Die meisten Menschen in Deutschland werden keine Vorstellung davon haben, woher das Geld im Finanzmarkt-Casino stammt und wie es dorthin gekommen ist. Alles was sie jetzt schon verstehen, sagt ihnen, daß sie die Hauptleidtragenden der Krise sein werden und es durch das jetzt notwendige Rettungsgeld von Otto-Normal-Steuerzahler für die Sozialisierung der Verluste schon sind.
Unter denen, die sich äußern, gibt es offensicht zwei sehr unterschiedliche Meinungen. Für die eine Meinung ist das Casino von der Realwirtschaft abgesetzt, quasi ein Ort mit verschlossenen Türen, wo die Spieler mit Spielgeld gegeneinander antreten. Da werden die Türen nur geöffnet, wenn es brennt und die öffentliche Feuerwehr zur Verstaatlichung der Verluste gebraucht wird. Für die andere Meinung wurde sehr viel Geld aus der Realwirtschaft ins Casino geschwemmt, nämlich die wegen immer ungleicherer Einkommensverteilung bei den Unternehmen und Besserverdiener zunehmend anfallenden Ersparnisse. Das ist Geld, das die sparenden Haushalte und Unternehmen nicht mehr selbst in den normalen Konsum oder eigene Investitionen eingesetzt haben, sondern statt dessen zur spekulativen Vermehrung ins Finanzmarkt-Casino geleitet wurde. Was dort an Supergewinn gemacht wurde, kam in der Regel erneut zum Einsatz, wie ein Spieler im Normal-Casino immer wieder seinen Einsatz verdoppelt.
Zur zweiten Gruppe gehören Lafontaine und andere Vertreter der Linkspartei, wie MdB Axel Troost oder das Vorstandsmitglied Michael Schlecht. So hat Lafontaine in seiner Bundestagsrede zum Bundeshaushalt gesagt: „Ursache für die Verwerfungen auf den Finanzmärkten sind zwei Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft und in den Volkswirtschaften. Das eine ist das außenwirtschaftliche Ungleichgewicht. Das zweite Ungleichgewicht besteht bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Aufgrund der falschen Philosophie werden sich die Einkommen und Vermögen immer weiter auseinanderentwickeln. Die Ursache für die derzeitige Krise ist auch darin zu suchen, dass dieses Gleichgewicht empfindlich gestört wurde. Während eine Minderheit immer höhere Einkommen und größere Vermögen angesammelt hat, hat die große Mehrheit mit stagnierenden Löhnen und stagnierenden Renten zu tun."
Dagegen haben sich andere zu Wort gemeldet, denen die Größenordnungen von Spar- und Spielkapital einfach nicht zusammenpassen, vor allem der Herausgeber der NachDenkSeiten Albrecht Müller: „Die Frage, wo diese Milliarden geblieben sind, scheint mir ziemlich unberechtigt zu sein. Zum Teil sind sie im simultanen Prozess in der Produktion als Investitionen in den Betrieben geblieben. Zum Teil sind sie als Dividenden oder als Spitzeneinkommen, Vergütungen, Boni und Abfindungen an die Spitzenverdiener geflossen. Aber wieso sollte man annehmen, dass dies zu einer Geldschwemme geführt hat, womit zugleich insinuiert wird, diese Einkommensbezieher wüssten nicht, wo und wie sie dieses Geld anlegen sollen? Dem Zuwachs an Geldvermögen an der Spitze der Einkommenspyramide steht vermutlich eine Zunahme der Verschuldung der unteren Einkommen gegenüber. Die Vorstellung, dass nach einer solchen Kredittransformation der besonderen Art noch Geld herumschwämme, ist doch nicht sonderlich begründet? Die Passage bei Michael Schlecht, wonach der allergrößte Teil dieses Geldes zusätzlich in die Finanzmärkte geflossen sei und dies die entscheidende Ursache für eine wahre