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Von http://www.jjahnke.net/brave.html, Version 25.06.07

Wenn man über 40 Jahre in die Zukunft blickt, kann man leicht falsch liegen. Doch einige Trends sind zu fest eingefahren, um in diesem im Rahmen der Menschheitsgeschichte Bruchteile von Millisekunden verleichbaren Zeitraum noch einfach umzukippen. Dazu gehören zehn bestimmende Entwicklungen:

Dieses unschöne Bild unterstellt eine Fortsetzung des derzeitigen globalen neoliberalen Kurses ohne ein konkurrierendes Gesellschafts- und Sozialmodell (wie bisher seit dem Fall der Berliner Mauer). Allerdings könnten sich weit vor dem Zeithorizont von 2050 so starke Widerstände in den alten Industrieländern, vor allem unter den benachteiligten jüngeren Generationen, aufbauen, daß das Schlimmste noch verhindert wird.

Wird es nicht verhindert, so werden die Kinder ihre Eltern verfluchen (schlimmer noch als einst in Deutschland die Nachgeborenen die Elterngeneration für das Unheil, das sie mit dem Dritten Reich über Deutschland gebracht hatte). Denn der Lebensstandard in den alten Industrieländern wird trotz technologischen Fortschritts erheblich gefallen sein. Angst um den Arbeitsplatz und die Altersversorgung werden noch weiter verbreitet sein als heute schon in Deutschland. Die Gesellschaft wird noch viel stärker als heute in Arm und Reich gespalten sein. Das politische Leben wird von Konflikten und Swings zu den Extremen bestimmt werden. Schon jetzt zeigen Studien, wie das Mobility Projekt für die USA, daß Männer in den 30ern heute in USA weniger verdienen als Männer der gleichen Altersgruppe in der Generation der Väter. Chancengleichheit Puste Kuchen!

Es wird einer wahren Revolution der jüngeren Generationen bedürfen, um die tief eingefahrenen Trends umzukehren oder wenigstens abzubremsen. Im folgenden soll gezeigt werden, wie diese Trends verlaufen. Das Material kommt zum großen Teil aus schon vorhandenen Schwerpunkten dieser Webseite. Es ist praktisch die gekürzte Quintessenz meiner 131 Webseiten in der Analyse der verschiedenen Trends.

1. Demographie

Die Weltbevölkerung insgesamt soll bis 2050 noch auf über 9 Mrd Menschen anwachsen, ein Anstieg gegen 2005 um nicht weniger al 41 % mit allen Folgen für die Versorgung mit Energie und Rohstoffen und die Belastung der Umwelt (Abb. 0703). Über 3 Mrd Menschen, oder so viele wie die gesamten Weltbevölkerung des Jahres 1960, werden allein in Indien und China leben (Abb. 07149).



Europas Bevölkerung ist mit durchschnittlich 39 Jahren schon derzeit mehr als 40 % älter als die Asiens mit knapp 28 Jahren (Abb. 07034). 46 % der Bevölkerung Asiens ist unter 25 Jahre alt, während es in Europa nur 30 % sind. Vor allem aber ist der Anteil der über 60-jährigen und meist im Ruhestand Lebenden in Europa mit 21 % gegenüber 9 % in Asien mehr als doppelt so hoch - angesichts der Renten- und steigenden Gesundheits- und Pflegekosten älterer Menschen eine enorme Belastung in der internationalen Konkurrenz. Das gilt erst recht für Deutschland, wo die Bevölkerung im Jahre 2000 im Durchschnitt knapp 14 Jahre älter war als in Asien und in 10 Jahren nach den Vorrausberechnungen des UN Bevölkerungsprogramms 15 Jahre älter sein wird (siehe Abb. 13007).



Als Folge der demographischen Unterschiede wird die europäische Bevölkerung von heute etwa 19 % der asiatischen bis zum Jahr 2050 auf einen Anteil von weniger als 13 % zurückfallen (Abb. 07033). Besonders die stark wachsende Bevölkerung Afrikas wird bei sich verschlechternden klimatischen Bedingungen (siehe 3.) ein starkes Migrationspotential Richtung Europa entwickeln mit hohen Kosten für Gegenmaßnahmen in Afrika bzw. zur Integration in Europa.


