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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 06/12/2006 09:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)

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Deutschlands frühere Stärke war die Solidarität seiner in die soziale Marktwirtschaft eingebetteten Gesellschaft. Deutschlands heutige Schwäche sind die immer weiter zunehmenden sozialen Verwerfungen. Angetrieben von hoher Arbeitslosigkeit, sinkenden Realeinkommen der meisten Beschäftigten sowie einer zunehmenden Spreizung der Einkommensverhältnisse, realen Rentenkürzungen und vielen Formen von Einschnitten ins soziale Netz wächst ein Sockel an Armut und Ängsten hoch. Selbst Menschen, die sich ein besseres Leben noch leisten könnten, trauen sich nicht mehr an ensprechende Ausgaben und leben praktisch auf einem niedrigeren Lebensstandard.

I. Einkommensentwicklung

Abb. 04684 vergleicht die Einkommen verschiedener Gruppen und zeigt besonders die ungünstige Position der Arbeitslosen. In der Aufteilung nach Fünfteln kommen auf die unteren zwei Fünftel oder 40 % der Bevölkerung nur 23 % der Einkommen (Abb. 04685).



Um zu beleuchten, wie stark die Einkommensunterschiede zwischen den ärmsten und den reichsten Personen eines Landes tatsächlich sind, kann man ein Verteilungsmaß heranziehen, das das Gesamteinkommen der reichsten 20% dem Gesamteinkommen der ärmsten 20% gegenüberstellt (sogenanntes S80/S20-Quintilverhältnis). Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland hier nur im unteren Drittel (Abb. 12247).


Die Zahl derer, die auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (als soziokulturelles Existenzminimum bezeichnet) angewiesen sind, steigt und steigt und liegt insbesondere bei Kindern unter 15 Jahre mit über 8 % relativ hoch (04056). Im Zuge der Hartz-IV-Reform haben allerdings viele Städte die große Mehrheit ihrer Sozialhilfeempfänger für erwerbsfähig erklärt und in das neue, vom Bund finanzierte Arbeitslosengeld II überstellt. Statt dessen veröffentlicht das Statistische Bundesamt jetzt seit 2003 die Zahl von Personen, die Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung erhalten. Diese Zahl ist 2005 sprunghaft um 20 % auf 629000 gestiegen. Das StaBuA vermutet als mögliche Ursache für diesen Anstieg unter anderem die fortschreitende Abarbeitung der Grundsicherungsanträge, die in den ersten beiden Jahren, also 2003 sowie 2004, aus unterschiedlichen Gründen noch nicht bewilligt werden konnten, sowie die fortschreitende Umstellung von bisheriger Sozialhilfe auf die neue Sozialleistung.

Frauen stellen in Deutschland mit einem Anteil von 57% die Mehrzahl der Leistungsempfänger. Im Durchschnitt errechnete sich für einen Grundsicherungsempfänger zum Jahresende 2005 ein monatlicher Bruttobedarf von 605 Euro, wovon im Schnitt alleine 252 Euro auf Unterkunft und Heizung entfielen, so daß nur 353 Euro zum übrigen Leben verblieben. Armes Deutschland!

Die Einkommensverteilung wird international nach einer vom italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelten Methode bestimmt. Dabei bedeutet die Zahl 0 eine perfekte Gleichheit, während die Zahl 1 vollständige Ungleichheit ausweist. Nach den Daten von Eurostat stieg der Koeffizient von 0,25 in 1997 auf 0,30 in 2007 und 2008 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455). Damit waren die Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute.

Ein weiterer Maßstab ist das Verhältnis von Arbeitnehmereinkommen zu Unternehmens- und Vermögenseinkommen, wobei Arbeitnehmer - wenn auch in weit geringerem Umfang - ebenfalls Vermögenseinkünfte erzielen. Über die vergangenen 4 bis 5 Jahre hat sich die Schere auseinanderentwickelt: Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen ist von 72 % auf weniger als 67 % gesunken (Abb. 04027). Die deutschen Löhne und Gehälter bewegen sich praktisch seit 2000 preisbereinigt mit minus 3,4 % nicht nur im Kriech- sondern im Rückwärtsgang, ganz im Unterschied zu den Unternehmens- und Vermögenseinkommen mit plus 36 % (Abb. 04054, 04584).

Dabei unterscheidet sich die deutsche Entwicklung diametral von der z.B. in Frankreich, wo sich die Schere zwischen Unternehmensgewinnen und Arbeitseinkommen nicht öffnet (Abb. 12199).

Nirgendwo sonst unter den Ländern der Alt-EU sind über die letzten fast drei Jahre die Arbeitnehmereinkommen (einschließlich Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) in ihrem Anteil am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt so sehr zurückgegangen und die Unternehmensgewinne so stark gewachsen (Abb. 12203).


