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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 29/08/2007 22:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)

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Im Zeichen der neoliberalen Globalisierung hat sich die Verteilung der Einkommen zwischen solchen aus Arbeit und solchen aus Kapital drastisch verschoben. Gleichzeitig ist die Verteilung der Einkommen aus Arbeit selbst noch einmal immer ungleicher geworden. Doch die in der Hackordnung oben Rangierenden können ihre stark wachsenden Einkommen nicht mehr ganz verfressen, verbauen, verbooten oder sonstwie vernünftig verbrauchen. Also tragen sie diese immer mehr mit Hilfe der Banken ins Kasino der internationalen Finanzmärkte, um sich auch noch über zusätzliche spekulative Profite zu bereichern. Allerdings sind Anlagemöglichkeiten, die zugleich sicher und hochprofitabel wären, stark begrenzt. Ursprünglich waren das solide Unternehmensfinanzierungen. Aber solide Unternehmen machen nun in der Regel dank der gedrückten Löhne selbst ungewöhnlich hohe Profite.

In dieser Situation wurden in der angelsächsischen Welt, vor allem USA und Großbritannien, riskante Anlagemöglichkeiten in Immobilien- und Verbraucherkrediten entwickelt, vor allem die minderwertigen (subprime) Hypotheken, und das ohne große Prüfung verteilte Plastikgeld. Die so ausgelöste Verschuldung eines Teils der Bevölkerung hat gigantische Ausmaße angenommen.

Solange das System nicht zusammenbricht, sorgt es für einen ständigen Transfer zwischen den hohe Zinsen zahlenden meist ärmeren Schuldnern und den nach Anlage ihrer unverbrauchbaren Einkommen suchenden wohlhabenden Gläubigern. Die Gefahr eines Totalzusammenbruchs ist gering, weil im Zweifel Regierungen und Notenbanken bereitstehen, um das mit Interventionen, wie jetzt wieder, zu verhindern. Nach einigen Korrekturen kann das Spiel im Kasino wieder aufgenommen werden, wo es liegenblieb.

Dieser Schwerpunkt versucht, etwas Licht hinter die Kulissen des Kasinos zu werfen.

1. Ungleiche Einkommen

Durch das Hinzukommen von 2 Mrd Billigstarbeitskäfte aus Osteuropa, China und Indien, die nun schrittweise in die neoliberal globalisierte Weltwirtschaft und den Weltarbeitsmarkt integriert werden, hat sich das Verhältnis von Kapital und Arbeit überall und langfristig zum Nachteil der Arbeit verschoben. In Deutschland erlaubt das den Arbeitgebern, mit der Drohung von Verlagerung negativen Lohndruck aufzumachen. Tatsächlich haben sich die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen seit dem Jahr 2000 inflationsbereinigt um 36 % nach oben bewegt, während die Nettolöhne- und -gehälter um 3,4 % gefallen sind (Abb. 04054).


Auch die verschiedenen Indikatoren der Einkommensverteilung, wie Gini oder das 80/20 Verhältnis des oberen Fünftels gegenüber dem untersten (Abb. 03455), zeigen die fortschreitende Ungleichheit der Einkommensverhältnisse an.


Im Weltmaßstab ist die Situation noch grotesker. Nach einer neuen Studie World Institute for Development Economics Research (Wider) der Uno besitzt die ärmere Hälfte der Menschheit insgesamt nur ein Prozent des globalen Gehalts- und Immobilenvermögens. Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens ist in der Hand von zwei Prozent der Weltbevölkerung. Betrachtet man die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, so besitzen diese Menschen sogar 85 Prozent des gesamten Immobilien- und Gehaltsvermögens. Hier zeigen sich nicht zuletzt die Effekte der neoliberalen Globalisierung oder in den Worten von Wider: "Die Superreichen sind noch grotesk reicher geworden als sie es vor 50 Jahren waren".

2. Finanzströme ins Kasino

In den guten alten Zeiten war alles so einfach: Wer mehr Kapital hatte, als er ausgeben wollte, legte es bei seiner Hausbank in Barkapital (Sparguthaben), Festverzinslichen oder Aktien an. Die Bank verwandelte das Barkapital in langfristige Kredite für die Finanzierung von Unternehmensinvestitionen oder Wohnraum. Doch irgendwann um die Jahrhundertwende änderte sich diese Landschaft total. Waren 1980 noch 42 % aller Finanzanlagen in der Form von Bankkonten, so ist dieser Anteil bis 2005 auf nur noch 23 % gefallen.

Zum Leidwesen der Klasse der Wohlhabenden waren nämlich die letzten Jahre durch niedrige Zentralbankzinssätze gekennzeichnet. Dazu trugen niedrige Inflationsraten bei, die vor allem durch die gebremsten Arbeitseinkommen und die Flut an Billigstprodukte aus China gedrückt wurden. Damit machten sich Wohlhabenden an ihren Hausbanken vorbei zum Kasino der internationalen Finanzmärkte auf, um mit Hilfe der Investmentbanken und der stark expandieren Fonds nach profitableren Anlagemöglichkeiten zu suchen. Allerdings sind Anlagemöglichkeiten, die zugleich hochprofitabel und relativ sicher wären, stark begrenzt.