Geldschwemme gewesen sei, ist nicht sonderlich schlüssig. Zwischen 1980 und 2005 ist das Weltsozialprodukt zu jeweiligen Preisen von 10,971 Billionen US-Dollar auf 45,053 Billionen gestiegen. Es hat sich also etwas mehr als vervierfacht. Wenn gleichzeitig das weltweite Finanzvermögen von 12 Billionen US-Dollar auf 140 Billionen gestiegen ist, wieso regt man sich darüber auf? Das ist das 11,6fache und damit kein sonderlich großer überproportionaler Anstieg im Vergleich zu dem Vierfachen des Weltsozialproduktes."
Mit ähnlicher Argumentation erreichte mich heute eine Zuschrift, nachdem ich mich an die Seite von Lafontaine gestellt hatte: „Fakt ist, dass durch das Absenken der "Strukturbereinigten Bruttolohnquote" zwischen 2001 und 2007 von 72,6 % auf 66,3 %, d. h. um 6,3 %-Punkte, ein relativer Rückgang der Arbeitseinkommen (brutto) um 115,1 Mrd. Euro allein für 2007 eintrat. Nach Abzug der durchschnittlichen Lohnabgaben in Höhe von 23,9 % haben sich damit die Nettolöhne 2007 um 87,6 Mrd. Euro allein dadurch vermindert, dass die Primärverteilung zugunsten der Gewinne seit 2001 verschoben wurde. Dies hat dazu beigetragen, dass 2007 das "volkswirtschaftliche Sparen" auf 264,88 Mrd. Euro anstieg, wie die Bundesbank ausweist. Es flossen davon allein 167,59 Mrd. Euro an Krediten ans Ausland ab. Daher kann ich nur die These bekräftigen, dass die zuletzt erfolgte enorme "Umverteilung von unten nach oben" nicht ausreichend oder allein erklärt, welche gigantischen Spekulationsgewinne und Spekulationsverluste auch für deutsche Geldkapitalanleger entstanden sind. Die Hauptanteile dieser Spekulationseffekte müssen im Finanzmarktmechanismus aus den Kreditblasen heraus entstehen."
Ich will hier versuchen, etwas zusätzliche Klarheit zum Zustand der Türen des Finanzmarkt-Casinos zu schaffen oder - kurz gesagt - dazu, wo das Spekulationsgeld hergekommen ist. Dabei ist Geld bekanntlich nicht angestrichen, und daher sind die Finanzströme auch nicht mit absoluter Sicherheit zuzuordnen.
Die wichtigste Unterscheidung, um die Zusammenhänge überhaupt verstehen zu können, ist zwischen Echtgeld und reinem Kunstgeld im Casino. Echtgeld beinhaltet z.B. die Verbriefungen von Hypothekenkrediten oder vieler anderer Formen von Krediten oder auch Unternehmensbonds oft minderwertiger Qualität („Junk-Bonds"). Hier sind Finanzströme in und aus dem Casino zu verzeichnen, z.B. zur Finanzierung von Investitionen in Unternehmen oder in Immobilen, so von der Landesbank in Deutschland, die Echtgeld für den Aufkauf von Subprime-Papieren bezahlt hat, die ihrerseits nach Zahlung von Echtgelt an die Hypothekennehmer in USA verbrieft wurden. Oder: von der Sparkasse in einen Anleihenfond, der seinerseits spekulativ relativ hoch verzinste, dafür aber hoch riskante Unternehmensanleihen kauft und dafür das Geld der Sparkasse an die Unternehmen abführt, die Anleihen auflegen. Dazwischen liegt jeweils das Casino, in dem um den Globus herum soche Papiere gehandelt werden und damit in der Vergangenheit das Risko fast zur Hälfte von den USA weg auf den Rest der Welt, vor allem Europa und hier deutsche Banken, verteilt wurde (Abb. 03820). Die Bank of England erwartet in diesem Segment Schäden in Höhe von 2,8 Billionen US Dollar, der IWF zuletzt von 1,4 Billionen Dollar (Abb. 03808, 03783). Allein an amerikanischen sogenannten „strukturierten Papieren" sind derzeit etwa 2,5 Billionen Dollar am Markt (Abb. 03709).




