Hightech-Strategie

Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2006

Trotz anhaltender Exporterfolge hat sich die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands auf längere Sicht nicht gut entwickelt. Die Bedingungen für eine dynamische technologische Erneuerung und einen nachhaltigen Strukturwandel in Richtung Wissenswirtschaft müssen deutlich besser werden. Partiell gibt es durchaus Positives zu berichten. Die Geschwindigkeit und die Intensität, mit der Verbesserungen erzielt werden konnten, ist jedoch recht niedrig: In anderen Volkswirtschaften sind bereits seit Jahren intensivere Anstrengungen in Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technologie unternommen worden als hierzulande. Die deutsche Bundesregierung hat im Rahmen des Programms "Impulse für Wachstum und Beschäftigung" klare Prioritäten für Forschung und Innovation gesetzt. Dies ist richtig.
  • Wissenschaft und Forschung haben in Deutschland eine hohe Qualität. Allerdings sind die Kapazitäten für Lehre, Wissenschaft und Forschung am Weltmaßstab gemessen zu schwach ausgeweitet worden. Gerade wirtschaftsnahe Wissenschaftsbereiche (Maschinenbau, Verfahrens-, Fertigungstechnik usw.) müssten sich zudem stärker an internationalen Standards ausrichten.
  • Die Wissenswirtschaft braucht eine breite Basis an qualifizierten Fachkräften und deutlich mehr Hochschulabsolventen, insbesondere bei Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, aber auch mehr Ausbildungsplätze in technischen Berufen. Die demographische Entwicklung läuft in Deutschland auf einen Engpass bei Hochqualifizierten und Fachkräften hinaus.
  • Die Ausgaben für Forschung und experimentelle Entwicklung wurden von der Wirtschaft in Deutschland nicht kräftig genug erhöht, allenfalls im Rhythmus der Konjunktur. Der FuE-Personalstamm ist gar auf das Niveau Westdeutschlands von Mitte der 80er Jahre zurückgefahren worden. Ganz anders ist dies im internationalen Raum: Die Dynamik bei den Investitionen in FuE ist im letzten Jahrzehnt maßgeblich von aufholenden Ländern aus Asien (Korea, Indien, China etc.) vorgegeben worden. Dies gibt deutschen Unternehmen große (Export-) Chancen. Deutschen Klein- und Mittelunternehmen eröffnen sich durch die Integration der mittel- und osteuropäischen Länder Potenziale. Diese bieten ausreichend qualifiziertes Personal zu wettbewerbsfähigen Preisen. Aber es wachsen auch mehr Konkurrenten heran, der Innovationsdruck und die Notwendigkeit zum Strukturwandel nehmen erheblich zu.
  • Der Anteil von innovierenden Unternehmen hat wieder zugenommen. Die Bereitschaft zu Innovationen ist also da, allerdings sind die Vorhaben angesichts der Wachstumsschwäche im Inland mit wenig finanziellem Engagement verbunden. Die Unternehmen sind in den letzten Jahren vorsichtig geworden. Innovationen richten sich immer häufiger auf die Senkung von Kosten. Marktneuheiten, die die volkswirtschaftliche Angebotspalette bereichern, haben an Gewicht verloren.
  • Die Angebotsstrukturen haben sich in Deutschland nur sehr langsam verändert. Das Neugründungsgeschehen im Dienstleistungs- und Technologiesektor ist vergleichsweise verhalten. Branchen, die nur wenige Wachstumsaussichten und Beschäftigungsmöglichkeiten erwarten lassen, sind hingegen stabil gewesen. Eine Auffrischung der Wirtschaftsstruktur durch Unternehmen der Spitzentechnik und wissensintensiven Dienstleistungen ist erforderlich. Kapitalgeber und potenzielle Gründer gehen jedoch angesichts der Rahmenbedingungen nur wenig Risiken ein.
  • Die Exportleistungen der Industrie sind nach wie vor Deutschlands Aushängeschild. Innovationen richten sich zunehmend an den Weltmarktmöglichkeiten aus. Von der Globalisierung hat Deutschlands Industrie profitiert. Die größten Zuwächse hat es bei Spitzentechnologien gegeben, die insgesamt aber im deutschen Exportwarenkorb kein hohes Gewicht haben. Zudem sind die Einfuhren von forschungsintensiven Gütern wesentlich schneller gestiegen als die Ausfuhren. Dies betrifft derzeit besonders den Automobilbau, das "Herzstück" des deutschen Innovationssystems.

Hohe Exporterfolge - begrenzte Wachstumsaussichten

Deutschlands Industrie zeigt auf den Exportgütermärkten eine außerordentlich hohe Präsenz. Ausschlaggebend ist eine hohe Qualität der Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen. Forschungsintensive Erzeugnisse haben weltwirtschaftlich am kräftigsten expandiert. Deutschland hat auf diesen Märkten seinen ohnehin schon hohen Anteil am Welthandel in den letzten Jahren wieder etwas steigern können. Exporte von forschungsintensiven Gütern sind insgesamt seit langem der Hauptimpulsgeber für industrielles Wachstum in Deutschland. Ihre starke Position basiert im Wesentlichen auf Ausfuhren von "Hochwertiger Technik", sie bröckelt dort jedoch seit etwa einem Jahrzehnt etwas ab. Dass sich die Exportposition bei forschungsintensiven Gütern dennoch verbessert hat, geht vor allem auf die Gruppe der "Spitzentechnik" zurück - also auf einen Bereich, bei dem Deutschland bislang weniger stark vertreten war. Diese Industrien bieten jedoch langfristig die besten industriellen Wachstumsaussichten, was sich seit 2003 wieder sehr deutlich herauskristallisiert. Zur deutschen Positionsverbesserung haben auch Klein- und Mittelunternehmen beitragen können, die sich bei Spitzentechnologien intensiver als bei anderen Gütergruppen auf den internationalen Märkten durchgesetzt haben. 

Bei der Diskussion um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wird häufig übersehen, dass die Importe sowohl bei Spitzentechnologien als auch bei Hochwertigen Technologien trendmäßig noch stärker gestiegen sind als die Ausfuhren. Die Spezialisierung Deutschlands nimmt daher in den meisten dieser Industrien ab. Dieser Prozess ist ambivalent zu beurteilen. Einerseits bedeutet es, dass Deutschlands Technologieanwender intensiv auf weltweit neueste technologische Entwicklungen zurückgreifen. Einkommen und Beschäftigungen sind überwiegend in den Sekoren der mittleren und gehobenen Technologien entstanden - also durch eine geschickte Integration von (importierten) Spitzentechnologien in die angestammten Kompetenzen. Aus wirtschaftsstruktureller Sicht - die hier im Vordergrund steht - signalisiert dieser Trend jedoch, dass Deutschland die überdurchschnittlich hohen Wachstumschancen stark expandierender Spitzentechnikbranchen nicht ausschöpft. Die Entscheidungen von Konsumenten und Produzenten laufen vielmehr darauf hinaus, dass Deutschland länger als andere Volkswirtschaften an Industrien festhält, die kaum mehr wachsen.

Berücksichtigt man also sowohl Ausfuhren als auch Einfuhren, dann nimmt die deutsche Bilanz einen weniger günstigen Verlauf. Diese wird im Wesentlichen durch die Automobilindustrie geprägt. Ihr Gewicht und ihre Stärken im Außenhandel mit forschungsintensiven Waren sind so hoch, dass man ohne diese Branche nicht davon sprechen könnte, dass Deutschland bei forschungsintensiven Waren Vorteile hat. Andererseits ist aber auch der Abwärtstrend bei Hochwertigen Technologien eng mit der Automobilindustrie, z. T. auch mit dem Maschinen- und Anlagenbau, verbunden: Die recht einseitige Ausrichtung des deutschen Güterangebots ist nicht ohne Risiko. Die Automobilproduktion am Standort Deutschland hat seit einigen Jahren schon weniger zugenommen als die Industrieproduktion insgesamt.

