Über die oft fast obzöne Bereicherung deutscher Unternehmensvorstände
und das zweierlei Maß
Deutsche Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften werden nun schon seit vielen Jahren von fast
allen Seiten aus Wirtschaft, Politik, Medien und Wirtschaftswissenschaften zur Lohnzurückhaltung ermahnt. So hat auch im Vorfeld der Tarifverhandlungen für 2006 Gesamtmetall-Chef Martin
Kannegiesser angekündigt, die rund 3,5 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie müßten sich auf Reallohnverluste einstellen. Tatsächlich sind die Löhne
und Gehälter real im vergangenen Jahr um weitere 3 % zurückgegangen (Abb. 04173).
Nicht einmal eine Teilnahme am Produktivitätsgewinn der Volkswirtschaft wird den Arbeitnehmern
gegönnt (Abb. 04990).
Der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen sinkt und sinkt (Abb. 04027).
Bei so viel Kaufkraftentzug geht die Binnenkonjunktur natürlich am Stock (Abb.
04055) und dies wiederum hält die Arbeitslosigkeit mit allen weiteren Konsequenzen hoch.
Dagegen waren die Einkommen der Unternehmensvorstände in Deutschland, anders als z. B. in USA,
immer ein besonderes Geheimnis. Das wird sich erst demnächst voll lüften, wenn das neue Gesetz greift. Warum eigentlich die Geheimniskrämerei? In seiner
Stellungnahme vom April 2005 zum Referentenentwurf eines Gesetzes
über die Offenlegung der Vorstandsvergütungen verraten Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und
Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ein wohl eher vordergründiges Motiv für die Geheimniskrämerei: Es sei sonst eine Angleichung der Vorstandsbezüge
mindestens innerhalb einer Gesellschaft, möglicherweise aber auch zwischen verschiedenen Gesellschaften nach oben mit entsprechender Kostenfolge für die Unternehmen zu erwarten. Vielleicht
wird ein Schuh draus, wenn man die Gefahr anspricht, daß sich die Arbeitnehmer in der Auseinandersetzung um ihre Löhne auf bekanntwerdende individuelle Vorstandsgehälter berufen
könnten, und vielleicht liegt hier das eigentliche Motiv?
Die Vorstandseinkommen und der Umgang mit Vorstandsabfindungen sind in Deutschland zu einem besonderen Thema geworden, seit im
Mannesmann-Prozeß die Millionen-Abfindungen bekannt wurden und seit einzelne Vorstandssprecherbezüge durch die Medien geistern, besonders die 12 Millionen für 2005 des
Vorstandssprechers der Deutschen Bank. Sieben der dreißig im DAX-30 gelisteten deutschen Kapitalgesellschaften halten die Bezüge ihrer Vorstandssprecher immer noch geheim. Ausgerechnet die
wirtschaftsnahe FT-Deutschland wartet jetzt mit einer kompletten Liste der Einkommen der Gesamtvorstände der im DAX-30 gelisteten Unternehmen (nicht einzelner Mitglieder) und der meisten Vorstandssprecher auf. Nach
eigener Einschätzung will die FT Deutschland damit Fakten für die Diskussion um die Vorstandsvergütung liefern. Die Daten zeigen, daß die Vorstände im Durchschnitt im vergangenen
Jahr 10,9 % auf ihre ohnehin hohen Bezüge von zusammen 430 Mio Euro draufgelegt haben (Abb. 04215, 04216).
Im Durchschnitt bezog jeder Gesamtvorstand damit 14,3 Mio Euro und jedes einzelne
Vorstandsmitglied ungefähr 1,8 Mio Euro oder das 45-Fache des durchschnittlichen Jahresverdienstes deutscher Arbeitnehmer, anders ausgedrückt: in einem einzigen Jahr mehr, als ein normaler
deutscher Arbeitnehmer in seinem gesamten Arbeitsleben verdienen kann. Die 23 Vorstandsvorsitzenden, deren Bezüge nicht mehr geheim gehalten werden, verdienten im Durchschnitt jeder 3,4 Mio Euro
oder etwa soviel wie durchschnittlich 85 Arbeitnehmer zusammen (Abb. 04217).
Allein, was jeder einzelne Vorstand im Durchschnitt 2005 noch oben draufgelegt bekommen hat, entspricht dem
Jahresverdienst von mehr als vier durchschnittlichen Arbeitnehmern in Deutschland. Da soll noch einer kommen und von Sozialneid sprechen! Sind es doch oft dieselben Vorstandsmitglieder, die selbst
oder durch das Sprachrohr ihrer Verbände den Arbeitnehmern Bescheidenheit predigen.
Wie gut es den deutschen Unternehmen und ihren Vorständen geht, zeigt auch ein Blick auf die
Unternehmensgewinne. Die Gewinne der im DAX-30 gelisteten deutschen Konzerne machen gewaltige Sprünge nach oben. Sie sind im Jahr 2005 um 30,6 Prozent auf 51 Milliarden Euro gestiegen - so stark
wie noch nie zuvor, nicht zuletzt auf dem Rücken stagnierender oder real rückläufiger Arbeitnehmereinkommen (Abb. 04208).
Der Zuwachs der Profite großer deutscher Unternehmen konnte dabei über
die letzten zwei Jahre auf internationale Rekordhöhen hochschießen (Abb. 12118). Sicher nicht ganz unabhängig davon: Deutschland hat nach den USA die meisten
Milliardäre in der Welt.
Kein Wunder bei so viel Gewinn, daß der Geschäftsklima-Index in Deutschland nach oben strebt!
Da gleichzeitig
die deutsche Binnenkonjunktur durch Kaufkraftentzug im Kühlschrank gehalten wurde , wurde natürlich auch sehr wenig der Gewinne in den vergangenen Jahren in Deutschland
arbeitsplätzeschaffend investiert. Die Unterinvestition stellt auch die Bundesbank in ihrem letzten Monatsbericht fest. Unternehmen und Staat reduzierten den Anteil der
Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen drastisch von etwa 8 % in 2000 auf nur noch 3 % im vergangenen Jahr (Abb. 04211).
Fazit: Es kann Deutschland nicht gut gehen, wenn ein kleiner Teil der Bevölkerung, zu dem die Unternehmensvorstände zählen, immer besser verdient, die Massenkaufkraft aber am Boden
liegt. Mit Sozialneid hat solche Kritik wahrlich nichts zu tun!
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