Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 21/11/2006 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Deutschland ist Langzeitarbeitslosen-Weltmeister. Hier wird mit über 5 % aller Erwerbspersonen die bei weitem höchste Langzeitarbeitslosenquote gemessen; der OECD-Durchschnitt liegt bei weniger als der Hälfte dieses Wertes (Abb. 04342). 54 % aller deutschen Arbeitslosen sind 12 Monate oder länger arbeitslos; der OECD-Durchschnitt beträgt nur 33 %. Was machen wir falsch? Was können wir von den anderen lernen? Nachfolgend einige Hinweise, wobei das Thema der Arbeitsmarktflexibilisierung bewußt vermieden wird, weil hierzu nur wenig vergleichbare Informationen vorliegen.

1. Verkürzung der Arbeitszeit
Der normalste Weg, Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden, war immer eine kontinuierliche Verkürzung der Arbeitszeit entsprechend dem Produktivitätsfortschritt. Immerhin wird im deutschen gewerblichen Bereich heute rund 60 % mehr pro Arbeitsstunde produziert als noch Anfang der 90er Jahre (Abb. 04343). Oder anders ausgedrückt: Dieselbe Leistung kann mit 60 % weniger Arbeitseinsatz erreicht werden. Dementsprechend ist die Nachfrage nach Arbeitsstunden in der Volkswirtschaft insgesamt immer weiter zurückgegangen (Abb. 04344).


Statt Arbeitszeit zu verkürzen, werden jedoch heute Arbeitzeiten wieder verlängert und das Rentenalter herausgeschoben, weil in einer sehr kurzsichtigen Strategie der Finanzierung der Sozialversicherung Vorrang vor den Arbeitslosen gegeben wird. Auch hat sich die zu großen Teilen unrichtige Überzeugung durchgesetzt, daß im wesentlichen nur Niedrigqualifizierte von der strukturellen Arbeitslosigkeit betroffen seien, d.h. ein Personenkreis, der nicht in die bei Arbeitszeitverkürzung für qualifizierte Arbeit entstehende Lücke hineinpaßt. Das ist so nicht richtig, weil die Arbeitslosigkeit in Deutschland weit über den Kreis der Niedrigqualifierten hinausgeht und weil sie besonders unter den älteren Jahrgängen und da auch bei besser Qualifizierten grassiert und bei den Älteren überhaupt weit höher liegt als in allen anderen vergleichbaren Ländern. Allerdings ist die Tendenz zur Verlängerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit auch in anderen Ländern anzutreffen. Hier können wir also wenig lernen. Anders ausgedrückt: Alle machen denselben Fehler; allerdings können Länder mit niedrigerer Arbeitslosigkeit das besser verkraften.
2. Ankurbelung der Binnenkonjunktur
Alle anderen Länder pflegen ihre Binnenkonjunkturen und schaffen auf diese Weise eine steigende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, was dann auch für Beschäftigung sorgt. Dagegen wird in Deutschland dem weit weniger beschäftigungsrelevanten Export der Vorrang gegeben und werden Löhne aus vorgegebenen Konkurrenzgründen gedrückt, was die Binnenkonjunktur auf Eis hält. Symptomatisch dafür sind die heute vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten März-Zahlen der gewerblichen Wirtschaft, die die Stagnation bei Beschäftigungsabbau deutlich zeigen (Abb. 04009).

Darüberhinaus haben die angelsächsischen Länder in bester keynesianischer Manier ihre Haushaltsdefizite drastisch hochgefahren und z.B. in Großbritannien mit mehr Staatsaufträgen und mehr Beschäftigung im öffentlichen Dienst den Arbeitsmarkt entlastet, während die deutsche Finanzpolitik prozyklisch auf Sparen geschaltet hat.
3. Bessere betriebliche Qualifizierung der Arbeitskräfte
Die Arbeitslosenquote derer ohne Abiturabschluß ist in Deutschland wesentlich höher als in allen anderen Ländern (Abb. 04340).

Dazu trägt bei, daß in Deutschland der Anteil der Niedrigqualifizierten relativ hoch ist und daß sie sehr oft aus ihnen angemessenen Jobs von sonst arbeitslosen Höherqualifizierten verdrängt werden, da die Arbeitgeber auch für einfachere Arbeit Wert auf bessere Qualifizierung legen. Ein Drittel aller Jugendlichen verließ 2004 die Schule entweder ohne jeden Abschluß oder nur mit Hauptschulabschluß (Abb. 04211). Ein sehr großer Teil davon dürfte ohne jede weitere Qualifizierung auf den Arbeitsmarkt kommen. Nur etwa ein Drittel aller Hauptschüler findet eine Lehrstelle. Das bedeutet: Fast ein Viertel aller Schulabgänger ohne Lehrstelle oder weiterführende Bildung. Dies ist eine besonders schlechte Situation in Deutschland, die dringends verbessert werden muß.