Das Weltmarktangebot von neuen Technologien ist stark durch das Auftreten von Aufhol-Ländern, vornehmlich aus Asien, erweitert worden: Beispielsweise stammen 2004 bereits 7% der deutschen Einfuhren von forschungsintensiven Erzeugnissen aus China (1999: 2 %). Dies ist ein Zeichen dafür, dass sich Qualität und Wissen immer schneller verbreiten und dass es daher zunehmend nicht nur auf hohe Qualität, sondern auch auf Durchsetzungsvermögen im Preiswettbewerb ankommt. Dies hat sich bei den Innovationsmotiven klar bemerkbar gemacht: Prozessinnovationen zur Kostensenkung sind immer wichtiger geworden.

Die schwache Inlandsmarktentwicklung ist die Achillesferse für den wirtschaftlichen Strukturwandel in Deutschland: So sind Dienstleistungen, von denen noch am ehesten zu erwarten ist, dass sie zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten bereitstellen können, auf einen florierenden Inlandsmarkt angewiesen, da sie nur in begrenztem Umfang auf Auslandsmärkte ausweichen können. Wissensintensive Dienstleistungen stehen in besonders intensivem Kontakt mit Technologielieferanten aus der Industrie: Sie stellen einerseits meist besonders hohe Anforderungen an technologische Neuerungen (z. B. Kommunikation, Mobilität, Gesundheit, Umwelt usw.), andererseits unterstützen sie die (exportorientierten) Industrieunternehmen. Das Wechselspiel von Industrie und Dienstleistungen verläuft in Deutschland jedoch in gebremstem Tempo, weil zum einen wissensintensive Dienstleistungen nur schwach gewachsen sind und daher weniger Impulse für Innovationen gegeben haben. Zudem sind dort in den letzten Jahren ebenfalls Arbeitsplätze abgebaut worden. Die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft begünstigt zum anderen einseitig den Industriesektor, darunter zunehmend diejenigen Industrien, die nicht forschungs- oder wissensintensiv produzieren und kaum mehr expandieren werden. Deutschland ist in den letzten Jahren einen eigenständigen wirtschaftsstrukturellen Weg gegangen, der auf längere Sicht gesehen nur wenig Wachstumsperspektiven und kaum zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten verspricht. Notwendig ist ein schnellerer Strukturwandel hin zu Spitzentechnologien und wissensintensiven Dienstleistungen.

Wenig Dynamik im Unternehmensstrukturwandel und bei Innovationen - starke Weltmarktposition bei technologischen Erfindungen

Ein grundlegender Sektorstrukturwandel in Deutschland, der mit der Dynamik in anderen Ländern mithalten könnte, lässt sich aus dem Unternehmensstrukturwandel nicht ablesen: Zum einen steigt die Rate der Unternehmensschließungen im forschungs- und wissensintensiven Sektor der Wirtschaft, zum anderen sinkt die Rate der Unternehmensgründungen. Im Vergleich zu wichtigen Konkurrenzländern sind die Gründungen in forschungsintensiven Industrien schneller zurückgegangen. Während allenthalben Gründungszahlen bei wissensintensiven Dienstleistungen mit viel Elan nach oben zeigen, steigen sie in Deutschland erst jüngst wieder leicht an.

Tendenziell laufen Unternehmensgründungen und -schließungen in Deutschland auf einen höheren Unternehmensbestand in weniger wissensintensiven Branchen hinaus. Denn bei den in den letzten Jahren wieder nach oben gerichteten Gründungszahlen insgesamt ist zu berücksichtigen, dass in Deutschland überdurchschnittlich viele Menschen der Not gehorchend (Mangel an Arbeitsplätzen) den Weg in die Selbstständigkeit wählen. Unternehmensgründungen, deren primäres Motiv das Ausnutzen guter wirtschaftlicher Chancen ist, sind in Deutschland weniger häufig. Dies hat mit unsicheren wirtschaftlichen Aussichten zu tun, aber auch mit Risikoscheu bei potenziellen Gründern und Kapitalgebern. Jungen Unternehmen in Deutschland fehlt zum einen die Nestwärme einer expandierenden Binnennachfrage. Zum anderen benötigen innovationsorientierte Unternehmensgründungen auch Kapital. Bei den Zusagen von Risikokapital für Gründung und Expansion von neuen Unternehmen steht Deutschland jedoch weit hinten. Dies ist eine Gefahr für den Nachwuchs an forschenden und innovierenden Unternehmen in Deutschland. Denn junge Unternehmen sind besonders innovationsfreudig, und die weite Verbreitung von Innovationen in allen Teilen der Wirtschaft ist für Deutschland immer ein großer Vorteil gewesen. 

Innovatoren sind immer noch in großer Zahl in Deutschland zu finden: Ihr Anteil an allen Unternehmen ist seit 2002 wieder gestiegen. Nicht-innovierende Unternehmen sind verstärkt aus dem Markt ausgeschieden. Allerdings fehlt es seit Jahren an einer kräftigen Ausweitung des finanziellen Engagements. Die Innovatoren sind seit einigen Jahren vorsichtig geworden, die Unsicherheit über die weitere Entwicklung war und ist sehr groß. Die Innovationsetats 2005/6 sehen Steigerungen unterhalb der Umsatzerwartungen vor.

Die finanzielle Zurückhaltung sowie die bis 2002 rückläufige Innovationsbeteiligung haben die Verjüngung der Produktpalette in den Unternehmen, aber auch gesamtwirtschaftlich betrachtet, stark verlangsamt. Der Anteil von Marktneuheiten am Umsatz hat laufend nachgegeben. Um so erfolgreicher war die Industrie bei kostensenkenden Prozessinnovationen, die der internationale Wettbewerb herausgefordert hat.

Zusätzlich konnten die Unternehmen die gute Exportposition durch weiterhin zahlreiche Anmeldungen von weltmarktrelevanten technologischen Erfindungen absichern. Die Umsetzung von FuE-Ergebnissen in breite technologische Anwendungen funktioniert gut. Deutschland ist unter den großen Volkswirtschaften hinter Japan das patentintensivste Land und hält sich seit Jahren auf konstant hohem Niveau. Hiervon profitieren auch Industrien, die nicht dem forschungsintensiven Sektor zuzurechnen sind. Das deutsche Patentaufkommen ist bei einem Vergleich mit anderen Ländern in seinen Grundstrukturen natürlich der Industrie- und FuE-Struktur (s. u.) sehr ähnlich. Wie im Außenhandel ist Deutschland insbesondere in den Feldern der Hochwertigen Technologie aktiv, weniger hingegen bei den stark wachsenden Spitzentechnologien. Dort zeigt sich jedoch insofern eine Verbesserung der Position gegenüber den wichtigsten Wettbewerbern, als einige Länder - z. B. die USA, Schweden, Finnland - durch die "New Economy"-Krise unter Druck geraten sind. Deutschland hatte einerseits hierbei nicht so viel zu verlieren, andererseits gab es in der Industrie auch gesteigerte Aktivitäten in der Spitzentechnikforschung. 

