Der September verzeichnet in der Statistik der Bundesagentur gegenüber Vormonat einen Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit um 50.000. Doch angesichts praktisch gestoppten Zuwachses an den besonders wichtigen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen, des bei saisonaler Bereinigung stagnierenden Beschäftigungsaufbaues im September gegenüber August, des im Vorjahresvergleich starken Aufbaues an prekären Beschäftigungsverhältnissen, und der fortgesetzten "administrativen Bereinigung" der Statistik sowie der von der Arbeitsmarktpolitik unabhängigen Entlastung durch die demographische Entwicklung bleibt die Arbeitsmarktsituation trotz aller Erfolgsmeldungen enttäuschend. Im europäischen Vergleich verharrt Deutschland bei den besonders belasteten Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes.
Auch im September gebraucht die Bundesagentur als neues Titelbild ihres Monatsberichts einen Computerbildschirm, auf dem allerdings nicht die Arbeitslosigkeit dargestellt wird, sondern ein immer nach oben weisender Stellenindex. So schön ist die Welt der Bundesagentur!
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat nach der jüngsten Statistik für Juli gegenüber Vormonat um 1.900 abgenommen. Bereits im Juni stagnierte diese besonders wichtige Zahl gegenüber dem Vormonat mit einem Minianstieg von nur noch 0,05 % und hat auch über einen längeren Zeitraum wenig Entwicklung gezeigt; seit Beginn des Jahres geht der Zuwachs zurück (Abb. 04008, 04962). 2,1 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 174.000 mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.


Die Gesamtzahl der Beschäftigten stieg zwar noch unbereinigt, stagnierte aber saisonal bereinigt (siehe unten).
Die unbereinigten Zahl der Arbeitslosen ging im September gegenüber Vormonat um 4,4 % zurück (Abb. 04595).

Das Wachstum der Beschäftigung fiel im Vormonatsvergleich saisonbereinigt von noch 0,4 % im Januar auf nur noch 0 % im August (Abb. 04942).

Bei der Arbeitslosigkeit errechnet sich saisonbereinigt im August ein Abbau der Zahl der Arbeitslosen um nur 50.000 gegenüber dem Vormonat, nachdem der Trend schon in den Vormonaten besonders schwach gewesen war (Abb. 04772).

In den Worten der Bundesagentur: "Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+7 Prozent bzw. +240.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: 35 % des Rückgangs an Arbeitslosigkeit und 36 % der Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit über ein ganzes Jahr entfällt bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge (Abb. 04970).

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Juli 4,96 Mio betragen, 125.000 mehr als vor einem Jahr.
Abb. 04922 zeigt, in welchem großem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist. Leider verrät uns die Bundesagentur nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wie viel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht.

Dabei verzeichnet die Statistik trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 39 % weiterhin und unverändert einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen (Abb. 04033), auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 1. Quartal 2007, den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland (Abb. 04022).


Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 11. Platz von 16 Vergleichsländern immer noch hoch (Abb. 04068).

Und hier noch einiges aus dem Kleingedruckten der Bundesagentur, das die eigenen Unsicherheiten im Umgang mit dieser Statistik zeigt:
Der Deutsche Landkreistag (DLT) beklagt jetzt eine stetig wachsende Zahl von jetzt schon 7,4 Millionen Arbeitslosen, die Hartz-IV-Empfänger mit Arbeitslosengeld II sind. Der Landkreistag kritisierte, dass die Zahl der "Hartz-IV"-Bezieher bislang auf die Langzeitarbeitslosen verengt werde. Ein-Euro-Jobber mit mehr als 15 Wochenstunden, Kranke oder Ausbildungsplatzsuchende etwa fänden sich dagegen nicht in der Arbeitslosenstatistik wieder, obwohl deren Lage oft nicht besser sei. Gleiches gelte für Erwerbstätige im Niedriglohnbereich, die zusätzlich auf ALG II angewiesen seien. DLT: "Es wird endlich Zeit, dass wir uns den vielschichtigen Problemen offen stellen und uns eingestehen, dass die Zahl der Personen wächst, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die hohe Zahl an Hilfsbedürftigen entwickele sich gegenläufig zur sinkenden Langzeitarbeitslosigkeit und nehme beständig zu. In der aktuellen Arbeitslosenstatistik seien von den 7,4 Millionen Hartz-IV-Sozialfällen lediglich rund 2,5 Millionen Menschen erfasst. Die von der Politik verkündete positive, hoffnungsvolle Botschaft sei ein Trugbild. Es gehe nicht bergauf, ganz im Gegenteil".
Nachdem die Verbraucherkonjunktur nicht anspringt, sich dunkle Wolken am internationalen Wirtschaftshorizont zeigen, und das Bruttoinlandsprodukt im 2. Quartal auf ein Jahreswachstum von nur 1 % zurückgefallen ist, konzentriert sich das Gesundbeten von Bundesregierung und vielen Medien immer mehr auf den Arbeitsmarkt. Originalton Bundesagentur: "Der konjunkturelle Aufschwung wirkt sich weiter positiv auf den Arbeitsmarkt aus. Auch nach den aktuellen saisonbereinigten Daten nehmen die Erwerbstätigkeit und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu, während sich die Arbeitslosigkeit verringert." Natürlich ist Bundesarbeitsminister Müntefering nicht zu überbieten und dies unter der Überschrift "Feste Schritte, klare Richtung - neue Chance am Arbeitsmarkt": "Beim Abbau der Arbeitslosigkeit geht es mit festen Schritten in die richtige Richtung voran. Und rund eine Million Stellen stehen offen. Es gibt weitere Chancen."
Auch die Medien sehen alles positiv und überschlagen sich teilweise geradezu mit Begriffen wie "Boom". SPIEGEL: "Die Herbstbelebung ist stärker ausgefallen, als es die Stimmungsbarometer der Wirtschaftsinstitute hätten vermuten lassen." Financial Times Deutschland: "Boom auf dem Arbeitsmarkt geht weiter. Die Arbeitslosenzahl in Deutschland ist auf den niedrigsten Stand seit fast zwölf Jahren gesunken - und die Bundesagentur für Arbeit (BA) rechnet damit, dass der Boom auf dem Arbeitsmarkt weiter anhält.." WELT: "Boom am Arbeitsmarkt. Höchste Erwerbstätigkeit seit Wiedervereinigung. Trotz der Krise an den Finanzmärkten finden immer mehr Deutsche einen Job. In Deutschland sind so viele Menschen in Lohn und Brot wie seit 17 Jahren nicht mehr. Zugleich sinkt die Arbeitslosenzahl auf einen neuen Tiefstand.". Handelsblatt: "Arbeitsmarkt-Dynamik auf dem Höhepunkt." Keiner der gut bezahlten Journalisten verschwendet auch nur wenige Minuten, um hinter das Gesundbeten zu blicken.
9. Fazit
Ins kritische Auge springt vor allem der praktisch gestoppte Zuwachs an den besonders wichtigen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen, der bei saisonaler Bereinigung stagnierende
Beschäftigungsaufbau im September gegenüber August, der im Vorjahresvergleich starke Aufbau an prekären Beschäftigungsverhältnissen und die fortgesetzte "administrative
Bereinigung" der Statistik sowie die von der Arbeitsmarktpolitik unabhängige Entlastung durch die demographische Entwicklung. In einer Nettogegenrechnung des Aufwuchses prekärer
Arbeitsverhältnisse bleibt vom angeblichen Boom am Arbeitsmarkt wenig übrig. Gerade diese Arbeitsverhältnisse werden sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie zu
erwarten - weiter abschwächt.
Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland bei den besonders belasteten
Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes.