Armut in 
Deutschland


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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 12/06/2006 09:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006) und "Deutschland global" (2005)


In einem Kommentar für "Die Zeit" kommt Nico Stehr zum Ergebnis, die immer wiederholte Forderung nach Reduktion des Treibhausgasausstoßes habe wenig mit dem praktischen Problem des Umweltschutzes zu tun, denn die Lösung müsse aus Anpassung an die unvermeidliche Entwicklung bestehen. Die für ein Anhalten des Klimawandels notwendige Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen belaufe sich auf etwa 70 bis 80 Prozent. Dies ginge nicht, ohne die Hoffnungen und Erwartungen von mehr als achtzig Prozent der Weltbevölkerung zu ignorieren. Anpassungsstrategien beschrieben dagegen das Mögliche. Und Menschen könnten ihre Verhaltensweisen leichter, nachhaltiger und zielgenauer beeinflussen als das globale Klima. Anpassung heiße also, jedem die Chance zu geben, auf Veränderungen reagieren zu können. Eine Umweltpolitik, die das begriffen habe, wäre wirklich nachhaltig - und sie ließe sich auch durchsetzen.

Es ist dies wohl die eigenartigste Äußerung, die man jemals zu der drohenden Klimakatastrophe in der Weltpresse lesen konnte, und für eine respektierte Zeitschrift wie "Die Zeit" nicht recht nachvollziehbar. An eine Entwicklung, bei der der Ausstoß von Teibhausgasen unbegrenzt hochläuft, indem die alten Industrieländer - vor allem die USA - ihr hohes Niveau halten oder gar noch weiter steigern und sich die restlichen 80 Prozent der Weltbevölkerung in dieselbe Richtung bewegen, gibt es für den weitaus größten Teil der Menschheit keine humane Anpassung. Dagegen würden die Reichen dieser Welt natürlich mit der Anpassung relativ wenig Probleme haben. Die neoliberale Ideologie läßt grüßen!

Derzeit erhöht sich der Meerespiegel bereits alle 10 Jahre um 3 cm, der doppelten Durchschnittsgeschwindigkeit des vergangenen Jahrhunderts. Etwa 20 % der Menschheit lebt in einem Radius von 30 km an den Meeresrändern. Allein die vielen Metropolen auf Meereshöhe und in dessen Nähe, wie Shanghai, Kairo, New York und London, sind bei dem im Fall der Katastrophe zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter und mehr gegenüber dem vorindustriellen Niveau nicht zu halten. Die Kosten einer Umsiedlung wären dramatisch höher als der notwendige Verzicht auf die Freiheit des unbegrenzten Treibhausgasaustoßes. Die Rückwirkungen auf die Ernährungslage der Welt bei sich ausbreitenden Trockenzonen und wegen Versauerung der Meere schrumpfenden Fischbeständen würden ebenfalls jenseits jeder realistischen Anpassungmöglichkeit liegen. Entgegen der seltsamen Schußfolgerung in "Die Zeit" wird eine begrenzte Anpassung nur möglich werden, wenn wenigsten die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe durch rechtzeitige drastische Eindämmung des Emissionsanstiegs verhindert werden.

Man wird vermuten können, daß das neoliberale Wirtschaften um den Globus herum schon wegen der Rückwirkungen auf das Weltklima keine lange Zukunft haben kann. Auch die USA werden zur Einsicht kommen müssen, daß die Freiheit des "American Way of Life" (siehe Abb. 07019 und 07007) nicht grenzenlos sein kann.





Die Verbreitung dieses Lebensstils in die "Dritte Welt" hinein wird als verhängnisvoll erkannt werden: Wenn jeder zweite Chinese eines Tages ein Auto besitzen sollte, wie in USA, so würde sich die Zahl aller Autos in der Welt schon deswegen von jetzt 540 Millionen um weitere 600 Millionen mehr als verdoppeln. Die alten Industrieländer, die noch über relativ umweltfreundliche Industrien verfügen, werden einsehen müssen, daß eine neoliberale Verfrachtung der Industrieproduktion in Niedrigstlohnländer wie Indien und China nicht wie bisher fortgesetzt werden kann, da dort pro Einheit an Bruttoinlandsprodukt bis zu zweimal so viel CO2-Emission erzeugt wird wie z.B. in der Eurozone, bei bis zu fast dreimal soviel Verwendung von Kohle in der Stromerzeugung (Abb. 07062).



Schon heute verbraucht China mehr Kohle als die USA, die EU und Japan zusammen. In jedem der letzten zwei Jahre ist der Verbrauch um 14 % gestiegen. Alle sieben bis zehn Tage geht ein neues großes Kohlekraftwerk irgendwo in China ans Netz. Dabei ziehen die chinesischen Kraftwerksbetreiber billige und umweltbelastende Technologie von mit ihnen verbundenen heimischen Herstellern dem Import teuerer moderner und umweltfreundlicherer Ausrüstung vor. Über die nächsten 25 Jahre werden die Treibhausgase aus Chinas Kohlekraftwerken die Treibhausgas-Emissionen aller Industrieländer zusammen übersteigen und fünfmal mehr an Belastung ergeben als die vom Kyotoprotokoll vorgesehenen Einschränkungen. Zu allem Überfluß treibt jetzt auch Indien den Bau von Kohlekraftwerken an und seine Bevölkerung wird die chinesische in 25 Jahren überholen.

Um den schlimmsten Belastungen des Weltklimas entgegenzuwirken, wird das Welthandelssystem um eine Umweltklausel ergänzt werden müssen, die die Verhinderung von Importen zuläßt, wenn Waren aus Ländern kommen, die Mindestbedingungen des weltweiten Umweltschutzes, z.B. bei der Ausrüstung von Kohlekraftwerken, zuwiderhandeln. Das klingt aus heutiger Sicht noch drakonisch. Aber wenn das Wasser so weiter steigt, wird sich die Lernfähigkeit der Menschheit zeigen. Gerade die 80 % der Menschheit, denen der Zeit-Kommentator keine Beschränkungen auferlegen möchte, würden sonst zu den ersten Opfern der Katastrophe zählen.


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