Unterinvestition in Deutschland




Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 28/03/2006 09:37 -

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Die Bundesbank scheint jetzt in einem ungeschminkten Bericht zu bestätigen, was diese Website immer schon argumentiert hat: Nicht alles am deutschen Exportwunder glänzt, zumal gleichzeitig ein für die Zukunft des Landes bedrohlicher Absturz der Investitionen stattgefunden hat. In ihrem Monatsbericht vom März 2006 beklagt nun die Bundesbank eine "Unterinvestition" in Deutschland und spricht von einer "schwachen Zunahme des inländischen Kapitalstocks". Originalton Bundesbank: "Die Erfolge auf den Auslandsmärkten können aber angesichts der schwachen Entwicklung des hiesigen Produktivkapitals nur eingeschränkt als Qualitätsmerkmal für den Standort Deutschland interpretiert werden".

Die deutsche Sparquote stieg über die letzten drei Jahre auf knapp 8 % der verfügbaren Einkommen und war damit so hoch wie Mitte der 90er Jahre. Dazu trugen nach Einschätzung der Bundesbank eine bessere Ertragslage der Unternehmen und ein höheres Sparvolumen der privaten Haushalte bei. Bei den Haushalten konnten einerseits die wegen der ungleichen Einkommensverteilung immer zahlreicheren mit höheren Einkommen mehr sparen. Andererseits fühlten sich die mit geringeren Einkommen trotz ihrer ungünstigeren Lage wegen der Unsicherheiten bei Arbeitsplätzen und Renten zu einer höheren Sparleistung gezwungen.

Normalerweise hätte wie in früheren Jahren eine höhere Sparquote auch die Quote der Netto-Investitionen nach oben treiben müssen, was dann auch zu mehr Arbeitsplätzen und einer Modernisierung der Volkswirtschaft hätte führen können. Unternehmen und Staat taten jedoch das Gegenteil und reduzierten den Anteil der Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen drastisch von etwa 8 % in 2000 auf nur noch 3 % im vergangenen Jahr. Da die Sparquote im längerfristigen Vergleich nicht ungewöhnlich hoch liegt, dafür aber die Investitionsquote ungewöhnlich niedrig, spricht die Bundesbank von einer "Unterinvestition" in Deutschland. Das Schaubild 04211 zeigt die Lücke sehr deutlich.



Wie ungewöhnlich die niedrige deutsche Investitionsbereitschaft im internationalen Vergleich ist, zeigt ein Vergleich mit Frankreich: Abb. 12060.



Das Bild im breiteren Vergleich der entwickelten Industrieländer (OECD) ist ähnlich. Hier ist Deutschland mit Portugal das absolute Schlußlicht (Abb. 13024). Die deutsche Entwicklung war in allen Jahren seit 2001 deutlich schlechter als im OECD-Durchschnitt (Abb. 13030).





Die Industrie investiert vor allem deshalb nicht, weil sie bei stagnierender oder real rückläufigen Massenkaufkraft den Markt der deutschen Verbraucher für mehr Produktion nicht findet. Die Bundesbank läßt sich allerdings auf diese Argumentation nicht ein.

Wo sind dann die deutschen Ersparnisse geblieben? Sie wurden über Export- und Leistungsbilanzüberschüsse nach draußen gegeben. Oder Originalton Bundesbank: "Entsprechend stellte Deutschland dem Ausland über Netto-Kapitalexporte in beträchtlichem Maße heimische Ersparnisse zur Verfügung. Im Jahr 2005 waren es sogar mehr als 60 %." Man kann es auch weniger freundlich formulieren: Deutschland unterstützte arbeitsplatzschaffende Investionen im Ausland statt zu Hause.

Die Exportüberschüsse, die zu den Kapitalexporten führten und weiter führen, waren im Übrigen nicht unbedingt ein gutes Geschäft. Nach Feststellungen der Bundesbank haben die deutschen Exporteure offensichtlich die erhebliche Kostensteigerung bei Vorleistungsgütern, insbesondere Rohstoffen, nur zum Teil an ihre ausländischen Kunden weitergegeben. An anderer Stelle des Berichts spricht die Bundesbank davon, daß das hohe Ausfuhrwachstum einen relativ großen und wachsenden Anteil an importierten Vorleistungen erfordert, die schon im Jahr 2000 bei 40 % lagen und seitdem weiter zugenommen haben dürften (alles Originalton Bundesbank). So spielten in der Automobilindustrie importierte Vorleistungen aus den EU-Beitrittsländern in Mittel- und Osteuropa eine immer stärkere Rolle.

Den Exportanstieg selbst führt die Bundesbank u. a. auf eine deutliche Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zurück. Die Preis- und Kostensituation lag 2005 nach ihren Feststellungen bereits um 5 ½ % günstiger als im langfristigen Durchschnitt. Was verbirgt sich hinter diesen vornehmen Worten der Bundesbank? Neben einer Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar in 2005, nichts weniger als das Ergebnis der nun seit Jahren anhaltenden Lohndrückerei, die die Lohnstückkosten in Deutschland weit weniger hat steigen lassen als in den meisten vergleichbaren Konkurrenzländern, und hier vor allem den Ländern des Eurowährungsgebietes. Und die können diese Entwicklung nicht mehr wie früher durch eine Anpassung der Wechselkurse ausgleichen. Also ein "Heimspiel" der deutschen Exportwirtschaft (wenngleich auf dem Rücken einer nun seit Jahren miserablen deutschen Binnenkonjunktur). Auch hierzu hat die Bundesbank einen bezeichnenden Vergleich angestellt (Abb. 04212).



Die Saldoentwicklung war in der Tat entscheidend durch die Entwicklung innerhalb der Eurozone bestimmt (Abb. 04175). Im vergangenen Jahr kamen hier mehr als 65 % des deutschen Gesamtüberschusses zusammen. Rechnet man die anderen EU-Länder dazu, die zum größten Teil dem Eurokurs als Leitwährung folgen, so waren es sogar 80 %.



Trotz aller Sorgen wegen mangelnder Investitionen im Inland und statt dessen eines hohen Transfers der deutschen Sparquote ins Ausland hält die Bundesbank auch noch einen Trost bereit: Dies sei ein möglicher Weg, um die künftigen Belastungen aus der Überalterung der Gesellschaft abzufedern. Soll heißen: Deutschland kann sich das Kapital später für seine Altersversorgung zurückholen. Hat die Bundesbank daran gedacht, daß diejenigen, die jetzt Kapital ins Ausland transferieren können, nur zu einem kleinen Teil dieselben sein werden, die später unter niedrigen Renten werden leiden müssen? Und macht es wirklich Sinn, die deutsche Produktivkraft durch Unterinvestment in die Zukunft des Landes zu schwächen, um später einmal Kapital zurückzuholen? Und schließlich: Wie viel der sehr hohen Auslandsanlage wird eigentlich entwertet, wenn es zu Währungsanpassungen kommt, z. B. bei einem nicht ganz unwahrscheinlichen Absturz des Dollars?


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