Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 30/10/2008 09:37 -
Arbeitsmarkt im Oktober: Das "letzte Hurra" vom Arbeitsmarkt?
Mit der üblichen Manipulation hat es die Bundesagentur für Arbeit nun doch geschafft: 2,9969 Millionen Arbeitslose im Oktober. Da kann man nun groß posaunen: "unter 3 Millionen", auch wenn es auf Tausender gerundet 3 Millionen waren und alles in der Fehlerquote. Der Bundeswirtschaftsminister meldet sich wieder einmal zu den Arbeitsmarktzahlen, wie er das immer tut, wenn sie ihm günstig erscheinen. Nun setzt der die Schlagzeile: "Arbeitsmarkt weiterhin robust - Arbeitslosigkeit erstmals wieder unter drei Millionen." Da schlägt er auch noch den Bundesarbeitsminister, der vorsichtiger formuliert: "Unter drei Millionen Arbeitslose - jetzt Beschäftigung stabilisieren". Und die meisten Medien können es noch schöner, so SPIEGEL: "Dem deutschen Job-Markt geht es so gut wie seit 16 Jahren nicht mehr." Wirklich??
Niemand verrät uns, daß rund ein Drittel des gemeldeten Beschäftigungsaufbaus auf unsichere zeitlich befristete und schlechter bezahlte Leiharbeit entfällt. Aus den Einzelzahlen der Bundesagentur für Arbeit muß man sich das aus dem Kleingedruckten erst mühsam herausrechnen. Offensichtlich bereiten sich die Arbeitgeber mit mehr Zeitvertragsarbeit angesichts der drohenden Rezession bereits seit einiger Zeit auf rasche Entlassungen vor. Außerdem hat sich der Aufbau der Erwerbstätigkeit und der Abbau der Arbeitslosigkeit über die letzten Monaten merkbar verlangsamt. Der gesamte Abbau an Arbeitslosigkeit über das vergangene Jahr ist schon durch Anstieg von Leiharbeit, von versicherungspflichtiger Arbeit mit der Notwendigkeit von Nebenjobs und durch die demographische Entwicklung zu erklären (allein auf die Demographie entfällt 30 % des Rückgangs im Oktober gegenüber September). Mit fallender Tendenz werden nur noch 53 % der Empfänger von Arbeitslosengeld als arbeitslos registriert.
Im internationalen Vergleich hat Deutschland weiter den höchsten Anteil an Langzeitarbeitslosen und landet in der allgemeinen Arbeitslosigkeit unter 18 alten Industrieländern nur auf dem 14. Platz.
1. Beschäftigte und Arbeitslose
Der Beschäftigungsaufbau hat sich seit Beginn des Jahres Monat für Monat abgeschwächt (Abb. 14041), gegenüber dem Vorjahresmonat ging der Zuwachs von 1,8 % auf nur noch 1,4 % zurück. Ebenso schwächte sich schon seit Frühjahr 2007 der Abbau der Arbeitslosigkeit in der Tendenz von einer Jahresrate von 17,1 % auf nur noch 12,7 % ab. (Abb. 04772). Saisonbereinigt, ging die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vormonat nur noch um 26.000 oder 0,9 % zurück.


Die amtlich ausgewiesene unbereinigten Zahl der Arbeitslosen lag im Oktober bei 3,9 Millionen (Abb. 04595). Soviel zur Papierform, die meist allein in den Medien hängen bleibt.

Die so wichtige Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in den 5 Jahren seit 2003 kaum zugenommen (Abb. 04008). Erst recht zeigt sich eine enttäuschende Entwicklung, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht. Da ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Beschäftigten von 75 % in 1995 auf nur noch 68 % im September 2008 zurückgefallen. 2,27 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 180.000 oder 8,8 % mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.

2. Stellenangebot
Der gemeldete Stellenbestand geht bereits seit Beginn letzten Jahres zurück oder stagniert zuletzt (Abb. 14133).

3. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs
In den Worten der Bundesagentur: "Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+ 5,0 Prozent bzw. + 184.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: Bereits 32,4 % der Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit über ein ganzes Jahr entfällt zum größten Teil bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge (Abb. 04970, 14491).


Seit vielen Monaten übertrifft nun die Zuwachsrate der Leiharbeit die der Erwerbstätigkeit insgesamt bei Weitem (Abb. 14527).

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Juni 4.83 Mio betragen.
Abb. 04922 zeigt, daß der Rückgang der Arbeitslosigkeit fast vollständig durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist. Leider verrät uns die Bundesagentur nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wie viel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht. Außerdem wird uns nicht verraten, wieviele derer über 58 Jahre nach der neuen gesetzlichen Regelung nun nicht mehr als arbeitslos geführt werden.

Diese Struktureffekte zeigen sich auch im Auseinanderklaffen der Zahl der Arbeitslosen und der Arbeitslosengengeldempfänger, von denen nur 53 % als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980); vor zwei Jahren wurden noch mehr als 71 % registiert. Die Arbeitslosenstatistik ist also immer weniger aussagefähig. Wer staatliche Stütze braucht, hat eigentlich keinen richtigen Job.

Wenn die Beschäftigung seit dem letzten Quartal 2006 weiter gestiegen ist, obwohl das Bruttosozialprodukt zurückgegangen ist (Abb. 14554), so liegt das eben an diesen temporären und/oder gering bezahlten Jobs. Das werden allerdings auch die ersten sein, die in der kommenden Wirtschaftskrise wieder wegfallen.

4. Internationaler Vergleich
Auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 2. Quartal 2008 verzeichnet Deutschland den höchsten Anteil an Langzeitarbeitslosen in den Alt-EU-Ländern (Abb. 04022). Auch sonst landet im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit im unteren Mittelfeld auf Platz 14 von 18 und unter dem Durchschnitt der Alt-EU (Abb. 04068).






