Die berufliche Weiterbildung ist in Deutschland mangelhaft. Deutschland nimmt im europäischen Vergleich nur einen Platz unterhalb des Durchschnitts ein. Hierzu Ralf Mytzek-Zühlke vom Wissenschaftszentrum Berlin in der Frankfurter Rundschau: „ Ich untersuche die Weiterbildungsaktivitäten von privaten Betrieben in vier europäischen Ländern: in Deutschland, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Die Zahlen, auf die ich mich berufe, sind aus der Europäischen Weiterbildungserhebung und seit 2001 bekannt. 32 Prozent der Beschäftigten in deutschen Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten haben 1999 an Weiterbildungsaktivitäten teilgenommen. In Schweden waren es 61 Prozent, in Dänemark 53 Prozent, selbst in Großbritannien waren es 49 Prozent (siehe Abb. 12135). Deutschland ist also in diesem Ländervergleich das Schlusslicht."

Deutsche Industrieunternehmen haben sich in ihrer starken Exportorientierung sehr stark vom deutschen Heimatmarkt emanzipiert. Mit nur noch 1/3 des Umsatzes in Deutschland ist der Anteil des Heimatmarktes für die deutschen DAX 30 Unternehmen auch im internationalen Vergleich besonders klein (Abb. 12119). In dem vom Economist mit dem deutschen Wort "Wanderlust" überschriebenen Transnationalitätsindex der UNCTAD, der den Durchschnitt der Anteile von Auslandsvermögen, Auslandsumsatz und Auslandsbeschäftigung an den entsprechenden Gesamtgrößen der Unternehmen wiedergibt, belegen deutsche Unternehmen, wie Siemens (65 %), Volkswagen (55 %) und Deutsche Telecom (35 %) hohe Plätze unter den 15 Weltspitzenunternehmen. Siemens z.B. rangiert noch vor Unilever, Sony, Carrefour, Ford, General Electric und General Motors. Dementsprechend hat die deutsche Arbeitsmarktlage für deutsche Großunternehmen relativ wenig Bedeutung, was die besondere Zurückhaltung bei der Einrichtung von Lehrstellen und Weiterbildungsplätzen vielleicht miterklären kann.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Modell aus Schweden: Dort sind oft in tarifvertraglichen Vereinbarungen Zeitkonten vorgesehen. Das bedeutet, daß man Arbeitsstunden sammeln kann, wenn die Auftragslage der Firma es erfordert, und diese später für die Weiterbildung nutzen kann. In den Niederlanden wurden „individuelle Lernkonten" eingeführt: Dabei handelt es sich um Sparkonten, auf die Arbeitnehmer, unterstützt von der öffentlichen Hand oder auch von Unternehmen, Geld einzahlen können; dieses wird später in Weiterbildungsmaßnahmen investiert.
4. Bessere schulische Vorbereitung
Zu der unglücklichen Situation der beruflichen Qualifizierung trägt weiter bei, daß - wie die zweite Pisa-Studie von 2004 erneut belegt hat - in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Beim Einsatz öffentlicher Mittel im Bildungssystem rangiert Deutschland unter "ferner liefen". Mit einem Einsatz von nur 4,4 % des Bruttosozialprodukts unterbietet Deutschland noch den OECD-Durchschnitt von 5,1 % und liegt weit hinter dem Spitzenreiter Dänemark mit 6,8 %, der in dieser Hinsicht mehr als die Hälfte mehr als Deutschland auf die Bildungswaage bringt (Abb. 13004). Hier liegen also schwere Mängel in der deutschen Bildungs- und Ausbildungspolitik, die sich andere Länder so nicht leisten.

5. Kompensatorische Entwicklung des Dienstleistungssektors
Deutschland hat es bisher nicht geschafft, den Dienstleistungssektor kompensatorisch so hochzufahren, wie das in anderen Ländern gelungen ist, die ihren Industrieanteil schon viel stärker zurückgenommen haben und deren Arbeitsmärkte daher weniger unter dem Konkurrenzdruck der Niedrigstkostenländer, vor allem China, stehen (Abb. 12011). Symptomatisch dafür sind die Finanzdienstleistungen, die in den USA und Großbritannien, aber auch Frankreich schon viel stärker als in Deutschland entwickelt wurden.

6. Kompensatorische Entwicklung von selbstständigen Beschäftigungen
Deutschland hat einen Selbständigen-Anteil von nur weniger als 11 % an der Beschäftigung und liegt damit hinter vielen vergleichbaren Ländern und erheblich unter dem OECD-Durchschnitt (Abb. 04341). Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß der deutsche Anteil durch die "Notkonstruktion" der 1-Mann-AG künstlich hochgefahren wurde, ohne daß sich hier in der Regel eine dauerhafte Berufsperspektive eröffnet. Der Mangel an vernünftiger selbständiger Beschäftigung in Deutschland und die verleichsweise geringe Entwicklung des Dienstleistungssektors dürften zusammengehen.

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