Berg- und Talfahrt bei den weltweiten unternehmerischen FuE-Aktivitäten

Deutschlands Wirtschaft zählt zu den forschungsintensivsten in der Welt, hat aber das FuE-Wachstumstempo der wichtigsten Konkurrenten nicht immer halten können. Lagen Deutschlands Unternehmen bei den FuE-Anstrengungen Ende der 80er Jahre noch auf Rang 3, so nehmen sie jetzt Platz 8 ein. Dieser Positionsverlust hängt auch mit den sektoralen FuE-Schwerpunkten zusammen: Das deutsche Spezialisierungsmuster (wenig Präsenz bei Spitzentechnologien und bei Dienstleistungen, Spitze bei hochwertigen Technologien) zieht sich wie ein roter Faden durch das "deutsche Innovationssystem". Im Weltmaßstab sind die FuE-Kapazitäten besonders stark bei Spitzentechnologien und Dienstleistungen gewachsen. Deutschland hat dies nur partiell (bei Pharmazie) oder temporär im FuE-Aufschwung der zweiten Hälfte der 90er Jahre (Elektronik, Medien) mitgemacht. Einige Branchen haben von hohem Niveau aus ihre ursprünglich günstige Position nicht halten können (Elektrotechnik, Instrumente, Schienenfahrzeuge). In anderen Industrien - wie Chemie, Maschinenbau, Flugzeugbau - hält sich Deutschland zwar trotz abgeschwächter FuE-Dynamik seit einigen Jahren wieder gut. Diese Industriezweige haben allerdings weltweit bei FuE an Gewicht verloren, die Ausweitung des Innovationspotenzials kommt dort nur noch wenig voran. Letztlich ist es fast ausschließlich der Automobilbau, der Deutschlands FuE-Intensität auf hohem Niveau hält.

Dass Deutschland in der Industrieforschung dennoch relativ günstig dasteht, hängt allein mit dem Einbruch der FuE-Kapazitäten am mit Abstand größten Unternehmensforschungsstandort USA zu Beginn dieses Jahrtausends zusammen. Dieser ist dort noch längst nicht überwunden. Besonders betroffen sind IuK/Elektronik, Fahrzeug- und Maschinenbau. Dienstleistungen, Pharmazie und Instrumente haben sich hingegen wieder erholt. Der Rückgang unternehmerischer FuE in den USA ist durchaus für das weltwirtschaftliche Innovationsgeschehen von Belang, weil die USA der Welt größter Lieferant von Spitzentechnologiegütern sind und gleichzeitig auch der größte FuE-Standort für ausländische Unternehmen.

Nicht nur im langfristigen Vergleich, sondern auch aktuell haben viele Länder eine größere FuE-Dynamik an den Tag gelegt als Deutschland. Angesichts der geringen Wachstumserwartungen ist gar der FuE-Personaleinsatz in der deutschen Wirtschaft zwischen 2000 und 2003 wieder auf das Niveau von 1995 zurückgenommen worden. Der sektorale Strukturwandel zu Gunsten forschungsintensiver Industrien wird - von der Pharma- und der Automobilindustrie abgesehen - nicht von einem höheren Anteil an FuE-Personal begleitet. Vielmehr lassen die Pläne der Unternehmen bis 2006 keine Anzeichen auf eine Ausweitung erkennen. Hierin wird eine Parallele zum Innovationsverhalten deutlich. Dabei ist FuE im Innovationsprozess immer wichtiger, der Anteil innovierender Unternehmen ohne eigene FuE hat im Trend stark nachgelassen.


Der Innovationswettbewerb stellt permanent höhere Ansprüche.

Volumenmäßig konzentriert sich FuE in Deutschland zunehmend auf Großunternehmen, Klein- und Mittelunternehmen fallen kontinuierlich zurück. Ein Grund hierfür ist der sektorale Strukturwandel (Großunternehmen der Pharmazie und des Automobilbaus). Problematisch ist jedoch vor allem die Tatsache, dass die Beteiligung von Klein- und Mittelunternehmen an FuE nicht gesteigert werden konnte, sondern die Zahl der FuE-betreibenden Unternehmen eher rückläufig ist. Dies ist eine große Herausforderung, zumal es auch an Nachwuchs von Unternehmen in wissens- und forschungsintensiven Wirtschaftszweigen fehlt. Deshalb hatte sich beim Staat in den letzten Jahren die Bereitschaft etwas erhöht, FuE zumindest in Klein- und Mittelunternehmen stärker zu fördern. 

Globalisierung verschärft Anforderungen an FuE-Standorte

Mit den verschiedenen Wellen von grenzüberschreitenden Unternehmenskäufen und -verschmelzungen (M&A) haben auch FuE-Kapazitäten den Besitzer gewechselt, insbesondere Ende der 90er Jahre. Die Globalisierung von FuE hat jedoch in den letzten Jahren ebenso wie internationale M&A eine Verschnaufpause eingelegt.

Es gibt aber deutliche Anzeichen, dass die Ruhephase in der Globalisierung der Produktion und damit auch von FuE vorbei ist. Auch deutsche Unternehmen sehen die Notwendigkeit für eine weitere Expansion ihrer Auslands-FuE.

Deutschland hat von der Globalisierung von FuE profitiert, und zwar insbesondere dort, wo es über hochwertige Marktnachfrage, über gute Produktionsbedingungen, über starke technologische Kompetenzen sowie über die erforderlichen Qualifikationen verfügt (z. B. im Automobilbau). Denn diese Faktoren sind die Zugpferde der Globalisierung von FuE.

Investitionen in FuE-Kapazitäten werden sich in den kommenden Jahren parallel zur Verschiebung von Nachfrage und Produktion schrittweise in andere Regionen als Nordamerika und Westeuropa verlagern. Insbesondere Asien hat mit China und Indien an der Spitze eine enorme Sogkraft und Eigendynamik entwickelt. Hohes Wachstumspotenzial, ausreichend wissenschaftliches Personal und Kompetenzen sowie niedrige FuE-Kosten machen die Region zunehmend für ausländische Unternehmen attraktiv. Diese Länder - allen voran China - haben im vergangenen Jahrzehnt mehr noch als die USA das internationale FuE-Tempo bestimmt. Beim Aufbau von FuE-Kapazitäten sind mittlerweile große einheimische und internationale Konzerne die treibende Kraft, und nicht mehr nur der öffentliche Sektor.

Alles zusammen genommen - stärkere FuE-Dynamik in den meisten westlichen Industrieländern und die Verbreiterung des Teilnehmerfeldes im Innovationswettbewerb - hat sich Deutschlands weltwirtschaftliches FuE-Gewicht im letzten Vierteljahrhundert fast halbiert: Von über 11 % (1981) auf 6 % (2005).

Die Globalisierung von FuE spiegelt sich nicht nur im Besitz von FuE-Kapazitäten wider, sondern auch in strategischen Allianzen, FuE-Kooperationen und -Aufträgen sowie in technologischen Dienstleistungen. Sie ist auch kein Privileg von Großunternehmen mehr. Vielmehr ergeben sich für deutsche Klein- und Mittelunternehmen vor allem aus der Nähe zu den wachsenden Märkten in Mittel- und Osteuropa und aus deren Vorteilen in der Ausstattung mit gut ausgebildeten Akademikern und Fachkräften zu wettbewerbsfähigen Preisen gute Chancen für interessante Innovationskooperationen und FuE-Partnerschaften.

Durch die Globalisierung haben sich die internationalen Wissensnetze verdichtet. Die zunehmende Verflechtung manifestiert sich in der überdurchschnittlich schnell steigenden Zahl von grenzüberschreitenden Erfindungen, die als "Kopatente" angemeldet werden. Durch FuE- und Innovationskooperationen wird komplementäres Wissen rekrutiert, und zwar vor allem dort, wo "Wissenslücken" zu füllen sind. Im Falle Deutschlands gilt dies vor allem für Spitzentechnologien, bei denen die Kooperation mit den USA gesucht wird. Deutschlands Erfinder ihrerseits sind ebenfalls stark gesuchte Kooperationspartner.

Staatliche Rolle bei FuE wird wieder stärker betont

Die "Hebelkraft" der Förderung von FuE in der Wirtschaft durch den Staat hat in Deutschland stark nachgelassen, insbesondere der Finanzierungsbeitrag des Staates zu FuE in den Unternehmen. Dies hing auch mit dem Rückzug aus einigen Großprojekten, den rückläufigen Ausgaben für Militärforschung, vor allem aber mit der Haushaltskonsolidierung und geringerer Priorität für FuE im politischen Raum zusammen. Begrüßenswert ist, dass vom Rückgang der staatlichen FuE-Förderung Klein- und Mittelunternehmen weniger stark betroffen waren.