Zur Finanzierung ihrer Anlagen in solchen Papieren haben sich die Banken enorm in der Realwirtschaft verschuldet. Per Juni 2008 waren sie nach Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich gegenüber Nicht-Banken in Höhe von 11 Billionen Dollar verschuldet. Dazu kamen Schulden zwischen den Banken in Höhe von 26 Billionen Dollar. Vor allem die Verschuldung des amerikanischen Finanzsektors stieg gewaltig auf fast 120 % des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts an (Abb. 03772). In Europa werden allein im kommenden Jahr Anleihen hiesiger Banken im Umfang von 600 Mrd Dollar fällig (Abb. 03817).


Dann gibt es, deutlich davon zu trennen, das reine Wettgeld, vor allem in der Form von Derivativen. Deren Volumen liegt in der astronomischen Höhe von 684 Billionen Dollar, etwa das 13-Fache der gesamten Wirtschaftsleistung der Welt, also um Lichtjahre höher. Da wird auf alles Mögliche gewettet: die Entwicklung von Zinsen, Währungen, Unternehmenspleiten, Rohstoffpreise und vieles mehr (Abb. 03803). Man muß sich die gesamte Liquidität wie eine umgekippte Pyramide vorstellen (Abb. 03692). Derivative werden meist „over the counter" direkt zwischen den Institutionen der Finanzmärkte gehandelt. Sie beeinflussen die Realwirtschaft, solange es keinen Crash gibt, meist nur in indirekter Weise, z.B. durch die Spekulation auf Preise für Nahrungsmittel oder Öl. Auch sind einige Banken jetzt dazu übergangen die Zinshöhe von Unternehmenskrediten in der Realwirtschaft von der Höhe des Versicherungsaufschlags bei den sogenannten Credit Default Swaps (Wetten auf den Ausfall von Krediten), einem wichtigen Teil der Derivative, zu bestimmen. In diesem riesigen Segment des Finanzmarkt-Casinos, ist die Krise allerdings nicht ausgelöst worden, auch wenn Soros die Derivative als ein darüber hängendes Damokles-Schwert bezeichnet. Wir müssen diese beiden Segmente des Casinos also deutlich trennen, um die Entstehung der Krise zu begreifen.


Die Krise ist bei den strukturierten Papieren im ersten Segment des Casinos entstanden, bei denen das Casino - wie dargestellt - absolut offene Türen zur Realwirtschaft hat und auch die Bankenaufsicht eigentlich Krisen verhindert haben sollte. Nun zu der Frage, von wo sich die Banken hier finanziert haben. Sie hatten dazu drei Möglichkeit: Eigenkapital, Einlagen und Kreditaufnahme. Das Eigenkapital blieb ein dünnes Drahtseil von bei europäischen Banken etwa einem Vierzigstel der getätigten Anlagen und wurde im Laufe der Jahre immer dünner (Abb. 03769). Hauptsächlich finanzierten sich die Banken also über Einlagen und die Ausgabe von Anleihen und anderen Kreditpapieren in der Realwirtschaft oder Kredite untereinander (siehe oben).

Man muß sich nur die Bilanz der Deutschen Bank ansehen. Dort wurden 2007 aus kümmerlichen 37 Mrd Euro Eigenkapital nicht weniger als 1.474 Mrd Euro Anlagen in Vermögenswerte getätigt, deren Wert heute zweifelhaft ist, also 38-mal soviel. Dies wurde möglich, weil die Deutsche Bank 458 Mrd Euro an Einlagen und 1.093 Mrd Euro an finanziellen Verpflichtungen (d.h. aufgenommene Kredite) gegenrechnen konnte.

An dieser Stelle spielt das Sparkapital der Unternehmen und Privatpersonen, vor allem der Besserverdiener, eine große Rolle. Die Brutto-Sparquote der Welt, die bis dahin zurückging, ist seit 2002 um etwa 4 Prozentpunkte des Weltsozialprodukts auf über 24 % stark angesprungen (Abb. 03826). Sie kommt aus Ersparnissen der Haushalte und einbehaltenen Gewinnen der Unternehmen. Damit wurde in nur fünf Jahren ein zusätzliches Sparkapital von 52 Billionen Dollar verfügbar, das - soweit es nicht unter dem Kopfkissen landete oder von den Unternehmen nicht direkt für Investitionen verwandt wurde - seinen Weg in die Finanzwirtschaft gefunden hat (Abb. 03825).


Das war mehr als genug, um nicht nur solide Sparkonten aufzulegen, solide Staatspapiere zu kaufen und Aktiensparen zu betreiben oder im Falle einbehaltender Gewinne der Unternehmen teilweise eigene Investitionen zu finanzieren, sondern auch noch sehr viel direkt oder in der Regel mit Einschaltung von Banken für spekulative Zwecke im Finanzkasino abzuzweigen. Auch die Betriebsrenten, vor allem in den angelsächsischen Ländern, wurden von den Pensionsfonds ins Casino getragen. Der amerikanische Markt für Subprime z.B. wurde zum Beginn der Krise auf etwa 1,3 Billionen Dollar geschätzt. Unterstellt, daß die Hälfte davon um den Globus herum gehandelt wurde, war es durchaus eine Größenordnung, in der sich ein entsprechendes Teilchen des gewaltigen Sparkapitals verlieren konnte. Jedenfalls konnte die Verschuldung der Banken bei Nicht-Banken von zuletzt 11 Billionen Dollar bequem aus den 52 Billionen Dollar Weltsparkapital (brutto) allein seit 2003 ermöglicht werden. Auch in Deutschland sprang die Ersparnis der Volkswirtschaft seit 2003 enorm nach oben, also in der gleichen Periode in der die Kreditblase global entstand (Abb. 04583). In diesen fünf Jahren summierte sich die deutsche Ersparnis auf 897 Mrd Euro, während nur 352 Mrd Euro in die Nettoinvestionen gingen (Bruttoanlageninvestitionen minus Abschreibungen). Die Bundesbank sprach daher schon von einer Unterinvestition in Deutschland.

