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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 30/06/2009 09:37 -

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1. Vorbemerkung zur Qualität der Arbeitsmarktzahlen

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit lassen Zeitphasenvergleiche und damit eine Beurteilung der Entwicklung kaum noch zu, weil immer neue Veränderungen und Manipulationen in der statistischen Basis erfolgt sind. So wurde Ende 2006 eine neue Saisonkurzarbeitergeld-Regelung eingeführt, bei der praktisch arbeitslose Bauarbeiter in Schlechtwetterphasen Kurzarbeitergeld in Höhe des sonst üblichen Arbeitslosengeldes enthalten und damit anders als früher nicht mehr als arbeitslos gezählt werden. Auch wurde das allgemeine Kurzarbeitergeld bereits zweimal auf jetzt zwei Jahre verlängert. Aufgrund einer anderen Neuregelung in 2007 werden viele der über 58-Jährigen nicht mehr als arbeitslos geführt, obwohl sie noch arbeiten wollen.

Nach einem weiteren Gesetz zur Neuregelung von Arbeitsmarktinstrumenten werden seit Mai dieses Jahres alle Arbeitslosen, die durch private Träger betreut werden, nicht mehr als arbeitslos gezählt. Im April waren Dritte bundesweit für rund 200.000 Personen mit der Vermittlung beauftragt, wobei die Teilnahmen an diesen Instrumenten ab Mai 2009 sukzessive auslaufen. Die Bundesanstalt gibt an, daß die Arbeitslosigkeit mit der Neuregelung im Mai um 25.000 und im Juni um weitere 35.000 "reduziert" worden sei. Diese Werte sind in den folgenden Grafiken hinzugefügt. Sie ergeben ein erheblich anderes Bild, als es von der Bundesregierung und den Medien verbreitet wird.

Außerdem hat die Arbeitsverwaltung in 2007 die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus verschärft, ohne den darauf entfallenden "Rückgang" der amtlich gezählten Arbeitslosigkeit zu benennen. Die Zahlen vom Mai 2009 sind also kaum noch mit denen des Vorjahres vergleichbar. Jedenfalls werden nur noch 56,9 % der Arbeitslosengeldbezieher als arbeitslos registriert.

2. Die Krise am Arbeitsmarkt ist voll da

Nun kommt die Weltwirtschaftskrise immer mehr am deutschen Arbeitsmarkt an. Die Leiharbeiter fliegen als erste aus den Jobs (-23,6 %). Die Zahl der Kurzarbeiter ist bereits bis zu den letzten Zahlen vom März auf 1,25 Millionen stark angestiegen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften fällt deutlich. Gegenüber Mai stieg saisonbereinigt die Arbeitslosigkeit weiter deutlich an, wenn man die nicht mehr mitgezählten von Dritten betreuten Arbeitslosen einrechnet. Der Beschäftigungsaufbau brach auf negative Werte ein.

3. Immer mehr Kurzarbeit

Zahlen zur tatsächlichen Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld liegen jeweils zwei Monate nach Quartalsende vor; diesmal meldet die Bundesagentur jedoch immer noch die Zahlen vom März. Nach diesen Angaben wurde im März an 1.26 Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld gezahlt (Abb. 14615). Die Inanspruchnahme für konjunkturelle Kurzarbeit ist im ersten Quartal steil angestiegen und hat sich von Dezember auf März um 911.000 erhöht. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Kurzarbeiterzahl insgesamt um 1.1 Millionen gestiegen. Spätestens wenn das Kurzarbeitergeld ausläuft, überträgt sich der Effekt in die Arbeitslosigkeit.


4. Immer weniger Nachfrage nach Arbeitskräften

Relativ unbehelligt von statistischen Manipulationen ist auch die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage einzuordnen, die von der Bundesagentur als "Stellenindex BA-X" monatlich bekannt gegeben wird. Dieser Index ist laut Bundesagentur der aktuellste Stellenindex in Deutschland und beruht auf konkreten Stellengesuchen der Firmen. Er signalisiert die Einstellungsbereitschaft und bildet die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage am ersten Arbeitsmarkt ab. In den saisonbereinigten Index fließen die bei der BA gemeldeten ungeförderten Stellen für "normale" sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis, die Stellen für Freiberufler und Selbständige sowie die gemeldeten Stellen aus der privaten Arbeitsvermittlung ein. Verglichen mit dem Juni 2008 lag die Arbeitskräftenachfrage insgesamt mit 49 Punkten im Minus, im Mai lag der Vorjahresabstand noch bei -43, im April bei -34. Die Arbeitskräftenachfrage erreicht damit den niedrigsten Stand seit Juli 2005. (Abb. 14616).


5. Beschäftigte und Arbeitslose

Der Beschäftigungsaufbau hat sich seit Beginn des Jahres 2008 Monat für Monat immer stärker abgeschwächt und ist seit März erstmals negativ geworden und seitdem immer mehr (Abb. 14041). Der Begriff "Beschäftigung" umfaßt dabei noch viele Minijobs, Trainingsmaßnahmen und andere Überbrückungen, die praktisch Arbeitslosigkeit bedeuten.


Ebenso schwächte sich schon seit Frühjahr 2007 der Abbau der Arbeitslosigkeit in der Tendenz von einer Jahresrate von 17,1 % immer mehr ab und geriet seit März in wachsendes negatives Terrain, im Juni fast 10 % (Abb. 04772).



Saisonbereinigt nahm die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vormonat weiter zu, wobei zu der ausgewiesen Zunahme von 31.000 weitere 60.000 durch Dritte betreute Arbeitslose zu rechnen sind (Abb. 04596). Das entspricht auf 12 Monate gerechnet einer Anstiegsrate von 1,1 Millionen (!), und das trotz Kurzarbeitergeld, das demnächst seine Wirkung verlieren wird. Und da meldet die Presse, wie SPIEGEL-online ein Sinken der Arbeitslosigkeit: "Zahl der Arbeitslosen sinkt nur leicht".


Die amtlich ausgewiesene unbereinigten Zahl der Arbeitslosen lag im Juni bei 3,4 Millionen, wozu sich die ca. 60.000 nicht mehr gezählten von Dritten betreuten Arbeitslosen rechnen. Damit ist die übliche Frühjahrserholung fast total ausgeblieben (Abb. 04595).


Die so wichtige Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in den 5 Jahren seit 2003 kaum zugenommen (Abb. 04008) und ist im April jahreszeitlich nur noch um 46.000 leicht gestiegen. Im Vorjahres-April war der Anstieg noch mehr als doppelt so stark. Erst recht zeigt sich eine enttäuschende Entwicklung, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht. Da ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Beschäftigten von 75 % in 1995 auf nur noch 68.6 % im April 2009 zurückgefallen. 2,25 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 70.000 oder 3,2 % mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.


6. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs

Bei der Arbeitnehmerüberlassung, die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit, kam es zum vierten Mal in Monatsfolge zu einem kräftigen Beschäftigungsrückgang um 23,6 % oder 157.000 gegenüber Vorjahr. Diese Arbeitnehmer fliegen nun als erste auf die Straße. In den Vorjahren war der Aufbau an Beschäftigung zum größten Teil auf diese unsicheren und in der Regel schlecht bezahlten Zeitverträge entfallen (Abb. 14527). Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im April 4.91 Mio betragen, 1,1 % mehr als ein Jahr zuvor.


Dabei sind selbst die negativen Zahlen noch stark geschönt. So trägt die demographische Entwicklung zu einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots um jahresdurchschnittlich 147.000 bei. Auch verrät uns die Bundesagentur weiterhin nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wieviel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht. Außerdem wird uns wieder nicht verraten, wieviele derer über 58 Jahre nach der neuen gesetzlichen Regelung nun nicht mehr als arbeitslos geführt werden. Diese Struktureffekte zeigen sich auch im Auseinanderklaffen der Zahl der Arbeitslosen und der Arbeitslosengengeldempfänger, von denen nur 57.5 % als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980); vor zwei Jahren wurden noch mehr als 71 % registiert. Die Arbeitslosenstatistik ist also immer weniger aussagefähig. Wer staatliche Stütze braucht, hat eigentlich keinen richtigen Job.


7. Internationaler Vergleich

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland derzeit noch im Mittelfeld, was sich nach Auslaufen des Kurzarbeitergelds schnell ändern wird (Abb. 04068). Doch hat Deutschland nach den jüngsten Eurostat-Zahlen für das 4. Quartal letzten Jahres den höchsten Anteil von Langzeitarbeitslosen an den Arbeitslosen (Abb. 14703) und den zweithöchsten an der aktiven Bevölkerung (Abb. 04022).




8. Ausblick

Mit einem Wort: Finster. Internationale Erfahrungen mit ähnlichen Krisen aus der Vergangenheit lassen mit einem mehrjährigen Zuwachs an Arbeitslosigkeit rechnen. Noch bremst das Kurzarbeitergeld den Anstieg der Arbeitslosigkeit, doch bei längeranhaltender Krise werden die Unternehmen die Kurzarbeiter nicht weiter durchschleppen können, auch wenn jetzt das Kurzarbeitergeld auf 24 Monate verlängert wurde. Vor allem trifft es die immer noch mehr als eine halbe Million Leiharbeiter mit kurzfristig kündbaren Verträgen. Die OECD erwartet jetzt bis 2010 einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 11,6 %, der Internationale Währungsfond auf 11,8 % und damit in die Nähe von 5 Millionen. Die deutsche Arbeitslosigkeit soll im kommenden Jahr die höchste unter den G7 sein (Abb. 13720). Im Ergebnis wird Deutschland im Zeitraum 2001 bis 2010 mangels ausreichendem Masseneinkommen und damit einseitiger Exportabhängigkeit die höchste durchschnittliche Arbeitslosenquote haben, die nur noch von Griechenland und Spanien übertroffen wird (Abb. 13721).



Da der deutsche Arbeitsmarkt in den letzten Jahren sehr stark von kreditfinanziertem Export lebte und die Verschuldungsgrenzen vieler Abnehmer erreicht und überschritten sind, kann die Normalisierung nur auf dauerhaft erheblich niedrigerem Niveau stattfinden, solange die deutsche Wirtschaft nicht stärker von Export auf Binnenkonsum umgebaut wird.