Der (relative) Rückzug des Staates aus der Finanzierung von FuE in Unternehmen und aus der Durchführung von FuE entsprach etwa bis zur Jahrtausendwende einem weltweiten Trend, aus dem nur wenige Länder ausgeschert waren. Seither wurden die FuE-Haushaltsansätze jedoch allenthalben, z. T. über Jahre hinweg mit zweistelligen jährlichen Zuwachsraten, aufgestockt. Mit besonderer Verve passierte dies in den USA - durch massive Förderung der Biowissenschaften und nicht zuletzt durch militärische FuE-Programme beschleunigt -, so dass dort sogar der vorübergehend kräftige Rückzug der Wirtschaft aus FuE kompensiert werden konnte. Ein kräftiger Umschwung ist in fast allen Ländern zu beobachten und betrifft nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Durchführung von FuE in der Regie der öffentlichen Hand: Die FuE-Kapazitäten in Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen sind seit 2000 beinahe durchgängig stärker ausgeweitet worden als in der Wirtschaft, in jedem Fall stärker als in den 90er Jahren. Die Arbeitsteilung hat sich bei FuE wieder etwas zu Gunsten des Staates verschoben.

In Deutschland hatte der Staat bereits Ende der 90er Jahre einen Kurswechsel vollzogen, der allerdings vor dem Hintergrund der internationalen Temposteigerungen als schwach einzustufen ist. Nimmt man die FuE-Ausgaben im Sektor Wissenschaft/Forschung sowie das Lehr- und Forschungspersonal an Hochschulen in naturwissenschaftlich-technischen Fachbereichen zum Maßstab, dann ist der Aufwärtstrend in Deutschland schon wieder gebrochen. Dies ist misslich. Denn die vergleichsweise hohe Beteiligung der deutschen Wirtschaft an der Finanzierung von FuE im öffentlichen Sektor zeigt, dass ihr FuE-Kooperationen mit Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung außerordentlich wichtig sind. Diese Einrichtungen genießen gerade bei Klein- und Mittelunternehmen eine hohe Wertschätzung.
Die Wirtschaft kann in Deutschland zudem auf eine hohe Qualität der wissenschaftlichen Forschung bauen. Denn deutsche Publikationen werden häufig zitiert, sind immer stärker in international renommierten Zeitschriften vertreten und finden hohe internationale Anerkennung ("Beachtung"). Gleichwohl ist die internationale Verbreitung von Forschungsergebnissen noch verbesserungsfähig. Dies gilt insbesondere für Maschinenbau, Fertigungs- und Verfahrenstechnik, Umweltschutz, also für Aushängeschilder wirtschaftsnaher deutscher Technikwissenschaften.

 

Bildung und Ausbildung: Risse im Fundament

Die deutsche Wirtschaft hat selbst in Zeiten der Beschäftigungsrezession bei Fachkräften einen hohen (Brutto-)Einstellungsbedarf. Dieser betrifft zwar mehrheitlich Fachkräfte aus dem dualen Ausbildungssystem. Vor allem bei innovierenden Unternehmen richtet sich der Bedarf jedoch immer stärker auf Akademiker. Per Saldo gab es seit Beginn der 90er Jahre bei insgesamt rückläufiger Gesamtbeschäftigung (- 1,7 Mio.) nur noch bei hoch qualifizierten Erwerbspersonen zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten (+ 1,8 Mio.): Der sektorale Strukturwandel in Richtung wissensintensiver Wirtschaftszweige und der Innovationsdruck bei allen Unternehmen sind die auslösenden Faktoren für die hohe Zusatznachfrage nach akademisch ausgebildetem Personal.

Deutschland hat insgesamt einen Bildungsvorsprung in der Breite der Bevölkerung; dieser ist jedoch deutlich kleiner geworden. Beim akademischen Nachwuchs existiert er bereits seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Deutschland braucht daher für den internationalen Wettbewerb in der Wissenswirtschaft mehr Studierende. Für die technologische Leistungsfähigkeit und um die erforderliche Ausweitung der FuE-Kapazitäten zu realisieren gilt dies insbesondere für Natur- und Ingenieurwissenschaften, wo die Beteiligung junger Leute nicht mit den in anderen Ländern beobachteten Niveaus oder Trends mithalten kann. Kurzfristig (bis 2013) nimmt die Zahl der Studienberechtigten durch die Verkürzung der Schulzeit stark zu. Doch statt die Studienangebote jetzt auszuweiten, haben viele Bundesländer ihre Studienangebote reduziert. Zudem hat die Neigung junger Menschen zu einer naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung abgenommen.

Die akademische Ausbildung in naturwissenschaftlich-technischen Fächern steht in Deutschland mit dem dualen System in einem intensiven Wettbewerb um die mittelfristig deutlich nachgebende Zahl junger Leute mit Hochschulreife. Denn das duale System ist nach der Einführung neuer und nach der Modernisierung bestehender Berufe auch für Studienberechtigte attraktiver geworden. Allerdings bietet es seit einigen Jahren aus sich heraus keine ausreichende Zahl von Ausbildungsplätzen mehr an. Ohne zusätzliche Ausbildungsanstrengungen wird sich - als Folge von Demographie, Wachstum und Strukturwandel - bis 2015 eine Fachkräftelücke von 1,3 Mio. aufgetan haben, sie wird insbesondere die Entwicklung bei den besonders wachstumsstarken unternehmensnahen Dienstleistungen stören. Fehlender Nachwuchs bei Naturwissenschaftlern und Ingenieuren sowie bei Fachkräften in technischen Berufen könnte - auch mit Blick auf die für Deutschland so ungünstige demographische Entwicklung - dem innovationsorientierten Wandel in einer wachsenden Wirtschaft entgegenstehen. 

Abstieg vermeiden - Anschluss gewinnen

Der Blick auf die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands fördert eine Reihe großer Herausforderungen zu Tage.

  • Deutschland hat dort eine gute Position, wo gewachsene Strukturen zu beurteilen sind, die sich bei großen Volkswirtschaften nur langsam ändern. Das betrifft bspw. die Industriestruktur und die dem Weltmarkt angebotenen Industriegüter. Allerdings ist deren Sortiment nicht sehr wachstumsträchtig. Von Vorteil ist hingegen die intensive Arbeitsteilung von Wirtschaft und Wissenschaft bei Innovationen.
  • Auch in der Breite betrachtet ist das Bild überwiegend positiv (Ausbildung im Sekundarbereich, Umsetzung von Wissen in Erfindungen, Mittelstand, Stärke in der Hochwertigen Technik), in der Spitze sieht es hingegen sehr viel weniger gut aus (Spitzentechnik, Tertiärausbildung). Wissensintensiven Dienstleistungen fehlt es an Dynamik.
  • Bei investiven Anstrengungen, die den Strukturwandel befördern und die Bereitschaft dazu kennzeichnen, fällt Deutschland zurück (Investitionen in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung sowie in IuK-Technologien, Verfügbarkeit von Risikokapital). Dies ist nicht nur eine vorübergehende Durststrecke. Vielmehr rüttelt die lang anhaltende Schwächeperiode mittlerweile an den Fundamenten der deutschen technologischen Leistungsfähigkeit. Deutlich wird dies an der Entwicklung der Produktivität, Deutschland kann das Tempo der Konkurrenten nicht mitgehen.