Die deutsche Bevölkerung gehört zu den am schnellsten alternden. Nach der 11. Bevölkerungsvorrausberechnung wird es im Jahr 2050 doppelt so viele 60-Jährige wie Neugeborene geben. Der Alters- und Jugendquotient an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird von 58 % 1990 auf 89 % ansteigen (Abb. 04899). Besonders schlimm wird es die neuen Bundesländer treffen, wo der Quotient der zu unterhaltenden Jungen und Alten bis auf 105 % steigen soll (Abb. 10027). Steigende Lebenserwartung und niedrige Fruchtbarkeit (Abb. 04579) sind fest eingefahrene Größen, so daß dieser Trend eine hohe Wahrscheinlichkeit hat. Er muß die Gesamteffizienz der deutschen Volkswirtschaft erheblich schwächen, zumal im Wettbewerb mit asiatischen Volkswirtschaften.




2. Öl und andere mineralische Rohstoffe

Mit anhaltender Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung, besonders der Schwellenländer, und überall noch wachsender Motorisierung, expandiert die Nachfrage nach Öl und einer Reihe von Rohstoffen. Der Weltölverbrauch steigt exponential (Abb. 0707). Saudi-Arabien, das Land mit der größten und derzeit fast einzigen Reservekapazität, warnt, daß die OPEC-Länder die erwartete westliche Nachfrage nach Öl in 15 bis 20 Jahren nicht mehr decken können. Nach Projektionen der International Energy Agency müßte die OPEC-Produktion bis 2020 von derzeit 30 Mio auf 50 Mio barrel/Tag hochgefahren werden. Saudi-Arabien befürchtet in dieser Hinsicht ein Defizit von etwa 4,5 Mio barrel/Tag in seiner eigenen Produktion.


Chinas Anteil am Weltölverbrauch ist schon auf über 8 % gestiegen (Abb. 07009). Der IWF erwartet, daß in China schon in 2030 mehr KfZ als in USA fahren werden (Abb. 07030). Der Welt-Bestand an PKW expandiert geradezu gespenstisch (Abb. 07047).




Die Folge dieser Entwicklung, die ähnlich bei einer Reihe von anderen wichtigen Rohstoffen stattfindet, ist notwendigerweise eine Preissteigerung, die sich überall in der Welt durchsetzen und die Wachstumsgeschwindigkeiten sowie den Lebensstandard beeinträchtigen wird. In den wenigen Jahren seit dem Beginn dieses Jahrtausends hat sich der Rohölpreis bereits fast verdreifacht (Abb. 07176).


3. Der Treibhauseffekt

Trotz aller Forderungen nach Eindämmung der Emissionen ist der Treibhauseffekt nicht mehr aufzuhalten, schon wegen des Anstiegs der Weltbevölkerung und der rasanten Entwicklung in China. Die Frage ist nur noch, ob er sich bis zu einer regelrechten Katastrophe entwickeln wird. Die Emissionen, bei denen China die USA bereits überholt hat (Abb. 07165), und die atmosphärische Kohlendioxyd-Konzentration steigen in einem festen Trend steil an (Abb. 0709) ebenso die Oberflächentemperatur (Abb. 0710 und 07153).





Nach neuen Erkenntnissen haben sich die CO2-Emissionen plötzlich um das Jahr 2000 gewaltig beschleunigt. In den 90er Jahren wuchsen sie noch um 1,1 % pro Jahr, zwischen 2000 und 2004 (dem Endjahr der neuen australischen Studie) waren es schon 2,5 %. Diese Rate liegt in der Nähe der schlimmsten Annahmen unter den schon vor Jahren erarbeiteten Szenarien, wenn nicht noch darüber. Das auf der Basis von weiterer intensiver Verbrennung fossiler Energiestoffe ausgerichtete A1F1 Szenario des Intergovernmental Panel on Climate Change sagt eine Erhöhung der Temperatur bis 2100 um 4 Grad vorraus und damit doppelt so hoch, wie der von der EU angesteuerte Grenzwert (siehe Abb. 07167).


Die Folgen werden sich in mehr Dürren mit Ernteausfällen, Überschwemmungen, Sturmschäden und Klima-Migration zeigen. Auch das wird einen Negativdruck auf den Lebensstandard entwickeln.

4. Kampf um Arbeitsplätze

Angesichts des Eintritts von ca. 1,5 Mrd zusätzlichen Arbeitskräften in die Weltwirtschaft aus Osteuropa, China, Indien und einigen anderen Schwellenländern, meist zu sehr niedrigen Arbeitskosten, unter Ausbeutung der Umwelt, Steuervorteilen und Währungsmanipulation bei gleichzeitig hohem Niveau an Globalisierung von Waren- und Finanzströmen, wird sich der Druck auf die Einkommenssituation der Arbeitnehmer in den entwickelten Industrieländern immer stärker bemerkbar machen. Dies gilt erst recht für die Länder, die wie China gleichzeitig das Bildungssystem revolutionieren und die Produktivität steigern (in China in den letzten Jahren viermal schneller als Deutschland). Die chinesische Handelsbilanz erbringt steil ansteigende Überschüsse (Abb. 08105). China hat Deutschland nach Wirtschaftskraft bereits als drittgrößtes Land abgelöst und kann nach Projektionen von Goldman Sachs um das Jahr 2040 auch die USA abhängen (Abb. 08019).



Deutschland verzeichnet durch die seit etwa 2000 stagnierende oder real rückläufige Entwicklung von Arbeitseinkommen und Renten schon jetzt einen erheblichen Wachstumsverlust. Ob es mit einer schnell alternden Bevölkerung und einem Staat, der bei einer neoliberalen Steuerpolitik das Bildungssystem nicht ausreichend finanzieren kann, gelingt, mit den expandierenden Schwellenländern, vor allem in Asien, mitzuhalten, muß bezweifelt werden.

5. Der kurzfristig spekulierende Finanzkapitalismus übernimmt

Der Kommentar der Financial Times: „Nach dem Fall des Kommunismus, hat eine neue revolutionäre Periode begonnen. Der Kapitalismus mutiert noch einmal. Wir haben den Triumpf des Globalen über das Lokale, des Spekulanten über den Manager, des Finanziers über den Produzenten. Gleichzeitig gab es einen großen Einkommensschub von der Arbeit zum Kapital". Der Anteil von Finanzanlagen am Weltsozialprodukt explodierte von 109 % in 1980 auf 316 % und den astromonischen Betrag von 140 Billionen Dollar in 2005 (Abb. 03599). In der Eurozone war der Anstieg noch stürmischer, nämlich allein zwischen 1995 und 2005 von 180 % auf 303 %.


Die Finanzwirtschaft ist heute weit mehr tansaktionsorientiert. Waren 1980 noch 42 % aller Finanzanlagen in der Form von Bankkonten, so ist dieser Anteil bis 2005 auf nur noch 23 % gefallen. Während traditionellerweise in Obligationen, Aktien, Waren und Währungen gehandelt wurde, sind seitdem komplexe neue Finanzprodukte, wie Derivative, das sind meist Finanzwetten auf Zeit, in riesigem Umfang dazugekommen. Der ausstehende Werte von Swaps in Zinssätzen und Währungen sowie Zinsoptionen hat nach einem Anstieg auf das 83-Fache seit 1990 inzwischen die Höhe des Sechsfachen des Weltsozialprodukts erreicht und der Anstieg hält an (Abb. 03600).


Neue Spieler, wie Hedgefonds und Private Equity Unternehmen, sind dazu gestoßen. Die Zahl der Hedgefonds ist von nur 610 in 1990 auf 9.575 im 1. Quartal dieses Jahres explodiert. Sie verwalten inzwischen schon 1,6 Billionen Dollar an Vermögen (Abb. 03464). Private Equity Unternehmen konnten allein im vergangenen Jahr 432 Mrd Dollar aufnehmen. Der neue Finanzkapitalismus ist dabei immer globaler: Der Anteil international gehaltener Finanzanlagen der reichen Länder sprang von 50 % ihres Bruttoinlandsprodukts in 1970 auf 330 % in 2004.


Damit kommt es zur Übernahme der Kontrolle immer größerer Teile der Beschäftigung in den alten Industrieländern durch anonyme, kurzfristig spekulierende und kaum regulierte Finanzfonds mit hohen Renditeforderungen. Auch diese Bewegung geht zu Lasten des Lebensstandards normaler Arbeitnehmer.

6. Unternehmenszusammenschlüsse und -Aufkäufe

Die Unternehmen stehen immer stärker unter dem Diktat der Größe, womit zugleich der Wettbewerb eingeschränkt und die Profite gesteigert werden können. Das Volumen von M & A (Zusammenschlüsse und Übernahmen) hat in 2006 einen neuen Rekordwert von fast 4 Billionen Dollar erreicht, der in 2007 vorrausichtlich erneut überboten wird (Abb. 03601).


