Globale Finanzen: Deutschland - 2. Liga


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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 02/06/2006 09:37 -

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Im Zeichen der Globalisierung entscheidet nicht zuletzt die Position auf den Finanzmärkte über den Stellenwert eines Landes. Wie enorm sich die Finanzmärkte entwickelt haben, zeigt Abb. 03035.



Dazu trägt ein gigantisches Ausmaß an spekulativen Bewegungen bei, die weit über den Bedarf des internationalen Warenverkehrs hinausgehen und die menschliche Vorstellungskraft sprengen. Sie entscheiden mit über Wechselkurse, Konkurrenzbedingungen und Arbeitsplätze in den meisten Ländern der Welt. Der globale Währungshandel hat mit etwa 1.900 Mrd US$ pro Tag einen neuen Rekord erreicht. Um die kaum vorstellbare Größenordnung wenigstens etwas zu verdeutlichen: Das entspricht auf Tagesbasis dem 78-Fachen des weltweiten Warenverkehrs oder dem 260-Fachen des Bruttoinlandsprodukts Deutschlands oder dem 630-Fachen aller Bruttolöhne und -Gehälter in Deutschland. Das Spiel-Kapital der Hedgefonds hat jetzt 1200 Mrd. $ überschritten. Das entspricht knapp der Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Der Umsatz an spekulativen Finanzpapieren in Form von Derivativen an den Terminbörsen hat sich seit 2000 fast vervierfacht und erreicht ein durchschnittliches Tagesvolumen von fast 4 Billionen US$ oder weit mehr als das Tausendfache aller täglichen Bruttolöhne und -Gehälter in Deutschland (Abb. 03044). Für 2006 wird der Markt für Derivative nun auf eine halbe Trillion US$ geschätzt, eine Zahl mit 14 Nullen oder zehnmal das gesamte Bruttoinlandsprodukt der ganzen Welt.



Deutschlands Exportstärke täuscht darüber hinweg, daß das Land nur in der zweiten Liga der Finanzmärkte spielt. Im Poker um Spitzenpositionen kann Deutschland nicht mithalten. Dies wird gerade wieder durch die internationale Welle an Börsenfusionen bewiesen. NewYork Stock Exchange und Euronext bilden die bei weitem größte Börse der Welt, die amerikanische Nasdaq hat bereits einen 25-%-Anteil an der Londoner Börse erworben und die Deutsche Börse geht trotz aller Ambitionen leer und einsam aus (Abb. 12168).



Dem entspricht das Fehlen einer privaten Aktienkultur in Deutschland. Nach einer älteren vergleichenden Studie von 1999 lag der Anteil privater Aktionäre damals bei nur wenig mehr als acht Prozent der Bevölkerung, verglichen z. B. mit 46 Prozent in Großbritannien, 44 Prozent in Belgien und 19 Prozent in Frankreich. Einschließlich der Besitzer von Aktienfondsanteilen hatte Deutschland nach kräftigem Zuwachs 2001 etwa 13 Millionen Aktionäre, was einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 20 Prozent entsprach, immer noch also erheblich unter den Werten in Vergleichsländern. Seit 2001 ist die Entwicklung jedoch rückläufig und ließ die Zahl der Aktionäre bis 2005 auf 11 Millionen oder 16,6 Prozent der Bevölkerung fallen (Abb. 03045).



Nach der SPIEGEL-Umfrage „Soll & Haben" unter mehr als 10.000 Deutschen vom September 2004 fürchten nicht weniger als 79 Prozent bei Vermögensanlagen in Aktien große Verluste. Die Umfrage fand nur noch bei sechs Prozent der Befragten ein Aktiendepot vor - ein Rückfall in die Zeit vor acht Jahren. Das niedrige Niveau an Aktienkultur zeigt sich schließlich in der Art und Weise, wie sich Unternehmen finanzieren. Noch immer erfolgt 80 Prozent über Bankkredite statt Eigenkapital an der Börse, ein im internationalen Vergleich sehr niedriger Wert.

Der größte Teil der in Europa tätigen Hedgefunds, die ihrerseits etwa 15 Prozent Anteil am Weltmarkt für Hegefunds haben, sitzt in Großbritannien. Der Anteil in Deutschland belegener Funds liegt dagegen unter ein Prozent und damit weit hinter der Spitzengruppe, die (neben Großbritannien) Frankreich, Spanien, Schweden, Niederlande und Irland einschließt (siehe Abb. 03011 und 03012). Dagegen halten internationale Funds - zusammen mit anderen privaten ausländischen Anlegern - bereits über die Hälfte der frei flotierenden Gesellschaftsanteile der deutschen Spitzenunternehmen (Dax-30). Auch Private Equity Unternehmen, die in Deutschland als „Heuschrecken" gelten, sitzen vor allem in USA und Großbritannien und nur sehr selten in Deutschland, obwohl sie hier eine ihrer Hauptspielwiesen entdeckt haben.





Wenn ein Vergleich wie im Brennglas die deutschen Globalisierungsrückstände im Finanzbereich veranschaulichen soll, so ist es der zwischen den Geldmetropolen London und Frankfurt, und dieser Wettbewerb wird in Deutschland, aber auch in Großbritannien, sorgfältig verfolgt. Allen deutschen Hoffnungen zum Trotz spielt Frankfurt selbst mit der hinzugekommenen Europäischen Zentralbank weiterhin in einer anderen Liga. Die von den Regierungen beider Länder gegründete Anglo-German Foundation for the Study of Industrial Society hat Frankfurts Rückstand gegenüber London 2001 sehr anschaulich an Hand vieler Daten aus neuerer Zeit herausgearbeitet. Danach hatte London 59 Prozent des Weltumsatzes an ausländischen Aktien gegenüber nur fünf Prozent für Frankfurt. London hatte achtmal mehr im Volumen der institutionellen Fonds für Aktienkapital, siebenmal mehr im Umsatz von Auslandswährungen, fünfmal mehr im Umsatz von Derivativen oder 1,4-mal mehr in Bruttosozialprodukt pro Kopf. 80 Prozent der Initial Public Offerings (IPO) Westeuropas liefen 2004 über London. Nur beim Anleihenmarkt liegt Frankfurt vorn.

Sehr aussagekräftig ist auch die Betrachtung der Häufung an Firmenhauptquartieren: Von den „Fortune Global 500" Gesellschaften hatten 128 ihren europäischen Sitz in London und nur 12 in Frankfurt; auch Paris hatte dreimal mehr als Frankfurt angezogen. London ist schließlich bei weitem der weltgrößte Umschlagplatz für Devisen. Natürlich sind im föderalen deutschen System die Geschäftsaktivitäten bei weitem nicht so auf Frankfurt konzentriert, wie dies in Großbritannien für London gilt, aber dennoch ist der Vergleich beider Städte für die Beurteilung der Position Deutschlands im Globalisierungsprozeß wichtig.


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