Das DIW hat die inflationsbereinigte Einkommensentwicklung zwischen 1994 und 2004 nach Einkommensgruppen berechnet. Die Spitzenverdiener verzeichneten Lohnerhöhungen von durchschnittlich 1,5 Prozent im Jahr. Wer 1994 brutto mit 5300 Euro entlohnt wurde, bezieht heute real, also nach Abzug der Teuerungsrate, 6200 Euro. Die mittlere Einkommensgruppe konnte ihren Reallohn ebenfalls steigern, im Schnitt um 1,1 Prozent pro Jahr. Niedrigverdiener hingegen haben an der Einkommensentwicklung kaum profitiert. Ihr Realeinkommen stieg jährlich nur um 0,2 Prozent von 1030 auf 1050 Euro (Abb. 03457).

Die „Verbraucher-Analyse 2005", für die rund 31 000 Deutsche ab 14 Jahren befragt wurden, kam zu erschreckenden Ergebnissen: 17,2 % oder 11,2 Millionen Bundesbürger haben unterm Strich kein frei verfügbares Netto-Einkommen, um zu sparen oder sich etwas zu gönnen. Die Zahl der Deutschen, die nach Abzug aller Kosten, wie z. B. Miete, Einkaufen und Versicherungen, kein frei verfügbares Einkommen mehr haben, ist damit seit 2001 um rund eine Million gestiegen. Jeder Vierte (26,2 %) hat monatlich nur bis zu 100 Euro finanziellen Spielraum für einen Kneipen-Besuch, Urlaub oder Anschaffungen; mehr als zwei Drittel aller Haushalte haben entweder gar kein frei verfügbares Einkommen oder nur bis 150 Euro. Dagegen leben ganze 4,3 % oder 2,8 Millionen in Haushalten, die 750 Euro und mehr frei verfügbares Netto-Einkommen haben (Abb. 04194).

Einer der Hauptgründe für die negative Einkommensentwicklung ist langanhaltende Arbeitslosigkeit oder so genannte Langzeitarbeitslosigkeit, bei der Deutschland den höchsten Anteil in der EU hat (Abb. 04022b). Als Folge von Globalisierung und Automatisierung ist das in der Volkswirtschaft nachgefragte Arbeitsvolumen pro Bevölkerung in den arbeitsfähigen Generationen ständig gefallen, und zwar seit 1960 mit nur wenig Auf und Ab um nicht weniger als 36 % und in der kürzeren Zeitspanne seit 1991 noch um 10 % (Abb. 03456). Statt Arbeitszeit zu verkürzen, ist die verbleibende Arbeit immer ungleicher verteilt worden.

II. Vermögensverhältnisse

Die immer ungleichere Einkommenssituation überträgt sich natürlich auf die Vermögensverhältnisse. Aus dem Armutbericht der Bundesregierung von 2004: „Allerdings sind die Privatvermögen in Deutschland sehr ungleichmäßig verteilt. Während die unteren 50 % der Haushalte nur über etwas weniger als 4% des gesamten Nettovermögens (ohne Betriebsvermögen) verfügen (Abb. 04045), entfallen auf die vermögendsten 10 % der Haushalte knapp 47 %" (Abb. 04041). Der Anteil des obersten Zehntels ist bis 2003 gegenüber 1998 um gut 2 Prozentpunkte gestiegen. Und seitdem hat sich die Entwicklung eher verstärkt fortgesetzt.

III. Verbraucherinsolvenzen

Die Verbraucherinsolvenzen, ein guter Indikator für finanzielle Probleme der Haushalte, steigen steil an. Im ersten Halbjahr 2006 gegenüber Vorjahresperiode um weitere 44 % (Abb. 04028).

IV. Armutsanteil

Die so genannte Armutsgefährdungsquote in Deutschland betrug nach einem Ende 2006 vorgestellten Bericht des Statistischen Bundesamts schon 2004 rund 13%. Damit waren 10,6 Millionen Menschen in Deutschland armutsgefährdet, darunter 1,7 Millionen Kinder unter 16 Jahren. Ohne staatliche Transferleistungen läge die Armutsgefährdungsquote sogar bei einem Viertel der Bevölkerung (24 %). Als Folge der sprunghaft angestiegenen Arbeitslosigkeit ist auch die Armut seit 2004 weiter angewachsen (siehe unten).

Armut behindert nach Auffassung des StaBuA auch den Zugang zur Gesundheitsversorgung: Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen halten mehr als ein Fünftel der Armutsgefährdeten (und immerhin 7% der nicht Armutsgefährdeten) davon ab, sich einer notwendigen ärztlichen oder zahnärztlichen Behandlung zu unterziehen. Zugleich schätzen Armutsgefährdete ihren eigenen Gesundheitszustand wesentlich schlechter ein und geben häufiger an, chronisch krank zu sein, dies trifft vor allem auf die mittleren Altersgruppen von 25 bis 49 Jahren zu (Abb. 04687).


Abb. 04683 zeigt exemplarisch einige ausgewählte Bevölkerungsgruppen, die besonders stark armutsgefährdet sind. Unter den allein Lebenden zwischen 16 und 24 Jahren waren es bereits mehr als die Hälfte, unter den Arbeitslosen 43 %.


Abb. 04686 bringt die Unterscheidung nach Schulabschlüssen mit einem Risiko von 24 % bei denen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, aber immer noch 8 % selbst bei denen mit Hochschulabschluß.


