„Weil Du arm bist, mußt Du früher sterben" hieß der alte Slogan. Heute muß man das leider auch auf „weil
Du arbeitslos bist ..." reimen, oder genauer: „weil Du alt und arbeitslos bist ". Das kann eigentlich keine Überraschung sein, da die Streßbelastungen der Arbeitslosigkeit gerade bei
älteren Menschen ihren Tribut einfordern müssen.
Die Arbeitslosigkeit derer von 50 Jahren und älter hat sich in Deutschland besonders ungünstig entwickelt. Sie stellen jetzt
bereits 38 % aller Arbeitslosen. Ihre Zahl ist im Laufe von nur zwei Jahren bis Januar 2006 um 18 % auf über 1,9 Millionen dramatisch gestiegen (Abb. 04168) und steigt und steigt. Wenn die Entwicklung der
Altersarbeitslosigkeit nicht korrigiert wird, führt sie praktisch immer häufiger zur Rentenkürzung selbst bei Menschen, die länger arbeiten wollen, und damit zu noch mehr
Streßbelastung. Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten Anregungen von deutschen Politikern einer noch schnelleren Verschiebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre sehr
bedrückend.
Im internationalen Vergleich hat Deutschland beim faktischen Renteneintrittsalter nach Frankreich den zweitniedrigsten Wert (Abb. 04156). Der negative Abstand zum gesetzlichen
Renteneintrittsalter von 65 Jahren ist dabei nirgendwo so groß wie in Deutschland.
Die Abb. 04020 zeigt die relativ niedrige Beschäftigungsquote in der Altersgruppe ab 55, und zwar erheblich unter den EU-15 und OECD
Durchschnitten.
Jeder wird bereits vermuten, daß Arbeitslosigkeit für die meisten Menschen mehr Streß bedeutet und daß mehr Dauerstreß die Lebenserwartung
verkürzt. Nach dem vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen am 2. Januar 2006 veröffentlichten Gesundheitsreport hat die Zunahme der psychischen Störungen im Erkrankungsgeschehen
schon seit einigen Jahren die Arbeitswelt, und zwar besonders an ihrem „dunklen" Ende, nämlich der Arbeitslosigkeit, erreicht. Der Anteil der psychischen Störungen an den
Krankheitstagen hat sich seit Beginn der neunziger Jahre mehr als verdoppelt (Abb. 04148).
Mehrere aktuelle Daten zeigen eine sehr enge Korrelierung zwischen der Entwicklung der Arbeitslosigkeit und
dem Auftreten psychischer Störungen an. So haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage ziemlich parallel zur steigenden Arbeitslosenquote vermehrt (Abb. 04146). In 2004 verzeichneten Arbeitslose
durchschnittlich 227 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte. Ihr Risiko psychisch zu erkranken ist damit weit höher als bei den Beschäftigten.
Bedeutet Altersarbeitslosigkeit
tatsächlich früheren Tod? Auf dem 2005 Ärztetag sagte Rudolf Henke, Vorsitzender des Ausschusses Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation der
Bundesärztekammer: „Arbeitslosigkeit macht arm, und Armut und Arbeitslosigkeit machen krank, und zwar beides bis hinein in die folgende Generation". Arme Menschen hätten
gegenüber Wohlhabenden eine durchschnittlich um bis zu sieben Jahre geringere Lebenserwartung, zudem hätten sie gegenüber den Wohlhabendsten in nahezu jeder Lebenssituation ein
mindestens doppelt so hohes Risiko schwer zu erkranken, vorzeitig zu sterben, einen Unfall zu erleiden oder von Gewalt betroffen zu sein. Betroffen seien vor allem Sozialhilfeempfänger,
Arbeitslose, Wohnungslose, alleinerziehende Frauen, kinderreiche Familien, Migranten, psychisch Kranke und Heimbewohner. Nach der Studie von Anette Reil-Held von der Universität Mannheim „
Einkommen und Sterblichkeit in Deutschland: Leben Reiche länger?" zeigt eine Auswertung des Sozio-ökonomischen Panels einen positiven Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der
Lebenserwartung von Männern und Frauen in der zweiten Lebenshälfte. Männer und Frauen im untersten Viertel der Einkommensverteilung haben eine um etwa 6 bzw. 4 Jahre kürzere
Lebenserwartung als Menschen im obersten Einkommensquartil (Abb. 04095).
Beim Weltkongress für Psychiatrie in Kairo von 2005 berichteten Wissenschaftler, je weniger ein Angestellter
Arbeitsabläufe und seine berufliche Zukunft selbst beeinflussen könne, desto höher sei das Risiko einer Erkrankung. So belege eine Studie aus Ungarn, daß zum Beispiel selbst das
Rauchen das Herzinfarktrisiko weniger stark beeinflußt als Arbeitslosigkeit oder die Angst vor dem Jobverlust.
Das britische British Medical Journal hat kürzlich eine Untersuchung der
Firma Shell zum Zusammenhang von frühem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und Lebenserwartung veröffentlicht. Die britischen Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 3.500 Rentnern
aus, die zuvor für Shell in der Erdöl verarbeitenden Industrie tätig waren. Ergebnis: Die mit 55 in den Ruhestand gegangenen und noch mit 65 lebenden Rentner hatten ein um 37 %
erhöhtes Sterblichkeitsrisiko als die mit 65 in den Ruhestand Gehenden (Abb. 04169).
Die Sterblichkeit in den ersten zehn Jahren nach Eintritt in den Ruhestand war ebenfalls erheblich höher als bei den
mit 65 Jahren Ausscheidenden. Man muß hier unterstreichen, daß es sich bei der Shell-Untersuchung um in der Regel freiwillige Abgänge in einen früheren Ruhestand
handelt. Wieviel stärker müssen dann die Auswirkungen auf die Lebenserwartung bei erzwungenem Abgang und längerer unfreiwilliger Arbeitslosigkeit sein? Auch diese Studie zeigt auf Deutschland
übertragen, wie enorm schädlich und menschlich bedrückend eine hohe Zwangsarbeitslosigkeit älterer Jahrgänge ist.
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