Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 28/06/2007 11:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Kaum noch echter Rückgang an Arbeitslosigkeit. Kein Aufbau zusätzlicher Beschäftigung im Juni. Abbau von Arbeitslosigkeit vor allem durch mehr unsichere und schlecht bezahlte Zeitarbeit, mehr Mc Jobs, ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigung, administrative „Bereinigung" der Statistik und demographische Entwicklung. Im europäischen Vergleich mit den anderen Fußkranken am Ende.
Auch beim Titelbild ihres Juni-Berichts hat die Bundesagentur wieder mit der Nullachse des Titelbildes gespielt, was der ahnungslose Betrachter nicht erkennen kann, um einen stärkeren Rückgang der Arbeitslosigkeit optisch vorzutäuschen. Abb. 04750 stellt dem die wirkliche Entwicklung gegenüber. Hat die Bundesregierung das wirklich nötig?

Saisonbereinigt errechnet im Juni sich ein relativ geringer Abbau der Zahl der Arbeitslosen um 37.000 gegenüber Vormonat, nachdem der Trend schon in den Vormonaten schwach gewesen war (Abb. 04772). Die Beschäftigung stagniert praktisch im Vergleich Mai zu April bei einem sehr schwachen Plus von 0,04 % (Abb. 04903); die Begründung des Statistischen Bundesamts: „Die Abflachung des saisonbereinigten Anstiegs resultiert zum Teil aus der durch die milde Witterung begünstigten Entwicklung der Erwerbstätigkeit in den Wintermonaten ist im Vergleich Mai zu April nicht glaubwürdig.


Der Bundesarbeitsminister gibt dennoch wieder einmal den Jubel vor unter der Überschrift „Die nächste gute Nachricht vom Arbeitsmarkt" vermeldet er: „Auch der Juni hat bewiesen, dass die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt kein beliebiger Konjunkturhopser ist, sondern die Konsequenz einer zielführenden Politik". Und natürlich stimmen die meisten Medien in diesen Chor völlig unkritisch ein. Hier Kostproben: „Damit sank die Zahl der Jobsuchenden deutlicher als von Arbeitsmarktexperten und Volkswirten angenommen - und war so niedrig wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr" (SPIEGEL), „Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland erneut stark zurückgegangen" (WELT), „Die stabile Konjunktur sorgt nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit für mehr sozialversicherungspflichtige Jobs" (FR), „Das Jobwunder geht weiter" (BILD).
1. Unbereinigte Zahl der Zahl der Beschäftigten und Arbeitslosen.
Die Zahl der Beschäftigten hat gegen Vormonat nur noch um 0,46 % zugenommen. Die Entwicklung der saisonbereinigten Erwerbstätigkeit, die bis Mai angegeben wird, verlief zuletzt mit einem Mini-Plus von nur 14.000 enttäuschend (siehe oben Abb. 04903).
Die unbereinigten Zahl der Arbeitslosen ist auf 3,7 Millionen gefallen (Abb. 04595). Die Rate des Rückgangs gegenüber der Vorjahresperiode hat sich abgeflacht, ist aber statistisch immer noch beachtlich (Abb. 04751).


Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hat im Juni-Report den gegenwärtigen Konjunkturzyklus mit dem vorangegangenen verglichen und ist dabei zum Ergebnis gekommen, daß die Arbeitsmarktreformen im Aufschwung bisher kaum Wirkung zeigen. Eigentlich sollten sie den Arbeitslosen genug Anreize und Druck verschaffen, um sie so in die Beschäftigung zu bringen. Statt dessen arbeiten schon Beschäftigte länger und wird der Rückgang der Arbeitslosigkeit von statistischen Kontrollen und einem wegen der demographischen Entwicklung rückläufigen Arbeitskräftepotential angetrieben. Die Beschäftigungsentwicklung verläuft daher bisher jedenfalls - verglichen mit dem vorangegangenen Zyklus - ausgesprochen enttäuschend (Abb. 04902).

Ein im Vergleich zum vorangegangenen Zyklus erheblich geringerer Teil der Abgänge aus der Arbeitslosigkeit landet in Beschäftigung (Abb. 04901). Statt dessen geht ein höherer Anteil in Ausbildung und Qualifizierung. IMK hat allerdings nicht ermittelt, was davon nur Warteschleifen sind.

2. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs
Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (8,3 Prozent bzw. 274.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung, also Leiharbeit, getragen wird. Im Klartext: 30 % des Rückgangs an Arbeitslosigkeit und 57 % der Gesamtzunahme an Beschäftigung über ein ganzes Jahr entfällt bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge.
Sehr enttäuschend auch, daß die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitsplätze nach den letzten Zahlen für April gegenüber dem Vormonat mit einem Minianstieg um 147 Tausend oder 0,55 % praktisch stagniert (Abb. 04008). 2,07 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus (gegenüber dem Vorjahr 228.000 mehr - ein Anstieg, der bereits mehr als einem Drittel der Gesamtzunahme an versicherungspflichtigen Arbeitsplätzen entspricht), was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Mai 4,93 Mio betragen, 131.000 mehr als vor einem Jahr; diese Zahl lag vor einem Monat noch bei 39.000 mehr, ist also stark angesprungen und hat das Juni-Ergebnis mit dem Rückgang von 125.000 gegen Mai um fast 100.000 aufgebessert. Im Klartext: ca. 80 % des Rückgangs der Arbeitslosigkeit gegen Vormonat. Wie kann man da vom „großen Erfolg" reden?
Abb. 04904 zeigt in welchem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Anstieg versicherungspflichtiger Arbeitsplätze durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist.