Ursprünglich waren das solide Unternehmensfinanzierungen. Aber Unternehmen machen nun in der Regel dank der gedrückten Löhne selbst ungewöhnlich hohe Profite und suchen selbst auf den Finanzmärkten nach Anlagen. Exemplarisch ist hier wieder die deutsche Situation. Die deutschen Unternehmen haben den Anteil der Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen drastisch von etwa 5,3 % in 2000 auf nur noch 1,2 % abgesenkt und erst in den letzten 12 Monaten wieder auf 2,8 % angehoben (Abb. 04583). Angesichts der hohen Sparleistung der Volkswirtschaft stieg die Differenz zwischen Sparen und Netto-Investieren bis zum 2. Quartal 2007 ständig an. Die Bundesbank sprach deshalb von einer „Unterinvestition" in Deutschland.


Auch Investitionen in Schwellenländer waren ursprünglich in guter und sicherer Qualität verfügbar. Doch nach der Asienkrise schalteten die asiatischen Schwellenländer um und türmen seitdem mit hohen Exportüberschüssen Devisenreserven auf, die ihrerseits nach Anlage in anderen Ländern suchen. Exemplarisch ist hier China mit den inzwischen weltgrößten Devisenreserven (Abb. 08028). Neuerdings suchen diese Länder verstärkt über staatliche Fonds in spekulative Investitionen einzusteigen und gegen sich mit den niedrigen Zinsen z.B. aus amerikanischen Staatspapieren nicht mehr zufrieden.


3. Neue Instrumente im Kasino für die Wohlhabenden

Also erfanden die Investmentbanken und die Fonds neue Anlagemöglichkeiten, die zwar riskanter waren, dafür aber auch weit höhere Profite versprachen. Um den Profit auf das Eigenkapital zu steigern, arbeiten viele dieser Instrumente mit hoher Hebelwirkung, d. h. einem kleinen Eigenkapitalanteil und einem wesentlich höheren Kreditinstrument, wobei das niedrige Zinsniveau auf den Geldmärkten ausgenützt wurde. Die Zahl der Hedgefonds, die von Wohlhabenden und Pensionsfonds mit Anlagekapital versorgt wurden, stieg bis Ende 2006 auf etwa 9.000 dramatisch an. Zu den Geldgebern gehört auch eine neue Klasse von sogenannten HNWI (High Net Worth Individuals), die ab 5 Mio Dollar aufwärts frei verfügbare Masse haben. Das von Hedge Fonds verwaltete Vermögen ist in den letzten Jahren steil auf mehr als 1,4 Billionen Dollar angewachsen (Abb. 03478). Ende 2006 verwalteten allein die 10 größten Hedgefonds mehr als 250 Mrd Dollar in Anlagen (Abb. 03637).



Immer mehr Banken haben eigene Hedgefonds, z. B. JP Morgan, Goldman Sachs, Barclays. Dazu kommen die Funds of Hedge Funds, die ihrerseits in Hedgefonds anlegen und von denen viele ebenfalls zu Banken gehören. Hedge-Funds erzielten im europäischen Durchschnitt zwischen 1998 und 2003 nicht weniger als 11 bis 14 Prozent Rendite, einzelne Funds sogar bis über 21 Prozent, während der Morgan Stanley Composite Index für Aktien nur 0.5 Prozent zeigt.

Auch kamen viele Banken auf die Idee, sich eigene Vehikel außerhalb ihrer Bilanzen zuzulegen, die für riskante Anlagen eigens geschaffen wurden und ein gewaltiges Volumen von 1,2 Billionen Dollar erreicht haben. Auch viele deutsche Banken und Landesbanken der Sparkassen sind in das Geschäft eingestiegen.

In ihrer Anlagepolitik konnten diese neuen Spieler nicht zimperlich sein. Zum einen stürzten sie sich immer mehr auf sogenannte Junkbonds, Schuldpapiere angeschlagener Unternehmen mit geringer Bonität, die zunehmend von Private Equity Unternehmen zur Finanzierung ihrer Unternehmensaufkäufe ausgegeben wurden. Buy-out Profitraten um 18 % sind sonst mit keinen anderen Investitionen erreichbar (Abb. 03634). Mit 723 Mrd US$ haben die buy-out-Heuschrecken in 2006 einen neuen Investitionsrekord aufgestellt. Das ist der doppelte Wert von 2005 und das Zwanzigfache von 1996.


Exemplarisch für das Aufkommen der Junkbonds ist hier wieder die Situation in USA. Die Durchschnittsqualität amerikanischer Unternehmensbonds ist in den Jahren seit 1981 ständig gefallen und liegt inzwischen im niedrigen BB- Bereich (Abb. 03674). Der Anteil von B oder niedriger bewerteten Krediten stieg von einem Fünftel in 1997 auf ein Drittel in diesem Jahr (Abb. 03675).



Andererseits wurden ganz neue Finanzinstrumente geschaffen, so genannte „Structured Investment Vehicles", kurz „SIV", wofür es nicht einmal eine deutsche Bezeichnung gibt. Das ist eine Finanzindustrie, die mit einem Geschäftsmodell nach dem Motto „aus kurz mach lang" arbeitet. So finanziert sie höher verzinste langfristige Investitionen mit kurzfristigen und niedriger verzinsten Schulden und verdient an der Zins-Differenz. Auf der Investitionsseite gibt es eine Vielzahl von solchen höherverzinsten Anlagen, von den derzeit problematischen Collaterized Credit Obligations (Schuldpapiere mit Pfandsicherung) bis zu Kreditkarten, Stundentendarlehen, Darlehen für den Autokauf und Schuldpapieren mit Sicherung durch Unternehmenswerte (Abb. 03671).


Grundsätzlich handelt es sich bei diesen Schuldnern überwiegend um ärmere Bevölkerungskreise, die ihre Erwerbungen praktisch von den Wohlhabenden gegen hohe Zinsen finanzieren ließen. Unrühmlich bekannt geworden sind die miderwertigen amerikanischen Hpotheken (subprime mortgages), die nicht selten von amerikanischen Hypothekenbanken ohne ausreichende Prüfung oder gar leichtsinnig an Hauskäufer mit schlechter Bonität gegeben wurden, teilweise sogar auf betrügerische Art (der FBI untersucht jetzt einige Hypothekenbanken).

Bei den Strukturierte Investment Vehikeln wurde noch die besonders riskante Form „SIV-lite" mit einer Hebelwirkung von 40- bis 70-mal Kredit gegenüber Eigenkapital entwickelt, während bei normalen SIV der Satz bei 12- bis 16-mal liegt. Da Investmentbanken, wie Barclays, in großem Umfang minderwertige Sicherheiten mit besseren vermengt haben, um neue Papiere zu schaffen und international zu verkaufen, weiß derzeit niemand, wo die Risiken geparkt sind und welches der reale Wert dieser Vehikel ist. Die Rating-Agentur Standard & Poor's hat in der vergangenen Woche eine Reihe von SIV-lite heruntergestuft.

4. Entwicklung der Verschuldung privater Haushalte

Im Gefolge dieses globalen Kredittransfers von Wohlhabenden mit Überschußkapital zu ärmeren und auf Kredit angewiesenen Bevölkerungsschichten, vor allem in USA und Großbritannien ist dort die Verschuldung der Haushalte enorm angestiegen. So verdreifachte sich die Verschuldung der amerikanischen Haushalte seit 1995 auf mehr als 12 Billionen Dollar (Abb. 03469). 16 % sind davon im Bereich der minderwertigen Hypotheken, und vom Anstieg der Gesamtverschuldung seit 2001 entfiel darauf mehr als ein Drittel.


Auch in Großbritannien haben minderwertige Hypotheken und Kreditkartenschulden um sich gegriffen. Erstmals haben die Briten bei Banken, Bausparkassen und Kreditkarten mehr geborgt, als sie im Jahr produzieren: Mit 350.000 Euro steht jeder Brite in der Kreide, Neugeborene eingerechnet. Entsprechend steigen die Zahlen der Konkurse, Hauspfändungen und Insolvenzen.

5. Finanztransfer

Die drei Spielregeln im globalen Finanzmarkt-Kasino heißen:

    » (1) Riskante Anlagen wegen des höheren Profits akzeptieren.
    » (2) Das Risiko möglichst breit und an den Aufsichtsbehörden vorbei über den Globus streuen.
    » (3) Darauf vertrauen, daß die Regierungen und Notenbanken den Bankensektor nicht untergehen lassen können.

Tatsächlich wurde so ein gewaltiger Geldtransfer in die Wege geleitet, mit dem sich die Wohlhabenden auch in Zeiten niedriger Normalzinsen um den Globus herum zu Lasten ärmerer Bevölkerungsschichten bereichern konnten. Es wäre viel vernünftiger gewesen, wenn die Regierungen auf eine bessere soziale Symetrie bei der Einkommensverteilung geachtet hätten zum Wohle ihrer Völker und Volkswirtschaften und gleichzeitig die Aufsichtsbehörden stark genug gemacht hätten, um Mißstände zu verhindern.


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Hinweis auf mein neues Buch: Falsch globalisiert, 232 Seiten, 250 Abbildungen, € 14,80 - ist im Mai im vsa-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 3-89965-193-6). Das Buch greift 30 der wichtigsten Schwerpunkte in aktualisierter Form auf. Neue Rezension in FR. 16 wichtigste Schaubilder hier stets aktualisiert (auch Korrekturen).

Hier zu meiner kurzen Einführung bei der Vorstellung des Buches am 15. Mai im Beisein von Jürgen Peters, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung und Vorsitzender der IG Metall, und Professor Dr. Peter Bofinger, Universität Würzburg, und hier zu einer aktuellen Einschätzung sowie zu meinem halbstündigen WDR-Interview zum Abhören.