Beides zusammen genommen - geringe Neigung zu investiven Anstrengungen und damit zu Strukturwandel sowie die schlechte Position, wenn es um Spitzentechnik, -forschung und -ausbildung geht - rechtfertigt die Einordnung Deutschlands in das Mittelfeld der Industrieländer. Pars pro toto mag hierfür der FuE-Anteil von Wirtschaft und Staat zusammen genommen am Inlandsprodukt stehen. Er hat von 2,8% Ende der 80er Jahre (Rang 3) auf 2 102 % nachgegeben. Dies bedeutet Rang 9 im internationalen Vergleich. Dennoch ist die Situation nicht perspektivlos: Denn hochwertige Substanz ist in vielen Feldern noch vorhanden. Eine Status quo-Projektion würde bei gegebener Investitionsneigung jedoch darauf hinauslaufen, dass der Weg nach oben steil und langwierig ist, während gleichzeitig das Risiko steigt, von weiteren Ländern überholt zu werden. Der Abstand zur Spitzengruppe ist deutlich höher als der Vorsprung zum Verfolgerfeld*, das meist ein höheres Tempo anschlägt als Deutschland. Allein um nicht vom Verfolgerfeld überholt zu werden und um den "Abstieg" zu vermeiden, sind weitaus größere Anstrengungen nötig.

Im Bildungsstand und in den Bildungsinvestitionen bündelt sich vieles. Der Bildungsstand mag in Deutschland als gut gelten. Die derzeitigen Strukturen der Ausbildung mögen die Anforderungen der Wirtschaft reflektieren und insofern auch passen. Allerdings sind sie das Ergebnis von Anstrengungen aus der Vergangenheit. Die derzeitigen Investitionen in Bildung und Ausbildung genügen den zukünftigen Anforderungen der Wissenswirtschaft quantitativ und strukturell gesehen nicht mehr. In die Zukunft projiziert laufen sie darauf hinaus, dass die Ausstattung der Wirtschaft mit gut und hoch qualifizierten Arbeitskräften im Vergleich zu anderen Ländern bald nicht mehr als "reichlich" bezeichnet werden kann. Eine wichtige Voraussetzung für einen vorderen Rang Deutschlands im Technologiewettbewerb - Vorteile bei den international gesehen knappen Produktionsfaktoren Bildung und Wissen - dürfte nicht mehr gegeben sein. Die größte Herausforderung werden aufstrebende Schwellenländer sein, die bei hohen Bildungsanstrengungen eine gleichwertige, z. T. gar bessere, Qualifikation der Erwerbspersonen anstreben und diese zu niedrigeren Kosten anbieten können. China, andere asiatische Staaten wie Indien sowie die mittel- und osteuropäischen Herausforderer sind heute schon in vielen Bereichen wichtige Konkurrenten.

Deutschland hat beim Angebot von gut und hoch qualifizierten Erwerbspersonen in Europa (EU-15) nur noch dann einen Vorsprung, wenn man es mit den südlichen Ländern vergleicht. Man sollte sich jedoch nicht dadurch täuschen, dass man die Messlatte permanent niedriger auflegt. Denn ein Rang im unteren Mittelfeld der westlichen Industrieländer ist auch dann mit Blick auf die Ziele hoher Beschäftigungsstand bei angemessenem Wirtschaftswachstum unzureichend, wenn man den EU-Durchschnitt noch übertrifft. Vor zehn bis 15 Jahren hätte niemand daran gedacht, sich bei Untersuchungen zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands am EU-Durchschnitt zu messen.

Die USA und Japan waren damals als Vergleichsmaßstab gerade gut genug.

Dass das Prokopfeinkommen und die Arbeitsproduktivität in Deutschland nur noch OECD-Durchschnitt repräsentieren und bald deutlich darunter liegen werden, hängt u. a. auch mit den angesprochenen Investitionsproblemen auf allen Ebenen zusammen. Das Problem mangelnder binnenwirtschaftlicher Dynamik ist zu einer schweren Belastung für die technologische Leistungsfähigkeit geworden, weil unternehmerische Innovationsaktivitäten sich vor allem danach richten, welche Absatzchancen sich bieten. Dabei geht es nicht nur um die Ausschöpfung der konjunkturellen Möglichkeiten in naher Zukunft. Entscheidende Impulse für einen innovationsorientierten Strukturwandel, für Investitionen in Wissen, in hoch qualifiziertes Personal und in neue Sachanlagen kommen vielmehr von den mittelfristigen Wachstumsaussichten. Andererseits löst die Erwartung von steigenden Erträgen aus unternehmerischen Forschungs-, Investitions- und Innovationsaktivitäten auch eine Eigendynamik aus, die in einen höheren Wachstumspfad der Produktionsmöglichkeiten münden kann. Die aktuelle Herausforderung besteht darin, die Eigendynamik des "Innovationssystems" auch in einer Situation zu schüren, in der das Wachstum der Produktionskapazitäten in absehbarer Zeit begrenzt bleiben wird.

Steiler Weg zu 3 % FuE-Anteil am Inlandsprodukt

Die deutsche Bundesregierung hat - wie viele andere europäische Regierungen - bereits vor einigen Jahren einen FuE-Anteil am Inlandsprodukt von 3% für das Jahr 2010 als Zielmarke gesetzt. Man kennt die "optimale FuE-Quote" zwar nicht - es muss jedoch als sicher gelten, dass die in den letzten Jahren erreichte Marke von 2 102% zu niedrig ist, um in Deutschland ein angemessenes Wirtschaftswachstum bei hohem Beschäftigungsstand zu erreichen. An diese Marke stößt Deutschland seit einigen Jahren immer wieder wie gegen eine "Schallmauer". Um sie zu durchstoßen müssen Strukturen korrigiert und Verhaltensweisen geändert werden. Die Zielsetzung zeigt den klaren Willen zum Kurswechsel und signalisiert Vorfahrt für die Forschungs- und Innovationspolitik im politischen Raum. Sie spiegelt ein großes Grundvertrauen wider: FuE in Wirtschaft und öffentlichen Forschungseinrichtungen nimmt in der gesamten Wirkungskette von Bildung und Qualifikation, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Inventionen, Investitionen und Innovationen, internationaler Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität, Wachstum und Beschäftigung eine zentrale Rolle ein. Empirische Studien zeigen einen positiven Einfluss auf gesamtwirtschaftliche Zielgrößen.

Damit für die Wirtschaft überhaupt genügend Anreize bestehen, deutlich mehr in FuE zu investieren, muss von einem stabilen und hohen Wachtumspfad ausgegangen werden. Die Bundesregierung unterstellt in ihrer mittelfristigen Finanzplanung ein reales Wirtschaftswachstum von 1 102% jährlich. Je besser die Bedingungen für ein höheres Wachstum ausfallen, desto leichter lässt sich das 3-%-Ziel erreichen. Die Projektion der Bundesregierung würde eine durchschnittliche jährliche Steigerung der FuE-Ausgaben von über 5 102% jährlich in Wirtschaft und Staat bedeuten, um auf einen FuE-Inlandsproduktanteil von 3 % zu kommen. Dem entsprächen im Jahr 2010 insgesamt Mehrausgaben von über 21 Mrd. € gegenüber 2004, darunter über 6 Mrd. € allein beim Staat - wenn man die aktuelle FuE-Arbeitsteilung zwischen Wirtschaft und Staat als konstant annimmt, wie es die Bundesregierung in ihrer Anfang 2006 konkretisierten Zielprojektion vorsieht.



Wirtschaft: Verbesserung der FuE-Renditeerwartungen

Für die Wirtschaft ist eigene FuE nicht Ziel, sondern Ergebnis aus Entscheidungen auf der Basis von makroökonomischen Rahmenbedingungen, Wachstumsaussichten, Kosten und Renditeerwartungen, Verbesserungen im Umfeld in Wissenschaft und Forschung usw. Rund 80 % der FuE-Kapazitäten der Wirtschaft (das sind 55% aller Kapazitäten von Wirtschaft und Staat zusammengenommen) gehören zu Großunternehmen, 70% werden von multinationalen Unternehmen gehalten, die über vielfältige Standortalternativen verfügen. Für diese gilt: Hervorragende Markt-, Produktions- und Forschungsbedingungen müssen zusammenkommen, um das FuE-Engagement in Deutschland überdurchschnittlich auszuweiten. An diesen Kriterien muss man sich daher auch orientieren, damit Unternehmen in Deutschland nicht nur im Rhythmus der Konjunktur oder gar langsamer, sondern darüber hinaus und vorsorglich in neues Wissen investieren. Denn sonst wäre eine kräftige, quasi autonome Ausweitung von FuE über das Wachstum von Produktion und Produktionspotenzial hinaus nicht rational.