Eine neue Datenbank von Eurostat/Klems zeigt, in welchen Ländern in einer „Wissensgesellschaft" der Akademikeranteil unter Berufseinsteigern deutlich höher ist als in der etablierten Erwerbsbevölkerung und durch die Verschiebung der Beschäftigungsstruktur sowohl Produktivitätswachstum wie allgemeines Bruttoinlandsprodukt zunehmen. In Deutschland sollte der Effekt eigentlich ebenfalls relativ groß sein. Denn der Akademikeranteil ist im Vergleich zu anderen reichen Industrieländern niedrig, entsprechend groß ist das Potenzial für hohe Steigerungsraten. Dennoch ist in Deutschland ist der Effekt, der sich aus Verschiebungen der Beschäftigungsstruktur ergibt, mit nur 1 % am Bruttoinlandsprodukt zwischen 1995 und 2004 per saldo geringfügig (Abb. 12545). In Frankreich etwa trug er 4 Prozentpunkte zum Wachstum der Privatwirtschaft bei. Inzwischen könnte der Effekt für Deutschland sogar ein negatives Vorzeichen haben. Die vielen jungen Arbeitnehmer, die nun auf den Arbeitsmarkt kommen, sind unerfahren und haben teilweise ihre Ausbildung noch gar nicht abgeschlossen. Dem Eurostat/Klems-Bericht zufolge ist die Produktivität in der deutschen Industrie zwischen 1995 und 2004 zwar kräftig gestiegen. Im Dienstleistungssektor dagegen, der auch in Deutschland weit mehr Menschen beschäftigt als die Industrie, sind die Zuwachsraten gegenüber dem Vergleichszeitraum 1980 bis 1995 gefallen. Der Grund, heißt es in dem Bericht, ist „ein wachsender Anteil von Dienstleistungen mit geringer Produktivität". Mit den Worten des Kommentators der Financial Times Deutschland: „Nicht das Entstehen hochwertiger, hochproduktiver, hoch bezahlter Jobs für Investmentbanker, Ingenieure oder Informatiker dominiert seit Jahren die Entwicklung im Dienstleistungssektor. Sondern jene McJobs, mit denen wir, die selbst ernannte Wissensgesellschaft, so gern angelsächsische Volkswirtschaften in Verbindung bringen."

3. Langzeitarbeitslose, internationaler Vergleich
Dabei verzeichnet die Statistik trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 42 % weiterhin und unverändert einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen (Abb. 04033), auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 4. Quartal 2006 den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland (Abb. 04022).


Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 13. Platz von 18 Vergleichsländern immer noch hoch (Abb. 04068).

4. Aus dem Kleingedruckten
Und hier noch einiges aus dem Kleingedruckten der Bundesagentur, das die eigenen Unsicherheiten im Umgang mit dieser Statistik zeigt:
- Außerdem wird der Arbeitsmarkt durch ein rückläufiges Arbeitskräfteangebot entlastet, das nach Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2007
jahresdurchschnittlich um 100.000 abnimmt.
- Darüber hinaus dürfte die intensivere Betreuung von Arbeitslosen sowie die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus von
Einfluss gewesen sein (Infoportal: Bedeutet rigorose Aussortierung).
Eine besonders beunruhigende Beeinträchtigung der Verläßlichkeit und Aussagefähigkeit der Statistik ist der "Verschiebebahnhof" zwischen der Arbeitslosenzählung und der Zählung der Arbeitssuchenden, die nicht als arbeitslos gerechnet werden, auf die ich im März-Kommentar ausführlich eingegangen bin.
Fazit
Angesichts der Stagnation beim Aufbau zusätzlicher Beschäftigung im Juni und des Abbaus von Arbeitslosigkeit vor allem durch mehr unsichere und schlecht bezahlte
Zeitarbeit, mehr Mc Jobs, ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigung, administrative „Bereinigung" der Statistik und demographische Entwicklung sowie der vielen
Ungereimtheiten, ist kaum noch nachvollziehbar, wie die meisten Medien immer wieder auf die von der Bundesregierung verbreiteten weit übertriebenen Erfolgsmeldungen hereinfallen und alles
nachplappern, was da vorgegeben wird. Kaum jemand macht sich die Mühe, hinter die Kulissen zu blicken. Was hier als Erfolg verkauft wird, sind zu einem sehr großen Teil prekäre,
d.h. zeitlich befristete und/oder gering bezahlte Jobs, die demographische Entwicklung und einige statistische
Veränderungen bei der Einstufung von Arbeitslosen. Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland mit den anderen Fußkranken am Ende des
Vergleichsfeldes. Wenn es nicht gelingen sollte, bei der derzeit relativ guten internationalen Konjunktur einen stärkeren echten Rückgang an Arbeitslosigkeit zu erreichen, wird es im
nächsten Abschwung wieder sehr schlecht aussehen.
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