Die Lehrstellensituation hat sich sehr ungünstig entwickelt. Nach einer neuen Studie des Bundesinstituts für
Berufsbildung (BIBB), das rund 1900 Schulabgänger interviewte, ging 2005 jeder zweite Schulabsolvent, der auf der Suche nach einer Lehrstelle war, leer aus. Ende September 2005 standen den
Hochrechnungen zufolge noch rund 200.000 Bewerber ohne Lehrstelle da. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zählte dagegen Ende September nur rund 40.900 erfolglose Bewerber, weil - auch wenn
sie weiter nach einer Lehrstelle suchen - dabei alle Jugendlichen herausfallen, die ein Berufsvorbereitungsjahr oder eine ähnliche Maßnahme absolvieren, ein Praktikum machen oder schlicht
einen Job annehmen, der keiner Qualifizierung bedarf.
Besonders schlechte Chancen haben Hauptschüler. Gut drei Viertel wollten der Studie zufolge eine Lehrstelle finden, doch deutlich weniger
als die Hälfte davon (43 Prozent) hatten tatsächlich eine Ausbildung begonnen. Viele landeten in Ersatzmaßnahmen, durch die sich ihre Bewerbungschancen allerdings kaum verbesserten
(Abiturienten hatten dagegen eine dreimal so hohe Chance auf eine Lehrstelle wie Hauptschulabsolventen).
Der Schnitt derer, die direkt nach der Hauptschule eine Ausbildungsstelle bekommen, liegt gerade einmal bei ca. 8%. Das heißt, bei einer Klassenstärke von 25 Schülerinnen und
Schülern bekommen gerade einmal 2 direkt einen Ausbildungsplatz. In sogenannten Problemviertels ist der Schnitt noch um einiges geringer.
Nicht einmal erfaßt werden bei solchen Zählungen die vielen Jugendlichen, die sich sowieso keine Chancen
ausrechnen und sich deshalb gar nicht erst um einen Ausbildungsplatz bewerben. Besonders dramatisch gestaltet sich die Lage für ausländische Jugendliche: Unter ihnen haben sogar nur ein
Viertel der Interessierten einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen. Rund 36 Prozent aller Migrantenkinder haben im Ergebnis keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Vorfälle an der Berliner
Rütli-Schule haben darauf ein grelles Schlaglicht geworfen.
Die schwierigen Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt überträgt sich im übrigen auf die Berufsschulen. Der Anteil
von Lehrlingen an den Berufsschülern ging von 67 % 2000/01 auf nur noch 60 % in 2005/6 zurück.
Auch bei der beruflichen Weiterbildung sieht es nicht besonders gut aus. Die Frankfurter Rundschau hat kürzlich Mytzek-Zühlke vom Wissenschaftszentrum in Berlin befragt. Nach seinen
Ermittlungen nimmt Deutschland im europäischen Vergleich nur einen Platz unterhalb des Durchschnitts ein: " Ich untersuche die Weiterbildungsaktivitäten von privaten Betrieben in vier
europäischen Ländern: in Deutschland, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Die Zahlen, auf die ich mich berufe, sind aus der Europäischen Weiterbildungserhebung und seit
2001 bekannt. 32 Prozent der Beschäftigten in deutschen Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten haben 1999 an Weiterbildungsaktivitäten teilgenommen. In Schweden waren es 61
Prozent, in Dänemark 53 Prozent, selbst in Großbritannien waren es 49 Prozent (siehe Abb. 12135). Deutschland ist also in diesem Ländervergleich das Schlusslicht."
II. Zu wenig öffentliche Bildungsausgaben
Ein besonders leidiges Thema in Deutschland ist der Einsatz öffentlicher Mittel im Bildungssystem. Auch hier rangiert Deutschland unter "ferner liefen". Mit einem Einsatz von nur 4,4 % des
Bruttosozialprodukts unterbietet Deutschland noch den OECD-Durchschnitt von 5,1 % und liegt weit hinter dem Spitzenreiter Dänemark mit 6,8 %, der in dieser Hinsicht mehr als die Hälfte mehr
als Deutschland auf die Bildungswaage bringt (Abb. 13004 und 12082).
III. Schlechte Aussichten für Niedrigqualfizierte
Die beruflichen Aussichten dieser Niedrigqualifizierten sind alles andere als gut. Sie finden immer
weniger Arbeitsplätze in der Industrie, weil einfache Arbeiten im Zeichen der Globalisierung immer mehr in Billigländer verlagert werden, wo sie für einen Bruchteil der Kosten
verrichtet werden, oder weil sie unter dem Druck der Globalisierung durch Automaten ersetzt werden. Angesichts des hohen Anteils
an Niedrigqualifizierten unter den Jüngeren kann der Anstieg der Arbeitslosenquote bei den Jüngeren unter 25 Jahren auf fast 13 % im
vergangenen Jahr nicht überraschen (Abb. 12137).
Das führt in der Folge zu einem zunehmenden Minijob-Sektor mit einfachen Dienstleistungen
(Abb. 04076 und 04051).