Um den Sockel an forschenden Unternehmen zu verbreitern, muss der gesamtwirtschaftliche Rahmen wieder stimmen: Bestehende Unternehmen, aber auch Wagniskapitalgeber oder potenzielle Unternehmensgründer benötigen positive Erfolgschancen für risikoreiche FuE-Projekte. Dies erfordert längerfristig stabile und angemessene Wirtschaftswachstumserwartungen. Insbesondere Klein- und Mittelunternehmen sowie Dienstleistungsunternehmen agieren häufig eher kleinräumig und regional. Sie sind daher auf Innovationsimpulse eines dynamischen Inlandsmarktes angewiesen.

Gerade jungen FuE-betreibenden Klein- und Mittelunternehmen kommt eine zunehmend wichtigere Rolle zu. Sie sind immer intensiver in der Spitzentechnologieforschung zu finden und damit die Speerspitze der technologischen Weiterentwicklung. Die Herausforderung liegt darin, Stabilität bei forschenden Klein- und Mittelunternehmen zu erhalten und Anreize zu geben, ihre FuE-Intensität wieder zu erhöhen, bzw. neue Unternehmen für FuE-Aktivitäten zu gewinnen. 

Aus der Sicht von Klein- und Mittel- sowie von Dienstleistungsunternehmen spielt die Verfügbarkeit von Kapital eine entscheidende Rolle (Innovationskredite etc.). Derzeit sind fehlende Finanzierungsmittel das Innovationshemmnis Nr. 1. Gesamtwirtschaftlich gilt dies - erst recht im internationalen Vergleich - vor allem im Hinblick auf Risikokapital für innovative Unternehmensgründungen, die den Strukturwandel in Richtung Wissenswirtschaft vorantreiben helfen, und für deren Expansion. Die Innovationspolitik hat bereits entsprechende Schritte eingeleitet. Es wird interessant sein, zu sehen, wie neue Förderinstrumente wie der High-Tech-Gründerfonds und der EIF-Fonds anschlagen, die auf Klein- und Mittelunternehmen ausgerichtet sind.

Die FuE-Beteiligung ist in der Breite zu fördern, denn sie ist labil und tendenziell nach unten gerichtet. Es sind mehr Betriebe in FuE zu bringen. Neben der Finanzierung sind die durch technologische Risiken entstehenden hohen Kosten von FuE ein Hemmfaktor: Die Unternehmen wissen nicht, ob sie sich angesichts unsicherer Marktentwicklung und möglicherweise unzureichenden Schutzes geistigen Eigentums gegen schnelle Imitation insbesondere auf Auslandsmärkten die Erträge aus ihren Entwicklungen aneignen können. In der Mehrzahl der westlichen Industrieländer gibt es indirekt wirkende ertragssteuerliche Förderinstrumente mit Zulagencharakter (tax credits). Sie setzen an den FuE-Kosten an. Die internationalen Erfahrungen sind überwiegend positiv. Zur Verbreiterung der FuE-Basis in Klein- und Mittelunternehmen und im Dienstleistungssektor sollten auch in Deutschland indirekt wirkende finanzielle FuE-Hilfen wieder stärker zum Einsatz kommen, die den Produktionsfaktor FuE per se begünstigen und nicht eine bestimmte technologische Ausrichtung favorisieren.

Eine breite FuE-Beteiligung fördert gleichzeitig den Resonanzboden für die Umsetzung von Ergebnissen aus der Wissenschaft. Denn es sind fast ausschließlich Unternehmen mit eigenen FuE-Kapazitäten, die auf technologische Kooperationsangebote von wissenschaftlichen Einrichtungen zurückgreifen können oder sich Kooperationspartner aus der Wirtschaft suchen. Die Aufnahme technologischen Wissens aus Wirtschaft und Wissenschaft ist meist komplementär zu eigenen FuE-Anstrengungen.

Die an den FuE-Kosten ansetzende Hebelwirkung der öffentlichen FuE-Förderung kann zu einer merklichen Steigerung der FuE-Ausgaben im Wirtschaftssektor führen. Denn durch jeden Euro staatlicher FuE-Finanzierung werden im Schnitt ungefähr in gleicher Höhe Mittel für FuE in der Wirtschaft mobilisiert. Diese kommen vor allem der vorwettbewerblichen Forschung zu Gute und damit dem Wissensstock in der gesamten Wirtschaft. Hinzu kommen dann noch unternehmensinterne Mittel für die experimentelle Entwicklung und für die Umsetzung der Ergebnisse in Innovationen und Investitionen, die in ihrer Höhe stark vom Technologiefeld, vom Stand der technologischen Entwicklung, von der Marktsituation u. ä. abhängig und daher kaum verallgemeinerbar sind. 

Wirtschaftsstruktur - grundlegende Umorientierung erforderlich

Die Verbreiterung des FuE-Sockels reicht allein nicht aus, um an 3% heranzukommen. Entscheidend wird es daher sein, den Sektor- und Unternehmensstrukturwandel in Richtung Spitzentechnologie zu beschleunigen. Denn der Niedrigtechnologiesektor, aber auch die Hochwertige Technologie bieten zu wenig Ansatzpunkte für eine forcierte FuE- und innovationsorientierte Strategie. Dies betrifft vor allem die IuK-/Medientechnik/Elektronik und die Biotechnologie/Pharmazie. Diese Industrien haben für sich genommen einen erheblichen Einfluss auf die durchschnittliche FuE-Intensität der Wirtschaft, zudem sind sie durch den sektoralen Strukturwandel stark begünstigt. Außerdem haben Spitzentechnologien hohe Ausstrahlungseffekte auf die technologischen Potenziale der gesamten Wirtschaft, insbesondere der Hochwertigen Technologie. Dies führt im Wachstum zu stark steigenden FuE-Anforderungen. Deutschland ist hingegen in der Wirtschaftsstruktur - beinahe unverrückbar? - auf Hochwertige Güter spezialisiert, die weniger FuE-intensiv produziert werden und - was letztlich das Entscheidende ist - die weniger Wachstumsaussichten und kaum zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Der Weg, den das deutsche Spezialisierungsmuster derzeit einschlägt, ist nicht konsequent und nur teilweise zukunftsweisend. Die Situation ist durch ausgeprägte Beharrung in nicht-forschungsintensiven Industrien gekennzeichnet, aus denen sich die meisten hoch entwickelten Volkswirtschaften nach und nach zurückziehen mussten - erfreulicherweise aber auch durch langsame Verbesserung der Position bei Spitzentechnologien.

Zu den problematischen Faktoren zählt im Hinblick auf einen innovationsorientierten Strukturwandel auch, dass wissensintensive Dienstleistungen in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Ländern - selbst unter Berücksichtigung des in Deutschland schleppenden Wachstumstempos - Boden verloren haben. Denn Spitzentechnologien und deren Entwicklung sind häufig im Zusammenhang mit der Orientierung der Volkswirtschaften auf wissensintensive Dienstleistungen zu sehen.