7. Rationalisierung und Globalisierung bei den meisten Dienstleistungsgewerben

Bisher fühlten sich die Dienstleistungsgewerbe, die am oberen Ende Menschen mit sehr viel besserer Ausgebildung beschäftigen, vor den Folgen der Globalisierung und des negativen Einkommensdrucks einigermaßen sicher. Zunehmend kommt es auch hier Dank Internet und Informationstechnologie zu eine „industrielle Revolution" mit starker Aufgliederung und internationaler Handelbarkeit von Dienstleistungsfunktionen.

Nun hat auch Professor Alan Blinder, der bekannteste Freihandelspapst der USA für die USA starke Warnungen ausgesprochen. Er sieht ein gewaltige Lawine von Verlagerungen im Dienstleistungsbereich in Richtung Niedrigstkostenländer auf die USA zurollen. Dabei sollen vor allem die höher qualifizierten und daher bisher als sicher geltenden Jobs betroffen sein. Er steht unter dem Eindruck einerseits des enormen Fortschritts in der Kommunikationstechnologie, die solche Verlagerungen erst möglich macht, und andererseits des massiven Eintritts „neuer" Arbeitskräfte aus China, Indien und Osteuropa in die Weltwirtschaft. Seiner Ansicht nach wird vor allem China und Indien hunderte von Millionen hochgradig ausbilden. Demgegenüber sieht er das amerikanische Bildungssystem als längst nicht ausreichend vorbereitet an, um diesen Ansturm über die Qualität der amerikanischen Arbeitskraft zu parieren. Dieser Prozeß soll Dekaden andauern und daher nicht schnell durchzustehen sein, bis zu 40 Millionen Jobs allein in USA betreffen können und am hohen Ende Wissenschaftler, Mathematiker, Herausgeber und ähnliche Berufe erfassen.

8. Verarmung der öffentlichen Haushalte

Seit Erweiterung der Europäischen Union tobt ein negativer Wettlauf bei den Unternehmenssteuern, der die öffentlichen Haushalte in den Ländern der Alt-EU, auch Deutschland immer ärmer macht. Hinzu kommt die nach Liberalisierung der Kapitalmärkte nicht mehr einzudämmende Steuerflucht in Karibik-Fonds oder andere Steueroasen.

In Deutschland sind die staatlichen Bruttoanlageinvestionen sowohl preisbereinigt als auch als Anteil am Bruttoinlandsprodukt seit Beginn der 90er Jahre erheblich zurückgegangen (Abb. 04900). Gleichzeitig hat es immer neue Steuersenkungen, besonders für Unternehmen und Wohlhabende (beim Spitzensteuersatz) gegeben. Damit gerät der Staat an die Schuldengrenze und kann seinen Verpflichtungen vor allem für die Benachteiligten der Gesellschaft nicht mehr ausreichend nachkommen.


9. Einseitige Medienlandschaft

Mit der Fusionswelle geht auch die Medienvielfalt zurück. Regierungen werden immer mehr von bestimmten Medien, meist Massenblättern, abhängig. In Deutschland und international hat der Bertelsmann Verlag mit seiner Stiftung starken Einfluß auf die Informationsmöglichkeiten normaler Bürger gewonnen (siehe hier).

Auch dieser Trend ist ungebrochen.

10. Immer stärkere Aufspaltung der Gesellschaften in allen Ländern in Arm und Reich

Schon aus den bisherigen Trends ergibt sich der Nachteil für normale Arbeitnehmer. Seit vielen Jahren nun steigen die Profite der Unternehmen und die Einkünfte der Kapitaleigner bei gebremsten Arbeitskosten, besonders in Deutschland (Abb. 12531). Die Einkommensschere auch unter den Arbeitnehmern öffnet sich überall (Abb. 12525).



Auch dieser Trend ist sehr fest eingefahren. Der Finanzkapitalismus spielt zunehmend souverän die Arbeitnehmer aller Länder, die Marx mal vereinen wollte, gegeneinander aus.

Fazit

Man muß damit rechnen, daß in fast allen Ländern des globalen Systems - alte Industrieländer wie Entwicklungsländer - der Neoliberalismus die sozialen Gräben aufreißt. Gleichzeitig treibt er mit der Ablehnung einer Zwangsregulierung der Treibhausgasemissionen, z.B. über eine sanktionsbewaffnete Umweltklausel in der Welthandelsorganisation, die Menschheit in die Klima-Katastrophe. Ein wirklicher Widerstand wird erst kommen, wenn entweder das Leben von den Sozial- und Umweltverhältnissen her unerträglich wird oder wenn die jüngeren Generationen begreifen, was die „Gnade der frühen Geburt" für ihre Eltern bedeutet hat. Dann allerdings kann es schon zu spät sein.