2005 betrug die Armutsrate in Deutschland nach Berechnungen des DIW 17,3 Prozent - ein Negativrekord (Abb. 03458). Die Armutsquote wird dabei in der Definition der EU bei 60 % der durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen angenommen. Das sind über 3 Millionen Menschen mit Armutsrisiko mehr als 1998. Besonders stark haben sich die Einkommensverhältnisse in den neuen Bundesländern verschoben, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich nach der Wiedervereinigung gering waren (Abb. 04070). Der Armutsbericht der Bundesregierung vom April 2005 bestätigt diese unsoziale Entwicklung.

Nach eine neuen Studie des DIW hat die Verfestigung der Armut in den letzten fünf Jahren in West- und Ostdeutschland noch einmal deutlich zugenommen und konzentriert sich auf gering qualifizierte Bevölkerungsgruppen. Die Einkommensarmut ist in Deutschland zuletzt sechs Jahre in Folge gestiegen, und zwar von 12 % im Jahr 1999 auf über 17 % in 2005. Armutslagen halten zudem länger an und sind zunehmend durch mehrfache Notlagen in verschiedenen Lebensbereichen (Wohnungsprobleme, Konsumdefizite, Arbeitslosigkeit oder fehlende Rücklagen) geprägt. Fast ein Zehntel der Bevölkerung lebt in verfestigter Armut (Abb. 04745 und 04746).



Hauptbetroffene verfestigter Armut sind - so DIW - nach wie vor Arbeiter, vor allem Arbeiterfamilien mit Migrationshintergrund oder mehreren Kindern (Abb. 04747). Das durchschnittliche ständige Einkommen der Personen, die in verfestigter Armut leben, liegt bei 43% des Durchschnittseinkommens, also deutlich unter der offiziellen Einkommensarmutsschwelle von 50 % des Durchschnittseinkommens. Eine markante Besonderheit für Ostdeutschland ist der sprunghafte Anstieg der Armutsquoten bei den Routine-Dienstleistern in der jüngsten Zeit.


Die zunehmende Verarmung zeigt sich auch in den Zahlen der Empfänger von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt (siehe oben) und den Wohngeldzahlungen für mehr als 3,5 Millionen Haushalte, die nicht einmal ihre Wohnung finanzieren können. Als bezeichnend für Ungleichheit muß die Armut unter Kindern und alten Menschen besonders erwähnt werden. Bei 15 Millionen Kindern unter 18 Jahren wächst schon jedes fünfte in Armut auf. Die "Sozialreform" Hartz IV betrifft zunehmend auch Minderjährige. Die Zahl der Kinder, die von Sozialhilfe leben, hat sich nach Angaben des Kinderschutzbundes seither von einer auf zwei Millionen verdoppelt. Insgesamt leben über 3 Millionen Kinder in Armut. 37 % aller Sozialhilfeempfänger sind Kinder unter 18 Jahren, dabei ist der Anteil der unter 7jährigen, die von Sozialhilfe leben, mit 8,4 % am höchsten.

Außerdem wächst in Deutschland ein Niedriglohnsektor hoch, der sich in der Realität meist als "Niedriglohnfalle" entpuppt. Niedriglöhne werden nach internationaler Absprache als weniger als 2/3 des Durchschnittsentgelts definiert. Die Gesamtzahl der ausschließlich geringfügig entlohnten Beschäftigten hat nach den letzten verfügbaren Zahlen der Bundesagentur für Arbeit im Mai 2006 rund 5 Millionen betragen, 110.000 mehr als vor einem Jahr. Damit war jeder fünfte vollzeit Beschäftigte in Deutschland ein Niedriglöhner.

V. Öffentliche Ausgaben

Auch die öffentlichen Ausgaben im Bereich der Bildung sind ein guter Indikator für soziale Gerechtigkeit, da doch gerade über Bildung Chancengleichheit hergestellt werden soll und arme Bevölkerungsteile besonders auf Chancengleichheit angewiesen sind. Nach der Statistik der Europäischen Union liegt Deutschland mit Ausgaben in Höhe von weniger als 5 % Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts mit Spanien und Japan ganz am Ende vergleichbarer Länder (Abb. 12045). Die zweite Pisa-Studie von 2004 belegte erneut, daß in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.

VI. Armut im Weltmaßstab

Im Weltmaßstab ist die Verteilung von Armut und Reichtum noch viel grotesker. Nach einer neuen Studie World Institute for Development Economics Research (Wider) der Uno besitzt die ärmere Hälfte der Menschheit insgesamt nur ein Prozent des globalen Gehalts- und Immobilenvermögens. Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens ist in der Hand von zwei Prozent der Weltbevölkerung. Betrachtet man die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, so besitzen diese Menschen sogar 85 Prozent des gesamten Immobilien- und Gehaltsvermögens. Hier zeigen sich nicht zuletzt die Effekte der neoliberalen Globalisierung oder in den Worten von Wider: "Die Superreichen sind noch grotesk reicher geworden als sie es vor 50 Jahren waren". Dabei nimmt Deutschland nach USA und Japan den dritten Platz an den zehn reichsten Prozent der Weltbevölkerung ein (Abb. 12249).





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