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Je weniger günstig die Entwicklung am Arbeitsmarkt desto gewaltiger die Schönfärbung. Da stagniert die Beschäftigungsentwicklung und verliert der Abbau an Arbeitslosigkeit immer mehr an Fahrt, und sofort werden solche Zeichen in den knalligen Überschriften der Medien und der Bundesregierung unterschlagen. Bundesarbeitsminister Scholz: "Wieder gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt. Es geht voran: rund 528 000 Arbeitslose weniger als vor einem Jahr, 123 000 weniger gegenüber dem Vormonat. Die Zahlen machen Mut und bekräftigen das Ziel Vollbeschäftigung. Schritt für Schritt können wir es in den nächsten Jahren schaffen, dass niemand, der seinen Job verliert, länger als ein Jahr ohne neuen Arbeitsplatz bleiben muss. Vollbeschäftigung wäre damit erreicht." Wie kann man nur von Vollbeschäftigung träumen, wenn der Beschäftigungsaufbau fast zum Erliegen gekommen ist? Oder SPIEGEL: "Arbeitslosenzahl sinkt auf 15-Jahres-Tief. Der Jobmarkt in Deutschland boomt: Erstmals seit 1993 ist die Zahl der Erwerbslosen im Juni wieder unter die Marke von 3,2 Millionen gefallen."

Die Arbeitsmarktzahlen vom Juni 08 geben bei aller Beschönigung und statistischen Manipulation wenig Anlaß zu solcher Vollmundigkeit:

1. Saisonbereinigte Zahlen

Saisonbereinigt geht die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr deutlich geringer zurück als in den Vorjahren (Abb. 04772). Der Beschäftigungsaufbau als Anteil an der Gesamtbeschäftigung hat sich seit Beginn des Jahres Monat für Monat deutlich abgeschwächt und fiel im Mai mit einem Plus gegenüber Vormonat von nur 0,01 % praktisch in die Stagnation (Abb. 14041).



2. Stellenangebot

Der gemeldete Stellenbestand geht bereits seit Beginn letzten Jahres zurück (Abb. 14133). Das gilt auch für Stellenzugänge für ungeförderte "normale" sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, die nach Ansicht der Arbeitsagentur ein besserer Indikator für die Einstellungsbereitschaft der Betriebe sind; auch sie nehmen saisonbereinigt im Vormonats- und Vorjahresvergleich ab.


3. Unbereinigte Zahl der Beschäftigten und Arbeitslosen

Die so wichtige Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in den 4 Jahren seit 2004 nur um knappe 3,8 % zugenommen (Abb. 04008). Erst recht zeigt sich eine enttäuschende Entwicklung, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht. Da ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Beschäftigten von 75,0 % in 1995 auf nur noch 68,2 % im April 2008 zurückgefallen. 2,15 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 146.000 oder 7,3 % mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.


Die amtlich ausgewiesene unbereinigten Zahl der Arbeitslosen sank im Juni der Jahreszeit entsprechend auf 3,2 Mio (Abb. 04595). Gegenüber dem Vorjahresmonat ging die Arbeitslosigkeit um 7,5 % zurück. Doch bereits seit mehr als einem Jahr verlangsamt sich nun der Abbau der Arbeitslosigkeit (Abb. 14042).



4. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs

In den Worten der Bundesagentur: "Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+6,0 Prozent bzw. +215.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: 35 % der Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit über ein ganzes Jahr entfällt zum größten Teil bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge (Abb. 04970).


Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im April 4.81 Mio oder betragen.

Abb. 04922 zeigt, in welchem großem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist. Leider verrät uns die Bundesagentur nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wie viel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht. Außerdem wird uns nicht verraten, wieviele derer über 58 Jahre nach der neuen gesetzlichen Regelung nun nicht mehr als arbeitslos geführt werden.


Gerade die unsicheren, zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt. Dagegen wirkt das amtliche Geschwafel von der bevorstehenden "Vollbeschäftigung" ziemlich hohl.

Ein Skandal ist auch das Anwachsen der unfreiwilligen Teilzeitarbeit, die natürlich in der Statistik als volle Arbeit gewertet wird. Der Anteil der Teilzeitarbeiterinnen und Teilzeitarbeiter an allen Beschäftigten, der 1996 bei 21,6 und 2000 bei 27,2 Prozent gelegen hatte, ist auf 33,5 Prozent gestiegen. Über 70 Prozent aller teilzeitbeschäftigten Männer und rund 30 (Westdeutschland) bzw. 40 Prozent (Ostdeutschland) aller teilzeitbeschäftigten Frauen sind unfreiwillig nur in Teilzeitarbeit beschäftigt.

Diese Struktureffekte zeigen sich auch im Auseinanderklaffen der Zahl der Arbeitslosen und der Arbeitslosengengeldempfänger, von denen nur 54 % als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980); vor zwei Jahren wurden noch mehr als 71 % registiert. Die Arbeitslosenstatistik ist also immer weniger aussagefähig. Wer staatliche Stütze braucht, hat keinen richtigen Job.


5. Internationaler Vergleich

Auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 4. Quartal 2007 verzeichnet Deutschland den höchsten Anteil an Langzeitarbeitslosen in den Alt-EU-Ländern (Abb. 04022).


Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 14. Platz von 18 Vergleichsländern immer noch sehr hoch, zumal alle größeren bis auf Frankreich und Spanien wesentlich niedrigere Raten haben (Abb. 04068). Angesichts des deutschen Dauertriumphes bei den Arbeitsmarktdaten sollte man die der Nachbarn zur Ernüchterung im Auge behalten.


6. Dauer-Beschönigung

Vor wenigen Wochen hat der Chef des an die Bundesagentur für Arbeit angegliederten IAB, Joachim Möller, der "Süddeutschen Zeitung" erklärt, es werde "in der Tat an der Statistik-Schraube gedreht". Als Beispiel nannte er die sogenannte "stille Reserve" von 625.000 Menschen, die sich wegen schlechter Vermittlungschancen gar nicht erst bei den Arbeitsagenturen meldeten. Hinzu kämen etwa eine Million Menschen, die nicht als arbeitslos gezählt würden, weil sie beispielsweise als Ein-Euro-Jobber arbeiteten, in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen seien oder staatlich gefördert frühverrentet würden. "Zählt man alles zusammen, kommt man in Deutschland auf gut fünf Millionen Menschen, die gerne arbeiten würden". Doch auch diese Zahl ist noch viel zu tief gegriffen, weil sie von den niedrigstbezahlten Jobs nur die Ein-Euro-Jobs einbezieht.

Die vielen Beschönigungen der Arbeitsmarktstatistik lösen sich auf, wenn man die Einkommensentwicklung und davon abgeleitet die Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes betrachtet, die in der Tendenz schon seit Beginn letzten Jahres negativ läuft (Abb. 04943).