrd Menschen - etwa 13mal mehr, als Japan in den 70er Jahren hatte. Die Schubkraft, die auf den Weltmarkt drängt (noch dazu parallel zu dem anderen Bevölkerungskoloss Indien), ist dementsprechend am Ende dramatisch größer. Davon sind etwa 60 % arme Landbevölkerung, die als Reservearmee zu niedrigsten Konditionen noch für viele Jahrzente zur Verfügung stehen wird. Dagegen war in Japan bei Vollbeschäftigung das Lohnniveau schon nach etwa 20 Jahren auf dem europäischen Niveau und damit der künstliche Wettbewerbsvorteil beendet.

Zweitens hat Japan immer Wert auf eine sozial ausgeglichene Gesellschaft gelegt, die auch heute unter den Industrieländern die geringsten sozialen Gegensätze hat. In China ist dagegen in einem neokapitalistischen System die Ausbeutung ohne Schutz durch Gewerkschaften oder andere gesellschaftliche Gegenkräfte System. Streiks sind verboten. Diese Situation führt direkt in den unfairen Wettbewerb. Er wird noch - anders als seinerzeit bei Japan, das auf eigene Kräfte bauen mußte - durch eine enorme finanzielle und politische Unterstützung ausländischer Multis und Handelsunternehmen in der derzeitigen neoliberalen Globalisierung befördert. China kann daher sehr schnell alle Stufen der technologischen Entwicklung überspringen und auch in den Wettbewerb bei hochtechnologischen Gütern einsteigen.

Drittens ist heute, anders als seinerzeit, durch Computer- und Internetkommunikation, schnelle Langstreckenjets und rotierende Finanzmärkte die Welt zusammengeschrumpft und der Wettbewerb selbst bei großen Distanzen enorm erleichtert.

Im Spiegel-Interview vom September 2005 äußert sich der Nobelpreisträger und Mentor der Theorie zum internationalen Handel Paul Samuelsen über die Risiken der Globalisierung: „Ich glaube, daß sich in der globalen Welt bei der Einkommensverteilung die Trennung zwischen der oberen Hälfte und der unteren verschärft. Die Globalisierung gibt uns zusätzlichen Wohlstand, aber sie bringt uns ebenso zusätzliche Unsicherheit, Spannungen und ein erhöhtes Maß an Ungleichheit. Vielleicht sollten wir den Prozess ein wenig bremsen..." Und dann zu China: „China ist der 800 Pfund schwere Gorilla, der mitten im Wohnzimmer steht."

Früher oder später und eher früher wird der Punkt erreicht sein, von dem an Deutschland und andere entwickelte Industrieländer ihre Gesellschaftsordnungen für eine längere Zeit nur noch mit Schutzmaßnahmen gegen unfairen Wettbewerb aus China werden schützen können, jedenfall um die Mindestzeit für einen sozialverträglichen Anpassungsprozeß zu finden (falls es denn den überhaupt gibt). Das hat mit dem Schimpfwort vom Protektionismus wenig zu tun, dafür aber umso mehr mit der berechtigten Wahrnehmung legitimer Interessen. Die neoliberal propagierte totale und globale Freiheit der Märkte ist nicht die Norm sondern erst das Ergebnis beschränkender staatlicher Eingriffe in einen Naturzustand jeder menschlichen Gesellschaft, nämlich in die normalen menschlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Kontrolle über wirtschaftliche Risiken.