Der wirtschaftliche Strukturwandel bedarf der Flankierung durch die Politik. Ein intensiver und funktionierender Wettbewerb neben innovationsorientierten Anreizsystemen garantiert am ehesten, dass die Suche nach optimalen Lösungen für die Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben Innovationen, FuE und Strukturwandel voran bringt.
Flankenschutz bietet weiterhin eine generelle Ausweitung der investiven Komponenten in den öffentlichen Haushalten und damit die Betonung der Zukunftsorientierung und von innovationsfreundlichen Prioritäten in allen Ressorts. Die Ernsthaftigkeit der 3-%-Signale wird von den Unternehmen umso eher verstanden, je mehr der Staat selbst mit eigenen FuE-Aktivitäten Vorbildfunktion übernimmt. Hierzu gehören ein innovatives Beschaffungswesen ebenso wie Regulierungen, Standards und Normen, die den Unternehmen Anreize bieten, nach neuen Lösungen zur Bewältigung öffentlicher Aufgaben zu suchen. Hieran wird deutlich, dass praktisch alle Politikbereiche für das FuE-Verhalten der Wirtschaft Verantwortung tragen, nicht nur die Bildungs- und Wissenschafts-, die Forschungs- und Technologiepolitik im engeren Sinne. Denn vielfach sind es (Dienstleistungs-)Bereiche, die einerseits Vorleistungen und Investitionsgüter aus besonders forschungs- und wissensintensiven Wirtschaftszweigen nachfragen, wo andererseits die Marktmechanismen - und damit die Kundenpräferenzen und Technologien - stark von staatlichen Regulierungen und von der staatlichen Nachfrage nach Gütern und Diensten abhängen. Wichtige Märkte sind in diesem Zusammenhang IuK-Technologien, Infrastruktureinrichtungen im Verkehrs- und Kommunikationsbereich, das Gesundheitswesen mit Medizintechnik und Pharmazie, Umwelt- und Klimaschutz, innere und äußere Sicherheit, aber auch die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung. Innovationsorientierte Ressortpolitik fordert alle gebietskörperschaftlichen Ebenen in gleicher Weise heraus. Die Innovationspolitik - in Deutschland durch eine Doppelspitze in den Ressorts Bildung/Forschung und Wirtschaft/Technologie repräsentiert - sollte sich in diesem Prozess als Anwalt für Innovation verstehen. Ihr kommt somit eine Schlüsselfunktion zu. 

Experimente sind zu fördern: Frühe und zukunftsorientierte Pilotvorhaben, Demonstrationsprojekte und Prototypanwendungen, in denen die Unternehmen - bei wettbewerblicher Vergabe - ihre technologische Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen können, dienen der Markterschließung und beschleunigen den Strukturwandel. In der Praxis hängt die Auswahl der geeigneten Förderinstrumente jeweils von den Zielen, vom angestrebten gesamtwirtschaftlichen Nutzen sowie nicht zuletzt von den verfügbaren Mitteln ab. Dabei sollte auch die direkte Projektförderung wieder stärker ins Blickfeld gerückt werden, wenn Unternehmen mit ihrem Eigenbeitrag ein hohes technologisches Risiko auf unsicheren Märkten eingehen.

Ein leistungsfähiger öffentlicher Sektor ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Innovationspolitik. So fördert eine intensivere Ausschöpfung der IuK-Möglichkeiten in der öffentlichen Verwaltung die IuK-Diffusion in Wirtschaft und Bevölkerung und damit das IuK-Verständnis/Fachwissen in der Breite. In diesem Zusammenhang ist auch eine bessere Ausstattung der Schulen mit IuK-Hardware und mit IuK-vertrautem Lehrpersonal zu nennen. Es hilft, mögliche Produktivitätsreserven durch IuK-Einsatz besser zu nutzen. Hieran hapert es in Deutschland. Dieses Beispiel steht nur mittelbar im Zusammenhang mit dem 3 -%-Ziel. Aber alle produktivitätssteigernden Effekte schaffen mehr Spielraum für Investitionen in neues Wissen. In diesem Sinne gehören alle infrastrukturellen Voraussetzungen in Deutschland auf den Prüfstand. Es mag sein, dass die Infrastrukturausstattung in Deutschland von der Wirtschaft als gut oder zufriedenstellend eingestuft wird. Angesichts der schwachen Dynamik der Wirtschaft kann man eine derartige Einschätzung vielleicht nachempfinden. Schwer vorstellbar ist jedoch, dass diese Einschätzung nach Jahren des monotonen Rückgangs der staatlichen Bau- und Ausrüstungsinvestitionen sowie der Infrastrukturmaßnahmen im Sektor Verkehr/Nachrichten auch für eine wachsende Wirtschaft gilt.

Staat - Wissenschaft, Forschung und Lehre Bund und Ländern kommt im 3 -%-Prozess auf allen Ebenen Vorbildfunktion zu. Es ist daher essenziell, dass beide Ebenen in Vorlage gehen und ihren Beitrag bei Wissenschaft und Forschung leisten. Die grüne Welle für Forschung und Technologie, Bildung und Wissenschaft in den öffentlichen Haushalten ist nicht nur auf dem Papier festzuschreiben, sondern konsequent in der notwendigen Umschichtung der öffentlichen Haushalte von Bund und Ländern umzusetzen. Das ist ein richtungsweisendes Signal für die Wirtschaft, speziell für Klein- und Mittelunternehmen, und fördert die Bereitschaft, mitzuziehen.

Unglaubwürdig wäre es, wenn die Prozesse auf eine Umschichtung der staatlichen FuE-Mittel zwischen den gebietskörperschaftlichen Ebenen hinauslaufen würden, wenn also etwa die Aufstockung der Bundesmittel von Kürzungen bei den Bundesländern begleitet würde. Die Versuchung ist groß, da gleichzeitig der Sanierungsdruck in allen öffentlichen Haushalten als gewaltig angesehen wird. Es muss also kräftig umgeschichtet werden. Die Herausforderung besteht im Wissenschaftsbereich u. a. darin, die kurzfristig stark steigende Zahl von Studienberechtigten so zu kanalisieren, dass dies weder Verdrängungseffekte bei der beruflichen Ausbildung auslöst (Steigerung des Studienangebots) noch zu Lasten der wissenschaftlichen Forschung an Hochschulen bzw. der Qualität der Lehre der Hochschulausbildung geht.

Das breite öffentliche Wissenschafts- und Forschungspotenzial in der Grundlagen- sowie in der angewandten strategischen Forschung zählt zu den Vorteilen des Standortes Deutschland. Allerdings hat die vergleichsweise wenig expansive Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren einen Stau bei Investitionen in forschendes/lehrendes Personal und in Labors des öffentlichen Sektors ausgelöst. Denn die Bedeutung der öffentlichen Forschung für die Volkswirtschaft hat in dem Maße zugenommen, in dem sich (Groß-)Unternehmen in FuE beharrlich auf ihre Kernkompetenzen zurückziehen und längerfristige vorwettbewerbliche Forschung abgebaut worden ist. Zur Erinnerung: 2010 müssen in den Haushaltsbüchern über 6 Mrd. € mehr zur Durchführung von FuE in den eigenen Reihen bzw. zur Finanzierung von FuE in der Wirtschaft stehen. Zu bescheiden wäre es - jedenfalls mit Blick auf den angestrebten FuE-Beitrag zum Inlandsprodukt -, wenn bis 2009 allein der Bund seine Verpflichtung einlösen würde, ein kumuliertes Volumen von 6 Mrd. € bereitzustellen. Die Länder müssten diesem Beispiel folgen und dürfen nicht - wie teilweise angekündigt - ihre Wissenschaftsmittel kürzen.

Die Grundzüge der Verwendung dieser zusätzlichen staatlichen FuE-Mittel sind seitens des Bundes bereits festgelegt. Der Großteil der Mittel dürfte in Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen fließen (DFG, Exzellenzinitiative, Pakt für Forschung und Innovation). Bislang ist dies im Schnitt bei über 80% der staatlichen FuE-Mittel der Fall. Die Stärkung der Grundlagenforschung verbreitert die technologische Basis der Wirtschaft und schafft zusätzliche Optionen: Die deutsche Innovationsstruktur braucht mehr an wettbewerbsfähigen Alternativen, der Grundstock kann in der Wissenschaft gelegt werden.

