1. Übersicht

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit lassen Zeitphasenvergleiche und damit eine Beurteilung der Entwicklung kaum noch zu, weil immer neue Veränderungen und Manipulationen in der statistischen Basis erfolgt sind. Diese "Statistik" ist inzwischen die bei Weitem verlogenste, die amtlich in Deutschland erstellt wird (siehe dazu Teil 7 unten).

Im Vergleich zum Vorjahr hat die Unterbeschäftigung (noch ohne Kurzarbeit) mit 6,8 % erheblich zugenommen. Die Leiharbeiter fliegen als erste aus den Jobs (-11 %). Die Zahl der Kurzarbeiter ist bis zu den letzten Zahlen vom September auf 1,1 Millionen stark angestiegen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist über die letzten Monate deutlich gefallen und stagniert nun mit zuletzt minimalem Anstieg auf niedrigem Niveau. Die Beschäftigung ging gegenüber dem Vorjahr weiter zurück.

2. Immer mehr Kurzarbeit

Zahlen zur tatsächlichen Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld liegen jeweils zwei Monate nach Quartalsende vor. Nach den immer noch jüngsten Angaben wurde im September an 1,074 Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld gezahlt. Betrachtet man nur die konjunkturell bedingten Anzeigen an neuer Kurzarbeit, so erhöhte sich die Zahl von 89.000 im Oktober auf 129.000 im Dezember. Spätestens wenn das Kurzarbeitergeld ausläuft, überträgt sich der Effekt in die Arbeitslosigkeit. Sehr deutlich zeigt sich die Kurzarbeit in den geleisteten Arbeitstunden der gewerblichen Wirtschaft, die im Zeitraum Januar bis November 2009 um 9,7 % gegenüber Vorjahr zurückgegangen sind (Abb. 14834).


3. Nachfrage nach Arbeitskräften

Relativ unbehelligt von statistischen Manipulationen ist auch die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage einzuordnen, die von der Bundesagentur als "Stellenindex BA-X" monatlich bekannt gegeben wird. Dieser Index ist laut Bundesagentur der aktuellste Stellenindex in Deutschland und beruht auf konkreten Stellengesuchen der Firmen. Er signalisiert die Einstellungsbereitschaft und bildet die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage am ersten Arbeitsmarkt ab. In den saisonbereinigten Index fließen die bei der BA gemeldeten ungeförderten Stellen für "normale" sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis, die Stellen für Freiberufler und Selbständige sowie die gemeldeten Stellen aus der privaten Arbeitsvermittlung ein. BA-X zeigt bereits über mehrere Monate eine Seitwärtsbewegung. Das Niveau des Vorkrisenjahres 2008 wird allerdings deutlich unterschritten (Abb. 14616).


4. Beschäftigte und Arbeitslose

Die Beschäftigung entwickelt sich seit Mitte letztes Jahres im Vorjahresvergleich negativ (Abb. 14041). Der Begriff "Beschäftigung" umfaßt dabei noch viele Minijobs, Trainingsmaßnahmen und andere Überbrückungen, die praktisch Arbeitslosigkeit bedeuten und nur unter "Unterbeschäftigung" ausgewiesen werden.


Ebenso nimmt seit Februar letzten Jahres die Arbeitslosigkeit im Vorjahresvergleich zu, wobei allerdings die von Dritten betreuten Jobsuchenden von der Bundesagentur irreführend (siehe unten Teil 7) nicht mehr als Arbeitslose erfaßt werden, was die Statistik entwertet (Abb. 04772). Die durch Dritte betreuten Arbeitslosen wurden einfach in die "Unterbeschäftigung" verschoben, die nach Schätzung der Agentur im Vergleich zum Vorjahr (ohne Kurzarbeit) um 305.000 oder 6,8 Prozent gestiegen ist. Die Unterbeschäftigungsquote lag bei 11,2 %. Einschließlich der Kurzarbeit dürfte die Quote bei rund 14 % gelegen haben.


Die amtlich ausgewiesene unbereinigten Zahl der Arbeitslosen lag im Januar bei 3,6 Millionen, die ehrlichere der "Unterbeschäftigten" bei 4,8 Millionen, eine Differenz von 1,2 Millionen (Abb. 14726).


Die so wichtige Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in den 6 Jahren seit 2003 kaum zugenommen (Abb. 04008). Erst recht zeigt sich eine enttäuschende Entwicklung, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht. Da ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Beschäftigten von 75 % in 1995 auf nur noch 68.3 % im November 2009 zurückgefallen. 2,38 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 71.000 oder 3,1 % mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.


5. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs

Bei der Arbeitnehmerüberlassung, die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit, kam es zum elften Mal in Monatsfolge zu einem kräftigen Beschäftigungsrückgang um 11 % oder 73.000 gegenüber Vorjahr. Diese Arbeitnehmer fliegen nun als erste auf die Straße. In den Vorjahren war der Aufbau an Beschäftigung zum größten Teil auf diese unsicheren und in der Regel schlecht bezahlten Zeitverträge entfallen (Abb. 14527).


Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im November 4,99 Mio betragen, bei deutlich steigender Tendenz 1,6 % mehr als ein Jahr zuvor.

Dabei sind selbst die negativen Zahlen noch stark geschönt. So trägt die demographische Entwicklung zu einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots um jahresdurchschnittlich 147.000 bei. Auch verrät uns die Bundesagentur weiterhin nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wieviel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht. Außerdem wird uns wieder nicht verraten, wieviele derer über 58 Jahre nach der neuen gesetzlichen Regelung nun nicht mehr als arbeitslos geführt werden.

Diese Struktureffekte zeigen sich auch im Auseinanderklaffen der Zahl der Arbeitslosen und der 6 Millionen Arbeitslosengengeldempfänger, von denen nur 57.4 % als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980). Zwischen August 2006 und Januar 2009 ist der Anteil der arbeitslos Registrierten an allen Empfängern von Arbeitslosenhilfe von seinerzeit 67,3 % immer weiter gefallen (Abb. 14762). Immer mehr Arbeitslose befinden sich in Warteschleifen außerhalb der Statistik, wie oft nutzlosen Weiterbildungs- und Trainingsprogrammen, in niedrigst bezahlter Arbeit von 1 Euro und etwas mehr oder sind statistisch durch vielerlei Manipulationen schlicht ausgemerzt worden. Die Arbeitslosenstatistik ist also immer weniger aussagefähig. Wer staatliche Stütze braucht, hat eigentlich keinen richtigen Job.



6. Internationaler Vergleich

Die Langzeitarbeitslosigkeit ist in Deutschland die fünfthöchste aller Vergleichsländer, dies trotz vieler Manipulationen an der Statistik (Abb. 12999).


7. Zur Qualität der Arbeitsmarktzahlen

Aufgrund einer Neuregelung in 2007 werden viele der über 58-Jährigen nicht mehr als arbeitslos geführt, obwohl sie noch arbeiten wollen.

Nach einem weiteren Gesetz zur Neuregelung von Arbeitsmarktinstrumenten werden seit Mai dieses Jahres alle Arbeitslosen, die durch private Träger betreut werden, nicht mehr als arbeitslos gezählt. Im April waren Dritte bundesweit für rund 200.000 Personen mit der Vermittlung beauftragt, wobei die Teilnahmen an diesen Instrumenten ab Mai 2009 sukzessive auslaufen. "Unterbeschäftigt" sind nach Bundesagentur im engeren Sinne Personen in berufliche Weiterbildung, Arbeitsgelegenheiten, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Beschäftigungszuschuss, vorruhestandsähnlicher Regelung, Arbeitsunfähigkeit (§ 126 SGB III) sowie im weiteren Sinne zusätzlich Personen mit Gründungszuschuss, Existenzgründungszuschüsse, Einstiegsgeld - Variante: Selbständigkeit oder in Altersteilzeit. Die Unterbeschäftigung im weiteren Sinne soll im Januar bei 4,8 Millionen gelegen haben (noch ohne Kurzarbeit) und damit 1,2 Millionen mehr als die offiziell ausgewiesene Zahl der Arbeitslosen. Hier wird also Arbeitslosigkeit versteckt.

Außerdem hat die Arbeitsverwaltung seit 2007 die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus verschärft, ohne den darauf entfallenden "Rückgang" der amtlich gezählten Arbeitslosigkeit zu benennen. Die Zahlen vom Januar 2010 sind also kaum noch mit denen des Vorjahres vergleichbar. Jedenfalls werden nur noch 57,4 % der Arbeitslosengeldbezieher als arbeitslos registriert.

Siehe dazu auch das Video "Lügenmärchen vom Arbeitsmarkt" auf Youtube.


Wirtschaftsstandort

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