Ähnlich ist aus den Daten des Internationalen Währungsfonds zu entnehmen, wie stark seit der Jahrtausendwende die Differenz zwischen Ersparnis und Investitionen als Anteil an der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung von -1,7 % auf 7,6 % gesprungen ist, kumuliert seit 2003 eine ähnliche Größenordnung von 589 Mrd Euro (Abb. 14590).

Wo kam das Sparkapital her? Das meiste, nämlich mehr als 34 Billionen 2003/07 kumuliert kommt aus den reichen Industrieländern, und die Differenz von je knapp 9 Billionen aus den asiatischen Entwicklungsländern, vor allem China, und den restlichen Ländern der Welt (Abb. 03827, 03828).


Sowohl in den reichen Industrieländern wie in China öffnete sich die soziale Einkommens-Schere in dieser Periode enorm und zwar sowohl zwischen Arbeitseinkommen und Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen wie auch zwischen den oberen Schichten der Arbeitseinkommen und den unteren. In USA ist das sehr deutlich (Abb. 05105). Die ILO hat das jetzt auch in ihrem Lohn-Bericht festgestellt, wobei in zwei Dritteln aller Länder die Ungleichheit der Löhne seit 2000 zugenommen hat und Deutschland dabei die stärkste Spreizung der Löhne verzeichnete (Abb. 13549, 13553).



Das zeigt auch die amtliche deutsche Statistik, in der ebenfalls 2003 das Umbruchjahr war, von dem an alles auseinanderlief (Abb. 04054, 14523). Die Jahre seit 2003 sind übrigens derselbe Zeitraum, in dem sich die riskanten Finanz-Anlagen immer höher auftürmten. Auch das sicher kein Zufall.


Auch ist schon seit Jahren in Deutschland statistisch nachgewiesen, daß die oberen Einkommensgruppen viel höhere Anteile an ihren ohnehin hohen Einkommen sparen (Abb. 04026). Man kann zeigen, wie die unterschiedliche Entwicklung der Einkommen parallel zum Aufbau der Ersparnis verläuft (Abb. 14589).


Wenn man das alles zusammennimmt, kann eigentlich nicht überraschen, was sich da in dem Segment der internationalen Finanzmärkte abgespielt hat, wo die Türen des Casinos zur Realwirtschaft hin relativ weit geöffnet sind und wo die Banken und anderen Finanzinstitutionen aus der Realwirtschaft Einlagen aufgenommen und immer mehr Geld geborgt haben, um es in zweifelhafte Anlagen zu investieren. Daneben gab es andere Mechanismen, die die globale Kreditblase bis zum Platzen aufgeblasen haben. Vor allem gehören hierzu die internationalen Ungleichgewichte zwischen Überschuß und Defizitländern (Abb. 03787). Hier haben China, Deutschland und Japan allein im vergangenen Jahr rund 760 Mrd Dollar an Leistungsbilanzüberschüssen aufgetürmt. Die Defizitländer, vor allem die USA mit 739 Mrd Dollar, mußten sich praktisch weitgehend auf Kredit finanzieren. So haben ausgebeutete und schlecht bezahlte chinesische Arbeitnehmer mit den so ermöglichten enormen chinesischen Leistungsbilanzüberschüssen und dem chinesischen Kauf amerikanischer Schatzpapiere praktisch die USA finanziert, bis zur amerikanischen Immobilienblase.

Dazu gehört auch die Niedrigzinspolik der Notenbanken nach der Dotcom-Krise im Jahr 2000 (Abb. 03774), denn die entsprach praktisch einer Geldmengenvermehrung und machte den meist kurzfristig- bis mittelfristigen und niedrigverzinsten Geldpump in der Realwirtschaft mit dem Versprechen höherer Zinseinnahmen aus den Anlagen für die Banken erst richtig interessant. Auch wurde es den Banken bei niedrigen Zinsen erleichtert, sich untereinander mit Kredit auszuhelfen.

Die Größenordnungen passen also ziemlich gut zueinander und sollten uns daher nicht davon abhalten, in den immer stärkeren sozialen Ungleichgewichten einen der Hauptgründe für die Krise zu sehen. Jedenfalls halte ich das für sehr plausibel und warte gern auf den Gegenbeweis. Solange sich diese Ungleichgewichte weiter auftürmen, ist in meiner Auffassung auch die nächste Krise schon weitgehend vorprogrammiert.