Strategische Forschung ist Zukunftsvorsorge. Selbstverständlich kann verstärkte Grundlagenforschung im öffentlichen Sektor allein die Lücke in der strategischen Forschung nicht füllen. Deshalb sind die Forschungsfelder und Schnittstellen zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und der Wirtschaft zu definieren, damit der Wissens- und Technologietransfer in die Wirtschaft effizienter gestaltet werden kann. Die Netzwerkverflechtungen zwischen Einrichtungen von Wissenschaft und Forschung einerseits und der (regionalen) Wirtschaft andererseits sind zu vertiefen, um auf diese Weise den "Hebeleffekt" zu verstärken: Auf dieser Basis ließe sich ein weiterer Ausbau von echten "Kompetenzzentren" erzielen, die auf die Bündelung der Kräfte von Wirtschaft und Wissenschaft zielen. Netzwerkverflechtungen haben deutlich kostensenkende sowie meist qualitäts- und innovationserfolgsteigernde Effekte und sind nicht zuletzt für Klein- und Mittelunternehmen relevant, die bei FuE vergleichsweise intensiv mit Hochschulen kooperieren. 

Die Effizienz der deutschen Wissenschafts- und Forschungslandschaft bedarf natürlich permanenter Überprüfungen. Neben der Anpassung der inhaltlichen, finanziellen und organisatorischen Strukturen und der jeweiligen "Missionen" sollte vor allem die internationale Ausrichtung erhöht werden. Noch stärker als bisher sind auch in der Wissenschaft Synergieeffekte durch die Absorption ausländischen Know Hows zu nutzen.

Bildung und Qualifikation - Engpässe Selbst wenn all dies in kurzer Frist in die Wege geleitet werden könnte und entsprechende Wirkung auf den FuE-Bedarf zeigen würde: Die Restriktionen sind außerordentlich hoch. Insbesondere sind netto 80 bis 90 Tsd. Naturwissenschaftler und Ingenieure zusätzlich allein für FuE erforderlich. Diese wird es in Deutschland nicht geben, ohne dass es in anderen betrieblichen Funktionen zu gravierenden Engpässen kommt.

Der neuerdings wieder insbesondere in innovierenden Unternehmen wahrgenommene Fachkräftemangel wird sich noch stärker bemerkbar machen. Dies gilt besonders für technisch-naturwissenschaftliche Qualifikationen. Zunehmende Fachkräfteknappheit könnte den notwendigen Strukturwandel bremsen, der eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass FuE deutlich höheres Gewicht erhalten soll. Knappheiten werden zu Verteuerungen führen, Klein- und Mittelunternehmen dürften im Wettbewerb um diese Kräfte gegenüber Großunternehmen auf der Strecke bleiben. Der Fachkräftemangel wäre auch für Schulen und Hochschulen und sonstige wissenschaftliche Einrichtungen kritisch, weil ja gerade dort höhere Anstrengungen notwendig sind, um mehr junge Menschen besser auszubilden. Schließlich muss auch der Studentenberg, der im nächsten Jahrzehnt durch die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre anfällt, bewältigt werden - allerdings so, dass weder die Qualität der Lehre noch die Forschung darunter leiden. Auf diese Ressourcen darf vor dem Hintergrund der jetzt schon absehbaren demographischen Entwicklung nicht verzichtet werden! Insofern ist die Exzellenzinitiative so zu formulieren, dass Qualität und Quantität nicht in Konflikt miteinander geraten. Es mag für die Bundesländer einfacher erscheinen, die zentral ausgelobten Qualitätsziele der Forschung intensiver zu verfolgen als die quantitativen Ziele einer Ausweitung der tertiären Ausbildung.

In kurzer Frist bieten sich zur Minderung von Nutzungskonflikten in der Wirtschaft organisatorische Innovationen im Betrieb, verstärkte Kooperationen bei FuE und anderen hochwertigen Dienstleistungen, intensiverer Personalaustausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft usw. an. Durch forcierte Fort- und Weiterbildung (unter Einbindung der Hochschulen) könnte der

Wissensstand der Erwerbstätigen an die erhöhten FuE-Erfordernisse angepasst werden. Durch die Förderung von Zuwanderungen von Hochqualifizierten, gerade auch aus dem außereuropäischen Ausland, könnten Engpässe umgangen werden. Allerdings ist dieser Ansatz angesichts des allenthalben angestrebten hohen FuE-Wachstumstempos, das auch dort eine überproportional steigende Nachfrage nach Fachkräften auslöst, in den meisten Ländern nicht sehr vielversprechend. Derzeit gibt es in Deutschland eine klare "mismatch"-Situation: Fachkräftemangel auf der einen Seite - arbeitslose Fachkräfte auf der anderen Seite. Diese Schieflage zeigt aber auch Potenziale auf: Eine Wachstums- und FuE-Situation könnte - funktionierende Fort- und Weiterbildungsmärkte vorausgesetzt - zu einer Reaktivierung von erwerbslosen Akademikern führen und damit partiell den Fachkräftemangel lindern.

Langfristig hat eine durch Verknappung und entsprechende Lohnanpassung ausgelöste Aufwertung der FuE-Tätigkeit allerdings eher positive Signalwirkung für junge Menschen, sich Natur- und Ingenieurwissenschaften zu widmen. Sie mag auch dazu beitragen, dem gelegentlich befürchteten "brain drain" entgegenzuwirken oder ausländische Fachkräfte anzulocken.

Dennoch ist es besonders wichtig, bei jungen Menschen die Attraktivität für technische Ausbildungsgänge zu erhöhen. Denn der Trend geht genau in die andere Richtung, und zwar sowohl bei den Studierenden als auch bei den Auszubildenden. Um wenigstens mittelfristig eine Trendwende herbeizuführen, ist bereits in den Schulen anzusetzen.
Völlig unabhängig vom kurzfristig angestrebten 3-%-FuE-Ziel sind mehr Mittel für Bildung und Ausbildung zur Verfügung zu stellen. Denn es ist eine Niveauanhebung auf allen Ebenen erforderlich. Der Bildungsstand der Bevölkerung ist international immer weniger wettbewerbsfähig, er muss grundsätzlich erhöht werden. Zu lange - mindestens 20 Jahre lang - ist Bildung in Deutschland klein geschrieben worden: Insbesondere sind mit Blick auf den Strukturwandel zur Wissenswirtschaft und auf den permanenten Innovationsdruck mehr akademische Qualifikationen auszubilden, speziell im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Die Tertiärausbildung ist neben der Verfügbarkeit von Risikokapital Schwachpunkt No. 1 in Deutschland.** Aber auch in der dualen Berufsausbildung sind Defizite absehbar, gerade bei technischen Qualifikationen, die für die Umsetzung von FuE und Innovationen in den Produktionsprozess unabdingbar sind. 


Schulen, Hochschulen und Unternehmen sind gleichermaßen gefordert. 
 

Jetzt erst recht!

Das 3-%-Ziel soll einen Politikwechsel markieren, ein Plädoyer für Zukunftsorientierung statt Vergangenheitsbewältigung. Der enorm wichtige Symbolwert der Zielsetzung liegt darin, einen Bewusstseinswandel einzuleiten. Die Innovationspolitik sollte sich daher auch von skeptischen Bemerkungen hinsichtlich der Realisierbarkeit bis zum Jahre 2010 nicht davon abhalten lassen, FuE im Staat zu forcieren und in der Wirtschaft zu fördern. Gerade, um der Innovationspolitik stärkeren Nachdruck im Wettbewerb um knappe Steuermittel zu verleihen, kann ein ehrgeiziges Ziel nützlich sein.



*Vgl. auch A. Werwatz u. a., Innovationsindikator Deutschland, Berlin 2005. 

** Expert group, Public procurement for research and innovation, Brüssel 2005.

Dokumente

Publikationen

  • Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2006

    Titelbild der Publikation

    2006, 112 Seiten
    Bestell-Nr.: 30197

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