Derzeit gibt es in Deutschland bereits 4,8 Millionen Menschen, die ausschließlich einen Minijob mit hoher Fluktuation haben. Zwei Drittel aller Minijobber treten
innerhalb eines Jahres eine neue Stelle an oder beendigen sie wieder. Besonders hoch ist die Fluktuation im Hotel- und Gastsstättengewerbe sowie in den Reinigungsberufen, zumal diese Sparten mit
einem hohen Anteil an gering Qualifizierten arbeiten (Abb. 04078).
Insgesamt verändert sich damit die Dynamik am Arbeitsmarkt in Richtung auf mehr Unsicherheit. Der Bericht des Instituts
für Arbeit und Technik - IAT (2007-7) sagt vorraus, daß bei weiter wachsender Minibeschäftigung in den Branchen mit hohen Anteilen von gering qualifiziert Beschäftigten derartige
Personen zunehmend Schwierigkeiten haben könnten, ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen.
Nach einer jetzt bekannt gewordenen Studie des Schweizer Wirtschaftsforschungsunternehmens
Prognos wird die Globalisierung für den deutschen Arbeitsmarkt weiter an Bedeutung gewinnen.
Die Arbeitsmarktchancen für gering Qualifizierte werden sich dabei durch Rationalisierung,
Strukturwandel und Globalisierung in jedem Fall deutlich weiter verschlechtern - Millionen Jobs für Un- und Angelernte würden verschwinden, erwarten die Schweizer Wirtschaftsforscher.
Prognos rechnet daher auch noch für 2010 mit 4,6 bis 4,8 Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Danach soll dann die Arbeitslosenzahl zurückgehen, falls für Niedrigqualifizierte ein
Niedriglohnsektor aufgebaut wird. Was Prognos dabei allerdings vergißt, ist, daß dann unbegrenzt Billigarbeitskräfte aus den osteuropäischen EU-Beitrittsländern nach
Deutschland strömen werden, für die ein Niedriglohnsektor verglichen mit den Bedingungen zu Hause immer noch sehr attraktiv sein wird. Die Begrenzungen erlaubenden Übergangsregelungen
laufen dann ersatzlos aus.
Einer der Hauptgründe für die prekäre Situation der Niedrigqualifizierten liegt in der starken Exportorientierung der deutschen Wirtschaft. Sie beruht nicht
zuletzt auf einer Kostenkalkulation, bei der sehr oft einfache Vorprodukte aus Niedrigkostenländern importiert werden und weniger qualifizierte Beschäftigung dementsprechend dorthin
verlagert wird. Die deutschen im DAX-30 notierten Großunternehmen haben bereits zwei Drittel ihres Umsatzes im Ausland, ein im internationalen Vergleich besonders hoher Anteil (Abb.
12119), und verlagern schon deshalb besonders stark.
Außerdem drängt die deutsche Industrie im Interesse ihrer Exportchancen im Gegenzug auf eine Öffnung des deutschen Dienstleistungsmarkts
für osteuropäische Arbeitskräfte sowie auf eine fortgesetzte Erweiterung der Europäischen Union um Billigstandorte - alles Entwicklungen, die den deutschen Niedrigqualifizierten
das Leben schwer machen werden.
Was Deutschland damit riskiert, ist das Hochwachsen einer frustrierten und teilweise gewaltätigen Unterklasse mit allen ungünstigen gesellschaftspolitischen
Folgen, die man sich leicht vorstellen kann.
IV. Dringende Abhilfe tut not
Deutschland muß vor allem viel mehr tun, um den hohen Sockel der Niedrigqualifizierten abzusenken. Dazu gehören mehr öffentliche Ausgaben für die
Schulen, so daß mehr Lehrer für kleinere Klassen zur Verfügung stehen. Gerade weniger Begabte brauchen eine intensivere schulische Betreuung.
Mit zwingenden steuerlichen oder anderen
Maßnahmen sollten die Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft zur Bereitstellung von mehr Lehrstellen, besserer beruflicher Forbildung und vor allem zur Aufnahme eines festzusetzenden Anteils
an Niedrigqualifizierten veranlaßt werden.
Da die Verlagerung einfacher Industrie-Beschäftigungen in Niedrigslohnländer im Zeitalter der Globalisierung - von den notwendigen
Antidumpingmaßnahmen abgesehen - handelspolitisch kaum zu bremsen sein wird, sollten jedenfalls die deutschen Dienstleistungssektoren vor einem Überfluten durch Billigstarbeitskräfte
aus Osteuropa, das zu Dumpingkonditionen stattfinden würde, geschützt werden. Die EU-Beitrittsregeln, die zur Zeit noch administrative Hürden
gegen die Migration zulassen, werden in wenigen Jahren auslaufen. Daher wird nur die Möglichkeit bleiben,
durch Einführung von Mindestlöhnen für einfache Tätigkeiten ein Lohndumping zu verhindern. Mehrere europäische Länder, wie Frankreich oder
Großbritannien, haben aus sozialen Gründen schon vor vielen Jahren solche Mindestlöhne eingeführt.
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